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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 038

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Die Sage-Valley-Fehde
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Kapitel 13
  16. Kapitel 14
  17. Vorschau

Die Sage-Valley-Fehde

1

Langsam durchreitet Dan Hancok den Sage Creek, und als er seinen braunen Wallach auf der anderen Seite den Uferhang hinaufgetrieben hat, hält er an.

Ganz ruhig und unbeweglich sitzt er eine volle Minute im Sattel und starrt auf den neuen Zaun. Schließlich seufzt er bitter. Seine rauchgrauen Augen spähen in die Runde, und seine Rechte berührt kurz den glatten Kolben seines Gewehrs, das er im Sattelholster bei sich führt.

Dann beugt er sich zur Seite, holt eine Drahtzange aus der Satteltasche und drängt sein Pferd dicht genug an den Zaun heran. Er beugt sich noch tiefer aus dem Sattel und knipst alle vier Stacheldrähte durch. Langsam reitet er zum nächsten Pfosten und wiederholt dort die gleiche Arbeit.

Die vier abgeschnittenen Drähte verschwinden im kniehohen Ufergras. Dan Hancok steckt die Zange weg und reitet weiter. Nach einer halben Meile kommt er an einen ziemlich großen See. Hier stehen Rinder in kleinen Rudeln auf der Weide oder bis zu den Knien im Wasser. Am Weg steht eine Blockhütte. Zwei Cowboys treten heraus, als sie den Hufschlag hören. Ihre scharfen Gesichter bleiben beim Anblick des Reiters unbeweglich und ihre Blicke verraten nichts von dem, was in den Männern vorgeht. Es sind zwei hartgesottene Burschen, die es im Laufe ihres harten Lebens längst gelernt haben, nicht zu viel von ihren Gefühlen zu zeigen.

Sie starren Dan Hancok also nur bewegungslos und undurchdringlich an, und sie sehen einen großen, sehnigen und hart wirkenden Mann, der stolz im Sattel sitzt.

Dan Hancok lächelt plötzlich blitzend. Es ist ein scharfes Grinsen. Seine kräftigen Zähne sind blendend weiß, und sein etwas unregelmäßiges, aber kühn geschnittenes Gesicht ist dunkel wie Bronze. Einige Narben – Zeichen von Kämpfen – sind in diesem Gesicht, und vor langer Zeit brachte eine harte Faust seine Nase etwas aus ihrer ursprünglichen Lage. Er ist kein hübscher Mann, aber er wirkt sehr männlich, selbstbewusst und kühn. Er sieht wie ein richtiger Kerl aus, dessen Format weit über dem Durchschnitt liegt.

Seine Stimme klingt sanft und dennoch kühl, als er zu den beiden Weidereitern sagt: „Also, ich habe den Zaun durchgeschnitten und reite jetzt in die Stadt. Burt Braddock kann mich dort noch antreffen, wenn einer von euch Boys sich nur einigermaßen beeilt, ihm die Beschädigung des Zauns zu melden.“

„Ich werde mich mächtig beeilen“, murmelt einer der beiden Männer und läuft auch schon zum nahen Corral hinüber, in dem sich einige Pferde bewegen.

Der andere Mann lehnt sich mit dem Rücken gegen die Wand der neuen Grenzhütte, verschränkt die Arme über der Brust und starrt fast neugierig zu Dan Hancok hinauf.

„Mister“, sagt er lässig, „ich würde einen ganzen Monatslohn dafür hergeben, wenn ich diese Weidehütte für einige Stunden verlassen könnte, um in der Stadt zusehen zu können, wie Burt Braddock Sie auf die richtige Größe zurechtstutzt. Sie sehen ziemlich hart aus, und ich habe auch schon genug über Sie gehört. Es wird also ein großer Kampf werden. Aber Braddock wird Sie in Stücke reißen. Warum haben Sie nicht lieber einen Umweg gemacht?“

Dan Hancok grinst wieder. Scharfe Falten entstehen in seinem dunklen Gesicht, und an seinem kräftigen Hals zeichnen sich Muskelstränge ab, die in seinem offenen Hemdkragen verschwinden.

