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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 037

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Kilrains Kampf
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Vorschau

Kilrains Kampf

1

Es war für mich ein Job, wie ich ihn in den vergangenen Jahren immer wieder übernommen hatte – ein Revolver-Job.

Denn ich war schon lange der Revolvermann Ben Kilrain, und ich lebte von meinem Colt. Das war mein Schicksal geworden, dem ich nicht mehr entrinnen konnte. Ja, es war wirklich so.

Ich hatte also wieder einmal einen Revolver-Job übernommen. Die kleine Stadt hieß Rosalia, aber der Name besagte nicht viel. Damals gab es im Südwesten gewiss mehr als ein halbes Dutzend Orte gleichen Namens.

In Rosalia am Bonita Creek hatte ich also einen Fünfhundertdollar-Job übernommen, und vorerst bestand dieser Job nur aus Warten.

Die »Stadt« hatte siebenunddreißig erwachsene Einwohner und etwa ein Dutzend Kinder. Ich kannte sie bald alle vom Sehen, denn ich saß immerzu auf der schattigen Veranda des einzigen Saloons und legte mir Patiencen, die jeweils bestens aufgingen.

Ich dachte oft in diesen Tagen, dass dieses Leben doch eine feine Sache wäre, wenn in ihm auch immer alles so fein aufginge wie solch eine Patience mit den geduldigen Karten.

Aber das Leben war anders.

Ich hatte genügend Zeit, immer wieder über diese Stadt nachzudenken.

Sie lebte im Schatten dreier Brüder, und diese drei Hombres waren so schlimm wie die Plagen eines bösen Gottes. Immer dann, wenn es diese wilden Brüder Carpenter juckte, kamen sie nach Rosalia.

Das wurde dann stets sehr schlimm und warf die fleißigen Menschen der kleinen Stadt weit zurück.

Vor einigen Tagen war Joe Carpenter nach Rosalia gekommen. Nachdem er ohne Bezahlung gut gegessen, sich eine neue Hose »gekauft« und sich im Saloon ziemlich schlimm betrunken hatte – dies natürlich auch ohne Bezahlung –, verlangte er nach einem Pokerspiel und geeigneten Spielpartnern.

Der Junge des Saloons musste dann laufen, diese Spielpartner zu holen. Denn seit Joe Carpenters Ankunft war der Saloon ohne Gäste.

Nun, der Junge holte den Storehalter und Besitzer der winzigen Post- und Frachtlinie, den Sattler und den Schmied und Mietstalleigner. Dazu kam der Saloonbesitzer, zu dessen Saloon auch der Gasthof und das Restaurant gehörten. Weil diese Spielrunde nicht rasch genug versammelt war, schoss Joe Carpenter ab und zu mit dem Colt.

Dann begann er mit den Bürgern zu spielen – und zu gewinnen.

Es war gefährlich, ihn nicht gewinnen zu lassen. Denn dann wurde er sofort misstrauisch, vermutete üble Kartentricks und drohte, seine Gegenspieler umzulegen.

Dies alles nahmen die Bürger von Rosalia noch hin. Daran waren sie gewöhnt. Sie ließen Joe Carpenter fünfzig Dollar gewinnen und hofften, dass es nun genug sein würde. Denn bisher hatte sich der wilde Joe stets damit zufriedengegeben und war wie ein betrunkener Affe wieder aus der Stadt geritten.

Aber diesmal war es anders.

Diesmal hatte er noch mehr Wünsche.

Als er nämlich aus dem Saloon kam und zu seinem Pferd stolperte, da sah er die junge Lehrerin, die sich Rosalia endlich für den Nachwuchs hatte kommen lassen. Diese noch recht junge Lehrerin ging vom Schulhaus schräg über die Fahrbahn zum Store.

