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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 041

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Alle Brüder waren tapfer
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Kapitel 13
  16. Kapitel 14
  17. Vorschau

Alle Brüder waren tapfer

1

Als wir den großen Strom erreichten, den man Mississippi nennt, da hatten wir von Kentucky her schon ein gutes Stück unseres Weges geschafft.

Und dennoch war es erst ein Klacks, fast so gut wie nichts.

Denn wir wollten nach Oregon, und das lag weit, weit vor uns im Nordwesten. Wir wussten nicht so genau, wie weit, aber wir ahnten ungefähr, dass wir noch mehr als zwanzigmal weiter mussten, vielleicht sogar dreißigmal.

Wir hatten schon den Ohio auf einer Fähre überquert und waren dann am Mississippi entlang bis zur Ostseite von Saint Louis gekommen. Wir konnten drüben die mächtige Mündung des Missouri sehen, und die Stadt zu beiden Seiten und zwischen den zwei mächtigen Strömen schien uns gewaltig zu sein. Noch niemals sahen wir so viele Häuser und Menschen und Schiffe jeder Sorte.

Wenn ich von »wir« rede, dann meine ich uns Hookers. Wir waren eine große Familie, und wir waren neun Männer, vier Frauen und sieben Kinder. Zu uns gehörten vier Wagen mit zwei Dutzend Maultieren und mehr als einem Dutzend Pferden.

Und wir hatten Kentucky verdammt schnell bei Nacht und Nebel verlassen müssen mit unserer Mom, nachdem wir unseren Vater beerdigt hatten.

Sie hatten ihn mit einer Wagenladung schwarzgebrannten Whiskeys erwischt, guten und sehr weichen Bourbons, der den schmelzenden Ton einer alten Geige bekommen hatte, weil er lange genug in den Eichenfässern reifte.

Er war ein Vermögen wert. Und so kämpfte unser Alter gegen die Gesetzesmänner für unseren Whiskey, bis er tot war.

Uns hatte er bei diesem Transport nicht dabei haben wollen. Wahrscheinlich lebten wir deshalb noch. Denn wir hätten wie er gekämpft. So waren wir nun mal.

Wir kämpften gegen alles, was uns nicht passte – und weil uns immer wieder etwas nicht passte, hatten wir keinen guten Ruf im Ovensboro-Land.

Unser Alter hatte uns dazu erzogen, ständig gegen den Strom zu schwimmen und gegen alles und jedes aufzumucken. In der Gegend, in der wir verborgen in den Hügeln lebten und unseren Whiskey brannten, ohne Steuern zu zahlen, wurden einst sehr berühmte Männer geboren.

Von dort war Abraham Lincoln ausgezogen, um Präsident zu werden, und Stephen Collins Foster hatte dort gelebt und das wunderbare Lied »My old Kentucky Home« komponiert, jenes Lied, welches in Kentucky bekannter war und mehr galt als die amerikanische Nationalhymne. Dieses Kentucky-Lied machte alle, die aus Kentucky kamen, auf der ganzen Welt sofort zu Brüdern, selbst wenn sie sich zuvor noch nie gesehen hatten.

Nun, wir verließen also Kentucky damals, weil die Behörden schlecht auf uns zu sprechen waren. Unser Alter hatte den Steuereintreibern, die seine Wagenladung erwischen wollten, einen gewaltigen Kampf geliefert. Wir wären in Kentucky auf keinen grünen Zweig mehr gekommen. Und sie würden ohnehin unseren Besitz wegen der Steuerschulden und der Strafgelder, die wir zu zahlen hatten, beschlagnahmen und versteigern.

Unsere Mom hatte das Kommando übernommen, und weil sie schon sieben Enkelkinder hatte, nannten wir sie alle Old Maggie.

Ja, sie war alt geworden. Doch man sah ihr noch an, wie schön sie einst gewesen war. Unser Alter hatte schon gewusst, warum er sie zur Frau nahm. Und dass sie ihm damals in die Hügel folgte und ihm sechs Söhne schenkte, dies bewies wohl, wie sehr sie ihn geliebt hatte.

Nun, wir erreichten an jenem Nachmittag also die Ostseite von Saint Louis und sahen drüben die Mündung des Missouri.

Aber wir waren völlig abgebrannt, also ohne jedes Bargeld. Unser Alter hatte ja seinen Whiskey nicht verkaufen können. Also waren wir losgezogen ohne einen Cent in der Tasche und unsere vielen Schulden hatten wir auch nicht bezahlen können.

