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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 22

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Wolf in der Town
  4. Kapitel 1
  5. Kapitel 2
  6. Kapitel 3
  7. Kapitel 4
  8. Kapitel 5
  9. Kapitel 6
  10. Kapitel 7
  11. Kapitel 8
  12. Kapitel 9
  13. Kapitel 10
  14. Kapitel 11
  15. Kapitel 12
  16. Kapitel 13
  17. Vorschau

Wolf in der Town

Es ist ein hässlicher grauer Nachmittag, als Jeremy Cass auf einem prächtigen Schecken und in einem mit Silber beschlagenen Sattel nach Rivertown kommt.

Das Gewitter, das sich schon seit Stunden über dem Pecos Valley aufhält, grollt vernehmlich. Aber es ist nicht nur die dunkle und drohende Schwüle des Gewitters, die über der Stadt hängt.

Jeremy Cass spürt es sofort, und er braucht nur einen einzigen Blick die Hauptstraße hinunterwandern zu lassen, um zu begreifen, dass die Straße unnatürlich leer ist.

1

Er hält vor dem ersten Saloon an und stellt sein Pferd neben andere Tiere an einen der Haltebalken. Mit dem Hut klopft er sich den Staub aus der Kleidung und blickt sich noch einmal um.

Am Stadteingang hat er einen Mann gesehen, der dort wie ein Wächter wartete und es sich unter dem Dach eines offenen Schuppens bequem gemacht hat. Diesen Burschen hat Jeremy Cass nach der Beschreibung als Jim Ashland erkannt. Denn derart rote Haare gibt es gewiss nicht so leicht bei einem zweiten Mann.

Nun sieht Jeremy Cass Tom Ashland. Tom ist gelbhaarig. Man kann es nicht blond nennen. Blond ist Jeremy Cass. Dieser Tom Ashland hat langes, gelbes Haar, das ihm bis zu den Schultern niederhängt.

Er steht diesseits der Straße, nur etwa einen Steinwurf weit vom Saloon entfernt, und starrt auf den Eingang des Sheriff’s Office. Er sieht wie ein Mann aus, der lauernd wartet, etwa wie ein Wolfsjäger, der genau weiß, dass der Wolf irgendwann seine Höhle verlassen muss.

Jeremy Cass ist sicher, dass der dritte der Ashland-Brüder – es ist Jube – den anderen Ortseingang sichert. Vielleicht haben sie einige Freunde dabei.

Damit ist alles klar.

Jeremy Cass weiß nun, dass er noch nicht zu spät kam.

Er setzt seinen Hut wieder auf und betritt den Saloon.

Hier sind ziemlich viele Gäste, die gewiss nicht nur vor dem zu erwartenden Gewitter Schutz suchten. Hier wartet man auf etwas anderes. Ein paar Dutzend Augenpaare betrachten Jeremy Cass. Sie sehen einen geschmeidigen Burschen, der größer ist als sechs Fuß, einen auf verwegene Art hübschen jungen Mann, der auf den ersten Blick nicht besonders hart wirkt und den man für knapp über zwanzig Jahre halten könnte. Doch er ist älter, zumindest ein Dutzend Jahre älter.

Er trägt seinen Colt rechts, ein wenig zu hoch an der Hüfte und auf eine Art, die etwas zu unauffällig wirkt. Die Waffe hängt auch etwas schräg, und zwar mit dem Kolben nach vorn und mit dem Lauf nach hinten. Eine Kugel würde fast einen Schritt hinter seinen Absätzen in den Boden fahren, wenn die Waffe im Holster losginge.

Es ist in diesem Land nicht üblich, einen Colt so zu tragen. Aber Kenner wissen, dass man auf diese Art eine Waffe mit einer von hinten nach vorn gehenden Bewegung aus dem Holster bekommt. Und damit man den Lauf nicht so weit hochschwingen muss, trägt man gleich die Waffe in der richtigen Höhe. Bei diesem Ziehen geht nicht wie sonst der Ellbogen nach hinten, sondern mit der Hand nach vorn. Und nur aus dem Handgelenk wird der Lauf nach oben gehoben, während der Daumen den Hammer zurücklegt. Vielleicht gibt es ein paar Gäste im Saloon, die das alles wissen. Aber sie beachten den Fremden nicht länger.