Joe Carpenter schwang sich auf sein Pferd, ritt ihr nach, und weil sie vor ihm noch rechtzeitig in den Store entwischen konnte, trieb er sein scheckiges Pferd an, um ihr in den Store zu folgen. Er beugte sich weit nach vorn über den Pferdehals, und auch der Gaul nahm den Kopf herunter, um oben nicht anzustoßen.

Aber drinnen erschreckte sich das Tier dann, weil der Storehalter etwas gegen Pferde in seinem Laden hatte und ihm einen rasch ergriffenen Besen auf die Nase schlug.

Das Tier wollte sich aufbäumen. Aber es konnte nicht. Es langte nur, um dem Reiter das Genick zu brechen. Denn als es mit der Vorderhand aufbäumte, knallte Joe Carpenter mit dem Genick oben unter den Türbalken.

Er fiel wie ein schlaffer Sack herunter.

Und er war tot.

Dann sammelten die Bürger der Stadt Rosalia fünfhundert Dollar und holten mich.

Denn sie wussten, dass Shanny und Herb Carpenter kommen würden, um Rosalia dafür zu bestrafen, dass ihr kleiner Joe sich hier das Genick brach.

Deshalb war ich also da und wartete.

Und deshalb hatte ich hier einen Job wie zuvor viele andere. Denn die Leute von Rosalia hatten keinen Sheriff, keinen Marshal; es gab kein Gesetz. Man musste sich in dieser Ecke des Landes schon selbst helfen.

Die Carpenters aber konnten es mit jedem Aufgebot aufnehmen. Und wer von den Bürgern von Rosalia wollte schon zuerst eine Kugel bekommen?

Für solch eine Arbeit gab es Spezialisten, Revolvermänner.

Sie hatten das Glück, mich zu finden. Und sie packten dieses Glück für fünfhundert Dollar am Schopfe.

So war das also.

Ich wartete geduldig, beschäftigte mich mit den Karten und ahnte noch gar nicht, dass mir etwas bevorstand, was meinem Leben eine Wendung geben würde.

Das ist auch der Grund, warum ich meine Geschichte mit den Carpenters beginne. Denn eigentlich musste es ein Kampf werden wie zuvor viele andere. Aber es kam danach doch anders. Alles wurde anders.

Nun, die beiden großen Carpenters, gegen die ihr kleiner Bruder Joe nur ein kleiner Affe war, kamen am dritten Tage.

Sie ritten zuerst zum kleinen Friedhof und besuchten dort das frische Grab. Denn man hatte Joe sofort beerdigt. Hier im Südwesten konnte man einen Toten nicht lange über der Erde zwischen Lebenden lassen.

Die kleine Stadt wirkte unbeweglich. Auch der junge Bursche, der mir die Nachricht brachte, dass die beiden bösen Bullen nun auf dem Friedhof am Grabe des Bruders weilten – auch dieser Junge verschwand schnell in irgendeinem Haus.

Rosalia wirkte wie tot, wie ausgestorben und verlassen. Alle Türen waren geschlossen. Vor den meisten Fenstern waren die Läden zu.

Nur ich saß auf der Saloon-Veranda im Schatten und hatte die Karten ausgelegt. Es bewegte sich nicht das geringste Lüftchen. Es war etwa zwei Stunden nach zwölf Uhr mittags, und es war jetzt eigentlich die heißeste Stunde des Tages.

Ich dachte daran, ob ich die Carpenters schaffen konnte oder ob mein Glück auf dieser Erde diesmal zu Ende war. Ich dachte mit einer bitter-spöttischen Neugierde daran, denn ich wusste, dass ich im besten Falle nur Gutes auf böse Weise tat und – sollte ich überleben können – in meinen Erinnerungen ein paar neue Gesichter würde dann und wann auftauchen sehen, nämlich die der beiden Carpenters.

Einen Moment spürte ich den bitteren Wunsch, aufzustehen, fortzugehen.

Denn warum sollte ich mit den Carpenters kämpfen?

