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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 24

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Durango Jim
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Kapitel 13
  16. Vorschau

Durango Jim

1

Es ist eine von den Nächten, da Jim Osborne – genannt Durango Jim – an einem glühenden Feuer allein ist, nachdem er in Deadwood eine ganze Woche lang sein Glück beim Poker und bei den Mädchen probiert hatte. Es war ein fragwürdiges Glück.

Jetzt fühlt er sich leer und ausgebrannt. Er denkt an den verrückten Revolverschwinger, der ihn herausforderte und den er gleich mit dem ersten Schuss von den Beinen holte.

Er wird es überleben, denkt Jim und fragt sich wieder einmal, ob das alles einen Sinn hat.

Doch bevor er sich eine ehrliche Antwort auf diese Frage geben kann, erinnert er sich daran, dass er Durango Jim ist, ein Revolverheld, der vor einiger Zeit nach Dakota kam, weil ihm im Süden der Boden zu heiß wurde und die Texas Ranger auf seinen Fährten waren.

Er weiß, dass er von der menschlichen Gemeinschaft gehasst wird und dass er diesen Hass mit Verachtung erwidert.

Für eine Woche fand er in Deadwood Vergessen. Und das ist es, was für ihn zählt: Vergessen!

Jetzt, allein an diesem Feuer unter den Sternen Dakotas, ist alles wieder da, und er fragt sich, wie es weitergehen soll.

Er grinst halb trotzig und halb verloren; denn er ist ein junger Bursche von fünfundzwanzig Jahren.

Mit siebzehn war er schon Soldat. Er hat das letzte grausame Kriegsjahr mitgemacht und danach die Gnadenlosigkeit eines Gefangenenlagers ertragen und überstanden.

Als er in der Ferne den Hufschlag eines Pferdes hört, lauscht er bewegungslos und mit der Erfahrung eines Burschen, der am San Juan River geboren wurde und schon mit neun Jahren eine Schrotflinte auf zwei Apachen abfeuerte, die seine Eltern ermordet hatten.

Das Pferd, dessen Hufschlag Jim hört, ist müde. Es stolpert oft. Der Reiter muss es sehr eilig haben, wenn er das Tier trotzdem antreibt. Er ist dabei, das Pferd zu ruinieren. Wenig später hält der Fremde auf dem Pfad an und späht zum Feuer herüber. Durango Jim kann es in der hellen Sternennacht erkennen. Er erhebt sich und weicht ein Stück vom Feuer fort.

»He!«, ruft der Reiter heiser und kommt die dreißig Schritte vom Pfad herübergeritten.

»Du bist das, Jim«, sagt er. »Das ist gut. Ich brauche ein gutes Pferd. Gib mir deins! Du hast doch ein Alibi für gestern Nacht, nicht wahr? Willst du mir den Gefallen tun?«

Jim denkt eine Weile über die Worte des Burschen nach. Er kennt ihn flüchtig. Sie gehörten ein paar Tage lang zu einer Mannschaft, die mit einer gestohlenen Herde nach Deadwood unterwegs war. Doch das ist schon drei Monate her.

Der Bursche heißt Jorge Graham, und er ist einer von der Sorte, die für einige Dollars alles macht – alles!

»Wer ist hinter dir her?«, will Jim wissen.

»Die Webster-Brüder. Sie wollen mir die Haut abziehen, weil sie der Meinung sind, ich hätte ihre Schwester verführt. Wenn sie mich einholen, schlagen sie mich tot. Gib mir dein Pferd, Jim! Hilf mir!«

Jim überlegt. In der Ferne vernimmt er Hufschlag – eine ganze Mannschaft scheint unterwegs zu sein.

»Wenn du mich angelogen hast, Jorge«, sagt er schleppend, »dann bist du ein toter Mann. Nimm dir mein Pferd. Aber du reitest damit nur bis zu Charly Browns Store. Dort besorgst du dir ein anderes Tier. Los, verschwinde!«

Jorge Graham stößt einen Laut aus, der wie ein heiseres Jauchzen klingt. Eine Minute später reitet er auf Jims Pinto in die Nacht. Jim Osborne bleibt bewegungslos zurück. Als der Hufschlag seines Pferdes verklingt, hört er die Verfolger.

