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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 043

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Die Tausend-Dollar-Mannschaft
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Vorschau

Die Tausend-Dollar-Mannschaft

1

Zwei Dinge hatte Waco Turpin schon immer gern getan: Er hatte gern gejagt und gekämpft – und er hatte schon immer gern in der Sonne gesessen. Aber zwischen dem Jagen und Kämpfen und dem In-der-Sonne-Sitzen hatte er zumeist hart und schwer gearbeitet. Diese Tätigkeit hatte ihn zwar erfüllt und manchmal sogar befriedigt, aber sie gehörte seiner Meinung nach zu den unvermeidlichen Dingen des Lebens, die ein Mann nun einmal tun muss.

Rasende Tätigkeit im Kampf – oder regungsloses Nichtstun sind also Waco Turpins Lieblingsbeschäftigungen. Zurzeit gibt er sich dem Nichtstun hin.

Die Sonne brennt heiß über Laramie. Waco Turpin sitzt auf einer Kiste vor dem Hauptgebäude der Handels- und Frachtkompanie, lehnt seine breite Schulter gegen die Hauswand und schnitzt mit einem in der Sonne immer wieder aufblinkenden Messer an einem Stück Holz.

Aber seinen scharfen und dunklen Adleraugen entgeht nicht viel. Er sieht die bewegungslose Gruppe der Indianer vor dem Handelsstore, das Kommen und Gehen von Reitern, Wagen und Packtierzügen, und er sieht auch die Dinge drüben bei den Kasernengebäuden.

Von seinem Sitzplatz aus hat er auch einen guten Blick zum Fluss, und dort sieht er die aufgefahrenen Wagenburgen einiger Frachtwagenzüge, die Corrals mit den Zugtieren und das Gewimmel von Menschen.

Jenseits des Flusses sieht er einen Teil von den mehr als tausend Zelten der Sioux und das bunte Gewimmel von scheckigen Pferden, halb nackter oder farbenprächtig mit wallenden Federn geschmückter Reiter. Er sieht das Blinken ihrer Lanzen, hört das ständige Lärmen ihrer Hunde, und er begutachtet die Pferdeherden am Fluss, die von stolzen und schnellen Indianerjungen gehütet werden.

Es ist ein wildes Durcheinander dort drüben, ein prächtiges Farbenspiel, bunt, wild, erregend und bedrohlich.

Zwischen den Zelten erkennen Waco Turpins scharfe Augen die in bunte Decken gehüllten und fast bewegungslosen Gestalten der Squaws, die in dichten Gruppen beisammenstehen – und er sieht die vielen, meist nackten Kinder zwischen den kläffenden Horden der Hunde.

Ein ziemlich bejahrter Mann kommt aus dem Store und hockt sich nach Indianerart neben Waco Turpin auf die Fersen. Der Oldtimer ist in rauchgeschwärztes Leder gekleidet und trägt trotz der Sommerhitze eine Pelzkappe.

Zielsicher spuckt er eine Ladung braunen Saft auf eine Spinne und murmelt dann: »Da hast du aber mächtig Glück gehabt, Junge, dass du deinen Wagenzug durchbringen konntest. Der Tag wird nicht mehr fern sein, da sich alle Trecks, die nach Laramie wollen, mitten durch die Hölle kämpfen müssen. Oder bist du anderer Meinung, Waco?«

Waco sieht den alten Prärieläufer ruhig an und lächelt ernst.

»Warum sollte ich dir widersprechen, Bill? Da drüben ist das ganze Siouxvolk versammelt – die Hunkpapas, die Minniconjous, die Brules, die Oglalas und Two Kettles. Sogar von den Blackfoots sind welche da! Yeah, dann sehe ich überdies noch die Zelte der Cheyenne und der Arapahoes. Das genügt mir! Sie sind alle da, Bill – alle! Und wenn ihre Häuptlinge erfolglos verhandeln, so bricht die Hölle los. Dann bekommen wir den größten Indianerkrieg aller Zeiten und …«

»Um meinen Skalp mache ich mir wenig Sorgen«, unterbricht ihn Bill Smith und nimmt seine Pelzmütze ab. Er wischt sich über seine spiegelnde Glatze und grinst Waco an.

