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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 003

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Texas Marshal
  4. Kapitel 1
  5. Kapitel 2
  6. Kapitel 3
  7. Kapitel 4
  8. Kapitel 5
  9. Kapitel 6
  10. Kapitel 7
  11. Kapitel 8
  12. Kapitel 9
  13. Kapitel 10
  14. Kapitel 11
  15. Kapitel 12
  16. Kapitel 13
  17. Vorschau

Texas Marshal

Es gab damals im Westen verschiedene Arten von Marshals.

Da war einmal der Town Marshal, der von der Stadt oder Gemeindeverwaltung angestellt wurde und dessen Befugnisse nur innerhalb der jeweiligen Ortsgrenzen Geltung hatten.

Ganz anders verhielt es sich beim US Marshal. Dieser wurde von der Bundesregierung als höchster Polizeibeamter eines Bundeslandes oder Bundes-Territoriums eingesetzt. Er war für Verletzungen von Bundesgesetzen zuständig, also z. B. bei Verbrechen gegen die US-Post gegen die Eisenbahnen, die Armee, die Indianer und die Heimstätter. Der US Marshal hatte mehrere Stellvertreter, die US Deputy Marshals. Letztere besaßen etwa den Rang eines Captains der Armee, also Hauptmanns. Sie gehörten der gleichen Besoldungsstufe an und erhielten Meilengeld, Spesen und andere Zuwendungen.

Neben diesen beiden häufigsten Gruppen gab es noch jenen Marshal-Typ, den man Texas Marshal nannte.

Dazu muss man wissen, dass es in Texas schon Marshals gab, als Texas noch nicht zu den Vereinigten Staaten gehörte, es also noch eine selbstständige Republik war.

Nachdem Texas dann als souveräner Staat den Vereinigten Staaten beitrat, blieb die Einrichtung des Texas Marshals noch lange Zeit bestehen.

Diese Männer kämpften für das Recht und die Sicherheit aller Texaner und kümmerten sich oft nur wenig um die Befugnisse der Town Marshals und Sheriffs. In oft rücksichtsloser Machtanmaßung gingen sie nicht nur gegen Banditen jeder Sorte vor, sondern auch gegen korrupte Town Marshals, geldgierige Sheriffs und verbrecherische Behörden.

In Texas war alles anders. Denn die Texaner wollten ein sicheres Land.

Deshalb durften diese Texas Marshals oftmals Gutes auf böse Weise tun.

Aber auch ihre Zeit ging vorbei.

Lin Adams war solch ein Texas Marshal, der oftmals seine Befugnisse übertrat, um die Guten vor den Bösen zu schützen – weil es sonst niemand tat …

G.F. Unger

1

Als er nach Hope kommt, weiß er, dass er nach den Marlow-Brüdern nicht suchen muss. Es gibt eigentlich nur einen Platz, an dem sie sich aufhalten werden, nämlich bei Molly Dollar und deren Süßen.

Inzwischen ist es Nacht geworden, der kleine Ort Hope ist von vielen Lichtern erhellt. Lichtbahnen fallen aus Fenstern und Türen.

Die Zeit des Abendessens ist schon vorbei. Da und dort in den Häusern bringt man wohl die Kinder zu Bett. Eine zärtliche Frauenstimme singt ein Abendlied. US Deputy Lin Adams hört es durch eines der offenen Fenster, als er sein müdes und staubiges Pferd anhält und seufzend ausatmet.

Was jetzt unweigerlich und unaufhaltsam kommen wird, hat er schon mehrmals erlebt. Er denkt mit Bitterkeit daran, und er verspürt einen Moment lang den Wunsch, umzukehren und wieder fortzureiten – irgendwohin in die Nacht.

Denn er hat das Ende einer langen Fährte erreicht. Nun braucht er nur noch zu warten, bis die Marlow-Brüder aus dem Freudenhaus kommen und zu ihren Pferden treten, um aus der Stadt zu verschwinden.

Sie glaubten wohl, ihr Vorsprung wäre groß genug. Und da sie die Taschen voller Geld hatten, sehnten sie sich nach etwas Vergnügen und riskierten zwei Stunden Aufenthalt in Molly Dollars Freudenhaus.

Lin Adams könnte hineingehen und sie drinnen erledigen. Doch das möchte er Molly nicht antun. Überdies bekäme er sie drinnen nicht beide gleichzeitig vor die Revolvermündung. Denn sie hielten sich mit Mollys Mädchen gewiss in zwei verschiedenen Zimmern und in verschiedenen Betten auf.