Was hatte ich außer den fünfhundert Dollar davon?

Nichts!

Nur ungute Erinnerungen würde ich haben.

Aber da war diese kleine Stadt, die sich angstvoll tot stellte. Da waren diese einfachen Menschen, die mich um Hilfe gebeten hatten.

Ich konnte sie doch jetzt nicht mehr sitzen lassen?

Nein!

Ich strich meine Karten ein und begann sie neu zu mischen, als ich die beiden Carpenters kommen sah. Sie saßen auf starken, zähen, struppigen Pferden. Schon den Tieren sah man an, dass sie in den wilden Hügeln lebten.

Die Reiter sahen fast wie riesige Apachen aus, die sich als Weiße verkleidet hatten. Doch solche riesenhaften Apachen gab es nicht.

Sie kamen rechts und links an den Rändern der Straße hereingeritten. Jeder beobachtete die gegenüberliegende Seite. In ihren dunklen und schrägäugigen Gesichtern war lauernde Wachsamkeit.

Dann sahen sie mich.

Sie hatten nun die Wahl, sich sogleich zum gegenüberliegenden Store zu wenden, an dessen oberen Türbalken sich ihr kleiner Bruder das Genick brach – oder sich erst einmal um mich zu kümmern.

Aber eigentlich mussten sie Letzteres tun. Denn wandten sie sich sogleich zum Store, hatten sie mich im Rücken.

Ihr Instinkt hatte ihnen längst schon gesagt, dass ich kein harmloser Zeitgenosse war. Aber wahrscheinlich besaßen sie einen guten Nachrichtendienst, der ihnen nicht nur die Nachricht vom Tode ihres »Kleinen« brachte, sondern ihnen auch zugleich meldete, dass die Stadt sich einen »Beschützer« gekauft hatte.

Sie schwenkten vor dem Saloon ein, starrten zu mir herüber und verharrten so eine Weile. Ich spürte plötzlich den Atem einer Drohung; er kam herüber zu mir wie die scharfe Witterung von Raubtieren.

Einer der beiden Carpenters war mir näher, weil er ja auf meiner Straßenseite geritten kam. Dieser Carpenter sagte: »Heh, bist du dieser Ben Kilrain?«

»Der bin ich«, sagte ich ruhig, und ich mischte immer noch lässig die Karten.

Carpenter nickte gewichtig, so, als hätte er schon immer gewusst, dass die Erde rund sei, und ich ihm das bestätigt hätte.

»Na schön«, sagte er dann, »ich bin Shanny Carpenter. Das ist mein Bruder Herb, und wir werden diese Town hier klein machen, verstehst du?«

Ich nickte. »Ja, ich verstehe jedes Wort«, sagte ich. »Aber warum wollt ihr diesen Ort klein machen? Kannst du es mir erklären, Shanny Carpenter?«

Wieder nickte er auf seine gewichtige Art.

»Gäbe es dieses Stinknest nicht«, erklärte er mir, »wäre Joe nicht hergeritten und ihm das Unglück nicht zugestoßen. Das ist doch so einfach zu verstehen, nicht wahr?«

Ich schluckte. Denn gegen diese primitive Logik gab es kein Gegenankommen, keine Möglichkeit, mit vernünftigen Argumenten zu diskutieren. Und das Schlimme war überdies, dass diese beiden Burschen auch noch echten Schmerz und Trauer spürten.

Ich begriff, dass sie dumm waren, nur nach Instinkten lebten und deshalb gefährlich waren wie Steinzeitmenschen.

Du lieber Vater im Himmel, auf was hatte ich mich hier eingelassen? Diesen beiden Bullen fehlte so viel, dass sie sich ihres Mangels gar nicht bewusst waren.

Vielleicht gehörten sie in eine Anstalt für Verrückte, oder vielleicht hätte es für sie nur genügt, in friedlicher Zivilisation aufgewachsen zu sein. Aber sie wuchsen in der Wildnis auf, wo es nur Jäger und Gejagte gab.