»Aber ich kenne tausend Indianer, die sich Hoffnungen auf einen Ehrenplatz in ihrem Himmel machen, wenn sie deine Perücke bekommen könnten, Waco.«

Waco Turpin grinst zurück und nimmt seinen schwarzen Stetson ab, streichelt sein langes blauschwarzes Haar und murmelt: »Richtig, ich wollte mir schon in Kansas City die Haare stutzen lassen! Ich werde das jetzt tun!«

Er erhebt sich – ein großer, hagerer und sehniger Mann mit breiten Schultern und langen, leicht gekrümmten Beinen, die in Lederhosen stecken. Die Nähte der Hosen und des ledernen Jagdhemdes sind mit Fransen verziert. Waco trägt einen gekreuzten Revolvergurt mit zwei Colts. Er nimmt seinen langen Arm hoch, steckt das blinkende Messer in die Nackenscheide und sieht noch einmal auf das bunte Gewimmel jenseits des Flusses.

Ja, er sieht wirklich ein zwar wildes, aber wundervolles Bild. Scheckige Pferde, blitzende Lanzenspitzen, Kriegsbeile, bunte Perlenstickereien, weiße Adlerfedern, farbige Decken und Schärpen, bunte Zelte und nackte, bemalte Oberkörper.

Waco Turpin seufzt seltsam.

»Bill«, sagt er mürrisch. »Bill, sie werden erfolglos verhandeln. Wenn ein Indianer mit einem Weißen verhandelt, so wird er zumeist betrogen. Auch die großen Häuptlinge Crazy Horse, Red Cloud und alle anderen werden betrogen – das ist sicher! Nun, ich lasse mir die Haare schneiden.«

Mit langen und geschmeidigen Schritten geht er davon.

»Lass dir den Schädel kahl scheren, Waco! Dann ist dein Skalp für eine Weile bedeutend sicherer!«

Bill Smith ruft es ihm grimmig nach.

Aber Waco Turpin geht ruhig weiter – ein großer Mann mit dunklen Haaren, dunklen Augen und einem scharfen und gut geformten Gesicht, in dem jedoch ein hartes Leben voller Kämpfe seine Zeichen eingebrannt hat.

Bevor er den Barbiersalon erreicht, begegnet er einem riesenhaften Sergeanten.

»Hallo, Waco«, sagt der blonde Riese und bleibt stehen.

»Hallo, Jim«, murmelt Waco gedehnt und betrachtet sich interessiert das farbenprächtige und vollkommen zugeschwollene Auge des Sergeanten. Er entdeckt auch noch weiter Spuren von harten Fäusten im Jim Murphys rundem Gesicht und fragt sanft: »Was war das?«

Jim Murphys Gesicht wird sofort grimmig. Er betastet vorsichtig sein geschwollenes Kinn und streicht sich über seine misshandelte Nase. Sein noch gesundes Auge blitzt zornig.

»Das waren wilde Büffel«, knurrt er. »Das waren zweibeinige Büffel, die man mit Dynamit, Schlangengift, rohem Fleisch und glühenden Kohlen gefüttert und dann auf die Menschheit losgelassen hat. Einige dieser Büffel sind noch nicht einmal reinrassig, sondern verdammte Kreuzungen zwischen Büffel, Grizzlys, Tigern und Wölfen. Die verdammteste Bande von Menschenfressern ist gestern in unsere Kantine eingebrochen und hat wenige Minuten später alles zu Kleinholz verarbeitet. Ich war wachhabender Sergeant, und ich musste nicht nur die gesamte Wache, sondern auch noch den ersten Zug alarmieren. Aber dann haben wir es geschafft, Waco! Und wenn du mich fragst, wo du deine Mannschaft finden kannst, so sage ich dir, dass sie im Gefängnis sitzt! Wir haben die ganze verdammte Höllenbande in Ketten gelegt! Bei Gott, Waco, du weißt, dass ich dein Freund bin, aber ich werde nicht dulden, dass du diesen Menschenfressern auch nur die geringste Erleichterung verschaffst. Hast du mich verstanden?«

