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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 19

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Ein Mann wie Kirby
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Kapitel 13
  16. Kapitel 14
  17. Kapitel 15
  18. Vorschau

Ein Mann wie Kirby

1

Gegen Mitternacht erreicht die Überlandpost die Roswell-Station, um hier zum letzten Male vor Blanca Rosa das Sechsergespann zu wechseln.

»Es sind noch siebenundzwanzig Meilen durch raues Land«, sagt der Fahrer laut. »Es könnte nichts schaden, wenn sich die Lady und die Gentlemen noch einmal die Beine vertreten und einen Schluck Kaffee nehmen würden. Mrs. Roswell hält für die Mitternachtspost stets Kaffee bereit.«

Kirby Cheshire klettert zuerst aus der Kutsche. Er hilft der jungen Frau heraus, die seit dreizehn Stunden in der Kutsche sitzt. Sie war von der Santa Fé – El Paso-Linie zugestiegen. Das war in Socorro.

Und dann waren sie auf dieser Nebenlinie weiter nach Osten in Richtung zum Pecos gefahren – dreizehn Stunden schon durch raues Bergland und an den nördlichen Ausläufern der Sacramento-Kette vorbei.

Im Laternenschein wirkt die junge Frau noch schöner als bei Tageslicht, denn dieser warme Lichtschein mildert und macht sanfter; er nimmt diesem Frauengesicht etwas von jener Herbheit, die von rauen Wegen erzählt.

Er macht dieses Gesicht weicher, mädchenhafter.

Vielleicht ist es kein schönes Gesicht. Und dennoch musste Kirby Cheshire es immer wieder betrachten.

Denn auf jeden Fall ist es das leidenschaftliche, wache, herbe und herrliche Gesicht einer jungen Frau, der die Liebe nicht fremd ist – und auch die Enttäuschungen nicht fremd sind. Es ist das Gesicht einer Frau, die das Leben formte und die sich einzurichten wusste, ein Gesicht mit ruhigen Augen, einem großen Mund und großzügigen Konturen.

Ja, sie gefiel ihm von Anfang an.

Und auch sonst ist alles richtig an ihr, wie er es sich bei einer Frau wünscht.

Die Annäherungsversuche der anderen vier männlichen Fahrgäste wies sie im Verlauf der Reise ab, und sie tat es mit einer ruhigen Sicherheit, die Kirby Cheshire mehr als alles andere sagte, wie sehr sie an Umgang mit Männern gewöhnt ist.

Dies ist eine bemerkenswerte Frau, die längst gelernt hat, sich unter Männern zu behaupten, mit ihnen Geschäfte zu machen.

Ob sie eine Glücksritterin ist, eine Abenteuerin?

Kirby Cheshire würde gern mehr über sie gewusst haben. Doch er ist zu einem Ort unterwegs, an dem eine Menge Verdruss auf ihn wartet. Er wird all seine Fähigkeiten nötig haben, um mit den Schwierigkeiten zurechtkommen zu können.

Für Frauen hat er jetzt keine Zeit, und es wird nur gut sein, keinen Gedanken dafür zu verschwenden.

Er hilft ihr also aus der Kutsche, und sie nimmt seine Hilfe an und dankt ihm mit einem Lächeln – aber eigentlich ist es nur der Anflug eines Lächelns. Er lächelt zurück, und für einen Moment ist eine Gemeinsamkeit zwischen ihnen, als kennten sie sich schon sehr lange.

Aber dann geht sie an ihm vorbei ins Stationshaus hinein. Obwohl sie so viele Stunden in einer schwankenden, rüttelnden und stoßenden Kutsche gesessen hat, geht sie recht geschmeidig. Kirby Cheshire findet ihren Gang wunderbar.

Einer der Männer, die nun aus der Kutsche klettern, bleibt bei Kirby am Hinterrad der Kutsche stehen und brummt: »Ein tolles Weib ist es – aah! Die ist nicht so kühl, wie sie vorgibt. Wer mag sie sein? Was mag sie im Blanca Rosa wollen? Hey, die wäre was für mich.«

Auch er geht ins Haus hinein. Die anderen Fahrgäste folgen.

