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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 045

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Der letzte Kampf
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Kapitel 13
  16. Kapitel 14
  17. Kapitel 15
  18. Kapitel 16
  19. Kapitel 17
  20. Vorschau

Der letzte Kampf

1

Die Morgensonne warf ihren goldenen Schein durch das offene Fenster und ließ die mehr als faustgroßen Messingkugeln der Bettpfosten wie pures Gold erglänzen. Aber sie waren kein Gold, nur Messing, täuschten etwas vor, was nicht war. Und so wurde mir wieder einmal mehr klar, wie schon so oft in meinem Leben, dass viele Dinge auf dieser Erde und unter uns Menschen nicht so sind, wie sie auf den ersten Blick zu sein scheinen.

Auch das Mädchen neben mir im Bett war nicht die Art von Frau, die ein Mann sich als Mutter seiner Kinder wünschte. Ja, sie war schön, wirkte fast wie ein Engel, der auf die Erde kam. Doch ich hatte sie für eine Nacht gekauft. Vielleicht war sie früher mal ein armes Ding gewesen, das nur in einer harten Welt überleben wollte und nichts zu bieten hatte als seine Schönheit. Doch dann war sie vom Leben in einer gnadenlosen Welt hart geworden, berechnend und nur auf ihren Vorteil bedacht, ganz und gar nach dem Leitspruch lebend: Achte auf dich selbst und auf den anderen, damit er dich nicht betrügt.

Vielleicht sollte ich so etwas wie Mitleid mit ihr haben, denn gewiss fiel sie als junges Ding in falsche Hände.

Ich hatte den Kopf zur Seite gewandt und betrachtete sie. Schlafend sah sie wirklich wie ein Engel aus.

Ich begann darüber nachzudenken, was alles in den vergangenen vier Monaten geschehen war.

Damals waren wir mit einer Longhornherde in Texas aufgebrochen, wir von der Stirrup Ranch im Concho-River-Land.

Siebzehn Reiter, ein Koch, dreitausend Longhorns und eine Pferderemuda von mehr als hundert Caballos, die wir an jedem Tag drei Mal wechselten.

Es wurde ein Treiben diesseits der Hölle, die jenseits nicht schlimmer sein konnte – dies glaubten wir jedenfalls.

Wir trieben durch das Panhandle, erlebten Sandstürme, dann wieder Wolkenbrüche, die jeden trockenen Creek in einen reißenden Fluss verwandelten. Wir bekamen es mit Pferdedieben und Stampedern zu tun, erlebten also auch Stampeden. Und am Red River kämpften wir gegen einstige Guerillas der Nordstaaten, die einst zu Rotbein-Jennisons Horde gehörten.

Wir hungerten, dursteten, schwitzten und froren abwechselnd. Und unsere langhörnigen Biester, die wir »Gehörnte Karnickel« nannten, machten uns ständig das Leben so schwer, als wären wir verdammte Sünder in der Hölle.

Und dann endlich kamen wir nach Dodge City.

Oh, hier gab es alles, nämlich Saloons, Spielhallen, Tingeltangels, die sich Varieté oder Theater nannten – und es gab auch die Häuser, in denen die Mädchen auf Hammel warteten, die vier Monate keinen Spaß gehabt hatten und unterwegs auf dem Treibweg von Frauen nur träumen konnten.

Nun, auch ich gehörte zu diesen Hammeln.

Und nun lag ich an diesem Morgen neben Rosy, die immer noch den wohlverdienten Schlaf nach vollbrachter Arbeit schlief.

Durch das offene Fenster hörte ich das Brüllen der Rinder in den Verladecorrals. Verdammt, ich hasste Rinder. Sie hatten uns das Treiben so schwer gemacht. Und so dachte ich grimmig: Hoiii, bald werdet ihr alle geschlachtet! Doch dann bedauerte ich diesen Gedanken auch schon.

Denn eigentlich war ich kein Dummkopf.

Ich entschloss mich nun und erhob mich vorsichtig, wollte Rosy nicht wecken. Vermutlich hieß sie gar nicht Rosy. Das war gewiss ihr »Künstlername«, und eine Künstlerin der käuflichen Liebe war sie gewesen.

