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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 005

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Pferdejäger
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Kapitel 13
  16. Kapitel 14
  17. Kapitel 15
  18. Vorschau

Pferdejäger

1

Als ich die kleine Stadt erreichte, war es Abend. Im Westen – zu meiner Linken –, starb der Tag am blutroten Himmel. Und im Osten – zu meiner Rechten –, krochen die ersten Schatten der Nacht heran.

In der kleinen Stadt gingen einige Lichter an, indes ich von meinem etwas erhöhten Haltepunkt über sie hinweg nach Norden blickte, in die Richtung, in die ich schon fünf Tage auf der langen Fährte geritten war.

Ich wusste inzwischen – denn ich hatte es auf einem verwitterten Wegweiser gelesen –, dass die Stadt zu meinen Füßen Mesa View hieß. Nun begriff ich, warum sie sich so nannte. Denn ich hatte einen Ausblick auf ein Land von wilder Gewaltigkeit mit roten Mesas, tiefen Schluchten, kleinen grünen Tälern und einer Million verborgener Winkel.

Ich begriff in dieser Minute des sterbenden Tages und im allerletzten Licht der untergehenden Sonne, dass hier zwei Armeen gegenseitig Versteck spielen konnten und es für wenige Reiter durchaus möglich war, gleichsam wie vom Erdboden zu verschwinden.

Und so atmete ich voll Bitterkeit aus, ließ die Schultern hängen und senkte den Kopf, bis das Kinn auf der Brust ruhte.

Verdammt, sollten die Kerle, denen ich gefolgt war, um sie zu töten, entkommen sein? Sollte es keine Vergeltung geben, keine Gerechtigkeit, welche die Bösen zur Rechenschaft zog?

Nun, ich wusste längst, dass dieses Leben voller Ungerechtigkeit war und dies stets so bleiben würde.

Doch ich konnte mich nicht damit abfinden, dass die Kerle, denen ich folgte, nun so gut wie entkommen sein sollten.

O verdammt!

Es gab noch eine schwache Hoffnung. Und das war diese kleine Stadt dort vor mir, die sich Mesa View nannte, weil man von ihr aus auf dieses gewaltige Land der Mesas und tiefen Schluchten blicken konnte. Ich mochte diese roten Mesas. Sie kamen mir stets wie gewaltige Kathedralen zu Ehren des Schöpfers vor.

Es könnte sein, dass die Kerle sich dort in dieser Stadt nach ihrem langen Ritt eine Weile aufhalten, dachte ich, indes ich immer noch verhielt und gegen die Resignation  – und auch gegen die Erschöpfung ankämpfte, die mich befallen hatten.

Mein Pferd war ebenfalls am Ende.

Es war ein erstklassiges Pferd. Doch wenn es jetzt keine gute Pflege bekam und lange ausruhen konnte, dann hatte ich es für immer zuschanden geritten. Und das wäre unentschuldbar gewesen von mir.

Ich saß endlich ab, nahm das Pferd an die langen Zügel, verließ die kleine Anhöhe und ging sporenklingelnd durch den Staub des Wagenweges auf die Stadt zu, deren Lichter in der zunehmenden Dämmerung immer heller wurden.

Das erste Haus war eine Schmiede, zu der auch ein Mietstall gehörte.

Aus der offenen Tür des Hauses fiel Licht auf den Hof, und der Schmied kam kauend heraus, als er den Hufschlag hörte. Er hinkte, kam ein paar Schritt auf mich zu und verharrte dann schweigend. Ich spürte den Anprall von Misstrauen und Abneigung.

»Kann ich mein Pferd einstellen?« So fragte ich. »Es braucht auch neue Eisen. Und es müsste gut versorgt werden.«

»Davon lebe ich«, erwiderte der Schmied. »Dies ist mein Job. Wollen Sie nicht weiter auf einem frischen Pferd?«

»Nein«, erwiderte ich und nahm mein weniges Gepäck vom Tier. »Nein, ich will nicht weiter. Wo ist das Hotel?«

»Auf der rechten Seite fünf Häuser weiter«, erwiderte er und nahm die Zügel des Pferdes. Aber dann verharrte er nochmals und sah mich im schwachen Lichtschein, der aus dem Wohnhaus fiel, argwöhnisch an.

»Was führt Sie zu uns, wenn Sie nicht ins Mesaland wollen?« So fragte er und schien dann tief in seinem Kern zu erschrecken über seine Neugierde. Ich begriff, dass es hier wahrscheinlich Reiter gab, die solche Fragen übelnahmen.