Kirby Cheshire zögert. Ihn fröstelt. Denn die Nächte sind kalt in diesem Bergland. Sie befinden sich hier ziemlich hoch, aber in den nächsten zwei Stunden wird es abwärtsgehen zu den Hochplateaus und Tälern östlich des Rocky-Mittelgrades. Die Postkutsche wird eintauchen in Wälder und rotfelsige Canyons.

Kirby kennt dieses Land. Er ist ein Mann, der ständig auf mehr oder weniger rauen Wegen ritt, und so hinterließ er vor längerer Zeit auch in diesem Lande seine Fährten und Zeichen.

Jetzt kehrt er zurück.

Er riecht den Kaffeeduft aus dem Gastraum und sieht sich noch einmal um. Die Roswell-Station wurde in einen schützenden Passeinschnitt gebaut. Es gibt nicht viel zu sehen. Felswände werfen tiefe Schatten.

Die Laterne vor dem Haus verbreitet nur spärliches Licht. Kirby Cheshire scheint zu wittern wie ein Wolf.

Warnt ihn sein Instinkt vor irgendwelchen Gefahren, vor einem nahenden Verdruss?

Aber er geht als letzter Fahrgast ins Haus hinein und nickt Roswells mexikanischer Frau zu, die ihm lächelnd eine Tasse Kaffee reicht.

Alle Fahrgäste stehen um den Tisch herum, halten ihre Tassen in den Händen und nehmen von den belegten Broten. Niemand will sich setzen, weil man doch all die vielen Stunden in der schwankenden Kutsche gesessen hat.

»Aaah, in zwei Stunden sind wir in Blanca Rosa«, sagt einer der Männer. »Es lohnt sich noch, dort in ein Hotelbett zu gehen und die Glieder auszustrecken. Hoffentlich hat man in Blanca Rosa inzwischen allen Whisky vertilgt. Ich reise nämlich im Auftrag von Pikes-Whisky. Er ist der beste, Gentlemen, Sie kennen doch diese Geschichte, nicht wahr?

Doc Bonescale in einer Stadt

zwölf tote Männer gefunden hat.

Er gab ihnen Pikes-Whisky,

denn Pikes-Whisky ist von bester Güte!

Die Toten standen auf und zogen ihre Hüte!«

Nach diesen Versen beginnt der Whisky-Reisende meckernd zu lachen. Doch niemand lacht mit. Längst ist dieses Lied von Pikes-Whisky überall im Westen von der Süd- bis zur Nordgrenze bekannt. Und überdies ist man missmutig und mürrisch von der langen Reise und sehnt sich, endlich am Ziel zu sein.

Von der Tür fragt plötzlich eine heisere Stimme: »Nun, warum lacht denn niemand? Es ist doch immerhin ein Trost, dass man mit Pikes-Whisky Tote erwecken kann, nicht wahr? – Denn es könnte doch sein, dass wir jemanden von euch totschießen müssen.«

Kirby Cheshire wendet schnell den Kopf und sieht einen maskierten Mann in einem Regenumhang. Er steht neben der Tür und hält zwei Revolver schussbereit in den Händen.

Durch die Tür von der Küche tritt ein zweiter Mann, ebenfalls maskiert und mit einem Regenumhang vermummt. Dieser Mann hält eine abgesägte Schrotflinte in den Händen.

Einer der männlichen Fahrgäste beginnt zu fluchen, doch der Maskierte von der Eingangstür sagt: »Dies ist ein Überfall, und fluchen ist sinnlos. Es beleidigt nur die Ohren der beiden Ladys. Vielleicht sollten die männlichen Fahrgäste bedenken, dass die Ladys verletzt werden könnten, sollten wir zum Schießen gezwungen werden. Also packt alles aus, was ihr in den Taschen tragt. Dazu gehören auch Geldgürtel, die auf der bloßen Haut getragen werden. Wir durchsuchen nachher jeden von euch, und unterschlägt er uns etwas, so geht es ihm schlecht!«

Ein mitleidloser Klang färbt jetzt die zuvor eigentlich nicht unangenehme Stimme. Doch nun hört man ihr an, wie hart ihr Besitzer sein kann.

