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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 039

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Allein unter Wölfen
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Kapitel 13
  16. Vorschau

Allein unter Wölfen

1

Dodge City war damals erbarmungslos, und jeder Mensch in dieser wilden Treibherdenstadt lebte nach dem Motto: »Achte auf dich selbst und auf den anderen, damit er dich nicht betrügt.«

So hatte auch ich bisher mein ganzes Leben lang gedacht, gelebt und gehandelt, ich, Jim Radigan vom Brazos in Texas.

Aber dann hatten mich die drei Slater-Brüder im Mietstall eingekeilt, als ich dort mein Pferd holen wollte, um aus der Stadt zu verschwinden.

Ja, ich wollte einem Kampf mit ihnen aus dem Wege gehen.

Aber das schaffte ich nicht.

Und als wir dann miteinander fertig waren, hatte ich zwei Kugeln im Leib. Jesse Slater war tot, und seinen beiden Brüdern ging es noch schlechter als mir.

Johnny Slater starb eine Woche später.

Kirby Slater aber, der jüngste der wilden Brüder, würde sein ganzes Leben lang am Stock gehen müssen. Seine Mam holte ihn eines Tages mit einem Wagen von Dodge City fort heim auf die erbärmliche Farm. Vielleicht würde er ihr endlich trotz seines steifen Beines und der wohl für immer kranken Schulter eine bessere Hilfe sein können als bisher.

Aber das waren nicht meine Sorgen.

Ich wollte damals keinen Kampf. Ich wollte mein Pferd holen und verschwinden. Ich begann erst zu kämpfen, als mir die erste Kugel ein wenig Fleisch von der Rippe gerissen hatte.

Und warum der Kampf entstanden war, wollen Sie wissen?

Ach, der Grund war lächerlich. Es war ein Mädel aus einem der Saloons. Kirby hatte es haben wollen. Doch ich war ihm zuvorgekommen.

Und das vertrugen die Slater-Brüder nicht.

Sie hätten es auch nicht vertragen, wenn jemand ihnen einen alten Hosenknopf fortgeschnappt haben würde. Solche Jungens waren das.

Nun, es wurden dann bittere Wochen für mich.

In Dodge City bekam man nichts geschenkt – gar nichts. Man musste für alles seinen Preis zahlen.

Deshalb zahlte ich in diesen Wochen für den Doc, der mich die erste Zeit täglich zweimal besuchen musste. Ich zahlte einige Wochen für das kleine Zimmer im Hotel, für mein Pferd im Mietstall. Ich zahlte für irgendwelche Medikamente – und nicht zuletzt für Verpflegung.

Das alles dauerte ein Vierteljahr.

Als ich aus dem Hotel musste, besaß ich nur noch die Kleidung auf meinem hageren Leibe und den alten Colt.

Diesen Colt hatte niemand kaufen wollen – nicht für einen Dollar. Denn die Waffe hatte keinen Abzug mehr, kein Korn vorn auf dem Lauf. Sie sah auch recht alt aus. Der Kolben mit den Walnussholzschalen war recht abgenutzt, dazu noch unter den Holzschalen mit Blei ausgegossen. Das war keine Waffe für Anfänger. Mit diesem Ding musste man Jahre gelebt haben und aufgewachsen sein. Das war eine ganz eigenwillige Kanone.

Und deshalb hatte ich sie nicht zu Geld machen können. Leider!

Denn für den Dollar hätte ich mir gerne zwei gute Essen geleistet.

Was hatte ich damals ständig für einen großen Hunger. Zuvor konnte ich viele Wochen nicht viel essen.

Wahrscheinlich war die Blutvergiftung und waren die Wunden, die sich nicht schließen wollten, daran schuld. Aber als ich dann endlich über dem Damm war, wie man so sagt, konnte ich gar nicht so viel zu essen kaufen, wie ich haben wollte.

Meine einzige Hoffnung an diesem Abend war, dass ich irgendeinen Burschen aus Texas oder von sonst wo finden konnte, der mich kannte und der bereit war, mir auszuhelfen.

