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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 050

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Judy und der Killer
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Kapitel 13
  16. Kapitel 14
  17. Vorschau

Judy und der Killer

1

Als Judy Boston den Fluss erreicht – es ist der Missouri, den man auch Big Muddy nennt, weil er nach einem Hochwasser sehr schmutzig und schlammig ist –, da sieht sie zwischen den Büschen den Angler in einem Boot sitzen. Indes sie heranreitet, das Pferd zügelt und absitzt, wendet er mehrmals den Kopf und blickt ihr über die Schulter entgegen.

Judy Boston zögert nicht, sondern drängt sich durch die Büsche und steigt zu ihm ins Boot. Dieses ist mit der Bugleine an einem starken Busch festgemacht und kann im seichten Wasser nicht abtreiben. Sie nimmt auf der hinteren Ruderbank Platz und betrachtet den Mann auf der vorderen Bank, der sich ihr zugewandt hat.

»Hallo«, sagt er und lächelt unter seinem Schnurrbart. »Es kommt nicht oft vor, dass mich eine schöne Frau beim Angeln stört. Wollen Sie ein paar Fische kaufen? Oder haben Sie ein anderes Anliegen?«

Seine Stimme klingt leicht spöttisch. Und auch in seinen grauen, etwas schräg gestellten Augen funkelt der Spott.

»Sie sind Jim Fisher«, erwidert sie. »Man nennt Sie auch Gun-Fisher. Ich bin gekommen, um Ihren Colt zu kaufen. Ihre Haushälterin hat mich zu diesem Platz geschickt und gesagt, dass Sie auch beim Angeln Ihren Colt trügen. Also sind Sie Jim Fisher.«

Er nickt langsam.

»Und nun?« So fragt er ernst.

»Das sagte ich doch schon, Mister Fisher. Ich will Ihren Colt kaufen. Sie sollen damit für mich töten. Das ist doch Ihr Job, nicht wahr?«

Ihre Stimme klingt spröde, herb und sehr beherrscht. Doch in ihren grünen Augen erkennt er, was ihre Stimme ihm nicht verrät: Hass.

Er betrachtet sie eine Weile ernst, und er sieht eine schöne Frau, eine von der Sorte, die auf rauen Wegen wanderte und gewöhnt ist, sich in einer rauen Welt zu behaupten. Wahrscheinlich ist sie eine Abenteuerin, eine Glücksjägerin. Ein paar feine Linien in ihrem schönen Gesicht verraten ihm, dass sie längst schon alle Höhen und Tiefen des Lebens kennen lernte und ihr nicht mehr viel fremd ist auf dieser Erde und unter den Menschen.

Und er spürt ihre Einsamkeit.

Er denkt: Sie ist allein und braucht Hilfe. Sie will Rache, Genugtuung, Vergeltung. Und sie sucht einen Mann mit einem schnellen Colt, einen Killer. O verdammt, was hat man ihr angetan?

Und abermals lächelt er hartlippig unter seinem Schnurrbart.

»Ich soll für Sie töten, Schwester? Nun, dann erzählen Sie mir mal Ihre Geschichte. Zum Töten muss man einen Grund haben. Wer hat Ihnen denn gesagt, dass man meinen Colt kaufen kann?«

Sie schüttelt den Kopf. »Bei vertraulichen Mitteilungen sollte man den Informanten schnell vergessen. Und ich habe ihn vergessen.«

»Gut«, murmelt er, und das Forschen in seinen grauen Augen wird nun noch intensiver. »Und nun Ihre Geschichte, Schwester. Die muss ich wissen. Von dieser Geschichte hängt alles ab, nicht vom Revolverlohn.«

»Ich weiß«, nickt sie. »Man sagte mir, dass Sie so etwas wie der Rächer der Betrogenen, Verratenen, Entrechteten und Entehrten sind. Ja, ich will Ihnen meine Geschichte erzählen, Jim Fisher. Mein Name ist Judy Boston. Ich besaß ein gutes Dampfboot, die Belle Judy. Und …«

»Halt«, sagt Jim Fisher. »Wie wurden Sie Eignerin eines Dampfbootes?«

Sie zögert mit der Antwort.