Er muss hier warten.

Ihre Pferde stehen dort am Wassertrog. Es ist also ganz einfach.

Die Bitterkeit in ihm wächst. Er kann nichts dagegen tun. Die Marlow-Brüder werden sich nicht von ihm verhaften lassen. Sie wissen zu gut, dass der Henker schon auf sie wartet. Auf ihren Steckbriefen steht »Tot oder lebend«. Deshalb werden sie sich den Weg freizuschießen versuchen.

Lin Adams weiß, dass er sie töten wird. Und deshalb würgt die Bitterkeit in seinem Hals. Ja, er könnte wieder aus der Stadt reiten, erst später kommen, wenn die Marlow-Brüder aufgebrochen sind. Er könnte sie über den Rio Grande nach Mexiko entkommen lassen und brauchte sie nicht zu töten.

Es wäre einfach, sich vor der Pflicht zu drücken.

Pflicht?

Ist es seine Pflicht, Verbrecher zu töten?

Wieder einmal denkt er darüber nach, indem er noch regungslos, erschöpft und staubig im Sattel hockt.

Und wieder einmal mehr sagt er sich am Ende einer Fährte: Wenn ich sie entkommen lasse, werden sie weiter Menschen töten, um sie zu berauben. Ich würde schuldig am Tod dieser Menschen sein. Und ich trage den Stern. Ich habe geschworen, die Guten vor den Bösen zu schützen. Und es ist nicht nur ein Job; es ist meine Pflicht. Ich bin ein Texas Marshal.

Langsam sitzt er gegenüber von Molly Dollars Etablissement ab, wirft die Zügelenden über einen Haltebalken, tritt auf den Plankengehsteig und verschwindet im Schatten der Arkaden. Denn die Gehsteige sind zumeist von den oberen Stockwerken der Adobehäuser überdacht.

Er nimmt den schwarzen Hut ab und klopft damit den Staub aus seiner Kleidung. Ein Mann nähert sich ihm auf dem Plankengehsteig. Auch dieser Mann trägt einen Stern. Man sieht ihn im Lichtschein blinken, der aus den Häusern fällt und den Staub, den Lin Adams Pferd aufwirbelte, zu Goldpuder verwandelt.

Als der Mann mit dem Stern bei Lin Adams ist, hält er an und sagt: »Mach keinen Ärger hier, Lin Adams! Hier in dieser Stadt liegt nichts gegen sie vor. Die Stadt ist neutral. Warte draußen auf sie – an der Rio-Grande-Furt. Nicht hier. Hau ab!«

Es sind die deutlichen und harten Worte eines Mannes, der gewohnt ist, kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Lin Adams hebt die Rechte und tippt mit dem Zeigefinger gegen die Stirn des Town Marshals.

»Pass auf, Nigel Laffitter. Ich sage es dir nur einmal. Wenn du dich nicht sofort schleichst, lasse ich dich deinen Blechstern fressen, sodass du daran krepierst. Hast du verstanden?«

Seine Stimme ist von trügerischer Sanftheit. Nur die Worte bedeuten eine brutale Drohung.

Town Marshal Nigel Laffitter saugt hörbar die Luft ein und verharrt zwei oder drei Herzschläge lang. Dann geht ein Zittern durch seinen bulligen Körper. Er ist ein selbstbewusster Bursche, gewissermaßen hier in dieser kleinen Stadt der Bulle im Corral. Es ist seine Stadt.

Jetzt steht er vor der Entscheidung, entweder zu kneifen oder es mit dem US Deputy aufzunehmen. Er weiß genau, dass der US Marshal nicht blufft. Er kennt Lin Adams gut genug. Aber Lin Adams hätte ihn hier innerhalb der Stadtgrenzen um Hilfe bitten müssen. Doch Lin Adams dachte gar nicht daran.

Laffitter hört den anderen nun verächtlich sagen: »«h, ich weiß ja, dass diese Stadt nicht zuletzt von den Banditen lebt, die hier durchkommen aus beiden Richtungen. Ihr seid eine regelrechte Piratenstation. Habt die Hosen voll ihretwegen und gleichzeitig seid ihr scharf auf das Geld, das sie bei euch ausgeben. Hau ab, Nigel!«

Der Marshal zittert wie unter einem Fieberschauer.

Dann wendet er sich wortlos ab und geht davon – ein gedemütigter Mann, der sich von nun an hassen und verachten wird, weil er soeben gekniffen hat.