Denn zumindest brauchte ich einen alten Sattel und ein Pferd, um wieder ins Geschäft kommen zu können. Dann konnte ich mich auf den Weg nach Texas machen – und wenn ich unterwegs auch nur von Kaninchenfleisch leben musste. Ich konnte es dann schaffen, im Frühling in Texas einzutreffen, gerade noch zur rechten Zeit, um einen Job als Treiber bei einer der großen Herden erwischen zu können.

Und wenn mir das zu mühsam war, konnte ich auch eine Postkutsche anhalten, einen Viehhändler ausnehmen oder mich mit einigen anderen Jungens daheim in Texas zusammentun, um eine Herde Mavericks zu sammeln. Ja, mit einem Pferd und einem Sattel konnte ein Bursche wie ich, der schon einen Colt besaß, recht schnell wieder ins Geschäft kommen.

Aber während ich durch die Lokale von Dodge City strich und mich unter all den Jungens nach Bekannten umsah, wurde meine Chance kleiner und kleiner.

Ich spürte instinktiv, dass ich kein Glück haben würde. Viele Texasjungens waren schon im späten Herbst heimgeritten. Nur ich war zwangsläufig hier geblieben – und jene Burschen, die in Dodge City überwintert hatten, waren zumeist ebenfalls blank.

Die Stadt war zurzeit voller Büffeljäger, Frachtfahrer, Auswanderer und Satteltramps.

Bald würden sie alle nach Westen, Nordwesten und Norden strömen. Die einen, um Büffel zu killen, die anderen, um Land zu finden oder Wagenzüge mit tausenderlei Gütern an ferne Ziele zu bringen.

Dodge City war eines der vielen Ausfalltore zum Westen und Nordwesten.

Die großen Rinderherden aus Texas kamen nicht vor Juni/Juli.

Als ich aus dem Opal-Saloon trat, wartete einer der Marshal-Gehilfen auf mich. Er stand etwas im Schatten der Laterne, doch sein Blechstern funkelte deutlich genug.

Und er sagte: »Radigan, deine Zeit hier bei uns ist jetzt um. Du bist blank und findest niemanden, der dir aus der Klemme hilft. Du läufst jetzt schon eine Weile herum und kannst dir nicht mal mehr einen Drink kaufen. Aus dem Hotel haben sie dich rausgeworfen. Wir wollen nicht erst noch warten, bis du dir irgendwo ein Pferd stiehlst, nicht wahr? – Also komm, mein Junge.«

»Wohin?« Ich fragte dies nicht, weil ich Hoffnung hatte, er hätte eine schöne Überraschung für mich oder würde mir auf Kosten der Stadt eine Wohltat erweisen.

Ich wollte nur etwas Zeit gewinnen. Denn ich wusste, was er mit mir vorhatte.

Er erklärte es mir auch geduldig und sprach: »Weißt du, Radigan, wir haben nichts gegen dich persönlich. Gar nichts! Und als du dann die verrückten Slater-Jungens voller Blei fülltest, war das ganz in unserem Sinne. Denn sie taugten nichts und hätten nie etwas getaugt. Sie machten uns hier nur fortwährend Ärger. Es war klar, dass es mit ihnen eines Tages schlimm enden würde. Aber wenn du in unserer Stadt bleibst, Radigan, wird es auch mit dir schlimm enden. Denn entweder wirst du versuchen, auf gewalttätige Art zu Geld zu kommen oder all die wilden Jungens, die es schon lange danach juckt, es mit dem Bezwinger der wilden Slater-Brüder mal zu versuchen und die bisher nur warteten, weil du noch nicht gesund warst, werden mit dir Revolverkämpfe anfangen. Auf jeden Fall aber haben wir in dieser ohnehin schon recht lebendigen Stadt nur Ärger mit dir. Also gehen wir, Radigan! In zehn Minuten fährt ein Zug ab. Ich spreche mit dem Bremser, dass er dich hundert Meilen mitfahren lässt, bevor er dich aus dem Zug wirft. Komm, Radigan, deine Zeit hier in Dodge City ist um.«

»Ihr wollt mich also aus der Stadt jagen?«, fragte ich bitter.