Von draußen ruft nämlich eine scharfe Stimme: »He, Shadwell, wenn du jetzt nicht bald herauskommst wie ein Mann und uns Genugtuung gibst, dann werfen wir dir eine Packung Sprengpatronen mit kurzer Lunte durch den Schornstein! Wetten, dass du dann herauskommen wirst?«

Nach diesen Worten, die laut durch die kleine Stadt schallen, wird es wieder still. Auch im Saloon schweigen alle.

Dieser Saloon ist voll von Cowboys, Farmern, Minenleuten, Frachtfahrern und ein paar Städtern. Es sind einige Spieler unter ihnen, die hier die Bank halten und die Karten austeilen. Auch Saloonmädchen gibt es.

Alle schweigen und lauschen.

Jeremy Cass wendet sich an den Barmann und deutet auf eine Flasche Whisky, aus der er auch sofort eingeschenkt bekommt. Er trinkt, schüttelt sich und sagt dann: »Nicht schlecht, diese Pumaspucke. Doch man muss sich wohl erst daran gewöhnen wie an Rattengift. Ist schon jemand davon taub oder blind geworden?«

Der Barmann grinst.

»Es gibt kein Gesetz«, sagt er, »das Sie dazu zwingt, Fremder, diesen Stoff zu trinken. Oder?«

»Das ist ein wahres Wort«, pflichtet ihm Jeremy Cass bei. »Dann möchte ich noch einen«, sagt er. »Mein linker Backenzahn schmerzt seit Tagen. Vielleicht stirbt der Nerv davon wie ein Regenwurm in Petroleum.«

Er sagt es mit einem hoffnungsvollen Klang in der Stimme. Nachdem er den zweiten Drink gekippt hat, schüttelt er sich nicht mehr.

»Was ist denn eigentlich hier los?«, fragt er. »Können Sie mir das erklären, Mister? Ich gebe einen aus, wenn Sie ihn auch wirklich trinken.«

Der Barmann starrt auf die Flasche, überlegt und bekommt dann um den Mund einen Ausdruck, als schluckte er Kaffee mit Salz und Schmierseife.

»Danke!«, sagt er. »Aber ich habe Magengeschwüre. Ich kann kein Feuerwasser trinken. Und was hier los ist, Fremder, kann ich mit wenigen Worten sagen. Kennen Sie die Ashland-Brüder, die Painted Ashlands?«

Jeremy Cass nickt.

»Wer kennt die nicht«, murmelt er und starrt ins Leere, als könnte er auf diese Weise irgendwelche Bilder erkennen. »Die Bunten Ashlands nennt man sie, weil sie rot, gelb, schwarz und braun sind, was die Haarfarbe betrifft. Und ihre Haarfarbe ist viel intensiver als bei anderen Menschen. Beim Stadteingang hielt sich ein besonders feuriger Rotkopf auf. Und gegenüber vom Sheriff’s Office steht ein besonders gelbhaariger Hombre. Ist das nicht Tom Ashland?«

»Das ist er.« Der Barmann nickt. »Wollen Sie noch einen Drink? Oder klingeln Ihnen schon die Ohren? Der Schmied dieser Stadt meint immer nach dem dritten Drink, dass er eine Dampfpfeife hören würde. Und Al Mundy vom Mietstall wird immer ganz grün im Gesicht.«

»Habt ihr nichts anderes?«

»Doch.« Der Barmann nickt. »Wir haben hier noch Bier, Rotwein und Tequila. Aber unseren Tequila verträgt man erst, wenn man diesen Whisky wie Wasser saufen kann, und das schaffen manche Gents nie. Es ist Mondschein-Whisky. Der ist billiger, und man kann viel schneller unter den Tisch sinken. Die Jungens hier haben alle so wenig Zeit. Also, dieser Tom Ashland steht gegenüber vom Sheriff’s Office, weil er auf Ben Shadwell, unseren Sheriff, wartet. Er will den Sheriff umlegen, denn Shadwell hat Chance Ashland erschossen. Können Sie mir folgen, Fremder?«

Jeremy Cass nickt ernsthaft.

