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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 042

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Zaun des Todes
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Vorschau

Zaun des Todes

1

Als sie mit ihrer kleinen Herde mitten auf der weiten Ebene trailen und die Vorberge der Medicine Bows merklich näher gerückt sind, da setzt plötzlich der Südwind aus. Es wird so still, wie es nur auf einer Ebene werden kann, wenn der Wind nicht mehr in den Gräsern raschelt. Alles scheint den Atem anzuhalten, und es ist rings umher wie unter einer mächtig großen gläsernen Glocke.

Jack Barryland hält sein Pferd an und starrt bitter zum Medicine Peak hinüber, der sich mächtig aus der Gebirgskette im Westen heraushebt. Und dann hört er seinen Freund Wash Sunshine bitter neben sich sagen: »Oh, was sind wir doch für arme Schweine, Jack! Ich frage mich, womit wir das verdient haben? Jack, ich habe doch niemals einen Mitmenschen betrogen. Ich habe Vater und Mutter geehrt. Ich war immer ein ziemlich braver Bursche. Und warum, frage ich dich, werde ich jetzt so hart bestraft?«

Jack Barryland wendet sich im Sattel und sieht seinen Freund an. Er sieht einen kleinen, drahtigen, rothaarigen, sommersprossigen und falkengesichtigen Burschen, dessen Augen manchmal so hart wie Flintsteine wirken können.

Er grinst ihn bitter an und sagt: »Mister Washington, so einwandfrei war dein Lebenswandel nun doch nicht. Ich erinnere mich da an einige Dinge, die ein anständiger Mensch nicht getan hätte. Wie war das mit den drei falschen Würfeln, die du vor Jahren ständig in der Tasche hattest? Und wie war die Sache mit dem Gaul, der nach drei Meilen immer zu hinken anfing und den du deshalb an einen Mann verkauftest? Und dann erinnere ich mich an eine ganze Reihe von Mädchen, denen du die Überzeugung beibrachtest, dass ein hässlicher Mann treu und zuverlässig wäre. Oh, Wash, es sieht mir so aus, als müssten wir jetzt für deine Sünden büßen.«

Die letzten Worte knurrt Jack Barryland grimmig. Er starrt auf ihre kleine Herde. Es sind kaum hundert Kühe. Sie sind mager und müde von einem langen Treiben. Einige Kälber sind dabei.

Diese Herde hat nun ebenfalls angehalten und wittert nach allen Himmelsrichtungen.

Jack Barryland beobachtet die Tiere eine Weite.

Und dann späht er nach Norden.

Dort ist noch nicht viel zu erkennen.

Und doch! Es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass in wenigen Stunden die Hölle losbrechen wird. Die alten Leitkühe brüllen unbehaglich, und es ist immer noch windstill.

Es ist der 21. November 1878 in Wyoming auf den Laramie Plains, keine dreißig Meilen von den schützenden Vorbergen der Medicine Bows entfernt.

Und für diese Jahreszeit war es – und ist es noch sehr warm. Der Südwind brachte die ganze Wärme und die Trockenheit der Wüsten von Texas, New Mexico und Arizona mit.

Jetzt ist es plötzlich windstill. Das kann viel bedeuten, sehr viel. Denn wenn der Wind sich jetzt drehen und mit plötzlicher Heftigkeit von Norden her einsetzen sollte, so bringt er mit ziemlicher Sicherheit einen richtigen Blizzard mit.

So ist das hier in diesem Land.

Wer nicht gerade ein Greenhorn ist, der weiß darüber Bescheid.

Und Jack Barryland und Washington Sunshine sind keine Greenhorns. Diese beiden Reiter kennen sich aus.

Sie beobachten eine Weile schweigend ihre Herde. Sie wissen, dass sie an dem Verhalten der Rinder viel eher einen Verdruss erkennen können. Denn diese kleine Herde besteht aus halbwilden Longhorns.

Auch ihre Pferde schnauben unbehaglich. Und sie wittern nach Norden.

Wash Sunshine schnauft und wischt sich über das sommersprossige Gesicht. Er grinst bitter, und seine Augen beginnen hart zu leuchten.

