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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 040

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Kendall Canes Weg
  4. Kapitel 1
  5. Kapitel 2
  6. Kapitel 3
  7. Kapitel 4
  8. Kapitel 5
  9. Kapitel 6
  10. Kapitel 7
  11. Kapitel 8
  12. Kapitel 9
  13. Kapitel 10
  14. Vorschau

Kendall Canes Weg

Als damals nach dem Bürgerkrieg in allen Staaten und Territorien der Wiederaufbau begann, nahm Arizona kaum Anteil daran. Dieses Territorium war zu sehr mit seinen eigenen Problemen beschäftigt, und seine Menschen brauchten ihre ganze Kraft, um überleben zu können.

Arizona war damals ein wasserarmes Land und wurde viele Jahre von den Apachen beherrscht, die erst nach einem jahrelangen Krieg befriedet werden konnten. Diese Apachen blockierten jeden Verkehr im Land, und die wenigen Städte waren wie Inseln in einem von Piraten beherrschten Meer.

Wie schlimm die Apachengefahr war, geht allein schon daraus hervor, dass die Stadt Tucson noch im Jahre 1880 für jeden Apachenskalp eine Belohnung aussetzte, wie z. B. für ein Wolfs- oder Pumafell.

Es gab in Arizona lange Zeit kein Gesetz. Es galt nur jenes Gesetz, das ein Mann in der Trommel seines Colts trug.

Und weil das so war, sammelte sich in Arizona all das Gelichter der Grenze, jener Abschaum der Menschheit.

Durch diese wilde Zeit ritt Kendall Cane, von dem ich hier erzählen will.

Er war ein Sohn jener Zeit, einer Zeit, die längst vorbei ist und die es nicht mehr gibt. Und die Maßstäbe von damals haben heute keine Gültigkeit mehr.

Warum ich die Geschichte von Kendall Cane trotzdem erzähle?

Nun, er ritt zuerst einen Weg ohne rechtes Ziel, eine Zickzackfährte, die nirgendwohin zu führen schien. Doch irgendwann wurde es anders. Irgendwann erkannte er seinen Weg, den er reiten musste.

Dies zu erzählen ist – so meine ich – der Mühe wert …    G.F. Unger

1

Mit vierzehn Jahren war er nach Arizona gekommen, doch der Wagenzug wurde von Indianern überfallen, und seine Eltern starben dabei.

Er kam auf eine Rinderranch, deren Männer einen ständigen Kampf gegen die Apachen und jede andere Art von zweibeinigem oder auch vierbeinigem Raubzeug führten – einen Kampf, der keine Pause kannte.

Deshalb lernte er schon sehr früh das Gesetz des Überlebens kennen, jenes schreckliche Naturgesetz, nach dem hier auch die Menschen lebten und das jedes Lebewesen dazu zwang, schneller, härter und gnadenloser zu sein als das andere.

Mit sechzehn Jahren war er schon ein vollwertiger Kämpfer, der bereits einige Apachen und einen weißen Pferdedieb getötet hatte. Er sah aus wie zwanzig, und er konnte nicht mehr lachen. Seine Umwelt betrachtete er auf eine stille, prüfende und irgendwie lauernd anmutende Art. Er glich einem dieser Hunde, die nicht bellen, nicht knurren – die sofort mitleidlos zubeißen.

Das Leben in diesem Land, in das ihn ein grausames Schicksal verschlagen hatte, formte ihn so.

Auf der Ranch war er der Einzige außer dem Rancher, der Briefe schreiben und ein Buch lesen konnte.

Mit achtzehn Jahren war er ein richtig harter Mann. Er besaß nun ein gutes Pferd, einen guten Sattel, einen erstklassigen Revolver und ein Gewehr. Und hundert Dollar hatte er gespart.

Und er sagte seinem Rancher, dass er fortreiten und die Welt sehen möchte.

Der Rancher sah ihn an – lange und prüfend.

Und er wusste sofort, dass er ihn nicht halten konnte, denn er war selbst einmal solch ein Junge gewesen.