Er grinst, denn er kennt die Webster-Brüder und deren Schwester gut genug. Er weiß genau, dass man das Webster-Mädel ganz bestimmt nicht mehr verführen kann. Ihre Brüder müssten das längst wissen, wenn sie nicht so dumm und ihrer Schwester gegenüber völlig blind wären.

Als dann die Reiter bei ihm sind, stellt er erstaunt fest, dass keiner der Webster-Brüder dabei ist. Er will nach dem Revolver greifen, doch es ist zu spät. Einer der Männer jagt auf dem galoppierenden Pferd an ihm vorbei und schlägt ihm den Lauf eines Gewehres auf den Hut.

***

Als er wieder wach wird und sich aufrichtet, begreift er, dass Jorge Graham ihn reingelegt hat.

Denn die Verfolger sind nicht Abe und Tate Webster.

Es sind Männer aus der Stadt, und es sind harte Burschen, solche, die reiten und kämpfen können. Die Stadt ist noch nicht alt. Sie mussten sie dreimal aufbauen. Zweimal wurde sie von Indianern zerstört.

Vier der Männer kennt Jim Osborne; denn er war oft genug in Belle City, das zwischen Pierre und Deadwood am Wagenweg ins Goldland nach Montana liegt.

Jim erkennt Ben Starke, den Schmied, und den Storehalter Jeff Hammer. Gordon Lee, der Saloonbesitzer, ist ein dunkler, geschmeidiger Spielertyp, doch er sitzt im Sattel wie ein Langreiter, und er war es auch, der Jim Osborne mit dem Lauf der Schrotflinte zusammenschlug. Dann ist noch Henry Mourke mit dabei, der Posthalter von Belle City, dem der Mietstall und die Futter- und Saatguthandlung gehören.

Die drei oder vier anderen Männer zählen nicht. Sie sind nur Begleiter, weil sie im Dienst der vier Großen von Belle City stehen.

Sie umgeben Jim Osborne, und sie sind ein schweigsamer Kreis.

Es geht eine unversöhnliche Härte von ihnen aus. Sie prallt gegen Jim Osborne wie ein heißer Atem. Noch bevor einer der Männer seinen Mund aufmacht, weiß er, dass er so übel in der Klemme steckt wie nie in seinem Leben.

»Was soll das?«, fragt er heiser und stöhnend. Sein Kopf schmerzt. Er steht noch etwas schwankend auf den Beinen. Aber er weiß, dass er jetzt besonders wach sein muss. Er braucht seinen ganzen Verstand.

Das spürt er genau.

Sie geben ihm nicht sofort Antwort, sondern betrachten ihn im Schein des Feuers, das sie während seiner Bewusstlosigkeit wieder zum Lodern brachten. Sie haben ihn längst entwaffnet und sich das Pferd von Jorge Graham angesehen.

Als Jim an Jorge Graham denkt, steigt eine heiße Wut in ihm auf. Die kleine Ratte hat mich reingelegt, denkt er, und ich Narr fühlte mich so großartig, dass es mir Spaß machte, ihm gegen die Webster-Brüder zu helfen. Doch …

Seine Gedanken werden von einer harten Stimme unterbrochen. Der Posthalter Henry Mourke sagt zu den anderen: »Ich denke, es ist alles klar. Wir hängen ihn an den nächsten Baum – dort drüben.«

»He«, faucht Jim Osborne, »ihr könnt mich doch nicht einfach aufhängen! Warum denn? Was soll denn der Mann, den ihr verfolgt habt und dem ich mein Pferd gab, verbrochen haben?«