»Euer Sheriff hat Chance Ashland erschossen«, sagt er. »Und nun halten die drei anderen Ashlands die Stadt besetzt und wollen den Sheriff umbringen. Und die Stadt sieht zu und wartet ab, ob es den Ashlands gelingt. Richtig so?«

Der Barmann blickt ihn traurig an.

»Sagen Sie das nicht so verächtlich, Fremder. Diese Stadt ist noch jung. Hier ist alles noch sehr durcheinander, und der Sheriff wurde nicht gewählt, sondern vom County Sheriff in erster Linie hier hergeschickt, um die Steuern einzutreiben, die hier noch nie jemand zahlte. Ein Sheriff, der herkommt, um für die Regierung Steuern einzutreiben, findet so schnell keine Freunde. Oder? Warum sind Sie nach Rivertown gekommen, Mister? Wie war doch Ihr Name? Oder reiten Sie nur durch?«

Jeremy Cass gibt ihm keine Antwort, sondern fragt: »Was ist mit dem Sheriff? Warum kommt er nicht raus und besorgt es den Ashlands?«

Da lacht nicht nur der Barmann. Es lachen auch noch einige andere Zuhörer, die bisher schweigend an der Bar standen.

Einer sagt jetzt: »Sheriff Ben Shadwell bekam damals beim Duell mit Chance Ashland auch etwas ab. Denn Chance war ja auch ein ganz Schneller der Gilde, nicht wahr? Des Sheriffs Revolverhand soll nicht mehr so gut sein wie früher. Deshalb bleibt er wohl in seinem Loch.«

Jeremy Cass nickt.

»Und ihr alle freut euch, wenn dies zu einem Steueraufschub führen würde, nicht wahr?«

Er kippt den dritten Drink und wirft einen Dollar auf die Tischplatte. Dann geht er wieder hinaus, nimmt sein Pferd und sitzt auf. Er reitet langsam die Straße hinunter zum Mietstall und kommt zu Tom Ashland. Zwischen ihm und dem Sheriff’s Office hält er an.

»Bist du Tom Ashland?«, fragt er.

Tom Ashland starrt ihn an, als wollte er ihn fressen. Tom Ashland erinnert an einen Löwen. Es geht etwas Löwenhaftes von ihm aus.

Er sagt: »Schleich dich, Langer. Ja, ich bin Tom Ashland. Willst du was? Ach, zum Teufel, schleich dich!«

»Sicher, Mister«, nickt Jeremy Cass. Er zieht sein Pferd herum und reitet zum Sheriff’s Office hinüber. Dort sitzt er ab und bindet das Pferd an. Er betritt jedoch nicht den Plankengehsteig, sondern kommt über die staubige Fahrbahn zurück, bis er etwa acht Schritte vor Tom Ashland verhält.

Der starrt ihn jetzt mit intensiver Wachsamkeit an. Mit Sicherheit warnt ihn nun sein Instinkt vor diesem Neuankömmling, der auch auf ihn anfangs wie ein Sonnyboy wirkte.

Jeremy Cass sagt pulvertrocken: »Der Sheriff beging eine gute Tat, als er euren Bruder Chance umlegte. Er nahm mir eine Arbeit ab, denn ich war selbst hinter Chance her, um mir seinen Skalp zu holen. Chance war wohl das schlimmste Schwein von euch allen, nicht wahr? Oder warum sind auf seinem Steckbrief die Belohnungen am höchsten?«

Tom Ashland erwidert nichts.

Er starrt Jeremy Cass nur an und wird sich endgültig über ihn klar. Er begreift in diesen Sekunden, dass Cass mehr als ein zweibeiniger Wolf ist.

Cass ist ein Tiger.

Er fragt nicht nach seinem Namen. Der ist ihm gleich. Er weiß nur, dass der Sheriff Hilfe bekommen hat.

