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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 25

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Du sollst töten, Amigo!
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Kapitel 13
  16. Vorschau

Du sollst töten, Amigo!

1

Die Sonne sank schon im Westen, als ich nach Concho kam und ziemlich steif aus der Postkutsche kletterte. Ich versuchte dabei möglichst unauffällig zu wirken, doch ich wusste, dass mir das kaum gelingen konnte.

Denn ich war nun mal ein Bursche, den man nicht übersehen konnte. Und für eine gewisse Sorte war ich schon seit meiner Jugend eine Herausforderung.

Das war nun mal so. Damit hatte ich mich abgefunden. Und nicht zuletzt deshalb hatte ich auch einen gewissen Ruf bekommen und war zu jenem bitteren Revolverruhm gelangt, auf den ich seit einiger Zeit gar nicht mehr stolz war.

Denn ich war reifer geworden. Ich war ein Mann von zweiunddreißig Jahren. Concho war eine kleine Stadt dicht an der Sonora-Grenze. Es war auch eine wilde Stadt in einem wilden Lande.

Ich war vor gut zehn Jahren – also vor dem Krieg – schon mal in Concho. Der Ort schien sich nicht verändert zu haben – nur älter und verwitterter war er geworden. Und der Staub auf der Fahrbahn schien tiefer zu sein als damals.

Ein paar Zuschauer beobachteten die Ankunft der Postkutsche aus Santa Fé. Ich verdrückte mich und ging auf dem Plankengehsteig nach Süden. Ich ging am Hotel vorbei, in dessen Nähe die Postkutsche gehalten hatte – und ich wusste, dass mir einige wachsame Blicke folgten.

Denn unter den Neugierigen bei der Ankunft der Postkutsche waren auch ein paar scheinbar gelangweilte Hombres, die einen zweibeinigen Wolf erkennen konnten, weil sie selbst zweibeinige Wölfe waren.

Diese Hombres würden sich jetzt fragen, was ein Bursche wie ich in Concho wollte.

Denn da gab es verschiedene Möglichkeiten.

Ich konnte ein Mann sein, der einen anderen suchte, um eine Rache zu vollstrecken, aus irgendwelchen Gründen. Ich konnte auch ein Gesetzesmann sein – oder einer dieser Kopfgeldjäger. Und schließlich konnte ich auch ein Flüchtling sein, der eine Zuflucht suchte, ein Mann also, der nach langer Zickzackfährte zur Ruhe kommen wollte.

Es gab noch mehr Möglichkeiten.

Nur eine gab es nicht, nämlich, dass ich ein ruhiger, harmloser und uninteressanter Bürger war, um den man sich nicht besonders zu kümmern brauchte.

Nein, ich war ein zweibeiniger Wolf, den andere Townwölfe und Revolverfalken sofort als solchen erkannten.

Und deshalb bekam ich fast immer in solchen Orten wie Concho Schwierigkeiten.

Ich ging also am Hotel vorbei und etwa hundert Schritte weiter bis zum Concho-Store.

Davor blieb ich stehen und trat bis auf die Fahrbahn zurück.

Diesen Store gab es damals vor mehr als zehn Jahren auch schon in Concho. Doch da war er nur eine kümmerliche Bretter- und Adobelehmwandbude.

Nun sah er etwas beeindruckender aus.

An dem Schild, auf dem »Concho-Store« stand, war in kleinerer Schrift darunter zu lesen: »Inh.: Kathy Vansitter«.

Und mein eigener Name war auch Vansitter. Ich war Reece Vansitter.

Ich trat ein, und ich hatte nichts anderes bei mir als eine große Reisetasche, meinen Colt, siebenundfünfzig Dollar, ein Kartenspiel und ein paar andere unwichtige Kleinigkeiten.

Das war nicht viel für einen Mann mit zweiunddreißig Jahren. Aber dafür hatte ich da und dort an meinem Körper ein paar Narben.

