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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 26

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Killer-City
  4. Kapitel 1
  5. Kapitel 2
  6. Kapitel 3
  7. Kapitel 4
  8. Kapitel 5
  9. Kapitel 6
  10. Kapitel 7
  11. Kapitel 8
  12. Kapitel 9
  13. Kapitel 10
  14. Kapitel 11
  15. Kapitel 12
  16. Kapitel 13
  17. Kapitel 14
  18. Vorschau

Killer-City

Die Stadt, in der alles geschah, hieß natürlich nicht Killer-City, was ja so viel wie »Totschläger-Stadt« oder »Mörder-Stadt« bedeutet. Sie hatte in Wirklichkeit einen anderen, völlig unverdächtigen Namen. Aber es ist mit den Städten so wie mit den Menschen. Sie sind unter ihrer Oberfläche oft ganz anders, als es nach außen hin den Anschein hat. Als ich das auf bittere Art herausfinden musste, da nannte ich die Stadt in meinen Gedanken nur noch Killer-City.

Ty Coburne

1

Ich hatte drei Tage nichts gegessen und seit Wochen versucht, einen Job zu bekommen. Doch abgerissene Satteltramps, die noch die graublaue Uniform der besiegten Konföderiertenarmee trugen, hatten in Kansas keine Chance.

Bis Kansas war ich gekommen, und ich war nur einer der vielen abgerissenen und hungrigen Exsoldaten des besiegten Südens.

Weil ich an diesem Tag nicht verhungern wollte und auch nicht daran dachte, ein ewiger Verlierer zu bleiben, beschloss ich, die nächste Postkutsche auszurauben, die auf dem Wagenweg – ganz gleich aus welcher Richtung – vorbeikommen würde.

Ich hielt es für reine Selbsterhaltung, also so etwas wie Notwehr. Dabei hatte ich keine einzige Kugel mehr in meinem Colt. Die hatte ich schon alle längst auf irgendwelches Wild verschossen. Und kaufen konnte ich mir nichts. Ich besaß seit Wochen keinen einzigen Cent mehr.

Ich würde also mit einem leeren Revolver einen Überfall versuchen, und sollte in der Kutsche oder oben auf dem Bock jemand sitzen, der nach der Waffe griff und schoss, dann war ich erledigt.

Ich suchte mir am Wagenweg einen Platz aus, wo ich die Kutsche in guter Deckung schon aus großer Entfernung würde kommen sehen – entweder von Süden oder von Norden her.

Und dann wartete ich mit knurrendem Magen. Manchmal wurde mir schwarz vor Augen.

Selbst in der Gefangenschaft hatte ich nicht so gehungert, obwohl uns die Yankees verdammt wenig zu beißen gaben.

Nach etwa zwei Stunden sah ich von Westen her einen Reiter kommen, der auf einem prächtigen Rappen ritt und selbst auch schwarz gekleidet war. Doch an seinem schwarzen Stetson blinkte ein goldenes Hutband in der Sonne. Als er nahe genug war, konnte ich aus meiner Deckung zwischen Kreidefelsen und Büschen heraus erkennen, dass er zwei Revolver mit hellen Beingriffen trug. Und in seinem Sattelschuh steckte eine Buffalo-Sharps, also ein sehr weit reichendes Gewehr, mit dem man auf mehr als dreihundert Yard noch einen mächtigen Büffelbullen fällen konnte.

Er verschwand auf der anderen Seite des Wagenwegs zwischen den Kreidefelsen und den Büschen und kam nicht wieder zum Vorschein.

Und da begriff ich es. Er wartete wie ich auf die nächste Postkutsche.

O verdammt, ich hatte Konkurrenz bekommen, da war ich sicher. Was war das doch für eine schlechte Welt, ohooo!

Dieser Bursche dort drüben litt gewiss keinen Hunger. Ihm fehlte es wahrscheinlich auch nicht an Geld. Der wollte die Kutsche nicht überfallen, weil er hungrig und am Ende war. Der da, der war wahrscheinlich ein richtiger Bandit.

O verdammt!

Was konnte ich tun? Wahrscheinlich nichts. Ich konnte nicht schießen, weil es mir an Pulver, Blei und Zündhütchen für meinen Perkussionsrevolver fehlte.

Es war das Reb-Army-Modell, welches Griswold & Gunnison von 1861 bis 1865 für die Südarmee baute, Kaliber 44 und mit einem neunzehn Zentimeter langen Lauf.