Shanny Carpenter hob seine Hand. Er drohte mir mit dem Zeigefinger und sagte kehlig zu mir herüber: »Störe uns nur nicht, Kilrain! Oder wir machen dich zuerst klein.«

»Und was würdet ihr dann tun – ich meine, wenn ihr mich klein gemacht habt und noch am Leben seid?« Dies fragte ich sehr sorgfältig, denn ich wollte wissen, ob sich ein Kampf wirklich lohnte.

Er grinste und deutete mit dem Daumen über die Schulter zum Store hinüber.

»An dessen Tür wird sich niemand mehr den Kopf einrennen oder das Genick brechen«, sagte er. »Herb wird einen Kanister Petroleum auskippen und alles anzünden, Hombre. Dann …«

Ich brauchte nichts mehr hören.

Denn jetzt wusste ich, warum die Leute von Rosalia mich brauchten.

Die Carpenters mussten hier auch gute Freunde haben, die ihnen alles, was geschah, genauestens berichteten.

Denn sie wussten alle Einzelheiten über Joes Tod und auch meine Anwesenheit.

Sie waren mit der dumpfen Wut von Primitivmenschen gekommen, die nichts anderes kannten als Zurückschlagen und Rachenehmen. Sie kamen aus den wilden Bergen nördlich der Enchanted Mesa und hatten dort nur unter diesen Regeln leben müssen.

Sie taten mir auf eine bittere Art leid.

Aber was nützte das? Ich wusste, dass jedes Wort nutzlos war. Ich konnte diese beiden Bullen nicht zum Nachgeben überreden.

Ich sagte: »Ihr werdet mich erst niederkämpfen müssen, bevor ihr dieser kleinen Stadt etwas tun könnt.«

Während ich dies sagte, legte ich die Spielkarten hin und erhob mich.

Und da bekam ich es!

Sie hatten noch einen dritten Mann, der von der Seite her durch eine Gasse in die Stadt kam. Als ich mich erhob und ein gutes Ziel bot, schoss er mit einem Gewehr aus der Gasse neben dem Store quer über die Straße.

Es war ein Büffelgewehr, und die Kugel stieß mich rücklings gegen die Hauswand. Das war gut. Denn nun fand ich den nötigen Halt. Nun erwies sich auch der Unterschied zwischen einem Revolvermann und einem normalen Bürger.

Denn jeder Bürger dieser Stadt hätte sich hingelegt.

Ich aber schoss. Denn dass ich plötzlich meinen schweren Colt in der Hand hielt, war ein einziger Reflex, den selbst meine körperliche Not nicht verhindern konnte. Ich schoss Shanny Carpenter vom Pferd. Dann schoss ich hinüber in die Gasse, aus der nun der Gewehrschütze trat, um besser zielen zu können. Es waren sechzig Schritte hinüber. Für einen Coltschuss war es eine weite Entfernung. Aber ich traf den Hombre dennoch.

Dann wartete ich auf Herb Carpenter, der mit seinem Pferd herangesaust kam. Er beugte sich weit über den Pferdehals, und ich wusste, dass er sich vom Pferd auf mich schleudern würde. Als er es tat, traf ich ihn mit der dritten Kugel.

Er rollte bis vor meine Füße.

Dann war alles vorbei.

Ich spürte noch, wie ich an der Hauswand entlang in die Hocke rutschte.

Und ich dachte dumpf: Hoffentlich verstopfen sie dir die Kugellöcher, bevor zu viel Blut herauslaufen kann.

Dann kippte ich nach vorn über Herb Carpenter.

***

Nun, ich will jetzt nicht ausführlich über meine Gesundung berichten. Wichtig ist in dieser Geschichte, dass ich es tatsächlich schaffte und nach etwa vier Wochen wieder auf der Veranda des Saloons sitzen konnte, um meine Patiencen auszulegen.

