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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 23

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Colorado
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Vorschau

Colorado

1

Das Unheil für die Kingsleys beginnt am 17. Juli des Jahres 1866 in einem der schönen Täler der Santa Catalinas westlich des San Pedro.

Als Jim Kingsley noch vor Sonnenaufgang aus seiner Hütte tritt und in die Runde wittert, da wird er sich wieder einmal mehr darüber klar, dass es ein großes Wagnis war, sich hier mit seiner Familie niederzulassen.

Denn dies hier ist Apachenland.

Vielleicht war es sogar verantwortungslos von ihm.

Er wittert also vor der Hüttentür in die Runde und lauscht dabei auf seinen Instinkt. Und plötzlich weiß er, was heute an diesem noch grauen Morgen anders ist. Eins der Tiere fehlt im Corral.

Es ist der rote Hengst, den er selbst mit dem Wurfseil fing, zuritt und zähmte. Red sollte der Stammvater einer erstklassigen Pferdezucht werden.

Doch in den Corrals sind nur noch die zwölf prächtigen Stuten.

Der Hengst ist weg.

Jim Kingsley greift hinter sich ins Innere der Hütte hinein und bringt ein Gewehr zum Vorschein. Er legt mit dem Daumen den Hahn zurück, wodurch sich der Verschluss des Rollblockgewehrs öffnet. Als er sieht, dass eine Patrone im Lauf ist, grinst er hart, denn nun genügt ein Daumendruck auf den Rollblock, um das Gewehr feuerbereit zu machen.

Es ist ein gutes Gewehr. Im Jahr 1867 – also nur ein Jahr später, als diese Geschichte hier spielt – wird man das Remington-Rollblock-Gewehr in Paris als beste Büchse der Welt prämieren.

Und Jim Kingsley hat solch ein Ding. Er brachte es aus dem Krieg mit, wo es im letzten Kriegsjahr in seine Hände geriet. Es gehörte einem Unions-Sergeanten, der als Scharfschütze schon ein halbes Dutzend von Kingsleys Männern abgeschossen hatte. Jim Kingsley griff ihn in der Abenddämmerung mit dem Colt an, und er bewegte sich zu schnell für den Scharfschützen.

Es ist ein wirklich gutes Gewehr, gewiss so gut wie Jims Colt.

Nun bewegt er sich leicht und geduckt zum Corral hinüber. Er ist ein großer, hagerer Mann, an dem kein Gramm überflüssiges Fleisch ist und der dennoch fast zweihundert Pfund wiegt.

Er bewegt sich leicht wie ein Apache und folgt der Hufspur des Hengstes etwa drei Steinwurfweiten. Dann kehrt er zurück. Noch ist er barfüßig und trägt nur rotes Armeeunterzeug. Als er die Hüttentür erreicht, erwartet ihn seine Frau Laura im Nachthemd.

Sie sieht ihn nur fragend an.

»Der Hengst ist weg«, sagt er zu ihr.

Sie betrachten sich ernst.

Wie immer, wenn er sie ansieht, wird er sich bewusst, wie sehr das Schicksal ihn mit dieser Frau beschenkte. Und indes er im Krieg war, wartete sie auf seine Heimkehr und zog die beiden Kinder auf. Eine Baumwollplantage besaßen sie damals in Texas. Aber die Steuereintreiber der Yankees sorgten dann für eine Versteigerung. Und ein reicher Yankee bekam die Plantage für einen Betrag, der nur einen Bruchteil des Wertes ausmachte.

Doch so ging es vielen Texanern. Die Besatzungsmacht kannte keine Gnade gegen den besiegten Süden.

»Und du willst den Hengst wiederhaben?«, fragt Laura.

Sie ist eine Frau mit weizengelben Haaren und grünen Augen. Und sie liebt diesen Jim Kingsley, wie eine Frau einen Mann nur lieben kann.

»Der Hengst ist für uns die große Chance zu einem Neuanfang«, murmelt er. »Und ich will den Kerl haben, der ihn uns gestohlen hat. Er muss ein ganz besonders erfahrener Pferdedieb sein. Nur von solch einem Künstler hätte sich der Hengst ohne Lärm aus dem Corral holen lassen.«

»Ein Apache?« So fragt sie ernst.

»Nein«, erwidert er. »Eher ein Mexikaner. Ich bringe den Hengst zurück.«

Sie lässt ihn an sich vorbei. Dann hilft sie ihm einiges Zeug in die Satteltaschen zu packen, kocht Kaffee und brät ihm einige Eier mit Speck, indes er seinen narbigen Kriegswallach sattelt.