»Aaah«, sagte ich, »dieses Land dort ist gewiss ein Wildpferdland. Ich bin ein Pferdejäger und suche ein neues Jagdrevier. Vielleicht finde ich es von hier aus in Richtung Norden. Oder gibt es in dem Land da keine Wildpferde?«

»Zu Hunderten«, erwiderte er und ging mit meinem Pferd davon.

Doch nach einigen hinkenden Schritten hielt er inne und wandte sich halb um.

»Aber es wird nicht einfach sein, Mister, denn …«

Er sprach nicht weiter. Es war mir, als würde er im letzten Moment begreifen, dass er dabei war, etwas zu sagen, was er besser nicht sagen sollte.

Er ging schnell mit meinem Pferd weiter.

Normalerweise hätte ich mein braves Tier selbst versorgt. Doch ich war zu erledigt. Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Die Erschöpfung kroch wie Blei durch meine Glieder. Ich war in den letzten Tagen zu viele Meilen getrottet wie ein Apache, um mein Pferd zu entlasten. Jene Langreiter aber, denen ich folgte, hatten Reservepferde bei sich und konnten ihre Tiere ständig wechseln.

Ich musste mich langlegen, sobald ich meinen bösen Hunger einigermaßen gestillt hatte. Und so versuchte ich nicht, dem Schmied und Stallbesitzer noch ein paar Worte zu entlocken, sondern ging die Straße entlang zum Hotel.

Die kleine Stadt war still. Ich sah niemanden auf der Straße. Nirgendwo bewegte sich etwas in den Lichtbahnen, die aus Fenstern oder offenen Türen fielen. Nirgendwo waren Wagen abgestellt.

Schräg gegenüber lag ein Saloon, der Red-Mesa-Saloon.

Auch dort standen keine Sattelpferde.

Und dennoch war Mesa View keine Geisterstadt.

Hier lebten Menschen.

Doch niemand ließ sich blicken.

Hatte der Hufschlag meines Pferdes, das ich führte, und das Klingeln meiner Sporen sie erschreckt? Denn beide Geräusche waren bei meinem Kommen in der Stille deutlich zu hören gewesen.

Ich hatte inzwischen das Hotel erreicht. Es lag dem Saloon gegenüber. Langsam trat ich ein mit meinem wenigen Gepäck, das nur aus den beiden Satteltaschen, der Sattelrolle und dem Gewehr bestand.

Hinter dem Anmeldepult stand eine junge Frau. Ich hatte den Eindruck, als hätte sie auf mein Eintreten gewartet. Ich begriff, dass in dieser Stadt alles gehört, beobachtet und registriert wurde. Irgendwie musste ich an ein Wild denken, das geduckt in einem Versteck kauert und angstvoll lauscht. Ja, vielleicht verhielten sich die Menschen nur so still, weil sie Angst hatten!

Die Frau hinter dem kleinen Anmeldepult war mehr als hübsch. Sie gefiel mir vom ersten Moment an. Gewiss, ich war müde, ausgebrannt, erschöpft. Dennoch ließ ihr Anblick mich nicht gleichgültig. Sie besaß etwas, was mich an meine Schwester erinnerte.

Ja, an meine Schwester Rosalyn, die ich fünf lange Jahre nicht gesehen hatte.

Auch Rosalyn hatte rotblondes Haar und grüne Augen. Daran erinnerte ich mich gut.

Ich nahm meinen Hut ab.

Sie aber sagte: »Ich weiß schon, was Sie brauchen, Mister  – nämlich ein Essen und danach ein Bett. Während Sie sich ein wenig säubern auf Ihrem Zimmer, mache ich das Abendbrot. Sie sind der einzige Gast in diesem Hotel. Tragen Sie sich hier ein, ja?«

Ich sah sie immer noch an, indes ich an das Anmeldepult trat und den Federhalter nahm. Aus der Nähe gefiel sie mir noch besser, denn nun spürte ich ihre Ausstrahlung noch stärker.

Sie hatte das Anmeldebuch umgedreht, und so trug ich mich mit den Namen ein, die nur meine Vornamen waren, nämlich Joshua Tabhunter. Ich hätte eigentlich noch Wade hinzufügen müssen. Denn Joshua Tabhunter Wade, das war mein vollständiger Name.

