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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 18

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Blizzard-John
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Kapitel 13
  16. Kapitel 14
  17. Vorschau

Blizzard-John

1

Es ist eine bitterkalte, schwarze Nacht, als er aus den Bitter Roots kommt und die Lichter von Two Dance so einladend vor sich aufleuchten sieht, als gäbe es dort Wärme, Menschlichkeit, Geborgenheit – eben ganz und gar eine heile Welt, die auf ihn wartet. Aber er weiß, dass diese warmen Lichter dort unten täuschen. Two Dance ist ein böses Nest, in dem sie sich alle den Winter über verkriechen, wollen sie in den Bergen nicht eingeschneit sein für endlose Wochen oder gar Monate. Hierher nach Two Dance kommen die Guten und die Bösen, aber selbst die Guten sind hier mehr oder weniger große Sünder. Denn auch sie betrinken sich, spielen Karten und kaufen sich eines der Mädchen für eine Stunde oder eine ganze Nacht. Manchmal prügeln sie sich mit anderen Burschen – oder jagen sich gegenseitig heißes Blei in den Leib.

Two Dance ist also böse. Wer hier überwintern will, muss zu jener Sorte gehören, die sich überall behaupten kann.

John Jennison wittert über die Schulter zurück nach Norden. Er ist ein Mann dieses Landes. Als Kind und später auch noch als Knabe lebte er bei den Nez Percés. Er kennt dieses Land, denn es ist ein Teil von ihm.

Jetzt kann er den Schneegeruch deutlich wittern. Ja, hinter ihm im Norden, in Kanada, brauen sich die Winterstürme zusammen. Das ist immer so.

Er reitet wieder an, zieht die beiden Packpferde an der Leine hinter sich her.

Die beiden Tiere sind schwer beladen mit Postgut jeder Art. Er übernahm die vielen Postsäcke in Leviston, folgte dem Palouje nach Nordosten und war zwei Tage später am Spokane. Von dort aus ritt er nach Osten und umritt den Creur d’Alène Lake, erreichte die Mission und nach fünf Tagen den St. Regis River. Er folgte diesem zum Hellgate und passierte das Cantonment Wright. An der Mündung des Deer Lodge wandte er sich nach Süden.

Und nun reitet er zu der bösen Stadt Two Dance hinunter.

Abermals denkt er über Two Dance nach, weiß, dass alle Sünden dieser Stadt nur unvollkommen hinter der Fassade verborgen gehalten werden – alle Sünden, die Menschen begehen können – und alle Leidenschaften, zu denen Menschen in enthemmtem Zustand fähig sind.

Ich werde wieder einige Narren, die mich noch nicht kennen, zurechtstutzen müssen, denkt er.

Er legt die halbe Meile bis zu den Lichtern fast gemächlich zurück und spürt dabei den kalten Schneewind im Rücken, der aus den Bitter Roots niederweht.

Er reitet dann in den Hof der kleinen Post- und Frachtstation und stößt einen scharfen Ruf aus. Die Tür der Agentur öffnet sich. Im herausfallenden Lichtschein wird der Posthalter Sam Summerlake sichtbar. Er kommt sofort heraus und hilft kräftig mit beim Abladen des Postguts.

Dabei reden sie einige Worte. Summerlake sagt: »Du hast es wohl vor dem ersten Blizzard gerade noch geschafft, Jennison. Glück gehabt. Keine Banditen unterwegs?«

»Die sind ja wohl schon alle hier«, erwidert John Jennison und hat ein grimmiges Lachen in der Kehle.

»Ja, so ist es wohl«, grollt der Posthalter. »Es ist wieder wie in den beiden vergangenen Jahren. Im Frühjahr wird es ein paar Gräber mehr geben. Aber dir muss ich ja nicht sagen, dass du auf dich achten sollst.«

John Jennison lässt nur ein leises Knurren hören und fragt dann: »Ist Bad-Bud O’Nally schon hier?«

»Seit drei Tagen und drei Nächten. Dies jetzt wird seine vierte Nacht. Und er ist noch böser und wilder geworden.«

Sie schaffen die Pferde in den Stall und versorgen die Tiere.

»Ich gehe erst einmal etwas essen«, spricht John Jennison dann. »Ich habe einen hungrigen Wolf im Bauch. Und dann lege ich mich beim Barbier in ein Badefass.«

Er geht aus dem Hof hinaus und wendet sich nach rechts in die Stadt hinein.