Tom Ashland ist ein Mann, der sich durch Kühnheit behauptet und niemals in seinem Leben als Revolvermann und Bandit gekniffen hat.

Bisher kam er damit durch.

Auch jetzt glaubt er an sein Glück.

Er schnappt den Colt heraus, um den Fremden aus dem Weg zu schießen. Bisher gab es keinen Mann, der schneller ziehen und schießen konnte als er. Sogar sein Bruder Chance war nicht besser.

Aber er ist nicht schnell genug. Als er seinen Revolverlauf hochschwingt und die Mündung auf den Gegner richten will, sieht er schon das Mündungsfeuer und spürt den Einschlag der Kugel. Sie trifft ihn mit einem harten Stoß, der wie ein Huftritt ist.

Tom Ashland fällt und ist tot, bevor er am Boden liegt. Er weiß nicht mehr, dass er noch einmal abdrückt und die Kugel vor Jeremy Cass den Staub aufwirbelt, der die Fahrbahn knöcheltief bedeckt.

Jeremy Cass blickt nach links und rechts. Von beiden Stadteingängen her nähern sich die anderen Ashland-Brüder, Jim von rechts und Jube von links. Sie kommen anfangs im Laufschritt. Aber dann, als sie sich darüber klar werden, dass sie durch Eile nichts mehr rückgängig machen können und der Fremde offensichtlich auf sie wartet, fallen sie in Schritt. Sie kommen gleichmäßig näher und werden Jeremy Cass im selben Moment erreichen.

Cass wirft einen Blick über die Schulter zur Tür des Sheriff’s Office. Dort tritt gerade der Sheriff heraus. Er ist ein etwas über mittelgroßer Mann, der sehr drahtig und außergewöhnlich gut proportioniert wirkt.

Er trägt keinen Colt, dafür aber eine Schrotflinte.

Jeremy Cass wendet sich ihm zu.

»He, welchen übernehmen Sie, Sheriff?«, fragt er trocken.

Der Sheriff wendet sich nach links, wo Jube Ashland schon fast in Revolverschussnähe angelangt ist. Deshalb geht Jeremy Cass nach rechts. Er hört Jim Ashland laut und schrill rufen: »Dafür bringe ich dich um, du Hundesohn! Dafür schicke ich dich zur Hölle!«

Cass ruft nichts zurück. Er geht Jim Ashland nur langsam entgegen.

Der Sheriff nähert sich Jube. Jube beginnt schon zu schießen, obwohl die Entfernung für einen sicheren Coltschuss noch zu weit ist. Doch es bleibt ihm nichts anderes übrig. Er muss versuchen, den Sheriff zu treffen, bevor dieser seine Schrotflinte mit Erfolg einsetzen kann. Jube Ashland hält sogar an, fällt auf die Knie und nimmt den Revolver in beide Hände, um besser zielen zu können.

Während der Sheriff ruhig Schritt für Schritt setzt, schieß Jube Ashland zweimal.

Einmal zupft die Kugel an der Weste des Sheriffs und fährt zwischen Körper und Arm hindurch. Die zweite Kugel lässt den Sheriff leicht zusammenzucken. Sie muss ihn also zumindest gestreift haben.

Dann bleibt er stehen, hebt die Schrotflinte und feuert beide Läufe nacheinander ab.

Er trifft Jube Ashland, der sich durch den Staub rollt und bemüht ist, unter dem Plankengehsteig Deckung zu finden. Doch er schafft es nicht. Bei einem Haltepfahl vor dem Store bleibt er liegen und rührt sich nicht mehr. Die Schrotflinte war mit Indianerschrot geladen.

Sheriff Ben Shadwell wendet sich um und blickt nach dem Fremden, der ihm zu Hilfe kam und es mit dem gefährlichen Tom Ashland aufnahm.

Er sieht ihn warten.

Aber Jim Ashland, der ebenfalls anhielt, wendet sich um und ergreift die Flucht. Jim Ashland hat keinen Mut mehr. Er sah seine Brüder Tom und Jube fallen. Er sieht sie regungslos im Staub liegen.