»Wir helfen dir fortzukommen, bevor wir miteinander Ärger bekommen«, verbesserte er mich. »Aber wir können es auch anders machen. Ich kann dich jetzt als mittellosen Landstreicher einsperren. Dann wird dich morgen der Richter wegen Landstreicherei aus der Stadt weisen. Warum sollen wir das nicht einfacher machen? Du bist doch ein vernünftiger Bursche. Wärst du das nicht, hätte ich dir jetzt nicht wie ein Bibelprediger eine endlos lange Rede gehalten, nicht wahr?«

Ja, das hatte er. Die Marshals dieser Stadt redeten sonst sehr viel weniger als ein Kartenhai, den man beim falschen Geben erwischte.

Ich musste zugeben, dass er sich wirklich mit mir einige Mühe machte.

Ich sollte also abgeschoben werden.

Und ich konnte nichts dagegen tun.

Wir gingen nebeneinander zum Bahnhof. Es war kurz nach Mitternacht.

»Ich würde morgen bestimmt irgendeinen Job finden«, sagte ich noch einmal. Aber er erwiderte: »Du bist noch viel zu klapprig, um eine Arbeit zu verrichten, für die jemand einen Dollar pro Tag zu zahlen bereit ist.«

Und nach einer Weile fügte er hinzu: »Einen Dollar braucht man hier in unserer Stadt pro Tag, um für seinen Unterhalt sorgen zu können. Also, Radigan, mache mir keine Schwierigkeiten.«

In mir war Bitterkeit.

Ich war mein ganzes Leben lang ein stolzer Bursche gewesen, der keinen Menschen um etwas bitten musste. Ich hatte stets und immer für mich sorgen können.

Und überall konnte ich mich behaupten.

Doch nun steckte ich in einer lausigen Pechsträhne.

Ja, diese Stadt war ohne Gnade und Erbarmen.

Einem kranken Mann von meiner Sorte ging es nicht anders als einem kranken Hund, den niemand haben wollte. Denn hier in Kansas waren Texaner nicht beliebt. Kansas war vor dem Krieg von Neuengländern besiedelt worden. Diese waren natürlich gegen die Sklavenhalterei und damit auch gegen die Konföderation des Südens.

Zurzeit erhielten ehemalige Soldaten der Konföderierten-Armee hier in Kansas keine Erlaubnis, sich Land zu erwerben und auf irgendeine Art niederzulassen.

Der Deputy-Marshal, welcher mich zum Bahnhof geleitete, war mit Sicherheit ein Yankee.

Ja, in mir war Bitterkeit.

Und aus diesem bitteren Gefühl wurde allmählich ein kalter Zorn.

Ich hatte in dieser Stadt eine Menge Geld gelassen und sogar mein Pferd und den guten Sattel verkaufen müssen. Ich war keinem Menschen etwas schuldig geblieben.

Nun aber sollte ich in einem Vieh- oder Güterwagen auf die Reise gehen.

Oh, ich wusste genau, was mir bevorstand.

Wenn mich die Bremser nicht auf freier Strecke vom Zug jagten, würden mich die Gesetzesmänner der nächsten Stadt gar nicht aussteigen lassen. Denn niemand wollte einen mittellosen Tramp haben.

Die Bremser wussten das. Also mussten sie mich auf freier Strecke abspringen lassen. Und dann stand ich irgendwo zu Fuß in der Prärie, ohne Pferd und ohne Ausrüstung.

Vielleicht würde ich mir von der nächsten Ranch oder Farm etwas stehlen können – aber vielleicht auch erwischte man mich und machte mit mir kurzen Prozess.

Dieser Deputy-Marshal wusste das alles.

Er war mein Feind, mein erbarmungsloser Feind, der mich dorthin befördern wollte, wo ich entweder untergehen oder auf jenen »höllischen Weg« geraten musste, der den Anfang vieler Banditenkarrieren bildete.