Aber das Ding war leer. Und so blieb ich wohlweislich in Deckung und wartete ab.

Etwa eine halbe Stunde verging, dann kam die Kutsche von Süden her herangefahren.

Und dann ging alles so schnell, als handelte es sich um ein Theaterstück, welches man für eine Aufführung auf einer Freilichtbühne einstudiert hatte.

Drüben aus den Kreidefelsen und Büschen heraus krachte die schwere Buffalo-Sharps.

Das rechte Führungspferd des Sechsergespanns stürzte. Es gab sofort ein Durcheinander, so als wäre dem Gespann und der Kutsche plötzlich ein Felsen in den Weg geraten. Fast wäre die Kutsche umgestürzt.

Dann aber stand sie schwankend still.

Und eine scharfe Stimme rief: »Seid nur nicht dumm! Diese Sharps schießt euch mitsamt der Kutsche in kleine Stücke!«

Sie waren wirklich nicht dumm.

Der Fahrer und dessen Begleitmann auf dem hohen Bock saßen mit erhobenen Händen steif dort oben.

Auch drinnen in der Kutsche warteten sie ab. Niemand schoss. Denn sie wussten, dass eine Sharpskugel durch die Kutschwände ging wie durch Pappe – und auch noch durch menschliche Körper, wenn diese ihrer Flugbahn im Wege sein sollten.

Nun klang die harte Stimme wieder scharf: »Steigt aus – alle nach meiner Seite! Ich will euch mit erhobenen Händen aussteigen sehen. Oder ich schieße die beiden Clowns auf dem Bock mit einer einzigen Kugel herunter!«

Diese Drohung war gewiss nicht übertrieben. Denn eine Sharpskugel ging leicht auch durch zwei Männerkörper. Es war also möglich, beide Postlinienmänner von der Seite her mit einer einzigen Kugel vom Bock zu schießen.

Es dauerte nur wenige Sekunden, dann hörte ich den Fahrer heiser rufen: »Na los, Leute! Gehorcht ihm! Oder wollt ihr, dass er uns killt?!«

Sie wollten es nicht. Denn sie kamen heraus. Und einer von ihnen trug den Stern eines US Deputy Marshals. Ich sah es, als sie sich hinter der Kutsche mit erhobenen Händen aufstellten. Es waren vier männliche und drei weibliche Fahrgäste. Und – wie schon gesagt – einer trug die Plakette mit dem Stern.

Sie standen dann in einer Reihe.

Einer aber rief plötzlich heiser: »Marshall, Sie müssen mich schützen!«

Doch dann krachte wieder die schwere Sharps. Die Kugel traf den Mann, der zuvor so heiser brüllte, als hätte er jäh die Todesgefahr gewittert, in der er schwebte.

Der Mann überschlug sich fast nach hinten, als hätte ihn der Tritt eines unsichtbaren Büffelbullen getroffen.

Und wenig später sah ich drüben auf der anderen Seite jenen schwarz gekleideten Reiter auf seinem schwarzen Pferd davonreiten.

Eines war mir sofort klar: Der Überfall auf die Kutsche galt nur diesem einen Mann und nicht irgendwelchen wertvollen Dingen, wie zum Beispiel Geldbörsen oder Schmuck der Passagiere.

Dieser eine Mann sollte getötet werden.

Und wer der schwarz gekleidete Killer auch sein mochte, er hatte seinen Auftrag gewiss zur Zufriedenheit seines Auftraggebers ausgeführt.

Was aber sollte ich tun?

Wahrscheinlich wäre es leicht gewesen, nun mein eigenes Vorhaben durchzuführen. Ein paar Dollars würde ich gewiss erbeuten können.

Doch nun verspürte ich die Hemmungen, die wohl jeder redliche Mensch verspürt haben würde. Ich vermochte es nicht mehr durchzuführen.

Und so verharrte ich weiter in meiner guten Deckung, wartete, bis sie das getötete Pferd ausgeschirrt und den Toten in eine Decke gehüllt und auf das Kutschdach gehoben hatten. Ich hörte auch ihre aufgeregte Unterhaltung und begriff, dass der Tote ein wichtiger Zeuge bei einer Gerichtsverhandlung sein sollte, die am nächsten Tag in der County-Stadt stattfinden würde.