Und so nickte er und sagte: »Nun gut, Junge! Viel Glück auf deinem Weg! Nur eine Frage beantworte mir: Was glaubst du, warum ich hier in diesem verteufelten Land aushalte und Tag und Nacht kämpfe, um mich behaupten zu können?«

Der Junge dachte nicht nach. Er sagte schlicht: »Um zu beweisen – sich selbst immer wieder zu beweisen, dass Sie standhalten können und man Sie nicht vertreiben kann. Aus Trotz und aus Stolz, Mister!«

Der Rancher nickte.

»Das ist es«, sagte er. »Da du es begriffen hast, habe ich keine besonderen Sorgen um dich. Wenn du lange genug herumgeritten bist, wirst du herausfinden, dass sich ein Mann irgendwo einmal stellen und aushalten muss. Ich habe damals hier meinen Platz gefunden, wo ich mich herausgefordert fühlte, hier in diesem verteufelten Land und inmitten von Apachen und Banditen. Suche dir einen besseren Platz aus, Junge.«

Der Junge sagte nichts. Er hatte sein Pferd schon vor der Veranda angebunden.

Er saß auf und ritt davon.

Und damit begann sein Weg.

Kendall Cane hieß der Junge.

Er war einsfünfundachtzig groß und wog schon hundertfünfundfünfzig Pfund, dabei wirkte er hager, knochig und halb verhungert, mit hohlen Wangen. Doch über seinem breiten Mund spross ein blondes Bärtchen.

Er war schlecht gekleidet, trug einen alten Stetson mit flacher Krone und silberne Sporen, die er einmal bei einer Wette gewonnen hatte.

Er hatte die blauesten Augen, die man sich denken kann.

Und sein Haar war gelb wie reifer Weizen.

So ritt er davon.

Halt, da wäre fast etwas vergessen worden zu erwähnen!

Seinen Revolver!

Er trug ihn links!

***

Als Kendall Cane den Ort zum ersten Male sieht, verspürt er ein prickelndes Gefühl, so etwa als wüsste er ganz genau, dass tausend Wunder und Freuden ihn erwarten.

Denn es ist der größte Ort, den er seit fast sechs Jahren sieht. Damals vor dem Krieg war er als Knabe mit seinen Eltern von Frankfort in Kentucky nach dem Westen gekommen.

Doch an Frankfort in Kentucky kann er sich kaum noch erinnern.

Diese Stadt zu seinen Füßen interessiert ihn auch sehr viel mehr. Denn nun ist er kein Junge mehr, sondern ein Mann, der sich die Welt ansehen möchte, der irgendwelche Dinge erleben will.

Und so ergeht es ihm wie einem Seemann, der nach jahrelanger Ozeanfahrt den ersten Hafen erreicht.

Die Stadt da unten ist nicht groß. Sie besteht aus Adobebauten und Holzhäusern, die zum größten Teil ungestrichen sind. Es ist eine Minenstadt, in die jedoch auch die wenigen Farmer und Rancher der Umgebung kommen.

Doch hauptsächlich lebt sie von den Silberminen, die man wieder in Betrieb genommen hat. Nicht weit von der Stadt entfernt gibt es am Creek eine Erzmühle.

Arizonac heißt die Stadt, und das bedeutet in der Sprache der Papago-Indianer so viel wie »Kleiner Fluss«. Kendall Cane weiß das. Er weiß auch, dass der Name Arizona von Arizonac abgeleitet wurde und etwa mit »Land der kleinen Flüsse« zu übersetzen ist.

Die Stadt liegt in einem grünen Tal, durch das sich der Creek windet.

Kendall Cane reitet hinunter. Er verspürt ein frohes und erwartungsvolles Gefühl und vergisst ganz und gar sein Misstrauen gegen die Menschen.

Ihm fällt mit einem Mal wieder das alte Lied ein, das sie daheim in Kentucky sangen. Oh, er weiß sogar, dass es von Stephen Collins Foster ist. Und nicht wenige Leute behaupten, dass es bekannter wäre als die amerikanische Nationalhymne.