Dann zuckt sie mit den Achseln. »Ich gewann das Dampfboot beim Poker von einem gewissen Jake Donovan dicht vor Fort Benton. Er setzte es gegen mich. Verstehen Sie, Mister Fisher?«

»O ja, ich glaub schon«, nickt er. »Dieser Jake Donovan wollte Sie haben. Und Sie wollten sein Dampfboot. Also machten Sie die Einsätze. Sie, Judy, gewannen. Wie schön für Sie. Aber was macht eine Frau wie Sie mit einem Dampfboot auf dem Missouri?«

Sie sieht ihn fast staunend an, so als könnte sie seine Frage nicht begreifen.

»Ich wollte schon immer ein Dampfboot«, murmelt sie schließlich. »Ich wurde auf dem Mississippi geboren. Meine Eltern besaßen solch ein Dampfboot, eines der ersten, die von New Orleans stromauf bis zur Ohiomündung und wieder zurück nach New Orleans verkehrten. Ich erbte noch vor dem Krieg dieses Boot von meinen Eltern und verlor es an die Konföderierten, die es zum Truppentransporter machten. Es wurde dann von den Unionstruppen in Brand geschossen. Ich wollte immer ein neues Boot. Und ich bekam es, weil ich alles einsetzte, was ich nur einsetzen konnte, mich selbst.«

»Aha«, macht er nun und wartet.

Sie sieht ihn fest an.

Dann spricht sie hart: »Aber dieser Jake Donovan war ein schlechter Verlierer. Er schenkte mich einem Trapper, welcher an Bord war und von der Yellowstone-Mündung den Yellowstone hinauf zu seinen Jagdgründen wollte. Die ersten drei Tage lag ich gefesselt unter einer Decke im Kanu. Dann musste ich paddeln wie eine Indianersquaw. Verstehen Sie, Mister Fisher? Dieser Donovan war nicht nur ein schlechter Verlierer, nein, er verschenkte mich an einen Trapper, der mich mitnahm zu seinem Jagdrevier und in seine verborgene Hütte. Muss ich Ihnen erzählen, was ich in den acht Monaten bei diesem Burschen in der Einsamkeit alles …« Die Stimme versagt ihr nun.

Jim Fisher aber schüttelt den Kopf. »Nein«, murmelt er, »das müssen Sie mir nicht erzählen, Judy. Das kann ich mir denken. Hat er Ihnen ein Kind gemacht?«

Sie nickt. »Ich hatte im fünften Monat eine Fehlgeburt. Und im Mai dann – also nach acht Monaten Gefangenschaft –, da betrank er sich mit dem letzten Feuerwasser und schlief fest genug, dass ich ihm die Kehle durchschneiden konnte. Früher konnte ich es nicht wagen, denn der Yellowstone musste erst eisfrei werden und kein Hochwasser mehr haben. Es war Anfang Mai, als ich ins Kanu kletterte und den Yellowstone abwärts fuhr, bis ich nach fast zwei Wochen endlich in Fort Buford ankam. Ich hatte seine gesamte Pelzausbeute mitgenommen und verkaufte sie für achttausend Dollar. Aus diesen achttausend Dollar machte ich inzwischen an den Spieltischen in Kansas City und Saint Louis fast zwanzigtausend. Diese Summe sollte wohl ausreichen, um Ihren Colt zu kaufen. Oder nicht?«

Er betrachtet sie lange und es ist mehr als nur ein kritisches Prüfen.

»Dieser Trapper … Wie war sein Name?« So fragt er schließlich.

»Cheyenne-Pierce«, erwidert sie. »Er war ein Halbblut. Seine Mutter war eine Cheyennesquaw. Sein Vater hatte sie einmal aus einem Cheyennedorf geraubt.«

»Und Sie haben ihm tatsächlich die Kehle durchgeschnitten, Judy?«

Er fragt es ernst.