Man hatte durch einen Killer einen wichtigen Zeugen töten lassen, was wahrscheinlich einen Angeklagten vor dem Hängen bewahrte.

Ja, so konnte es wohl sein.

Ich sah dann mit knurrendem Magen der Kutsche nach.

Oha, dachte ich, diese Welt wird doch immer schlechter. Und wann endlich ist meine verdammte Pechsträhne beendet?

***

Drei Meilen weiter sah ich Rauch über den sanften Hügeln der Kansas-Prärie. Und wo Rauch war, da mussten Menschen sein, bei denen es vielleicht was zu beißen gab. Ich ritt vom Wagenweg über den sanften Hügelkamm und sah dann eine Versammlung hungriger Satteltramps – es mochten zwei Dutzend sein –, die ein Büffelkalb über einem Feuer brieten. Aber es war noch nicht gar, und so hockten sie in der Runde um die zu erwartende Nahrung wie die Geier um ein sterbendes Tier.

Sie alle waren arme Teufel wie ich. Bald würden sie die ersten Fleischstücke halb roh noch verzehren. Auch ich verspürte wieder den Hunger, der so grausam war.

Wir alle waren Strandgut des Krieges, hungrige Tramps, Verlierer. Denn wir hatten auf der falschen Seite gekämpft.

Ich ritt hinunter. Sie starrten mich an und erkannten, dass ich einer von ihnen war. Einer sagte: »Bald kannst du dir den Bauch füllen, Kamerad. Es dauert nicht mehr lange, dann beginnt das große Fressen.«

Und so war es auch.

Wir fraßen das halbgare Büffelfleisch wie halb verhungerte Indianer nach einem langen Winter. Und dann konnten wir nicht mehr in die Sättel, weil sich unsere Mägen zu sehr spannten, so dass wir uns nur vorgebeugt und gekrümmt bewegten. Wir mussten erst verdauen. Und so lagen wir umher und dösten. Nur wenige von uns unterhielten sich. Aber auch das waren keine Unterhaltungen. Sie fluchten alle auf diese beschissene Welt.

Und der Süden, für den wir gekämpft hatten, lag besiegt am Boden. Er konnte uns nicht helfen.

Ich hörte, wie sie später dann über die Chancen im Norden und im Nordwesten redeten. In Colorado fand man Gold, auch weiter im Norden in Montana.

Viele wollten hin zu den Goldfundgebieten. Andere wollten sich als Büffeljäger oder Abhäuter versuchen. Doch allen fehlte die Ausrüstung.

Ich dachte immer wieder an die Kutsche, die einen wichtigen Zeugen zur Countystadt bringen sollte. Diese Countystadt konnte nicht mehr weit sein.

Und so machte ich mich nach einiger Zeit auf den Weg.

Die anderen Satteltramps blieben noch. Sie hatten das Büffelkalb ja noch nicht ganz aufgegessen.

Ich ritt als Erster von allen fort aus dem Camp.

Als es zwei Stunden später Nacht wurde, erblickte ich in der Ferne die Lichter einer Stadt. Es musste die Countystadt sein.

Nach drei Meilen erreichte ich das Ortsschild. Im Mond- und Sternenschein konnte ich lesen: Bannister City. Ich ritt zwischen den ersten Häusern hinein. Hunger hatte ich noch nicht wieder. Aber sonst fehlte mir alles.

Vor einem großen Saloon, zu dem auch eine Tanzhalle gehörte, stellte ich mein Pferd zu den anderen Tieren an den langen Haltebalken, saß ab und sah mich witternd um. Auf den Gehsteigen bewegten sich Fußgänger. Drinnen in der Tanzhalle klang Musik. Ich hörte das Lachen von Frauenstimmen und dachte bitter: Wenn ich ein paar Dollars hätte …

Ich bückte mich unter dem Haltebalken hindurch zum Plankengehsteig hinauf, und als ich mich aufrichtete, trat ein Mann zu mir, der einen Messingstern trug.

»Diese Stadt ist für Satteltramps gesperrt«, sagte er zu mir. »Hau wieder ab, verdammter Rebell. Jetzt auf der Stelle!«

Ja, so war das nun mal.

Wir Südstaatler und ehemaligen Soldaten der Konföderation waren in Kansas mehr als nur unbeliebt. Wir wurden gehasst und durften uns hier nicht mal als Siedler niederlassen, selbst wenn wir die Mittel dafür gehabt hätten. Ich hätte dem Deputy gerne was aufs Maul gegeben. Denn ich fühlte mich jetzt wieder einigermaßen kräftig dazu.