Kendall Cane kann nicht anders. Indes er hinunter ins Tal reitet, muss er singen.

»Die Sonne scheint heiter über meiner alten Heimat Kentucky.

Es ist Sommer, die Neger sind froh.

Der Mais ist reif, und die Prärie blüht.

Die Vögel singen den ganzen, lieben Tag.

Die Kinder kugeln sich auf dem Boden der Hütte.

Alle sind lustig, glücklich und froh.

Doch bald werden harte Zeiten kommen.

Dann sag ich meiner alten Heimat Kentucky Ade!«

Nun, er ist nicht mehr in der alten Heimat Kentucky. Er ist im Arizona-Territorium, und er hat einen vier Tage langen Ritt hinter sich und musste unterwegs mit einigen Apachen kämpfen, die gerne sein Pferd und seine Waffen gehabt hätten.

Doch er ist nun sehr froh. Und deshalb singt er »Kentucky Home«.

Aber dann, als er im Tal ist und in die Stadt reitet, wird er still, wachsam und misstrauisch, während seine Neugierde auf all die Menschen wächst.

Denn er war all die Jahre nur mit den anderen Reitern der Ranch zusammen und kam nur alle paar Monate mal nach dem Fort der Armee, dessen kleine Truppe einen zumeist erfolglosen Kampf gegen die Apachen führt und in deren Schutz eine kleine Siedlung entstanden war.

Doch dies hier ist eine Stadt, eine richtige Stadt, mit vielen Saloons und Geschäften, Hotels und Restaurants, mit vielen Menschen – vor allem auch Mädchen und Frauen.

Ken Cane reitet langsam die Hauptstraße hinunter. Es ist schon später Nachmittag, und der Betrieb in Arizona kommt in Gang. Man kann kaum glauben, dass die Stadt ziemlich abgeschnitten ist von der Außenwelt und fast alle Wagenzüge sich den Weg hierher erkämpfen müssen.

Hier herrschen Handel und Bewegung.

Hier stehen überall Sattelpferde an den Haltestangen. Goldgräber, mexikanische Banditen und Pferdediebe, Frachtfahrer, Farmer und Cowboys, zahme Indianer, einige Soldaten, die Urlaub haben oder auf der Durchreise zu irgendwelchen einsamen Kommandoposten sind, und von den umliegenden Minen kommen auch schon die ersten Bergleute hereingeströmt.

Die Hauptstraße hat sogar Plankengehsteige, die vor den großen Saloons und Geschäften verandaartig ausgebaut sind.

Dort drängt sich alles. Denn die Abendkühle setzt ein. Man macht Einkäufe, trinkt einen kühlen Trunk vor dem Abendessen und freut sich auf den Spaß danach.

Ken Cane bringt sein Pferd in den Mietstall, und er muss für Futter und Unterkunft voraus bezahlen.

Er wäscht und rasiert sich beim Brunnen im Hof des Mietstalles und zieht sich sein gutes Hemd an.

Und dann ist er fertig für all den Spaß.

Zuerst geht er ins Mogollan-Restaurant essen und isst ein großes Stück von einem auf mexikanische Art zubereiteten Ferkel und zum Nachtisch eine ganze Anzahl Kuchen. Dann verspürt er Durst und begibt sich in den Silver Star Saloon, weil hier selbst gebrautes Bier aus dem kühlsten Keller von Arizonac verkauft wird.

Als er seinen ersten Durst gestillt hat, beginnt er seine Runde zu machen, und er klimpert unternehmungslustig mit den Dollars in seiner Hosentasche.

Es gibt genügend Burschen, die ihn wachsam und abschätzend betrachten, denn er wirkt nun einmal wie ein hungriger Wolf aus der Wüste, der Appetit auf rohes Fleisch hat.

Und einige »Experten« betrachten auch seinen Revolver unter der linken Hüfte.