»Ihr werdet bald andere Sorgen haben«, grinst Waco sauer; und in seinen dunklen Indianeraugen funkelt ein grimmiger Humor, weil er an seine höllische Mannschaft denkt. »Die roten Gentlemen vor dem Fort werden euch bald einen derartigen Kummer bereiten, dass ihr recht gern an die Prügel zurückdenken werdet, die ihr wieder einmal von einer prächtigen Frachtfahrermannschaft bekommen habt. Ich habe ja immer behauptet, dass nur verdammte Jammerlappen, die nicht selbst auf sich aufpassen können, zur Armee gehen. Ihr habt also die ganze Wache und den ersten Zug gebraucht, um acht prächtige Frachtwagenfahrer in Ketten zu legen. Oha, da hab ich den Beweis, was ihr für Jammerkerle seid!«

Sergeant Jim Murphy richtet sich kerzengerade auf, legt eine seiner schaufelartigen Hände hinter das Ohr und beugt den Kopf vor. »Wie war das, Mr. Turpin? In der Armee sind nur alles Jammerlappen? Und diese acht verrückten Ungetüme sollen prächtige Frachtwagenfahrer sein? Habe ich richtig gehört?«

»Genau richtig, Sergeant Jim Charly Murphy, und wenn ich bei meinen Leuten gewesen wäre, hätten wir die ganze Garnison verprügelt. Verstanden?!«

»Aaah«, grollt Jim Murphy, »aaah, du Gorillahäuptling! Das werden wir jetzt gleich klären. Du siehst in mir den Vertreter der glorreichen Armee vor dir, die du beleidigt hast. Pass auf!«

Die beiden letzten Worte knurrt er scharf und greift dann an.

Obwohl er beidhändig nach Wacos Kopf schlägt, trifft er diesen nicht und rennt wuchtig in Wacos Rechte hinein.

Es ist ein mächtiger Schlag; denn Waco der nur aus Knochen, Muskeln und Sehnen besteht, wiegt fast hundertneunzig Pfund; und Sergeant Jim Murphy bringt noch zwanzig Pfund mehr auf die Waage.

Es ist also ein wuchtiger Zusammenprall, als Wacos Faust Jim Murphys Kinn trifft. Waco spürt diesen Zusammenprall bis ins Schulterblatt. Murphys Kopf zuckt zurück. Dann marschiert er selbst drei Schritte rückwärts und setzt sich mit einem Krach auf die Bretter des Gehsteiges. Dort bleibt er eine Weile sitzen, wackelt mit dem Kopf und betastet sich das Kinn.

Und er hört Waco lässig sagen: »Da siehst du selbst, was das faule Leben in der Armee aus einem Mann macht, Jim. Es gab eine Zeit, wo ich dich dreimal treffen musste, bevor du dich nach Ruhe sehntest. Du bist wirklich nicht mehr in Form, Mr. Sergeant.«

Jim seufzt schwer, schüttelt den Kopf und richtet sich langsam auf. »Ich werde es noch einmal versuchen«, knurrt er und greift abermals an.

Diesmal trifft er Waco mit der Rechten auf die Rippen. Waco geht rückwärts und stöhnt unwillkürlich, denn Jims Fäuste sind wie ein Huftritt.

Jim setzt sofort nach, schlägt nach Wacos Kopf, trifft nur dessen Ohrläppchen und stürmt abermals in die eisenharte Faust.

Alles wiederholt sich; nur muss Jim sich jetzt länger am Boden ausruhen, und Wacos spöttische Worte sind noch schärfer.