Er nimmt sie dann noch einmal in seine Arme und spricht nach einem langen Kuss: »Ich komme wieder. Verlasse dich darauf.«

»Sicher, Jim«, erwidert sie ruhig.

Dann sieht sie ihm lange nach, bis er verschwunden ist.

Nachdem sie die Hüttentür geschlossen hat, überzeugt sie sich, ob die doppelläufige Schrotflinte geladen ist.

Dann weckt sie die Kinder, die oben unter dem Hüttendach schlafen. Eine Leiter führt zu ihnen hinauf.

»Little-Jim! Jessica! Aufstehen! Es gibt Frühstück! Und wir haben heute eine Menge Arbeit!«

Sie kommen wenig später die Leiter herunter. Beide sind sie so weizenblond wie Laura. Und beide haben sie ihre grünen Augen.

Jim, ihr Vater, ist dunkelhaarig und grauäugig. Ihre Schönheit haben sie von ihrer Mutter, die ihnen jeden Tag auch zwei Stunden Schulunterricht gibt.

Denn früher einmal, da war Laura Kingsley, geborene Lane, Lehrerin.

Natürlich fragen die Kinder beim Frühstück auch nach dem Vater.

Little-Jim ist acht und Jessica ist sieben Jahre alt, zu alt und verständig also, um sie anlügen zu können.

Und so sagt ihnen Laura beim Frühstück die Wahrheit.

Dann aber, indes der Tag vergeht, sehen sie alle immer wieder in die Richtung, aus der Jim Kingsley mit dem Hengst zurückkommen müsste.

Doch er kommt nicht.

Drei Tage und drei Nächte vergehen.

Und so beginnt Laura Kingsley darüber nachzudenken, was sie mit ihren beiden Kindern tun soll, wenn Jim verschollen bleibt irgendwo dort draußen im Apachenland.

Manchmal möchte sie weinen.

Doch noch hofft sie mit ihren Kindern.

***

Es ist in der vierten Nacht. Wie immer in den vergangenen Nächten schläft sie nicht fest, wird ständig halb wach und lauscht auf all die Geräusche dort draußen in der hellen Arizonanacht.

Am Himmel jagen die Nachtfalken. Sie kann deren Pfiffe hören. Und von den Hügeln, die das Tal der Kingsleys einschließen, heulen die Coyoten. Doch dann vernimmt sie ein anderes Geräusch.

Es ist das Keuchen eines Menschen, der sich mit letzter Kraft bewegt und immer wieder stolpert, fällt und dennoch wieder stöhnend auf die Füße kommt. Sie erhebt sich vom Lager, auf dem sie nun schon die vierte Nacht alleine liegt und auf Jims Rückkehr wartet.

Die Frage in ihr ist voller Hoffnung und Sorge zugleich: Ist es Jim?

Ja, diese Frage ist wie ein Schrei in ihren Gedanken.

Als sie wenige Sekunden später durch das kleine Fenster sieht, da kann sie trotz der hellen Nacht nur eine Gestalt erkennen, die vor dem großen Corral am Boden liegt und offenbar vor Schwäche zusammengebrochen ist.

Also kann es nicht Jim sein. Denn Jim hätte an die Tür geklopft oder zumindest gerufen.

Laura kann ein Seufzen nicht unterdrücken.

Es ist nicht Jim, denkt sie. Es muss ein Apache sein. Ja, ich denke, es ist ein Apache, der sich mit letzter Kraft herschleppte und sich eins der Pferde holen wollte – ein Apache auf der Flucht, wahrscheinlich angeschossen oder krank.

Als sie dies gedacht hat, da wird sie sich darüber klar, dass sie etwas unternehmen muss.

Sie kamen hierher und wollten mit den Apachen in Frieden leben, so dieses nur möglich war. Manchmal kamen auch Apachen zum kleinen See, an den sie ihre Hütte und die Corrals bauten. Die Roten tränkten dann ihre Pferde und erfrischten sich auch selbst. Aber es wurden bisher niemals Worte gewechselt oder sonst wie ein Kontakt hergestellt.

Dennoch schien es so, als würden sie von den Apachen geduldet.

Sie weiß, wenn sie den Apachen dort ohne Hilfe lässt, dann wird man ihnen das übel nehmen.

Sie muss hin zu ihm.

Und so entschließt sie sich, nimmt die Schrotflinte und verlässt die Hütte.