Lin Adams atmet langsam aus und entspannt sich wieder.

Er ist hart geritten und musste in den vergangenen Tagen viele Stunden aufholen. Jetzt spürt er, dass die Müdigkeit wie Blei durch seine Glieder kriecht. Er lehnt sich gegen die Hauswand, holt einen Zigarrenstummel aus der Westentasche und zündet ihn an. Der Lichtschein des Zündholzflämmchens beleuchtet sekundenlang sein hageres, stoppelbärtiges Gesicht, in dem zwei dunkle Augen brennen.

Ungeduld will von ihm Besitz ergreifen, denn er will nun das Unvermeidliche hinter sich bringen – obwohl er sich vor den Stunden danach fürchtet, wenn die Gesichter der Toten ihm in seinen Träumen erscheinen.

Aber er drängt die aufsteigende Ungeduld zurück. Er weiß zu gut, dass es nicht mehr lange dauern kann. Die Marlow-Brüder sind zwar leichtsinnig und verwegen, doch nicht dumm. Sie wollten hier gewiss nur einen kurzen Spaß – zuerst einen Drink, dann ein Essen und schließlich ein Mädchen. Das alles konnte sie kaum länger als zwei Stunden aufhalten.

Und zuletzt ist ihr Vorsprung kaum größer gewesen.

Also müssen sie jede Minute herauskommen, um aufzusitzen und hinunter zur Furt des Rio Grande zu reiten.

Adams kann den Zigarrenstummel nicht aufrauchen, da sieht er sie schon – zwei geschmeidige, verwegene Burschen, lauernd, wachsam wie zwei Wölfe die aus ihrer Höhle kommen und witternd prüfen, ob die Luft rein ist und keine Gefahr lauert.

Er nimmt mit der Rechten den Zigarrenstummel aus dem Mund und schnippt ihn zur Mitte der staubigen Fahrbahn, wo er Funken sprühend niederfällt.

Dann tritt er unter den Arkaden hervor und geht vom Plankengehsteig hinunter in den Staub der Fahrbahn. Seine Sporen klingeln.

Nach drei Schritten verharrt er wortlos.

Er spricht dabei kein Wort. Doch das ist auch gar nicht nötig. Die Marlows sehen das Blinken seines Sterns – und überdies kennen sie ihn gut genug.

Sie wissen, dass er sie nun endgültig gestellt hat.

Rechts neben ihnen stehen ihre Pferde.

Wenn sie aufsitzen und wegreiten wollen, müssen sie ihn erst von den Beinen schießen.

Einige Atemzüge lang verharren sie, leicht geduckt lauernd und witternd.

Dann fragt Chuck Marlow: »He, bist du allein, Adams, ganz allein?«

»So allein wie ihr«, erwidert er.

»Aber wir sind zwei, du nur einer«, kichert Chat Marlow, Chucks Zwillingsbruder. »Und überdies könnte uns nur ein Sheriff nach Recht und Gesetz festzunehmen versuchen – kein verdammter US Deputy. Wir verletzten keine Bundesgesetze. Leg dich nur nicht mit uns an!«

Die letzten Worte klingen heiser, sind ganz und gar eine ungeschminkte Warnung.

Doch Lin Adams erwidert: »Falsch. Als ihr vor einigen Tagen die kleine Farm überfallen habt, den Mann halb totschlugt, damit man euch das Geldversteck verriet, da verletztet ihr das Heimstättengesetz. Denn die Familie besitzt noch keinen Besitztitel. Sie lebt noch nicht fünf Jahre auf der Heimstätte. Sie sind noch keine Farmer, sondern immer noch Heimstätter auf Regierungsland, das ihnen erst nach fünf Jahren Bewirtschaftung gehört. Ich bin als US Deputy für die Sicherheit der Heimstätter auf Regierungsland verantwortlich. Deshalb verhafte ich euch jetzt. Hebt die Hände über die Köpfe!«

Sie lachen wild.

Und dann tun sie, was von Anfang an zu erwarten war.

Sie ziehen, und sie ziehen schnell, zauberhaft schnell. Sie vertrauen auf ihr Glück und versuchen es wieder einmal mehr mit tollkühner Verwegenheit.

Die schwarze Sekunde ist da. Die Gewalt explodiert. Feuerzungen zucken aus den krachenden Revolvern.

Dann wird es still, und in die Stille hört man das Seufzen – das bittere Seufzen und letzte Ausatmen – der Marlows. Denn sie liegen nun im Staub.