»Nun gut«, knurrt er, »mehr als die halbe Herde können wir in einem verdammten Blizzard kaum verlieren, nicht wahr? Da haben wir eben wieder einmal umsonst gearbeitet. Vielleicht sollten wir doch lieber auf Goldsuche gehen – oder eine kleine Bank überfallen.«

Er grinst immer noch, als er hinzufügt: »Oder ich werde mich in der nächsten Stadt opfern und eine reiche Witwe heiraten. Dann stelle ich dich als meinen Kammerdiener ein, Jacky. Dann geht es uns gut!«

Jack Barryland betrachtet den Freund abschätzend und schüttelt dann den Kopf.

»Du hast schon drei Monate lang nicht mehr in einen Spiegel gesehen, Wash«, sagt er. »Und es ist das Schlimme an dir, dass du vollkommen vergessen hast, dass du wie ein großes Eichhörnchen aussiehst. Komm, treiben wir weiter. Vielleicht schaffen wir es noch bis zu den Bergen.«

Er reitet zur Herde hinüber und nimmt die schwere Bullpeitsche vom Sattelhorn. Er ist groß und hager, scharfgesichtig und grauäugig. Obwohl er gut hundertneunzig Pfund wiegt, sitzt er so leicht wie ein Indianer auf seinem hässlichen Schecken. Sein blauschwarzes Haar ist sehr lang und rollt sich über dem Hemdkragen ein.

Wash Sunshine folgt ihm, und sie bringen ihre kleine, müde Herde wieder in Bewegung und leisten harte Arbeit, sie vorwärts zu bringen.

»Hoiii! Lauft, ihr goldigen Meerschweinchen! Braaah! Braah! Vorwärts, ihr armen Schecken! Aaah, ihr armen Rattenschwänze, vielleicht haben wir noch eine Chance!« So treiben sie die Herde.

Drei lange Meilen legen sie zurück.

Und dann kommt der erste Windstoß!

Von Norden her!

Sie sehen es an der Wellenbewegung des Büffelgrases und beginnen bitter zu fluchen. Und es kommen immer neue Wellen von Norden her, bis der Wind dann nicht mehr in Stößen kommt, sondern anhält.

Es ist ein eisiger, mitleidloser Wind. Er bringt einen kalten Eishauch mit. Und im Norden erscheint jetzt eine schwarze Wand, die so vollkommen ist, dass sie dort die Helligkeit des Tages verschluckt wie ein Ungeheuer.

Die Herde lässt sich nun nicht mehr nach Westen treiben. Die Reiter geben es auch auf. Die Rinder biegen nach Süden ab, denn im Gegensatz zu den Pferden, drehen sie jedem Sturm immer den Rücken, weil ihr Fell anders beschaffen ist.

Bei einem Pferd sind die Fellhaare vom Kopf zum Schwanz ausgerichtet. Bei Rindern wachsen die Fellhaare genau umgekehrt. Ein Pferd jedoch lässt sich gegen jedes Unwetter führen.

Die Herde trottet jetzt also nach Süden und lässt sich von dem eisigen Wind treiben. Die Rinder brauchen auch nicht mehr angetrieben zu werden. Sie trotten von selbst ziemlich schnell und bleiben dicht beieinander. Sie bilden eine unregelmäßige Traube, die aus gehörnten Köpfen, knochigen Rücken und tanzenden Schwänzen besteht und ständig ihre Form verändert.

Die beiden Reiter halten für einen Moment an und schnallen ihre Schaffellmäntel von ihren Bündeln hinter den Sätteln los. Sie binden sich dicke Wollschals um.

Dann reiten sie der Herde nach und bleiben dicht hinter ihr.

Einmal brüllt Wash Sunshine grimmig: »Wir armen Schweine! Das wird ein richtiger, verdammter, höllischer Blaueis-Blizzard! Ein ›Wasiya‹! So nennen ihn die roten Affen!«

Jack Barryland gibt keine Antwort. Er späht nach Süden. Dort ist es noch hell und klar. Die Sicht in dieser Richtung ist noch gut. Und ganz weit in der Feme sind Hügel und Bergkämme zu erkennen.

Aber bis dorthin sind es viele, viele Meilen.

