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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 044

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Der Weg der Dolan-Brüder
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Kapitel 13
  16. Kapitel 14
  17. Vorschau

Der Weg der Dolan-Brüder

1

Wir hatten es damals, bevor wir ins Feld zogen, so untereinander ausgemacht: Wenn wir getrennt werden sollten im Verlaufe des Krieges, dann würden wir uns nach dem Ende in El Paso treffen. Dort würden wir aufeinander warten. Wir, das waren meine drei Brüder und ich.

Unser Ruf war damals in Texas vor dem Krieg nicht besonders gut gewesen, aber dennoch waren wir wie gute Texaner zur Rekrutierungsstelle der Texasbrigade geritten und hatten uns einstellen lassen. Es gab dann ein paar Dollar Handgeld vom Rekrutierungsoffizier.

Er grinste, als er es uns gab, und sagte: »Von euch habe ich schon ein paar Geschichten gehört. Ihr seid Raufbolde und Revolverschwinger, Pferde- und Rinderdiebe. Vielleicht hätte man euch irgendwann und irgendwo an den Hälsen aufgeknüpft. Dass ihr jetzt Soldaten werdet, ist euer Glück. Denn jetzt endlich könnt ihr eure Fähigkeiten für Texas einsetzen.«

Er sagte es lachend, und er war offensichtlich ein Zyniker, der die Dinge auf dieser Erde ziemlich drastisch von zwei Seiten betrachtete.

»Ihr müsst nur genügend Feinde erledigen, um gute Texaner zu sein«, fuhr er fort. »Und vielleicht bekommt ihr dann sogar noch Orden und werdet befördert. Dann seid ihr plötzlich hoch geachtete Helden, obwohl ihr doch eigentlich nichts anderes getan habt als vorher auch. Ist das nicht lustig?«

Nun gut, wir nahmen also unser Handgeld und ließen nochmals die wilde Sau heraus. Denn wir waren noch jung, wild und verwegen.

Als wir uns am nächsten Morgen bei unserer Truppe meldeten, konnten wir uns kaum in den Sätteln halten. Und Bruce sang heiser das berühmte Lied vom Pikes-Whiskey, mit dem Doc Bonescale sogar Tote erwecken konnte.

Nun, dann ritten wir in den Krieg und wurden bald schon getrennt, weil wir alle vier immer wieder verwundet wurden und in die verschiedensten Feldlazarette kamen und auch verschieden langen Genesungsurlaub erhielten.

Anschließend teilte man uns anderen Truppenteilen zu, und wir trafen uns nur einige Male für ein paar Stunden, als unsere Abteilungen zufällig den gleichen Einsatz hatten.

Selbst als wir nach der Kapitulation des Südens in Gefangenschaft gerieten, brachte man uns in verschiedene Gefangenenlager.

Aber irgendwann wurde ich entlassen und konnte mir denken, dass dies auch mit meinen Brüdern so sein würde.

Also mussten sie irgendwann – falls sie noch am Leben waren – in El Paso auftauchen.

Ich hatte sie schon länger als zwei Jahre nicht gesehen.

Was war wohl aus ihnen geworden?

Auf jeden Fall hatten sie gut gekämpft. Und auch befördert wurden sie.

Aber was nützte ihnen das jetzt noch? Der Süden hatte verloren. Und so wurden wir Satteltramps. Es konnte gar nicht anders sein. Tausende von Exsoldaten der Konföderation wurden jetzt Satteltramps.

Ich kam auf einem wunderschönen Rappen nach El Paso. Der Hengst hatte einem Unionsmajor gehört, welcher Ortskommandant in einer kleinen Stadt am Mississippi geworden war. Ich fand den Rappen hinter einem Edelbordell und dachte mir, dass der Major ja jetzt gewiss auf einer prächtigen Puta ritt. Und so machte ich mich mit dem schwarzen Hengst davon. Wir verstanden uns vom ersten Moment an prächtig.

Nun, ich kam also nach einem sehr weiten Ritt von einigen Wochen nach El Paso, und ich war sicher, dass ich meine Fährte verwischt hatte.

Ich hatte die Meilen nicht gezählt, aber es mussten gewiss an die fünfzehnhundert gewesen sein, die ich auf dem Rappen ritt, den ich Black Jack getauft hatte.

Natürlich hatte der Major Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um sein Pferd wieder zurückzubekommen. Es war ja ein Tausend-Dollar-Pferd. Und auch der Sattel war kein McClellan-Armeesattel, sondern das Kunstwerk eines Sattlers.