Als sie die zusammengebrochene Gestalt erreicht, da sieht sie, dass es ein Apache ist, der ein rotes Stirnband trägt.

Er trägt ein rotes Flanellhemd und darüber die abgerissene Jacke eines Unionskavalleristen mit Messingknöpfen.

Und auf seiner Brust ist alles blutgetränkt, aber schon getrocknet.

Sie kniet nun bei ihm und weiß nicht, was sie nun tun soll.

Verdammt, denkt sie, Jim ist nun schon fast vier Tage weg – und hier liegt ein schwer angeschossener Apache. Was soll ich tun?

Sie denkt auch an ihre beiden Kinder, die gewiss noch voller Unschuld und Arglosigkeit auf dem Speicher schlafen und noch nicht viel wissen von der Härte und Gnadenlosigkeit der Welt.

Was soll sie tun?

Als sie sich das wieder fragt mit ihren jagenden Gedanken, da öffnet der Apache seine Augen.

Im Licht der Gestirne sehen sie sich einige Sekunden lang schweigend an.

Dann flüstert der Apache mühsam in spanischer Sprache: »Señora, holen Sie mir die Kugel heraus. Sie hat es nicht geschafft, im Rücken wieder herauszukommen. Sie werden mir den Rücken etwas aufschneiden müssen, Señora. Ich kenne Sie noch nicht, doch ich hörte schon von Ihnen und Ihren Kindern. Helfen Sie mir.«

Sie staunt ein wenig. Denn seine Ausdrucksweise ist die eines gebildeten Menschen, der eine Schule besuchte – und dies gewiss nicht nur wenige Jahre.

Aber sie weiß, dass die Jesuitenpadres damals viele Missionsschulen errichteten und den Apachenkindern Unterricht gaben.

Sie hört sich sagen: »Sicher, Hombre, ich werde Ihnen helfen. Das verlangt schon meine Christenpflicht. Alle Menschen auf dieser Erde sollten sich gegenseitig helfen in der Not. Ich muss Sie in unsere Hütte schaffen, Hombre. Ich will Ihnen auf die Beine helfen.«

Sie legt die Schrotflinte zu Boden und fasst zu, und sie ist eine kräftige, mehr als nur mittelgroße Frau.

Irgendwie schaffen sie es beide. Er ist für einen Apachen – diese sind ja allgemein gedrungen von Wuchs – sehr groß. Doch er muss schon lange angeschossen auf der Flucht sein. Und er kann sich ohne ihre Hilfe gewiss nicht mehr auf den Beinen halten.

Als sie ihm in der Hütte auf das Lager hilft, da rollt er sich mit letzter Kraft auf den Bauch und flüstert: »Die Kugel muss im Rücken …«

Aber dann verliert er das Bewusstsein.

Sie starrt einige Sekunden auf ihn nieder.

Dann lauscht sie nach oben. Doch ihre beiden Kinder schlafen noch fest. Sie kann deren Atemzüge hören.

Sie zündet die Öllampe an.

Und dann macht sie sich an die Arbeit.

Zuerst schneidet sie die Kleidung des Apachen auf. Im Lampenschein betrachtet sie seinen Rücken. Er ist voller Narben, so als wäre er vor Jahren mal mit einer Maultiertreiberpeitsche bearbeitet worden.

Doch dann kann sie die Stelle erkennen, wo die Kugel stecken geblieben ist. Wenn sie herausgekommen wäre, hätte sie ein faustgroßes Loch gerissen. Doch so viel Kraft steckte nicht mehr hinter ihr. Vielleicht war sie aus sehr großer Entfernung abgefeuert worden.

Laura seufzt erleichtert und betastet die Stelle. Ja, sie kann die Kugel fühlen. Es wird nicht schwer sein, sie herauszuschneiden.

Und dann?

Diese Frage stellt sie sich scharf und erschreckt zugleich.

Ja, was wird dann sein?

Sie macht sich an die Arbeit. Nur manchmal hält sie inne und lauscht nach oben.

Doch die beiden Kinder schlafen fest. Sie haben einen langen Tag hinter sich, waren ständig in Bewegung. Sie wird die Kinder diesmal am Morgen nicht wecken wie immer, sondern schlafen lassen, bis sie von selbst aufwachen.

Und sie wird ihnen eine Menge erklären müssen.

Indes sie ihm die Stelle über der Kugel aufschneidet und dann die Kugel mit der Messerspitze heraushebelt, die Blutung stillt und die Wunde mit Brandy desinfiziert, jagen sich ihre Gedanken.