Kirby Cheshire setzt langsam die Kaffeetasse ab und schiebt den Rest eines belegten Brotes in seinen Mund.

Kauend denkt er darüber nach, was dieser Überfall zu bedeuten haben könnte. Ist es ein Überfall »einfacher« Straßenräuber, die darauf hoffen, dass die Fahrgäste recht wohlgefüllte Geld- und Brieftaschen bei sich haben?

Oder …?

Nun, diese andere Möglichkeit hängt dann schon sehr mit den Dingen zusammen, die einen Mann wie Kirby Cheshire in dieses Land geholt haben.

Dann wären diese Maskierten keine gewöhnlichen, einfachen und normalen Straßenräuber.

Es sind überdies mehr als nur zwei. Draußen sind noch mehr, und einer steckt seinen maskierten Kopf zur Tür herein und fragt: »Alles in Ordnung? Hey, wir durchsuchen jetzt die Kutsche und das Gepäck.«

Und dann verschwindet er auch schon wieder.

»Also los«, sagt der Maskierte, der mit den beiden Revolvern neben der Eingangstür steht. »Ich habe schon gesagt, was ihr tun sollt. Fangt an damit!« Einer der Männer lacht bitter: »Hey, was kann mir schon passieren! Ich habe nur noch siebzehn Dollar in der Tasche. Die könnt ihr haben, und sie machen euch nicht reicher – hier!«

Er knallt das Geld – eine Handvoll Münzen – auf den Tisch.

»Geh hinaus«, sagt der Maskierte von der Tür her. »Doch du bist ein Narr, wenn meine Amigos mehr bei dir finden. Sie durchsuchen dich! Leg deinen Colt auf den Tisch, heb die Hände über den Kopf und geh hinaus!«

Der Mann gehorcht schweigend. Er muss sich fest auf die Unterlippe beißen, um nicht unbedachte Worte oder Flüche zu sagen.

Er geht hinaus.

Ihm folgen nacheinander die drei anderen Männer – bar ihrer Barschaft und Waffen. Aber auch diese Männer haben keine Reichtümer bei sich. Selbst der Vertreter von Pikes-Whisky führt nur wenig mehr als zweihundert Dollar mit sich.

»Man wird ja unterwegs zu oft überfallen und ausgeraubt«, sagt er. »Dies ist schon der dritte Straßenraub innerhalb von acht Monaten, den ich erlebe. Jungens, könnt ihr denn nicht auf ehrenwerte Weise Geld verdienen? Seht mich an …«

»Du verkaufst den Wirten Puma- und Wolfsspucke für echten Pikes-Whisky, und echt an diesen Flaschen sind nur die Etiketten, sonst nichts! Wir sollten dir die Haut abziehen, weil du ständig versuchst, ahnungslose Trinker zu vergiften, die sich auf das verlassen, was auf den Flaschen zu lesen ist.«

Als der Whisky-Vertreter dies hört, da weiß er, dass es besser ist, den Mund zu halten. Er schleicht wie ein begossener Pudel hinaus.

Und nun ist Kirby Cheshire an der Reihe.

Kirby war schon immer ein Mann, der eine Chance erkennen konnte, wenn es eine gab – und war sie noch so klein.

Doch hier hat er keine Chance.

Vor ihm steht ein Bursche mit zwei schussbereiten Colts. Hinter ihm befindet sich ein zweiter Bursche mit einer schussbereiten Schrotflinte.

Und überdies sind noch zwei Frauen im Raume, die verletzt werden könnten. Besonders diese letzte Tatsache beeinflusst Kirby Cheshires Verhalten. Obwohl er schon bald jede Menge Verdruss bekommen wird, beobachtet er immer wieder jene Frau, deren grüne Augen jetzt beim Lampenschein einen besonders schönen Kontrast zu ihrem kupferfarbenen Haar bilden.

Er sieht keine Panik, keine Aufregung. Sie hat sich von Anfang an unter Kontrolle. Jetzt wendet sie den Kopf und sieht ihn an. Es ist ihm, als enthielte ihr Blick eine Warnung, ja sogar Sorge, so als hielte sie ihn für den einzigen Mann, der sich nicht ohne Gegenwehr berauben lässt.

