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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 049

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Kilkennys Entscheidung
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Vorschau

Kilkennys Entscheidung

1

Als ich wieder einmal im Staub lag, wollte ich gar nicht mehr aufstehen. Das Pferdebiest, welches mich abgeworfen hatte, tanzte auskeilend von mir weg in die andere Ecke des Corrals. Und so gab es eigentlich keinen Grund, mich hastig zu erheben. Nun kam es gewiss nicht oft vor, dass mich ein Wildpferd abwerfen konnte. Doch ich hatte an diesem Tage schon fünf wilde Biester zugeritten und mich nun mit dem sechsten wohl etwas übernommen.

Ich grinste schief zu meinem Helfer empor. Sonora grinste zurück. Auch er hatte heute schon harte Arbeit geleistet. »Machen wir Feierabend«, sagte ich. »Es kommt wohl nicht darauf an, ob wir einen Tag eher zum Tequila und den Chicas kommen oder nicht. Nicht wahr?«

»Si, Amigo«, nickte er. »Was nützen einem die schönsten Conchitas, wenn man sich Arme und Beine und wer weiß noch was bricht. Morgen ist auch noch ein Tag. Si.«

Er war ein Lebenskünstler, dieser Sonora, dessen wirklichen Namen ich gar nicht kannte. Ihm genügte es, dass ich ihn einfach Sonora nannte. Und dabei war er mir zu Dankbarkeit verpflichtet, weil ich etwas dagegen hatte, dass sie ihn drüben wegen Pferdediebstahl aufknüpften an einen alten Cottonwoodbaum bei einer Wasserstelle, die ich gerade noch erreichen konnte, bevor ich selbst verdurstet war.

Nun, ich fand damals Wasser – und er blieb am Leben. Sein kurzer, dicker Hals wurde nicht in die Länge gezogen.

Er grinste also auf mich nieder – und ich grinste hinauf und war zu müde, jetzt sogleich aufzustehen. Aaaah, es war schön, so im Staub zu liegen. Auch war es an diesem Spätnachmittag nicht mehr so heiß.

Aber dann sah ich, wie Sonora seinen Blick hob, wie er auf einen bestimmten und gar nicht weit von uns entfernten Punkt blickte – wie sein Grinsen plötzlich erstarrte, kalt und hart wurde – und wie seine Rechte sich unauffällig zum Revolverkolben bewegte.

Aber dann knallte ein Gewehr. Und die Kugel fetzte ein Stück von diesem Revolverkolben weg. Wahrscheinlich wurde auch Sonoras Pferd von den Splittern verletzt, denn obwohl es sonst an Gewehr- und Revolverfeuer gewöhnt war, stieg es wiehernd in die Höhe.

Sonora – einer der besten Reiter, die ich jemals sah – lag plötzlich neben mir im Staub.

»Bleibt nur schön friedlich!« Eine etwas heiser klingende Stimme rief es scharf zu uns herüber. »Unser Gewehrschütze schießt euch sonst die Ohren ab!«

Das glaubte ich ihm. Und auch Sonora war überzeugt. Denn sein Colt war ruiniert. Den musste er zum Büchsenmacher bringen und dort einen neuen Kolben anfertigen lassen. Aber würde er überhaupt noch einen reparierten Colt brauchen?

Wir erhoben uns langsam. Und nun sahen wir auch den Gewehrschützen. Er befand sich in Luftlinie nur knapp fünfzig Schritt von uns entfernt. Dort war im Canyon an der Westwand eine große Felsnase. Er lag dort oben und hatte einen erstklassigen Überblick.

Ja, wenn sein erster Schuss kein Zufallstreffer war, so konnte er uns wahrhaftig die Ohren abschießen.

Überdies kamen noch vier Reiter auf uns zu.

Und der erste der Reiter war sicherlich der Mann, der den Gewehrschützen dort hinaufgeschickt hatte. Das musste ein kluger und erfahrener Mann sein.