Der Schneewind aus den Bitter Roots riecht nun noch intensiver nach einem Blizzard.

Die einzige Hauptstraße von Two Dance ist hart gefroren.

Der Schnee wird also von Anfang an trocken und leicht liegen bleiben.

Aus den Häusern, Geschäften und Lokalen fallen Lichtbahnen. Der Wind weht den Rauch aus den Kaminen und Schornsteinen die Straße hinunter, und die Lichtbarrieren lassen ihn wie einen Goldschleier erscheinen.

Ein Reiter jagt mit einem Packpferd die Straße entlang, tief über den Hals des Pferdes gebeugt, unkenntlich in seiner Fellbekleidung in den kurzen Momenten, in denen er die Lichtbahnen durchquert. Über dem Packpferd liegt ein langes Bündel, fast wie ein Mensch in einem Schlafsack wirkend, den man über den Pferderücken warf und dort festzurrte.

Der Reiter jagt an John Jennison vorbei und stößt dabei einen wilden Schrei aus. Jennison sieht ihm nach, doch es ist nichts mehr zu erkennen. Die Nacht verschluckt ihn gewissermaßen mitsamt seinem Packpferd und dessen Last.

Wer mag es gewesen sein? Dies fragt sich John Jennison. Aber dann treibt ihn sein Hunger weiter. Als er Mikes Bratküche erreicht, geht er hinein, und die Wärme im Raum verschlägt ihm fast den Atem.

Er öffnet seinen Fellmantel, indes sich seine Augen an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnen. Gut ein Dutzend Gäste hocken an den zwei langen Tischen und füllen sich die Bäuche.

Einer ruft: »Hey, Blizzard-John, hast du es noch geschafft, ohooo!«

John Jennison grinst blinkend. Er ist ein dunkelhaariger, indianerhafter Mann. Er hängt seinen Fellmantel an einen Wandhaken, nimmt auch die Pelzmütze ab und setzt sich.

Sofort bekommt er einen großen Blechteller voller Bohnen und einem riesigen Elchsteak vorgesetzt, einen großen Topf Kaffee dazu.

Nun erst spürt er den bösen und nagenden Hunger so richtig. Er hat eine Menge von seiner Substanz verbraucht und muss seinem Körper neue Säfte zuführen. Und so geht es ihm wie allen anderen Männern hier. Auch er füllt sich den Bauch, als müsste es für eine ganze Woche reichen.

***

Eine halbe Stunde später sitzt er in der Badeanstalt des Barbiers in einem Badefass und bekommt auch die Haare geschnitten.

Ein Mann kommt herein und ruft: »Hört euch das an! Dieser verrückte Bad-Bud O’Nally hat im Mayflower House eines der Mädchen totgeschlagen, den Geldschrank ausgeraubt und ist dann mit einem der Mädchen geflüchtet. Jetzt ist er schon unterwegs in die Bitter Roots. Das musste ja mal so kommen mit diesem Ungeheuer. Der ist ja kein Mensch, der ist ein verdammtes Ungeheuer!«

Der Mann brüllt es immer lauter und wilder in den Baderaum, verschwindet wieder und knallt dabei die Tür zu.

John hockt bewegungslos im heißen, nach Flieder duftenden Badewasser.

Der Barbier ist fertig mit seinem Haarschnitt und verharrt ebenfalls.

Dann spricht er bitter: »Bad-Bud O’Nally … Ja, er ist ein Ungeheuer. Diese Stadt ist schon schlimm genug, aber ihn hätten wir nie hier bei uns dulden dürfen. Jetzt ist es geschehen, und niemand hat ihn aufgehalten, niemand wird ihm folgen in die Bitter Roots – schon gar nicht jetzt, wo wir wahrscheinlich noch in dieser Nacht den ersten Blizzard bekommen. Man kann ihn ja schon riechen.«

Er verstummt bitter.

Dann lässt er John Jennison allein im Badefass. Denn das Wasser ist noch sehr warm und duftet so gut. John Jennison genießt das Bad. Der Barbier wird ihm etwas später sauberes Unterzeug bringen. Und danach wird sich John Jennison wunderbar fühlen.

Eigentlich wollte er ins Mayflower House gehen zu seiner dicken Freundin May Mayflower, die dort die Chefin ist.

Aber wenn es dort einen Todesfall gab – und wenn eins der Mädchen geraubt wurde, da kann er wohl nicht erwarten, dass es dort Spaß und Freude für ihn geben könnte. Und vielleicht hat dieser Bad-Bud O’Nally das Mädchen sogar erschlagen, mit dem John Jennison sich gerne vergnügt hätte. Er fragt sich auch, welches Mädchen der Kerl mit sich nahm.