Langsam kleidete ich mich an. Das Zeug hatte ich mir am Tag zuvor gekauft. Man hatte es uns vom Store zur Auswahl in die Badeanstalt gebracht, wo wir in den Badefässern mit Hilfe von Flieder- oder Rosenseife unseren Gestank loszuwerden versuchten.

Denn gestunken hatten wir nach vier Monaten Treiben mächtig. Das konnte auch gar nicht anders sein.

Als ich mir dann noch meinen Waffengurt mit dem schweren Revolver um die Hüften schwang, war ich fertig zum Abgang. Meinen neuen Hut hielt ich in der Hand. Und so verbeugte ich mich wie ein echter Hidalgo vor der noch schlafenden Rosy im prächtigen Messingbett und schwang den Hut.

Doch bevor ich mich zur Tür wenden konnte, setzte sich Rosy auf. Die Bettdecke fiel von ihrem nackten Oberkörper nieder, und nun sah ich, dass sie in der Rechten einen kleinen Colt Derringer hielt.

»Warte noch«, verlangte sie mit einem Klang von Belustigung in ihrer Stimme. Ich hielt inne und wartete.

Sie beugte sich etwas zur Seite und zog die Schublade ihres Nachtschränkchens auf, warf einen Blick in die kleine Lade.

Ich wusste, dass sie dort das Honorar für ihre Liebeskünste deponiert hatte.

Aber es war noch alles da. Ich hatte sie nicht bestohlen, so wie es wahrscheinlich schon welche meiner Vorgänger getan hatten. Denn die Welt war manchmal schlecht.

Sie lächelte nun zu mir herüber.

»Jetzt kannst du gehen, Cowboy«, sagte sie. »Vielleicht wirst du es mir nicht glauben, aber ich habe es gern mit dir getan. Von deiner Sorte gibt es nicht viele. Viel Glück auf deinen Wegen.«

»Das wünsche ich dir auch«, erwiderte ich und ging.

Es war ein Bedauern in mir.

Warum war die Welt so?

Indes ich die Treppe hinunter in die große Wohnhalle ging, da dachte ich endlich wieder an das, was vor uns lag, vor mir und den vier anderen Reitern der Stirrup Ranch von Lee Weathers, unserem Rancher.

Ja, wir fünf Reiter gehörten zur Stamm-Mannschaft der Stirrup Ranch, deren Brandzeichen ein Steigbügel war.

Die anderen Reiter waren in San Antonio als Treiber angeworben worden, ebenso auch der Koch mit dem Chuckwagen.

Als ich in die nobel eingerichtete Halle kam, da sah ich sie alle beim Frühstück sitzen, denn das gehörte hier zum Service.

Jubal Callahan, unser Vormann, der auch unser Treibboss war, empfing mich mit den Worten, wobei die drei anderen Jungs breit grinsten: »Na, bist du noch fähig, auf einem Caballo zu reiten? Schaffst du es noch in den Sattel?«

Ich grinste zurück und erwiderte: »Ihr seht auch nicht besonders rüstig aus. Sogar eure Ohren hängen schlapp herunter.«

Nun lachten sie. Ihre Namen waren Pike, Shorty, Ringo und Jubal. Und vielleicht hatten sie ihre Nachnamen längst schon vergessen. Nur von unserem Vormann wussten wir, dass er außer Jubal auch noch Callahan hieß.

Natürlich hatte ich meinen Vatersnamen noch nicht vergessen, obwohl man mich seit meiner Kindheit nur Jake nannte. Mein Nachname war Thorne. Ja, ich hieß Jake Thorne.

Ich setzte mich zu ihnen, erwiderte ihr Grinsen immer noch, und begann das Frühstück zu genießen.

Die Chefin, Prinzipalin oder Patrona des Etablissements kam zu uns an den Tisch und fragte mich: »War alles zu Ihrer Zufriedenheit, mein Freund?«

»Völlig«, erwiderte ich. »Und wenn ich wieder in Texas bin, werde ich dieses Haus weiterempfehlen.«

»Dafür würde ich sehr dankbar sein, mein Freund aus Texas.«

Sie war körperlich eine unförmige Frau mit einem Gemmengesicht, das immer noch die einstige Schönheit erkennen ließ.

***

Eine Stunde später holten wir unsere Sattelpferde aus dem Corral des Mietstalls, und jeder von uns besaß noch ein zweites Pferd.

Denn wir würden nach Texas den ganzen Treibweg zurückreiten.