Eigentlich waren wir eine ziemlich miese Familie.

Aber wer war denn jetzt nach dem Krieg noch edel und gut?

Wir kannten niemanden.

Nun, wir schlugen also in der Nähe der Stadt und dicht am Ufer des Stromes unser Camp auf. Die Frauen machten das Abendessen, indes wir Männer uns um die Tiere und die Wagen kümmerten, an denen eine Menge geschmiert und einiges repariert werden musste, wie fast immer nach einem langen Tagestreck.

Als wir beim Abendbrot hockten, gingen in der Stadt zu beiden Seiten der Ströme die Lichter an.

Und unsere Mom sagte kauend: »Jungens, ihr müsst euch Arbeit suchen und Geld verdienen. Wir können erst weiter, wenn wir ein paar Dollars haben.«

Nach diesen Worten sah sie uns der Reihe nach an und fügte hinzu: »Aber verdient es ehrlich. Verstanden? Ehrlich! Sonst nimmt es kein gutes Ende mit uns.«

Damit hatte sie alles gesagt, was zu sagen war. Und weil wir unsere Mom liebten, waren mehr Worte von ihr auch gar nicht nötig.

Wir Männer schwiegen. Sechs von uns waren ihre Söhne. Die anderen drei Männer unserer Sippe waren unsere Schwäger, denn sie hatten unsere drei Schwestern geheiratet. Wir Hooker-Brüder verstanden uns gut mit unseren Schwägern, so gut als wären sie Brüder von uns. Denn wir alle gehörten zur selben Sorte.

Wir sprachen an diesem Abend nicht mehr viel in unserem Camp so dicht bei der Stadt an den zwei großen Strömen. Die sieben Kinder unserer Schwestern schliefen nach dem langen Tag schon fast beim Abendessen ein. Als unsere Schwestern noch damit beschäftigt waren, sie in den Wagen zu Bett zu bringen, da beugte sich unsere Mom – sie saß in einem Schaukelstuhl, den wir für sie in einem der Wagen mitführten – etwas vor und hob den Zeigefinger.

»Nun hört mir noch einmal ganz genau zu, Jungens. Macht eure Ohren richtig auf. Ich will es euch zum letzten Mal richtig erklären.«

Sie machte eine Pause und deutete dann nach Osten in die Nacht hinein.

»Ich habe mich in all den Jahren oft gefragt, warum ich euren Vater liebte«, begann sie dann. »Denn eigentlich blieb er sein ganzes Leben lang ein wilder, großer Junge, bereit für jedes Wagnis und jede Herausforderung. Er machte mir eine Menge Kinder und lebte sonst sein freies Leben. Er war der wilde Hooker, und als ihr, seine Söhne, dann groß genug wart, dann waren wir die wilden Hooker. Es war schon fast ein Wunder, dass eure Schwestern gute Männer bekamen, denn der Ruf der Hookers war im Ovensboro-Land denkbar schlecht. Nun haben wir Wild-Bill Hooker, der mein Mann und euer Vater war, daheim in Kentucky beerdigt. Es ist mir schwergefallen, die Heimat zu verlassen – und auch eures Vaters Grab, um das sich niemand kümmern wird. Aber weil ich bereit bin, alles hinter mir zu lassen, muss sich das lohnen. Deshalb sage ich euch nur noch dieses eine Mal: Bleibt sauber. Dass ihr mutig und tapfer seid, weiß ich. Da gleicht ihr eurem Vater. Aber nun verlange ich, dass ihr ehrlich bleibt. Wir haben keinen einzigen Dollar mehr. Und wir wissen noch nicht, wie wir morgen über den mächtigen Strom kommen sollen. Wenn ihr also Geld zu beschaffen versucht, dann bleibt sauber. Sonst steht unser neuer Anfang im noch so fernen Oregon gleich von Beginn an auf einer morschen Basis. Habt ihr das verstanden?«

Wir nickten. Auch unsere drei Schwäger.

Dann dachten wir nach. Denn Mom hatte zuletzt unser dringendstes Problem angesprochen, nämlich die Überquerung des mächtigen Mississippi.

Es gab jetzt im Jahre 1867 noch keine Brücke bei Saint Louis. Die wurde erst 1870 fertig.