Dieser Reiter, über dessen Packpferd ein langes Bündel lag, muss Bad-Bud O’Nally gewesen sein. Er jagte gen Norden zu den Bitter Roots hinauf und dem Blizzard entgegen.

Das Mädchen kann einem nur leidtun.

Als der Barbier das saubere Unterzeug bringt und dafür das schmutzige einsammelt, da steigt John Jennison aus dem Badefass. Er fragt den Barbier: »Hast du schon was gehört? Stellt man ein Aufgebot zusammen?«

Der Barbier lässt ein verächtliches Lachen hören und spricht dann: »Wer reitet schon für ein Mädchen aus einem Hurenhaus einem Blizzard entgegen? Glaubst du, dass es da jemand in Two Dance gibt, der das macht? Hier gibt es keine edlen Ritter. Und wer würde sich schon mit Bad-Bud O’Nally anlegen dort in den Bergen?«

»Nur verrückte Narren würden es tun«, erwidert John Jennison. Er kleidet sich wieder an.

Der Barbier beobachtet ihn und sagt plötzlich: »Aber du könntest es mit ihm und dem verdammten Blizzard aufnehmen, John Jennison, nicht wahr? Du müsstest nur wollen. Du könntest es schaffen. Sie nennen dich Blizzard-John in diesem Land. Die Indianer gaben dir diesen Namen. In ihrer Sprache heißt das ja wohl ›Wasiya-John‹, oder irre ich mich da?«

»Nein«, grinst John Jennison. »Wasiya heißt Blizzard. Aber den Blizzardgott, also jenen mächtigen Burschen, der seine Söhne, die Blizzards, auf die Reise nach Süden schickt, den nennen sie Waniyetula. Ich lege mich im Bunkhouse der Station in die Falle.«

Er gibt dem Barbier fünf Dollar, setzt sich noch die Pelzmütze auf und tritt dann hinaus in die Kälte.

Ja, es wurde mächtig kalt. Und in der Ferne über den Gipfeln und Kämmen der Bitter Roots ist ein gewaltiges Heulen, so als wäre die Hölle aufgebrochen und kämen dort alle Untiere herausgesprungen.

Es ist das Heulen des Blizzards. Nun zucken auch Blitze wie gewaltige Explosionen hinter Nebelwänden. Aber John Jennison weiß, dass es kein Nebel, sondern Schnee und Blaueis ist.

Er beeilt sich, um schnell in sein Quartier im Bunkhouse der Post- und Frachtstation zu kommen. Im Haupthaus brennt kein Licht mehr. Der Agent hat sich also zur Ruhe gelegt.

Und bald liegt auch John Jennison in seiner Unterkunft auf einer der vier Lagerstätten. Zuvor machte er noch mal Feuer im eisernen Kanonenofen und füllte ihn mit harten Holzscheiten.

Denn es wird diese Nacht eiskalt werden dort draußen.

Er ist müde und ausgebrannt, war viele Tage und Nächte unterwegs.

Bevor er einschläft, denkt er noch mal an diesen Bad-Bud O’Nally, der in Mayflowers Hurenhaus ein Mädchen erschlagen, den Geldschrank ausgeraubt hat und mit einem anderen Mädchen geflüchtet ist.

Dieses Untier war schon immer verrückt, sagt er sich in seinen Gedanken. Das arme Mädchen kann einem nur leidtun, verdammt …

Aber dann ist er auch schon eingeschlafen. Draußen aber tobt nun der Blizzard über Two Dance, fällt über den kleinen Ort her wie ein mitleidloses Ungeheuer und beginnt es zuerst unter einem Blaueishagel und dann unter Schneemassen zu begraben.

Aber das ist fast jedes Jahr so.

Man hat sich darauf eingestellt. Man wird in den Betten liegen, im Saloon tage- und nächtelang Poker spielen, sich betrinken und ständig kräftig heizen.

Und irgendwann geht jedem Blizzard mal die Puste aus.

John Jennison ist sofort wach, als jemand ihn an der Schulter rüttelt. Er greift auch automatisch neben sich.

Denn dort liegt sein Colt.

Aber dann erkennt er seinen Besuch und staunt.