»Vorwärts, Hombre«, sagt der Maskierte von der Tür her und winkt mit einem seiner Colts. »Vorwärts, Amigo! Und keine Tricks! Du siehst wie eine harte Nummer aus, Bruder. Doch versuch es nicht – nicht mit uns!«

Wieder kam jener harte, kalte, mitleidlose Klang in seine Stimme.

Kirby Cheshire gehorcht nun. Er tut es langsam.

Zuerst entledigt er sich seines Waffengurtes. Er trägt seinen Colt tief im Holster, und er trägt ihn links.

Er ist ein großer, hagerer, dunkler Mann mit merkwürdig hellen Augen. In seinem Gesicht sind dunkle Linien, und es gibt einige Zeichen in diesem Gesicht, die von einem Leben auf rauen Wegen erzählen.

Ja, er wirkt wahrhaftig wie eine »harte Nummer«, um es mit den Worten des Maskierten zu sagen. Er sieht wie ein Mann aus, der sich überall behaupten kann und sich so leicht nichts wegnehmen lässt.

Er nimmt seine Brieftasche und auch die Geldbörse heraus, und er ist nicht besonders gut gekleidet. Man könnte ihn der Kleidung nach für einen Rindermann halten. Auf jeden Fall sieht er wie ein Mann aus, der die meiste zeit seines Lebens im Sattel verbringt. Zu seiner schwarzen Hose, die in den Stiefeln steckt, trägt er eine rehfarbene Lederjacke, ein grünes Hemd und einen schwarzen Stetson mit flacher Krone.

Er wendet sich zur Tür, und als er bei dem Maskierten ist, hält dieser ihn mit dem Lauf seiner rechten Waffe auf; er legt ihm die Laufspitze in die Armbeuge.

»Bruder, hast du wirklich sonst nichts bei dir – zum Beispiel einen Geldgürtel unter dem Hemd auf der bloßen Haut?«

»Nein«, sagt Kirby trocken, schüttelt mit dem Arm den Revolverlauf zur Seite und tritt hinaus in die Nacht und in das Licht der Laterne.

Der Stationsmann und dessen Gehilfe stehen rechts von der Kutsche, deren Sechsergespann sie austauschten.

Die vor Kirby hinausgegangenen Fahrgäste sitzen bereits wieder in der Kutsche.

Dort stehen auch zwei weitere Banditen, ebenfalls maskiert und vermummt mit Regenhäuten.

»Mach deine Jacke auf und zieh das Hemd aus der Hose«, sagt einer dieser beiden Banditen zu Kirby.

»Wozu?«

Mit einem Fluch tritt der Bandit auf ihn zu, in der einen Hand den schussbereiten Colt und die andere Hand vorschiebend und nach Kirby ausstreckend, um ihn vorn an der Hemdbrust zu fassen.

Er ist ein großer, schwergewichtiger Bursche, nicht kleiner als Kirby und gewiss noch etwas schwerer.

Kirby ist jetzt unheimlich schnell, so schnell, wie es ihm niemand zutrauen würde, weil er so groß ist. Aber er ist schneller noch als ein Leichtgewicht, und er zeigt damit eine seiner Eigenschaften, die ihn bekannt machten und ihm bitteren Ruhm einbrachten.

Er schlägt mit der Linken den Revolver zur Seite, achtet nicht auf die zufassende Hand des Banditen und holt mit der Rechten einen Haken herauf, der den Mann unter das Kinn trifft und ihm fast den Kopf von den Schultern reißt.

Es ist ein explosiver Schlag, trocken und mit der Wirkung eines Huftrittes.

Er springt dem zurückfliegenden Banditen nach und entreißt diesem mit einem schnellen Griff die Waffe. Indes der Bandit nun zu Boden geht und schwer auf dem Rücken landet, wobei er die Beine hochwirft, als wollte er rückwärts einen Purzelbaum schlagen, wirbelt Kirby mit dem Colt in der Hand geduckt herum, denn er hat nicht viel Zeit – keine Sekunde mehr. Seine einzige Chance ist die, dass er sich unheimlich schnell bewegt und der andere Mann bisher nicht schießen konnte, um den Kumpan nicht zu treffen.