Ich ritt als Sattelstrolch also auf einem wertvollen Gaul und saß auf einem Kunstwerk von Sattel.

Als ich an einem Morgen aus den Guadalupe Mountains ritt und weit zurück im Osten hinter mir über dem El Capitan Peak die Sonne hochkam, da hatte ich Hunger wie ein Wolf, der in der Wüste nicht mal eine Klapperschlange zum Fressen fand.

Da hatte ich Glück. Denn in einer Senke am Rand des staubigen Weges hockte eine Horde von Satteltramps um die Glut eines gewaltigen Feuers, über dem sie ein ganzes Rind schon recht knusprig gebraten hatten. Sie begannen schon damit, sich die ersten Stücke abzuschneiden und die Bäuche zu füllen.

Einige betrachteten mich misstrauisch, aber ich trug ja noch die Hosen der Konföderierten und auch den Feldhut, an dem sich noch die goldene Offizierskordel als Hut- und Windschnur befand.

Mein kostbares Pferd machte sie misstrauisch.

Aber dann rief einer aus der mampfenden Gruppe: »Hoiii, Lieutenant Dolan! Willkommen in unserem Kreise der Edlen! Sitzen Sie ab und bedienen Sie sich! Schön, dass auch Sie davongekommen sind!«

Ich kannte den Mann, der war einmal Korporal in meinem Haufen gewesen und hieß Slater.

Ich saß also ab und hörte einen anderen Mann sagen. »Der ist aber kein Lieutenant mehr, du Arsch. Der ist jetzt ebenso ein Satteltramp wie wir alle. Warum redest du ihn immer noch mit Lieutenant an?«

»Weil er Respekt verdient, du Pfeife«, erwidert Slater grob. »Weil er einer der wenigen Offiziere war, für die wir uns den Arsch aufgerissen hätten.«

Ich hörte das und grinste vor mich hin, trat zum gebratenen Rind und schnitt mir zwei Pfund davon ab. Damit kletterte ich wieder in den Sattel und nickte Exkorporal Slater zu.

»Schön, dich zu sehen, Slater«, sagte ich. »Aber der da hat es richtig erkannt. Ich bin kein Lieutenant mehr. Das ist vorbei. Ich bin ein Satteltramp wie wir alle. Das ist nun mal so, wenn man einen Krieg verloren hat. Viel Glück, Slater.«

Sie hatten alle zugehört. Ich biss in das Stück Fleisch und schnitt mir den Bissen dicht vor den Lippen ab.

Als ich zu kauen begann, hörte ich einen Mann aus der Versammlung sagen: »Der scheint ja wirklich ganz vernünftig gewesen zu sein, Slater. Ich kannte mal einen Lieutenant …«

Ich hörte nicht länger zu, sondern ritt im Schritt weiter, lenkte den Rappen nur mit den Schenkeln und verputzte das Fleisch. Denn dazu brauchte ich beide Hände, eine Hand, um den Batzen Fleisch zu halten, und die andere Hand für das Messer, wenn ich den Bissen vor meinen Lippen abschnitt.

Nein, ich wollte nicht bei der Versammlung bleiben, denn vielleicht gab es dort noch mehr Exsoldaten, die etwas gegen Exoffiziere hatten. Das war wohl auf der ganzen Welt so, und vielleicht war es sogar verständlich.

Nach El Paso war es nicht mehr weit. Ich sah es auf einem verwitterten Wegweiser. Am späten Vormittag würde ich dort ankommen. Ich war neugierig, was sich dort in den vergangen fünf Jahren alles verändert haben würde.

Damals – als wir Dolans noch ein wildes Rudel waren – war El Paso fast die zweite Heimat für uns gewesen. Geboren wurden wir am Brazos. Aber El Paso – der Durchgang – war für uns sehr praktisch gewesen. Man konnte von hier sehr schnell hinüber nach Mexiko.

Ich hatte dann längst die zwei Pfund Rindfleisch im Magen, als ich die Mainstreet abwärts ritt, die zum Fluss hinführte.

