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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 046

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Bleib weg von Cibola!
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Vorschau

Bleib weg von Cibola!

1

Es war ein fürchterliches Gegröle. Die Sänger mussten sinnlos betrunken sein. Das Lied kannte ich. Es war das Lied vom Pikes-Whisky. Jeder Vers pries die Güte von Pikes-Whisky. Ich hielt auf meinem Pferd im Schatten einiger Felsen und lauschte grinsend. Auf der anderen Seite der Felsbarriere musste die Feier stattfinden. Die Sänger machten nach jeder Strophe eine Pause, die ausreichte, einen Schluck aus der Flasche zu nehmen. Dabei wurden sie immer betrunkener. Ich merkte das, weil ihnen die Worte immer schwerer fielen. Bald würden sie nur noch lallen.

Dann aber, als sie wieder einmal zwischen zwei Strophen eine Pause machten, hörte ich die bittere und verächtliche Stimme einer Frau rufen: »Ihr zwei verdammten Saufbolde! Warum hab ich mich nur mit euch Nieten eingelassen?« Nun wurde ich trotz der Mittagshitze wieder richtig wachsam. Denn da war offenbar nicht einfach nur eine Frau wütend, sondern in Not.

Ihre Stimme verriet nicht nur Verachtung – nein, es klang mir auch nach Hilflosigkeit und Resignation. Ich fragte mich, was eine Frau hier in der Wildnis des Arizona-Territoriums wohl mit zwei betrunkenen Kerlen tat.

Auf der anderen Seite der Felsbarriere musste der Wagenweg nach Cibola führen.

Cibola war eine alte spanische Mine nahe der gleichnamigen kleinen Stadt. Allein bemerkenswert war sie durch die Tatsache, dass immer mal wieder Gold in der Nähe gefunden wurde.

Auch jetzt wieder war ein solcher Gold-Run losgebrochen. Deshalb wollte auch ich nach Cibola.

Denn ich war ein hungriger Bursche, der nach einer Chance suchte.

Nun ritt ich durch eine Lücke zwischen den Felsen auf die andere Seite der Barriere. Ich war zwar bestimmt kein Samariter, doch eines hatte ich begriffen: Frauen hatten Anspruch auf Hilfe in diesem harten Land hier im Südwesten.

Zuerst sah ich zwei Frachtwagen, richtige Mervile-Schoner, bespannt mit je acht Maultieren.

Im Schatten des ersten Wagens hockten die beiden Fahrer. Jeder hatte einen dieser Gallonenkrüge, die sie auf den angewinkelten Arm legen mussten, wollten sie das Mundstück an die Lippen bringen.

Das schafften sie nur noch mühsam. Die Hälfte des Feuerwassers rann ihnen über Kinn und Hals.

Ich verachtete solche Säufer. Oh, ich trank auch schon mal gern einen. Doch für Burschen, die so schluckten, dass sie nicht mehr wussten, ob sie ein Schnapsfass oder ein Eichhörnchen waren, hatte ich nichts übrig. Das waren Narren.

Und die beiden Fahrer waren von dieser Art.

Hier im Apachenland durfte ein Mann sich einfach nicht so sinnlos betrinken.

Ich bemerkte nun die Frau.

Sie lehnte an einem Wagenrad und hielt eine Maultiertreiber-Peitsche in den Händen. Es schien mir ganz so, als würde sie bald damit zuschlagen.

Oh, sie gefiel mir sofort.

Sie trug einen geteilten Reitrock aus Rehleder, Stiefel mit Sporen, eine grüne Flanellbluse, ein Halstuch und einen flachkronigen Stetson.

Sie war staubig und verschwitzt. Und dennoch gefiel sie mir. Ihre blauen Augen leuchteten unter der Hutkrempe. Sie hatte eine kleine Nase und einen vitalen Mund. Ihre Wangenknochen lagen hoch. Offenbar hatte sie rabenschwarze Haare. Doch sie waren unter dem Hut verborgen. Ihr Pferd war am ersten Wagen festgebunden.

Sie sah mich fest an.

Ich griff an die Hutkrempe.

»Ma’am, kann ich Ihnen helfen?«

Sie betrachtete mich fest. Oh, ich wusste, dass ich nicht nur ein Satteltramp war, sondern auch so aussah. Ich war ziemlich abgerissen, trug noch die Hose und den Hut der einstigen Konföderierten-Arme und auch den Dragoon-Revolver, den ich einem Yankee-Captain abgenommen hatte. Dieser Hartford-Dragoon war die verbesserte Ausführung des Whitneyville-Walker. Der Lauf war zwar nicht ganz so lang, doch er hatte einen gehärteten Rahmen, der stärkere Ladungen erlaubte. Und das Kaliber war natürlich auch vierundvierzig.