Reiten konnte ich noch nicht so recht. Und eine Fahrt in einer hart stoßenden und rüttelnden Postkutsche hätte mir gewiss bald schon einen Rückschlag gebracht.

Ich musste mich erst noch weiter erholen und zu Kräften kommen.

Aber die Zeit brannte mir unter den Füßen – oder besser gesagt, unter dem Hosenboden. Ein Mann wie ich, der konnte nirgendwo lange bleiben. Das ging einfach nicht.

Denn mein trauriger Ruhm lockte die ehrgeizigen und schießwütigen Narren an, die sich einen großen Kriegsnamen schaffen wollten. Ich wusste, dass die wilden Bills gewiss schon bald kommen würden.

Denn nichts in diesem Lande blieb geheim. Auf irgendwelchen Wegen gelangten Nachrichten aus diesem Lande in die Umwelt und kamen von dort herein. Man wusste längst schon weit und breit, dass der Revolvermann Ben Kilrain einer kleinen Stadt aus der Klemme half, dabei drei Gegner niederkämpfen musste und selbst dabei etwas abbekam.

Es konnte deshalb nicht ausbleiben, dass ich aus irgendwelchen Gründen Besuch bekommen musste.

Denn ich hatte mir da und dort Feinde gemacht. Es gab Rächer auf meiner Fährte. Und es gab die Wild Bills, die zu Ruhm kommen wollten.

So war das nun einmal.

Aber als ich dann Besuch erhielt, war er von ganz anderer Art.

Es war ein Besuch, den ich niemals erwartet hatte.

2

Die Postkutsche aus Santa Fé, über Albuquerque und Acoma – alles alte spanische Niederlassungen – kam nur einmal in der Woche, und es war eine alte und jämmerliche Kutsche, die man irgendwo bei einer Hauptlinie längst ausrangiert hatte.

Ich saß wieder auf meinem alten Stammplatz unter dem schattigen Verandadach und legte lässig meine Karten aus. Die Leute der Stadt waren zwar gut und freundlich zu mir – immerhin hatte ich für sie gekämpft! –, doch es gab dennoch eine unsichtbare Schranke zwischen ihnen und mir, die mich »draußen« hielt. Ich war hier ein einsamer Wolf. Und ich war ein Mann, an dessen Händen Blut war. Ich war ein Revolvermann, der getötet hatte und dessen Revolverhilfe man sich für Geld kaufen konnte.

Man behandelte mich hier etwa so vorsichtig und respektvoll wie einen gezähmten Tiger.

Aber das war ich gewöhnt.

Ich blickte mit wenig Interesse zur Kutsche hin. Sie hielt nur ein kleines Stück weiter vor dem Eingang des Gasthauses und war erst einmal noch eingehüllt von einer Staubwolke, die sich nur langsam verzog.

Dann sah ich einen alten Mann aus der Kutsche klettern.

Ihm folgte ein wenig Gepäck – und dann kam ein kleines Mädchen zum Vorschein. Es war ein dünnbeiniges und langzöpfiges Ding von etwa zehn Jahren.

Ich dachte: Das muss der Opa mit seiner Enkelin sein.

Aber dann verlor ich schon wieder das Interesse. Ich blickte auf meine Karten und sah, dass meine Patience diesmal nicht aufging.

Das kam selten vor. Denn irgendwie schaffte ich das immer. Aber diesmal war nichts zu machen. Gar nichts!

Hatte das etwas zu bedeuten?

Ich grinste. Und wenn schon, dachte ich.

Dann sah ich den alten Mann aus dem Hotel kommen. Ich spürte plötzlich instinktiv, dass er zu mir wollte, und ich sah ihm entgegen. Er hatte zwei noch scharfe Falkenaugen. Ich versuchte, ihn einzuschätzen. Er kam mir wie ein alter Sheriff, ein alter Arzt oder ein alter Richter vor. Jedenfalls war er in seinen besten Jahren bis ins hohe Alter eine Respektsperson. Dies sah man ihm noch an.