»Ich würde auch Jake Donovan die Kehle durchschneiden«, erwidert sie, »wenn sich eine Gelegenheit dazu böte. Doch zuerst will ich ihn vernichten. Wollen Sie mir helfen, Mister Fisher? Für zwanzigtausend Dollar, ja?«

»Und wenn es nicht genug wäre?« So fragt er langsam. Sie sieht ihn fest an.

»Sicher«, sagt sie dann spröde. »Ich würde versuchen noch mehr Geld aufzutreiben, wenn Sie es verlangten. Ich will Rache, Vergeltung, Genugtuung. Ich will ihn vernichten. Und wenn er zu meinen Füßen liegt, dann will ich auf ihn niederspucken. Doch ich muss Sie warnen, Mister Fisher. Sie bekämen es nicht nur mit ihm allein zu tun. Er ist der Boss einer üblen Bande. Und das Dampfboot ist ihr Hauptquartier, ihr fahrendes Hauptquartier, das ihnen größte Sicherheit bietet. Denn auf dem Missouri gibt es noch kein Gesetz außer dem Gesetz des Stärkeren. Wollen Sie mir beistehen, Mister Fisher?«

Er betrachtet sie abermals, und sie hat plötzlich das Gefühl, er könnte ihr bis auf den Grund der Seele schauen und in ihr lesen wie in einem aufgeschlagenen Buch.

Dann zieht er ruhig die Angel ein.

Und schließlich sagt er: »Ich will mir zuerst diesen Donovan ansehen, bevor ich mich entscheide. Wie heißt das Schiff? Und wo finde ich es mit diesem Donovan?«

Sie stößt ein bitteres Lachen aus.

»Hier in Saint Louis«, sagt sie. »Und das Dampfboot heißt immer noch Belle Judy. Er hat es damals, als er mich noch haben wollte, nach mir getauft. Doch als ich es ihm abgewann und ihn von Bord schicken wollte, da begriff er, dass ich es nur auf das Boot abgesehen hatte, und bestrafte mich. Aber den Namen des Schiffes hat er nicht geändert. Wir finden es an einer der Landebrücken im Missourihafen.«

»Gut«, murmelt Jim Fisher, »dann will ich mir das alles mal ansehen.« Er erhebt sich und klettert aus dem Boot ans Ufer, reicht Judy Boston die Hand, um auch ihr ans Ufer zu helfen.

»Reiten wir zu meinem Haus«, spricht er ruhig. »Meine Haushälterin wird das Mittagessen fertig haben. Danach geht sie heim. Wir werden allein sein bis zum Abend. Wir werden uns was ausdenken müssen.«

***

Es ist am frühen Nachmittag, als sie in seinem kleinen, aber sehr schönen und gut eingerichteten Haus allein sind und von der Veranda auf die Mündung des Missouri in den Mississippi blicken.

Es herrscht reges Leben auf beiden Strömen und in ihren Häfen, auf den Uferstraßen und bei den Landebrücken.

Sie stehen nebeneinander an der Verandabrüstung und haben von hier oben einen guten Überblick. Denn sein Haus steht auf einem der Uferhügel.

Dann wendet sie sich ihm zu. Ihre Blicke treffen sich. Er kann erkennen, dass sie bereit ist für alles. Sie will seinen Colt. Und wenn ihm zwanzigtausend Dollar nicht genug sind, dann kann er auch sie noch bekommen zumindest ihren Körper.

Er kann in ihren grünen Augen erkennen, dass er nur seine Hand auszustrecken braucht.

Sie wird nicht widerstreben.

Aber er schüttelt den Kopf.