Doch sie hatten Rosalyn entführt. Und es konnte durchaus sein, dass sie ihren vollen Namen kannten. Und deshalb durfte ich hier nicht meinen vollen Namen nennen.

Die Frau drehte das Anmeldebuch um und las, was ich hingeschrieben hatte, murmelte es sogar leise: »Joshua Tabhunter aus Socorro. Nun gut, Mister Tabhunter. Hier ist der Zimmerschlüssel. In zehn Minuten bekommen Sie etwas zu essen. Soll ich es Ihnen auf das Zimmer bringen? Da kann ich Sie gleich wecken, wenn Sie schon schlafen sollten. Sie sind zu lange geritten.«

Ich nickte.

Als ich mich umwandte, um zur Treppe zu gehen, da sah ich endlich den Mann. Er saß in der entferntesten Ecke der kleinen Halle  – dort, wohin der Lichtschein nicht reichte  – und hatte sich erhoben. Nun gab ihm die Lehne des zweiten Sessels keine Deckung mehr. Er trug seinen rechten Arm in einem Tuch vor der Brust, so als wäre er verletzt. Ich kannte ihn, und ich wusste, dass es ein merkwürdiger Zufall oder gar Schicksal war, ausgerechnet hier auf ihn zu treffen.

Er war ein alter Kriegskamerad von mir und hieß Jed Stone.

Vor etwa drei Jahren hatten wir eine besondere Abteilung aus Cowboys und Pferdejägern zusammengestellt und einem ganzen Yankee-Regiment die Pferde gestohlen.

Da wir damals in Zivil hinter den feindlichen Linien operierten, hätten sie uns als Pferdediebe aufgeknüpft, würden sie uns erwischt haben.

Ich nickte ihm zu und ließ mir nicht anmerken, dass ich ihn mehr als gut kannte. Ich sagte schnell.

»Hallo, Mister.«

Aber er hatte offenbar schon begriffen, dass ich nicht erkannt werden wollte, als die junge Frau nur meine beiden Vornamen aus dem Anmeldebuch las.

Sie sagte nun hinter mir: »Dies ist Jed Stone, unser Town Marshal. Jed, dies ist Mister Joshua Tabhunter aus Socorro.«

Jed nickte mir zu.

»Willkommen in Mesa View. Geschäftlich hier? Auf der Durchreise können Sie nicht sein, denn von hier aus geht’s nur noch ins Mesaland, gewissermaßen ins Niemandsland.«

»Ich bin Pferdejäger«, sagte ich und ging zur Treppe.

Sie sahen mir schweigend nach.

Ich aber fragte mich: Was ist hier los? Was ist mit dieser kleinen Stadt? Wer hat Jed Stone angeschossen? Ja, er musste schlimm angeschossen worden sein. Ich wette, dass man seine Schulter mit einer Kugel zerschmettert hatte  – die Schulter seines Revolverarms. Oha, er war damals mit dem Colt so schnell wie der einschlagende Blitz gewesen. Und jetzt …

***

Sie musste mich wirklich wecken. Denn nachdem ich mich am Waschtisch ein wenig gesäubert hatte, fiel ich bäuchlings aufs Bett. Ich wollte mich nur ein wenig entspannen mit noch nacktem Oberkörper  – aber ich schien in bodenlose Tiefen zu fallen. Als ich irgendwann zu erwachen begann, da verspürte ich ein wunderbares Gefühl. Es dauerte eine Weile, bis ich endlich begriff, dass kundige Hände mich massierten und die verkrampften Nacken- und Rückenmuskeln zu lockern versuchten.

Es war die mehr als hübsche Hotelbesitzerin.

Als ich mich bewegte und dankbar schnaufte, trat sie zurück und sagte: »Das Essen steht auf dem Tisch. Ich komme bald das leere Geschirr holen. Sie können es aber auch auf dem Tablett vor die Zimmertür auf den Gang stellen.«

»Danke für die Massage«, sagte ich. »Wissen Sie, ich konnte einige Monate wegen einer Verwundung nicht reiten und habe es wahrscheinlich in den letzten Tagen stark übertrieben.«

»Ich weiß«, murmelte sie und ging hinaus.

Das Essen schmeckte gut. Ich war müde und hungrig wie ein Wolf nach einem langen Blizzard, dennoch schlang ich es nicht herunter, sondern genoss es.

Aber dann warf ich mich wieder auf das Bett und war weg.

***

Als ich erwachte, war es Tag. Ich hatte also die ganze Nacht wie ein Bewusstloser geschlafen  – traumlos.