Vor der El-Condor-Spielhalle stand mein Bruder Jesse und rauchte eine Maiskolbenpfeife. Ich erkannte ihn trotz seines fast schwarzen Vollbarts. Aber er starrte mich etwas zweifelnd an, während ich vor den drei Stufen der Veranda verhielt. Erst als ich zwischen meinem Bartgestrüpp grinste, da grinste er zurück und sagte dankbar wie ein Mensch, dem ein Gebet erhört wurde: »Da bist du ja, Jeremy. Verdammt, was hast du dich verändert. Nur an deinem Grinsen habe ich dich erkennen können. Aber es ist gut, dass du endlich eingetroffen bist. Und ein schönes Pferdchen reitest du. Hast du vielleicht auch ein paar Dollars in der Tasche?«

Er fragte es mit geradezu inbrünstiger Hoffnung.

Ich schüttelte nur stumm den Kopf und sah dann, wie er sich ziemlich ratlos hinter dem linken Ohr kratzte. Aber das tat Jesse schon immer, wenn er ratlos war oder ihm eine Situation nicht behagte.

»Verdammt«, sprach er dann, »dieser Hurensohn dort drinnen wird unseren Großen aus dem Spiel bieten, weil Stapp nicht mehr mitgehen kann. Vielleicht könnten wir deinen Gaul anbieten. Mann, woher hast du das Tierchen?«

Ja, auch Jesse hatte sofort erkannt, auf was für einem Pferd ich saß. »Und der Sattel ist ja auch nicht schlecht«, murmelte er dann hoffnungsvoll.

Er winkte mir heftig zu. »Na los, runter vom Pferd, Jeremy. Gehen wir hinein. Stapp sitzt in einer Pokerrunde und hat einen Flush in der Hand. Aber er kann nicht mehr lange mitbieten. Ich ging hinaus, um nach einem Wunder Ausschau zu halten. Wahrscheinlich habe ich dich gerochen. Komm endlich!«

Er meinte es ernst. Und so wollte ich ihn nicht enttäuschen.

Denn wenn unser Großer – er war der Älteste von uns Dolan-Brüdern – einen Flush in der Hand hatte, dann durfte man ihn ja wohl nicht enttäuschen.

Ich begann zu ahnen, dass die alten Zeiten für uns Dolans wieder angebrochen waren. Da drinnen in der Spielhalle musste an diesem späten Vormittag etwas in Gang gekommen sein, was gewiss schon gestern Abend begonnen hatte.

Ich schwang mich vom Pferd, warf die Zügelenden um den Haltebalken und folgte Jesse hinein.

Sie saßen zu fünft in der Ecke an einem runden Pokertisch. Außer Stapp war auch noch Bruce dort. Aber Bruce hatte längst schon gepasst und saß zurückgelehnt. Auch zwei weitere Spieler saßen nur noch als Zuschauer am Tisch und waren nicht mehr im Spiel. Doch Stapp und der fünfte Mann am Tisch hielten noch die Karten in der Hand.

Ich hörte diesen Mann nun fordernd sagen: »Also, gehen Sie mit oder geben Sie auf? Wie lange wollen Sie denn noch auf ein Wunder warten? Wunder gibt es nicht. Also, ich habe um vierhundert Dollar erhöht. Sie können erst sehen wollen, wenn Sie ebenfalls vierhundert einbringen. Also?«

Das Spiel stand also vor dem Ende.

Stapp musste vierhundert Dollar bringen oder aufgeben. So einfach war das. Sie spielten einen höllischen Poker, der allein nur die Vernichtung des Gegners zum Ziel hatte.

Ich warf einen Blick auf diesen Mann. Er ließ mich an einen Löwen denken, den ich mal in einem Zirkus sah. Seine Stimme klang wahrscheinlich stets etwas grollend. Und er war schwergewichtig, aber nicht fett, sondern muskulös. Sein gelbschwarzes Haar – ja, es hatte zwei Farben – hing ihm bis zu den Schultern nieder und verdeckte seine Ohren. Das war ein schlechtes Zeichen für ihn, denn im alten Texas schnitt man den Pferde- und Viehdieben die Ohren halb ab, wenn man sie nicht hängen wollte. Sie mussten damals mit diesem Zeichen herumlaufen. Erwischte man sie nochmals, dann gab es keine Gnade mehr.

So war das vor dem Krieg in Texas, und vielleicht war es immer noch so.

Die langen Haare waren also kein gutes Zeichen. Aber es gab auch Männer, die trugen die Haare so lang, weil sie sich einen Teufel darum scherten, was man von ihnen dachte.

Es wurde mir in diesen Sekunden auch klar, dass die beiden anderen Mitspieler zu ihm gehörten. Und hinten an der Bar, da standen noch zwei harte Nummern. Sie gehörten gewiss ebenfalls zu diesem löwenhaften Burschen. Wahrscheinlich waren sie eine Mannschaft, so wie wir Dolans, und zählten einen mehr.