Denn bei ihm am Lager sitzt eine dicke Frau, eingehüllt in einen Pelz. Auch ihr schönes Gesicht wird von edlem Pelz eingerahmt. John Jennison kennt dieses Gesicht gut. Deshalb weiß er, dass zu diesem schönen Gesicht ein unförmiger Körper gehört. So ist das nun mal auf der Welt. Nur selten ist etwas vollkommen. Alles hat irgendwo eine Macke.

Er fragt: »May, warum hast du mich aus meinem schönen Traum geweckt?«

Indes er es fragt, hört er draußen das Orgeln des Blizzards und wird sich darüber klar, dass die dicke May Mayflower sich trotz des Blizzards bis hierher durch Eis und Schnee gewühlt hat, was für sie eine gewaltige Anstrengung gewesen sein muss.

Er setzt sich auf in seinem neuen, sauberen roten Unterzeug und zieht sich sofort die Decken bis unter das Kinn hoch. Es ist eisig kalt im Raum. Der Ofen ging längst aus.

»Ich mache wieder das Feuer im Ofen an«, spricht May Mayflower kehlig. »Und dann reden wir. Ich habe zu spät erfahren, dass du wieder hier in Two Dance bist. Erst als ich die Post bekam, da wurde es bei uns im Mayflower House bekannt.«

Sie erhebt sich nach diesen Worten vom Rand seines Lagers und beginnt am Kanonenofen zu hantieren, räumt die Asche heraus, füllt ihn mit Spänen und Anmachholz und zündet es an.

Es beginnt sofort zu prasseln, so dass sie mit harten Scheiten nachfüllen kann.

Sie setzt sich nun an den Tisch und öffnet ihren Pelzmantel, streckt die dicken Beine mit den Fellstiefeln von sich. Wie ein mächtiger Kloß hockt sie da auf dem Stuhl. Gewiss wiegt sie mehr als dreihundert Pfund, doch ihr Gesicht – nein, der ganze Kopf – sind wunderschön. Mit einem anderen Körper könnte sie eine der schönsten Frauen der Welt sein.

Sie spricht plötzlich hart: »Du musst ihn töten, dieses verdammte Tier, du musst ihn töten und uns Dee Boston zurückbringen. Er hat Rosy erschlagen mit einem einzigen Faustschlag. Er ist ein Tier. Auch meinen Geldschrank hat er ausgeräumt. Er ist ein böses Tier. Also, mein Freund, komm hoch und folge ihm. Bringe ihn um, so wie er eines meiner Mädchen umbrachte.«

Die kehlige Stimme der Dicken wird immer härter und schneidender. Als sie geendet hat, greift sie in die Tasche ihres kostbaren Pelzmantels und holt einen Packen Geld hervor.

»Die Mädchen haben gesammelt«, spricht sie etwas ruhiger. »Von ihrem Ersparten haben sie dreitausend Dollar zusammengebracht. Sie gehören dir, wenn du ihn umbringst und Dee zurückholen kannst. Du musst es tun, Blizzard-John. Wir alle wissen, du kannst es. Denn du bist der einzige Mensch von allen hier, der einen Blizzard besiegen kann. Also, mein Freund …«

Sie verstummt hart.

Dann wirft sie noch mal einige Holzscheite in den Ofen, der nun zu bollern beginnt.

John sitzt immer noch bewegungslos da und will es nicht glauben.

Verdammt, sie wollen ihn mit einer Prämie von dreitausend Dollar hinausjagen in den Blizzard. Er soll in diesem Blizzard ein menschliches Ungeheuer finden, es töten und ihm ein entführtes Mädchen abnehmen.

Das ist fast unmöglich – nein, nicht nur fast, es ist völlig unmöglich.

»Du und deine Katzen, ihr seid ja verrückt«, hört er sich sagen. »May, du bist total verrückt.«

»Und du bist mir etwas schuldig«, spricht sie da noch härter. Nun ist ihre Stimme nicht mehr kehlig, sondern klirrt metallisch.

John Jennison zuckt zusammen bei ihren harten Worten.

Ja, so ist es wohl. Er ist ihr etwas schuldig. Wahrscheinlich verdankt er ihr und ihren Mädchen sein Leben. Vor zwei Jahren nahmen ihn die drei Lonnegan-Brüder ins Kreuzfeuer und füllten ihn voll Blei. Er tötete sie zwar, angeschossen wie er war, Mann für Mann. Doch dann fiel er in bodenlose Tiefen und begriff erst Tage später, dass sie ihn im Mayflower House die Kugeln herausgeholt und gesund gepflegt hatten.