»Du bist das richtige Sinnbild der Armee, Mr. Sergeant. Du bist die vollendete Verkörperung der glorreichen Armee, mein Junge. Du bist nämlich so stur wie ein Büffel und ohne Einfälle. Ich wette, dass du jetzt gleich noch mal in meine Faust rennen wirst.«

»Ich habe heute nur eine verdammte Pechsträhne«, knurrt Jim Murphy und erhebt sich wieder. Einige Sekunden wartet er schwankend auf das Gleichgewichtsgefühl – und als es wieder da ist, stürmt er abermals vorwärts.

Aber jetzt hat er doch einen Einfall. Als Wacos Faust kommt, nimmt Jim den Kopf weg – und nun rennt Waco in die Faust, die fast so groß wie eine Kokosnuss ist. Am Boden sitzend und sich das Kinn betastend, hört nun Waco Jims zufriedene Worte: »Steh nur auf, Bruderherz, damit ich es gleich noch einmal machen kann. Komm nur, du Chef einer Bande von Steinzeitmenschen! Ich werde dir jetzt zeigen, wie prächtig die Armee zuschlagen kann!«

Schmerzvoll grinsend erhebt sich Waco Turpin.

»Ich hätte nie gedacht, Mr. Soldat, dass du wirklich auf den Einfall kommen könntest, mal etwas anderes zu tun, als mir immer dein Kinn hinzuhalten. Pass auf!«

Nun springt er den Gegner an, taucht unter Jims Fäusten weg und rammt ihm die Linke in den Magen. Dann gleitet er zurück, und als Jim auch sofort die erwartete Verbeugung macht, weil die Faust wie ein Huftritt den Magen traf, richtet ihn Waco mit einem Aufwärtshaken wieder gerade.

Jims Arme rudern durch die Luft, er schwankt auf Absätzen; und als er sich wieder nach vorn legt, bekommt er zum dritten Male die Faust auf den »Punkt«.

Zuerst setzt er sich krachend hin wie schon zuvor. Aber dann legt er auch seinen mächtigen Rücken auf die Bretter und breitet die Arme aus.

Waco Turpin starrt jetzt ziemlich freudlos auf den blonden Riesen nieder, der einer seiner wenigen Freunde ist.

Warum kriegen wir wegen der verdammten Armee immer Streit miteinander, denkt Waco gerade, als eine schneidende Stimme hinter ihm sagt: »Sie sind verhaftet! Nehmen Sie die Hände hoch, Sie verdammter Rowdy! Das wird Sie teuer zu stehen kommen! Sie haben einen Dienstgrad der Armee auf offener Straße angefallen und misshandelt! Dafür werden Sie eingesperrt!«

Waco nimmt nicht die Hände hoch, aber er wendet langsam den Kopf, und er sieht einen Captain hinter sich, der einen Reitercolt auf ihn gerichtet hält. Ein Stück seitwärts des Offiziers steht ein leichter Wagen, in dem ein Mädchen sitzt. Es ist Waco sofort klar, dass der wütende Captain hinter ihm diesen Wagen angehalten hat, dem Mädchen die Zügel in die Hände drückte und sofort eingriff.

Waco kennt fast alle Offiziere auf tausend Meilen in der Runde, aber diesen Mann kennt er nicht.

Es ist ein großer, schlanker und gut aussehender Offizier, und da er unmöglich älter als Waco sein kann, jedoch bereits Captain ist, muss er außer der Reihe befördert worden sein. Waco kennt eine ganze Menge Leutnants, die bedeutend älter als dieser Captain sind.

Er sieht eine Weile in die rauchgrauen Augen des Captains und erkennt darin tanzende Lichter. Das gebräunte Gesicht ist sehr männlich und hübsch, aber es besitzt einen arroganten, unduldsamen und im Moment fast verzerrten Ausdruck.

Waco wird sich schnell darüber klar, dass dieser Mann stets und immer von einem ungeheuren Ehrgeiz angetrieben wird. Er kennt diese Sorte. Sie ist hart zu ihren Untergebenen, und sie tut sich gern bei Sonderunternehmungen hervor; meldet sich für jede verlorene Sache und hat meistens das Glück, selbst mit heiler Haut davonzukommen.