»Du tust mir leid«, murmelt er. »Für deine Rache bist du bereit, dich selbst zu vernichten.«

»So ist es«, erwidert sie herb. »Doch das kannst du nicht verstehen. Dich hat er ja auch nicht einem stinkenden Trapper geschenkt, der mit dir machte, was er nur wollte. Du hast keine Ahnung. Ich will deinen Colt. Es soll der schnellste und unfehlbarste Colt auf Tausende von Meilen in der Runde sein – auch zwischen der Mexiko- und der Kanadagrenze. Ich will den schnellsten Colt der Welt auf meiner Seite haben. Dafür gebe ich alles. Nimm mich, wenn du willst.«

»Du tust mir leid«, murmelt er abermals.

Da wendet sie sich wortlos ab und geht ins Haus hinein.

Als er ihr nach einer Weile folgt, da sieht er, dass sie sich einen Drink eingegossen hat und nun dabei ist, das Glas zu leeren.

Diesmal denkt er: Sie tut mir leid.

Zugleich verspürt er eine Neugierde auf diesen Jake Donovan. Ja, er möchte diesen Mann kennen lernen. Oha, was muss dieser Jake Donovan für ein Bursche sein! Um eine von ihm über alles begehrte Frau zu bekommen, setzte er sein Dampfboot gegen sie ein beim Poker, aber als er dann verlor, da betrog er sie nicht nur um ihren Gewinn, sondern rächte sich auch noch wegen der erlittenen Niederlage, indem er sie an einen Trapper gab, der sie in die Einsamkeit der Berge mitnahm, wo sie für lange Monate einschneiten.

Ja, was für ein Mann muss dieser Jake Donovan sein? Jim Fisher wird sich darüber klar, was diese Judy Boston alles hinter sich hat, was alles sie mitmachen und ertragen musste. Deshalb hat er auch Verständnis dafür, dass sie den Drink richtig gierig in sich hineinschüttet und dann das Glas noch einmal nachfüllt.

Er verharrt und wartet. Und auch jetzt kippt sie den Inhalt des Glases in sich hinein wie klares Wasser.

»Betrinkst du dich ständig?« So fragt er nach einer Weile.

Sie schüttelt leicht den Kopf.

»Nein, nicht ständig«, erwidert sie. »Nur dann, wenn ich mich zu stark an alles erinnere, so wie jetzt, da ich mit dir darüber sprechen musste. Das hat in mir wieder alles aufgewühlt und hochkommen lassen. Nein, ich betrinke mich nicht ständig.«

Sie sieht ihn dann wortlos an, wartet auf seine Entscheidung.

Und er murmelt nach einer Weile: »Beschreibe mir diesen Jake Donovan. Wie sieht er aus und …«

2

Es ist noch am Abend dieses Tages, als Jake Donovan mit seinen beiden Leibwächtern sein schwimmendes Hauptquartier – die Belle Judy – verlässt und über die Landebrücke an Land geht.

Sein Ziel liegt nicht weit. Er muss nur etwa zweihundert Yard die Uferstraße entlanggehen. Dann erreicht er das Office der Steamboot-Reederei der Brüder Simson.

Als er den Abfertigungsraum für Fahrgäste betritt, fragt ein Angestellter nach den Wünschen der Gentlemen, doch Jake Donovan, bei dessen Anblick man an einen angriffslustigen Bullen denkt, welcher alles, was ihm in den Weg gerät, auf die Hörner nehmen will, dieser Jake Donovan knurrt nur: »Schon gut, mein Junge, schon gut.«

Er hebt die Eingangsklappe der Barriere und geht auf die Tür zu, welche zu den Räumen der Brüder Simson führt. Der junge Mann will ihn aufhalten und sagt etwas schrill: »Aber, Sir, so geht das nicht! Ich muss Sie anmelden und …«

Weiter kommt der junge Angestellte nicht, denn einer von Donovans Begleitern tritt ihm kräftig auf die Zehen und zischt: »Halt’s Maul, Kleiner!«

Aber indes betritt Donovan schon das große und sehr nobel ausgestattete Zimmer der Reeder John und Jones Simson.