Wir hatten nun den Verladebahnhof erreicht, überschritten die Schienen und gingen auf einer der Verladerampen entlang, erreichten die lange Reihe von Güterwagen, aus denen Tausende von Büffelhäuten stanken.

Die Lok vorne stand längst schon unter Dampf. Sie ließ nun auch das Signal hören, dass alles fertig wäre für die Abfahrt.

Ein Mann tauchte aus der Dunkelheit auf. Er trug einen langen Knüppel. Es war einer der Bremser. Und er fluchte und sagte drohend: »Ihr werdet wohl doch nicht aufspringen wollen, ohne bezahlt zu haben? – Ich sage euch, dass ich jeden Narren …«

Er verstummte, denn nun endlich, sah er im matten Sternenlicht den Stern des Deputies blinken.

»Nimm ihn mit«, sagte der Deputy. »Wir wollen ihn nicht in der Stadt haben.«

»Dann sperr ihn doch im nächsten Wagen ein! Aber vergiss nicht, hinter ihm abzuriegeln, damit wir ihn unter Kontrolle behalten können!«

Dies brüllte der Bremser und eilte weiter, um sich am Zugende um irgendwelche wichtigen Dinge zu kümmern. Vielleicht würde er eine Laterne anzünden und nach vorn damit Signal geben.

Der Deputy öffnete eine Verriegelung und schob die Schiebetür etwas auf.

Drinnen im Wagen lagen stinkende Büffelhäute.

»Hinein mit dir«, sagte er.

Ich zögerte, obwohl ich wusste, dass ich in meinem Zustand keine Chance gegen ihn hatte. Ich war noch viel zu schwach. Meine Reflexe und das ganze Reaktionsvermögen waren noch längst nicht wieder auch nur durchschnittlich.

Er aber war ein harter Bursche. Sonst wäre er nicht Deputy in einer Stadt wie dieser geworden.

Wäre ich gesund gewesen, ich hätte mir zugetraut, ihm etwas zu zeigen, was er noch nicht kannte.

Doch dafür war es vier Wochen zu früh.

Ich hätte nun klagen oder bitten können, zumindest darum betteln, nicht mit stinkenden Büffelhäuten als Unterlage fahren zu müssen. Es musste doch auch noch andere Wagen in der langen Kette geben.

Aber ich war zu stolz, diesen Hundesohn noch um etwas zu bitten.

Ich fragte nur: »Du bist doch Ray Henderson, nicht wahr?«

Im Sternenlicht sah ich seine Zähne blinken.

»Der bin ich«, sagte er. »Und wenn du die Idee bekommen solltest, zurückzukommen, um dich bei mir zu revanchieren, dann …«

Er kam nicht mehr weiter.

Denn hinter ihm tauchte die Silhouette eines Mannes auf.

Ein dumpfer Schlag wurde hörbar, aber dieses Geräusch ging in all den vielen anderen Geräuschen hier am Zug unter. Ich fing den Marshal auf, doch ich brach fast in die Knie dabei. Ich war zu schwach, den Mann halten zu können. In gesundem Zustand hätte ich ihn mir mühelos über die Schulter legen können.

Aber ich bekam sofort Hilfe.

»Hinein mit ihm«, sagte der Mann, der mir zu Hilfe gekommen war. »Ich hielt ihn für einen Cowboy, einen Burschen von meiner Sorte. Wir lassen ihn an deiner Stelle mitfahren. Das wird ihm Spaß machen.«

Ich hatte nicht viel Zeit, überlegen zu können. Denn die Lok ruckte vorne an. Ihre Räder drehten noch durch und ließen gewiss Funken fliegen. Doch schon beim nächsten Anrucken würde der Zug sich in Bewegung setzen.

Wir hoben den Deputy in den Wagen, schlossen die Tür und traten zurück.

Die lange Reihe der Güterwagen ruckte nun rasselnd und scheppernd an, begann endlich zu rollen.