Neben mir saß Jed Stone.

Er reichte mir wortlos eine Tasse Kaffee. Wahrscheinlich hatte mich der Kaffeeduft geweckt. Ich setzte mich auf und begann das heiße Gebräu zu schlürfen.

Zwischendurch sagte ich: »Ja, der hebt einen drei Tage toten Cowboy wieder in den Sattel. Was ist mit deinem Arm los, Jed?«

»Kaputt«, sagte er, »die Armkugel. Zerschmettert. Für immer kaputt. Der Ritt hat dich fertiggemacht, du bist ziemlich am Ende, Josh. Früher konntest du wochenlang Tag und Nacht im Sattel bleiben.«

Da grinste ich.

»Aaah, ich bekam kurz vor Ende des Krieges eine Kugel durch beide Hinterbacken. Ich konnte lange nicht reiten und kehrte dann auch in einer Postkutsche heim nach Nogales. Jed, was ist hier los?«

Er zögerte eine Weile, dachte nach, schüttelte leicht den Kopf und seufzte bitter. Dann sagte er: »Diese kleine Stadt lebt im Schatten der Banditen des Mesalandes. Sie wird fortwährend gedemütigt und wagt es nicht mehr, sich zu wehren. Und seit sie mir die Schulter des Revolverarms zerschossen, bin ich nur ein Krüppel, der dieser Stadt nicht mehr helfen kann. Das ist auch gut so, denn sie würden Mesa View sonst zerstören und dem Erdboden gleichmachen.«

Er deutete auf die Nordwand des Zimmers.

»Im Mesaland leben mehrere Banden in verborgenen Camps  – Banditen, Exguerillas, Geächtete –, der ganze Abschaum, der nach dem Kriege einen Unterschlupf suchte und in diesem unübersichtlichen Land mit den tausend Verstecken fand. Manchmal reiten sie aus, um Beute zu machen; wenn sie wieder zurückkommen, halten sie hier an und veranstalten ihre Siegesfeiern. Dann muss diese Stadt ihnen alle Wünsche erfüllen. Warum bist du hier, Joshua?«

Ich überlegte, ob ich ihm trauen konnte.

Aber wenn ich ihm nicht trauen konnte, wem dann? Wir waren länger als ein Jahr zusammen durch den Krieg geritten und hatten für die Südstaatenarmee Pferde gestohlen. Wir hielten als die Anführer einer ausgesuchten Abteilung wie Brüder zusammen. Aber dann wurden wir zu verschiedenen Kommandos versetzt.

Ich sah Jed Stone an und sagte: »Als ich heimkam, war unsere Ranch zerstört. Irgendwelche Kerle hatten dort gehaust wie eine Apachenbande. Und sie nahmen meine Schwester mit, die ich fünf Jahre nicht mehr gesehen hatte. Ich kam drei Tage zu spät nach Haus  – drei Tage nur. Trotz meiner Verwundung stieg ich in den Sattel. Ich ritt wie der Teufel. Die Fährte führte hierher. Aber so rau ich auch ritt, ich kam erneut zu spät. Oder ist jetzt noch eine Bande in der Stadt, bei der sich ein rotblondes Mädchen befindet?«

Jed Stone schüttelte den Kopf.

»Du bist nur einen einzigen Tag zu spät gekommen«, sagte er. »Du hast also zwei Tage aufgeholt. Sie waren eine Nacht hier und ritten gestern Morgen in aller Frühe weiter. Es waren die Monyhan-Brüder mit ihren Kumpanen. Ja, sie hatten ein Mädchen bei sich, das wie ein Cowgirl ritt. Ich glaube, dass Jack Monyhan sie für sich bestimmt hatte. Tut mir leid, Josh. Und ich kann dir nicht mal helfen.«

Er erhob sich und ging hinaus.

Ich wusste, dass er sich schämte, weil er nichts für mich tun konnte.

Er war früher ein stolzer Bursche gewesen.

Jetzt gab ihm diese gedemütigte Stadt offenbar das Gnadenbrot.

2

Ich wusste, dass ich mit Eile nichts mehr erreichen konnte. Denn eines hatte ich begriffen: Die Suche nach meiner Schwester und den Mistkerlen, die sie entführt hatten, würde der Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen gleichen.

Und außerdem würde es eine Sache auf Leben und Tod sein.