Aber ich hörte mich sagen: »Yes, Sir, ich verschwinde wieder. Vergeben Sie mir, dass ich mir Hoffnungen machte auf irgendeine Chance in dieser Stadt.«

»Hau ab, Rebell«, sprach er noch mal. »Ihr habt zwei meiner Brüder getötet im Krieg. Und eure Guerillas zündeten unsere Farm an. Ihr alle sollt verrecken. Hau ab! Ich kann dir auch dein Pferd wegnehmen, weil es wahrscheinlich gestohlen ist.«

Es war eine letzte Drohung. Er hasste Exsoldaten der Rebellenarmee. Und ich trug noch die abgerissene Uniform des Südens. Er konnte es im Lichtschein gut erkennen.

Und so machte ich auf dem Absatz kehrt, saß wieder auf und ritt davon.

Doch jetzt war ich so wütend wie ein echter Toro, in den man schon einige dieser pfeilähnlichen kurzen Lanzen gesteckt hatte, was von den Picadores gemacht wurde, bevor dann der Torero mit seiner großen Schau begann.

Jetzt wollte ich die Unfreundlichkeiten dieser Welt voll zurückzahlen.

Und so ritt ich zwar aus der Stadt, stellte aber außerhalb mein Pferd ab und ging wieder hinein – nur nicht auf der Hauptstraße. Ich strich durch die Gassen wie ein Schatten und erreichte irgendwann den Hof des großen Saloons.

Es gab hier drei kleine Häuschen über Abortgruben.

Zwei von ihnen waren besetzt. Eigentlich wollte ich an ihnen vorbei zur Hintertür des Saloons. Aber dann hörte ich die Unterhaltung der beiden Insassen und hielt inne auf meinem Weg.

Sie waren jetzt offenbar fertig mit ihren menschlichen Verrichtungen und verließen fast gleichzeitig ihren jeweiligen Thron, traten also ins Freie, indes sie noch ihre Hemden in die Hosen stopften.

Einer sagte: »Verdammt, jetzt fühle ich mich zehn Kilo leichter.«

Der andere Mann aber lachte und erwiderte »Auch den Fettsack, der an der Bar mit seinen verdammten Würfeln alle Dummköpfe betrügt und dabei salbungsvoll predigt und die Sprüche irgendwelcher Schöngeister zitiert, den werden wir auch erleichtern. Der geht stets zwei Stunden nach Mitternacht zu seiner fast ebenso dicken Wirtin, bei der er sich eingemietet hat. Er muss durch eine enge Gasse. Dort warten wir auf ihn. Ich wette, dass er allein schon in seinem Geldgürtel, den er auf dem bloßen Leib trägt, mehr als zehntausend Dollar in großen Scheinen gesammelt hat. Und in seinen Taschen ist gewiss der Gewinn dieser Nacht. Er gewinnt immer. Ich beobachtete ihn die letzten drei Tage. Er ist ein Zauberkünstler, der die Würfel stets mit einem Trick vertauscht. Den machen wir arm.«

Sie gingen davon und verschwanden durch die Hintertür wieder im Saloon.

Ich verharrte hinter einem der Häuschen und wusste, dass dies jetzt meine große Chance war.

Heiliger Rauch, ich hatte eine Postkutsche anhalten und deren Fahrgäste ausrauben wollen. Eine Laune des Schicksals hatte mich davor bewahrt. Dann war ich hier an einen harten Deputy Marshall geraten, der uns Südstaatler hasste.

Ich war zurückgekommen in diese Stadt, um jemanden auszurauben wie ein verdammter Straßenräuber.

Und jetzt hatte ich die große Chance bekommen, zwei Banditen deren Beute abzujagen, die sie bei einem Falschspieler machen würden.

Ich hielt meine Absicht nicht für sehr verwerflich.

2

Ich wartete geduldig in einem Winkel. Zweimal sah ich den unfreundlichen Nachtmarshal seine Runde drehen. Aber er entdeckte mich nicht in meinem verborgenen Winkel. Die Zeit verstrich langsam. Ich verspürte meine wachsende Ungeduld. Zweifel kamen in mir hoch.