Und so sah er auch aus. Er ließ mich bei seinem Anblick an eine große, schwarze Katze denken. Sein Pferd war gleichfalls schwarz, ein riesiger Wallach, der trotz seiner gewiss gut dreizehnhundert Pfund so leicht ging wie ein Wüstenwolf.

Verdammt noch mal, waren das Banditen, die uns um die Früchte einer wochenlangen Arbeit bringen wollten? Sonora und ich, wir hatten uns ein hübsches Rudel Wildpferde gefangen. Es waren genau drei Dutzend. Und alle hatten wir schon mehr oder weniger zugeritten. Auch das Biest, welches mich soeben abgeworfen hatte, würde ich morgen schon klein bekommen haben.

Und dann hätten wir uns auf den Weg nach El Paso gemacht, wo ich mit dem Agenten der Post- und Frachtgesellschaft einen Vertrag hatte. Dieser Agent wartete wahrscheinlich schon auf Nachschub. Die Überlandlinien brauchten für ihre Expresskutschen immer wieder Pferde. Überall auf den Relais-Stationen mussten frische Gespanne bereitgehalten werden. Und je häufiger die Kutschen in beiden Richtungen verkehrten, umso mehr frische Gespanne wurden benötigt. Es war eine gute Zeit für Wildpferde.

Nun, kommen wir zu dem Mann zurück, der auf dem großen Pferd dahergeritten kam und bei dessen Anblick ich an eine große schwarze Katze denken musste.

Er und seine Begleiter ritten Pferde mit den gleichen Brandzeichen. Das beruhigte mich etwas. Sie waren also keine Banditen, sondern eine Ranchmannschaft.

Das Brandzeichen war ein verschnörkeltes H. Es sah fast wie ein Spanish Bit, also eine spanische Kandare.

Aber ich erinnerte mich, dass es in dieser Gegend eine große Ranch geben sollte. Und man hatte auch schon einige Geschichten über Elroy Hackmaster gehört. Diese Geschichten gab es zu beiden Seiten der Grenze.

Verdammt, waren wir bei der Wildpferdjagd in das Gebiet der Hackmaster Ranch geraten?

Und wenn das so war, dann kannte ich auch diesen Mann da auf dem Pferd.

Ja, es musste Big Cat Halsey sein, Hackmasters Erster.

Ich klopfte mir mit dem Hut den Staub ab, aber ich hütete mich, nach meinem Colt zu greifen. Deshalb hielt ich den Hut beim Klopfen auch in meiner Revolverhand.

Von dem Gewehrschützen sah ich nur den großen Hut, eine große Feder daran und ein wenig von seinem Gesicht mit dem Bart. Und natürlich das Gewehr.

Big Cat Halsey sah vom Sattel auf uns nieder. Er wirkte auf den ersten Blick etwas schwammig. Aber das täuschte. Es waren Muskeln, pralle, spielende Muskeln. Sein rundes Gesicht wurde von einem Schnurrbart wahrhaftig zu einem Katergesicht gemacht. Solch einen Schnurrbart hatte ich mal auf den Bildern der alten japanischen Krieger gesehen, den Samurai. Die machten sich auch solche Katerbärte mit besonderen Tricks.

Big Cat Halsey grinste. »Na, ihr seid nicht gerade faul«, sagte er. »Ich werde euch eine Prämie zahlen – für jedes Pferd einen Dollar zusätzlich zum Lohn. Das ist gewiss großzügig. Wie lange wart ihr als Pferdefänger für uns tätig? Zwei Monate, ja? Unsere Reiter bekommen fünfundzwanzig im Monat. Euch gebe ich dreißig. Und natürlich zehn Dollar extra, weil ihr euch selbst verpflegen musstet. Ihr habt euch alles redlich verdient.«

Er holte Geld aus der Tasche seiner Jacke hervor, zählte ab, rechnete, zählte abermals ab und hielt mir dann das Geld hin.

»Na?«, fragte er, und in seinen Augen erkannte ich seine wilde Freude, seine Heimtücke und noch ein paar andere Dinge, die in mir alles alarmierten.