Ich musste von Mesa View aus als Pferdejäger getarnt in das Land der Banditen und Geächteten reiten. Denn nur als solcher war es mir möglich, suchend umherzustreifen, scheinbar darauf aus, Wildpferdherden aufzuspüren.

Denn die Banditen und Geächteten waren misstrauisch und wachsam. Sie ließen gewiss nicht zu, dass jemand, der nicht zu ihnen gehörte, ihre verborgenen Camps auskundschaftete.

Nur wenn sie mich als Pferdejäger in ihrem Lande duldeten, hatte ich eine Chance. Denn unbemerkt würde ich mich keine drei Tage oder Nächte im Mesaland aufhalten können  – es sei denn, ich könnte mich unsichtbar machen und würde keinerlei Fährten hinterlassen.

Also musste ich erst hier in Mesa View meine Rolle spielen.

Ich erhob mich, öffnete mein Bündel und nahm meine Reservewäsche und das zwar zerknitterte, doch saubere Hemd heraus. Ich rasierte mich sorgfältig und betrachtete mich kritisch im Spiegel.

Aaah, ich war ein dunkler, indianerhafter Bursche mit rauchgrauen Augen. Vielleicht war ein Achtel Comanchenblut in mir.

Aber merkwürdigerweise war meine Schwester rotblond und grünäugig, so wie die Hotelbesitzerin, deren Namen ich noch nicht mal kannte.

Ich ging hinunter und hörte Geräusche in der Küche, an der man vorbei musste. Als ich eintrat, sah ich sie beim Herd stehen.

Jetzt bei Tageslicht gefiel sie mir immer noch, eigentlich noch besser, denn ich war nun ausgeruht.

Sie sagte: »Der Frühstückstisch ist gedeckt. Ich habe Eier und Speck in der Pfanne und bringe sie gleich.«

Ich nickte und sagte, mich dabei schon halb umwendend: »Ich kenne noch nicht mal Ihren Namen, Lady. Und auch Jed hat ihn mir nicht genannt.«

»Ann  – Ann Burnett«, erwiderte sie knapp. »Ich bin Ann Burnett. Dieses Hotel habe ich von meiner Tante geerbt  – vor zwei Jahren, als noch Krieg war im Südosten. Ist nun Ihre Neugierde gestillt, Mister Tabhunter?«

Ich nickte und ging in den Speiseraum.

Der Kaffee, den Jed Stone mir auf das Zimmer brachte, hatte mir Appetit gemacht und meine Lebensgeister geweckt. Ich spürte meine Glieder und die vom langen Ritt verkrampften Muskeln.

Ann Burnett brachte mir den gefüllten Teller mit Rührei und gebratenem Speck, kaum dass ich mir den Kaffee eingegossen und in ein frisches Biskuit gebissen hatte.

Sie setzte sich zu mir und goss auch für sich eine Tasse voll.

Einige Sekunden lang sahen wir uns an.

Dann sagte sie: »Ein merkwürdiger Zufall, nicht wahr?  – Ich meine, dass Jed und Sie sich hier wiedersehen.«

Ich nickte kauend und erwiderte schließlich: »So ist das Leben. Es gibt immer wieder die verrücktesten und unglaublichsten Zufälle. Wer hat ihm die Schulter zerschossen?«

Meine Frage kam für sie unerwartet und wie beiläufig.

»Kincaid«, stieß sie hervor, Rae Kincaid.« In ihrer Stimme war ein Klang von Abscheu, Furcht und zugleich auch bitterster Resignation. Jedenfalls glaubte ich das aus ihren Worten herauszuhören und zugleich auch zu spüren.

In ihren grünen Augen war einen Moment lang der Ausdruck von Panik, als würde sie im nächsten Moment aufspringen und fortlaufen.

Aber dann bekam sie sich wieder unter Kontrolle.

»Kincaid bedrängte mich«, murmelte sie. »Und Jed Stone wollte ihn in seine Schranken weisen. Da hat Kincaid ihn zurechtgestutzt  – und mit ihm die ganze Stadt. Er ließ ihn wahrscheinlich nur deshalb am Leben, damit unsere kleine Stadt sich ständig ihrer gleichen Hilflosigkeit bewusst ist. Versehen Sie, Mister Tabhunter?«

Ich nickte kauend. O ja, ich verstand es gut, und ich begann zu ahnen, in was ich hier hineingeraten war.

Dieser Rae Kincaid war offenbar ein Bursche, der mit normalen Maßstäben nicht zu messen war, ein unwahrscheinlich schneller Revolvermann, der sich auch auf Psychologie verstand.