Ja, wir Dolans waren nun wieder eine Mannschaft. Ich hatte meine Brüder gefunden. Und so waren wir gewissermaßen ein vierblättriges Kleeblatt.

Ich sah auch in diesen wenigen Sekunden, wie nervös der Barmann Gläser putzte.

Sonst waren um diese Stunde keine weiteren Gäste in der Spielhalle. Der Betrieb hier ging erst am Abend los. Der Barmann war übernächtigt. Alle waren sie übernächtigt. Und es wehte hier kein wohlwollender Atem.

Ich hörte mich sagen: »Ich habe draußen ein Tausend-Dollar-Pferd und einen Fünfhundert-Dollar-Sattel. Nehmen Sie beides zusammen als Vierhundert-Dollar-Einsatz, Mister?«

Der zweibeinige Löwe sah mich an mit seinen gelben Augen.

Auch Stapp wandte den Kopf und betrachtete mich. »Aaah, da bist du ja endlich, Kleiner«, sagte er und grinste.

Und zu dem Löwen gewandt sprach er: »Aaah, das ist nur mein kleiner Bruder. Aber wenn er sagt, dass er draußen ein besonderes Pferd mit einem besonderen Sattel hat, dann wird es stimmen. Wollen Sie, Leroy?«

Dieser betrachtete mich nochmals.

Dann sprach er zum Schanktisch hin: »Latigo, sieh dir mal den Gaul und den Sattel an.« Nach diesen Worten lehnte er sich zurück.

Jener Latigo – der Name bedeutete soviel wie »Rohhäuter« – bewegte sich vom Schanktisch hinaus. Er kam schon bald wieder und sagte: »Stimmt, Leo, stimmt alles!«

»Na gut«. Dieser Leo Leroy grinste, denn das musste ja wohl sein Name sein, »dann wollen wir mal sehen.«

Er deckte seine Karten auf. Es kamen vier Könige und ein Ass. Dieser Vierling war nur von zwei anderen Kartenkombinationen zu schlagen, nämlich von einem Straight Flush, also fünf aufeinander folgenden Kartenwerten einer Farbe und einem Royal Flush, der als höchsten Wert am Ende ein Ass hatte. Aber Stapp hatte keine von diesen beiden Kartenkombinationen. Er deckte einen Drilling und ein Paar auf.

Ich aber war mein schönes Pferd und den wunderbaren Sattel los. Dieser Leo Leroy aber legte seinen Kopf zurück und lachte wie verrückt röhrend aus seiner mächtigen Brust.

Stapp und Bruce erhoben sich wortlos und gingen hinaus. Jesse und ich folgten ihnen. Und das Lachen folgte uns gnadenlos.

Ich sagte zu Jesse: »He, ich denke, Stapp hätte einen Flush. Oder hattest du nichts von einem Flush gesagt?«

»Doch – schon«, knirschte Jesse. »Doch hättest du sonst dein schönes Pferd hergegeben? Ich glaubte, dass dieser Leroy nur bluffen würde, weil Stapp mit unserem Geld am Ende war. Ich …«

»Halt’s Maul«, fauchte ich, »oh, halte doch dein verdammtes Maul! Und so etwas habe ich als Bruder.«

Wir versammelten uns dann draußen auf der Veranda.

Stapp nickte mir zu und sagte: »Wir werden schon wieder ein Pferdchen für dich finden, Kleiner.«

»Nennt mich nur nicht noch mal Kleiner«, fauchte ich. »Die Zeiten sind vorbei. Da bin ich fünfzehnhundert Meilen bis nach El Paso zu meinen Brüdern geritten und muss jetzt erleben, dass sie drei hirnlose Ärsche sind.«

Nach diesen Worten trat ich zu dem herrlichen Pferd und nahm ihm mein weniges Gepäck ab. Damit ging ich davon. Ich konnte meine Brüder nicht mehr sehen.

2

So ist das also im Leben. Man bekommt dann und wann immer mal was um die Ohren oder auf die Nuss.

In solch einem Fall ist es das Beste, wenn man den Schlag möglichst schnell wegsteckt und weitermacht. Irgendwann erwischt man vielleicht wieder eine Glückssträhne, es sei denn, man ist ein ewiger Verlierer oder gar vom Schicksal zum Untergang bestimmt. Dann nämlich kann man machen, was man will, man kommt einfach nicht mehr auf die Beine.