Er fragte: »Sind Sie Ben Kilrain, geboren am 17. Juli 1840 in San Antonio, Texas? Sind Sie dieser Kilrain?«

Ich nickte und wunderte mich, dass er meine Geburtsdaten kannte. Vor einer Woche war ich einunddreißig geworden, und ich hatte die Tatsache, dass ich auf dem besten Wege zur völligen Gesundung war, für mein schönstes Geburtstagsgeschenk gehalten.

Der alte Mann trat schnaufend an meinen Tisch und setzte sich, wobei er erleichtert ausatmete.

»Dem Himmel sei es gedankt«, sagte er dann von Herzen, »dass wir Sie endlich finden, Mister Kilrain. Wir suchen schon fast ein Jahr nach Ihnen. Und wohin wir auch auf Ihrer Zickzackfährte kamen, Sie waren stets schon wieder fort – weiter – irgendwohin. Es ging allmählich über meine Kräfte und auch über die des Kindes. Nancy ist dünn geworden.«

Ich hatte staunend zugehört.

Doch als er den Namen Nancy sagte, da begann etwas in meiner Erinnerung zu klingeln. Es war noch vage und unbestimmt, doch wies es schon irgendwie in eine Richtung.

Plötzlich wusste ich es wieder. Ich hatte einmal eine Nancy gekannt. Sie hieß Nancy Vansitter, und ich war wild und verrückt in sie verliebt.

Aber dann hatte ich meinen ersten Gegner getötet, und dessen Freunde hatten beschworen, dass ich meinen Colt zuerst gezogen hätte. Ich musste damals flüchten, um meinen Hals zu retten. Erst sehr viel später änderten die Zeugen ihre Aussagen und gaben zu, von den Angehörigen des Toten bestochen worden zu sein. Die Steckbriefe gegen mich wurden wieder eingezogen. Doch ich war längst schon ein Revolverschwinger geworden, der eine Zickzackfährte ritt. Bald darauf brach der Krieg aus, und er wurde für mich ein großes, wildes Abenteuer.

Aber am Anfang war jene Nancy Vansitter gewesen, wegen der mich jener Bursche damals herausgefordert hatte.

Während ich dies alles aus meiner Erinnerung kramte, hörte ich den alten Mann sagen: »Ich bin Doktor Broderik O’Neil, und ich komme mit dem Kind aus Green Creek. Das liegt fast genau zwischen Colorado und Utah. Nancy Vansitter starb dort vor mehr als einem Jahr. Ich versprach ihr auf dem Sterbebett, Little Nancy zu Ihnen zu bringen und Ihnen diesen Brief zu übergeben. Hier ist er! Und wenn Sie ihn gelesen haben, dann können Sie sich immer noch entscheiden, ob Sie zu Little Nancy ins Hotel kommen wollen – oder einfach verschwinden. Sie haben immer noch die Wahl. Denn ich bin zwar ein alter Mann, doch will ich jetzt endlich – nachdem ich Sie gefunden habe, Mister – zu meiner Tochter nach St. Louis ziehen. Dort wäre auch für Little Nancy Platz. Sie hätte es dort wahrscheinlich besser als bei einem Vater, der als Revolvermann durch diese Welt reitet und nichts weiter als eine Art moderner Gladiator ist. Oder nicht?«

Er erhob sich und ging zum Eingang des Gasthauses zurück. Er verschwand darin, ohne sich noch einmal nach mir umzusehen. Er war ein alter Mann, der eine traurige Pflicht erfüllte.

Ich starrte auf den Brief, den er auf meine Spielkarten warf. Und meine Gedanken jagten sich.

Denn eines begriff ich bereits. Nancy sollte meine Tochter sein.