Mit diesem Ding konnte ich ganz prächtig umgehen.

Das hatten schon die Yanks während des Krieges gemerkt.

Sie betrachtete zuletzt diesen Colt an meiner Seite. »Mister, wenn Sie ein Achtergespann fahren können, dann wäre ich Ihnen für die Hilfe sehr dankbar. Sie brauchen nur Ihr Pferd hinter den zweiten Wagen zu binden, vorn aufzusitzen und hinter mir herzufahren. Von mir aus können Sie auch neben dem Gespann gehen mit dem Zügel an der Hand. Hauptsache, Sie bringen den Wagen vorwärts.«

Ich nickte.

»Und diese beiden dort?« Ich deutete auf die beiden Säufer.

»Phhhaaah!«, gab sie verächtlich zurück. »Ich hab diese beiden Nieten in Socorro angeworben, als ich die Wagen übernahm. Wahrscheinlich bekam ich sie nur als Fahrer, weil sie die Schnapsladung witterten wie Bären den Honig. Die werden schon nachkommen, wenn sie wieder halbwegs nüchtern sind. Sehen Sie doch, die sind jetzt richtig hinüber. Zur Hölle mit ihnen! Seit wir unterwegs sind von Socorro – und das sind nun schon mehr als hundert Meilen –, taten sie Tag und Nacht nichts anderes als trinken. Es wurde von Tag zu Tag schlimmer.«

Ihre Stimme klirrte vor Bitterkeit.

Ich sah ihr an, dass sie erfahren war im Umgang mit Männern. Gewiss hatte sie sich schon früh unter ihnen behaupten müssen.

Sie hatte Mut, besaß Selbstvertrauen.

Heiliger Rauch, wenn ich bedachte, dass sie sich als Frau in dieses Land wagte – nun, dann musste ich entweder annehmen, dass sie naiv war oder sich durch Kühnheit behauptete.

Ich rutschte aus dem Sattel und wollte mein Pferd hinter den zweiten Wagen bringen.

Das sagte sie: »Mister, wie soll ich Sie denn nennen? Stellen Sie sich nie vor?«

»Ach«, grinste ich, »ich bin in den letzten fünf Jahren ein wenig verwildert. Doch meine Ma hat mir beigebracht, dass ich höflich zu Ladys sein soll. Verzeihen Sie. Mein Name ist Hathaway, Jay Hathaway. Ich bin dreißig Jahre alt und wurde bei San Antonio in Texas geboren. Ist das ausführlich genug, Ma’am?«

Sie bekam schmale Augen.

»Ich bin Sally McCrown«, sagte sie dann ruhig und wandte sich ab.

Die beiden Säufer würdigte sie keines Blickes mehr. Oh, ich konnte sie gut verstehen.

Ich bekam dann alle Hände voll zu tun mit dem Maultier-Achtergespann.

Denn diese Biester wollten mir erst mal zeigen, wie wenig sie von mir hielten. Doch dann bewies ich ihnen, dass ich eine ganze Menge von solch störrischen Biestern verstand.

Maultiere waren schwieriger zu behandeln als eigenwillige Ladys, aber ich brachte es fertig, mit den acht Tanten jener Sally McCrown zu folgen, die ihr Achtergespann lenkte wie ein abgebrühter Frachtfahrer. Einmal sah ich eine geköpfte Klapperschlange, die sie mit dem Metallknaller am Peitschenende geköpft hatte.

Wir fuhren den Rest des heißen Tages nach Westen. Die Hufspuren und Radfurchen des Wagenwegs nach Cibola wiesen uns den Weg. Es gab viele frische Fährten, ein Zeichen dafür, dass der Gold-Run schon viele Leute angelockt hatte.

Doch das war immer so, wenn sich die Nachricht oder auch nur ein vages Gerücht von irgendwelchen Gold- oder Silberfunden verbreitete. Es gab dann überall genug arme Teufel und Glücksritter, die all ihre Chips auf solche Hoffnungen setzten.

Auch ich gehörte jetzt dazu.

Und diese Sally McCrown war mit zwei Wagen voller Schnaps dorthin unterwegs.

Wahrscheinlich würde sie ein gutes Geschäft machen.

Denn wo all die haarigen Burschen in der Sonne schwitzten und in den Minen schufteten, angetrieben von Wünschen und Hoffnungen, da wollten sie sich in den Nächten ihre Illusion vom großen Glück erhalten. Dann soffen diese Burschen wie die Löcher.