Auf dem letzten Wagen stand der Bremser auf der mittleren Stufe der Leiter des Bremshäuschens. Er schwang noch die Laterne und sah uns. Er brüllte: »Ich schmeiße ihn mitten in der Prärie raus!«

Dann sahen wir nur noch das rote Schlusslicht.

Der Mann, der mir zu Hilfe gekommen war, lachte leise wie über einen guten Spaß. Doch ich konnte nicht recht lachen. Ich grinste nur etwas verzerrt, und mir war nicht wohl dabei.

Dieser Deputy-Marshal Ray Henderson würde bis an sein Lebensende nach mir suchen und erst damit aufhören, bis einer von uns beiden tot war.

Mein einziges Glück dabei war, dass Ray Henderson kein Sheriff oder US-Marshal war und deshalb seine Befugnisse nur innerhalb der Stadtgrenzen von Dodge City galten.

Außerhalb der Stadtgrenze von Dodge City würde er mich als Gesetzesmann nicht verfolgen können.

Und in Dodge City durfte ich mich nicht mehr blicken lassen, wahrscheinlich in ganz Kansas nicht mehr.

Aber ich hatte eine Gnadenfrist.

Ich wandte mich meinem Nachbarn zu. »Vielen Dank, Bruder«, sagte ich. »Es wäre wirklich nicht schön gewesen, hätten mich die Bremser irgendwo in der Prärie vom Zug gejagt. Dieser Deputy war wahrhaft kein feiner Mensch. Der hatte vielleicht sogar Spaß bei dem Gedanken, wie schlecht es mir gehen würde.«

»Bestimmt«, pflichtete mir der Bursche bei, und dann gingen wir in die Stadt zurück. Wir ließen uns Zeit. Einmal hielten wir an, um uns aus seinem Tabaksbeutel Zigaretten zu drehen.

Als wir sie uns anzündeten, betrachteten wir uns im Scheine des Flämmchens einige Sekunden lang.

Er war einige Jahre jünger als ich – vielleicht vierundzwanzig. Aber er war fast so groß wie ich, gut proportioniert und wog zwanzig Pfund mehr. Aber mir fehlten ja noch gut dreißig Pfund an meinem Normalgewicht. Ich war nicht eine von diesen schwächlichen Typen. Obwohl ich eigentlich nie überflüssiges Fleisch an mir herumschleppte, wog ich normal nie weniger als hundertfünfundachtzig Pfund, war ich gesund und bekam ich zumindest einmal am Tag ein ausreichendes Essen.

Der Fremde war auch ein recht hübscher Bursche. Seine Kleidung war wohl die eines Weidereiters, doch war sie von bester Qualität.

Als das Flämmchen des Zündholzes verlöscht war, fragte ich: »Und wieso hast du dich in meinen Verdruss eingekauft, ohne selbst etwas dabei zu riskieren?«

In meiner Stimme war deutlich hörbare grimmige Bitterkeit.

Denn er hatte wahrhaftig nichts riskiert. Der Deputy war von ihm niedergeschlagen worden, ohne ihn zu erkennen.

Aber mich kannte Ray Henderson gut.

Der Fremde lachte. »Vielleicht hätte ich dir gar nicht helfen sollen, was?«

Er blieb nach einigen Schritten stehen und blies mir den Raum seiner Zigarette ins Gesicht.

»Ich bin hier gut bekannt«, sagte er. »Wir haben fünfzig Meilen von hier eine Ranch. Ich muss immer wieder her, um Geschäfte zu erledigen, Post zu holen oder Vorräte einzukaufen. Ich konnte mich nicht mit einem Marshal anlegen und mich dabei auch noch erkennen lassen. Begreifst du das, Kamerad? Du bist doch dieser Radigan, Jim Radigan, der es mit den Slaters austragen musste?«