Er läuft zu seinem Pferd, das beim Ortseingang angebunden ist. Wahrscheinlich ist es sein eigenes Tier. Er reißt die Zügel vom Balken und schwingt sich mit einem Comanchensprung auf das Tier. Dann gibt er ihm die Sporen und lässt es davonstürmen.

Am Himmel zucken die Blitze. Es ist ein ganzes Bündel. Der Donner kracht fürchterlich.

Jeremy Cass blickt zu seinem Pferd hinüber. Er macht sogar schon den Ansatz zu einer Bewegung, als wollte er zu dem Tier hinlaufen, um sich in den Sattel zu schwingen und die Verfolgung aufzunehmen.

Aber dann lässt er es. Sein Pferd ist müde von einem langen Tagesritt, und außerdem verdunkelt das Gewitter den Himmel. Bald wird es in Strömen regnen.

Er wendet sich dem Sheriff zu, der langsam herankommt. Er hinkt leicht. Aber er hat die Schrotflinte schon nachgeladen und hält sie unter den linken Arm geklemmt. Seine rechte Hand hat er hinter den Hosengürtel geschoben, als müsste er seinen Arm entlasten.

Die beiden Männer sehen sich an, nachdem sie einen Schritt voreinander verhielten. Von überall kommen Leute aus den Häusern, um zuzusehen. Beim Saloon drängen und quetschen sie sich heraus. Aber die Sicht wird immer schlechter. Es ist, als würde die ganze Welt von schwarzer Dunkelheit verschluckt.

Jeden Moment muss die erste Sturmböe den Staub aufwirbeln. Es ist sicher, dass das Unwetter nicht abziehen, sondern losbrechen wird.

Ben Shadwell und Jeremy Cass sehen sich lange an.

»Warum kamen Sie mir zu Hilfe?«, fragt der Sheriff hart.

»Ach«, erwidert Jeremy Cass, »ich war hinter Chance Ashland her. Ich hatte ein paar triftige Gründe. In Santa Maria hörte ich, dass Sie ihn schon erwischt hätten, aber dabei selbst angeschossen wurden, und dass nun die anderen Ashland-Brüder sich versammelt hätten und unterwegs wären, um ihren Bruder zu rächen. Da machte ich mich ebenfalls auf, kam über die Hügel und … Na ja, ich kam wohl nicht zu spät. Dafür, dass Sie Chance Ashland erledigt haben, war ich Ihnen was schuldig, Sheriff. Ich glaube, ich bringe besser mein Pferd in den Mietstall, bevor das Gewitter losbricht. Kümmert sich jemand um die Toten?«

Ben Shadwell blickt ihn seltsam an und nickt.

Dann sieht er Jeremy Cass nach. Es ist ein merkwürdiger Ausdruck in seinem Blick. Ben Shadwell hat ein schmales, festes Gesicht. Er ist dunkel und hat hellgraue Augen. Er mag vier Jahre älter sein als Jeremy Cass, vielleicht auch mehr. Aber älter als fünfunddreißig ist er gewiss nicht.

Dennoch besaß er bisher einen großen Namen als Revolverkämpfer.

Bisher!

Denn soeben kämpfte er mit einer Schrotflinte.

Alle Leute sahen es.

***

Es ist schon spät am Abend, als Jeremy Cass am Ecktisch des Hotel-Restaurants zu Abend isst. Die Unterhaltung der anderen Gäste, die bei seinem Erscheinen verstummte, kommt nicht wieder richtig in Gang.

Aber das scheint ihn nicht zu stören.

Er isst seinen Hammelbraten und die grünen Bohnen mit gutem Appetit.

Er wirkt nicht wie ein Mann, der vor etwa zwei Stunden einen anderen im Zweikampf erschoss.

Draußen geht inzwischen der Wolkenbruch nieder. Blitze zucken, der Donner kracht. Der Fluss wird morgen um einige Fuß höher gestiegen sein.