Und US Marshal Lin Adams steht.

Die soeben noch so stille und friedlich wirkende Stadt wird nun lebendig. Auch aus Molly Dollars Etablissement laufen Leute heraus. Stimmen rufen, kreischen. Männer kommen näher. Auch der bullige Marshal taucht wieder auf.

Sie alle sehen, wie US Deputy Lin Adams leicht hinkend zu seinem Pferd tritt und aufsitzt. Er scheint ziemlich mühsam in den Sattel zu kommen. Liegt das an seiner Müdigkeit nach tage- und nächtelangem Reiten auf dieser Fährte, die dort endete, wo die beiden Marlows liegen? Oder wurde auch er getroffen von einer heißen Bleikugel?

Sie werden es wahrscheinlich nie erfahren.

Lin Adams reitet wortlos aus der Stadt Hope in die Nacht hinaus.

2

Es ist gegen Mitternacht, als Fee Allisons Hund draußen vor dem Ranchhaus zu knurren beginnt. Doch dann verwandelt sich das warnende Knurren in ein freundliches Winseln.

Noch im Bett liegend hört Fee das Schnauben eines Pferdes und dann die Stimme eines Mannes. Und diese Stimme kennt sie gut. Sie weiß nun, warum Jo, so heißt der Hund, sich plötzlich so anders benimmt.

Mit einem freudigen Laut erhebt sie sich, wirft sich den Morgenmantel über und eilt zur Tür. Als sie auf die Veranda tritt, sieht sie im Mond- und Sternenschein den Reiter, der soeben anhält.

Und drüben im Bunkhouse, wo ihre drei Reiter wohnen, tauchen einige Gestalten auf, die Gewehre in den Händen halten.

Sie ruft hinüber: »Es ist gut, Männer! Das ist Lin Adams. Geht schlafen! Es ist in Ordnung.«

Die drei Gestalten verschwinden. Lin Adams aber sitzt immer noch im Sattel.

»Sitz ab, Lin«, spricht Fee Allison etwas spröde. »Du warst lange nicht hier. Doch Jo kennt dich immer noch. Komm herein. Oder willst du erst dein Pferd versorgen?«

Er kann ein schmerzvolles Seufzen nicht ganz unterdrücken, während er aus dem Sattel seines schwankenden Pferdes rutscht. Dann hält er sich an dem Tier fest und sagt heiser: »Komm her, Fee. Schieb deine Schulter unter meine Achselhöhle. Ich habe eine Kugel im Bein.«

Sie stößt einen scharfen Laut aus.

Doch dann kommt sie, barfuß, wie sie ist und in ihrem verwaschenen Morgenmantel, den sie sich eng um den geschmeidigen Körper wickelte.

Als sie bei ihm ist und ihre Schulter unter seine rechte Achselhöhle schiebt, sagt sie heftig: »Da hat es dich also wieder einmal erwischt, verdammt.«

»Ja, so ist es«, erwidert er gepresst.

»Und wenn du meine Hilfe nicht nötig gehabt hättest, wärest du gar nicht hergekommen, nicht wahr?«

»Ja, so ist es«, spricht er abermals die gleichen Worte.

Sie verharrt noch dicht bei ihm. Er hat seinen langen Arm um ihre geraden Schultern gelegt. Er ist einen ganzen Kopf größer als sie, obwohl sie für eine Frau etwas mehr als mittelgroß ist. Sie wendet den Kopf und versucht zu ihm emporzublicken.

»Wenigstens bist du ehrlich«, sagt sie. »Also los, versuchen wir es mal.«

Sie setzen sich in Bewegung. Er schnauft gepresst, denn seine Schmerzen müssen schlimm sein. Aber sie schaffen es hinein ins Haus und bis zu ihrem Bett im Schlafzimmer. Es ist ein Doppelbett, in dem Fee einst mit ihrem Mann die Hochzeitsnacht verbrachte. Dann ritt Ben Allison in den Krieg und starb in der Schlacht am Bull Run.

Einige Male in den folgenden Jahren lag dann Lin Adams bei ihr in diesem Bett. Doch er ritt immer wieder fort mit seinem Stern. Eines Tages sagte sie zu ihm, er möge sich nie wieder bei ihr blicken lassen.

Deshalb blieb er lange fort.

Doch jetzt …

Sie zündet die Lampe an, holt eine Schere und schneidet ihm das Hosenbein auf, nachdem sie ihm den Stiefel auszog. Das Hosenbein ist blutig. Und der Stiefel ist mit Blut gefüllt.