Der schweißige Schaum an den Pferden gefriert jetzt, und die beiden Reiter spüren die Kälte in den Füßen. Sie kriecht langsam in ihren Beinen hoch. Da sie sich ihre Wollschals über die Hüte, um den Hals und nach der Art der Frauen unter das Kinn gebunden und verknotet haben, sind ihre Köpfe einigermaßen geschützt.

Und dann lässt der eisige Wind noch einmal nach. Es ist, als hole das schwarze Ungeheuer im Norden jetzt erst richtig Atem.

Dann aber brüllt es los!

»Wasiya«, so nennen die Sioux der nördlichen Hochprärie den einfachen Blizzard. Und »Waniyetula«, das ist der Blizzardgott, der manchmal seinen wildesten Sohn, den gefürchteten »Blaueis-Blizzard« über die Erde schickt.

Und genau dieser Blaueis-Blizzard kommt jetzt von der Hochprärie im Nordosten angeorgelt.

Ja, es braust und tönt, als wäre die ganze Welt eine riesige Orgel. Und dann ist die schwarze Wand da. Sie wuchtet taubeneigroße Hagelkörner auf Mensch und Tier, und sie ist mitleidlos, unbarmherzig und gnadenlos.

Und dann kommt der Schnee. Er ist so dicht, dass man im Umkreis von zwei Metern nichts mehr sehen kann. Der Schnee verstopft Mensch und Tier Augen, Mund und Nasenlöcher. Der Schneesturm brüllt. Die Kälte verwandelt bald alle Gliedmaßen in leblose Keulen.

Der Kampf ums nackte Leben beginnt.

Die beiden Reiter kümmern sich nicht mehr um ihre Herde, für die sie auf einer fernen Ranch zwei Jahre umsonst gearbeitet haben. Sie halten an, und Jack gibt seinem Partner das Ende eines Lassos, das dieser an sein Sattelhorn bindet. Und dann ducken sie sich nieder, legen ihre Wangen gegen die Hälse ihrer Pferde und überlassen es den Tieren, sich den Weg zu wählen. Sie selbst können keine zwei Meter weit sehen. Sie müssen es dem Richtungssinn der Tiere überlassen, dass sie irgendwann einmal die schützenden Hügel und den Wald erreichen.

Vielleicht leben sie noch lange genug und haben sich bis dahin nicht alle Glieder erfroren.

Vielleicht!

Nun, sie sind beide harte Kämpfer. Auch der kleine Wash Sunshine ist so hart wie Stahl und so zäh wie ein Pumakater.

Und ihre Pferde sind in diesem Lande geboren. Das sind ehemalige Wildpferde, die mal von Indianern eingefangen und gezähmt wurden.

Oh, diese vier Leben können schon kämpfen! Waniyetula wird es nicht leicht haben, sie zu vernichten.

***

Dieser Blaueis-Blizzard erreicht auch die Rinderherden einiger kleinen Ranches, die zwanzig Meilen weiter in vielen Rudeln dicht vor den Hügeln der Weide verstreut sind. Er bringt diese Rinderrudel in Bewegung und treibt sie vor sich her. Er verursacht eine große Wanderung der Tiere. Und es gibt eine Anzahl von Männern, die mit den Tieren reiten, aber dann bald umkehren, weit der Blizzard zu schlimm wird. Diese Männer erreichen mit knapper Not das Ranchhaus eines gewissen Buck Stage.

Und sie wissen, dass ihre Herden wahrscheinlich verloren sind.

Denn der Blizzard wirft jetzt seine Eis- und Schneelasten ab, sodass die Rinder bald bis zu den Bäuchen im Schnee stehen, bevor sie die schützenden Hügel und den Wald erreichen können.

Jawohl, die Rinder stehen! Sie können nach etwa zehn Meilen nicht mehr weiter.

Denn längs des Frontier Creeks, der vor den Hügeln von West nach Ost fließt, da steht ein Zaun.

Ja, da steht der »Zaun des Todes« und sperrt alles aus, was vor dem Blizzard in den Hügeln und zwischen den Waldinseln Schutz suchen möchte.

So ist das!

Und dieser Zaun wurde von der mächtigen Star-Company errichtet, einer großen Viehzuchtgesellschaft, die in fast allen Staaten große Ranches besitzt, deren Besitzer irgendwo in den Großstädten des Ostens sitzen und es Männern wie Matt Algernon überlassen, möglichst viel Gewinn zu erzielen.