Das ist ein Mann, der mutig ist – und der jedes Mittel anwendet, um seine Karriere zu fördern.

Wacos Blick gleitet zur Seite und richtet sich auf das Mädchen im Wagen. Nun blitzt es interessiert in Wacos dunklen Augen, und als er erkennt, wie ihn die grünblauen Augen des Mädchens verächtlich mustern, lächelt er breit.

Er hebt die Hand, um nach seinem Hut zu greifen, doch er wird sich zu spät bewusst, dass er ihn verloren hat. Seine Handbewegung wirkt aber doch grüßend.

Er sagt zu ihr hinüber: »Madam, wenn ich gewusst hätte, dass Sie diese Szene sehen mussten, hätte ich den Sergeanten nicht verprügelt. Gerade die Frauen unseres Landes dürfen an der Stärke unserer Armee keine Zweifel bekommen. Bitte, entschuldigen Sie, Lady!«

Das Mädchen bewegt sich nicht. Es sieht ihn nur seltsam an, hält mit fester Hand die Zügel des unruhigen Gespanns und wartet.

Waco erkennt ihre frische Schönheit – aber auch ihren Stolz. Er ahnt, dass es sich um die Tochter eines hohen Offiziers handeln muss. Sie hat kupferrotes Haar, dessen Fülle sichtlich mit viel Mühe in ihrem Nacken gebändigt wurde.

»Ich habe Ihnen gesagt, Bursche, dass Sie die Hände hochnehmen sollen«, schnarrt der Captain, tritt näher an Waco heran, drückt ihm die Coltmündung in die Seite und entwaffnet ihn mit schnellen Bewegungen. Waco lässt es geschehen, aber er hebt immer noch nicht seine Hände.

Sein Lächeln ist spöttisch, aber bevor er etwas sagen kann, regt sich der Sergeant auf den Brettern und setzt sich auf.

»Stehen Sie auf, Soldat!«, schnappt der Offizier sofort.

Jim Murphy wackelt erst eine Weile mit dem Kopf und betastet sein Kinn.

»Mann o Mann«, stöhnt er bitter, »es ist immer noch ganz! Oha, was habe ich doch für ein prächtiges Kinn! Was ist denn eigentlich los?«

»Stehen Sie auf, bevor ich auch Sie einsperren lasse!«, ruft der Offizier scharf.

Es haben sich natürlich eine Menge Zuschauer gesammelt, die nun einen Kreis bilden.

»Stehen Sie auf!«, bellt der Captain nun richtig scharf. »Übernehmen Sie diesen Gefangenen, Sergeant. Sie liefern ihn bei der Wache ab und melden sich sofort zum Rapport!«

Jetzt kommt Jim Murphy hoch. Mühsam strafft er sich und salutiert ziemlich zackig.

»Sir, ich habe Ihnen zu melden, dass ich den Befehl habe, diesen Rowdy zum Oberst zu bringen!«

»Aaah, was will der Kommandeur von diesem Burschen?«

»Er hat es mir nicht gesagt, Sir! Darf ich jetzt meinen Befehl ausführen – der Oberst wartet!«

»Sie melden sich nachher trotzdem zum Rapport, Sergeant!«

»Aye, Sir!«

Jim Murphy tritt vor und nimmt von dem Captain Wacos Waffen an sich. Er reicht sie Waco, grüßt den Captain noch einmal stramm und wendet sich wieder an Waco.

»Vorwärts, Bursche! Hoffentlich lässt dich der Oberst hängen«, sagt er und gibt Waco einen aufmunternden Stoß;

Waco bückt sich nach seinem Hut, schwingt ihn in Richtung des Mädchens und sagt im Weggehen über die Schulter zum Captain: »Irgendwann werden wir schon mal wieder das Vergnügen haben, Mister. Sie sind …«

»Halt’s Maul!«, grollt Jim Murphy an seiner Seite und stößt ihn in die Rippen.