Ich trat ein. Weil die Abenddämmerung nun schon ziemlich stark vorgeschritten war, wurde im Store soeben eine Lampe angezündet. Die junge Frau war zu diesem Zweck auf einen Hocker geklettert. Aber das Ding war wohl nicht mehr besonders gut auf den drei Beinen zurecht – und weil durch das Bimmeln der Ladentür die Lampenanzünderin dazu veranlasst wurde, sich mir zuzuwenden, wackelte das Ding und drohte umzukippen.

»Huch!« So machte sie und sprang ab wie von einem im Wasser rollenden Stein.

Ich fing sie auf, denn ich konnte ja nicht wissen, ob sie gut landen würde.

So geriet sie also in meine Arme.

Nun erst sah ich sie richtig im Lampenschein.

Und dabei vergaß ich dann sogar, dass ich sie immer noch festhielt, vielleicht sogar fester als notwendig.

Denn sie war eine prächtige Fee, ein gelbhaariges und braunäugiges Mädel von etwas mehr als Mittelgröße und knapp hundertzwanzig Pfund.

Sie roch auch gut, und weil ich sie so fest in meinen Armen hielt, konnte ich genau spüren, wie richtig alles an ihr war.

Die brauchte noch kein Korsett.

»Wollen Sie mich nicht endlich loslassen?«, fragte sie etwas ärgerlich, und weil ich dabei in ihre Augen sah, wusste ich, dass ich gleich was gegen die Schienbeine bekommen würde.

Deshalb gab ich sie schnell frei. Ich griff nach dem Hut und sagte: »Verzeihen Sie mir, Ma’am. Aber es war wohl mehr eine Reflexbewegung, die mich Sie auffangen ließ – und dann war ich vor Staunen wie gelähmt. Das müssen Sie doch verstehen.«

Sie sah mich kritisch an.

Doch sie war klug genug, mich nicht zu fragen, warum oder weshalb ich wie gelähmt war. Ich hätte ihr gerne darauf geantwortet. Doch diese Chance gab sie mir nicht.

Sie ging hinter den Ladentisch zurück, und es war mir, als wollte sie gerne etwas Distanz haben zwischen uns.

»Womit kann ich Ihnen dienen?«, fragte sie.

Und wieder lag mir auf der Zunge, etwas zu sagen, was vielleicht sogar ein wenig frivol war. Ich beherrschte mich, denn ich erinnerte mich jäh wieder stark daran, warum ich hergekommen war.

Aber da wich sie hinter dem Ladentisch einen Schritt zurück, bis sie mit dem Rücken an ein Warenregal stieß.

Und dann sagte sie: »Sind Sie Reece Vansitter?« Dabei hatte sie große Augen, und sie wirkte innerlich erregt. Der Puls klopfte in den Adern ihres Halses. Ich sah es deutlich im Lampenschein.

Ich nickte. »Ja, ich bin Reece Vansitter. Und wie konnten Sie mich erkennen?«

Sie erwiderte nichts auf meine Frage. Sie sah mich nur an.

»Also sind Sie doch gekommen«, sagte sie nach einer Weile.

»Und Sie sind Georgia Sutton«, murmelte ich. Und ich fügte hinzu: »Ihrem Briefe nach hätte ich Sie mir älter vorgestellt.«

Wir sahen uns nach diesen Worten eine Weile schweigend an. Schließlich sagte sie mit einer deutlichen Spur von Trotz: »Ich bin alt genug. Ich bin fast fünfundzwanzig. In meinem Alter haben die Frauen hier in diesem Lande oft genug ein halbes Dutzend Kinder. Ich kann Kathy aufziehen. Oder bezweifeln Sie das?«

Ich schüttelte den Kopf. Und eines spürte ich sicher: Sie hatte Kathy gern. Sie fürchtete sich davor, Kathy, die meine Tochter war, hergeben zu müssen.

Aber sie war nicht die Mutter meiner Tochter.

Denn diese war tot. Seit einigen Monaten schon. Der Brief mit der Todesnachricht erreichte mich erst viel später.

Doch nun war ich hier.

Nach zehn Jahren.

Und noch niemals hatte ich meine Tochter gesehen.