Aber er bekommt noch keinen Verdruss, oh, nein, noch nicht, obwohl sich die Stadt immer mehr mit lärmenden Bergleuten aus den Minen füllt und immer lauter und wilder wird.

Die Barmänner, die Tanzmädels, die Kartenausteiler und Bankhalter, sie alle bekommen zu tun.

Ken Cane kauft sich in O’Connors Tanzhalle drei Tanzkarten und versucht es mit einer blonden, einer schwarzen und einer roten Tänzerin, und hier bekommt er den ersten Streit, weil er mit seinen Sporen einem anderen Mann die Hosenbeine beschädigt.

Als der Tanz beendet ist, tippt ihn der Mann von hinten auf die knochige Schulter. Als sich Ken Cane umwendet, sieht er aus dem Augenwinkel die Faust kommen.

Aber auf solche unerwartete Gefahren ist er trainiert, besitzt dafür einen Instinkt. Und so reagiert er auch instinktiv, bevor er überhaupt richtig begreift.

Er nimmt den Kopf weg, sodass die Faust ins Leere radiert und trifft selbst dicht über der Gürtelschnalle mit der Rechten. Da er weiß, dass er ziemlich viel Dampf hinter seiner Rechten hat, kümmert er sich nicht mehr um den zu Boden gehenden Burschen, sondern sieht sich nach dessen Freunden um.

Doch der Mann am Boden hat wohl keine Freunde hier.

So bietet Ken Cane seinem Tanzmädchen den Arm, so wie er es die anderen Männer tun sah, und führt sie zur Bar, wo die Tänzer ihren Tänzerinnen noch einen Drink spendieren müssen.

Das Mädchen ist etwa sieben Jahre älter als er und betrachtet ihn staunend.

»Junge«, sagt sie, nachdem sie das Zuckerwasser getrunken hat, »Junge, du wirst in dieser Stadt eine Menge Verdruss bekommen, wenn du das noch einige Male machst. Dann werden nämlich einige andere Burschen darauf zu wetten beginnen, dass du mit ihnen nicht auf diese Art umspringen kannst.«

»Ich kann auf mich achten, Ma’am«, murmelt Ken Cane, macht eine Verbeugung und zieht sich zurück, da er keine Tanzkarte mehr kaufen möchte und noch nicht alle Vergnügungslokale gesehen und ausprobiert hat.

Er sieht dann in einer Spielhalle beim Roulette zu, riskiert einige Dollar und verliert sie.

Er staunt über die Könnerschaft einiger Billardspieler, die mit den Kugeln für seine Begriffe zaubern können. Und plötzlich – ehe er es sich versieht – sitzt er mitten in einer Pokerrunde. Er fragt sich, wie dies nur plötzlich so kommen konnte. Und da begreift er, dass er für eine Weile richtig betrunken war, jetzt jedoch langsam wieder nüchtern wird.

Und obwohl er betrunken war und geradezu verrückt und dumm gespielt hat, gewann er schon mehr als dreißig Dollar.

Jetzt aber, da er langsam nüchtern wird, beginnt er mit seinem Verstand zu spielen. Und dieser Verstand ist gut.

Poker spielen kann er. Denn er spielte vier Jahre lang mit den Reitern der Ranch Poker, und diese Pokerspieler waren hartgesotten und konnten sich mit jedem im Pokerspiel messen.

Und wie in fast allen anderen Dingen, die Ken Cane auf jener Ranch lernte, übertraf er die anderen Reiter bald auch beim Pokerspiel.

Und jetzt hier, da er langsam wieder nüchtern wird und zu begreifen beginnt, dass er mit hartgesottenen Männern Poker spielt, gebraucht er in zunehmendem Maß seinen Instinkt und auch den Verstand.

Zwei Stunden später besitzt er etwa dreihundert Dollar.

Gegen Mitternacht sind es fünfhundert.

Und gegen drei Uhr morgens hat er an die tausend Dollar gewonnen.