Die Kugel sitzt im Muskelfleisch des Oberschenkels. Es wird schwer sein, sie herauszuholen.

Im Lampenschein treffen sich ihre Blicke.

Fees Augen leuchten grünlich. Seine sind rauchgrau. Jetzt ist eine Frage in ihnen.

Fee Allison nickt.

»Ja«, spricht sie, »es ist gut, dass du hergekommen bist. Ja, verdammt, es ist gut.«

»Das wusste ich«, murmelt er.

Eine gute Stunde später ist er versorgt. Doch die nur langsam nachlassenden Schmerzen lassen ihn trotz Erschöpfung nicht einschlafen. So wartet er.

Fee kommt herein.

Sie hat sein Pferd versorgt und streift sich die hochgekrempelten Ärmel ihres Morgenrocks herunter.

Ihre nackten Füße stecken in Stiefeln, deren sie sich jetzt entledigt.

Barfuß kommt sie zu ihm ans Bett und sieht in die große Tasse auf dem Nachttisch. Die ist leer. Er hat also die Fleischbrühe getrunken.

Sie dreht das Flämmchen der Lampe herunter, sodass nur noch fahles Dämmerlicht im Raum herrscht. Dann legt sie sich in das andere Bett und schweigt eine Weile. Sie berühren sich nicht, liegen nur beieinander und hören ihren Atem.

Durch das offene Fenster hören sie die Pfiffe der jagenden Nachtfalken. Auch Uhus rufen da und dort in der Ferne.

Fee sagt: »Hast du wieder töten müssen, um selbst am Leben zu bleiben für diesen verdammten Stern?«

»Ja«, sagte er heiser. »Es waren die Marlow-Brüder. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihre Gesichter.«

»Ich weiß«, murmelt sie nach einer Weile. »Wie oft habe ich dir schon in den Nächten geholfen, all das Böse und Gewalttätige zu vergessen?«

»Einige Male«, murmelt er.

Sie rutscht nun so nahe an ihn heran, dass sie die Wärme ihrer Körper spüren.

Ihre Hände finden sich. Er hört sie sagen: »Wenigstens bin ich dazu gut.«

Er greift mit der anderen Hand über sich hinweg nach ihrem Gesicht und fährt mit der Fingerspitze über ihre Wange bis zum Kinn.

»Sprich nicht so, Fee«, murmelt er. »Ich kann nicht anders. Und ich muss dir wohl endlich erzählen, warum ich diesen Weg reite.«

»Dann erzähl es endlich«, fordert sie. »Ich spüre immer, dass dich etwas antreibt. Es ist manchmal etwas in dir, was mich irgendwie erschreckt, denn es wirkt so fanatisch, so unversöhnlich und gnadenlos. Doch dann wieder lässt du erkennen, dass du sanft sein und Schonung üben und hilfsbereit sein kannst. Zu den Kleinen und Schwachen bist du gut. Der Hund dort draußen in der Nacht, liebt dich, lässt sich von dir anfassen. Das duldet er sonst nur von mir, denn ich zog ihn auf, als mein Mann ihn mir brachte, bevor er in den verdammten Krieg ritt, um zu sterben. Warum bist du nicht zur Texas-Brigade gegangen und hast gekämpft wie alle guten Texaner?«

Ihre letzten Worte sind spröde und klingen wie eine Herausforderung, so als verspürte sie den Wunsch, mit ihm zu streiten. Aber nachdem sie die Worte ausgesprochen hat, bedauert sie ihre Unbeherrschtheit auch schon wieder. Und so murmelt sie: »Verzeih! Ich sollte wissen, dass du deine Gründe hattest, in Texas zu bleiben und den Stern zu tragen.«

»Schon gut, Fee, schon gut«, murmelt er und schweigt dann eine Weile. Sie wartet geduldig, denn sie spürt, dass seine Gedanken jetzt weit zurück in die Vergangenheit gehen.

Schließlich beginnt er fast flüsternd: »Ich hatte wunderbare Eltern, die ich liebte, wie ein heranwachsender Junge seine Eltern nur lieben kann. Meine Mutter war eine Frau wie sonst keine zweite.