Und so waren zwei Wagenladungen voller Schnaps fast wie eine Goldader.

Diese Sally McCrown würde ihren Einsatz gewiss zehnfach wieder herausholen.

Freilich, erst mussten die beiden Ladungen ans Ziel gebracht und verkauft werden. Und da hatte ich so meine Bedenken. Denn in diesem Land musste einer sein eigener Hüter sein, auch was den eigenen Besitz betraf. Sonst konnte man alles sehr schnell verlieren, einschließlich des eigenen Lebens.

Und diese schöne Frau war verdammt allein.

Ihr Wagnis war ungeheuerlich.

Also musste auch ihr Mut gewaltig sein.

Dies imponierte mir.

Oh, ich ahnte damals noch nicht, was alles auf mich wartete.

Sonst hätte ich den Wagen angehalten, wäre wieder auf mein Pferd geklettert und davongeritten. Jedenfalls hätte dies ein Mann mit einem Minimum an Verstand getan.

Doch an diesem heißen Nachmittag, da ich ihr mit dem Wagen folgte, ahnte ich das alles noch nicht.

Die Stunden vergingen. Der Wagenweg nach Cibola schien »tot«. Es begegnete uns niemand.

Sollte der Gold-Run schon vorbei sein?

Wir erreichten im letzten Licht des Sonnenuntergangs die Wasserstelle.

Bis in die Nacht hinein hatten wir mit den Maultieren zu tun.

Sally McCrown arbeitete wie ein Mann. Ich konnte sie nur bewundern. Doch ich wusste auch, dass dies für eine Frau zu viel werden musste. Irgendwann würde der Zusammenbruch kommen.

Als ich dann das Feuer angezündet hatte und Kaffee kochte, Pfannkuchen mit Speck backte, wusch sie sich gerade. Doch als sie sich mir gegenüber an das Feuer hockte, dauerte es nicht lange und sie war eingeschlafen. Sie lag nun zusammengekauert da.

Sie tat mir leid.

Verdammt, warum quälte sie sich in diesem erbarmungslosen Land mit zwei Wagenladungen Schnaps herum?

Ich ließ sie schlafen. Noch war die Erde warm von der Hitze des Tages.

Später würde ich sie zudecken. Und auch das Feuer würde ich mit Kakteenleichen in Gang halten.

***

Kurz vor dem Morgengrauen hörte ich sie kommen. Sie schnauften und keuchten, fluchten und murrten. Ja, es waren die beiden Fahrer, die wir sinnlos betrunken zurückgelassen hatten. Irgendwann waren sie halbwegs nüchtern geworden, so dass sie ihre missliche Lage begriffen. Der sich daraus ergebende Schock hatte sie gewiss auf die Beine gebracht. Wahrscheinlich kannten sie auch die Wasserstelle und wollten sie noch vor der Sonnenhitze erreichen.

Oh, sie mussten einen gewaltigen »Brand« haben.

Ich hielt mich tief im Schatten der Cottonwoods und Büsche, die rings um die Wasserstelle standen.

Sally McCrown schlief noch wie betäubt. Manchmal hatte sie im Laufe der Nacht im Schlaf geseufzt, einmal gar gewimmert. Jetzt schlief sie fest.

Die Kerle kamen fluchend ins Camp. Zuerst stürzten sie sich in das Wasserloch wie in einen großen Bottich. Bald schon schnauften sie wohlig. Dann erinnerten sie sich wieder an Sally.

Sie waren in ihren Köpfen wohl immer noch nicht richtig klar. Sonst hätten sie das zweite Pferd bemerkt.

Nun grollte einer: »Wo ist dieses blauäugige Miststück, das uns einfach in der Sonne schmoren ließ? Wo ist diese verdammte Puta, die uns ohne Wasser aussetzte wie … Aaaah, da liegt sie am Feuer. Oh, wie mag sie’s nur fertiggebracht haben, mit zwei Wagen vorwärtszukommen?«

Grollend näherte sich der Sprecher dem Feuer. Dort lag Sally schlafend unter der Decke. Er stieß sie mit der Stiefelspitze in die Seite.

»Komm hoch, du Hexe«, knurrte er. »Ich will, dass man mit uns nicht so umspringt …«

Weiter kam er nicht.

Denn nun war ich schon bei ihm und riss ihn an der Schulter herum.

Sein Partner hatte ihn zwar mit einem Zuruf warnen wollen, doch er reagierte zu spät.