„Das Land, auf dem dieser Zaun steht, gehört der Spornrad-Ranch noch nicht“, sagt er, „und der großmächtige Burt Braddock wird nun wahr machen müssen, was er schon seit Wochen überall verkündet hat.“

Nach diesen Worten nickt Dan Hancok dem Cowboy zu und reitet weiter. Er hält sich auf dem schmalen Reitweg, den er und seine Reiter im Laufe der Jahre zwischen der Bullskull Ranch und der Stadt gezogen haben. Nach etwa fünf Meilen sieht er die Häuser der Stadt Sage City zwischen den sanften Hügeln auftauchen. Er erreicht die Poststraße, die von Laramie her kommt, und reitet genau nach Westen auf den Ort zu.

Weit in der Ferne werden die Rocky Mountains vom Green-River-Becken unterbrochen, aber bis dahin sind es mehr als hundert Meilen. Zu Dan Hancoks Rechten zieht sich die zerhackte Bergmauer der Sweetwater Mountains von Ost nach West. Sie bildet die nördliche Grenze des Sage Valley.

Dan Hancok erreicht bald die ersten Häuser des Ortes und nickt dem Schmied zu, der auf dem Hof arbeitet und kurz seine Arbeit unterbricht, um dem Reiter zuzuwinken.

Er kommt an der Futtermittel- und Saathandlung vorbei und nickt auch Pat Simmers zu, der in der Tür seiner Eisenwarenhandlung steht.

Es ist eine kleine Stadt, mit Holzbauten, Plankengehsteigen und drei Quergassen. Es gibt zwei Saloons, ein Hotel, einen Mietstall, einige kleine Stores und den großen General-Store. Im Hof der Frachtkompanie stehen einige schwere Merville-Wagen, und die Mittagspostkutsche wird von der Posthalterei schon mit einem frischen Sechsergespann erwartet.

Dan Hancok hält vor dem Bankgebäude an und rutscht aus dem Sattel. Als er die Zügelenden um den Haltebalken schlingt, nähert sich Jesse Cross auf dem Gehsteig. Er bleibt stehen und wartet. Jesse Cross‘ kantiges und von vielen Kämpfen gezeichnetes Gesicht wirkt an diesem Tag grimmiger und freudloser als sonst. Ein grauer Stoppelbart bedeckt Wangen und Kinn. Er ist einen halben Kopf kleiner als Hancok, aber breit, schwer und wuchtig. Früher war er einmal Preisboxer – und jetzt ist er für achtzig Dollar im Monat der Marshal von Sage City. Er trägt eine alte Cordjacke, dunkle Sergehosen und eine Melone. Auf seiner Weste blinkt der Blechstern, und dicht daneben ragt der Kolben seines Peacemaker-Colts aus dem Schulterholster.

„Hallo, Dan“, murmelt der Marshal freudlos. „Sind Sie durch den Creek geritten, oder haben Sie den Umweg zur Poststraße gemacht?“

„Ich mache keine Umwege, wenn das Land vor mir frei ist“, erwidert Dan Hancok sanft und sieht fest in die hellen Augen des Marshals.

Jesse Cross seufzt bitter und schüttelt den Kopf. „Dann haben Sie also den verdammten Zaun zerschnitten, nicht wahr? Und jetzt geht der Kummer los! Aaah, wenn Burt Braddock einige von seinen Tigern mitbringt, so kann ich Sie in dieser Stadt nicht beschützen. Das wissen Sie doch, Dan?“

„Er wird allein kommen, und ich habe Sie nicht um Schutz und Hilfe gebeten, Jesse. Ich bin nur in die Stadt gekommen, um einige Besorgungen zu machen.“

„Zum Teufel, warum sind Sie so stolz, Dan?“, murmelt der Marshal und geht mürrisch weiter.