Als sie sich durch den Kreis der Zuschauer gedrängt haben und nebeneinander über den Exerzierplatz gehen, beginnen sie beide zu fluchen.

»Dieser scharfe Hundesohn verschafft mir zehn Tage Arrest, weil ich mich von dir habe verprügeln lassen. Verdammt, konntest du mir nicht mal den Gefallen tun und dich auf die Bretter legen, so dass der Armee nicht die Schande passiert wäre, dass ihr bester Sergeant von einem schäbigen Zivilisten geschlagen wurde?!«

Jim Murphy grollt es bitter.

Waco aber knurrt: »Fast hätte ich diesen scharfen Heldenführer neben dich auf die Bretter gelegt. Er weiß noch gar nicht, wie nahe er daran war, einige von seinen prächtigen Zähnen zu schlucken. Oha, wenn der noch lange lebt, bekommt unsere Nation eines Tages mal einen prächtigen General! Wie heißt denn dieser Sir?«

»Timberlee, Milton Timberlee. Er kommt aus Arizona herauf, und er hat sich im Süden gegen die Apachen bewährt. Das ist ein scharfer Hund, Junge – und ein Indianerfresser«, gibt Jim bitter zur Antwort.

Sie kommen nun am großen Kantinenbau vorbei.

Waco bleibt sofort stehen und betrachtet sich die Sache. Obwohl die meisten Zerstörungen schon beseitigt sind, erkennt er noch viele Zeichen seiner Mannschaft. Die Tür fehlt vollständig, alle Fenster sind eingeschlagen.

Das Geländer auf der Veranda ist zerbrochen, und soeben tragen einige Barkeeper zerbrochene Tische und Stühle heraus.

»Ich habe Zahnschmerzen«, knurrt Jim Murphy.

»Ich werde dem besten Sergeanten der Armee jetzt einen Whisky ausgeben«, grinst Waco freundlich.

Jim macht sofort eine abweisende Gebärde.

»Es gibt eine ganze Menge Gründe, Waco, warum ich mir von dir keinen Whisky ausgeben lasse. Die Zeiten sind für immer vorbei! Überdies würde die scharfe Nase des Colonels sofort den Whiskyduft aus meinem Mund wittern. Komm nur, du Sohn eines Tigers, komm nur mit mir! Ich bin der gute Onkel Jim, und ich führe dich zum Häuptling der Pferdesoldaten. Bestimmt will er dich wegen deiner verdammten Mannschaft aufhängen lassen. Und das freut mich!«

Er setzt sich in Bewegung, zieht Waco am Arm mit und seufzt, als er an die Einladung zum Whisky denkt, die er eben ausgeschlagen hat.

Bevor sie das Kommandanturgebäude erreichen, bleibt Waco plötzlich stehen.

»Das hätte ich bald vergessen, Junge!«

»Was?«

»Den herrlichen Rotkopf im Wagen!«

»Ah, du meinst das Mädel – jaaa! Aber nicht für dich, auch nicht für ein solch armes Schwein wie mich. Das ist Jane Payne, die Tochter von Major Howard Payne. Die gibt sich nicht mit Halbindianern und versoffenen Sergeanten ab. Vergiss sie, Waco!«

Sie gehen an der Wache vorbei in das Gebäude, und der Regimentssergeant springt wie eine Feder hinter seinem Schreibtisch hoch und knurrt: »Verdammt, Jim! Der Alte hat schon gefragt, ob du Waco aus Kansas herbeiholen müsstest. Geht rein!«

Er öffnet ihnen, meldet und zieht sich schnell zurück. Nun meldet Sergeant Murphy, dass er den Befehl ausgeführt habe und Mr. Waco Turpin zur Stelle sein.

Als er abtreten will, beugt sich der viereckige Colonel hinter dem Tisch mit einem Ruck vor.