»Ja«, sagte ich. »Und wer bist du?«

»Frank Gilbert – und ich stand draußen vor dem Saloon, als der Deputy dich schnappte. Ich war neugierig, auf wen Ray Henderson wohl wartete. Deshalb blieb ich hinter der Saloonecke verborgen. Aber ich hörte fast jedes Wort und begriff, dass es dir nicht recht sein würde, irgendwo in der Prärie aussteigen zu müssen. Ich konnte nicht anders, ich musste dir aus der Klemme helfen. Und wahrscheinlich hättest du an meiner Stelle nicht anders gehandelt.«

»Ich wäre hervorgetreten«, sagte ich, »und hätte dir einige Dollar spendiert – wie viel, dies hätte von meinem Vermögen abgehangen. Sobald ich in der Lage war, für meinen Lebensunterhalt zu sorgen, hätte mich der Deputy in Ruhe lassen müssen.«

»Dann habe ich es also falsch gemacht?« Frank Gilbert – so hatte er sich ja genannt – fragte es bestürzt. Und diese schuldbewusste Bestürzung war echt.

»Vielleicht war ich auch noch zu sehr betrunken«, sagte er dann. »Ich bin eigentlich erst richtig nüchtern geworden, als ich Henderson was auf den Hut gab. Na schön, Radigan, vielleicht hätte ich mich in diese Sache nicht auf diese Art einkaufen sollen. Na schön! – Aber ich will es wieder gutmachen. Ich habe einen Job für dich, der mir blanke zehn Dollar wert ist. Und überdies kannst du dann auf der Ranch bei meinem Alten mit meiner Empfehlung um einen Job bitten. Vielleicht kannst du zumindest solange bleiben, bis du dir ein Pferd und einen alten Sattel verdient hast. Na?«

Gewiss, ich war misstrauisch wie ein narbiger Wolf, der schon mal in einer Falle gesessen hatte und längst erkennen musste, dass diese Welt für ihn voller Gefahren ist. Aber selbst solch ein erfahrener Wolf geht in eine Falle, wenn er krank und hungrig ist. Dann missachtet er leicht irgendwelche Warnsignale seines Instinktes, unterdrückt alle unguten Gefühle und ist bereit, an sein Glück zu glauben.

So ähnlich ging es mir.

Denn ich brauchte die zehn Dollar dringend.

Ich brauchte auch einen Job.

»Was soll ich tun?« So fragte ich, und ich war entschlossen, nichts zu riskieren, gar nichts!

Wir waren wieder weitergegangen. Nun aber verhielt er abermals.

»Ich kam nach Dodge City«, sagte er, »um Post und Medizin zu holen. Wir haben einen Kranken auf der Ranch, der diese Medizin haben muss. Deshalb müsste ich heim. Aber ich kenne hier eine Frau, die ich erst morgen besuchen kann. Ihr Mann fährt erst morgen in Geschäften nach dem Osten. Verstehst du das, Radigan?«

»Ja«, sagte ich. »Und mir ist es gleich, ob es Frauen gibt, die ihre Männer mit dir betrügen. Das geht mich nichts an. Ich soll also für dich die Post und die Medizin zu eurer Ranch bringen. Wie weit ist das?«

»Ich sagte es dir schon – so an die fünfzig Meilen. Traust du dir zu, soweit zu reiten? Kannst du das schon durchhalten?«

»Ich könnte nicht um die Wette reiten«, murmelte ich. »Und ich müsste unterwegs zwei- oder dreimal eine Pause einlegen. Aber innerhalb von fünfzehn Stunden würde ich es schaffen.«

»Das langt«, sagte er. »In einer Stunde ist Mitternacht. Wenn du bis morgen Nachmittag dort bist, reicht es. Der Kranke muss die Medizin erst am Abend bekommen. Und meinem Vater sagst du einen schönen Gruß und dass ich hier noch etwas Spaß gefunden hätte. Ich käme in zwei oder drei Tagen.«

»Aber ich habe kein Pferd«, wandte ich ein.