Diese reichen Männer in den Großstädten wollen nur reichen Gewinn und geben ihren Verwaltern ziemlich freie Hand.

Und es würde sie vielleicht gar nicht einmal besonders aufregen, wenn sie jetzt sehen könnten, wie die Rinder vor dem Zaun verrecken.

Sie kommen in Rudeln aus dem Schneesturm und prallen gegen den festen Stacheldrahtzaun. Sie brüllen schmerzvoll und weichen zurück. Und der Schneesturm jagt sie wieder vorwärts – gegen den Zaun. Aber sie können sich nur mühsam bewegen, denn der Schnee ist tief und nimmt ihnen die Kraft für einen Ansturm gegen den stechenden Draht. Und so weichen sie aus und kämpfen sich am Zaune entlang. Sie stoßen auf Artgenossen, die ebenfalls in die schützenden Hügel wollen.

Aber überall ist der Zaun … Es ist der starke Zaun, an dem nichts gespart wurde. Viele starke Drähte mit gefährlichen Stacheln. Starke Pfosten und Abstützungen. Vielleicht würde dieser Zaun niedergetrampelt werden können, wenn eine Herde in Stampede dagegen anstürmte. Aber es gibt keine Stampede in diesem Blizzard. Der Schnee ist schon viel zu tief, und die Tiere quälen sich nur noch vorwärts.

Und so sammeln sie sich alle auf einer Breite von fast vierzig langen Meilen vor dem Zaune.

Und weit dieser Blizzard fünf lange Tage anhält, sterben in diesen fünf höllischen Tagen mehr als zehntausend Rinder vor dem Zaune, weil sie nicht wie die Menschen in Häusern Schutz suchen können, weit sie ganz einfach erfrieren und verhungern.

Waniyetula, der Blizzardgott, findet in diesen Tagen viele Opfer. Sein wildester Sohn, der Blaueis-Blizzard, leistet gute Arbeit.

2

Im Haupthaus der »S-im-Viereck-Ranch« sitzen eine ganze Anzahl Männer beisammen, da sie in diesem Blizzard den nächsten Schutz aufsuchen mussten.

Diese Ranch ist klein und wird nur von den Geschwistern Stage bewirtschaftet.

Ester Stage deckt für die Gäste gerade den Abendbrottisch und lauscht dabei auf die Gespräche der Männer im Vorderzimmer. Hier in dem Esszimmer, von dem ein Durchgang zur Küche führt, ist es warm, aber sie hört das ständige Orgeln des Blizzards.

Und im anderen Zimmer sagt die bittere Stimme des alten Jim Payne, dem die Pfeilspitze-Ranch gehört: »Jetzt sind wir erledigt, Leute. Jetzt sind wir so sehr erledigt wie ein paar arme Hunde, die keine Zähne mehr haben. Im Frühjahr wird uns die Company ein lächerliches Angebot machen. Und wahrscheinlich werden wir es annehmen. Denn wir waren ja zu feige und furchtsam, um diesen verdammten Zaun niederzureißen und zu kämpfen.«

Der alte Jim Payne hat kaum ausgesprochen, als die Tür vom Hof aufgerissen wird. Das Mädchen verspürt sofort den eisigen Luftstrom, der durch das ganze Haus strömt.

Und dann hört sie die Stimme ihres Bruders rufen, der vor einer Weile zum Stall hinübergegangen war: »Kommt heraus, Männer! Kommt heraus und helft mir! Hier sind zwei arme Teufel angekommen, die dieser verdammte Blizzard fast umgebracht hat!«

Buck Stages Stimme klingt scharf und drängend, und auch Ester lässt alles stehen und liegen. Sie wirft sich einen dicken Umhang über und folgt den Männern, die eilig herauspoltern.

Draußen tobt die weiße Hölle. Das Mädchen kann nicht viel sehen. Zwischen den Gebäuden, die vor dem Blizzard etwas Schutz geben, bewegen sich schattenhafte Gestalten im Schneesturm. Auch Pferde sind dabei. Und dann bringen die Männer eine Gestalt herangeschleppt. Sie müssen den Mann tragen, weit diesem die Glieder nicht mehr gehorchen.