Wir mussten mit unseren Wagen und all den Tieren auf einer Fähre hinüber. Und das würde zumindest zehn Dollar kosten. Zehn Dollar aber waren für uns im Moment so groß wie zehn Wagenräder. Ja, so etwa konnte man es vergleichen.

Aber natürlich brauchten wir für die Weiterreise noch viele andere Dinge. Es war ja noch ein verdammt langer Weg durch Missouri, Nebraska, Wyoming und Idaho bis nach Oregon. Vielleicht waren wir ein ganzes Jahr unterwegs.

Ja, wir mussten Geld beschaffen, zumindest tausend Dollar.

Aber wie?

Selbst wenn wir uns alle als Arbeiter verdingten, so war es nicht möglich, mehr als zwei Dollar pro Mann und Tag zu verdienen. Das waren achtzehn Dollar pro Tag und einhundertachtzig in zehn Tagen.

Heiliger Rauch, wie lange würden wir hier festliegen auf diese Weise?

Es gab natürlich auch noch andere Möglichkeiten, nämlich, wenn wir zwei oder drei unserer Pferde verkauften. Denn unsere Pferde waren ein Vermögen wert. Es waren echte Kentucky-Vollblüter, also Aristokraten der Pferdewelt. Wir Hookers hatten stets besonders gute und edle Tiere.

Dass Kentucky-Pferde so einmalig sind, liegt am Blaugras, das besonders in Kentucky so prächtig wächst, weil der Boden hier einen sechsmal höheren Phosphorgehalt hat als sonst wo. Diese Tatsache begünstigte die Entwicklung der Pferde so sehr, dass die Fohlen schon nach zwanzig Monaten ausgewachsen waren.

Unsere Pferde waren das Stück zumindest dreihundert Dollar wert.

Wenn wir also drei verkauften …

Aber das kam überhaupt nicht in Betracht.

Wir mussten andere Lösungen finden.

Es war unmöglich mit Tieren und Wagen den mächtigen Strom zu durchschwimmen. Der Mississippi war ja kein Fluss, er war ein mächtiger Strom und hier fast eine ganze Meile breit.

»Wir werden uns mal ein wenig umsehen und umhorchen«, sagte Titus, der älteste Mann von uns Hookers. »Aber ihr bleibt hier, ihr Schwäger. Ihr bleibt bei euren Frauen und Kindern – und bei Mom.«

Unsere drei Schwäger waren nicht besonders glücklich über diese Entscheidung. Doch Titus war nicht nur der Älteste von uns, sondern seit dem Tode unseres Vaters auch unser Anführer.

Und so fügten die drei Schwäger sich, wobei sie allerdings grimmige Gesichter machten und auch mit den Zähnen knirschten.

Wir Hooker-Brüder aber schwangen uns wenig später auf unsere Pferde und ritten am Strom entlang auf die Lichter der Stadt und der Schiffe an den Landebrücken zu.

Titus führte uns.

Hinter ihm ritten Woody und Sledge.

Dann kamen Ringo und Larry.

Ich machte den Schluss, und mein Name war Chase.

Es war nicht weit. Der schmale Uferpfad ging bald schon in die Uferstraße über, wo bereits die ersten Landebrücken begannen. Es gab hier Holzplätze, Lagerhäuser, Lademasten, welche von Dampfwinden bedient wurden. Überall lagen Lastkähne, Dampfschiffe, Kielboote, manchmal im Päckchen, also nebeneinander Bordwand an Bordwand. Und es herrschte Leben und Treiben, je weiter wir in die Stadt kamen.

An einer Straßenmündung stand ein Mann und zeigte stadteinwärts. Dabei rief er uns Reitern zu: »Da entlang geht’s zum großen Preiskampf – da entlang, Gentlemen! Und jeder kann noch Wetten abschließen! Es ist noch Zeit!«

Wir hielten an, bildeten mit unseren Pferden mitten in der Gassenmündung eine dichte Traube und sahen uns an im Scheine von Laternen und brennenden Teerfässern.

Titus sagte: »Reiten wir hin. Sehen wir es uns mal an.«

Und dann folgten wir ihm abermals. Wir hatten keinen einzigen Dollar in den Taschen, aber auf unseren edlen Pferden machten wir was her.

Und so ritten wir die Straße entlang vom großen Strom weg bis zu deren Ende.

Hier gab es ein großes Lagerhaus, das leer stand. Das große Tor war mit beiden Flügeln weit offen. Drinnen war alles hell erleuchtet.