»Sergeant«, sagt er kühl, »als ich Sie wegschickte, hatten Sie nur ein verfärbtes Auge und ein leicht angeschwollenes Kinn. Aber jetzt sieht Ihr Kinn aus, als hätte ein Pferd mehrmals dagegen getreten. Wie ist Ihre Meldung, Sergeant?!«

Unter den buschigen Augenbrauen starrt er Jim Murphy eiskalt an. Der schluckt mühsam, macht eine vollendete Ehrenbezeigung und stottert dann: »Yes – yes, Sir! Ich … ich hatte Zahnschmerzen! Und da habe ich meinen alten Freund Waco gebeten, mir was ans Kinn zu schlagen, damit der Zahn …«

»Raus!«, unterbricht ihn der Colonel – und Jim Murphy verschwindet wie ein Blitz.

Der Colonel und Waco sehen sich eine Weile schweigend an – und plötzlich lächeln sie beide.

»Setzen Sie sich und rauchen Sie eine meiner Zigarren, Waco.«

Waco bedient sich, und als er festgestellt hat, dass die Zigarre gut ist, sagt er beiläufig: »Colonel, Sie wissen, dass es die beste Frachtfahrermannschaft ist, die es überhaupt gibt. Wenn solche Eisenfresser nach tausend harten Meilen endlich wieder einen freien Tag haben, so schlagen sie leicht über die Stränge – vor allem wenn sie überdies auch noch gereizt werden. Colonel, was muss ich tun, um meine Jungs wieder aus dem Gefängnis zu bekommen?«

Der kantige Offizier lächelt stärker, und in den Augenwinkeln seiner eiskalten Augen verrät sich ein mühsam verborgener Humor.

»So«, sagt er, »sie wurden also gereizt? Wilde Büffel fühlen sich immer und ständig gereizt. Das ist jetzt bereits das dritte Mal, dass diese Ungetüme die halbe Garnison verprügelt und großen Sachschaden angerichtet haben. Nach den Schätzungen meines Zahlmeisters beläuft sich der Schaden auf rund tausend Dollar. Sie wissen doch wohl schon, Waco, wie man Ihre Mannschaft überall nennt?«

»Yeah – die ›Tausend-Dollar-Mannschaft‹. Diese prächtigen Jungs tun eben nichts unter tausend Dollar. Es ist ihr Stil. Aber diesen kleinen Fehler gleichen sie durch ihre Tüchtigkeit wieder aus. Colonel, ich werde die tausend Dollar sofort bezahlen. Kann ich meine Boys dann wieder mitnehmen? Da sie sich nun ausgetobt haben, werden sie einige Tage so sanft und brav wie neugeborene Lämmer sein.«

Colonel James C. Tomson schüttelt den eisgrauen Kopf: »So einfach ist das nicht! Elf meiner besten Soldaten liegen im Lazarett. Ein halbes Dutzend Reiter können für einige Tage nur leichten Innendienst verrichten. Ich muss diesen acht grimmigen Winterriesen endlich einmal eine Lektion erteilen, Waco. Ich behalte diese verdammte Höllenmannschaft ein halbes Jahr im Kerker. Haben Sie mich verstanden?! Und Ihnen, als Boss dieser Steinzeitmenschen, muss ich den Vorwurf machen, dass Sie nichts unternommen haben, um …«

»Ich war nicht im Fort, Colonel, ich war jenseits des Flusses.«

»Bei Ihrem roten Pflegevater Weißer Biber, ich weiß«, nickt der Colonel und schleudert dann die Frage ab: »Was halten Sie von der Lage, Waco?!«

Wacos dunkle Augen werden schmal. Er presst seine Lippen gegen die Zähne und zeigt ein freudloses Lächeln.

Dann murmelt er: »Ich habe von einer starken Truppe gehört, die auf dem Bozeman-Weg eine Reihe von Forts errichten soll. Die Armee will durch das Vertragsland der Indianer eine Straße nach Montana bauen, die von Laramie aus die Route des Bozeman-Weges benutzt. Und ihr habt die Truppe auf den Weg geschickt, bevor ihr euch von den Indianern eine Erlaubnis geben ließet! Die ganze Sioux-Nation mit ihren größten Häuptlingen ist hier. Sie wollten mit euch verhandeln, aber ihr habt sie vor vollendete Tatsachen gestellt. Wenn ihr die Truppe nicht sofort zurück nach Laramie beordert, wird es Krieg geben. Einen verdammten Indianerkrieg wird es geben!«

Wacos Stimme wurde immer schärfer und wütender. Als er verstummt, nickt der Colonel bitter.