Und weil ich mich nun klar an ihre Mutter erinnern konnte – auch an alles, was einmal gewesen war –, da wusste ich, dass ich wahrhaftig eine Tochter haben konnte. Ja, es konnte möglich sein.

Eine Weile starrte ich auf den Brief, und ich wollte ihn gar nicht nehmen und öffnen. Ich vermochte unschwer zu wittern, dass da eine Menge auf mich zukam und die Probleme mir leicht über den Kopf wachsen konnten.

Denn bisher konnte ich all meine Probleme irgendwie mit dem Colt lösen.

Oder ich wurde allein als einsamer Wolf damit fertig.

Aber jetzt sollte ich plötzlich eine Tochter haben.

Die Vergangenheit hatte mich eingeholt – doch auf eine völlig andere Art, als es zu erwarten war. Da war kein Wild Bill gekommen, der berühmt werden wollte. Es kam auch kein Rächer, der glaubte, Vergeltung üben zu müssen für einen Freund, Bruder, Sohn oder Vater.

Ein kleines Mädchen kam, welches meine Tochter sein sollte.

Ich schnaufte, und ich schnappte wahrhaftig nach Luft.

Heiliger Rauch, wenn das alles stimmte, dann war ich nicht mehr allein auf dieser Erde. Dann …

Ich konnte gar nicht weiterdenken. Denn nun fiel es über mir zusammen. Ich begriff, dass nun plötzlich eine Menge Verantwortung vorhanden war.

Ich streckte zweimal meine Hand nach dem Brief aus und nahm sie wieder weg. Dann dachte ich daran, aufzustehen und mir mein Pferd zu nehmen. Ich war zwar noch recht schwach und klapprig, doch für eine Weile würde ich schon im Sattel bleiben können – vielleicht zehn oder zwanzig Meilen, bis ich ein gutes Camp gefunden hatte. Dort konnte ich dann einige Tage bleiben und weiter zu Kräften kommen. Dieser Doc hatte es mir ja angeboten. Er würde Nancy mit nach St. Louis nehmen. Dort war sie vielleicht besser aufgehoben als bei mir, einem Revolverkämpfer.

Aber es war nicht so einfach.

Ich hatte eine Tochter, und sie war schon an die zehn Jahre alt.

Heiliger Rauch!

Endlich nahm ich den Brief.

Mein Name, mein Geburtsdatum und der Vermerk: »Nach meinem Tode an oben Genannten zu übergeben« waren deutlich auf dem festen Umschlag zu lesen.

Ich öffnete den Brief und konnte bald schon lesen:

 

Lieber Ben!

Solltest du diesen Brief einmal erhalten, dann bin ich tot und kann nicht länger mehr für unsere Tochter sorgen.

Ich schwöre dir, dass es unsere Tochter ist. Damals, als ich sie bekam, suchte man dich steckbrieflich wegen Mord. Und als sich später deine Unschuld herausstellte, und man dich nicht mehr steckbrieflich verfolgte, warst du ein Revolverheld geworden – ein wilder Bursche mit einer rauchigen Fährte. Ich wagte es nicht, unser Schicksal mit deinem zu verbinden. Ein herumstreunender Revolverheld war nichts für eine Frau mit einem Kind. Ich ging später meinen eigenen Weg und eröffnete in Green Creek ein kleines Hotel. Aber ich habe mich wohl von einem unserer Gäste, der krank wurde und den ich pflegte, angesteckt. Ich habe Typhus bekommen. Meine Angehörigen kamen im Kriege um. Little Nancy hat nur noch dich, ihren Vater. Es ist nun deine Pflicht, für Nancy eine gute Zukunft zu schaffen. In den vergangenen Jahren hörte oder las ich dann und wann etwas über dich. Du bist wenigstens kein Bandit geworden und warst während des Krieges sogar ein Held der Südstaaten-Armee. Das macht mir Hoffnung. Vielleicht wird dich deine Tochter sogar auf den rechten Weg zwingen. Du kannst nicht dein ganzes Leben lang Gutes auf böse Weise tun. Versuche es mal auf gute Weise. Das wünsche ich dir, Ben Kilrain. Meine Liebe zu dir war wohl letztlich nicht stark und groß genug. Sonst hätte ich dich damals nicht allein gelassen. Vielleicht hättest du damals schon Verantwortung spüren müssen. Aber wer will heute wissen, was gut gewesen wäre.