»Erkläre mir das noch genauer«, sagte ich. »Ihr seid von der Hackmaster Ranch, und du selbst bist wahrscheinlich Halsey. Also, das habe ich schon begriffen. Aber dass wir für euch gearbeitet haben …«

»Vielleicht nicht?«, schnappte er, und in seiner Kehle war ein fauchendes Lachen. »Habt ihr vielleicht nicht auf dem Gebiet der Hackmaster Ranch Pferde gefangen? Seid ihr vielleicht Pferdediebe, die wir hängen müssen?«

Er fragte es ganz glatt, freundlich und ohne besondere Betonung. Wahrscheinlich hätte er eine Menge harmloser Burschen damit getäuscht. Sie wären darauf hereingefallen, hätten die Gefahr gar nicht erkannt.

Aber ich sah in seinen Augen, dass er nicht bluffte. Der würde uns auch hängen, und die Wahl hatte ich. Jawohl, ich konnte es mir jetzt aussuchen.

Entweder nahm ich das Geld und verkaufte ihm die Pferde dann sozusagen für fünf Dollar das Stück – oder sie behandelten uns wie Pferdediebe.

Oh, ich hätte ihm erklären können, dass wir die Pferde gewiss nicht auf dem Ranchgebiet aufgespürt und gejagt hatten. Wir waren jenseits der Grenze gewesen, als wir die Tiere aus dem Canyon jagten. Und dann hatte es eine tagelange Jagd gegeben, die hier in diesem Sack-Canyon endete. Weil wir diesen Sack-Canyon als natürlichen Corral benutzen konnten, waren wir hier geblieben.

So war das. Aber er hätte das alles nicht anerkannt. Er wollte unsere Pferde, und er war bereit, uns zu hängen oder zumindest erschießen zu lassen, sollten wir nicht auf sein Spiel eingehen.

Er war eine große Katze, die mit zwei Mäuserichen spielte. Ich starrte noch mal drei Atemzüge lang in seine Augen. Dann nahm ich das Geld.

Sein Grinsen war wieder da. Er brachte ein Notizbuch zum Vorschein und fragte: »Wie sind eure Namen? Ihr müsst mir noch quittieren. Also, eure Namen.«

»Pat Kilkenny«, sagte ich.

»Sonora – einfach nur Sonora«, murmelte dieser höflich.

Big Cat Halsey betrachtete ihn mit einem schrägen Blick.

Dann machte er auf dem Oberschenkel in seinem Buch eine Eintragung. Wir mussten zu ihm treten und unterschreiben. Ich staunte; dass Sonora tatsächlich seinen Namen schreiben konnte. Er malte ihn hin, wobei seine Zungenspitze mitschrieb.

»Jetzt könnt ihr reiten«, sagte Big Cat Halsey. »Ihr habt erstklassige Arbeit geleistet. Wenn ihr wollt, bekommt ihr wieder solch einen Job. Wollt ihr?«

»Vielleicht später«, sagte ich. »Erst wollen wir nach El Paso. Ich werde an dein Angebot denken, Halsey. Wahrscheinlich würde ich stolz sein, unter solch einem Vormann für solch eine großartige Ranch zu reiten. Ich habe schon viel über euch gehört.«

Ich sagte es todernst.

Und er passte auch genau auf, ob ich etwa grinste oder sonst wie etwas tat, was meine Worte zweideutig machen würde.

Doch ich war ernst wie in der Kirche.

Er nickte: »Ja, da kannst du auch stolz sein, wenn du in solch einer Top-Mannschaft reitest.«

Er entließ mich mit einer Handbewegung.

Mich juckte es einen Moment in meiner Linken. Sie war meine Revolverhand. Ich hätte ihm gern mal gezeigt, wie schnell ich war. Vor ihm und seinen drei Hombres hatte ich gar nicht so große Angst.

Doch der Mann mit dem Gewehr auf der Felsnase hätte mich sofort erwischt.

Diesem Big Cat Halsey war aber auch noch ein weiterer Trick zuzutrauen. Der hatte gewiss auch noch einen fünften Mann dabei.

Nein, es war besser, bescheiden davonzuschleichen.