Konnte es sein, dass die ganze Sache doch nicht so klappen würde, wie es sich die beiden Strolche und auch ich – wenn auch getrennt – vorstellten und wünschten?

Verdammt, wann endlich war es zwei Stunden nach Mitternacht? Wann würde der dicke Zauberkünstler, der so geschickt die Würfel austauschen konnte, sein Abzocken beenden und heimgehen zu seiner dicken Wirtin?

Dann endlich war es so weit.

Es war sehr viel ruhiger geworden in der County-Stadt Bannister City. Nur vor dem Saloon standen noch einige Pferde und auch zwei Wagen. Drinnen in der Tanzhalle war die Musik verklungen.

Bald würden nur noch wenige Lichter in der Stadt ein wenig Helligkeit aus den Fenstern werfen.

Und dann sah ich einen dicken Mann aus dem Saloon kommen. Er hielt einen Moment auf dem zur Veranda ausgebauten Plankengehsteig an und sog offenbar mehrmals die frische Nachtluft tief ein. Dann machte er sich auf den Weg. Er überquerte schräg die Fahrbahn der Main Street und steuerte auf eine Gassenmündung zu, in der er verschwand. Offenbar führte diese Gasse zu einer Nebenstraße der Main Street, in der sich die Pension befand, wo er Quartier genommen hatte.

Auch ich machte mich auf den Weg und erreichte nur wenig später als er die Gassenmündung.

Nun kam es auf mein Glück an.

Denn wenn jetzt der Nachtmarshal auftauchte oder wenn die beiden Strolche die Gasse durch deren anderes Ende verließen, dann würde es nicht so klappen, wie ich es mir vorstellte.

Ich begann wie ein Betrunkener ein ziemlich anstößiges Lied zu singen, welches in vielen Strophen all die Liebesabenteuer der dicken Molly Mallone schilderte, die es mit allen trieb, die ihr über den Weg liefen.

Gewiss, es war ein böses, primitives und recht dummes Lied. Aber ich musste ja einen sinnlos Betrunkenen spielen, der sich kaum noch auf den Beinen halten konnte und dennoch stur einem Ziel zusteuerte, wobei er eine gewisse Geschwindigkeit beibehalten musste, um nicht so sehr zu torkeln.

Sie kamen mir beide schon entgegen, hatten also bereits den fetten Falschspieler ausgeraubt.

Sie wollten mich in der engen Gasse zwischen sich hindurchlassen. Einer sagte gönnerhaft: »He, pass auf, da liegt dir eine Schnapsleiche im Wege.«

Vielleicht hätte auch der andere Kerl etwas gesagt, aber dazu kam es nicht mehr. Denn ich streckte recht und links meine langen Arme aus, bekam mit beiden Händen ihre Köpfe in Höhe ihrer Ohren zu fassen und knallte sie zusammen – einmal, zweimal und noch einmal.

Und da sanken sie mir wortlos vor meine Füße.

Ich nahm ihnen ab, was sie dem fetten Falschspieler abgenommen hatten, und machte mich davon. Ja, ich musste über den Fettsack hinwegsteigen. Sie hatten ihn offenbar mit einem Knüppel zusammengeschlagen. Er lebte noch und würde irgendwann erwachen, so wie auch die beiden Kerle, die ich klein machte.

In mir war kein Schuldgefühl. In mir war Triumph. Denn ich fühlte mich wie eine Art menschlicher Fregattvogel. Ich hatte mal gelesen, dass die Fregattvögel die besten Flieger unter allen tropischen Seevögeln wären und davon lebten, anderen Vögeln deren Beute abzujagen – also zumeist gefangene Fische oder andere Meerestiere.

Ja, so wie ein Fregattvogel fühlte ich mich. Ich hatte zwei Banditen die Beute abgenommen, die sie bei einem Falschspieler gemacht hatten.

Es war fast so etwas wie ein Glücksgefühl in mir. Konnte es sein, dass meine verdammte Pechsträhne nun zu Ende war? Nun, ich würde es bald herausfinden, da war ich sicher.

Ich ging dorthin, wo ich mein Pferd außerhalb der Stadt zwischen zwei Schuppen und einem alten Wagen angebunden hatte.

In einem der Schuppen lag noch etwas Heu. Dort legte ich mich nieder, um ein paar Stunden noch zu schlafen.