Was würde sein, wenn Verfolger des Apachen kämen?

Und was für Verfolger würden es sein, Soldaten oder Skalpjäger?

Ja, es gibt Skalpjäger in diesem Land, denn einige Städte zu beiden Seiten der Grenze zahlen Prämien für Apachenskalpe, auch die Stadt Ducson zum Beispiel, die ja etwa hundert Meilen von dem Tal der Kingsleys entfernt ist, was in diesem Land einen Dreitagesritt bedeutet, will man sein Pferd nicht zuschanden reiten.

Soldaten oder Skalpjäger, das ist die Frage.

Oder wer sonst noch?

Sie ist nun fertig mit ihrem Samariterdienst.

Noch einmal überlegt sie und begreift, dass sie den Apachen niemals ausliefern darf, sondern vor allen Verfolgern – wer diese auch sein mögen – beschützen muss.

Denn weder die Armee noch sonst jemand könnten sie und ihre Familie hier vor der Rache der Apachen beschützen.

Und so geht sie hinaus in den jetzt grauen Morgen, um die Spuren beim Corral zu verwischen. Denn dort, wo der Apache lag, nachdem er zusammenbrach, und sie ihm dann auf die Füße half, da sind deutliche Spuren im Staub. Man würde mühelos erkennen können, dass sie ihn in die Hütte schaffte. Und so verwischt sie alles.

Dann holt sie eines der Pferde aus dem Corral und jagt es nach Süden hin davon. Es ist keine der zwölf Zuchtstuten, sondern ein einstiges Wildpferd, ein Mustang, von denen einige mit dem Hengst gefangen wurden, weil sie bei ihm blieben.

Sie lauscht auf den sich entfernenden Hufschlag. Nun hat sie alles getan.

Und sie denkt: Die Apachen müssen es mir danken. Ich musste so handeln für uns alle hier. Wenn nur Jim wieder zurückkäme …

2

Als die Kinder am späten Morgen die Leiter heruntergeklettert sind, da glauben sie zuerst, dass ihr Vater heimgekommen wäre. Denn wer sonst könnte ihrer Meinung nach auf dem Lager der Eltern liegen?

Laura nimmt die Kinder in der Kochecke rechts und links in die Arme und erklärt ihnen alles, schließt dann mit den Worten: »Es ist für uns nicht nur Christenpflicht, einem Menschen in der Not zu helfen. Es geht auch darum, uns die Apachen nicht zu Feinden zu machen. Wir müssen hier in unserer Welt mit ihnen in Frieden leben. Also dürfen wir diesen Apachen nicht verraten. Habt ihr das verstanden, meine Engel?«

Sie nicken beide heftig. Little-Jim spricht dann fast feierlich: »Mach dir nur keine Sorgen, Mom. Wir sind schon fast erwachsen und begreifen alles. Aber besser wäre es, wenn Dad endlich mit dem Hengst zurück wäre.«

Sie nickt nun ebenfalls heftig. Und sie muss sich mit aller Kraft beherrschen. Denn ihre Angst um Jim könnte nicht größer sein. Ihre Kinder hoffen noch. Sie können sich einfach nicht vorstellen, dass ihrem großen und starken Vater etwas zugestoßen sein könnte.

Aber Laura hat jetzt die Hoffnung fast völlig aufgegeben.

Jim hätte sie mit den Kindern niemals so lange in diesem Land allein gelassen.

Es muss ihm etwas zugestoßen sein.

Aber das kann sie den Kleinen nicht sagen. Sie kann nur hoffen, dass Jim, wenn er irgendwo in Not geriete, ebensolche Hilfe fand wie der Apache, der jetzt auf Jims Lager liegt …

Sie verrichten an diesem Vormittag ihre Arbeiten wie immer, versorgen die Pferde im Corral und in der Weidekoppel, melken die Milchkuh, machen von der Hälfte der gemolkenen Milch Butter und kümmern sich um den Gemüsegarten.

Als sie unter dem vorgebauten Dach der Hütte beim Mittagessen sitzen und immer wieder nach Süden blicken, weil von dort Jim Kingsley, Lauras Mann und der Vater ihrer Kinder, kommen müsste, da vernehmen sie Hufschlag, der sich von Norden nähert.

Sie sehen wenig später drei Reiter auf der Fährte des Apachen kommen. Es sind Zivilisten, keine Soldaten, und als sie nahe genug sind, da erkennt Laura, dass es schon äußerlich ziemlich üble Pilger sind.