»Sie sind sicherlich sehr gut zu Kathy«, sagte im. »Und Sie waren offenbar die beste Freundin meiner verstorbenen Frau. Aber sollte ich denn nicht kommen? Erwarteten Sie das vielleicht, nachdem Sie mir den Brief geschrieben hatten, der mir überallhin nachreiste und mich schließlich einholte?«

Sie sah mich fest an. Dann murmelte sie: »Oh, es war der letzte Wunsch Ihrer Frau, dass Sie erfahren sollten, was geschah.«

Ich nickte.

Und dann wandte ich mich um, weil Kathy die Treppe herunter kam.

Sie war noch nicht ganz zehn Jahre alt, und sie war ziemlich dünn. Doch sie hatte die roten Haare und grünen Augen ihrer Mutter. Sie war noch ein zartes Ding. Und dennoch erkannte ich, wie sehr sie bald jener Kathy ähnlich sehen würde, die ich einst so sehr liebte.

Sie sah mich an. Ich begriff, dass sie oben auf der Treppe schon etwas gehört hatte und genau wusste, wer ich war.

Ihre Augen betrachteten mich ernst.

Dann nickte sie ernsthaft und sagte: »Ja, du bist mein Vater, Reece Vansitter. Du siehst dem Manne ähnlich, den ich hier in diesem Medaillon trage.«

Und sie holte aus ihrem Halsausschnitt ein emailliertes Medaillon heraus. Ich erkannte es wieder. Denn ich hatte es Kathy einst in Santa Fé geschenkt.

Und darinnen befand sich mein Bild.

Wahrscheinlich konnte man mich mit einiger Einbildungskraft auch heute noch nach diesem Bild erkennen, denn nicht nur die kleine Kathy, sondern auch Georgia Sutton hatte mich erkannt.

Sie betrachteten mich beide ernst und schweigend. Und ich stand etwas verlegen da mit meiner Reisetasche. Ich wusste, dass ich groß und verwegen wirkte, doch ich kam mir in dieser Minute mächtig schäbig vor, etwa so wie ein Handelsreisender, der eine schlechte Ware verkaufen wollte.

Zuerst wollte ich meiner kleinen Tochter ein paar Komplimente machen, so etwa in der Art, wie es verlegene Erwachsene tun, wenn sie nicht wissen, was sie sagen sollen. Dann stellen sie zumeist fest, dass solch ein Kind groß wurde, den Eltern ähnlich sieht und dergleichen mehr.

Aber ich ließ es bleiben und sah Kathy nur an. Ich spürte genau, wie kritisch sie mich prüfte mit ihrem unverbildeten Instinkt.

Und da fiel mir endlich ein, dass Kinder und Tiere – vor allen Dingen Hunde – mich schon immer gemocht hatten.

Ich konnte ein brüllendes Kind aus einer Wiege nehmen und beruhigen. Und der böseste Hund, der jedem an die Kehle wollte, ließ sich von mir streicheln, ohne nach meiner Hand zu schnappen.

Das war nun mal so. Nur mit Männern bekam ich immer wieder Verdruss.

Kathy wandte sich plötzlich an Georgia Sutton.

»Ich glaube, dass er bleiben kann, Tante Georgia«, sagte sie. »Er ist so, wie meine Mam mir ihn schilderte. – Du bleibst doch, Dad?«

So einfach war das.

Ich staunte, wie sehr ein Kind die Dinge doch vereinfachen konnte.

Und sie kam die letzte Treppenstufe herunter und lief in meine Arme. Denn ich kniete nun am Boden.

Ich hatte plötzlich eine Tochter von fast zehn Jahren – ich, Reece Vansitter, ein Spieler und Revolvermann, ein Bursche, der früher Pferde gestohlen hatte und zu beiden Seiten der Grenze mit Banditen geritten war.

Ich spürte, dass Kathy in meinen Armen ein wenig zitterte – so etwa wie ein Vogel in einer hohlen Hand. Aber dann schlang sie ihre Arme fester um meinen Nacken.

»Es ist gut, dass du gekommen bist, Dad«, flüsterte sie an meinem Ohr.