Hier nicht und jetzt nicht, dachte ich.

Und so packten Sonora und ich unsere Siebensachen zusammen, taten alles auf unser Packmaultier und stiegen in die Sättel.

»Amüsiert euch gut in El Paso«, sagte Big Cat Halsey hinter uns her – und es hörte sich so an, als meinte er es wirklich so.

Wir hörten ihn dann noch lachen, nachdem wir schon ein Stück in der Dämmerung geritten waren.

Sonora begann zu fluchen. Er konnte wunderbar fluchen. Seine Flüche waren nicht gemein und primitiv, nein, er war gewissermaßen ein »Dichter« unter den fluchenden Männern, die ich kannte.

Aber er fluchte nicht lange, denn er war zu klug. Er wusste zu gut, dass Fluchen zwar im ersten Moment erleichtert, doch sonst an dem Problem gar nichts änderte. Denn durch Fluchen wird nichts anders.

Ein fluchender Mann ist wie ein kläffender Hund. Schweigen und Handeln ist besser.

»Hey, Compadre«, sagte ich, »es war nicht ganz umsonst. Wir haben jeder sechzig Dollar Arbeitslohn, zehn Dollar für Verpflegung und achtzehn Dollar Prämie. Das sind immerhin achtundachtzig Dollar für jeden. Das ist doch besser als nichts.«

Zuerst glaubte er wahrhaftig, ich meinte es so, wie ich es sagte und wäre ein bescheidener Bursche, dem der Schreck in der Hose saß und der froh war, so gut weggekommen zu sein.

Erst dann erkannte er meine kalte Wut.

»Wir haben jeder mehr als vierhundert Dollar bei dieser Sache verloren«, sagte er. »Das ist eine Menge Geld, nicht wahr? So kurz nach dem Krieg ist jeder Dollar so groß wie ein Wagenrad. Und wir lassen uns mehr als achthundert Dollar einfach so abnehmen. Caramba, für achthundert Dollar müsste meine Abuela lange Käse machen. Und ich sage dir, dass meine Großmutter den besten Schafskäse in ganz Sonora machte. Überhaupt, nicht mal meine alte Abuela hätte sich so viel Geld stehlen lassen. Wollen wir umkehren und es den Hundesöhren zeigen?«

Er hatte also eine mexikanische Großmutter, eine »Abuela«. Aber er war sicher nur zur Hälfte mexikanischer Abstammung. Er hatte blaue Augen. Und er sprach beide Sprachen.

Er wollte also kämpfen. Doch ich schüttelte den Kopf. Obwohl es nun Nacht war, konnte Sonora das gewiss sehen. Denn er hatte die Augen einer Eule.

»Wozu?«, fragte ich. »Vorerst haben wir etwas Geld für einen Spaß in El Paso. Den Rest holen wir uns schon noch. Warum sollen wir kämpfen? Dieser Big Cat Halsey hat gewiss nicht nur den Gewehrschützen in der Hinterhand, der deinen Revolver ruinierte. Wie willst du mit diesem Colt überhaupt richtig schießen? Und mit dem Gewehr wärest du nicht schnell genug. Sie sind nicht nur fünf, sondern mindestens sechs Mann. Aaaah, wir werden schon rausbekommen, was sie mit unseren Pferden machen. Freu dich auf die Mädchen in El Paso, Amigo. Wir haben einen recht großen Vorschuss in der Tasche.«

Ich endete knirschend, und er wusste nun Bescheid. Wahrscheinlich kannte er mich nun erst richtig.

Jetzt wusste er, dass man mir nicht mal einen Hosenknopf ungestraft wegnehmen konnte. Und so war es auch wirklich. Ich hatte schon als kleiner Junge gelernt, mir nichts wegnehmen zu lassen.

Dieser Big Cat Halsey hätte uns wahrscheinlich besser hängen sollen.

Dieser Narr hatte uns ein Rudel Pferde gestohlen und uns dann laufen lassen.

Ja, er war ein Narr.