Doch als Kirby herumwirbelt, bekommt er es. Es ist ihm, als hätte ihn ein Pferd gegen die Herzgegend getreten. Er muss auf die Knie, und dennoch drückt er noch dreimal die Waffe ab, bis ihn eine zweite Kugel, welche aus dem Gastzimmer durch die offene Tür kommt, endgültig umwirft.

Die Banditen sammeln sich bald darauf bei ihm.

Einer sagt: »Heiliger Rauch, der war so schnell wie ein Kugelblitz. Der hätte fast Glück gehabt, wenn ich ihn nicht sofort mit der ersten Kugel so voll getroffen hätte.«

Ein anderer Bandit kniet nun bei Kirby Cheshire nieder, öffnet diesem das Hemd und findet den auf die bloße Haut geschnallten Geldgürtel.

»Das war unser Mann«, sagt er, sich schnaufend erhebend. »Das ist ein voller Geldgürtel. Das ist unser Mann. Wir haben Glück gehabt. Reiten wir!«

2

Unterwegs erwacht Kirby Cheshire vom Rütteln und Rumpeln der Kutsche. Er braucht eine Weile, um sich an das Geschehen zu erinnern.

Dann begreift er, dass er mit angezogenen Knien auf der Rückbank der Kutsche liegt und sein Kopf auf dem Schoß einer Frau gebettet ist. Sie hält ihn an der Schulter fest, so dass er nicht von der Bank fallen kann.

Mond- und Sternenlicht fällt in die Überlandpost-Kutsche. Es ist eine Abbot-Downing-Kutsche. Dies bedeutet, dass sie neun Sitzplätze auf drei Bänken hat.

Kirby blickt empor in das Gesicht der Frau. Er kann es im Mond- und Sternenlicht gut erkennen. Ihre Augen betrachten ihn ernst. Sie sagt ruhig: »Wir haben Ihre beiden Wunden verbunden, so gut wir konnten. Doch die Kugel konnten wir nicht entfernen. In Blanca Rosa soll es einen Doc geben. Können Sie aushalten bis Blanca Rosa, Mister?«

»Bis in die Hölle und zurück halte ich aus«, murmelt er schwach und verliert auch schon wieder die Besinnung.

Einer der Männer, die auf der gegenüberliegenden Bank sitzen, fragt heiser: »Was ist mit ihm? Ist er tot?«

»Tot?«, fragt die Frau und legt ihre Hand gegen die Schläfe des Bewusstlosen. »Dieser Mann stirbt nicht so leicht. Sie hörten doch, wie er soeben sagte, dass er bis in die Hölle und zurück durchhalten könne. Ich glaube nicht, dass er ein Lügner ist.«

»Er hatte einen vollen, schweren Geldgürtel«, spricht ein zweiter Fahrgast laut. »Ich schätze, dass in solch einem gefüllten Geldgürtel an die zwanzigtausend Dollar sein können. Das war ein guter Fang für die Banditen. Und sie wussten offenbar Bescheid. Denn einer sagte, dass dieser da ’unser Mann’ sei. Aaaah, das war ein guter Fang für diese Bande!«

Ein dritter Fahrgast, der wie ein berufsmäßiger Spieler gekleidet ist, meldet sich zu Wort.

»Ich weiß nicht«, sagt er, »ob dies für die Banditen ein so guter Fang ist, wie es jetzt den Anschein hat. Denn sie haben diesen Mann da nicht getötet. Vielleicht wird er, wenn der Doc in Blanca Rosa etwas taugt, wieder gesund werden. Und dann …«

Er verstummt, so als hätte er Bedenken, zu viel zu sagen. Doch dann entschließt er sich doch. Er spricht weiter: »… bekommt es die Bande mit einem besonderen Manne zu tun. Denn dies da ist Kirby Cheshire, Black Kirby Cheshire. Ich sah ihn in Kansas City, Dodge City und Abilene. Und von seiner Zeit als Treibherdenführer auf dem Chisholm-Trail gibt es eine Menge Geschichten. Das da ist Black Kirby Cheshire.«

Sie schweigen alle, nachdem sie das gehört haben.