Um ein Geviert des hart gestampften Lehmbodens waren Bänke aufgestellt, die bis hinauf zu Rängen anstiegen, so wie in einem Theater oder einer Freilichtbühne.

Fast jeder Platz war schon besetzt dort drinnen.

Wir fanden noch einen Platz, wo wir unsere Pferde anbinden konnten. Neben uns hielt ein leichter Zweiräder mit einem herrlichen Rappengespann.

Der Mann im Wagen hatte eine wunderschöne Frau neben sich. Von irgendwo lief ein Bursche herbei und fragte: »Mister Portland, darf ich auf Ihr Gespann und Ihren Wagen achten? Es wäre mir eine Ehre.«

»Du darfst, Blinky«, sagte der Mann und half der schönen Frau beim Aussteigen.

Der Platz war auch hier vor dem Lagerhaus gut beleuchtet, sodass er einen Blick auf unsere sechs Vollblüter werfen konnte.

Und jedes der Tiere war eine Idee besser als sein Rappengespann. Dies erkannte er sofort. Denn er schnalzte mit der Zunge und sagte zu uns: »Aaah, die sind prächtig, echte Bluegrasspferde, nicht wahr?«

»So ist es, Mister«, erwiderte Titus ernst.

»Haben Sie diese Tiere zum Verkauf hergebracht nach Saint Louis?«

»Nein, Mister.«

»Aber ich würde sie kaufen, denn ich kaufe jedes erstklassige Tier«, sagte der Mann, den der herbeigelaufene Bursche Mister Portland nannte.

»Überlegen Sie es sich«, grinste er, sich schon etwas abwendend. Doch dann hielt er inne und fragte: »Auf welchen Preiskämpfer wetten Sie denn, Gentlemen? Auf Sullivan oder McKeene?«

»Warum fragen Sie?« Titus wollte es mit sanfter Stimme wissen.

Portland lachte. »Nun, ganz einfach, Gentlemen. Wenn Sie auf den falschen Preiskämpfer setzen und hoch verlieren, dann könnte es doch sein, dass Sie froh sind, wenn Sie Ihre Pferde an mich verkaufen können oder?«

Er lachte wieder, bot der schönen Lady seinen Arm und ging mit ihr hinein. Wir folgten dem Paar, und es sah so aus, als gehörten wir wie eine Art Leibwache zu ihm.

Vielleicht hielten uns die Ordner deshalb nicht auf, um sich die Eintrittskarten zeigen zu lassen. Es stellte sich heraus, dass man einen erstklassigen Platz für Mister Portland und dessen schöne Begleiterin reserviert hatte.

Wir stellten uns dahinter im Gang auf. Und wieder wirkten wir wie die Leibwache oder Begleitung dieses wichtigen Mannes. Niemand belästigte uns.

Und dann kamen auch schon die beiden Preiskämpfer.

Einer hieß Arch Sullivan, der andere Pete McKeene.

Wir hatten noch niemals einen solchen Preiskampf gesehen, aber natürlich davon gehört. Diese Preiskämpfe fanden nicht für irgendwelche Meisterschaften statt, sondern wurden allein nur deshalb ausgetragen, um Wetten abschließen zu können. Und hier waren offenbar sehr hohe Wetten abgeschlossen worden.

Denn als man die beiden Kämpfer vorstellte, da gab es eine Menge Gebrüll und laute Pfiffe. Die Zuschauer nahmen von Anfang an Partei. Ihr Favorit wurde umjubelt, dessen Gegner ausgepfiffen.

Und dann ging es auch schon los.

Die beiden Kämpfer trugen rote, lange Unterhosen und kämpften mit bloßen Fäusten. Es gab noch nicht jene Boxregeln, die später aus England herüberkamen. Man konnte den Gegner auch in den Unterleib schlagen, ja sogar treten. Es war alles erlaubt, was zur Vernichtung des Gegners führte.

Und natürlich war das ein grausames, gnadenloses Spiel. Es war wie ein Hahnenkampf, nur dass zwei Männer die Hähne waren.

Zum Glück dauerte es nicht lange, aber das war gewiss reiner Zufall. Denn dieser Arch Sullivan brachte einen Glücksschlag bei Pete McKenne an, der genau auf Kinnwinkel und Ohr knallte und McKenne auf die Bretter legte.

Dies alles geschah in der ersten Minute.

McKenne stand nicht mehr auf. Er lag da als hätte ihn eine Keule getroffen.