***

Drei Tage später hatte ich El Paso auf allen nur möglichen Gebieten ausprobiert und setzte mich mit meinen letzten achtzehn Dollar an einen Pokertisch.

Sonora hatte ich längst aus den Augen verloren. Der hatte irgendwo im Mexikanerviertel eine Conchita gefunden, die ihm auf Erden das Paradies bereitete. Er ließ mir das durch einen Jungen sagen, der mich in »Silverpeso« leicht finden konnte, denn er brauchte nur nach einem Mann mit roten Haaren und hellen Augen zu suchen, der etwas mehr als sechs Fuß groß war. Davon gab es nicht viele in El Paso.

Sonora tröstete sich also.

Ich aber hatte das wahre Glück nicht gefunden und wollte mich nun in der hartgesottenen Pokerrunde behaupten.

Nun, das war nicht einfach. Doch nach acht Stunden hatte ich mehr als hundert Dollar. Und nun hätte ich mich eigentlich erheben sollen, um mit dem Vergnügen noch mal von vorn anzufangen.

Aber ich wollte nicht – jedenfalls nicht bei den Flittchen in den Tingeltangels. Und überdies hätten einige Burschen der Pokerrunde gemurrt, weil ich mich ohne Revanche mit meinem Gewinn nicht einfach davonschleichen konnte.

Ich spielte also weiter – die ganze Nacht durch.

Am nächsten Morgen besaß ich mehr als zweihundert Dollar.

Dafür konnte ich aber kaum noch aus meinen geröteten Augen blicke. Zwanzig Stunden Poker – und davor drei Tage und Nächte nichts anderes als Feuerwasser und Mädchen, hey, das alles konnte auch einen zähen Burschen wie mich fast umbringen.

Ob Sonora in einem schönen Bettchen schlief und das Frühstück ans Bett gebracht bekam?

Bei diesem Gedanken bekam ich plötzlich große Sehnsucht nach einem Bett und langem Schlaf.

Ich sagte das der Pokerrunde, und diesmal hatte niemand etwas dagegen, denn sie alle waren nicht munterer als ich. Auch sie hatten begriffen, dass sie mich nicht schlagen konnten.

Sie wollten alle erst mal schlafen.

Nun, ich war zufrieden. Aus achtzehn Dollar hatte ich mehr als zweihundert gemacht. Die Sache war einträglicher gewesen als der Wildpferdefang, setzte man die Summe in Relation zum Zeitaufwand.

Ich sammelte gerade meine Dollars vom Tisch und freute mich schon auf das Bett, als – ja, als Big Cat Halsey kam.

Jawohl, er kam herein, so, als musste das so sein.

Zuerst sah er mich gar nicht. Er kam also nicht wegen mir, sondern nur, um seinen Durst zu löschen.

Doch noch bevor er am Schanktisch sein Bier bekam, sah er mich. Er begriff auch sofort, dass sich hier eine stundenlange Pokerpartie auflöste. Auch die anderen Spieler zählten noch ihr Geld, tranken noch was und machten Witze über ihr Pech im Spiel, dem doch eigentlich Glück in der Liebe folgen müsste.

Big Cat Halsey kam mit dem noch halb vollen Bierglas in der Hand zu mir herüber. Er grinst, prostete mir zu und sagte: »Na, Red, gut amüsiert? Und gewonnen hast du auch, wie ich sehe. Du hast wohl immer eine Menge Glück, Bruder? Probier es mal mit mir. Spielen wir mal um zehn Dollar. Wer die höchste Karte hat, gewinnt. Los, Junge!«

Ich trank den Rest aus meinem Glas. Mein Geld hatte ich schon weggesteckt, indes er an den Tisch trat.

Nun erhob ich mich, sodass nur der Tisch uns trennte. Einen Moment dachte ich an die Launenhaftigkeit des Schicksals.

Es hatte ihn und mich nun zum zweiten Mal innerhalb einer Woche zusammengeführt, nachdem wir zuvor nichts von unserer Existenz wussten.