Sie sitzen beide noch an ihren Schreibtischen, die so stehen, dass sich die Brüder ansehen können, wenn sie nur ihre Blicke heben. Im Lampenschein taten sie dies auch bis zu Donovans Kommen. Offenbar unterhielten sie sich, denn beide rauchen eine Zigarre und haben sich in ihren Ledersesseln zurückgelehnt.

Als Donovan so plötzlich eindringt und die Tür hinter sich zuwirft, da wenden sie sich ihm zu. Einer muss dabei den Drehsessel nach links, der andere nach rechts drehen.

Dann aber fragen sie zweistimmig: »Was soll das, Donovan? Sie sind hier nicht willkommen.«

»Das glaube ich«, sagt Donovan, tritt zu einem kleinen Tisch an der Wand und schenkt sich dort ein Glas ein. Er hält es gegen eine der Lampen und betrachtet den roten Portwein.

»O ja«, sagt er mit breitem Grinsen, wobei er seine kräftigen Zahnreihen blinken lässt, »o ja, Gentlemen, Sie verstehen zu leben. Und deshalb bin ich so sicher, dass wir zu einer Übereinkunft kommen werden. Denn ich bin hier, um Ihnen Gutes zu tun wie ein guter Freund. Sie werden das sofort begreifen, wenn ich Ihnen alles erklärt habe. Doch zuerst möchte ich einen Schluck Portwein trinken und mir eine Ihrer Zigarren anstecken. Es riecht hier wunderbar nach diesen Zigarren.«

Er leert das Glas und schnalzt dann anerkennend mit der Zunge. Dann bedient er sich aus der Zigarrenkiste, beißt der Zigarre die Spitze ab und spuckt sie zur Seite auf den Teppich.

Die Brüder John und Jones Simson warten schweigend.

Paffend setzt sich Donovan dann in einen der anderen Sessel und streckt die stämmigen Beine von sich.

»Na gut«, spricht er gönnerhaft, »kommen wir also zur Sache. Sie wissen ja inzwischen, dass ich binnen kurzer Zeit hier auf dem Missouri ein sehr erfolgreicher Mann geworden bin. Unter meiner Flagge fahren bereits sechs Schiffe …«

»… die Sie mehr oder weniger gestohlen haben«, unterbricht ihn John Simson, der um wenige Minuten Ältere der Zwillingsbrüder Simson.

Donovan lacht leise. Aber er reagiert nicht auf die beleidigenden Worte, sondern spricht scheinbar unbeirrt weiter: »… den Strom hinauf bis Fort Benton und wieder herunter bis hier nach Saint Louis. Ich habe inzwischen auch die meisten Holzplätze übernommen, von denen die Dampfboote ihr Feuerholz bekommen. Ich habe mich mit den Indianern und den Flusspiraten arrangiert und so für Sicherheit gesorgt, von der nun alle profitieren. Deshalb wird es höchste Zeit, dass sich alle Nutznießer der von mir geschaffenen Vorteile erkenntlich zeigen. Denn ich muss ja auch weiterhin die Piraten und Indianer bei Laune halten, sodass sie Schiffe mit meiner Flagge nicht angreifen. Verstehen Sie, Gentlemen, es wird nur an der Flagge liegen.«

Die Brüder Simson sind zwei hagere, hartgesichtige Burschen, die einst selbst als Kapitäne auf den großen Strömen fuhren. Nun aber sind sie alt geworden. Eigentlich wollen sie nicht wieder kämpfen.

Donovan hört sie mit den Zähnen knirschen und durch die Nasen schnaufen.