Das hatte seinen Grund. Denn wir würden verschwiegene Wege – auch Umwege – reiten.

Fast fünfundvierzigtausend Dollar mussten wir nach Texas bringen zu unserem Rancher, der hoffentlich noch lebte und seine schwere Verwundung ausgeheilt hatte.

Fünfundvierzigtausend Yankeedollar in das arme Texas, das zu den Verlierern des Krieges Süd gegen Nord gehörte!

Diese gewaltige Summe setzte sich zusammen aus zumeist kleinen Scheinen und Hartgeld. Denn große Scheine konnte man in Texas noch nicht wechseln. Erst die Treibherden würden mit ihren Erlösen in Kansas für einen Aufschwung in Texas sorgen.

Doch es wurde so genanntes Kleingeld benötigt für Löhne, kleine Anschaffungen und nicht für größere Käufe.

Südstaatengeld war wertlos geworden. Nur Yankeedollars zählten.

Bisher versuchte man in Texas mit Tauschgeschäften über die schlechte Zeit zu kommen. Jetzt aber würde sich alles ändern, denn es waren viele Longhornherden zur Kansasbahn unterwegs, die sich in blanke Dollars verwandelten.

In zwei oder drei Jahren würde Texas die Not überwunden haben.

Was uns fünf Reiter der Stirrup Ranch und die fünfundvierzigtausend Dollar betraf, so hätten wir damit auch die Heimreise in Postkutschen bewältigen können.

Doch wir wussten, dass auf allen Wegen Banditen auf solche Narren lauerten, die mit Säcken voller Geld heim nach Texas wollten.

Und überdies befand sich unsere Stirrup Ranch im Krieg mit Butch Ironside und dessen hartgesottener Mannschaft. Deshalb mussten wir damit rechnen, dass Ironsides Revolvermänner und Banditen uns irgendwo auflauern würden.

Denn wenn unser Boss Lee Weathers bald kein Geld hatte, wurde er zum Verlierer.

Butch Ironside aber hatte reichlich Geld. Er war der Beauftragte einer mächtigen Bodenverwertungs-Gesellschaft von Yankees, deren Ziel es war, möglichst viel von Texas zu erobern.

So standen die Dinge also, und wir wussten, dass es noch einen gnadenlosen Kampf geben würde. Unser Boss konnte sich auf uns verlassen, aber er würde auch eine starke Revolvermannschaft in den Sätteln halten müssen. Das kostete Geld.

Wir mussten ihm den Erlös für die Herde heimbringen.

Nun, wir ritten vom Mietstall zuerst zum Store und versorgten uns mit Proviant und all den Dingen, die man haben musste, wenn man abseits der Wege ritt und unter freiem Himmel das Camp aufschlug.

Wir waren gut bewaffnet, denn das war ja unterwegs schon notwendig gewesen.

Und so kauften wir nur noch reichlich Munition. Dann ritten wir in den Hof der Kansas-Bank.

Dort hatte man uns schon erwartet, weil das so abgesprochen war.

Jubal Callahan ging mit Ringo und Mike hinein. Shorty und ich, wir blieben draußen bei den Pferden.

Dann kamen auch noch zwei der Deputy Marshals in den Hof. Einer sagte trocken: »Habt ihr schon gehört? Man hat die heimkehrende Mannschaft der Scull Ranch am Cimarron überfallen, als sie mitten in der Furt steckte. Es soll Rotbein-Jennisons Bande gewesen sein. Und sie erbeutete den ganzen Erlös für die Scull-Ranch-Herde. Die Nachricht kam vorhin mit der Postkutsche aus dem Süden. Und jetzt warten sie gewiss auf euch.«

Der Deputy Marshal verstummte mit einem Klang von Schadenfreude in der Stimme. Er war ein Yankee, das erklärte alles.

Ich sah ihn an und fragte: »Und das macht dir Freude?«

Er hob die breiten Schultern und ließ sie wieder sinken. Dann dachte er nach und erwiderte schließlich: »Eigentlich nicht. Denn diese Stadt lebt von den Texas-Herden. Ihr Texaner seid schon tolle Burschen. Gut so?«

Ich nickte ihm zu.