Bevor Dan Hancok das Bankgebäude betritt, sieht er sich noch einmal um, und er erkennt, dass viele Leute ihn beobachten. Die meisten davon kennt er – aber es sind auch einige Männer dabei, die ihm fremd sind. Sie lungern vor dem General-Store und vor den Saloons herum – und Dan Hancok kennt ihre Sorte gut. Das sind jene schattenhaft Treibenden, die immer wieder aus den Bergen und Hügeln in die Stadt kommen und verschwinden. Sie holen Proviant und ergänzen ihre Ausrüstungen. Sie trinken Whisky, spielen Poker und amüsieren sich dann und wann mit den Mädchen in den Saloons. Sie erfahren Neuigkeiten und verschwinden dann wieder. Sie sind von jener Sorte, die irgendwo davongejagt wurde, die ständig auf der Flucht ist, weil sie in beständigem Hass gegen Recht und Gesetz lebt.

Dan Hancok seufzt leise und geht in die Bank. Der Kassierer lässt ihn durch die Schranke treten und deutet auf die Tür zu John Warfields Arbeitsraum: „Mr. Warfield erwartet Sie schon“, sagt er.

Dan Hancok klopft kurz an und tritt ein.

Der Bankier ist alt, grau, hager und vertrocknet. Er trägt einen schäbigen Anzug und eine Nickelbrille, die er in die fahrige Stirn schiebt.

„Setz dich, Dan, mein Junge“, sagt er mit einer farblosen Stimme und zeigt auf einen Stuhl. Dann knetet er seine knochigen Hände und betrachtet den Sohn seines Freundes sorgfältig. Schließlich nickt er, als wäre er mit dem Ergebnis seiner Beobachtung zufrieden.

„Du gleichst deinem Vater aufs Haar, mein Junge. Jack und ich, wir waren damals in deinem Alter, als wir in dieses Land kamen und unsere Hütten bauten. Rings um uns gab es nichts als Büffel und Indianer. Nun, Daniel, dein Vater ist nicht mehr. Er hat aber das Glück gehabt, einen Sohn zu hinterlassen. Wenn ich einmal auf einem schwarzen Gaul ins Jenseits reite, so lasse ich nichts zurück, was weiterlebt. Well, Junge, so ist es nun einmal, wenn ein Mann nicht die richtige Frau findet. Aber ich habe in meinem Leben einigen Spaß gehabt – und mein letzter Spaß soll es sein, dass ich dir beistehe!“

Er erhebt sich, holt guten Whisky aus Schottland und zwei Gläser aus einem Wandschrank. Nachdem sie getrunken haben, fährt er fort: „Es ist ganz einfach: Burt Braddock lässt den Zaun nicht nur wegen der Viehdiebe bauen, sondern vor allen Dingen deshalb, um dem ganzen Land klar zu machen, dass er und Hack Stone das Land bis zum Sage Creek beanspruchen. Sie haben den Zaun gezogen, damit jeder im Land – und auch du, Daniel sich darüber klar sein muss, dass es Kampf gibt, wenn man ihnen diesen Anspruch streitig machen will.“

Als er verstummt, schüttelt Dan Hancok langsam den Kopf.