Sie starren ihn an, und einer lacht spöttisch. »Jetzt will er sich herauswinden«, sagt der hagere Storehalter Jeff Hammer. »Hört ihr, er will uns weismachen, dass ein anderer Mann im Spiel ist. Aaah, diese Burschen gleichen sich alle. Sie sind großspurig und glauben an ihr Glück. Doch wenn sie am Haken sitzen, dann krümmen sie sich wie Würmer. Aber das nützt dir nichts, du Schuft. Wir können Kern Mannen nicht mehr lebendig machen. Doch wir können den Kerl, der ihn durch das Fenster mitten in unserer Pokerrunde erschoss, aufknüpfen. Nichts und niemand wird uns daran hindern. Da helfen keine Märchen. Wir kennen dich einigermaßen, du Sattelstrolch. Du bist genau der Typ, den sich Old Man Rannahan anwerben kann, um einen Kronzeugen erledigen zu lassen. Ich wette, dass er dir nicht mehr als hundert Dollar zu zahlen brauchte. Seht mal nach, ob er das Geld noch in der Tasche hat.«

Zwei der Männer treten sofort vor und durchsuchen Jims Kleidung.

Jim hält still. Sein Kopf schmerzt noch immer von dem Schlag, und er muss sich Mühe geben, um das, was die Männer sagen, zu begreifen.

Sie halten mich für einen Burschen, den jemand angeworben hat, um einen Kronzeugen erschießen zu lassen, denkt er. Und gleich werden sie die fünf Zwanzigdollarstücke bei mir finden, die ich stets als letzte Reserve aufhebe.

Er hatte es kaum gedacht, als auch schon einer der beiden Männer zufrieden brummt und verkündet: »Da sind fünf Zwanzigdollarstücke in das Taschentuch eingeknotet, Goldstücke!«

»Seht ihr«, sagt Jeff Hammer. »Habe ich es nicht gleich gesagt? Für hundert Dollar erschießt er einen braven Mann. Also, wir hängen ihn dort drüben, nicht wahr?«

Sie starren ihn an, und ihre Mitleidlosigkeit strömt wie ein kalter Hauch zu Jim herüber. Einer der Männer – er ist sonst Begleitfahrer auf den Postkutschen – sagt plötzlich: »Jetzt erkenne ich diesen Hombre. Der Bursche ist als Durango Jim bekannt. Im Süden wird er von einigen Sheriffs gesucht. Er hatte immer wieder Revolverkämpfe. Vor etwa drei Monaten gehörte er zu der Rustlermannschaft, die eine Box-4-Herde stehlen und in Deadwood verkaufen konnte. Das ist Durango Jim, ein Revolverheld und Viehdieb! Ja, es ist ziemlich sicher, dass er sich mit einem raschen Schuss hundert Dollar verdienen wollte. Er hatte nur das Pech, dass wir uns so schnell Pferde beschaffen konnten. Und wir hatten Glück, dass das Land so trocken ist, dass man noch eine ganze Weile später einer Staubfahne folgen kann, die ein Reiter hinter sich lässt. Diese Staubfahne ist …«

Jim achtet nicht länger darauf, was der Mann über die guten Eigenschaften einer Staubfahne zu sagen hat. Er überlegt vielmehr fieberhaft, wie er diese harten Männer davon überzeugen könnte, dass sie in ihm den falschen Mann erwischt haben.

Plötzlich fällt es ihm ein. »Es ist doch ganz einfach, Leute«, sagt er. »Diesem Pferd dort sieht man an, dass es länger als zwanzig Meilen hart geritten wurde. Es ist voller Schlamm, Staub und Kletten. Wäre es mein Pferd, dann müsste ich doch nicht viel anders aussehen, nicht wahr? Ich müsste erhitzt sein vom Reiten. Meine Beine müssten mit flockigem Pferdeschweiß bedeckt sein. Und …«

Er verstummt und macht eine Handbewegung, die mehr sagt als jedes weitere Wort. Es müsste den Männern doch klar sein, dass er nicht der Mann sein kann, der noch vor wenigen Minuten auf diesem abgetriebenen Pferd gesessen hat.

Das scheinen sie mit einem Mal einzusehen, und ihre Zufriedenheit darüber, dass sie ihr Wild eingeholt und gefangen haben, wandelt sich in eine böse Wut. Nun fühlen sie sich reingelegt. Sie begreifen, dass ihnen der Mörder entkam. Auch ihre Pferde sind ziemlich erledigt.