Dann warteten wir. Nach einer Weile kamen Jubal, Mike und Ringo heraus. Sie trugen prall gefüllte Satteltaschen, und wir wussten, sie waren schwer. Denn Hartgeld-Dollar wogen was. Dieses verdammte Kleingeld würde uns noch eine Menge Schwierigkeiten machen. Doch man brauchte es in Texas nun mal dringender als große Geldscheine.

Jeder von uns bekam zwei Satteltaschen und legte sie über den Nacken seines Reservepferdes. Dann saßen wir auf.

Einer der Marshals sagte: »Bis zur Stadtgrenze seid ihr sicher mit euren Dollars.«

Jubal Callahan erwiderte aus dem Sattel zu ihm nieder: »Oha, wir sind euch sehr dankbar. Dodge City ist eine wunderbare Stadt.«

Seine Stimme höhnte.

Dann ritten wir an und waren unterwegs.

Vor uns lagen mehr als eintausendfünfhundert Meilen, vielleicht fast zweitausend, wenn wir Umwege reiten mussten.

Und wir wussten nicht einmal, ob unser Rancher Lee Weathers überhaupt noch am Leben war und es die Stirrup Ranch noch gab.

***

Ich ritt an diesem Tag als letzter Mann, führte das andere Pferd an der langen Zügelleine mit. Wenn ich es nach zehn Meilen wechselte, würde ich nur den Sattel von einem Rücken auf den anderen legen müssen.

Meine vier Gefährten hatte ich vor mir.

Mike war ein bulliger Typ, eigentlich gutmütig. Aber wenn man ihn reizte, da glich er einem wilden Toro. Manchmal spielte er wunderschön mit seiner Mundharmonika. Mit dem Revolver war er nicht besonders schnell. Doch mit dem Gewehr war er ein Scharfschütze.

Vor ihm ritt Shorty. Schon sein Name sagte alles. Ja, er war klein und wirkte zu Fuß unscheinbar. Im Sattel jedoch sah er wie ein Ritter aus.

Ich erlebte ihn am Vortag im Longhorn Saloon, wo man sich Tanzkarten kaufen konnte. Zwei Tänze mit einem der Mädchen kosteten einen Dollar, und zuvor musste man dem Mädchen noch einen Drink kaufen, sich selbst natürlich auch einen.

So war man schnell zwei Dollar los. Dodge City war eine gierige Stadt.

Nun, ich erlebte Shorty also, als ein Bursche, der zwei Köpfe größer war als Shorty, ihm beim Tanz das Mädchen abnehmen wollte.

Shorty machte es kurz und schnell. Er trat ihm auf die Zehen, und als der Bursche auf einem Bein tanzte, dabei brüllte, da rammte ihm Shorty die Faust dorthin, wo es einen Mann besonders schmerzt. Der Riese verbeugte sich ganz zwangsläufig und bekam Shortys hochgerissenes Knie unters Kinn.

Dies alles war gewiss ziemlich rau und brutal. Aber es war ein typischer Kampf, wenn ein Kleiner sich gegen einen Großen behaupten musste. Shorty hätte sonst keine Chance gehabt. Der Riese würde ihn in den Boden gerammt haben wie einen Zaunpfahl.

Und als der Mann am Boden lag, bot Shorty seiner Tänzerin den Arm und sagte dabei: »Lady, entschuldigen Sie die Unterbrechung.«

Alle anderen Tanzpaare, die innehielten, spendeten Beifall.

Und die Rauswerfer des Saloons schleiften den Riesen vor die Tür.

Vor Shorty ritt Ringo. Er war ein hübscher Bursche mit goldenen Locken, um die ihn jedes Mädchen beneidete. Auf den ersten Blick wirkte er nicht besonders hart, aber wenn man in seine stahlblauen Augen gesehen hatte, stufte man ihn anders ein. Wahrscheinlich war er ein Revolvermann, der sich einen Job als Cowboy gesucht hatte, um vergessen zu werden.

Vor Ringo ritt unser Vormann Jubal Callahan.

Er war fast zehn Jahre älter als wir, sah gut aus und wirkte wie ein Mann, der das Leben in allen Höhen und Tiefen kennt. Er war gewissermaßen der Ziehsohn von Lee Weathers, strömte ruhiges Selbstbewusstsein aus, ruhte in einer innerlichen Kraft.

Er war hart, schnell und zuverlässig.

Unser Boss hatte seine Frau verloren, auch seine Tochter.