„Well, dann wird es eben Kampf geben! Ich kann nicht dulden, dass Burt Braddock hier Zäune errichtet und mich von der Stadt abschneidet. Ich kann nicht dulden, dass er sich hier im Sage Valley richtig festsetzt, denn er gehört zu jener Sorte, die schlimmer wird, je weiter sie kommt. Ich brauche die Weide jenseits des Creeks nicht, aber ich darf nicht dulden, dass Braddock sich bis an meine Grenze heranschiebt. Dann kommt er nämlich eines Tages auch über den Creek. Wir haben es doch die letzten Jahre mit ihm erlebt! Draußen in der Wüste hat er angefangen. Dann ist er über den Pass gekommen und hat einen Nester und Kleinrancher nach dem anderen erledigt und zum Teufel gejagt. Er hat immer mehr im Valley Fuß gefasst – und weil ich ihn gut genug kenne, weiß ich, dass er nicht aufhören wird, bis ihm das ganze Tal gehört. John, ich muss dich also fragen, ob du mir mit einer Menge Geld aushelfen kannst, wenn meine Mittel nicht ausreichen. Ich muss Burt Braddock bei der Versteigerung überbieten. Ich muss das Land erwerben!“

„Und dann?“, fragt der alte Bankier leise. „Was willst du mit dem Land? Ich denke, du willst dich nicht vergrößern?“

„Das will ich auch nicht! Wenn ich das Land käuflich erwerben kann, so will ich Siedler herbeirufen. Ich werde ihnen Parzellen zuteilen und ihnen lange Zeit lassen, mir das Geld zurückzuzahlen. Es ist gutes Farmland, wenn es vom Creek und vom See ausreichend bewässert wird. Siedler können das. Wenn ich mir zwanzig Siedlerfamilien zu Freunden mache, habe ich meinen Rücken ständig gedeckt und kann mich mit dem ständigen Verdruss im Westen und im Norden beschäftigen.“

„Aber du wirst Burt Braddock – und vielleicht auch Hack Stone niederkämpfen müssen“, murmelt der Bankier.

„Jemand muss sie aufhalten, und ich habe nur gewartet, bis sie vor meiner Nase einen Zaun errichten“, erwidert Dan Hancok ruhig und fest.

Noch einmal betrachtet John Warfield prüfend den sehnigen Mann. Dann nickt er.

„Ich stehe mit meinen Barmitteln hinter dir, Daniel, obwohl auch ich dann mit Braddock eine Menge Verdruss bekomme. Aber wenn du Burt Braddock bei der Versteigerung überbieten willst, so kannst du bis fünfzigtausend Dollar steigern.“

„Das wird genügen“, sagt Dan Hancok ruhig und erhebt sich.

„Eines Tages wirst du ja doch mein Erbe sein“, sagt der Bankier und zwinkert mit den Augen. „Geh nur und trage deinen Kampf aus. Ich setze den letzten Cent auf dich. Nur die Gelder meiner Bankkunden taste ich nicht an. Auf welchem Weg bist du in die Stadt gekommen, Daniel?“

„Ich habe den Zaun zerschnitten“, sagt dieser und geht zur Tür. Er blickt noch einmal über die Schulter und grinst hart. „Burt Braddock wird schon unterwegs sein, und er soll mich nicht lange suchen müssen!“

Nach diesen Worten geht er hinaus.

Als sich die Tür geschlossen hat, murmelt John Warfield leise: „Er ist wie sein Vater – und ich helfe ihm. Burt Braddock kann schlimm für dieses Land werden. Auch ich kenne diese Sorte. Wenn ihn niemand aufhält, wird er sich in einigen Jahren das ganze Tal mitsamt der Stadt in die Hosentasche stecken und allen Leuten Befehle erteilen.“

Indes verlässt Dan Hancok die Bank. Er lässt sein Pferd stehen und schlendert zu einem kleinen Store.

Als er eintritt, steht Kate Stanford hinter dem Ladentisch und sortiert Knöpfe und Nähgarn. Sie blickt auf, und ein gutes Lächeln huscht über ihr hübsches Gesicht. Sie ist ein anziehendes Mädchen, an dem alles richtig ist, und sie besitzt auch jenen natürlichen Stolz einer jungen Frau, die für sich sorgen kann und mit beiden Füßen im Leben steht.