Sie sind ziemlich abgerissen, wirken verwildert. Ihr Anblick lässt an drei hungrige Wölfe denken, die nach Beute suchen, angetrieben von ihren wilden Instinkten.

Wenig später kommen sie vor die Hütte geritten und halten an.

Alle drei tragen sie Federn an den schmierigen Hüten, und auch sonst wirken sie schmierig in ihrer Lederkleidung, an der sie offensichtlich auch stets ihre fettigen Hände abwischen.

Zwischen ihrem Bartgestrüpp zeigen sie grinsend schlechte Zähne.

Einer sagt aggressiv: »Da kommen wir wohl gerade richtig zum Mittagessen, schöne Schwester, nicht wahr?«

»Nein«, erwidert sie herbe. »Es ist nichts mehr da. Wir haben alles aufgegessen. Reitet weiter.«

»Heee«, machen sie dreistimmig, und nun wirken sie richtig böse.

»Wo ist denn Ihr Mann?« So fragt einer. In seiner Stimme ist eine hinterhältige und falsche Freundlichkeit.

»Der muss jeden Moment zurück sein«, erwidert sie. »In der vergangenen Nacht hat jemand ein Pferd aus unserem Corral geholt. Mein Mann ist hinter ihm her. Er kommt gewiss bald zurück. Sonst noch etwas, Gentlemen?«

Ihr letztes Wort klingt ganz in Gegensatz zu seiner Bedeutung verächtlich. Ja, sie lässt diese drei Besucher spüren, dass diese hier nicht willkommen sind, besonders deshalb nicht, weil ja der Hausherr nicht zugegen ist.

Wieder lachen sie.

Dann sitzt einer von ihnen ab und geht zu den Corrals hinüber, sucht dort am Boden umher nach irgendwelchen Spuren.

Als er zurückkommt, nickt er den anderen zu. »Ja, er war hier. Es führt eine Hufspur weiter nach Süden. Er hat sich ein Pferd verschafft – ein frisches Tier. Ich denke, dass auch wir unsere Tiere tauschen sollten. Nicht wahr, Ma’am, damit sind Sie doch einverstanden? Wir jagen einen verdammten Apachen. Zwei von uns hat er erledigt. Doch er wurde angeschossen. Auch sein Pferd. Wir wollen seinen Skalp, denn es handelt sich um einen besonderen Skalp, der tausend Dollar wert ist. Also, wir nehmen uns frische Pferde, Ma’am, basta!«

Auch die beiden anderen Kerle sitzen nun ab.

Laura Kingsley aber sagt: »Sitzt auf und reitet weiter! – Hier gibt es keine frischen Pferde. Hier gibt es nichts. Basta!«

Auch sie spricht das letzte Wort mit besonderem Nachdruck.

Nun staunen die drei Kerle.

Dann spricht einer böse: »He, Süße, wir sind Skalpjäger. Wir erledigen für euch Siedler, Rancher oder Farmer die Drecksarbeit. Wir befreien euch von den verdammten Apachen. Wir machen das Land für euch frei. Also können wir doch wohl auch eine Unterstützung erwarten – oder?«

»Nicht hier«, erwidert sie. »Denn wir wollen hier in Frieden mit den Apachen leben. Reitet weiter!«

»Das werden wir nicht.« Der Sprecher lacht kehlig. »Wir nehmen uns, was wir brauchen. Und vielleicht sollten wir auch dich nacheinander vernaschen, Süße. Du bist uns ein wenig zu stolz und abweisend. Das mögen wir nicht. Das ist beleidigend für uns, weil wir doch für euch ein gutes Werk verrichten. Zwei von uns hat das schon das Leben gekostet. Deshalb nehmen wir keine Verachtung hin. Wir werden dich einbrechen wie eine Wildstute, verstehst du, Süße.«

Sie wendet sich an ihre beiden Kinder. »Geht hinein! – Schnell, geht in die Hütte! Los!«

Little Jim und Jessica gehorchen.

Laura folgt ihnen rückwärtsgehend. Und sie will nach der Schrotflinte greifen, die innen gleich neben dem Türpfosten an der Hüttenwand lehnt.

Doch sie schafft es nicht mehr.

Einer der Kerle hatte beim Absitzen die zusammengerollte Maultiertreiberpeitsche vom Sattelhorn genommen.