Und der Lärm wuchs zu einem Höllenkrawall. Sie trugen den bewusstlosen McKeene fort, bevor man sich über seinen wehrlosen Körper stürzen konnte.

Vielleicht hätten sie ihn totgetreten, totgeschlagen oder gelyncht. Denn die Wettverlierer fühlten sich betrogen.

Aber dann stellte sich ein Mann mit ausgebreiteten Armen in die Mitte des Gevierts, so als wollte er sich von der Menge erschießen lassen. Er drehte sich langsam nach allen Richtungen und bot den Tobenden seine Brust und den dicken Bauch, der ihm über den Hosenbund quoll.

Als es endlich still wurde, hörte man ihn laut genug rufen, dass alle es in der Lagerhalle hören konnten: »Leute, es ist wirklich bedauerlich, dass der Kampf so schnell beendet war! Sullivan hat ganz einfach einen Glücksschlag gelandet, wie ein Preiskämpfer ihn vielleicht nur einmal in seinem ganzen Kämpferleben schafft. Ich weiß, dass viele von Ihnen jetzt sehr enttäuscht sind. Und so habe ich Arch Sullivan dazu bewegen können, jetzt und hier nochmals anzutreten, wenn sich jemand findet, der gegen ihn kämpfen will. Es kann dann noch einmal gewettet werden. Ist jemand hier, der es wagen möchte? Ich gebe zehn Minuten Bedenkzeit. Dann wird Sullivan wieder hier erscheinen und sich stellen.«

Der Mann verschwand wieder.

Und es wurde abermals laut. Alles redete durcheinander, brüllte, gestikulierte.

Titus aber wandte sich an uns.

»Hört mal, Brüder, ich mache das.«

Wir umstanden ihn in Gang zwischen den Sitzbänken. Und wir staunten ihn an.

Gewiss, Titus war ein Bursche, der es mit jedem anderen Mann aufnehmen konnte, obwohl man ihm das nicht auf den ersten Blick ansah. Aber er war ein echter Ironman, ein Eiserner, so richtig zäh und hart.

Aber gegen diesen Arch Sullivan war er nur mittelgroß und wog mehr als dreißig Pfund weniger.

Dennoch wollte er kämpfen.

Er drängte sich aus unserer Mitte und trat zu jenem Mister Portland, der mit der schönen Frau in zwei bequemen Holzlehnstühlen saß, welche ein besonderes Privileg darstellten, denn es waren die besten Sitzgelegenheiten in der ganzen Halle.

Er tippte Portland auf die Schulter, beugte sich zu ihm nieder und sagte ihm etwas ins Ohr. Sie diskutierten dann nicht lange, aber sie reichten sich die Hände, so wie man es bei Abmachungen tut, die man durch Handschlag besiegelt.

Titus trat dann wieder zu uns und sagte: »Wenn ich verliere, bekommt Mister Portland unsere Pferde. Und wenn ich gewinne, zahlt er an uns zweitausend Dollar. Er meint, die könnte er leicht verschmerzen, weil er selbst auf mich wetten würde und die Wetten gewiss zwanzig zu eins gegen mich stehen würden. Er brauchte nur hundert Dollar zu riskieren, um die zweitausend abzusichern. So wird das gemacht.« Er schnalzte anerkennend mit der Zunge.

Wir standen da und begriffen das ganze Geschäft erst jetzt so richtig.

Mom hatte uns gesagt, dass wir ehrlich bleiben sollten beim Geldbeschaffen.

Und was konnte ehrlicher sein als dieser Kampf?

Wenn Titus ihn gewann, waren wir all unsere Sorgen los bis Oregon, was die Finanzierung unserer Reise betraf.

Verlor Titus, waren wir sechs unserer Pferde los. Aber Titus war kein Spieler. Er musste sich eine reelle Chance ausgerechnet haben. Sonst würde er den Kampf nicht riskieren. Wir wussten es genau.

Und deshalb hinderten wir Titus nicht, als er uns verließ und in die Mitte des Kampfgevierts ging.

Die Menschenmenge begann zu johlen und zu brüllen.

Und der Sprecher von vorhin, der ja der Veranstalter dieses Kampfabends war, trat zu Titus. Sie sprachen miteinander. Es wurde still.