Sie ist blond und trägt ihr Haar aufgesteckt. Sie hat die dunkelblauesten Augen, die Dan Hancok jemals sah. Manchmal fragt er sich, ob er sie nicht einfach in die Arme nehmen und auf den vollen und doch so energischen Mund küssen soll.

„Großer Mann“, sagt sie zu ihm, „ich habe dein Pferd vor der Bank gesehen und lade dich zum Mittagessen ein. Wenn du mich für die nächste halbe Stunde vertreten würdest, so...“

Er geht zu ihr hinter den Ladentisch und fasst sie unters Kinn. Sie duldet es, bewegt sich nicht, sondern schaut ernst in seine Augen. Ihr Mund ist halb geöffnet – er spürt ihren frischen Atem und sieht etwas von ihren gleichmäßigen Zahnreihen.

„Kate“, sagt er, „ich weiß nicht, ob ich bei dir essen soll.“ Er lässt sie plötzlich los, wendet sich zu einem Regal und nimmt sich ein Päckchen Durham-Tabak und Blättchen. Mit der anderen Hand holt er einen Zettel aus der Hemdtasche und reicht ihn Kate.

„Da ist die Liste der Dinge, die ich brauche. Ich habe noch einen Wagen im Mietstall stehen. Der alte Joe Smith kann mit ihm die Sachen zu uns herausbringen. Ich sage ihm Bescheid und helfe dann beim Aufladen.“

Er will sich zur Tür wenden, aber sie hält ihn mit einem schnellen Griff am Ärmel fest.

„Daniel“, sagt sie, „du schlägst also meine Einladung zum Essen aus?“

„Yeah“, murmelt er sanft.

„Und soeben hast du den Wunsch gehabt, mich zu küssen, nicht wahr?“

„Yeah“, murmelt er wieder.

„Und warum hast du es nicht getan? Warum kommst du überhaupt zu mir, wenn du dich davor fürchtest? Deine Einkäufe kannst du auch in einem anderen Store erledigen. Frank Miller hat eine Sendung Ölsardinen hereinbekommen – und...“

Nun beugt er sich zu ihr nieder, umfasst sie und küsst sie. Sie verhält sich einige Herzschläge lang bewegungslos in seinen Armen, aber dann legt sie ihre Arme um seinen Nacken und erwidert den Kuss mit einem Feuer, das ihn überrascht.

Als sie sich lösen, atmen sie beide heftig – aber er wendet sich nun endgültig zur Tür. Er blickt von dort über die Schulter auf das Mädchen zurück. Sie steht immer noch so, wie er sie verließ.

„Jetzt hast du mich doch geküsst, und du musst dabei gespürt haben, wie lange ich darauf gewartet habe. Aber du gehst dennoch wieder fort. Daniel, steht mein Bruder zwischen uns?“

„Mir hat er noch kein Vieh gestohlen“, murmelt Dan bitter. „Aber vielleicht hat er es dir versprechen müssen. Halt, Kate, ich will dich nicht kränken, aber es ist doch so, dass Bill eines Tages auch auf meine Weide kommen wird. Dann werde ich ihn wahrscheinlich töten müssen. Obwohl er ein Viehdieb ist, würdest du mich hassen. Kate, ich kann uns nicht helfen. Wir sollten uns nie wieder küssen. Führe mich nie wieder in Versuchung. Dann wird alles nur noch schlimmer.“

Er wendet sich schnell ab und tritt auf den Gehsteig hinaus.

Im Store nimmt das Mädchen die Liste in die Hand. Sie beginnt zu lesen:

1 Sack Bohnen

3 Sack Mehl

50 Büchsen Schmalz

50 Büchsen Tomaten

50 Büchsen...

Sie kann plötzlich nicht mehr lesen, weil sich ihre Augen mit Tränen füllen.