Ich knallte ihm erst mal was gegen den Hals, so dass ihm die Luft wegblieb, und er für eine Weile nichts machen konnte. Denn nun musste ich mich um den anderen Kerl kümmern, der wie ein Stier angestürmt kam und dabei schnaufte: »Dich machen wir fertig! Dich machen wir klein!« Er hatte keine Chance gegen mich, obwohl er gewiss ebenso groß und zwanzig Pfund schwerer war.

Ich war schneller. Meine Reflexe waren die eines Wildkaters. Und dabei war auch ich ein Schwergewicht.

Ja, ich gab’s ihm. Denn ich verspürte einen kalten Zorn. Diese beiden Saufbolde hatten Sally McCrown übel behandelt, in Gefahr gebracht und wollten jetzt damit fortfahren.

Ich machte ihn klein.

Und als ich mit ihm fertig war, musste ich mich wieder um seinen Partner kümmern. Er war fast erstickt. Doch nun hatte er sich erholt. Er brüllte vor Wut wie ein Stier, als er mich angriff, um seinen Kumpan abzulösen.

Ich ließ ihn ins Leere stürmen wie der Torero den Toro. Ich drehte mich seitlich weg und tauchte unter seinem Schwinger hindurch.

Dabei setzte ich ihm, indes er vorbeistürmte, meine Faust auf die Leberpartie. Und da war er schon wieder in Not.

Und dann gab ich’s auch ihm.

Als er wie der andere am Boden lag, sah ich mich nach Sally um.

Nun war sie wach. Sie saß aufrecht in den Decken. Im Morgengrauen betrachteten wir uns.

»Danke, Jay Hathaway, danke! Wäre ich ein Mann, hätte ich das gern selbst besorgt.«

Ich nickte. »Das glaube ich«, sagte ich. »Doch ich finde es prächtig, dass Sie kein Mann sind. Denn so ist das Land um eine bemerkenswerte Frau reicher.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nur keine Komplimente, Jay«, erwiderte sie. »Die hängen mir zum Hals raus, verstehen Sie? Täte mir leid, wenn auch Sie nur zu dieser Sorte gehörten, die bei meinem Anblick nur noch eines im Kopf hat, nämlich, wie sie mich bekommen kann. Und dann versuchen sie es alle auf die ewig gleiche Art. Lassen Sie es, Jay, ja?«

»Sicher«, erwiderte ich. »Und ich weiß auch schon, wie ich das bewerkstelligen kann. Ich werde mir immer vorstellen, dass Sie einen Buckel haben, eine schiefe Geiernase und einen Schnurrbart. Halt, ein paar Warzen auf Nase und Kinn sollten dazukommen. Wenn meine Einbildungskraft ausreicht, werde ich also keine Komplimente mehr machen müssen. Gut so?«

Sie betrachtete mich ernst.

Dann wurden wir abgelenkt, denn die beiden Säufer begannen sich wieder zu regen und ihre Not zu überwinden. Sie fluchten schon wieder und stießen Verwünschungen aus, indes sie sich aufrichteten.

Ich wandte mich ihnen zu und trat vor sie hin. »Passt auf, ihr Bumsköpfe«, sagte ich. »Und macht eure Ohren weit auf, denn ich sag’s euch nur einmal. Ihr wart übel gegenüber dieser Lady. Das wird sich jetzt ändern, weil ich dabei bin bis Cibola. Ihr werdet keinen Schnaps mehr saufen, sondern die Arbeit tun, für die ihr angeworben seid. Und wenn ihr was tut, was mir nicht gefällt, dann geb ich euch noch mal ’ne Abreibung. Jetzt versorgt die Gespanne und schirrt sie an. Und wenn ihr damit fertig seid, gibt’s vielleicht für euch ein Frühstück. Verstanden?«

Sie sahen mich tückisch an. Ihre Augen waren noch gerötet vom Trinken.

Doch sie spürten die Zeichen meiner Fäuste.

Auch sahen sie den Colt an meiner Seite.

Sie hatten nur schwere Messer in den Gürtelscheiden. Ihre Gewehre waren in den Wagen. Wir hatten sie mitgenommen. Um an die Gewehre zu kommen, mussten sie erst auf ihren Fahrersitzen hocken.

Ich wusste, dass die beiden Burschen mit mir noch nicht fertig waren.

Doch sie sagten nichts mehr. Sie wandten sich ab. Ich behielt sie im Auge, indes ich das Feuer wieder in Gang brachte.

Sally ging zur Wasserstelle, um sich frisch zu machen. Sie bewegte sich mühsam. Gewiss waren ihre Muskeln verkrampft. Sie brauchte eine Massage.