Oder war es kein Zufall? Hatte er mich vielleicht gesucht, weil er später gehört hatte, wer ich war. Das konnte nämlich auch sein. Für ihn bedeutete mein Name Patrick Kilkenny vielleicht zuerst nicht viel. Aber es gab ein paar Leute, die wussten bei diesem Namen Bescheid.

Und solche Burschen konnten sich ja unter den anderen Reitern der Hackmaster-Mannschaft befunden haben.

Nun, ich erhob mich und sagte: »Mit dir spielen? Hey, das fehlte mir noch zu meinem Glück! Junge, ich spiele nur mit Gentlemen, mit richtigen, sauber gewaschenen, ehrenwerten Leuten. Wenn du über dich etwas nachdenkst, musst du doch selbst zugeben, dass du ein verdammter Drecksack und ganz bestimmt nicht ehrenwert bist.«

Natürlich war es blöd von mir, ihn nicht nur abzuweisen, sondern auch noch zu beleidigen. Doch ich hatte bei unserem Kennenlernen vor einer Woche von der ersten Sekunde an keine Furcht vor ihm. Ich war nur klug genug, mich nicht in einen aussichtslosen Kampf einzulassen.

Jetzt war es anders.

Aus welchen Gründen er auch immer hier hereingekommen war – zufällig oder um einen Mann klein zu machen, dessen Feindschaft ihm – wie er nachträglich erfuhr – Sorgen bereiten würde, jetzt brauchte ich nicht mehr damit zu rechnen, dass jemand mich aus dem Hinterhalt mit einem Gewehr abschoss.

Und ich spürte abermals keine Furcht.

Er warf mit der einen Hand das leere Glas nach meinem Kopf und wischte mit der anderen Hand den schweren Pokertisch zur Seite, so, als wäre er nur eine leere Kiste.

Und dann kam er auch schon.

Sie nannten ihn Big Cat, »Große Katze«. Und diesem Kriegsnamen machte er alle Ehre. Er war so schnell wie ein Puma. Und er war zugleich stark wie ein Büffelbulle.

Nun, ich konnte mich auch sehen lassen, wenn es um Schnelligkeit, Zähigkeit und Stärke ging.

Ich gab es ihm.

Jawohl, ich gab es ihm, obwohl er es mir schwer machte, mich auch einige Male am Boden hatte und es zweimal so aussah, als hätte er schon gewonnen.

Doch ich stand immer wieder auf, machte weiter – und dann zeigte es sich langsam, dass er mehr unter Luftmangel litt als ich. Das musste sich bald auswirken, denn er musste nun schneller müde werden. Ich merkte es an seinen Schlägen, denn die wurden immer harmloser. Zuerst waren sie erbarmungslos hart, und hätte er mich nur mit einem einzigen so richtig voll erwischt, dann wäre es aus gewesen mit mir.

Nun konnte ich sie voll nehmen, und sie machten mir nichts mehr aus. Wir standen zuletzt Fuß bei Fuß und gaben es uns. Aber ich konnte noch härter schlagen.

Er ging fünfmal zu Boden, quälte sich fünfmal hoch – und blieb beim sechsten Male endlich liegen.

Ja, endlich!

Denn ich konnte auch nicht mehr. Ich hatte genug. Zuerst hatte es mir eine wilde und gewiss auch primitive Freude bereitet, diesem Big Cat meine Faust auf das Maul zu stoßen.

Doch dann zerbrach er fast meine Härte. Dieser Kampf wurde für mich eine Hölle, und nur der grausame, gegen mich selbst gerichtete Wille zum Sieg und zum Überleben ließ mich durchhalte.

Nun war es vorbei.

Ich seufzte, und hoffte, dass niemand diesen Seufzer, der fast wie ein Schluchzen war, durch mein Keuchen hören konnte.

Ich sah mich um, wollte erkennen, ob Freunde von ihm hereingekommen waren. Aber ich erkannte noch nichts. Vor meinen Augen waren nur Schatten, feurige Kreise – und erst dann begann ich alles undeutlich zu erkennen.

Aber dann kam ein Mann und reichte mir einen Colt. »Das ist dein Colt«, sagte er. »Den hast du verloren. Hey, ich hätte nicht geglaubt, dass Big Cat Halsey von einem Mann besiegt werden könnte.«

Er trat wieder zurück.