Der Ingenieur einer Silbermine, der Vormann der Erzmühle, der Boss eines Frachtzuges und ein Mexikaner, der mit Pferden handelt, hören nun auf. Auch Ken Cane will aufhören. Denn ihm sind tausend Dollar genug. Für tausend Dollar hätte er auf der Ranch, von der er kam, vier Jahre lang arbeiten müssen. Und hier gewann er sie in einer Nacht.

Aber als er sein Geld sortiert und gezählt hat und einstecken will, da entdeckt er, dass noch ein Mann am Tisch blieb – ein großer, dunkler und für Ken Canes Begriffe wie ein Lord gekleideter Mann, der außer ihm das meiste Geld gewonnen hat. Es ist der berufsmäßige Spieler, der hier den Tisch gemietet hat und dem Besitzer dieses Hauses dafür einen bestimmten Prozentsatz seiner Einnahmen zahlen muss.

Und dieser Mann sagt nun ruhig zu Ken Cane: »Sie wollen doch wohl nicht aufhören, Junge?«

Ken betrachtet den Mann, und er kann nichts in diesem ausdruckslosen Gesicht erkennen – auch nicht in den dunklen Augen. Aber im Klang der Stimme lag ein drohender oder zumindest warnender Ton.

Und Ken Canes Instinkt sagt ihm nun, dass er einem harten Burschen gegenübersitzt, der nicht gewillt ist, einen Jungen wie ihn mit einem Tausend-Dollar-Gewinn davonkommen zu lassen.

Dieser Kartenhai da auf der anderen Seite des Tisches ist noch nicht fertig mit dem Spiel. Er wird erst dann fertig sein, wenn er Ken Canes tausend Dollar hat.

Ken Cane ist sich darüber klar, dass er in dieser Stadt sehr allein und ohne Freunde ist.

Das hat der Kartenhai natürlich längst erkannt und begriffen. Er weiß, dass Ken Cane einer dieser einsamen Burschen ist, die von irgendwoher in diese Stadt geritten kommen und hungrig sind nach all den fragwürdigen Freuden des Lebens.

Und der Kartenhai hat hier gewiss viele Freunde oder zumindest zuverlässige Unterstützung.

Dies also ist Ken Cane klar. Er ist in eine raue Stadt geraten, in der man solche Burschen wie ihn nicht mit tausend Dollar Spielgewinn abziehen lässt.

Was soll er tun?

Bevor er sich entschließt, blickt er sich um.

Und es treten zwei Männer an den Tisch. Sie setzen sich, und einer sagt lässig: »Wir spielen mit, Chip Morrow. Es ist Ihnen doch recht, Cowboy?«

Die Frage gilt Ken Cane. Der blickt den Mann an und weiß, dass dieser eine Weigerung als Beleidigung auffassen wird.

»Natürlich ist es ihm recht«, mischt sich nun der andere Mann sanft und freundlich ein. Er nimmt das Kartenhäufchen und schiebt es zu Ken Cane hinüber.

»Sie geben, Cowboy«, sagt er.

Und nun ist für Ken Cane, der vier Jahre mit harten Männern in einem Schlafhaus lebte und der von ihnen sehr viele Geschichten hörte und solche Situationen wie diese geschildert bekam, die Sache ziemlich klar.

Diese drei Männer wollen ihn jetzt schnell und glatt erledigen. Sie wollen ihn in die Klemme nehmen. Er soll mit dem Kartenausteilen beginnen. Und dann werden sie behaupten, er hätte von unten gegeben oder einen anderen Trick angewandt. Sie werden ihn verprügeln, das Geld wegnehmen und aus dem Spielsaloon werfen.

Sie wollen ihm zu dritt das Fell über die Ohren ziehen.

Er blickt sich noch einmal um, und er erkennt, dass der Spielsaloon schon ziemlich leer wurde. All die Bergleute mussten zu den Minen zurück. Und auch die anderen Gäste, die am Tag, der ja nicht mehr sehr fern ist, irgendwelchen Beschäftigungen oder Geschäften nachgehen, zogen sich zurück, um noch zwei oder drei Stunden Schlaf zu bekommen.

