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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 17

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Scout-Ehre
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Kapitel 13
  16. Kapitel 14
  17. Kapitel 15
  18. Kapitel 16
  19. Vorschau

Scout-Ehre

Ein Halbblut und zwei weiße Revolvermänner hatten zwei von War Clouds Kriegern grausam zu Tode gefoltert, um von ihnen die Lage eines Goldverstecks zu erfahren. Ich, der Armeescout Sitta Riverkid, hatte davon natürlich keine Ahnung und glaubte, die Kavallerieabteilung mit der Kutsche durch friedliches Indianergebiet zu führen. Eine kleine Unvorsichtigkeit von mir genügte und wir saßen in der Falle. Der Häuptling nahm den Lieutenant und die beiden Frauen gefangen, und von mir verlangte er etwas geradezu Unmögliches: Ich sollte ihm die Mörder seiner Krieger bringen, nur dann würden die drei Geiseln am Leben bleiben! Was blieb mir anders übrig, als das Unmögliche zu versuchen? Schließlich ging es um drei unschuldige Menschenleben – und um meine Ehre als Scout …

Als wir den Kanaskaberry Creek erreichten, dessen Ränder von roten Beerensträuchern eingesäumt waren, führte ich die Eskorte ohne besondere Vorsicht oder gar Sorge zur Furt hinunter.

Der Creek war flach, breit und sandig.

Als wir mit der Kutsche mitten in der Furt waren, saßen wir in der Falle.

Das war mir sofort klar, als die Indianer vor uns auftauchten und sich zum selben Zeitpunkt solche auch hinter uns zeigten. Wir hätten im Creekbett nur noch aufwärts oder abwärts flüchten können. Doch da wären wir bald schon in den tückischen Treibsand geraten.

Ja, wir saßen in der Falle. Doch ich vermochte es noch nicht zu glauben, denn ich erkannte War Cloud, was ja soviel wie Kriegswolke hieß.

Er war zwar keiner der ganz großen Häuptlinge wie zum Beispiel Red Cloud –, aber auch kein kleiner unwichtiger Häuptling. Immerhin konnte sein Dorf mehr als zweihundert Krieger auf die Mustangs bringen, und da man diese Zahl bei einem Dorf mit fünf zu multiplizieren hatte, war er der Häuptling über etwa tausend Seelen.

Er sah prächtig aus auf seinem schwarzen Hengst, und obwohl er nur drei Adlerfedern im Haar stecken hatte, wirkte er schon allein durch seine Erscheinung wie ein Häuptling.

Ich kannte ihn gut, denn es gab eine Zeit, da lebte ich unter Indianern wie einer von ihnen.

Und eigentlich war das eine sehr glückliche Zeit, an die ich mich gern erinnerte. Und immer, wenn ich das tat, war ein Bedauern in mir, weil ich wusste, dass sie nie mehr wiederkehren würde.

Irgendwann hatte ich begriffen, dass ich ein Weißer war. Und von da an wollte ich wie ein Weißer leben. Vielleicht war das dumm von mir gewesen, doch es war nun mal so.

Ich sah aus dem Creekbett zu War Cloud hinauf.

Und in seiner Sprache – er war ein Oglala-Sioux sagte ich: »Hokahe, ich sehe dich, War Cloud. Du siehst nicht besonders freundlich aus. Gibt es einen Grund dafür, den du mir jetzt sagen wirst?«

Er nickte.

Dann deutete er auf die Kutsche.

»Die muss hier warten«, sagte er. »Und du kommst erst einmal mit. Denn ich will dir etwas zeigen. Es ist nicht weit von hier – nur eine knappe Meile. Wen hast du da in der Kutsche?«

Ich hob die Achseln und ließ sie wieder sinken. Am liebsten hätte ich ihm keine Antwort gegeben. Denn plötzlich roch ich den Verdruss wie den Gestank eines gereizten Skunks.

O ja, da war etwas, und es musste etwas Böses sein. O verdammt!

Ich wandte meinen Oberkörper nach rechts und blickte zurück.

Hinter mir hielt der junge Lieutenant, etwas seitwärts hinter ihm der Sergeant. Dann sah ich sechs Kavalleristen, die sich vor Angst fast in die Hosen machten. Denn es waren junge Bengels, die gerade erst ihre Rekrutenzeit beendet und noch niemals einen wilden Indianer gesehen hatten.

Hinter ihnen hielt die sechsspännige Kutsche. Und hinter der Kutsche hielten noch sechs Kavalleristen. Aber diese sahen mehr zurück als nach vorn. Denn hinter ihnen auf dem Creekufer war eine heidnische Pracht zu bestaunen. Da hielten auf bunten Pferden mehr als fünfzig Krieger, aufgeputzt wie die Tanzhallengirls. Sie trugen bunte Decken und allerlei Zierrat und mit Federn verzierten Kopfschmuck.

Sie mussten diesen armen Jungens aus dem Osten vorkommen wie Teufel aus der Hölle. Denn es ging etwas Bedrohliches von ihnen aus.