***

Dan Hancok schlendert bis zur Straßenecke und bleibt dort einen Moment stehen. Er fühlt sich von allen Seiten beobachtet – und das ist kein Wunder. Denn als Burt Braddock mit dem Zaunbau begann, ließ er überall im Lande verkünden, dass er sich jeden Mann persönlich vornehmen und zurechtstutzen würde, der diesen Zaun beschädigte.

Daraufhin hatte Dan Hancok verbreiten lassen, dass er diesen Zaun überall da zerstören würde, wo er ihm den Weg versperrt. Und nun ist er in die Stadt gekommen. Fast alle Leute wissen, dass der nächste Weg von der Bullskull Ranch zur Stadt durch den Sage Creek führt, und sie alle kennen Dan Hancok gut genug, um zu wissen, dass dieser wegen dem Zaun bestimmt keinen Umweg gemacht hat.

Deshalb wartet nun die Stadt Sage City auf die weitere Entwicklung der Ereignisse. Der Zaun musste eine Herausforderung für Dan Hancok sein – und seine Anwesenheit in Sage City beweist den Leuten nur, dass er diese Herausforderung jetzt angenommen hat.

Eine seltsame Spannung lastet über der kleinen Rinderstadt. Alles wartet und beobachtet.

Auch Dan Hancok wartet.

Indes er an der Ecke steht, verspürt er einen zunehmenden Hunger. Es ist Mittag, und drüben im Restaurant gibt es Hammelfleisch mit Bohnen und Apfelkompott, wie man an der schwarzen Tafel neben der Tür lesen kann.

Dan Hancok beschließt jedoch, vorläufig auf das Mittagessen zu verzichten. Wenn Burt Braddock in die Stadt kommt, um ihn zurechtzustutzen, wird es gut sein, wenn er keinen vollen Magen hat. Dan Hancok ist sich darüber klar, dass es ein schlimmer Kampf werden wird. Aber es steht schon eine ganze Zeit fest, dass Hancok und Braddock eines Tages aufeinanderstoßen werden.

Dan Hancok beschließt endlich, sich wenigstens einen Whisky zu kaufen. Er überquert die Gassenmündung und erreicht die Schwingtür des Cattlemen Saloons. Er tritt ein.

Mike O‘Brien steht einsam hinter dem Schanktisch und putzt Gläser. Seine Gäste sind sämtlich zum Mittagessen gegangen. Als er Dan Hancok erkennt, grinst er verwegen und gießt Whisky in ein Glas. „Dan“, sagt er kehlig, „Dan Hancok, du weißt genau, dass ich dich ziemlich gut leiden kann. Aber musst du ausgerechnet hier in meinem Whiskyladen auf Burt Braddock warten? Aaah, es wird genauso sein, als wenn zwei wilde Büffel aufeinanderprallen – oder ein Löwe und ein Tiger!“

Dan Hancok schüttet den Whisky herunter, und dann spannen sich seine Schultern, um dem Schock zu begegnen, den das scharfe Zeug durch seinen Körper fluten lässt.

„Mike“, sagt er leicht keuchend, „dieses Zeug ist nichts anderes als Pumaspucke mit rotem Pfeffer und geriebenem Kautabak. Es ist nur gerecht und vollkommen in Ordnung, wenn dieser Laden hier in Klumpen geschlagen wird. Überdies kannst du eine Menge Geld verdienen, wenn du hundert Dollar auf mich wettest. Die Wetten dürften nämlich zehn zu eins für Braddock stehen, und weil ich ihn schlagen werde, bringt dir dein Einsatz das Zehnfache ein, nicht wahr?“

Mike O‘Brien wischt sich über sein sommersprossiges Gewicht. Seine Froschaugen werden schmal und betrachten Dan Hancok prüfend. Er fasst an sein vorspringendes Kinn und ist einen Moment sehr nachdenklich. Dann grinst er plötzlich.