Hinter dieser Gruppe folgt eine zweite. In ihrer Mitte schwankt ein großer Mann. Er wird von Buck Stage und Jim Payne gestützt und bewegt sich wie ein Betrunkener.

Ester hält die Tür auf, weil der Wind diese immer wieder zuschlagen will. Der Fremde taumelt dicht an ihr vorbei – eine große Gestalt mit Eis und Schnee bedeckt. Der Stoppelbart ist voller Eis, und das ganze Gesicht ist vom Frost gezeichnet. Der Mann kann kaum etwas sehen, aber er bewegt die aufgesprungenen Lippen und krächzt heiser: »Kümmert euch um Wash! Kümmert euch um meinen kleinen Partner, Leute! Zieht ihn aus, bis er nackt ist, und reibt ihn mit Schnee ein! Bringt ihn nicht an den Ofen heran!«

Diese Worte sind kaum zu verstehen, aber in der heiseren, krächzenden Stimme schwingt eine wilde Härte mit, die kalte Wut eines Kämpfers, der mit dem Blizzard kämpfte und nicht aufgab.

Ester hält die Tür immer noch mit dem Aufgebot ihrer ganzen Kraft offen, denn jetzt stürzen zwei Männer mit einer Decke heraus. Dicht vor der Tür füllen sie diese Decke voll Schnee und schaffen die Last dann ins Haus. Nun schließt Ester die Tür und schiebt den Riegel vor. Im Haus ist es jetzt kalt geworden. Das Mädchen tritt in das Vorderzimmer.

Der kleine, bewusstlose Mann liegt auf einer Decke mitten im Raum auf dem Boden. Oven Overhoff und Reece Carter sind dabei, ihn vollständig zu entkleiden. Der andere Mann entledigt sich mit Jim Paynes Hilfe seines Schaffellmantels. Er steht immer noch auf den Beinen und schwankt. Von Kopf bis Fuß ist er mit Eis gepanzert.

»Los, kümmert euch um meinen Partner! Macht schnell! Aaah, ich bin bis zu den Hüften vollkommen tot!«

Nach diesen Worten fällt der große Mann plötzlich um. Jim Payne kann seinen Sturz nur wenig abmildern.

Ester fragt nicht lange. Sie eilt in die Küche zurück und bereitet starken Kaffee, in den sie einen tüchtigen Schuss Whisky tut. Indes hört sie die Männer im Vorderzimmer an den beiden Bewusstlosen arbeiten. Und sie hört ihren Bruder sagen: »Ich hielt ihn zuerst für ein großes Ungeheuer. Den Großen da, meine ich! Ich rannte gegen sein Pferd. Und dann sah ich, dass er seinen Partner wie ein Kind in den Armen hielt. Oh, er fragte mich mit einer schrecklichen Stimme, ob er schon in der Hölle wäre oder ob dies hier eine Ranch sei. Junge, er lachte dann kurz auf und knurrte: »Nun, du verdammter Blizzard, ich habe dich geschlagen. Du hast uns nicht erwischt.« Das knurrte der Mann. Und ich sage euch, dass ich sofort richtig spürte, was für ein Kämpfer er sein muss. Aaah, ich habe die Pferde schon in den Stall gelassen. Aber jetzt muss ich mich um die Tiere kümmern.«

Buck Stage kommt nach diesen Worten in die Küche und sieht die Schwester an. Er schnuppert den Kaffee- und Whiskyduft und nickt.

»Richtig, Ester! Bringe es ihnen! Sie müssen viele Stunden mit diesem Blizzard gekämpft haben. Der Große ist von der allerhärtesten Sorte!«

Er stapft hinaus, und durch die offene Tür strömt wieder ein eisiger Hauch durch das Haus.

Ester nimmt zwei große Blechbecher. Dann geht sie zu den Männern hinüber. Die beiden Bewusstlosen werden immer noch mit Schnee eingerieben und massiert und durchgeknetet. Sie sind splitternackt, und die arbeitenden Männer, die um sie herumhocken und knien, sind schon in Schweiß gekommen, so angestrengt arbeiten sie.