Und sie hatte den Mann bekommen, den sie verdiente, einen besonderen Mann, meinen Vater. Zuerst schenkte sie ihm zwei Töchter, die einmal so schön zu werden versprachen wie ihre Mutter. Dann kam ich. Ich war der Kleine, das Nesthäkchen. Aber ich wollte so groß werden wie mein Vater, so stolz, klug und tatkräftig. Wir hatten eine Ranch in den Hügeln im Brazos-Land. Es ging aufwärts mit uns. Als meine Schwestern vierzehn und fünfzehn alt waren, begannen sich alle jungen Burschen im Umkreis von hundert Meilen bei den Festen um sie zu raufen. Gewiss hätten sie meinen Eltern gute Schwiegersöhne heimgebracht. Wir Adams wären ein stolzer und einflussreicher Clan geworden in unserem Land. Aber dann kam die Banditenbande. Mich warfen sie kopfüber in unseren Brunnen. Fast wäre ich ertrunken, denn ich konnte nicht mehr heraus aus dem tiefen Loch. Das Wasser reichte mir bis unter das Kinn. Oben hörte ich die Kerle johlen, und ich war schon groß genug, um zu begreifen, was sie meiner Mutter und meinen Schwestern antaten. Sie warfen auch meinen Vater in den Brunnen. Er erschlug mich fast mit seinem schweren Körper, und er war tot. Gewiss hatte er gut gekämpft und einige von ihnen erledigt. Umso schlimmer mussten es meine Mutter und die Schwestern dann büßen. Es war eine betrunkene Mordbande. Ich blieb mit meinem toten Vater den ganzen Tag, die folgende Nacht und noch fast einen weiteren Tag im Brunnen. Dann endlich kam jemand vorbei. Er hörte mich unten im Brunnen wimmern. Meine Mutter war tot. Die Schwestern hatte die Bande mitgenommen – irgendwohin nach Mexiko. Ich habe nie wieder etwas von ihnen gehört. Fee, ich werde Banditen jagen bis an mein Lebensende.«

Sie schweigt noch.

Nun endlich weiß sie, was ihn antreibt und ganz und gar beherrscht.

Ein Gefühl steigt in ihr auf, das sie zuerst nicht richtig deuten kann. Doch dann wird sie sich allmählich darüber klar, dass es Mitleid ist – ja, Mitleid wie mit einem Kranken.

Lin Adams Hass gegen das Böse ist in ihm wie ein Gift. Es beherrscht ihn ganz und gar. Und so wird er niemals glücklich werden können auf dieser Welt und in seinem Leben.

Selbst die Zärtlichkeiten, die sie ihm schenkt, werden für ihn nur kurze Lichtblicke sein auf seinen rauchigen Wegen. Es werden immer nur ein paar Stunden oder Tage des Vergessens bleiben.

Dann wird er wieder reiten mit seinem Stern und dem schnellen Colt.

Sie sieht keine Hoffnung, dass es mal anders werden könnte.

Und so wird sie stets vergebens auf etwas warten, das nicht werden kann.

In ihr Gefühl des Mitleids für ihn mischt sich nun bittere Enttäuschung.

Verdammt, denkt sie, er könnte nicht nur mein Mann, sondern auch ein guter Vater unserer Kinder sein, wenn … oh, wenn ihn der Hass auf die Bösen nicht vergiftet hätte.

»Verdammt, Lin«, sagt sie plötzlich spröde, »du kannst mit einem Stern und einem Colt diese Welt nicht verbessern. Du kannst dich auf diese Weise nur um ein glückliches und erfülltes Leben bringen – ein Leben mit mir. Du wirst von deinem Hass auf die Bösen völlig beherrscht und kannst nicht mehr wie ein normaler Mensch leben. Und wenn du zu mir kommst, dann möchtest du das Blut und die Toten nur für eine Weile vergessen und ein wenig Atem holen. Ich sage dir, Lin, Hass führt unweigerlich in die Hölle. Und du bereitest sie dir hier auf dieser Erde schon. Hör auf, Lin Adams, hör auf!«

»Wenn es hier bei uns in Texas keine Burschen mehr wie die Marlow-Brüder gibt«, murmelt er, »dann höre ich auf.«

Sie rollt sich nun halb über seinen Oberkörper, bis ihr Gesicht über seinem ist und sich ihre Lippen fast berühren.

Und sie flüstert: »Es wird immer die Bösen neben den Guten geben, Revolvermann. Du kannst die Bösen nicht ausrotten. Hör auf, Lin! Ich will dir meine ganze Liebe geben und all die anderen bisher so verschlossenen Kammern deines Herzens in dir wieder aufbrechen, sodass du eines Tages alles Schreckliche vergessen kannst wie böse Träume. Ich möchte dich eines Tages lachen, singen oder pfeifen hören.

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