„Sicher“, sagt er, „dieser Burt Braddock ist ein mächtiger Bursche. Ich habe mir erzählen lassen, dass schon eure Väter miteinander Streit hatten. Vor langer Zeit. Aber Burt Braddocks Vater soll nicht ganz so mächtig gewesen sein, und dein Vater soll damals auch mächtiges Glück gehabt haben.“

„Yeah“, murmelt Dan, „er schleppte die Kugel von Burts Vater noch zehn Jahre mit sich herum.“

Mike O‘Brien wendet sich plötzlich zur Tür, die in seine Privaträume führt.

„Joe!“, ruft er, und sofort kommt ein alter Bursche heraus, der einen Pinsel in der Hand hält.

„Gibt es endlich einen Whisky?“, fragt er und blinzelt Dan Hancok zu. „Ich habe immer gedacht, dass man genug zu trinken bekommt, wenn man einem Saloonwirt die Wohnung anstreicht. Dan, ich muss ihm die Wände rosarot anstreichen. Willst du dich von Burt Braddock in Stücke schlagen lassen, Dan?“

Der lächelt nur hart und gibt auf die Frage keine Antwort. „Du kannst meinen Wagen aus dem Mietstall holen und eine Fuhre Proviant bei Kate Stanford aufladen“, sagt er lässig. „Oder hast du noch lange bei Mike zu tun?“

„Zuerst wird er für mich durch die ganze Stadt laufen und Wetten annehmen.“ Mike grinst und nimmt Joe den Pinsel weg. „Hier ist ein Papierblock – und da ist ein Bleistift. Ich nehme jede Wette an, dass Dan Hancok noch auf den Beinen stehen wird, wenn Burt Braddock am Boden liegt. Hast du mich verstanden, Joe?“

„Das ist die richtige Arbeit für mich“, ruft der alte Bursche und eilt hinaus.

Dan und Mike sehen sich eine Weile schweigend an. Dann grinsen sie, und Mike sagt: „Das gefällt mir so sehr an dir, Daniel. Du bist nicht großspurig, aber dein Glaube an dich selbst ist unerschütterlich. Dir kommt es wohl nie in den Sinn, dass dich jemand schlagen könnte?“

„Doch. Jeder Mann ist zu schlagen und stößt eines Tages auf einen besseren. Aber Burt Braddock ist in den letzten Jahren so viel geglückt, dass er etwas leichtsinnig geworden ist. Ich kann ihn schlagen!“

„Und dann?“, fragt der Saloonbesitzer ernst.

Aber er bekommt keine Antwort mehr.

2

Draußen klingen Hufschläge auf, kommen näher und verstummen vor dem Saloon. Ein Pferd schnaubt und stampft den Boden, als wäre es scharf gezügelt worden. Dann klingt eine harte Stimme: „He, wo steckt Dan Hancok?“

Die Antwort ist im Saloon nicht zu hören. Wahrscheinlich gibt jemand dem Frager nur ein Zeichen mit der Hand. Bald darauf klirren Sporen auf dem Gehsteig – und ganz plötzlich wird die Tür aufgestoßen.

Burt Braddock ist gekommen.

Er muss schnell geritten sein, denn seine Hose ist mit flockigem Pferdeschweiß bedeckt, und auch ihm selbst sieht man den scharfen Ritt an. Er schiebt den Hut in den Nacken und kommt zwischen den Tischen den Gang entlang, bis er den freien Raum vor dem langen Schanktisch erreicht. Drei Schritte vor Dan Hancok hält er an.

„Ich habe gewusst, dass du es wagen würdest“, sagt er kalt und schwer zu Dan Hancok.

Der lehnt mit dem Rücken am Schanktisch und hat die Ellbogen darauf gestemmt. Er nickt Burt Braddock ruhig zu und antwortet: „Sicher, Freund, und ich habe gewusst, dass du darauf wartest, bis ich es tue. Du musst mich also jetzt zurechtstutzen, großer Mann, nicht wahr? Oder das ganze Land lacht über deine Drohung. Nun?“

Burt Braddock nickt.