Erst nach einer Weile murmelt einer der anderen Männer: »Ja, von diesem Kirby Cheshire hörte man dann und wann etwas. Aaaah, es war vielleicht doch ein Fehler der Banditen, ihn am Leben zu lassen.«

Die Frau sagt gar nichts. Sie hält den Bewusstlosen jedoch wie eine geübte Krankenschwester in der für ihn günstigsten Lage und versucht zu verhindern, dass er sich zu viel bewegt und dadurch trotz der Notverbände Blut verliert.

Der Fahrer schont seine Pferde nicht, und er tut es gewiss nicht nur deshalb, um die Verspätung aufzuholen. Er weiß zu gut, dass einer der Fahrgäste den Arzt nötig hat.

Kirby Cheshire erwacht dann später nochmals, als man ihn aus der Kutsche hebt und zum Haus des Doktors trägt. Die Frau ist nun nicht mehr bei ihm, und er hat das Empfinden, etwas verloren zu haben.

Er verliert dann abermals die Besinnung, als der Doktor ihm die Kugel aus der Schulter holt. Nur wie aus weiter Ferne hört er den Arzt noch sagen: »Da hat nicht viel gefehlt, und sie hätte ihm die Hauptader durchschlagen.«

Indes dies alles geschieht mit Kirby Cheshire, trägt die grünäugige Frau sich in das Gästebuch des Hotels ein.

Stella Ulvalde, New Orleans. So kann es Mike Harris, der das Hotel mit seiner Schwester führt, lesen. Er trägt Stella Ulvalde das Gepäck hinauf, und er benutzt dabei geschickt den Haken, der ihm die linke Hand ersetzt. Die männlichen Gäste müssen ihr weniges Gepäck selbst tragen.

Stella Ulvalde steht dann, nachdem sie die Zimmertür hinter sich geschlossen hat, lange im dunklen Zimmer am Fenster und schaut auf Blanca Rosas einzige Hauptstraße hinunter.

Eine kleine Stadt, denkt sie, eine erbärmliche, kleine, jämmerliche Stadt im Schatten eines Mächtigen. War es richtig von mir, herzukommen und all meine Chips in dieses Spiel zu werfen? Aber noch kann ich zurück! Noch kann ich umkehren. Erst morgen elf Uhr vormittags, da muss ich mich entscheiden. Nein, es ist ja schon heute! In etwa sieben Stunden muss ich mich entscheiden. Und dann …

Sie unterbricht ihre Gedanken, wendet sich ins Zimmer zurück und zündet endlich die Lampe an.

Als sie dann wenig später vor dem Waschtisch steht, den Staub der Reise abwäscht und ihr kupfernes Haar kämmt, da betrachtet sie sich ernst im Spiegel.

Ich bin siebenundzwanzig, denkt sie, und seit zehn Jahren wandere ich auf rauen Wegen, versuche, mich der Männer zu erwehren und sie mir nutzbar zu machen. Werde ich auch hier mein altes Spiel spielen können? Wird es mir auch hier gelingen, mit den Waffen einer Frau zu gewinnen, hier in diesem Männerland? Ich muss morgen schon Ausschau nach dem besten Manne halten. Aber eigentlich habe ich ihn schon gefunden. Dieser Kirby Cheshire, der wäre wohl richtig gewesen für meine Zwecke. Doch er wurde schlimm verwundet. Was mag ihn mit einem gefüllten Geldgürtel hergeführt haben? Wollte er hier Rinder kaufen und zu einer Treibherde zusammenstellen?

***

Sechs Stunden später kommt Stella Ulvalde zum Frühstück in den Speiseraum. Nell Harris, bei deren Anblick man stets an ein ständig eifrig beschäftigtes Eichhörnchen denken muss, bedient sie und fragt scheinbar beiläufig: »Sind Sie auf der Durchreise, Miss Ulvalde – oder …?«

»… oder«, lächelt sie. »Und wegen dieses ’oder’ werde ich einige Tage bei Ihnen wohnen. Lassen Sie heute Nachmittag eine Badewanne auf mein Zimmer bringen und mit heißem Wasser füllen. Es gibt doch in Ihrem Hotel eine Badewanne?«

»Was glauben Sie?«, fragt Nell Harris empört. »Glauben Sie, dass ich im Regenfass bade?«

Sie wendet sich zu den Nebentischen, um dort das leere Geschirr fortzuräumen. Dabei klappert sie mehr als nötig, denn es ärgert sie sehr, dass sie immer noch nicht weiß, warum diese rothaarige und grünäugige Frau nach Blanca Rosa kam.