Und dann sprach sie etwas, was ich bis an mein Lebensende niemals wieder vergessen würde, nämlich: »Mam sagte immer, dass du sofort kommen würdest, wenn dies notwendig sein würde – oder wenn wir dich ganz einfach rufen würden und unser Ruf dich erreichen würde, irgendwo auf deiner Zickzackfährte. Wirst du bei uns bleiben?«

Das war eine ganz schlichte Frage aus einem harmlosen Kinderherzen.

Ich erhob mich langsam und behielt eine kleine Hand meiner Tochter in meiner großen, die mit dem Revolver so gut umgehen konnte. Ich sah zu Georgia Sutton hinüber.

Sie hatte mich die ganze Zeit beobachtet – und jetzt sah sie gerade und fest in meine Augen hinein.

»Zumindest werde ich einige Tage bleiben«, murmelte ich. »Und ich werde drüben im Hotel schlafen.«

»Nein«, sagte sie da ruhig und fest. »Das Zimmer Ihrer verstorbenen Frau steht Ihnen zur Verfügung. Kathy hat die kleine Kammer nebenan. Wenn Sie bleiben wollen, Mister Vansitter, so ist dies Ihr Heim.«

Ich zögerte. Doch dann spürte ich wieder den Druck und die Wärme der kleinen Hand in meiner großen.

Es wurde mir wieder bewusst, dass ich eine Tochter hatte.

Und ich war an einen Ort zurückgekommen, an dem alles einmal begonnen hatte.

Plötzlich hatte ich den Wunsch, bleiben zu können – für immer.

Ja, ich war der ruhelosen Zickzackfährte längst schon leid.

Und wahrscheinlich hätte ich schon ein paar Jahre früher zurück nach Concho und zu meiner Familie kommen sollen.

Little-Kathy führte mich an der Hand die Treppe hinauf. Ich nahm meine Reisetasche mit. Als ich noch einen Blick nach unten warf, sah ich wieder in Georgia Suttons Augen hinein – und sie prüften mich immer noch kritisch.

»Wir essen in einer Stunde«, sagte sie. »Ich schließe den Store.«

***

Zwei Stunden später saß ich allein in der Wohnküche hinter dem Store. Von oben hörte ich noch die Stimmen von Kathy und Georgia. Die Stimme meiner kleinen Tochter klang müde. Nach der anfänglichen Aufregung war nach dem Essen die Reaktion gekommen.

Ich sah mich in der kleinen Wohnküche um. Dies also war das Heim, welches meine Frau für sich und etwas später für ihre Tochter geschaffen hatte.

Allein war sie geblieben mit Little-Kathy.

Ich hätte sie freigegeben, ja, ich hatte ihr das sogar angeboten. Doch sie wollte es nicht. Einmal hatte sie mir unter anderem geschrieben: »Eines Tages wirst du nicht mehr ruhelos umherziehen müssen und auf der Flucht sein vor deinem bitteren Ruhm. Und dann wirst du heimkommen können für immer. Wir werden hier auf dich warten.«

Diese Worte hatte ich noch klar in Erinnerung.

Nun dachte ich wieder daran.

Georgia Sutton kam von oben herunter. Sie goss sich am Herd noch eine Tasse Kaffee ein und kam damit zum Tisch.

Sie setzte sich und sah mich an. »Little-Kathy ist um diese Zeit immer völlig erschöpft. Es ist ein langer Tag für ein solch lebendiges Kind. Sie war mit den anderen Kindern zum Schwimmen am Creek. Sie haben ihn angestaut, so dass das Wasser tiefer wurde. Sogar größere Kinder können darin schwimmen. Selbst die Aufregung des Abends konnte ihre Müdigkeit nicht zurückhalten.«

Ich nickte nur.

Dann murmelte ich: »Es ist nicht so einfach für einen Mann meiner Sorte, nun so plötzlich eine Tochter von fast zehn Jahren zu haben. Sie ist recht zart für ihr Alter – und dennoch erscheint sie mir geistig sehr reif.«

Georgia Sutton nickte.