Ich wünsche dir von Herzen Glück mit Nancy.

Blauauge

***

Das letzte Wort riss die letzten Schleier von den Erinnerungen fort. Nun sah ich wieder alles deutlich, so als wäre es nicht an die elf Jahre her, sondern erst vor einem Jahr gewesen.

Blauauge, so hatte ich Nancy Vansitter immer genannt.

Und nun wünschte sie mir mit meiner Tochter Glück. Sonst nichts. Ihre Liebe zu mir war nicht groß genug gewesen. Auch meine Liebe war nicht stark genug zu ihr.

Denn ich hatte sie bald genug vergessen und war meine Zickzackfährte geritten. Doch wenn ich damals gewusst hätte, dass sie Mutter geworden war und wir eine Tochter hatten …

Ich hob meinen Kopf und nahm meinen Blick von den Zeilen, die Nancy mir geschrieben hatte.

Denn ich hörte die leichten Schritte der Kleinen auf dem Plankengehsteig, der sich hier vor dem Saloon zu einer Veranda verbreiterte.

Ja, es war Little Nancy, die da kam.

Und sie besaß die gleichen Blauaugen wie ihre Mutter. Plötzlich wusste ich es wieder genau, wie Nancy Vansitter aussah damals, als wir uns ineinander verliebten.

Little Nancy hielt bei mir an. Sie stand still da und betrachtete mich aufmerksam. Ihr Blick war gerade und fest, kritisch und ernst.

Ich begriff schon jetzt, dass sie reifer war, als man es ihrem Alter nach vermuten konnte.

Ich spürte, dass auch ich sie ernst und prüfend betrachtete. Dann zuckte wohl um meinen sonst so hartlippig wirkenden Mund ein Anflug von einem Lächeln.

Auch bei Nancy trat Freundlichkeit in die Augen.

»Du bist mein Vater«, sagte sie plötzlich schlicht. »Nicht wahr, du bist mein Vater, den der Doc für mich suchte? Und du hast keine schuld daran, dass wir dich suchen mussten. Du wusstest nichts von mir, nicht wahr? Du erfuhrst es jetzt eben erst durch den Brief da, nicht wahr? Glaubst du, dass ich deine Tochter bin?«

Sie legte bei der letzten Frage etwas ihren Kopf zur Seite.

Und in ihrer ganzen Ernsthaftigkeit wirkte sie jetzt altklug und dennoch kindlich naiv.

Ich musste mir über das Gesicht wischen.

Dann sagte ich: »Komm her, Nancy. Setz dich zu mir.«

»Erst möchte ich eine Antwort auf meine Frage«, sprach sie ernst.

Ich nickte. »Ja«, sagte ich, »du bist mit größter Wahrscheinlichkeit meine Tochter. Da gibt es keinen Zweifel. Aber wie ist es denn umgekehrt? Glaubst du denn, dass ich dein Vater bin?«

Sie sah mich wieder auf ihre feste, gerade und kritische Art an.

Dann deutete sie auf den Brief.

»Wenn Mam das geschrieben hat, dann stimmt es«, sprach sie. »Meine Mam sagte immer die Wahrheit. Auf Mam konnte man sich verlassen. Sieh, ich habe sie hier bei mir.«

Sie zog an einer Kette und brachte ein Medaillon zum Vorschein, öffnete es und zeigte mir das Bild ihrer Mutter.

Ja, es war Nancy Vansitter.

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