»Yeah, es wird Krieg geben. Colonel Carrington ist mit seiner Truppe nach Fort Reno unterwegs. Von diesem Fort aus wird er den Powder River überschreiten und weiter nördlich einen neuen Posten errichten. Fort Reno ist also die Ausgangsbasis. Und vor zwei Stunden erreichte mich die Nachricht, dass die Munitionsvorräte des Forts in die Luft gegangen sind. Das halbe Fort ist mit in die Luft geflogen, und wenn die roten Gentlemen ihren Krieg beginnen, sind mehr als tausend weiße Soldaten am Powder River so gut wie ohne Munition. Waco, Sie können sich ausrechnen, wie viele unter diesen Umständen ihre Skalpe retten werden!«

»Yeah, das kann ich mir ausrechnen«, grinst Waco Turpin säuerlich.

Der Colonel erhebt sich und tritt an das Fenster.

»Vielleicht ziehen die Indianer schon nach einer Stunde ab, aber vielleicht dauert das Palaver auch noch einige Tage an. Ich weiß nicht, was die Unterhändler der Regierung erreichen werden, und ich bezweifle, dass sie Crazy Horse vom Krieg abhalten können. Ich weiß nur eines, Waco: Was auch geschehen mag, ich muss Munition nach Fort Reno schaffen lassen!«

»Sicher, sonst verlieren noch vor dem Winter tausend arme Hunde ihre Skalpe! Aber was hat das mit mir und meiner Mann … Aaah, Colonel, ich und meine Leute sollen die armen Idioten sein, die …«

»So ist es, Waco! Ich kann hier beim besten Willen nur eine einzige Kompanie entbehren, und ich brauche zu dieser Kompanie die besten Frachtwagenfahrer der Welt. Wollen Sie den Armeekontrakt für acht schwere Wagenladungen Munition haben, Mr. Turpin? Oder wollen Sie zusehen, wie da draußen am Powder River tausend Jungens ohne Munition fünftausend roten Tigern gegenüberstehen?!«

»Colonel, Sie sind nicht fair! Sie verlangen von mir und meiner Mannschaft, dass wir die Suppe auslöffeln helfen, die sich die Armee eingebrockt hat. Aaah, Sie können einen Frachtwagenzug aus Militärfahrzeugen zusammenstellen lassen!«

»Selbst wenn ich das könnte, so hätte ich immer noch nicht die besten Frachtwagenfahrer der Welt! Und es gibt auch noch andere Gründe, warum ich Sie bitte, Waco: Sie sind in den Zelten der Hunkpapas aufgewachsen. Weißer Biber war Ihr Pflegevater, und er liebte Sie so sehr, dass er Sie freiwillig einem Missionar und damit der weißen Rasse wiedergab. Es ist doch Tatsache, dass sämtliche Sioux-Stämme Ihre Frachtwagen in Frieden ziehen lassen. – Dann gibt es noch einen dritten Grund, Waco: Die Roten wissen, dass die Armee bisher ihre Munition stets durch Militärfahrzeuge transportieren ließ. Offiziell werden Sie Proviant und Werkzeuge transportieren – und überdies reist Miss Jane Payne mit Ihnen. Das wird die Roten noch mehr täuschen. Für alle Welt sieht es so aus, als reise die Tochter eines hohen Offiziers zu ihrem Vater. Die Militäreskorte ist ganz selbstverständlich, und Ihre Frachtwagenkolonne hat sich nur angeschlossen. – So wird es aussehen. Waco, nur Sie, als einstiger Pflegesohn des Weißen ...

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