Unter den Abendbrotgästen sind ein paar harte Männer. Auch sie betrachten den blonden und blauäugigen Fremden, der wie ein Sonnyboy wirkt und so eiskalt und gefährlich werden kann, mit vorsichtiger Zurückhaltung.

Die Ashland-Brüder waren eine Landplage. Sie hatten viele Freunde und Kumpane und hätten mehr als fünfzig Reiter in die Sättel bringen und Rivertown völlig klein machen können.

Dennoch hat es der Fremde mit ihnen aufgenommen. Damit, dass der Sheriff aus seinem Office kommen und ihm helfen würde, konnte er nicht rechnen.

Was für ein Mann ist dieser Fremde?

Das fragen sich alle.

Aber niemand hält sich länger auf, als er zum Abendessen unbedingt muss. Das Unwetter hat inzwischen nachgelassen, und so leert sich das Restaurant heute schneller als sonst. Noch bevor Jeremy Cass fertig ist und den Nachtisch einnimmt, ist er allein in der Ecke.

Er dreht sich eine Zigarette, und als er sie anraucht, kommt der Sheriff herein, bekleidet mit einer Ölhaut, unter der er auch die Schrotflinte schützte.

Er sieht zu Jeremy Cass hin, hängt die Ölhaut und seinen Hut neben der Tür an den Haken und kommt dann mit der Schrotflinte herüber. Er setzt sich an Jeremy Cass’ Tisch und sagt ohne Umschweife: »Ich hätte es nicht geschafft gegen die Ashlands. Hier …«

Er öffnet den Hemdsärmel und schiebt ihn höher.

Nun kann Jeremy Cass die Wunde sehen. Sie ist gerade erst verheilt und vielleicht ein oder zwei Tage ohne Verband. Die Narbe sieht so aus, als könnte sie leicht wieder aufbrechen.

»Ihre Revolverhand?«, fragt Cass.

Der Sheriff nickt. »Wer sind Sie?«, fragt er.

Cass grinst. »Ich habe keinen Kriegsnamen«, sagt er. »Ich werde auch nirgendwo gesucht. Mein Name ist Jeremy Cass. Wird Ihre Revolverhand jemals wieder in Ordnung kommen?«

»Nein«, sagt Ben Shadwell kurz. »Ich werde damit die Gabel halten und den Bissen zum Mund führen können. Auch Fleisch kann ich zur Not schneiden und das Messer fest genug halten.«

Er grinst nach diesen Worten sarkastisch.

Cass deutet auf die Linke des Sheriffs. »Wie ist es denn damit? Manche Männer sind links schneller als rechts. Man sagt, dass die Hand der Herzseite bessere Reflexe hat. Bei mir trifft es allerdings nicht zu. Ich bin rechts schneller.«

Der Sheriff betrachtet seine Linke und schüttelt bedauernd den Kopf.

»Ich wäre nicht der erste Sheriff«, murmelt er dann, »der mit Hilfe einer Schrotflinte durchkommt. Aber ich brauche noch eine andere Hilfe. Wollen Sie mein Deputy sein, Jeremy Cass?«

Cass blinzelt nicht mal.

»Wäre das was für mich?«, fragt er dann und lächelt etwas verächtlich. »Soll ich für vierzig Dollar im Monat hier Hilfssheriff sein?«

Ben Shadwell betrachtet ihn ernst. Shadwells hellgraue Augen stehen weit auseinander. Er hat eine nicht sehr große, doch kühn geschwungene Nase. Sein breiter Mund ist hartlippig. Er ist ein Mann, der knapp hundertsiebzig Pfund wiegt und dem man dennoch zutraut, dass er mit seiner gesunden Linken einen Zweihundertpfundmann von den Beinen schlagen kann.