Ja, er ist May und deren Mädchen etwas schuldig.

»Ist das fair?« So fragt er böse.

Da nickt sie heftig. »Ja, es ist fair. Oder bist du der Meinung, dass Huren niemals fair sein können?«

Er schüttelt den Kopf. »Nur wer das Herz einer Hure hat, ist eine«, murrt er. »Aber als ihr mich zu euch ins Haus holtet, um mein Leben zu retten, da hattet ihr das Herz von heiligen Samaritern. Doch jetzt schickt ihr mich in den Tod.«

»Tot hättest du schon vor zwei Jahren sein können«, spricht sie abermals klirrend hart.

Da schweigt er eine Weile.

Irgendwie sieht es lächerlich aus, wie er da in seinem Unterzeug und mit der Decke nur noch halb bedeckt auf seinem Lager hockt. Und dennoch geht von ihm eine männliche Härte aus. Es ist keine böse Härte, nein, so ist es nicht. Aber wer ihn ansieht, der spürt, dass er einer von jener seltenen Sorte ist, die besondere Leistungen vollbringen kann.

May Mayflower wartet schweigend. Der Kanonenofen beginnt an einigen Stellen zu glühen, so sehr bollern in ihm die Flammen.

Doch die Dicke entledigt sich nicht ihres Pelzmantels.

Sie wartet bewegungslos. Ihre grünen Katzenaugen starren ihn an, zwingend, fordernd.

»O verdammt«, knurrt er endlich. »Ich will das Geld der Mädchen nicht. Aber ich brauche tausend Dollar, um Blue-Pete den Schlitten mitsamt den Hunden abkaufen zu können. Ich kann nicht auf einem Pferd gegen einen Blizzard anreiten. Ich muss den Schlitten mit den Hunden haben – und eine Menge Proviant und Futter außer der Ausrüstung. Ich will keine Kopfprämie, aber ich brauche dennoch etwas Geld, fast die Hälfte.«

»In Ordnung«, spricht May Mayflower. »Dann komm endlich in Gang, Blizzard-John. Hoch mit dir!«

Ja, sie ist erbarmungslos, wenn es darauf ankommt.

Und so erhebt er sich endlich, verharrt neben seinem Lager einen Moment in seinem Unterzeug und dehnt dann seinen prächtigen, hageren und zähen Körper.

Auch die Dicke erhebt sich.

»Diese Dee Boston …«, beginnt sie. »Dieses Mädchen ist eine Neue. Sie kam vor einigen Tagen hier an, aus Last Chance City, wie sie sagte. Sie hatte keinen einzigen Dollar mehr und wusste, dass sie hier würde überwintern müssen. Da kam sie zu mir ins Mayflower House. Sie wollte überleben, nichts anderes.« Er weiß, was ihre Worte zu bedeuten hatten.

Diese Dee Boston ist offenbar keine Hure gewesen, war aber dann bereit, eine zu werden, um in dieser harten Welt hier überleben zu können. Und offenbar hat sie sich in den wenigen Tagen das Mitgefühl von May und deren Mädchen erworben, aus welchen Gründen auch immer.

Deshalb wollten sie nicht nur Rache für jene, die Bad-Bud O’Nally erschlug, sondern auch die Rettung der anderen »Schwester«.

Er fragt, indes er sich anzukleiden beginnt: »Wen hat O’Nally erschlagen?«

»Rosy«, erwidert die Dicke.

»Und warum?«

»Weil Rosy sich ihm in den Weg stellte, als er Dee mitnehmen wollte. Da fegte er sie mit einem Faustschlag an den Kopf aus dem Weg. Sie war sofort tot. Er ist ein Untier. Töte ihn!«

May Mayflower geht nun hinaus. Als sie die Tür öffnet, fegt der Blizzard eine Menge Schnee herein, auch Eiseskälte. Dann hilft er May Mayflower, die Tür zuzuschlagen.

John Jennison verharrt wieder. Ja, er zögert. Er blickt sogar auf das Lager, so als wollte er sich im nächsten Augenblick wieder hinlegen, da ja die Dicke nun nicht mehr hier ist.

Doch dann flucht er nur wild, ganz so wie ein Mann, der sich in einer Falle fühlt.