Ich konnte wohl nicht von ihr verlangen, dass sie sich auszog, ihren Körper mit Schnaps einreiben und von mir massieren ließ.

Sie tat mir leid.

Ich hatte ihr einige Sekunden zu lange nachgesehen im ersten, grauen Licht des Tages.

Denn inzwischen hatte einer der beiden Kerle die zusammengerollte Maultiertreiberpeitsche gepackt, die an einem der Wagen hing. Ich selbst hatte sie dort sorgfältig aufgerollt an den Haken gehängt.

Der Bursche war ein Künstler mit solch einer Peitsche. Er rollte sie mit einer einzigen Armbewegung nach hinten aus und verharrte dann breitbeinig.

Ein triumphierendes Lachen kam aus seiner Kehle.

»Jetzt zeig ich dir was, Satteltramp«, grollte er. »In Fetzen werd ich dich schlagen, du verdammter Hundesohn – in Fetzen, sag ich dir!«

Das konnte er wahrhaftig. Ich wusste es. Solch eine Peitsche war ein zwanzig Yard langes, geflochtenes Kunstwerk, das in einem Metallknaller endete. Und wenn diese Metallplatte noch geschliffen war, konnte sie Wunden zufügen, die ähnlich wie Schwerthiebe wirkten.

Der Bursche war jetzt voller Triumph.

Denn mit der Peitsche hielt er sich für unbesiegbar. Ich sagte ruhig zu ihm: »Mann, lass es lieber bleiben. Sonst musst du leiden. Also lass es, Saufgurgel!«

»Ich geb’s dir«, grinste er. »Ich wette, du verträgst weniger als ein störrisches Maultier, viel weniger!«

Und dann schlug er zu.

Die lange geflochtene Lederschnur mit dem Metallstück am Ende kam schnalzend auf mich zu – doch ich war zu schnell. Der geschliffene Metallknaller riss nur mein Hemd an der Schulter auf, ritzte ein wenig meine Haut.

Dann schoss ich. Der Colt kam scheinbar wie durch Zauberei in meine Hand. Ich schoss blitzschnell. Nein, ich konnte nicht richtig zielen. Dazu hätte es Zeit gebraucht. Und die hatte ich nicht.

Dass ich den Burschen nur am Arm verletzte, war reines Glück für ihn – und natürlich auch für mich. Denn ich war kein Killer.

Der Bursche brüllte auf, ließ die Peitsche fallen, fiel auf die Knie und hielt sich den Oberarm. Dort hatte die Kugel ihn erwischt.

Sein Partner war inzwischen zum zweiten Wagen gelaufen. Dort hatte er das Gewehr herausgeholt. Doch jetzt ließ er es fallen.

Er hatte mich ziehen und schießen gesehen.

Beide wussten sie jetzt Bescheid.

Jener, den ich am Arm getroffen hatte, sagte heiser: »Lass es sein, Jake, der Hombre macht uns alle! Das ist einer der ›großen Gilde‹!«

Sie hielten mich also für einen Revolvermann der wirklich »Großen«.

Deshalb waren sie plötzlich ganz friedlich und bescheiden.

»Nun, Amigos, jetzt verstehen wir uns wohl besser, nicht wahr?«

Sie nickten und sagten zweistimmig: »Yes, Sir.«

Natürlich verkannten sie mich. Ich war kein Killer. Sicher, ich war schnell mit dem Colt. Doch der Streifschuss war ein Zufall. Aber das sagte ich ihnen nicht. Denn ich wollte keinen Ärger mehr.

***

Als ich zum Wasser kam, kauerte Sally dort und sah schräg zu mir auf.

Sie sagte nichts, aber ihr Blick verriet nicht nur Dankbarkeit, sie schien auch sehr nachdenklich. Es war so, als betrachte sie mich heute noch einmal, doch diesmal sehr viel gründlicher.

Ich wusste, dass sie mich jetzt auch für einen Revolvermann hielt.

»Jetzt gibt’s gewiss keine Schwierigkeiten mehr bis Cibola, Sally McCrown. Ich bring Sie hin mit den beiden Wagen.«

Sie nickte.

Dann wusch sie das Gesicht und kämmte die rabenschwarzen Haare.

Wenn sie lächelte, blitzten ihre Zähne.

Sie war eine rassige, vitale, selbstbewusste Frau, dazu eine Abenteuerin, vielleicht eine Spielerin, die stets all ihre Chips auf eine Chance setzte.

Einige Male musste sie schon verloren haben.

Doch ich war sicher, dass sie immer wieder neu begann.

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