Und so würde Jubal Callahan eines Tages die Ranch übernehmen wie ein Sohn.

Wir ritten also los, legten an diesem Tag noch etwa dreißig Meilen zurück und bezogen ein Camp an einem Creek. Shorty war auf unserer Fährte zurückgeblieben.

2

Es war gegen Mitternacht, als Shorty, der zurückgeblieben war, uns weckte.

»Jungs«, sagte er, »die Welt wird immer schlechter. Ja, da sind fast ein Dutzend Pilger hinter uns. Sie lagern auf unserer Fährte, und ich denke, sie werden in der grauen Stunde kommen, die wir in Texas Comanchen-Mond nennen. Wir sollten uns also auf unsere Pferdchen setzen und ein Stück weiterreiten. Ich werde wieder einen Bogen schlagen, bis ich hinter ihr Camp gelange. Und wenn sie zu Fuß zu euch unterwegs sind – sie wissen genau, wo dieses Camp liegt, denn sie sahen das Feuer –, dann stehle ich ihnen ihre Caballos. Wie gefällt euch meine Idee?«

Er fragte es herausfordernd, denn er war von seiner Idee richtig begeistert.

Wir mussten nicht lange überlegen.

Mike lachte glucksend, kicherte dann: »Die sind dreißig Meilen von Dodge City weg. Hoiii, das ist ein langer Weg zu Fuß. Nicht wahr, Jube, wir lassen unseren kleinen Pferdestehler machen?«

»Lass dich nur nicht erwischen, Shorty«, mahnte Jubal Callahan.

Shorty stieß einen Laut der Freude und Lust aus.

»Mich erwischt keiner«, versicherte er. »Ich habe schon mit drei Jahren Hühnereier gestohlen. Und auch da hat man mich nicht erwischt.«

Er verstummte richtig stolz.

Dann schwang er sich wieder auf seinen Pinto und verschwand in der Nacht.

Die ganze Sache war für ihn ganz einfach. Er musste nur warten, bis sich die Bande zu Fuß auf den Weg machte, um unser Camp zu umstellen.

Er würde nur Schwierigkeiten bekommen, wenn die Kerle aus Dodge City einen Wächter bei den Pferden zurückließen.

Wir packten unsere Siebensachen zusammen, luden die prall gefüllten Satteltaschen auf die Reservepferde und hörten dabei das leise Klingeln der Dollars.

Im Schritt ritten wir an. Und erst nach einer Meile – als wir sicher waren, dass der Hufschlag von unseren Verfolgern nicht mehr gehört werden konnte –, da ritten wir im leichten Trab weiter.

Mike, unser stets hungriger Bulle, der murrte einmal laut: »Verdammt, ich hätte gern in aller Ruhe gefrühstückt.«

***

Es war gegen Mittag – wir rasteten an einem Creek, der zum Cimarron floss – als unser Shorty auftauchte.

Er wirkte vergnügt und zufrieden, so als hätte er wieder als kleiner Bub Hühnereier gestohlen.

»Ich habe ihre Pferdchen einige Meilen weit nach Osten getrieben«, sagte er. »Denn ich sah da in der Ferne eine kleine Indianerhorde. Die haben sich gewiss gefreut. Habt ihr auch für mich was zu beißen?«

Ich deutete auf den heißen Stein in der glühenden Asche des Feuers. Dort lagen noch einige Speckpfannkuchen.

Er nahm einen, rollt ihn zu einer Wurst und biss hinein. Mike reichte ihm den gefüllten Kaffeebecher und sagte dabei: »Vorsicht, Shorty, verbrenn dir nicht die Lippen. Der Becher ist heiß, so heiß wie die Lippen von Conchita, die ich in Dodge City erlebte wie einen Vulkan.«

Als er verträumt verstummte, so als erlebte er alles noch einmal in seinen Erinnerungen, da murrte Ringo: »Wir werden jetzt wieder verdammt lange keine Frauen haben. Verdammt, was ist das für ein lausiges Leben!«

Wir schwiegen, aber jeder von uns dachte jetzt nach. Gewiss erinnerte sich nun wieder jeder von uns, wie es vor fast zwei Jahren war, als wir aus dem Krieg zurück nach Texas kamen und nichts anderes als abgerissene Satteltramps waren. Damals hatte uns Lee Weathers aufgenommen.