Während sie noch so stehen und versuchen, mit ihrer Enttäuschung fertig zu werden, sagt Durango Jim: »Es war Jorge Graham. Er erzählte mir, dass die Webster-Brüder hinter ihm her seien, um ihn wegen ihrer Schwester zu verprügeln. Jorge Graham hat mich reingelegt. Ich habe ihm geglaubt, aber er … Gebt mir eine Chance. Ich hole ihn und bringe ihn nach Belle City. Ich gebe euch mein Wort.«

Als er verstummt, starren sie ihn an.

»Auf dein Wort, du Sattelstrolch, pfeifen wir«, sagt Henry Mourke. »Kerle von deiner Sorte sollte man wie Ungeziefer vertilgen. Wo kämen wir denn hin, wenn wir eurem Wort vertrauen würden?«

Er wendet sich in die Runde.

»Ich sage, dass er wegen Beihilfe zum Mord schuldig ist. Er hat einem Mörder ein frisches Pferd gegeben. Kern Mannen, den wir zum Geschäftsführer unserer Belle-City-Bank gewählt hatten, war ein guter Mann, für den wir kaum Ersatz finden. Ich meine, dass wir auch dem Helfer seines Mörders keine Chance geben sollten. Wer ist dagegen?«

Er blickt fragend in die Runde.

Niemand ist dagegen. Alle sind sich einig. Sie hatten einen heimtückischen Mörder verfolgt. Als sie erkannten, dass er ihnen entkommen war, wurden sie bösartig und wütend.

Nun glauben sie ein gutes Werk zu tun, wenn sie Jim Osborne hängen. Wenn sie schon nicht den Mörder selbst bekommen können, dann wollen sie zumindest diesen Burschen dort. Dann kämen sie sich nicht ganz so erfolglos vor, und ihr harter Ritt hätte sich doch noch gelohnt.

»Also gut, bringt ihn hinüber zu den Bäumen!«

Der Posthalter und Mietstallbesitzer Henry Mourke hat das Kommando übernommen.

Jim Osborne spannt seinen zähen Körper an. Er will mit allen Mitteln um sein Leben kämpfen. Vielleicht kann er einige der Männer zur Seite schlagen und sich den Weg bis zu den Pferden freikämpfen. Dann säße er blitzschnell mit einem Comanchensprung im Sattel und vielleicht würden ihn ihre Kugeln nicht erreichen.

Während er verstohlen nach den Pferden blickt, sieht er, dass sie nicht mehr allein sind.

Es ist noch ein Reiter da. Er muss das letzte Stück im Schritt gekommen sein und die wartenden Pferde als Deckung benutzt haben. Jetzt hält er hinter den Tieren und blickt herüber. Im Sternenlicht und im Feuerschein kann er gewiss alles gut beobachten, und wenn seine Ohren auch nur einigermaßen normal sind, muss er jedes Wort verstanden haben.

Als er sich etwas bewegt, sieht Durango Jim auf seiner Weste einen Stern im Widerschein des Feuers blinken.

Es ist der Sheriff Bill Clanton.

Das Land hat noch nicht lange einen Sheriff. Früher kamen nur dann und wann Deputies her – aber sie verschwanden stets schneller, als sie gekommen waren. Bill Clanton ist der erste richtige Sheriff. Sein Office ist in Belle City. Jim Osborne begegnete ihm nur einige Male, denn er hat es sich angewöhnt, um Gesetzesvertreter einen Bogen zu machen.

Dennoch erkennt er ihn sofort an der typischen Haltung im Sattel. Jim Osborne erkennt jeden Menschen wieder, den er einmal sah.