»Ich muss es wohl tun«, grollt er schließlich. »Weil ich in ihrer Schuld bin, muss ich es wohl zumindest versuchen. Oha, warum bin ich eigentlich kein Dreckskerl? Die haben es oft besser auf unserer Erde. Die nehmen nur immer und bezahlen nie ihre Schulden. Warum gehöre ich zu jener Sorte, die ihre Selbstachtung nicht verlieren möchte?«

Aber es ist niemand da, der ihm eine Antwort geben könnte.

Wieder einmal ist er allein und wird es gewiss im Blizzard auch eine Weile bleiben.

Nur Hunde wird er bei sich haben, wenn Blue-Pete sie ihm mit dem Schlitten verkauft. Und das ist durchaus noch nicht sicher.

2

Blue-Pete, ein halber Nez Percé, hat es sich bequem gemacht in seinem Blockhaus am Rand von Two Dance.

Er liegt mit seiner Arapohesquaw unter dem Bärenfell, die er sich im vergangenen Sommer von ihrer Sippe gekauft hat. Er zahlte zwei Gewehre, drei Fässchen Handels-Whiskey, zwei Säckchen Zucker und ein Pfund Tabak dafür.

Dafür hält ihn Kanaskabeere, wie die Schöne heißt, angenehm warm und erfüllt ihm alle Wünsche.

Als John Jennison in die Hütte eindringt, Schnee und Kälte mit sich bringend, da zielt Blue-Pete mit dem Colt auf ihn, während er sich auf dem breiten Lager neben seiner Squaw aufrichtet.

»Fast hätte ich dich erschossen, John«, grollt er. »Hast du denn gar kein Benehmen, verdammt! Wie konntest du überhaupt den Querbalken aus den Halterungen bekommen?«

»Mit dem Messer«, erwidert John Jennison. »Die Spalten sind zu groß. Hey, Pete, ich bin gekommen, um mit dir ein Geschäft zu machen. Tausend Dollar für den Schlitten und die sieben Hunde. Gut so?«

Im Halbdunkel legt Blue-Pete den Revolver neben sich.

»Bist du verrückt?« So fragt er ernsthaft. »Ich verkaufe meine Hunde nicht. Sie sind wie meine Kinder. Es sind gute Hunde, besser als Menschen, verstehst du?«

»Deshalb will ich sie ja auch haben«, erwidert John Jennison. »Weißt du, ich muss eine Schuld bezahlen. Dieser Bad-Bud O’Nally …«

Er berichtet Blue-Pete alles, was geschehen war, und schließt mit den Worten: »Also verlangt die dicke May, dass ich meine Schuld bei ihr und ihren Mädchen bezahle. Und weil das so ist, muss ich auch deine Schuld, die du mir gegenüber hast, endlich eintreiben. Tut mir leid, Pete. Aber ich verspreche dir; dass ich mir Mühe geben will, dir die Hunde heil zurückzubringen.«

Pete sitzt nach diesen Worten eine Weile schweigend aufrecht auf dem breiten Lager. Die recht hübsche Squaw Kanaskabeere neben ihm bewegt sich ebenfalls nicht. Nur ihre Augen leuchten grün wie die einer Raubkatze im Halbdunkel.

Blue-Pete lacht plötzlich. Es ist ein grimmiges und fast böses Lachen.

»Siehst du, meine schöne Katze«, spricht er zu ihr nieder, »irgendwann muss jeder Mensch mal seine Schulden begleichen. Was meinst du, Rotbeere?«

Er nennt sie stets Rotbeere, denn Kanaskabeeren, dies sind rote Perlen. Diese Büsche haben im Indianersommer auch rotes Laub. Creeks, an denen sie wachsen, sind dann rot gesäumt und bieten ein prächtiges Bild. Mit dem roten Saft färben die Indianer ihre wunderschönen Lederarbeiten.

Rotbeere setzt sich nun ebenfalls auf, und da sie die Bärenfelldecke nicht mehr bis unter das Kinn hält, da sieht John Jennison ihren nackten Oberkörper. Ihre Brüste sind jung, fest und vollendet.

Sie sagt in englischer Sprache, die sie gewiss einst in einer Missionsschule lernte: »Er ist ein großer Krieger. Und auch du, Pete, bist ein großer Krieger. Alle großen Krieger begleichen ihre Schuld irgendwann.«

Da erhebt sich Blue-Pete leise fluchend vom Lager. Auch er ist nackt. Rotbeere und das Bärenfell müssen ihn sehr gewärmt haben. Er beginnt sich leise fluchend anzukleiden.

Dann gleiten sie beide hinaus in den tobenden Blizzard und haben Mühe, die Tür hinter sich zu schließen.

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