»Diese Stadt hat Zukunft«, sagt er. »Sie könnte eines Tages der Sitz aller Behörden eines neuen Countys werden. Überall in der Umgebung wird Silber oder Gold gefunden. Auch die Herden der Rinderzüchter vermehren sich, und jeden Tag strömen Siedler ins Land. Man muss hier eine verwaltende Ordnung schaffen und wird ganz oben stehen. Meine Gegner hatten Chance Ashland angeworben. Er sollte mich aus irgendeinem nichtigen Grund zum Duell fordern und töten. Aber er schaffte es nicht. Auch seine Brüder brachten es nicht fertig. Nun werden sich meine Gegner etwas anderes einfallen lassen. Ich brauche Hilfe. Wollen Sie, Jeremy Cass? Und es wird nicht bei vierzig Dollar im Monat bleiben. Cass, Sie sind ein Revolvermann. Ich weiß es. Und ein Stern wird Ihnen Macht geben. Macht zählt mehr als Dollars.«

»Das mag stimmen – zum Teil«, murmelt Jeremy Cass. »Aber könnte es nicht sein, Sheriff, dass Sie sich einen bösen Geist zu Hilfe rufen, den Sie dann nicht wieder loswerden können? Einen Wolf, der sich nicht mehr wegbeißen lässt?«

»Ich bin kein Zauberlehrling«, murmelt der Sheriff. »Ich werde die bösen Geister wieder los, die mir nicht behagen oder nicht gehorchen. Ich würde dieses Risiko auf mich nehmen. Aber …«

Er verstummt, denn er möchte nicht betteln.

Jeremy Cass nickt.

»Versuchen wir es mal, Ben Shadwell«, sagt er. »Wissen Sie, Sie interessieren mich. Ich habe mich oft genug gefragt, was sein würde, wenn meiner Revolverhand etwas passierte. An Ihrer Seite und in Ihrer Nähe kann ich das mal studieren. Denn Sie sind wohl ein Mann, der auch dann seinen Weg weitergeht, wenn er keine Hände mehr besitzt. Sie haben einen großen Namen als Verbrecherjäger, Städtezähmer und Revolverkämpfer, Ben Shadwell. Nun werden all die wilden Jungens kommen, um den Ruhm zu ernten, Sie besiegt zu haben. Und all Ihre alten Feinde, deren Freunde und Verwandte werden kommen, um sich für irgendwelche Dinge zu rächen. Ben, Sie brauchen einen Leibwächter, einen Gefährten, der Ihnen den Rücken deckt. Aber Sie kennen mich nicht. Sie wissen nicht, wie weit meine Treue reicht. Sie gehen ein großes Risiko ein. Denn vielleicht fühle ich mich bald als der große Wolf in der Town.«

»Ich war schon immer ein guter Wolfskiller«, sagt der Sheriff langsam. »Wenn Sie sich hier als Wolf in der Town fühlen, werde ich Sie töten. Hier ist der Stern. Und dann kommen Sie, denn wir müssen die erste Runde machen.« Er wirft nach diesen Worten den Stern eines Deputies auf den Tisch.

»Muss ich einen Eid leisten?«, fragt Cass.

Da grinst der Sheriff. »Ein Eid ist so gut wie der Mann, der ihn leistet. Und ein guter Mann ist redlich, treu und stolz. Der braucht keinen Eid zu leisten.«

Da nimmt Cass den Stern und steckt ihn sich wortlos an.

2

Das Gewitter ging in einen warmen Regen über. Jeremy Cass, der sich aus seinem Hotelzimmer seinen Regenumhang holte, geht neben dem Sheriff her. Er überragt diesen um einen halben Kopf.

In den Straßen und Gassen der kleinen Stadt Rivertown ist wenig Leben. Doch es sind viele Besucher in der Stadt. Man sieht es an einigen großen Wagen, die von den Minen kamen und voller Arbeiter waren, durstige und nach allen Sünden hungrige Burschen, die ihren Lohn verjubeln wollen.

Die Wagen stehen längs der zum Teil überdachten Plankengehsteige, und die Gespanne wurden zumeist mit Segeltuchplanen zugedeckt.

Aber es sind auch viele Sattelpferde an den Haltestangen abgestellt. Sie stehen im warmen Regen. Die schützenden Gassen, wo die überragenden Hausdächer etwas Regen abhalten, sind voll von Sattelpferden, und gewiss drängen sie sich auch unter den Schutzdächern beim Frachtwagenhof ...

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