Dann aber stellte sie die klare Frage: »Werden Sie bleiben, Reece Vansitter? Halt! Lassen Sie mich noch etwas sagen. Ein Recht dazu hätten Sie. Sie sind der Erbe Ihrer Frau, und es wäre auch Ihre Pflicht nun allein für Ihre Tochter zu sorgen. Werden Sie bleiben? Dieser Store ist jetzt eine Menge wert. Wir haben hier stets einen guten Warenbestand. Da Sie immer wieder Geld schickten, konnte Kathy den Store nicht nur vergrößern, sondern bald schon …«

»Schon gut«, sagte ich. »Sie wissen genau, dass ich hier nicht bleiben kann. Denn ich bin Reece Vansitter, der Revolvermann und Spieler. Mit mir wollen sich immer wieder all die Burschen messen, denen das Fell juckt und die süchtig sind nach Revolver-Ruhm. Seit meinem Kampf damals hier vor zehn Jahren mit Kirby Slater konnte ich nirgendwo lange an einem Platz verweilen. Überall holten mich die anderen Slaters eines Tages ein. Die ganze Slater-Sippe musste nach und nach daran glauben, nur weil sie Rache wollte und sie mich viele Jahre lang verfolgte. Und inzwischen bekam ich einen immer größeren Revolver-Ruhm. Bald waren nicht nur die Slaters und die Revolvermänner dieser Sippe hinter mir her, sondern auch all die ruhmsüchtigen Jungens. Ich kann nicht bleiben, Georgia Sutton. Ich würde hier nur wenige Tage Ruhe haben. Dann müsste ich auch hier wieder schießen, um leben zu können. Und meine Tochter würde vielleicht sogar Augenzeugin sein. Nein, ich muss wieder weg, so gerne ich auch bliebe.«

Ich verstummte etwas heiser. Obwohl ich mir Mühe gab, meine Stimme ganz ruhig, sachlich und beherrscht klingen zu lassen, konnte ich zuletzt doch nicht ganz meine Bitterkeit unter Kontrolle halten.

Deshalb wurde ich heiser in der Kehle.

Und Georgia Sutton nickte. »Ja, so ist es wohl«, sagte sie nach einer Weile. »Das alles wird erst anders werden, wenn es keine Revolverhelden mehr gibt, wenn die wilde Zeit vorbei ist. Sie tun mir leid, Reece. Kathy hatte es mir damals so erklärt, wie Sie gerade auch. Wegen Kathy mussten Sie damals mit diesem Kirby Slater kämpfen und bekamen dafür Feindschaft einer mächtigen Sippe. Kathy flehte Sie damals an, sie zu verlassen. Nur so konnten Sie den Slaters entkommen. Aber Sie wurden ein Ruheloser dadurch. Sie tun mir leid, Reece.«

Sie lehnte sich im Stuhl zurück. Ihre Hände lagen um die Kaffeetasse, und ihre Augen waren fest auch mich gerichtet.

»Aber Sie könnten mit Little-Kathy fortgehen, weit, weit fort, wo man noch nie etwas von dem Revolvermann Reece Vansitter gehört hat. Sie könnten sogar einen anderen Namen annehmen. Little-Kathy würde das verstehen. Sie ist körperlich noch sehr zart, doch seelisch reifer als eine Zehnjährige. Sie könnte eine Menge verstehen. Es wäre gewiss auch möglich, diesen Store zu verkaufen oder zu verpachten.«

»Würden Sie ihn pachten?«, fragte ich impulsiv.

Doch sie schüttelte den Kopf. »Ich würde lieber bei Kathy bleiben«, sagte sie.

Und als ich sie ansah, da erkannte ich, dass sie mit mir kommen wollte, sollte ich mit Kathy von hier fortgehen wollen. Sie würde wegen Kathy überallhin mit mir gehen, selbst in die einsamsten Hügel.

Sie liebte Kathy wie eine große Schwester oder eine Mutter.

»Ich verdanke Ihrer Frau eine Menge«, sagte Georgia Sutton nach einer Weile. »Ich gehörte damals zu einer Girl-Truppe, die von einer Stadt zur anderen zog. Wir spielten schlechtes Theater, sangen und tanzten. Wir hatten sogar einen Feuerschlucker bei uns. Und nach den Vorstellungen animierten wir die Gäste. Ich wurde hier krank. In einem billigen Hotelzimmer ließen sie mich zurück. Es war für eine Woche bezahlt. Doch ich war länger als zwei Monate krank. Ohne die Hilfe Ihrer Frau …«

Sie verstummte und sah mich fest an.