Ester ist keine dumme Gans, die beim Anblick nackter Männer rot wird und schreiend davonläuft. Hier sind zwei Unglückliche, denen geholfen werden muss.

Sie gibt einen Becher an Jim Payne weiter und kniet selbst neben dem großen Manne nieder. Sie hebt seinen Kopf an und setzt ihm den Becher an die aufgeplatzten Lippen.

Der Mann beginnt sofort zu schlucken. Unter seinen geschlossenen Augenlidern bewegen sich die Augäpfel. Und er trinkt das höllisch heiße und scharfe Getränk mit langen Schlucken, obwohl es ihm gewiss Schmerzen bereitet und er sich Lippen, Zunge und Gaumen verbrüht.

Und dann öffnet er die Augen und starrt Ester staunend an. Es ist noch kein Begreifen in seinem Blick. Dieses Begreifen und Erkennen kommt erst nach langen Sekunden.

Aber dann sagt er seufzend: »Oha, ein richtiger Engel. Ich bin also doch nicht in der Hölle gelandet. Ein richtiger Engel.«

Und dann wird er wieder bewusstlos.

»Wir können ihn jetzt in ein Bett legen, denn sein Blut kreist wieder richtig«, murmelt jemand.

»Yeah, auch dieser Kleine hier wird es überstehen«, meldet sich Jim Paynes’ Stimme zufrieden.

***

Es ist zwanzig Stunden später, und der Blizzard tobt immer noch mit unverminderter Kraft, als Jack Barryland erwacht.

Sein ganzer Körper schmerzt – und die Frostbeulen in seinem Gesicht schmerzen auch. Er wird sich aber plötzlich bewusst, dass jemand mit zarter Hand irgendeine Salbe auf die Frostwunden in seinem Gesicht streicht. Das kann keine Männerhand sein. Er erinnert sich auch wieder daran, dass er vor tausend Jahren, so lange scheint es ihm her zu sein, einen Engel zu sehen glaubte.

Und er öffnet die Augen.

Da sieht er den Engel wieder.

Aber da er ausgeruht und ausgeschlafen ist, weiß er natürlich sofort, dass es sich um ein sehr hübsches Mädchen handelt.

Er betrachtet stumm dieses Gesicht, und er sieht forschend in zwei graue, klare und ruhige Augen, die weit auseinander stehen und von langen Wimpern und schwungvollen Augenbrauen verschönt werden.

Ein voller, frischer und roter Mund öffnet sich, verändert sich zu einem Lächeln und lässt regelmäßige Zähne blitzen. Dann fragt eine dunkle Mädchenstimme, die ein wenig herb anmutet: »Nun, großer Mann, wie geht es Ihnen?«

Er will das Lächeln erwidern, aber seine Lippen schmerzen zu sehr. In seinen Augen, die vom selben Grau wie die des Mädchens sind, beginnt es zu funkeln. »Prächtig, Madam«, sagt er mühsam. »Ich hatte doch einen Partner bei mir, nicht wahr?«

Das Mädchen deutet über ihre Schulter.

»Hören Sie ihn schnarchen?«, fragt sie lächelnd.

Jack Barryland hört es nun.

»Yeah«, murmelt er, »dieses schöne Schnarchen kenne ich gut. So musikalisch kann nur Mister Washington Sunshine schnarchen. Wenn er bei offenem Fenster schläft, so kommen sämtliche Katzen der Umgegend und begleiten ihn im Chor. Lady, ich bin Jack Barryland.«

Sie betrachtet ihn ernst und forschend. Von seinem Gesicht kann sie nicht viel erkennen, denn es ist mit Bartstoppeln und Frostbeuten bedeckt. Sie muss sich ganz auf seine Augen verlassen – und die erwecken Vertrauen in ihr.

Sie nickt ihm zu. »Ich bin Ester Stage. Mein Bruder und ich, wir bewirtschaften diese kleine ›S-im-Viereck-Ranch‹.«

»Aaah, Sie sind noch nicht verheiratet?«, fragt er überrascht und sieht sie nochmals forschend an.

Er sieht ein großes, schlankes Mädchen, das schon fast die Reife einer Frau erreicht hat. Sie mag vierundzwanzig Jahre alt sein, und in diesem Alter sind die Frauen in diesem Lande längst verheiratet und haben schon einige Kinder.