Es sind nur noch berufsmäßige Spieler, einige Nichtstuer, die von unbestimmbaren Einkünften leben, und einige andere Männer, die schwer einzustufen sind, im Raum.

Ken Cane begreift, dass er auf sich allein gestellt ist, wie während seines Vier-Tage-Rittes durch das wilde Land, als die Apachen sein Pferd und seine Waffen haben wollten.

Sie bekamen diese Dinge nicht und verloren zwei Krieger dabei.

Ken Cane entschließt sich auch in diesem Falle dafür, die Sache auf die harte Art durchzustehen.

Und so packt er nun seine tausend Dollar ein, stopft sie ruhig in die Taschen und sagt dabei friedlich und sanft: »Nein, ich habe für diese Nacht genug. Ich bin vier Tage geritten und konnte nur wenige Stunden schlafen, weil die Apachen mein Pferd und meine Waffen haben wollten. Ich habe genug und bin müde. Vielleicht morgen, Gentlemen.«

Er erhebt sich, und nun sieht man, dass er den Revolver links unter der Hüfte trägt.

Nun wirkt er plötzlich anders, nicht mehr so wie ein starkknochiger und noch hohlwangiger großer Junge, der seinen blonden Bart stolz wachsen ließ, um mehr wie ein Mann zu wirken.

Man begreift jetzt, dass der feste, ruhige und dabei im Hintergrund so wachsam lauernde Blick von einem starken Selbstvertrauen erzeugt wird. Und die drei Männer, die ihn rupfen wollen, werden etwas vorsichtiger und begreifen, dass die Sache nicht so leicht sein wird, wie sie bisher dachten.

Doch tausend Dollar sind eine Menge Geld, ganz besonders jetzt, so kurz nach dem Kriege und hier im von der Außenwelt fast völlig abgeschnittenen Arizonac, wo selbst starke Wagenzüge immer wieder überfallen werden und einen hohen Zoll zahlen müssen.

Für tausend Dollar nehmen ein Kartenhai und zwei Revolverschwinger eine ganze Menge Risiko auf sich.

Und so kommt Ken Cane nur fünf Schritte weit.

Dann ruft eine scharfe Stimme: »Bleib stehen, du Falschspieler!«

Er hält nach zwei weiteren Schritten an und blickt langsam über die Schulter zurück. Obwohl er zum ersten Mal in solch einer Situation ist, sieht er genau das, was er erwartet hat.

Sie haben ihn schon in der Klemme.

Der Kartenhai hat einen kleinen Colt-Derringer auf ihn gerichtet. Einer der beiden anderen Männer ist um den Tisch herumgekommen und griff bei Ken Canes Platz unter die Tischplatte.

Nun nimmt er die Hand darunter hervor, und er hält zwei Karten in dieser Hand und wirft sie auf den Tisch. »Diese beiden Asse steckten unter dem Tisch in den Ritzen der Tischplatte«, sagt der Mann laut.

Es ist nun sehr still. Die Männer im Raum blicken auf Ken Cane, und die meisten von ihnen wissen sicherlich genau, dass man hier einem jungen Bengel das Fell über die Ohren ziehen will. Und für die, die sich nicht auskennen, sieht es so aus, als hätte man einen Falschspieler überführt.

Der Kartenhai, den einer der Mitspieler Chip Morrow genannt hatte, bewegt leicht seine kleine Schusswaffe.

»Komm her, Junge«, sagt er. »Du wirst das Geld wieder abliefern. Und dann werden wir dich nur ein wenig verprügeln. Komm her, Junge! Mit Falschspielern springen wir hier sonst ziemlich rau um. Aber weil du noch so jung bist und aus dem Mesa-Land gekommen bist …«

Er spricht nicht weiter, aber es hörte sich so an, als hätte er gesagt, dass man mit einem dummen Bengel aus dem Hinterland noch einmal glimpflich umspringen und ihm nur eine Lektion erteilen würde.

Aber Ken Cane ist nicht gewillt nachzugeben.