Was soll sie denn Mrs. Pancake und Mrs. Applesmith sagen, wenn diese gleich auf dem Wege zum Store vorbeikommen, um die neuesten Nachrichten zu empfangen und im Store weitergeben zu können?

Ich wette, denkt Nell Harris böse, sie ist eine von jenen Piratinnen, die durch die Welt reisen und überall ihre weiblichen Vorzüge zur Geltung bringen. Und immer wieder gibt es Narren, die darauf hereinfallen.

Ich würde mich nicht wundern, wenn diese schöne Stella Ulvalde heute Abend im Saloon einen Spieltisch gemietet hat und den harten Jungen das Fell über die Ohren zieht, wie … Aaaah, ich muss ja das Hammelfleisch aus der Buttermilch nehmen!

Und mit diesem Gedanken eilt sie in die Küche, ein volles Tablett mit klapperndem Geschirr vor sich hertragend.

Stella Ulvalde nimmt das Frühstück gemächlich ein. Sie trägt heute ein grünes Kleid von der Farbe ihrer Augen. Später dann schlendert sie durch die Stadt, sieht sich alles an und macht im Store einige Einkäufe.

Die Neugierde schlägt ihr überall entgegen, und sie weiß, dass es die Leute ärgerlich macht, nicht über sie Bescheid zu wissen.

Das war überall so – bis die Frauen solcher Städte dann wussten, dass sie ihren Männern das Geld am Spieltisch und bei harten Geschäften abnahm. Dann wurde sie gemieden und sogar gehasst.

Aber das war ihr stets gleich.

Auch hier ist es so. Während sie durch die kleine Stadt schlendert, spürt sie so etwas wie Verachtung.

Denn es ist eine jämmerliche Stadt, entstanden aus einem Mexikanerdorf, dessen Hütten mit Adobelehm gebaut sind. Die neuen Häuser, deren Besitzer zumeist angloamerikanischer Abstammung sind, wurden aus Holz errichtet. Es gibt vor diesen Bauten Plankengehsteige und vorgebaute Obergeschosse oder falsche Fassaden.

Obwohl diese Holzhäuser erst wenige Jahre alt sind, wirken sie schon recht ungepflegt und verwittert.

Diese Stadt erinnert Stella Ulvalde an einen Menschen, der es aufgegeben hat, beruflich voranzukommen und sich vernachlässigt, weil es ja doch keinen Sinn hat, was aus sich zu machen.

Stella sucht bald darauf den Mietstall auf, zu dem auch die Schmiede und der Frachtwagenhof gehören. Die Postkutschen bekommen hier auch ihre frischen Gespanne.

Jake Farrel, der so aussieht, wie man sich einen alten Weidereiter vorstellt – krummbeinig, falkengesichtig und verwittert – tritt ihr entgegen.

Sie erwidert seinen forschenden Blick ruhig und gerade, und dann lächeln sie sich an.

»Diese Stadt zerbricht sich den Kopf über Sie, Madam«, sagt er langsam. »Was kann ich für Sie tun? Ich bin Jake Farrel. Dort steht mein Name auf dem Schild. Wenn Sie einen sommersprossigen Bengel sehen, dann ist das mein Sohn.«

»Ich brauche ein Pferd«, erklärt sie, »welches ich reiten oder auch vor einen leichten Zweiräder spannen kann. Haben Sie zufällig solch ein Tier?«

Er betrachtet sie fest.

»Sie wollen hier herumreiten oder herumfahren? Hey, jetzt werden sich die Leute noch mehr ihre Köpfe zerbrechen. Ja, ich habe solch ein Pferd. Eine braune Stute. Wenn Sie mitkommen – ich habe sie in einem der hinteren Corrals. Auch den leichten Zweispänner können Sie von mir bekommen.«

Sie nickt. Und dann folgt sie ihm, klettert bald darauf in den Corral, wobei sie sich trotz des Kleides geschickt bewegt.