Verdammt, ich brauchte ein Pferd. Ohne Pferd war man ja in diesem Land noch weniger als ein Satteltramp. Ein Mann von meiner Sorte war ohne Pferd ein Krüppel. Aber woher bekam ich hier in El Paso ein Pferd?

Pferdediebe hängte man hier am Hals auf. An dieser Praxis hatte sich gewiss in den vergangenen fünf Jahren nichts geändert.

Offensichtlich hatte sich hier in El Paso überhaupt nichts geändert. Jedenfalls kam mir das nach den ersten Eindrücken so vor.

Und wenn das wirklich so war, dann musste es auch Esmeralda de Capazza noch geben, die damals etwas außerhalb der Stadt dicht beim Fluss das noble Hurenhaus mit den schönsten Mädchen zu beiden Seiten der Grenze führte.

Damals – ich war noch nicht mal siebzehn gewesen – hatten mich meine drei älteren Brüder dorthin mitgenommen und mich der schönen Dolores übergeben. Sie hatten ihr gesagt, dass ich noch eine männliche Jungfrau sei und sie mir beibringen solle, was schon Adam und Eve getan hätten.

Nun, die Dolores wunderte sich damals, wie schnell ich lernen konnte. Und so wurden sie und ich richtige Freunde. Denn gewissermaßen war sie doch dafür verantwortlich, dass auch ich meinen ersten Sündenfall beging.

Ich besuchte die schöne Dolores immer, wenn ich genügend Dollars besaß. Sie wollte eigentlich nie etwas von mir nehmen, aber ich bestand darauf. Und so blieben wir Freunde.

Einmal sagte sie zu mir: »Jerry, wenn du ein paar Jahre älter wärest und ich keine Hure wäre, könnten wir eine glückliche Ehe führen. Hoffentlich findest du mal eine Frau, die dich glücklich macht, weil sie nicht nur gut im Bett, sondern auch sonst eine Frau ist, die mit dir durch dick und dünn geht und zu dir hält bis in die Hölle und zurück. Denn solch eine Frau wirst du brauchen, weil du einer der Dolan-Brüder bist.«

Nun, lieber Leser meiner Geschichte, ich erinnerte mich also wieder an Esmeralda de Capazza und die schöne Dolores.

Vielleicht gab es sie noch. Und wenn das so war, dann würde ich auch ein Pferd und ein paar Dollars oder Pesos bekommen.

Ich konnte mich noch gut an den Weg erinnern, der zu dem schönen Haus inmitten eines gepflegten Gartens führte.

Damals war ich diesen Weg stets geritten. Nun lief ich durch den Staub und trug mein weniges Gepäck.

Verdammt, was war ich wütend auf meine Brüder und ganz besonders auf Jesse, der mir etwas von einem Flush erzählte, der dann gar keiner war. Diese verdammten Pfeifen hatten mich um das wundervolle Pferd und den kostbaren Sattel gebracht. Und überdies sagten sie immer noch Kleiner zu mir. Ich traute mir zu, jeden von ihnen umhauen und ihm auch in anderer Hinsicht etwas vormachen zu können.

Aaah, ich hatte genug von ihnen. Ich war verdammt wütend auf sie.

Und so sehnte ich mich nach der schönen Dolores. Ob sie immer noch so wunderschön war wie damals? Oder gab es sie gar nicht mehr?

Wenig später sah ich das Haus. Und es sah immer noch so aus wie vor etwas mehr als fünf Jahren. Nur die Bäume und Büsche waren größer geworden.

Ich ging unwillkürlich schneller. Die Sporen an meinen Stiefeln klingelten melodisch. Das Haus war einmal von einem Hidalgo errichtet worden, als das Land hier noch zu Mexiko gehörte. Aber Esmeralda hatte sorgfältig alles instand halten lassen. Weiß leuchteten die Mauem zwischen dem Grün der Weinranken.

Ich ging in den Innenhof und traf dort auf den alten Samuel. Er war ein schwarzer Sklave gewesen. Doch Esmeralda hatte ihm die Freiheit bescheinigt, obwohl er sie fünfhundert Dollar gekostet hatte.

Er hatte jetzt schneeweißes Haar, und als er mich erkannte, da zeigte er immer noch weiße Zahnreihen. Er hatte bei einem Blumenbeet Ordnung geschaffen, also Unkraut gezupft.