Er hat in den letzten Jahren zu sehr gelernt, für alle Dinge zu kämpfen. Das Leben auf der Ranch war ein ständiger Kampf gegen Apachen, Banditen, vierbeiniges Raubwild und gegen halbwilde Rinder und wilde Pferde, die eingefangen, gezähmt, geschult und dann oft genug gegen indianische oder weiße Pferdediebe verteidigt werden mussten.

Kendall Canes ganze Erziehung und Schulung war darauf ausgerichtet, sich nichts wegnehmen zu lassen, den Besitz zu verteidigen, zu kämpfen und niemals nachzugeben. Dies alles ist zu einem Bestandteil seines Wesens geworden.

Und wahrscheinlich deshalb kommt es ihm jetzt überhaupt nicht in den Sinn, nachzugeben und sich die tausend Dollar wieder abnehmen zu lassen. Er denkt auch nicht daran, sich verprügeln zu lassen.

Denn er hat ehrlich und sauber gespielt.

Dass er gewann, hängt mit seinem feinen Instinkt zusammen, der ihm jeweils ziemlich sicher sagte, ob der Gegner eine wirklich gute Karte hatte oder nur bluffte.

Jetzt wird nicht geblufft. Das weiß er.

Und er ist bereit, trotz der drohend auf ihn gerichteten Waffe. Nein, er will sich nichts abnehmen lassen. So wurde er auf jener einsamen Ranch nun einmal erzogen.

Er spricht ganz ruhig über die Schulter: »Ich habe nicht falsch gespielt. Ich habe das Geld ehrlich gewonnen und ging bei jedem Einsatz das gleiche Risiko ein wie jeder Spieler am Tisch. Diese beiden Asse da, die unter dem Tisch gesteckt haben sollen, sind ein schmutziger Trick.«

»Komm her, Junge, oder ich schieße dich von den Beinen«, sagt der Kartenhai hart.

Ken Cane blickt ihn an, und er spürt deutlich, dass der Mann nicht blufft.

Aber er hatte sieben Schritte gemacht. Und der Kartenhai steht auf der anderen Seite vom Tisch. Das sind zusammengezählt fast zehn Schritte. Und zehn Schritte sind für einen kleinen Colt-Derringer eine große Entfernung. Die Waffe hat fast überhaupt keinen Lauf. Sie trifft vielleicht bis auf vier oder fünf Schritte einigermaßen genau. Doch dann streut sie stark.

Ken Cane weiß das. Er hat es auf der Ranch von Pecos Charly gehört, und der besaß mal solch ein Ding.

Also setzt er all seine Chips darauf, dass die kleine Waffe auf fast zehn Schritte Entfernung nicht mehr genau schießt.

Und er sagt wieder über die Schulter: »Mister, Sie bedrohen mich mit einer Waffe. Sie sagten soeben, dass Sie mich von den Beinen schießen wollen.«

»Das werde ich auch«, bekräftigt der Kartenhai nochmals seine Drohung. Und seine beiden Nachbarn rechts und links weichen jetzt etwas zurück, denn sie begriffen wohl, dass der wilde Junge aus dem Hinterland kämpfen will.

Sie legen nun selbst ihre Hände an die Waffen, um sie schnell zur Hand haben zu können.

Doch sie glauben nicht, dass der Junge Chip Morrow schlagen kann. Nein, das können sie einfach nicht glauben. Deshalb sind sie nicht ganz so wachsam und bereit, wie sie es vielleicht sonst wären, wenn sie den Jungen besser eingeschätzt haben würden.

Ken Cane duckt sich blitzschnell, wirbelt herum und wirft sich zu Boden.

Der Kartenhai feuert die kleine Waffe ab – beide Kugeln also.

Die Kugeln fetzen durch Ken Canes Hemd, ritzen jedoch kaum seine Haut. Er achtet gar nicht mehr auf den Kartenhai, von dem er ja nun weiß, dass er nicht mehr schießen kann.

Er muss auf die beiden anderen Burschen achten, die inzwischen gezogen haben.