Dann spricht Jones Simson und fragt: »Also wollen Sie uns gewissermaßen Ihre Flagge verkaufen, Donovan, ja? Na schön, was kostet diese Flagge?«

»Ihr werdet meine so genannten ›Stillen Teilhaber‹ und erhaltet dreißig Prozent vom Gewinn. Halt, sagt noch nichts. Denn der Gewinn wird sehr hoch sein. Ich werde nämlich die Preise für Fracht- und Personenbeförderung sehr viel höher ansetzen. Denn wir alle werden uns keine Konkurrenz mehr machen. Alle Außenseiter werden eliminiert. Wir alle bilden eine Vereinigung, die von mir geleitet wird. Und so werden wir ein Monopol haben auf dem Missouri, der die Lebensader eines gewaltigen Landes ist. Wir machen es unseren Vorgängern auf dem Mississippi nach. Ich bin der Mann, der das alles zum Wohle von uns allen organisiert. Also, fackeln wir nicht lange und machen wir Nägel mit Köpfen. Hier sind die Verträge!«

Er zieht einige Papiere aus der Innentasche seiner Jacke und wirft sie auf John Simsons Schreibtisch. Er muss sich dabei nur ein wenig vorbeugen.

Auf diese Weise geraten seine Augen mehr in das Lampenlicht. Man sieht nun das Funkeln darin. Es sind gelbliche Augen, so wie Wölfe sie haben.

Und so wird klar: Donovan ist eher ein Wolf denn ein Bulle.

John Simson aber nimmt die Papiere und entfaltet sie. Es ist ein dicker Packen mit jeweils mehreren Duplikaten.

Eine Weile herrscht Schweigen, denn John Simson liest.

Als er dann den Kopf hebt, fragt er: »Und wenn wir nicht unterschreiben, wenn wir weiterhin freie Reeder auf einem freien Strom bleiben wollen?«

Jake Donovan erhebt sich und lacht dabei leise. »Oha, Gentlemen«, spricht er lachend, »es wäre ein Jammer, wenn Ihre Schiffe nicht unter dem Schutz meiner Flagge fahren könnten, ein wirklicher Jammer. Aber ob Sie mein Angebot annehmen, liegt natürlich ganz bei Ihnen. Ich lasse Ihnen die Verträge hier. Morgen schicke ich einen Mann, der sie holen wird, ob sie unterschrieben sind oder nicht. Einen schönen Abend noch, Gentlemen.«

Nach diesen Worten geht er hinaus.

Als er auf die Straße tritt und sich scharf nach links wendet, da fällt er fast über die ausgestreckten Beine eines Mannes, der an der Hauswand auf einer Bank sitzt, die hier für wartende Passagiere aufgestellt wurde.

Donovan stolpert ein wenig, hält inne und knurrt: »Verdammt, Mann, bist du zu dumm, um deine Stelzen einzuziehen, wenn ich komme? Antworte!«

»Yes, Sir, ich bin wahrscheinlich zu dumm«, erwidert der Mann und zieht seine Füße bis unter die Bank zurück.

Grollend geht Donovan weiter.

Aber nach einigen Dutzend Schritten holt einer seiner beiden Leibwächter ihn ein und sagt: »Sir, dieser Mann dort auf der Bank mit den langen Beinen …«

»Ja, was ist mit diesem Dummkopf?« Donovan fragt es mit einem verächtlichen Klang in seiner Stimme.

»Dieser Mann ist Jim Fisher. Man nennt ihn auch Gun-Fisher. Ich sah ihn einmal in Santa Fé bei der Revolverarbeit. Er ist der schnellste Revolvermann, den ich jemals schießen sah. Er kam von Taos her und stellte drei …«

»Schon gut«, unterbricht ihn Donovan. »Dann beobachtet ihn. Wenn er zu den Simsons hineingegangen ist, dann will ich nicht erst noch herausfinden, ob sie ihn auf mich hetzen. Dann legt ihn um, sobald er herauskommt. Verstanden?«

Donovan hatte angehalten, indes er die letzten Worte sprach. Er und seine beiden Leibwächter blicken zurück. Sie können noch sehen, wie der Mann von der Bank sich erhoben hat und nun im Office der Reederei verschwindet.

»Verkauft der seinen Colt?« So fragt Donovan grollend.