Ihr Haar hat die Farbe glänzender Kastanien. Alles an ihr ist sehr harmonisch und ausgeglichen. Sie strömt etwas aus, was nur von Mädchen oder Frauen ausgeht, die natürlichen Stolz, Schönheit, Selbstvertrauen, innerliche Reife und jenes frauliche Fluidum besitzen, das man schlecht beschreiben oder erklären kann.

Sie gehört zu jener Sorte, die ungekünstelt ist, schlicht, klar, einfach und gerade – und die trotzdem schön und begehrenswert ist, weil jeder Mann bei ihrem Anblick tief in sich verspürt, dass man diese Sorte ein ganzes Leben lang lieben, achten und verehren muss, auch dann noch, wenn die Jugend vorbei ist.

Auch Jack Barryland spürt das.

Und er wird sich plötzlich bewusst, wie genau er sie betrachtet.

Sie lächelt wieder und fragt: »Zufrieden, Mister?«

Er hebt die Hand, bewegt zur Probe die Finger, ballt sie zu einer Faust und streckt sie wieder. Er fährt sich vorsichtig über Stirn und Augen und murmelt dann: »Wenn ich nicht ein armseliger Satteltramp wäre, so würde ich mich in Sie verlieben, Ester Stage. Und dann würden Sie vielleicht meine Frau werden.«

»Sie reiten auf einem schnellen Pferd, Jack Barryland«, sagt sie herb und erhebt sich. Sie hält das kleine Salbentöpfchen noch in der Hand. In ihren Augen erscheint der Ausdruck von Spott.

»Sind Sie immer so schnell, großer Mann?«

»Sie haben mich gefragt, ob ich zufrieden bin. Und ich sage Ihnen, dass ich um Sie werben würde, wenn ich das verantworten könnte. Das sollte keine Beleidigung sein. Lady.«

»Es war keine Beleidigung, Jack Barryland«, murmelt sie und tritt an Wash Sunshines Bett.

Der stellt plötzlich sein singendes Schnarchen ein, öffnet die Augen und sagt grinsend: »Hallo, gute Schwester«, sagt er, »ich kann beschwören, dass der lange Indianer dort drüben bisher noch keiner Frau so schnell sein Herz zu Füßen legte. Es muss mit ihm etwas passiert sein.«

»Sie haben ja gar nicht geschlafen«, sagt sie empört.

»Ich wollte meinen langen Partner nicht in Verlegenheit bringen«, sagt Wash und faltet über der Bettdecke seine Hände.

»Ich danke dem großen Herrn im Himmel«, sagt er feierlich. »Und wenn wir auch wahrscheinlich die halbe Herde verloren haben, so sollten wir doch wirklich dankbare Menschen sein, nicht wahr? Als ich vom Pferd fiel, dachte ich, dass wir keine Chance mehr hätten. Aber Jack wusste anscheinend ganz genau, dass wir bald von einer schönen Fee gepflegt werden würden. Deshalb gab er sich solche große Mühe. Ich habe noch einen Dollar, und ich werde dafür eine große Kerze kaufen. Gibt es eine Kirche hier in der Nähe?«

Das Mädchen betrachtet den kleinen Cowboy etwas ratlos und verwundert.

»Die Stadt ›Longhorn‹ ist nur fünfzehn Meilen von hier entfernt«, sagt sie und wendet sich zur Tür. »Wenn sich die Gentlemen kräftig genug fühlen, so können sie aufstehen. Ich werde ein Essen zubereiten.«

Sie wirft einen zweiten, sehr verwunderten Blick auf Wash und geht dann hinaus.

Jack Barryland setzt sich auf und schiebt seine Füße über den Bettrand. Er setzt sie auf den Fußboden und erhebt sich vorsichtig. Er ist immer noch nackt. Auf einem Stuhl liegen seine Kleidungsstücke. Sie sind gewaschen, gebügelt und geflickt. Er streift sich sein rotes Unterzeug über den hageren Körper, der nur aus starken Knochen, Sehnen und langen Muskeln zu bestehen scheint, und sagt dann zu Wash: »Du scheinheiliger Hundesohn. Deine fromme Plauderei wird dir nichts nützen. Und bevor du eine Kerze für die Kirche spendest, vertrinkst du deinen letzten Dollar lieber. Aaah, dir ist wohl jedes Mittel recht, dich angenehm einzuführen?«

»Ich bin dem Herrn wirklich sehr dankbar, dass er dir genügend Kraft gab, um mich zu retten«, haucht Wash beleidigt und steigt gleichfalls aus dem Bett.