Seit Henry Mourkes Kommando sind erst wenige Sekunden vergangen. Und fast im gleichen Moment, da Jim den Sheriff erblickt, klingt dessen trockene Stimme herüber. »Daraus wird nichts, Henry Mourke – keine Lynchpartie!«

Sie blicken sich um. Jemand tritt vor und scheucht die Sattelpferde zur Seite, die viel zu müde zum Fortlaufen sind. Außerdem hängen ihre Zügel zu Boden, und jedes einigermaßen gute Sattelpferd ist darauf abgerichtet, auf dem Fleck zu verharren, wenn die Zügel am Boden liegen. Es gibt nicht immer eine Gelegenheit zum Festbinden. Gerade im Rinderland muss sich ein Reiter darauf verlassen können, dass sein Pferd ausharrt.

Der Sheriff kommt durch die Lücke geritten und verhält vor den Männern, die ihn missmutig anstarren. Bill Clanton ist nur mittelgroß und schon etwas grau. Er ist hager, lederhäutig und erinnert an einen erfahrenen, schon etwas zerzausten Jagdfalken.

Von ihm geht eine selbstsichere Ruhe aus.

»Warum konntest du nicht ein paar Minuten später kommen, Bill«, sagt Henry Mourke bitter. »Hast du alles gehört?«

Der Sheriff nickt und betrachtet Jim Osborne, der den Blick fest erwidert.

»Es könnte als Beihilfe zum Mord ausgelegt werden«, murmelt der Sheriff. »Und wenn Sie auch noch steckbrieflich gesucht werden, mein Junge, dann kennt der Countyrichter keine Gnade.«

Jim Osborne sieht ihn immer noch an.

»Ich wurde reingelegt«, wiederholt er. »Auch hinter mir waren die Webster-Brüder her. Ihre Schwester macht jedem Burschen schöne Augen, und es ist leicht, an sie heranzukommen. Doch ihre Brüder wollen es nie wahrhaben. Ich glaubte Jorge Graham in der gleichen Klemme und half ihm. Natürlich sieht es wie Beihilfe zum Mord aus, wenn er jemanden erschossen hat. Ich hörte schon, dass es Kern Mannen war, der die Belle-City-Bank leitet. Mitten aus einer Pokerrunde soll man ihn her­ausgeschossen haben. Das ist nicht mein Stil, Sheriff. Ich schieße nicht aus dem Hinterhalt auf einen Mann, der mir nichts getan hat und der ahnungslos Poker spielt. Der Countyrichter wird eine andere Meinung von mir bekommen, wenn ich diesen Jorge Graham einfange und an den Ohren nach Belle City bringe, Sheriff. Bekomme ich diese Chance?«

Der Sheriff brummt, sitzt ab und tritt vor Jim Osborne hin. Er dreht ihn etwas herum, so dass Osbornes hageres Gesicht vom Feuer besser angeleuchtet wird.

»Und warum sollte ich dir diese Chance geben?«, fragt der Sheriff.

Jim wischt sich über das schweißnasse Gesicht. »Dorthin, wo Jorge Graham jetzt reitet, kann ihm kein Mensch unbemerkt folgen. Das Nachrichtensystem in diesem Land funktioniert gut. Niemand von euch kommt jetzt noch an Jorge Graham heran. Nur ich! Und ich hole ihn mir. Er hat mich reingelegt. Ich habe ihn gewarnt und ihm gesagt, dass er ein toter Mann wäre, wenn etwas nicht stimmen sollte. Er hat mich reingelegt. Lasst mir die Chance!«

»Nein!«, ruft Henry Mourke barsch. »Sie lügen alle, diese Sattelstrolche und Revolverschwinger!«

»Er glaubt, wir wären dumm«, brummt Ben Starke, der bullige Schmied.

»Ja, das glaubt er wirklich«, knurrt auch Jeff Hammer. »Wir sollten ihn schon deshalb aufknüpfen, weil er so frech ist und glaubt, mit so einem Trick davonzukommen. Sheriff, reiten Sie weiter! Sie haben nichts gesehen. Wir machen das hier schon.«

Aber der Sheriff beachtet ihn gar nicht. Bill Clanton sieht immer noch in Jim Osbornes Augen. Osborne ist dunkel wie ein Indianer, doch seine Augen sind blau. Auf seiner Nase sind ein paar Sommersprossen. Er hält dem Blick des Sheriffs stand – und es ist, als hielten diese beiden so verschiedenen Männer eine stumme Zwiesprache.