Da sah ich ihn im Sternenschein grinsen. »Ich gebe dir meines und hole mir später eines aus dem Mietstall«, sagte er. »Hier sind die zehn Dollar und noch ein Dollar extra, damit du noch einmal reichlich essen kannst. Geh in die Bratküche in der Gasse beim Black Horse Saloon. Die ist noch offen. Dort kannst du dich für einen Dollar vollstopfen, dass du glaubst, erst wieder in einem Monat essen zu müssen. Ich komme mit dem Pferd und dem Postbeutel dorthin. Nimm dir eine halbe Stunde Zeit. Ich muss das Pferd erst aus dem Mietstall holen. Also!«

Er schlug mir leicht gegen die Schulter und trennte sich von mir.

Wir hatten uns wieder in Bewegung gesetzt und die Stadt erreicht.

Er schlug die Richtung zum Mietstall ein.

Für mich gab es gar nichts mehr zu überlegen.

Ich hatte elf Dollar in der Tasche und konnte mir nach vielen Stunden des Hungerns endlich wieder ein Essen leisten. Mein noch unterernährter Körper brauchte dringend Säfte und Kräfte.

Wahrscheinlich hätte ich mich damals auch vom Teufel selbst zum Essen einladen lassen und mit meiner Seele bezahlt.

Dabei wirkte dieser Frank Gilbert ganz und gar nicht wie ein Teufel, nein, nur wie der etwas leichtsinnige und wildverwegene Sohn eines reichen Ranchers, dem sein Vater eine Menge durchgehen ließ.

Ich ging in die Bratküche in der Gasse neben dem Black Horse Saloon.

Und innerhalb der nächsten halben Stunde vertilgte ich dort Pfannkuchen mit Ahornsirup, Bratkartoffeln, ein prächtiges Steak, Apfelkuchen und viel Kaffee mit Milch und Zucker.

Ich aß langsam und bedächtig.

Und zum ersten Male seit drei Tagen wurde ich richtig satt.

Oha, was war ich doch damals in Dodge City für ein jämmerlicher, kaum genesender Hund! Von dem einst so stolzen Jim Radigan war nur noch ein kümmerlicher Schatten vorhanden.

Einige Male dachte ich an den Deputy Ray Henderson.

Oh, er würde nicht aussteigen müssen mitten in der Prärie. Er konnte sich ja zu erkennen geben. Er trug auch immer noch seinen Stern und hatte gewiss auch Geld bei sich.

Er würde bei irgendeiner Station aussteigen und den ersten Gegenzug nehmen.

Aber ich war dann fort.

Hoffentlich fand er meine Fährte nicht.

2

Als ich hinaus in die Gasse kam, mussten sich meine Augen erst an die Dunkelheit gewöhnen.

Aber dann sah ich ein Stück weiter in der Gasse das Pferd. Es war ein geschecktes Pferd, ziemlich verrückt sogar gefleckt.

Es trug zwei Brandzeichen – ein S im Kreis und darüber ein G. Aha, dachte ich, G steht für Gilbert.

Jener Bursche, der mir bis jetzt so fein geholfen hatte, wartete bei dem Pferd. Er atmete noch etwas hastig, so als hätte er sich bis vor einer halben Minute noch mächtig beeilen müssen.

»Na los«, sagte er. »Hier ist das Pferd. Der Postbeutel hängt am Sattelhorn. Die Wasserflasche ist gefüllt. Immer nach Westen reiten und auf der Poststraße bleiben. Etwa vierzig Meilen weiter kommst du an einen Wegweiser, der dich zur Gilbert-Ranch weisen wird. Alles klar?«

»Ja«, sagte ich.

»Dann los«, drängte er. »Und sage meinem Alten, dass er sich keine Sorgen zu machen braucht und er ja auch mal jung gewesen sei.«

Ich saß auf. Es ging nicht so leicht, wie ich es gewohnt war. Es würde wohl noch eine Weile dauern, bis ich mich wieder wie einst in den Sattel schwingen konnte – an den Comanchensprung war noch gar nicht zu denken, mit dem ich an den Sattel kam, wenn es mal eilig war.

Ich ritt aus der Gasse und schlug den Weg zum westlichen Ausgang der Stadt ein.