Nun kommt die lange, geflochtene Lederschnur wie eine dünne Schlange und wickelt sich um Lauras Fußknöchel, die nur eine Handbreit unter dem Rock mit den Schuhen zu sehen sind.

Sie stürzt rückwärts und fällt mit den Schultern auf die Türschwelle.

Die drei Kerle aber stehen grinsend bei ihr und blicken auf sie nieder.

»Nun, Süße«, spricht ihr Sprecher, »ich wette, es wird dir gefallen. Denn wahrscheinlich ist dein Mann nicht so gut wie wir.«

Sie grinsen auf sie nieder. Und nun ist endgültig klar, dass sie drei Dreckskerle sind, nicht nur Skalpjäger, also Mörder, sondern auch Kerle, denen so sehr viel fehlt, dass sie sich ihrer Mängel gar nicht bewusst sind.

Laura aber liegt bewegungslos am Boden, spürt die Türschwelle unter ihren Schulterblättern und denkt: Das Schicksal ist gegen uns Kingsleys. Wären wir doch niemals in dieses verdammte Tal gekommen. Oh, warum ist Jim nur weggeritten …

Sie fühlt sich verloren, erniedrigt, ganz und gar ohne Chance.

Aber dann wird alles von einem Moment zum anderen völlig anders.

Eine scharfe Stimme ruft hinter den drei grinsenden und kehlig lachenden Kerlen wild und fordernd: »He, dreht euch um zu mir!«

Sie waren zu sehr auf Laura Kingsley konzentriert, achteten nicht auf den Reiter, welcher näher kam. Laura Kingsley nahm ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch.

Jetzt aber wirbeln sie herum.

Vielleicht glauben sie, dass der Mann dieser von ihnen so gedemütigten Frau zurückgekommen ist. Sie wirbeln also knurrend herum und schnappen dabei ihre Revolver heraus.

Und da bekommen sie es.

Der Reiter, welcher abgesessen ist, steht breitbeinig da und feuert aus seinem großen Colt unwahrscheinlich schnell. Er gibt ihnen keine Chance, denn die haben sie gewiss nicht verdient. Auch sind sie so in der Überzahl, dass es Selbstmord wäre, würde der Mann ihnen eine Chance geben.

Nur einer von ihnen kommt noch zum Schuss, aber seine Kugel trifft den Fremden nicht.

Denn der Ankömmling ist ein Fremder. Nein, es ist nicht Jim Kingsley, der zu seiner Familie zurückgekommen ist.

Einer der Kerle fällt halb über Laura. Sie rollt sich unter ihm weg und erhebt sich. Sie möchte loskreischen, die Nerven verlieren. Denn es war gewiss zu viel für sie.

Aber sie behält sich letztlich doch unter Kontrolle und sieht auf den Fremden.

Dieser nickt ihr zu. »Es ist vorbei, Ma’am«, hört sie ihn ruhig sagen. »Es ist vorbei. Ich bin sehr froh, dass ich rechtzeitig kam. Einen Moment noch, dann habe ich diesen Abschaum der Menschheit fortgeräumt. Es dauert nicht lange.«

Er kommt nun näher und greift vor Laura an den Hut.

Dann aber beginnt er die drei Toten auf deren Pferde zu legen. Er ist sehr kräftig, denn er braucht keine Hilfe.

»Ich komme wieder, wenn ich sie fortgebracht habe, so dass niemand sie wiederfinden kann. Ich komme wieder, Ma’am. Aber es ist alles vorbei.«

Sie sieht ihm nach, wie er mit den drei Toten, die er quer über die Sättel ihrer Pferde legte, davonreitet.

Und dann erst beginnt sie zu schluchzen. Sie kann nicht anders.

Little-Jim und Jessica kommen aus der Hütte. Little-Jim fragt: »Ist Dad zurückgekommen. Hat er diese Banditen erschossen?«

»Nein«, erwidert sie fast tonlos. »Das war nicht Dad. Ein Fremder kam uns in letzter Sekunde zu Hilfe.«

»Und wo ist der Fremde jetzt?« Jessica fragt es. Und sie setzt mit großem Ernst hinzu, so als wäre sie schon einige Jahre älter: »Wir müssen ihm doch sehr danken, nicht wahr?«

»Ja, Jessica, ja gewiss«, flüstert Laura und versucht sich an das Aussehen dieses Fremden zu erinnern.

Aber sie erinnert sich nur noch daran, dass dieser Fremde ein großer, indianerhaft wirkender Mann war, dunkel, groß ...

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