Plötzlich nickt der Sheriff und sagt: »All right, Junge! Du kannst es versuchen. Nimm das Pferd und mach dich auf die Socken.«

»Bist du verrückt, Sheriff?«, fragt Henry Mourke scharf.

Der Sheriff grinst. »Ich habe meinen eigenen Stil«, sagt er. »Und ich bin euch nicht verantwortlich. Ihr habt mich nicht gewählt, sondern ich wurde vom Gouverneur eingesetzt, weil niemand in diesem Land Steuern bezahlen will. Also, reitet heim nach Belle City. Los!«

Sie starren ihn böse an. Jetzt sind sie seine Gegner, nachdem sie ihn die wenigen Wochen seiner Amtszeit nur beobachtet hatten. Es hätte an ihm gelegen, ihnen Entgegenkommen zu zeigen. Dann hätte er sie auf seiner Seite gehabt, sie, die mächtigsten Männer der Stadt. Aber er verhindert ihre Lynchpartie und schickt sie nach Hause wie dumme Jungen. Er will sie nicht einmal als Gehilfen oder als Aufgebot bei sich haben.

Und er traut einem Sattelstrolch mehr als ihnen.

Das trifft ihren Stolz.

Gordon Lee, der Saloonbesitzer und Ex-Spieler, der Jim mit der Schrotflinte auf den Kopf schlug, sagt hart: »Das werden Sie zu verantworten haben, Bill.«

Es klingt wie eine Drohung.

Der Sheriff sagt nichts. Er sieht Gordon Lee nur an.

Dieser wendet sich ab und geht zu seinem Pferd. Er ruft den Mann zu sich, der in seinem Saloon als Rauswerfer arbeitet.

Auch die anderen Männer folgen.

Sie fluchen oder stoßen Drohungen aus. Sie geben unmissverständlich bekannt, was sie tun werden, wenn der Sheriff nicht binnen drei Tagen den Mörder Kern Mannens nach Belle City bringen sollte.

»Dann kann der Gouverneur gleich einen neuen Sheriff schicken«, erklärt Henry Mourke beim Abreiten.

2

Als sich der Hufschlag ihrer Pferde entfernt, atmet Jim Osborne erleichtert auf. »Danke, Sheriff! Das war knapp.«

Bill Clanton wirft Jim schweigend den Revolver zu, den er von einem der Männer bekommen hatte. Es ist Jims Colt; er fängt die Waffe mit einem blitzschnellen Griff.

Bevor er den Colt in die Halfter schiebt, untersucht er ihn.

Der grauköpfige Sheriff betrachtet ihn immer noch, und als Jim Osborne diesem Blick nochmals begegnet, ist abermals ein stummes Einverständnis zwischen den beiden Männern.

»Aber eines wüsste ich gerne noch, Sheriff«, murmelt Jim Osborne. »Jorge Graham soll durch ein Fenster auf Kern Mannen geschossen haben, der mitten in einer Pokerrunde saß. Warum hat er es getan? Ich hörte vorhin einige Andeutungen. Können Sie es mir genau erklären?«

Der Sheriff lächelt.

»Kern Mannen«, sagt er, »war geschäftlich in Pierre und kam mit der Nachtpost zurück. Er brachte Geld für die Belle-City-Bank mit, um weitere Kredite geben zu können. Die Postkutsche wurde überfallen. Man schoss den Fahrer vom Bock, als dieser nicht anhalten wollte. Die Banditen waren zwar maskiert, doch einem der Reiter rutschte dann das Halstuch vom Gesicht. Kern Mannen konnte ihn genau erkennen. Es soll Ike Rannahan gewesen sein. Kern Mannen war bereit, das vor Gericht zu beschwören. Ich habe Ike Rannahan im Gefängnis. Weil jetzt der einzige Zeuge tot ist, kann keine Jury Ike Rannahan schuldig sprechen. Ike Rannahan ist so gut wie ein freier Mann. Denn der einzige Zeuge ist tot. Wir wussten, dass Kern Mannen in Gefahr war. Deshalb wurde er nicht allein gelassen. Bis zum Eintreffen des Richters sollte er immer von einer Leibwache beschützt werden. Sie spielten Poker. Aber jemand zerschlug die Scheibe des Seitenfensters von Gordon Lees Saloon und erschoss ihn. Es war wahrscheinlich Jorge Graham. Das ist alles, mein Junge. Dein Name ist Durango Jim? Wie sonst noch?«