Er hat lächerlich dünne und krumme Beine. Aber sonst ist sein kleiner, drahtiger und festgefügter Körper sehr muskulös.

Als er sich die dicken Wollsocken anzieht, brummt er zufrieden: »Prächtig! Sie hat sogar das große Loch gestopft! Und es sind wieder richtige Knöpfe an meiner Hose. Jack, dieser Blizzard war wirklich ein großes Glück für mich! Aaah, das zerrissene Futter meiner Jacke ist auch wieder genäht. Oh, sie ist nicht nur schön und lieblich anzusehen – sie ist auch tüchtig!«

»Wer? Die Jacke?«, grollt Jack.

»Die Lady«, erklärt Wash geduldig. »Vielleicht kann sie auch gut kochen.«

Er hinkt steif und schief im Zimmer umher und starrt dann auf seine nackten Füße.

»Meine Zehen jucken mächtig«, murmelt er. »Und wenn meine Zehen zu jucken beginnen, gibt es immer Freude und Verdruss in lustiger Abwechslung hintereinander.«

»Deine Zehen sind etwas angefroren, deshalb jucken sie«, knurrt Jack. Er tritt an den kleinen Freund heran und hält diesem den großen Zeigefinger vor die Nase. Er bewegt den langen Finger wie den Zeiger einer Waage hin und her, und Wash’s Augen beginnen stark zu schielen.

»Mister Washington«, sagt Jack grimmig, »ich will es dir noch einmal sagen. Du bist ein verdammter, scheinheiliger und verlogener Hundesohn! Und ich habe schon begriffen, auf welche fromme Tour du reisen willst. Du hast schon einmal – das war vor zwei Jahren in Kansas! – einem Mädel mit frommen Reden die Überzeugung beigebracht, dass du rechtschaffen und gottesfürchtig bist. Und sie sah deshalb nicht, dass du ein hässliches Eichhörnchen bist, sondern glaubte an deine innerlichen Vorzüge. Sie sagte sich, dass ein gottesfürchtiger Mann einen goldenen Kern hätte, auf den man bauen könnte. Und du hast alles von ihr bekommen, du Chinese, bis sie dich endlich einmal vollkommen betrunken aus einer Bar kommen sah. Da …«

»Du hattest mich erst betrunken gemacht und sie dann herbeigeholt«, grollt Wash bitter und zieht sich die Stiefel an. »Und überdies bin ich während des Blizzards wirklich in mich gegangen und habe alle meine Sünden bereut. Auch ein Bursche wie ich kann sich ändern, nicht wahr?«, fügt er beleidigt hinzu.

Jack starrt ihn misstrauisch an. Dann seufzt er.

»Oh, wenn ich doch nur wüsste, ob du es wirklich ernst meinst.«

»Das wirst du schon sehen«, erwidert Wash feierlich. »Mein Leben wird sich vollkommen ändern. Ich werde dir keinen Kummer mehr machen und in Zukunft nicht mehr so haarscharf auf der Grenze zwischen Recht und Unrecht entlangbalancieren. Du wirst es sehen.«

Wenig später sind sie fertig und verlassen die Schlafkammer. Sie kommen in das große Vorderzimmer und fühlen sofort die Blicke der dort versammelten Männer auf sich ruhen.

Es ist eine grimmige und verdrossene Gesellschaft, die hier versammelt ist, weil der tobende Blizzard sie hier einsperrt. Diese Männer sind voller Sorge und Ungeduld, das sieht man sofort.

Jack Barryland nickt ruhig und sagt gedehnt: »Gents, wir sind euch zu großem Dank verpflichtet. Ihr habt eine ganze Menge für uns getan. Ich bin Jack Barryland. Das ist mein Partner Wash Sunshine.

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