Einige Leute kamen aus irgendeinem Saloon und sahen zu mir her.

Aus einem Hotel trat ein Mann, sah sich suchend um und rief nach dem Marshal. Er sah ja auch zu mir her und rief: »Heh, Cowboy, wenn du den Marshal siehst, schicke ihn her!«

Dann lief er nach der anderen Richtung.

Ich dachte: Hay, mit Ray Henderson ist diese Nacht nicht mehr zu rechnen.

Dann hatte ich das Ende der Stadt erreicht.

Die Poststraße wand sich nach Westen durch sanfte Hügel. Sie folgte dem Fluss. Jener Frank Gilbert hatte mir nicht gesagt, dass ich den Santa-Fé-Weg nehmen sollte. Da hätte ich nämlich auf die andere Seite des Flusses gemusst.

Das Reiten fiel mir gar nicht so leicht. Die alten Wunden begannen ein wenig zu schmerzen. Doch ich würde durchhalten. Es war schön, nach mehr als einem Vierteljahr endlich wieder einmal auf einem Pferd zu sitzen. Der Postbeutel schlug manchmal beim Reiten gegen mein Knie.

Aber ich kam nicht auf die Idee, nachzusehen, was drinnen enthalten war.

Was ging es mich an?

Ich würde ihn so abgeben, wie ihn Frank Gilbert mir mit dem Pferd übergeben hatte.

Aber ich war ein Narr.

Ich hätte nachsehen sollen.

***

Als der Tag kam, war ich vom Reiten ziemlich schlimm mitgenommen. Der Schwächeschweiß war mir immer wieder ausgebrochen, und so langsam kam ich zu der Überzeugung, dass ich mein Maul vielleicht doch zu voll genommen hatte, als ich sagte, ich könne fünfzig Meilen in fünfzehn Stunden reiten.

Als die Sonne hochkam, saß ich zum ersten Male ab. Ich ging eine Viertelmeile, um meine verkrampften Muskeln zu lockern und legte mich dann eine halbe Stunde hin, ließ mich von der Sonne bescheinen und versuchte, wieder etwas Kraft zu sammeln.

Mein jämmerlicher Zustand ließ mich wieder einmal mehr erkennen, wie nötig ich nicht nur ein paar Dollar, sondern auch einen guten Job mit regelmäßigen Mahlzeiten, nötig hatte.

Vielleicht würde ich auf jener Gilbert-Ranch Glück haben.

Ich nickte dann ein wenig ein, und dies war ja wohl auch kein Wunder. Denn ich war im Verlaufe der Nacht an die zwanzig Meilen geritten. Für meine körperliche Verfassung war das allein schon eine recht gute Leistung.

Als ich erwachte, hatte ich noch gar nicht richtig meine Augen auf, da wusste ich bereits, dass ich nicht mehr allein war.

Ich hörte Pferde.

Sie umgaben mich im Kreise, und sie schnauften, stampften und keuchten. Ich konnte mit geschlossenen Augen begreifen, dass diese Gäule höllisch rau und verwegen geritten worden waren – etwa zwanzig Meilen weit.

Ich hörte auch das Knarren von Sattelleder, das Klimpern von Zaumzeug und Klingeln von Sporen.

Noch bevor ich meine Augen öffnete, wusste ich, dass mich eine Mannschaft von Reitern umgab, die zwanzig Meilen weit wie verrückt geritten war.

Und als ich diese Versammlung grimmiger Gentlemen dann ansah, da verspürte ich ein banges Gefühl in der Magengegend. Solch ein Gefühl hatte ich im Verlauf meines Lebens erst zwei- oder dreimal verspürt.

Danach war ich stets in Lebensgefahr geraten.

Ich richtete mich langsam, auf und sah mich gründlicher um.

Und da sah ich Deputy-Marshal Ray Henderson. Es war noch ein zweiter Deputy-Marshal da. Sie beide vertraten gewiss den derzeitigen Marshal von Dodge City, und wahrscheinlich hatte die wilde Stadt zu ...

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