»Jim Osborne.«

»Du wirst steckbrieflich gesucht?«

»Nicht steckbrieflich, Sheriff. Ich musste wegen einiger Revolverkämpfe mit Angehörigen einflussreicher Familien aus Texas verschwinden. Diese Burschen haben die Zeugen stets auf ihrer Seite. Ich bin nicht derjenige, der zuerst zum Colt greift. Ich lasse jedem Narren …«

»Oh, ich weiß es schon«, unterbricht ihn der Sheriff. »Du gehörst zu der stolzen Sorte, die zwar jedem auf die Zehen tritt, doch nie zuerst nach der Waffe greift. Aaah, wir wollen dieses Thema nicht länger erörtern. Ich will Jorge Graham haben, und ich weiß genau, dass er sich jetzt dorthin verkriecht, wo ich nicht an ihn herankomme. Ich bin noch nicht lange genug in diesem Land. Also los, hol ihn mir! Das ist unser Vertrag, nicht wahr?«

Durango Jim nickt.

Er macht ein paar Schritte zu Jorge Grahams abgetriebenem Pferd. Doch dann bleibt er stehen und blickt über die Schulter.

»Warum vertrauen Sie mir, Sheriff?«, fragt er ernst. »Die Männer vorhin, die trauten mir nicht. Sie wollten mich hängen. Warum trauen Sie mir?«

Wieder grinst der Sheriff.

»Ich habe dich angesehen, mein Junge«, murmelt er. »Ich konnte in dir lesen wie in einem Buch. Ich war auch mal so wie du. Vielleicht kann ich dich deshalb besonders gut verstehen. Er hat dich wirklich reingelegt, dieser Jorge Graham. Das glaube ich. Und du bist nicht der Bursche, den man ungestraft reinlegen kann. Außerdem muss ich meine Chips auf dich setzen, weil ich an Jorge Graham nicht herankomme. Man muss manchmal etwas riskieren, wenn man etwas erreichen will. Viel Glück!«

Jim Osborne tritt zu dem Pferd und nimmt ihm den Sattel ab. Er benutzt die Satteldecke, um das Tier abzureiben. Der Sheriff hockt sich am Feuer nieder, kocht Kaffee und sieht zu.

Sie sprechen kein Wort mehr. Etwa eine halbe Stunde später reitet Jim Osborne langsam in die Nacht.

Als der Hufschlag verklungen ist, löscht der Sheriff das Feuer und sitzt ebenfalls auf.

Doch er reitet nicht nach Belle City, er folgt Jim Osborne, und er folgt ihm mit der hundertfach erprobten Erfahrung eines Jägers, der bisher noch immer sein Wild erwischte.

Ein alter Jagdfalke wie dieser Sheriff verlässt sich nicht nur auf Jim Osborne. Er lässt sich nur von diesem dorthin führen, wo Jorge Graham wahrscheinlich zu finden ist.

Dieser neue Sheriff hat schnell begriffen, dass Durango Jim all die geheimen Pfade, die verborgenen Siedlungen und Camps kennt, in denen sich Menschen, die außerhalb des Gesetzes und der menschlichen Gemeinschaft leben, die auf der Flucht sind und sich verbergen müssen, aufhalten.

Nun erst wird richtig klar, warum der Sheriff Jim Osborne reiten ließ.

Die Männer aus Belle City, die vorhin so unzufrieden waren, sie wären jetzt gewiss zufriedener mit Bill Clanton.

***

Das Pferd wurde von Jorge Graham fast ruiniert. Die kurze Ruhepause und das Abreiben mit der Satteldecke haben dem Tier nur wenig helfen können.

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