»Ich erzähle Ihnen das«, sagte sie, »damit Sie niemals daran zweifeln, dass Little-Kathy bei mir gut aufgehoben ist. Ihre Mutter und ich wurden Freundinnen. Wir führten zusammen diesen Store. Wohin Sie auch gehen, Reece Vansitter – und was Sie auch tun werden –, eines muss klar sein: Ich bleibe bei Little-Kathy. Denn sie braucht gerade in den kommenden Jahren eine mütterliche Freundin.«

Ich nickte. Denn sie sah es richtig.

Im erinnerte mich daran, dass Kathy heute mit den anderen Kindern im Creek schwimmen war. Also hatte sie hier Freundinnen, Freunde und erlebte hier eine glückliche Jugend.

Konnte ich, ein ruheloser Revolvermann, sie denn von hier fortnehmen?

Ich würde mit meiner Tochter auf der Flucht sein.

Und so sagte ich: »Morgen oder übermorgen werde ich verschwinden. Kathy lasse ich hier bei Ihnen. Und meinen Erbteil an diesem Store überschreibe ich an Little-Kathy. Gut so?«

Sie schloss einen Moment ihre Augen.

Dann nickte sie.

Aber sie sagte nicht mehr, dass ich ihr leidtat. Dafür war ich ihr dankbar.

Ich erhob mich.

»Ich muss mir noch ein Pferd kaufen«, sagte ich. »Die Postkutsche verkehrt hier nur zweimal in der Woche. Aber es könnte sein, dass ich schnell verschwinden müsste. Deshalb brauche ich ein Pferd und einen Sattel.«

Sie erhob sich ebenfalls, denn sie musste noch den Abwasch erledigen.

»Sättel haben wir im Store«, sagte sie. »Im hinteren Lagerraum liegen fünf Stück über der Stange. Und ein Pferd brauchen Sie nicht zu kaufen. Im Mietstall steht Kathys Fuchs. Kathy würde es wollen, dass Sie ihn nehmen.«

Ich zögerte. Doch dann nickte ich. Denn ich nahm kein Almosen an. Ich hatte Kathy immer mit Geld unterstützt. Sie konnte mit unserem Kind niemals Not gelitten haben.

Also war es mir jetzt möglich, Pferd und Sattel anzunehmen. Das war eine große Hilfe für mich, da ich ja nur siebenundfünfzig Dollar in der Tasche hatte.

»Ritt Kathy viel aus?« So fragte ich.

Georgia nickte. »Zur alten Hütte, die Sie damals bauten, Reece, und die Sie mit Kathy zur Hochzeit einweihten.«

Ich schluckte und sah zu Boden.

An diese kleine Hütte erinnerte ich mich gut. Ich hatte sie erbaut, um meiner jungen Frau ein Dach über dem Kopfe bieten zu können. Das Land in der Runde hatte ich für meine Ranch nach Squatter-Recht in Besitz genommen. Und ein paar Rinder trugen mein Brandzeichen. Ja, diese alte Hütte kannte ich gut in meiner Erinnerung.

»Kathy hat dort eine kleine Farm errichtet«, sagte Georgia. »Eine mexikanische Familie hält dort alles in Betrieb. – Aber sie wohnen nicht in der Hütte. Die ließ Kathy für sich instand halten.«

Ich verstand.

Und ich wandte mich ab und ging hinaus.

Verdammt noch mal, wie konnte ich denn am besten mit meinen Erinnerungen fertig werden?

Ich ging in den Lagerraum, griff mir einen Sattel und verließ den Store.

Georgia war hinter mir aus der Küche in den Store gekommen, Sie sagte: »Nehmen Sie den Schlüssel mit, Reece. Ich habe noch einen.«

Ich ging hinaus.