Er kommt dem einen mit einem raschen Schuss zuvor, schießt ihn in den Arm.

Dann hört er das Krachen des Colts und wundert sich, nicht getroffen zu sein. Er rollt sich zwischen Tischen und Stühlen zur Seite. Eine zweite Kugel splittert dicht vor seinem Kopf in den Boden. Und dann schießt er auf den Mann, schnellt auf dabei und zieht sich rückwärts zur Tür zurück.

Die Zuschauer bewegen sich nicht. Sie haben längst erkannt, wie gefährlich dieser Junge ist, der es mit drei erfahrenen Männern aufnahm.

»Folgt mir nur nicht«, sagt Ken Cane heiser. »Ich möchte nicht noch einmal auf einen Narren schießen müssen, der mich umbringen will!«

Er sieht den Mann, auf den er zuletzt geschossen hatte, am Boden liegen, und er verspürt einen eisigen Schrecken. Denn er glaubt, dass er ihn schlimm traf. Er hatte keine Zeit, um ruhiger zu zielen. Er hatte zu große Sorge, von der dritten Kugel, die der Bursche auf ihn abfeuern wollte, getroffen zu werden.

Und so schoss er schnell.

Jetzt glaubt er, dass er den Mann getötet hat.

Mit einem Mal ist es ihm, als strömte Blei in seine Glieder und als könnte er sich nicht mehr bewegen.

Er spürt alle Blicke auf sich gerichtet und hält den noch rauchenden Colt in seiner Hand.

Dann hört er die Stimme des Kartenhais sagen: »Du hast ihn getötet, Junge! Ermordet hast du ihn! Du wirst …«

Mehr hört Kendall Cane nicht. Denn er stößt nun mit dem Rücken die Tür auf und verschwindet. Es ist eine Seitentür, die in eine Gasse führt. Er beeilt sich mächtig, von hier fortzukommen.

2

Sein Pferd steht in dem halb offenen Schuppen des Mietstalles. Er reißt den Sattel von der Stange und hat das Tier in unwahrscheinlich kurzer Zeit reitfertig.

Aber als er aufsitzt, hört er das Aufgebot schon kommen. Der Marshal dieser Stadt hat die Sache in die Hand genommen, und er kommt mit seinen beiden Gehilfen und einem halben Dutzend weiteren Helfern. Es ist ein Marshal, den diese Stadt ernannt hat und den die Geschäftsleute dieser Stadt bezahlen.

Und sicherlich hat man ihm gemeldet, dass ein wilder Junge beim Falschspiel erwischt worden wäre und sich dann den Weg freigeschossen hätte.

Ken Cane kann nicht mehr durch die Ein- und Ausfahrt zur Straße hinaus. Er reitet um die Scheune und bringt sie zwischen sich und das Aufgebot, sodass er gegen die Kugeln gedeckt ist.

Er erreicht die Corrals hinter der Scheune und muss sein gelbes Pferd springen lassen, weil er das Gatter nicht so schnell finden kann und auch gar nicht die Zeit hätte, es zu öffnen.

Sein Yellow schlägt mit der Hinterhand nur leicht an, stolpert jedoch etwas, fängt sich aber katzenhaft, jagt durch den Corral und muss nochmals über die Corralstangen. Diesmal schafft er es besser.

Und dann liegt der Fluchtweg offen vor Ken Cane.

Einige Kugeln folgen ihm. Doch sein Vorsprung ist schon groß genug. Er ist jedoch ziemlich sicher, dass ihm das Aufgebot folgen wird. Tausend Dollar lässt man nicht so schnell entkommen.

Er reitet nach Süden, und er ist ziemlich sicher, dass sein gelbes und zähes Pferd nicht zu schlagen ist.

Drei Tage später ist er in Santa Anna, einer kleinen Stadt am Salt-River-Weg, die noch aus der Spanierzeit stammt.

Es leben hier in der Umgebung Maricopas und Pimas, die mit den Apachen befeindet sind und gegen die Weißen keinen Krieg führen.

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