Nun rief er: »Jeremy! Du guter Vater im Himmel, ich werde in der Kirche eine große Kerze anzünden!«

Ja, er freute sich, mich zu sehen.

Dann kam er, um mich anzufassen, so als fürchtete er, nur ein Trugbild zu sehen. Doch ich konnte ihn beruhigen, indem ich mein weniges Gepäck fallen ließ und ihm auf beide Schultern klopfte.

Er sagte erleichtert: »Weißt du, Mister Jeremy, es ist ja so, dass zumeist die Guten nicht wiederkommen, während die Schlechten Glück haben. Nun ist Freude in mir, denn ein Guter wiegt zehn Schlechte auf!«

Er deutete auf den Eingang, der unter den Arkaden des Innenhofes in die große Wohnhalle führte, wo die Mädchen ihre Gäste empfingen, etwas tranken und sich auch unterhielten.

Und erst später, wenn es eine Übereinstimmung gab und ihnen die Freier angenehm genug waren, gingen sie mit ihnen nach oben.

Ja, ich kannte mich aus.

Nun, er deutete also auf den Eingang zur Wohn- und Empfangshalle und sagte: »Donna Dolores wird sich mächtig freuen, Mister Jeremy.«

»Und gewiss auch Donna Esmeralda«, sprach ich.

Aber da schüttelte er seinen weißhaarigen Kopf.

»Donna Esmeralda gibt es nicht mehr«, sprach er traurig. »Sie starb vor etwa einem Jahr. Dort drüben unter den Rosen lauerte eine Klapperschlange. Ich habe sie dann getötet. Donna Esmeralda kämpfte noch zwei Tage und Nächte gegen das Gift. Aber dann verlor sie, weil ihr Herz …«

Er brach heiser ab und wischte sich über sein Gesicht.

Nach einer Weile sprach er wieder einigermaßen beherrscht: »Donna Dolores Valdes ist jetzt unsere Patrona. Geh nur hinein, Mister Jeremy.«

Das tat ich. Mein Gepäck ließ ich einfach liegen. Samuel würde sich darum kümmern, das wusste ich.

All die Erinnerungen wurden wieder wach, als ich mich drinnen umsah.

Hier waren wir Dolan-Brüder oft und oft zu Gast gewesen und hatten unsere Dollars oder Silberpesos verjubelt, die wir mit Rinder- und Pferdediebstahl verdienten.

So mancher jetzt riesengroße Rancher in Texas und New Mexico hatte von uns Herden gekauft, nicht nur Longhorns, sondern auch Pferde von bester Zucht. Denn es ging den zukünftigen Cattlekings vor allen Dingen darum, möglichst viel freies Weideland mit Rindern zu besetzen, also auf diese Weise für das jeweilige Brandzeichen zu beanspruchen.

Esmeralda war also nicht mehr unter uns Lebenden. Ich verspürte wirklich ein tiefes Bedauern. Ja, es konnte durchaus ehrliche Trauer genannt werden.

Doch dann kam Dolores aus einem der Nebenräume in die große Halle.

Himmel, sie sah jetzt wirklich wie eine wunderschöne Dame aus, wie eine spanische Hidalga, so richtig vornehm und edel. Sie war etwa fünf Jahre älter als ich, musste jetzt dreißig sein.

Und sie war noch schöner geworden. Sie strahlte auch etwas aus, was man nicht so leicht beschreiben kann.

Aber hatte es nicht schon in der Weltgeschichte Edelhuren gegeben, die zu Fürstinnen oder Gräfinnen aufstiegen, zumindest mächtige Mätressen von Herrschern wurden? Daran musste ich jetzt denken, als ich Dolores Valdes sah.

»Heiliger Rauch«, sprach ich feierlich, »bist du die wiederauferstandene Königin von Saba?«

»Nein.« Sie lächelte. »Ich bin nur die Dolores. Aber auch ich würde gerne den weisen Salomon mal besuchen, um eine Menge von ihm lernen zu können. Ich bin nur Dolores, und dich, Jerry, habe ich sofort wiedererkannt. Das war leicht, denn ich konnte dich nicht vergessen und fragte mich oft, ob du wohl heil aus dem verdammten Krieg herauskommen würdest. Schön, dass du mich besuchen kommst.«

»Ich komme nur als armer Hund«, sagte ich und grinste verlegen. »Und du bist jetzt hier die Patrona.«

»Ich bin immer noch deine Freundin, die dich damals zum Mann werden ließ.« Sie lächelte und kam in meine Arme.

Als wir ...

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