Dann rief der Mann: »Es hat sich Titus Hooker gemeldet! Er ist sechs Fuß groß, wiegt einhundertachtzig Pfund und ist achtundzwanzig Jahre alt. Er will gegen Arch Sullivan antreten. Er und seine Brüder setzen sechs edle Pferde im Gesamtwert von zweitausend Dollar auf seinen Sieg. Es kann gewettet werden bis zum Beginn des Kampfes.«

2

Nun, lieber Leser unserer Geschichte, der Geschichte von uns Hookers, es wurde ein schlimmer, böser und harter Kampf für unseren Titus.

Denn dieser Arch Sullivan war ein erfahrener Preiskämpfer, der alle schmutzigen und gemeinen Tricks kannte.

Es gab eigentlich nur eine einzige Regel, nämlich die, dass bei einem Niederschlag die jeweilige Runde beendet war und der Kampf als verloren galt, wenn zur nächsten Runde nicht angetreten wurde. Die ersten vier Runden endeten stets durch Niederschlag, und immer war Titus am Boden, nie dieser Sullivan.

Wir bekamen Titus aber jedes Mal rechtzeitig wieder hin, sodass er stets zur nächsten Runde antrat.

Aber er sah schon schlimm aus. Sie kämpften ja mit bloßen Fäusten. Sullivan zerschlug Titus das Gesicht, klopfte ihm die Ohren zu Blumenkohl und knickte ihm gewiss schon in den ersten beiden Runden einige Rippen.

Wir wussten, dass unser Titus sein ganzes Leben lang aus diesem Kampf einige böse Narben behalten würde. Doch er gab nicht auf. Er kämpfte tapfer, nahm alles hin, was Sullivan ihm gab und lernte dabei.

Ja, er lernte Sullivans Tricks, studierte diesen Preiskämpfer und zahlte dabei blutiges Lehrgeld.

Aber dann – in der fünften Runde –, da schlug er Sullivan zu Boden.

Und er machte ihn auch noch in der sechsten und siebenten Runde platt.

Nun sah auch Arch Sullivan nicht besser aus als unser Titus. Beide bluteten nun aus vielen Brauschen und Risswunden. Sie bewegten sich jetzt langsamer, keuchten.

In den Augen von Arch Sullivan war nun Staunen zu erkennen, doch noch keine Furcht vor einer Niederlage.

In der zehnten Runde aber konnten wir es erkennen.

Sullivan glaubte nicht mehr an seinen Sieg. Er taumelte nur noch umher wie ein Betrunkener und versuchte den Schlägen zu entkommen. Wenn er selbst schlug, geschah das langsam. Und weil er ins Leere schlug, taumelte er seinem Schlag hinterher und bekam die Fäuste unseres Bruders.

In der elften Runde trat er nicht mehr an.

Der Kampf war aus.

***

Als wir Titus in unser Camp brachten und im Wasser des Flusses badeten, da kam unsere Mom aus dem Wagen und fragte: »Was ist geschehen?«

Wir erzählten es ihr.

Und da hörten wir sie seufzen. Dann sagte sie: »Ich kümmere mich um ihn. Ich habe einige Töpfe mit guten Salben mitgenommen. Ich kümmere mich um meinen ältesten Sohn.«

Wir mussten ihr gehorchen, denn es war etwas in ihrer Stimme, was keinen Widerspruch duldete. Und so verließen wir unseren Bruder Titus, indes unsere Mom noch einmal in ihren Wagen kletterte, um dort ihren Medizinkasten herauszuholen. Wir wussten, sie hatte dort die verschiedensten selbst gemachten Salben in kleinen Töpfen, zum Beispiel von Ringelblumenbrei, den sie mit Schmalz vermischte und der gegen vielerlei half. Mom war unserer Familie stets ein guter Doc gewesen. Und sie hatte das alles von ihrer Mutter im alten Irland gelernt, die es wieder von ihrer Mutter übernahm. Wir wussten also, dass unser Bruder Titus gut versorgt werden würde.

Noch einmal versammelten wir uns am Feuer und schöpften uns Kaffee aus dem Topf. Es war noch für jeden von uns ein Becher da. Und so standen wir um das Feuer, schwiegen eine Weile und schlürften nur das heiße Gebräu mit vorsichtigen Lippen vom heißen Becherrand.

Schließlich sagte Woody, der nur ein Jahr jünger war als Titus: »Er war tapfer, o Hölle, was war er tapfer. Er wusste, dass er nicht verlieren durfte. Ums Verrecken nicht. Hoffentlich hat ihn dieser Kampf nicht für immer zu einem kranken Mann gemacht. Die Narben wird er sein ganzes Leben tragen.

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