***

Es war später Morgen oder früher Vormittag, als ich mich auf den Weg in die Stadt machte. Ich wusste, dass ich den Nachtmarshal nicht treffen würde. Denn der schlief jetzt gewiss und hatte dem Tagmarshal die Obhut der Stadt überlassen.

Ich hatte inzwischen meine Beute gezählt und war dabei wahrhaftig erschrocken. Es war für mich und jetzt in dieser Zeit nach dem Krieg eine gewaltige Summe Geld. Und es war sozusagen eine Schnapszahl, wie man so sagte. Denn ich zählte genau siebentausendsiebenhundertsiebenundsiebzig Dollar.

Dafür hätte jetzt in dieser Zeit ein guter Cowboy – falls er überhaupt Arbeit besaß – dreißig Jahre arbeiten müssen.

Es war also eine mächtig große Beute.

Als ich in die Stadt ritt, da hatte ich nur siebenundsiebzig Dollar in der Tasche. Denn so dumm wäre wohl selbst ein Dummkopf nicht gewesen, dass er mit der ganzen Beute in die Stadt geritten wäre.

Denn zumindest der fette Falschspieler würde inzwischen zum Marshal gelaufen sein und Anzeige erstattet haben.

Ich hatte meine Beute bis auf die siebenundsiebzig Dollar vergraben.

Und so hielt ich bald vor dem Barbierladen, zu dem auch eine Badeanstalt gehörte. Wenig später saß ich in einem Badefass und wusch mich mit Fliederseife. Der Barbier schnitt mir dann die Haare. Und aus dem Store hatte man eine Auswahl von Hemden, Hosen, Unterzeug und auch Stiefel gebracht. Nur meinen Hut behielt ich, denn der war noch ganz gut. Und überdies war ich stolz auf meinen Rebellenhut. Es war ein goldenes Kordelband an der Hutkrone. Denn ich war Lieutenant gewesen in der Texasbrigade.

Als ich auf die Straße trat und mich umsah, da fühlte ich mich verdammt gut, ganz und gar nicht mehr wie ein hungriger und abgerissener Satteltramp. So schnell ging das also manchmal im Leben, wenn es das Schicksal so wollte.

Ich wollte schräg über die Fahrbahn hinüber zu einem Restaurant, als ein Mann zu mir trat, den ich wiedererkannte. Es handelte sich um den Nachtmarshal, der mich gestern aus der Stadt jagte. Nun war es ja schon Mittag geworden. Er hatte ausgeschlafen und wollte sicherlich zum Mittagessen.

»He«, sagte er grob, »Sie tragen einen verdammten Rebellenhut und kommen mir bekannt vor. Aber Ihre Kleidung ist nagelneu. Geben Sie mir Ihren Colt. Mit dem Kolben zuerst. Vorwärts!«

Ein zweiter Mann kam hinzu, der ebenfalls einen Stern trug, also wahrscheinlich der Tagmarshal war. »Ist was, Butsh?« So fragte er.

Jener Butsh grinste böse. »Fat-Cat wurde in der vergangenen Nacht auf seinem Heimweg in einer Gasse ausgeraubt«, erwiderte er. »Und dieser Fremde mit dem Rebellenhut hat sich neu eingekleidet. Jetzt will ich sehen, was er in den Taschen hat.«

»Drei Dollar und zwanzig Cent«, erwiderte ich und fragte freundlich: »Ist es verdächtig oder gar verboten, wenn ein Texaner sich hier in dieser fairen Stadt neu einkleidet und zum Mittagessen gehen will?«

Sie starrten mich böse an. Auch der andere Deputy mochte offensichtlich keine Texaner.

Dann aber durchsuchten sie mich und fanden tatsächlich nur drei Dollar und zwanzig Cent.

»Ich möchte nur wissen, warum er mir so bekannt vorkommt«, knirschte der Nacht-Marshal dann enttäuscht. »Aber vielleicht bekomme ich das noch heraus. Wo sind Ihre alten Kleider?«

Nun grinste ich wieder freundlich.

»Die hat der Junge in der Badeanstalt gleich verbrannt – wegen der Flöhe und auch Läuse. Sonst noch etwas?«

Ich war sicher, dass er mich nicht wiedererkennen konnte.

Gestern in der ersten Nachthälfte trug ich noch einen Vollbart und lange Haare, die mir fast bis zu den Schultern hingen. Ich war abgerissen, staubig und dreckig.

...

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