Concho wirkte ruhig. Es war eine warme Arizona-Nacht. Da und dort fielen Lichtbahnen aus den Häusern. Vor dem Saloon standen Sattelpferde und ein paar leichte Wagen.

Ich ging mit dem Sattel über der Schulter in Richtung Mietstall. Denn ich kannte mich ja aus in Concho.

Und deshalb ließ ich mich auch nicht durch die scheinbare friedliche Ruhe dieser Stadt täuschen.

Hier in Concho hatte ich mein höchstes Glück gefunden – und hier in Concho musste ich damals Kirby Slater töten – und wurde dadurch zu einem Flüchtling vor der Rache einer mächtigen Sippe.

Jetzt war ich zurückgekommen.

Wie sollte es hier weitergehen?

Ich hatte früher hier ein paar Freunde gehabt, mit denen ich zusammen ritt und auch ein paar Dummheiten machte.

Einmal stahlen wir drüben in Mexiko Pferde. Und auch Silber schmuggelten wir. Oh, wir waren damals ein Rudel wilder Burschen, die sich durch Kühnheit behaupteten und an ihr Glück glaubten. Und vielleicht wäre ich damals ein Bandit geworden, wäre mir Kathy nicht begegnet.

Ob ich in Concho und im Concho-Land noch Freunde hatte?

2

Das Pferd im Stall war vielleicht etwas zu leicht für mein Schwergewicht doch es war ein erstklassiges und gewiss auch ausdauerndes Tier. Ich beschloss, es zu behalten. Denn es hatte Kathy gehört.

Der Stallmann war zugleich auch der Besitzer des Mietstalles. Er kannte mich noch von früher, und er machte mir keine Schwierigkeiten, als ich ihm erklärte, dass ich das Tier meiner Frau nun übernehmen würde.

Er war jedoch ziemlich wortkarg und stellte kaum irgendwelche Fragen, die über das »Na, wie geht’s denn?« und »Lange nicht gesehen, nicht wahr?« hinausgingen.

Als ich jedoch ging und er sich schon wieder dem kleinen Stallbüro zuwandte, in dem er auch seinen Schlafverschlag hatte, hielt er noch einmal inne.

»Ihre Freunde von damals …«, begann er.

Ich hielt inne und blickte über die Schulter zu ihm hinüber.

»Ja, was ist damit?«

»Hatten Sie keine Verbindung mehr mit ihnen? – Ich meine mit Tyrone Carrigan und Paco Hermosilo.«

»Nein«, sagte ich. »Und was ist mit ihnen?«

»Sie wurden große Männer zu beiden Seiten der Grenze – sehr große Männer. Mister Carrigan beherrscht das Concho-Land. Und Paco Hermosilo nennen sie drüben ’El Capitan’. Er ist drüben der große Mann und lebt wie einer der edlen Hidalgos aus der Spanierzeit. Wussten Sie das nicht, Reece Vansitter?«

Ich schüttelte den Kopf.

Dann ging ich. Aber ich war ihm dankbar. Ich wusste nun wenigstens, dass noch zwei alte und gute Freunde vorhanden waren.

Mir fielen viele Dinge wieder ein von damals aus jener Zeit, da ich mit einem wilden Rudel ritt.

Aber dann lernte ich Kathy kennen. Und da wurde alles wieder anders.

Ich grinste bei dem Gedanken, dass Tyrone Carrigan und Paco Hermosilo große Männer geworden waren, groß im Sinne von Macht, Reichtum und Ansehen.

Ich war das nicht geworden. Ich besaß nur siebenundfünfzig Dollar.

Ein Mann trat aus dem Schatten eines Baumes auf mich zu.

»Kommen Sie mit mir«, sagte der Mann. »Ich bringe Sie zu Tyrone Carrigan, an den Sie sich gewiss erinnern werden. Folgen Sie mir nur immer.«

Er ging in den Schatten zurück. Ich folgte ihm. Denn ich wollte Tyrone wahrhaftig wiedersehen. Und zugleich war da tief in meinem Kern eine vage Hoffnung, die sich zwar auf nichts begründete, aber dennoch plötzlich vorhanden war, wie eine Ahnung.

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Viel Spaß!



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