Ich hielt nun meinen Colt wieder in der Hand. Dieser mir unbekannte Mann – er sah wie ein Cowboy aus – hatte mir wirklich einen großen Dienst erwiesen. Nun war ich wenigstens wieder bewaffnet.

Es war gewiss gut, zu gehen.

Und das tat ich.

Hinter mir wurde dann das Gemurmel der Gäste und Zuschauer laut. Ich hörte noch eine laute Stimme rufen: »Wer war dieser Rotkopf? Heiliger Rauch, für diesen Kampf würde ich – könnte ich ihn noch einmal sehen – einen ganzen Monatslohn hergeben. Heiliger Rauch, wer war das? Der hat ja Big Cat …«

Mehr hörte ich nicht. Ich hatte auch viel zu sehr mit mir zu tun, um auf das Gerede der Zuschauer zu achten.

Ich taumelte durch die Schwingtür hinaus und stützte mich draußen immer wieder an die Hauswände, stolperte über die Gassenmündungen.

Zweimal musste ich verschnaufen.

Dann kam ich an einen kleinen Platz, auf dem Straßen und Gassen mündeten. Hier war auch ein Brunnen. Der große Wassertrog daneben war gefüllt. Ich steckte meinen Kopf hinein und kühlte auch meine anschwellenden Hände.

Aaaah, das tat gut.

Dann hörte ich jemanden kommen. Es musste ein Betrunkener sein, der ebenfalls seinen Kopf kühlen wollte.

Aber dann hörte ich ihn fluchen und seufzen.

Da sah ich im ersten grauen Morgenlicht, dass es Sonora war.

Er musste rechts von mir aus einer Gasse des Mexikanerviertels gekommen sein. Bei der Missionskirche begann die Glocke zu läuten. Jeder Glockenschlag war wie ein Schlag mit der Keule auf meinen armen Kopf. Ich hielt ihn fest, damit er nicht platzte.

Aber ich sah Sonora dabei an.

Als er seinen Kopf aus dem Wassertrog nahm, um Luft zu schnappen, staunte er.

»Ayayayayei, bist du vielleicht Kilkenny?«, fragte er unsicher, und seine Stimme klang gar nicht gut, eher gequält.

Ich tauchte erst noch einmal unter. Dann erst, nachdem ich eine Weile im Wasser prustete, sah ich ihn wieder an.

»Ich denke«, fragte ich, »du hast bei deiner Conchita den Himmel auf Erden?«

»Das hatte ich auch«, schnaufte er und betastete sein zerschlagenes Gesicht. »Ich hielt es für die große Liebe. Ich wohnte in ihrem Haus und spielte mit ihren Kinderchen. Das Kleinste sagte schon Papa zu mir. Aber dann sagte mir diese feine Chita einfach, dass ich endlich mal bezahlen müsste. Verstehst du? Bezahlen! Für Essen, Trinken, Liebe, Unterkunft – für alles sollte ich bezahlen. Als ich ihr sagte, dass meine Liebe ebenfalls teuer wäre und sich dann das alles doch wieder ausgliche, da rief sie ihre Brüder und auch die Brüder ihres verstorbenen Mannes. Sie verprügelten mich. Das war leicht, denn ich war betrunken. Sie nahmen mir alles, was mir zu nehmen war und warfen mich hinaus auf die Gasse. Ich muss dort einige Stunden gelegen haben. Kilkenny, diese Welt ist verdammt schlecht. Was ist dir denn passiert?«

Er war plötzlich sehr aufmerksam. Das Wasser hatte ihn offensichtlich ernüchtert.

»Mir ist nichts passiert«, sagte ich. »Aber diesem Big Cat Halsey ist eine Menge geschehen. Der konnte nicht mehr aufstehen. Ich hab’s ihm gegeben, Sonora. Doch jetzt muss ich mich erst mal einmal ausruhen. Gehen wir zu unseren Pferde in den Mietstall, ja?«

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