Jed Stone war einst ein unschlagbarer Revolvermann. Ich hatte ihn während des Krieges einige Male kämpfen sehen  – damals, als wir als Zivilisten verkleidet Pferde für die Südstaatenarmee stahlen.

Aber dieser Kincaid war offenbar schneller als er.

Und er ließ Jed Stone am Leben, um dieser Stadt ständig deren Hilflosigkeit bewusst zu halten. Ja, das war erbarmungsloser psychologischer Druck.

Ich aß den letzten Rest der Eier mit Speck.

»Und warum blieb Jed Stone hier?« Meine Frage klang mitleidlos.

Ann Burnett sah mich staunend an.

Dann erhob sie sich mit einer geschmeidigen Bewegung.

»Fragen Sie ihn doch selbst danach«, sagte sie und ging.

Auch ich erhob mich.

Und wieder dachte ich: Verdammt, in was bin ich hier hineingeraten? Aber was geht mich diese Stadt an? Ich will meine Schwester finden und die Schufte töten, die unsere Ranch zerstörten und Rosalyn mitnahmen. Wo mochte sie jetzt sein? Was hatte man ihr angetan und tat man ihr immer noch an?

Die Ungeduld wollte Besitz von mir ergreifen. Aber ich wusste, dass mit Eile nichts auszurichten war.

Ich war um einen Tag zu spät hergekommen.

Nun würde ich Wochen oder gar Monate benötigen.

Ich machte mich auf den Weg zur Schmiede, um dort nach meinem Pferd zu sehen.

Als ich in den Hof vor die halboffene Schmiede kam, sah ich, dass mein Brauner neu beschlagen wurde. Ich wusste, er mochte es nicht sehr, wenn fremde Menschen sich mit ihm beschäftigen. Aber der kleine krummbeinige Bursche, der ihn festhielt und ihm immer wieder gut zuredete, verstand sich auf Pferde. Er war mexikanischer Abstammung, einer dieser lederhäutigen, kleinen, krummbeinigen Burschen, die auf dem Erdboden so unscheinbar wirkten, dass man sie im Sattel gar nicht wiedererkannte, so stolz und imposant war dann ihr Anblick.

Als ich näher trat, grinste er mich unter seinem Sichelbart an.

»Das ist ein edles Caballo, Señor«, sagte er. »Aber es war wohl am Ende, als Sie hier ankamen.«

Ich nickte.

»Mich jagten einige Apachen«, sprach ich schließlich. »Die wollten es wahrscheinlich haben.«

Der Schmied hatte indes den rechten Hinterhuf beschlagen und gab ihn frei, kam um das Pferd herum und trat auf mich zu.

»Fertig«, sagte er. »Ich bekomme zwei Dollar und einen halben Dollar für Futter und Stall.«

Ich gab ihm drei Dollar und beschäftigte mich dann mit meinem Braunen. Er und sein Gehilfe sahen mir zu und erkannten, dass der Braune mich mochte.

»Sie wollen also im Mesaland Pferde jagen?« So fragte der Schmied. Und er fügte hinzu: »Dies ist Paco Juarez. Ich erzählte ihm von Ihrem Vorhaben. Wenn Sie einen Gehilfen brauchen für die Pferdejagd, dann wäre er interessiert.«

Ich sah auf den kleinen Mann.

Und ich erkannte in den dunklen Augen seinen Mut, seinen Stolz und seine Zähigkeit.

»Für einen Dollar pro Tag«, sagte er. »Und Verpflegung, Señor. Und für jedes Pferd, welches wir fangen, bekomme ich noch einen Dollar, für das Zureiten einen zweiten. Gut so?«

Er wusste, was er wert war. Ob er dieses Land da zwischen all den roten Mesas kannte, brauchte ich nicht zu fragen. Es konnte aber auch sein, dass er Freunde unter den Banditen und Geächteten hatte und für diese herausfinden wollte oder sollte, ob ich wirklich ein Pferdejäger war.

Ich nickte ihm zu.

»Na gut, Paco«, sagte ich. »Versuchen wir es mal. Wir werden uns für drei Monate ausrüsten und einige gute Reservepferde kaufen. Vielleicht können wir morgen aufbrechen  – oder?«

»Si, Patron«, sagte er und grinste. »Das geht leicht. Ich habe selbst drei gute Pferde und ein Maultier für die Packlast. Es kann morgen losgehen.«

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