„Sicher“, sagt er schwer, „ich werde dich schlimm verprügeln und dann draußen auf der Straße durch den Dreck kriechen lassen. Dein Vater hat vor zehn Jahren meine Sippe aus dem Land gejagt und meinen Vater dabei getötet. Aber ich bin zurückgekommen!“

„Ich weiß, du willst jetzt noch einmal das versuchen, was deinem Vater nicht geglückt ist. Aber du redest viel zu viel und machst große Worte. Nun komm schon!“

Dan Hancok stößt es scharf hervor und löst sich vom Schanktisch. Er wartet mit hängenden Armen.

Braddock betrachtet ihn aufmerksam. Er ist ein mächtiger Bursche, fast sechseinhalb Fuß groß und sicherlich zwanzig Pfund schwerer als Dan Hancok, der hundertachtzig Pfund wiegen dürfte. Braddocks Gesicht ist rund und stets gerötet. Er ist rotblond und gehört zu jenem Typ, den die Sonne nie bräunen kann. Auf seinem Nasenrücken pellt sich die Haut. Er hat gelbe Augen und einen vollen, breiten Mund. Von ihm geht eine gesunde Kraft aus. Er ist ein Mann, der immer bestimmen will. Nie würde er einen ebenbürtigen Mann neben sich dulden. Er ist unduldsam und herrisch. Er will immer der Boss sein. Seine Schultern, seine Glieder und alles an ihm sind stark und kräftig – aber er ist nicht knochig und sehnig, sondern muskelbepackt und geschmeidig, ganz wie ein kraftstrotzender Bulle. Jawohl, das ist der beste Vergleich. Er ist stolz und voller Ehrgeiz. Er will der „große Mann“ im Land sein.

Zu Dan Hancoks herausfordernden Worten nickt er langsam. Dann tritt er zur Seite und zwei Yards neben Dan an den Schanktisch. Dort legt er seinen Waffengürtel ab und sagt zu Mike O‘Brien: „Achte darauf, und keine Sorge um deine Einrichtung. Ich stoße ihn auf die Straße hinaus, damit die ganze Stadt sehen kann, wie ich mein Versprechen halte. Dan, wenn ich mit dir fertig bin, wird sich niemand mehr an meinem Zaun vergehen.“

„Du redest viel zu viel“, murmelt Dan Hancok und legt ebenfalls seinen Waffengurt ab. Dabei behält er Burt Braddock fest im Auge und ist deshalb vorbereitet, als dieser sich gegen ihn wirft.

Sie prallen kraftvoll und mit Wucht gegeneinander, und es ist von Anfang an nicht nur ein Kampf, bei dem es um eine Meinungsverschiedenheit oder um eine Beleidigung geht.

Dieser Kampf ist mehr!

Es ist der Zusammenprall zweier Männer, die nicht nebeneinander leben können. Jeder dieser beiden Männer ist durchaus in der Lage, der Zukunft dieses Landes eine bestimmte Richtung zu geben, und Hass und Stolz, Selbsterhaltung, Ehrgeiz und Widerstandswille sind die treibenden Kräfte dieses Kampfes.

Wenn es Burt Braddock gelingen sollte, Dan Hancok zu zerbrechen, so gäbe es keinen Mann mehr im ganzen Land, der ihn aufhalten könnte.

Sie prallen also gegeneinander, und Braddocks Wucht ist etwas stärker, sodass Dan Hancok zurückweichen muss. Braddock trifft ihn rechts und links in den Körper und hämmert ihm die Luft aus der Brust. Er treibt ihn am Schanktisch entlang bis zur Wand. Wieder wirft er sich knurrend gegen ihn und nagelt ihn in der Ecke fest. Er rammt ihm den Kopf unters Kinn und hämmert immer noch gegen Dans Körper.

Dan Hancok spürt die Schläge wie Huftritte.

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