Die Stute kommt zu ihr, und der alte Jake Farrel steht dabei und sieht zu, wie sich diese grünäugige Frau mit dem Tier vertraut macht.

»Ich glaube«, sagt er nach einer Weile, »Sie kommen mit Tieren leichter und schneller zurecht als mit Menschen. Oder?«

Sie wendet sich nach ihm um. »Sie nicht, Mister Farrel?«

»Ja, ich auch«, gibt er zu. »Und deshalb gefallen Sie mir. Da ich ein alter Bursche bin, kann ich das sagen, nicht wahr?«

Sie nickt. »Und Sie fragen immer noch nicht, was ich hier will in Blanca Rosa?«

Er grinst und kratzt sich hinter dem Ohr. »Ich werde es schon noch erfahren«, sagt er.

Sie lachen sich wieder an. Dann werden sie schnell handelseinig, und als Stella Ulvalde dann den Mietstallhof verlässt, ist es schon fast elf Uhr vormittags.

Sie begibt sich auf dem kürzesten Wege zum Stadt-Office, in dem sich außer dem Marshal-Büro auch das Gefängnis befindet.

Rechts und links des Eingangs lümmeln zwei Männer an der Hauswand. Sie sehen aus wie Cowboys – und zwar solche von der besonders hartbeinigen Sorte, die schnell mit dem Revolver ist. Sie sind hartgesichtig, scharfäugig.

Einer tritt ihr in den Weg, greift an die Hutkrempe und grinst.

»Madam, Sie dürfen jetzt nicht stören«, sagt er. »Und das tut mir sehr leid. Denn ich würde Ihnen gerne jeden Wunsch erfüllen – jeden!«

Sein Grinsen wird stärker, und in seinen Augen funkelt es. Er ist ein Bursche von jener Sorte, die es stets auf diese Art versucht.

Sie sieht ihn ruhig an.

»Ich werde erwartet«, erklärt sie ihm sachlich. »Treten Sie zur Seite, Revolverschwinger.«

Er möchte lachen, einen Witz reißen, der zweideutig ist. Er möchte herausfinden, zu welcher Sorte sie gehört.

Und da sieht er, dass sie inzwischen aus einer Falte ihres Kleides einen kleinen Derringer geholt hat. Sie hält die Waffe so, dass der andere Mann sie nicht sehen kann. Ihre Tasche, die sie auf der anderen Körperseite gegen die Brust gedrückt trägt, versperrt ihm die Sicht.

»Treten Sie zur Seite«, spricht sie härter und macht zugleich einen ruhigen Schritt auf ihn zu, stößt ihn leicht mit der Schulter an, so dass er in Richtung des zweiten Mannes ausweichen muss.

Er traut sich nicht, nach ihr zu greifen. In ihren Augen erkennt er nun die Härte einer Spielerin, die einen hohen Einsatz wagt. Er weiß, dass sie ein Recht hätte, die kleine Waffe zu benutzen, würde er nach ihr greifen. In diesem Lande greift man nicht nach einer Frau.

Sie stößt die Tür auf und tritt ein.

Dem Manne, der hinter ihr nachdrängen will, schlägt sie die Tür vor die Nase, und drinnen wendet sie sich den drei Männern zu, die sich im Raume wie wartend verteilt haben.

Der Regierungsbeauftragte Tom Jenkins sitzt hinter des Marshals Schreibtisch.

Der Marshal selbst lehnt in der Ecke neben dem Gewehrständer, in dem sich vier Gewehre befinden, darunter eine Büffelflinte und ein Parker-Schrotgewehr.

Auf der Fensterbank sitzt Jessup Ballinger, und dieser ist es, der staunend auf die Frau starrt und dann mürrisch sagt: »Sie stören jetzt, Madam. Kommen Sie in zehn Minuten wieder. Wir haben hier eine Amtshandlung vorzunehmen.«

»Ich weiß«, erwidert sie.

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