Er war mit Jubal Callahan zu einem Feuer gekommen, an dem wir hockten und ein Jungkalb brieten. Eine ganze Bande von Satteltramps waren wir, alles Heimkehrer aus dem verdammten Krieg.

Wir hatten eines seiner Kälber abgehäutet, ausgenommen und drehten den Spieß in zwei Astgabeln. Die ersten Bissen verschlangen wir halb roh, denn unser Hunger war zu mächtig. Natürlich starrten wir die beiden Reiter grimmig an, denn wir konnten uns denken, dass sie zu der Ranch gehörten, deren Kälbchen wir brieten.

Und den einen Reiter hielten wir von Anfang an für den Boss dieser Ranch. Denn er sah nicht wie ein einfacher Cowboy aus. Sie wirkten beide wie Vater und Sohn.

Einer von uns sagte: »Wenn Sie Hunger haben, Mister, dann bedienen Sie sich. Es ist gutes, zartes Kalbfleisch.«

Sie grinsten beide. Dann stiegen sie wahrhaftig beide ab und setzten sich zu uns. Auch sie schnitten sich Stücke vom Braten ab.

Wir kamen ins Gespräch, und so lernten wir Lee Weathers und Jubal Callahan kennen.

Ja, sie fragten uns aus, wollten wissen, woher wie kamen und bei welcher Truppe wir gedient hatten. Sie stellten viele Fragen. Und so kannten sie bald jeden von uns einigermaßen.

Es stellte sich heraus, dass Mike, Shorty, Ringo und ich richtige Weidereiter gewesen waren. Die anderen waren mal Handwerker gewesen, Frachtfahrer, Farmer.

Weathers konnte nur Cowboys gebrauchen. Er sagte uns, dass er noch keinen Lohn zahlen könne, uns jedoch Unterkunft und Essen garantieren würde. Und so ritten wir mit ihm zur Stirrup Ranch und wurden seine Reiter.

Und jetzt waren wir mit fünfundvierzigtausend Dollar auf dem Heimweg. Es wäre leicht gewesen für uns, ihn zu betrügen, einfach das Geld unter uns aufzuteilen und unserer Wege zu reiten.

Jubal Callahan, der ihm wie ein Sohn war, hätte es nicht verhindern können.

Doch zu dieser Sorte gehörten wir nicht. Wir fühlten uns wie Ritter von King Weathers.

Ja, King Weathers! Denn die Stirrup Ranch war ein kleines Kingdom, ein Königreich.

Er hatte uns damals bei sich aufgenommen und Anspruch auf unsere Treue.

Ja, so war es. Denn auf was sonst hätten wir stolz sein können, wenn nicht auf unsere Treue? Unser Stolz war der Stirrup-Brand.

Denn es ist nun einmal so, dass ein Mann an etwas glauben musste, um seinem Leben einen Sinn zu geben. Ja, wir liebten Lee Weathers wie die Ritter einen König. Denn er war fair, gut und gerecht.

Und er brauchte uns im Kampf gegen Butch Ironside. So einfach war das.

***

Zwei Tage später erreichten wir abseits des Wagenweges den Cimarron.

Manchmal sahen wir in der Ferne Treibherden, die nach Dodge City wollten.

Shorty knurrte einmal: »Wenn ich mir vorstelle, dass diese Jungs da bald mit der dicken Molly im Bettchen liegen, in dem ich mit ihr das Himmelreich genoss … Oho, vielleicht hätte ich Farmer werden sollen. Da hätte ich ein Mädchen heiraten, mit ihr in einer Hütte leben und ihr jedes Jahr ein Kind machen können.«

Wir grinsten verständnisvoll.

Dann aber starrten wir vom Uferhang auf den Cimarron nieder, den Fluss, dessen Name so viel wie »Entlaufener Sklave« bedeutete.

Er war ziemlich wild, und es gab hier keine Furt. Wir durften keine Furt benutzen, denn gewiss lauerten bei allen Furten die Banditen von Rotbein-Jennison.

Mike schüttelte sich plötzlich wie ein Hund, der sein Fell vom Wasser befreien will. Dann knurrte er: »Ich wäre damals fast schon am Red River ersoffen, weil der Hochwasser führte. Und hier ist keine Furt, also für mich wie Hochwasser. Verdammt, ich kann immer noch nicht schwimmen. Müssen wir wirklich hier durch?«

»L

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