Sein Leibwächter, der Jim Fisher erkannt hatte, nickt heftig. »Und er ist teuer, sehr teuer. Vor einiger Zeit soll er eine nach Mexiko entführte Frau zurückgeholt und eine Menge Tote auf seiner Fährte zurückgelassen haben. Er ist mehr als nur gefährlich.«

»Dann legt ihn um«, spricht Donovan nochmals, diesmal härter als zuvor. »Denn wenn die Simsons ihn kennen, dann könnte es sein, dass sie ihn auf mich ansetzen. Denen traue ich das zu. Sie sind zwei alte Wölfe, die zwar nicht mehr selbst kämpfen können, aber …«

***

Inzwischen betritt Jim Fisher das Office der Simson-Reederei. Ja, er hat für die Reeder-Brüder schon gearbeitet, Goldtransporte beschützt und auf einem ihrer Schiffe einen betrügerischen Kapitän entlarvt.

Er darf sofort zu ihnen und fragt sogleich: »Was wollte der Bursche? Sein Name ist Donovan, nicht wahr? Was wollte er?«

Sie sagen es ihm. John Simson endet dann mit den Worten: »Er will den Missouri unter Kontrolle bekommen, ein Monopol ausüben. Dies ist schon auf dem Mississippi einigen harten Burschen gelungen. Sie schufen eine Vereinigung, einen Trust. Er will es hier auf dem Missouri tun. So bekommt er eine Lebensader des gewaltigen Landes in seine Hand. Vor ihm versuchten es schon einige Burschen seiner Sorte. Sie schafften es nicht. Und auch wenn er es nicht schaffen sollte, werden es andere nach ihm versuchen. Um das Monopol auf dem Missouri wird ständig gekämpft werden. Mister Fisher, schaffen Sie uns diesen Burschen vom Halse. Sie erweisen dem ganzen Lande einen guten Dienst. Wir zahlen Ihnen zehntausend Dollar.«

Jim Fisher nickt.

»So ähnlich dachte ich es mir«, spricht er lächelnd. »Seit heute Nachmittag ziehe ich Erkundigungen über diesen Donovan ein. Gentlemen, ich brauche ein schnelles, kleines Dampfboot.«

»Das bekommen Sie.« Beide Simson-Brüder nicken. »Wir haben die Eagle sonst stets zu unserer Verfügung, wenn wir unsere Niederlassungen bis hinauf nach Fort Bismarck besuchen. Sie bekommen unsere Eagle. Aber erledigen Sie diesen Wolf.«

***

Es ist nur wenige Minuten später, als Jim Fisher aus dem Office der Reederei kommt und nach rechts aus dem Lichtschein der Laterne tritt, um dann zu verharren, bis seine Augen sich an die anderen Lichtverhältnisse gewöhnt haben.

Er spürt die Warnsignale seines Instinktes. Ein ungutes Gefühl ist in ihm.

Oh, er weiß, dass er sich auf diese Ahnungen verlassen kann. Noch niemals ließ ihn dieser Instinkt im Stich.

Was ist es diesmal?

Das ist die Frage in ihm, und so verharrt er weiter außerhalb der Lichtbarriere im Schatten.

Auf der Hafenstraße ist viel Bewegung. Fuhrwerke jeder Art, Reiter und auch Fußgänger sind unterwegs.

Am Ufer, bei den Landebrücken fauchen Dampfwinden und bewegen sich Lademasten, wird Fracht verladen, selbst jetzt zu dieser späten Stunde.

Was warnt ihn? Wer sendet diese feindlichen Ströme aus, lauert auf ihn, sodass sein feiner Instinkt dies spürt und in ihm diese Unruhe erzeugt?

Oh, er hat sich in all den Jahren seines Coltritterwegs da und dort Feinde gemacht. Ja, er musste immer damit rechnen, dass ihn irgendwelche Rächer einholen, aufspüren und stellen würden. Er ist ein Mann mit Schatten auf der Fährte.

Und schon zu lange war er hier daheim in seinem schönen Haus auf den Hügeln am Rand von Saint Louis, von dem aus er ...

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