Der junge Lieutenant hinter mir sagte forsch: »Scout, sagen Sie ihm, er soll den Weg freigeben. Sonst jagen wir ihn und seine Bande mit dem blanken Säbel zum Teufel. Ich gedulde mich keine einzige Minute mehr länger.«

Ich staunte den Jungen fassungslos an.

Denn so dämlich konnte doch selbst das größte Greenhorn nicht sein. Aber in der gleichen Sekunde begriff ich, dass es keine Dummheit, sondern Arroganz war, eine unglaubliche Selbstüberschätzung, die man diesen Jungens auf der Offiziersakademie in West Point beibrachte.

Wenn man sie dann mit dem Offizierspatent losließ, hielten sie sich für etwas Besonderes. Und für die Leute aus dem Osten waren Indianer sowieso nur Wilde, denen man in allen Belangen überlegen war. Man musste nur entschlossen und furchtlos sein.

Oha, ich kannte sie gut diese arroganten Boys aus West Point.

Die meisten wurden hier nicht alt.

Der Lieutenant wartete nun darauf, dass ich seinen Befehl ausführen würde. Doch ich grinste ihn nur schief an und sagte leise aus dem Mundwinkel: »Der spricht fast so gut englisch wie Sie, Lieutenant. Und wenn Sie ihn noch mehr reizen, dann zieht er Ihnen die Ohren lang. Mann, wir haben nicht die geringste Chance gegen fast hundert Oglalas. Ja, es sind Oglalas, keine Zirkusindianer.«

Nachdem ich dies gesagt hatte, zog ich mein Pferd herum und ritt zur Kutsche. Hier beugte ich mich seitwärts so weit aus dem Sattel, bis ich hineinsehen konnte.

Und da sah ich sie nun hocken. Es war eine buntgemischte Schar von Passagieren. Fast alle wollten über Fort Reno und Fort Kearny hinauf ins Goldland von Montana. Der Wagenweg, auf dem wir uns befanden, war der Bozeman Trail.

Und eigentlich war der den Weißen bis vor kurzem von den Indianern als sicherer Wagenweg garantiert worden.

Doch offenbar hatte es neuerdings wieder Stunk gegeben.

Die Passagiere sahen mehr oder weniger angstvoll zu mir her. Manche waren schon grau im Gesicht. Es war nicht besonders warm, doch sie schwitzten.

Ich sah in die grünblauen Augen der Frau, die in einem Saloon von Laramie in einer Pokerrunde gesessen und gespielt hatte. Ich selbst verlor siebenundfünfzig Dollar an sie.

Ihr Blick war fragend. Ich grinste beruhigend.

Dann sah ich die andere Frau an.

Wegen ihr wurde diese Kutsche von der Armee eskortiert. Denn sie war die Frau eines Majors, der für die Regierung als Landvermesser und Kartograf tätig war und zurzeit mit seiner Mannschaft von Reno aus seine Arbeit verrichtete.

Auch diese Frau war mehr als hübsch, und sie benahm sich wie eine etwas unterkühlte Lady. Doch wenn ich in ihre Augen sah, da wusste ich instinktiv, dass sich unter ihrer Kühle eine Menge Feuer verbarg. Sie hieß Ann Baxter. Den Namen der Spielerin kannte ich nicht – noch nicht.

Ich sagte in die Kutsche hinein: »Schön ruhig bleiben, Ladys und Gentlemen. Dies ist gewissermaßen eine Regierungskutsche, in der man ein paar Zivilisten mitfahren ließ. Die Indianer werden es sich dreimal überlegen, dieser Kutsche etwas anzutun. Also bleibt ruhig, Leute.«

Schweigen folgte mir, indes ich wieder nach vorn ritt. Dabei überlegte ich mir, welche von den beiden Frauen ich retten würde, wenn ich zwischen ihnen wählen müsste: die Spielerin oder die scheinbar so kühle Lady, die zu ihrem Mann wollte.

Wie lange hatte sie wohl nicht in seinen Armen gelegen?

War sie verrückt nach ihm nach so langer Abstinenz?

Ich wischte diese Gedanken beiseite, ritt an dem jungen Lieutenant vorbei und zischte dabei zur Seite: »Mach jetzt nur keinen Mist, mein Junge, sondern warte, bis ich wieder zurück bin.«

Dann ritt ich aus dem Creekbett hinauf zu War Cloud.

Wir hatten als Knaben – als er noch keinen Kriegernamen hatte – zusammen gespielt, im Laramie River gefischt, und uns manchmal auch zum Spaß auf allen nur möglichen Gebieten im Wettkampf gemessen. Wir hatten gemeinsam sämtliche Mutproben bestanden. Einmal waren wir von einem hohen Baum gesprungen und hatten uns jeder das gleiche Bein gebrochen.

Nun sah er mich funkelnd an, denn es war keine Freundschaft mehr zwischen uns.

Jetzt war alles anders.

Er sagte knapp: »Komm!«

Dann ritt er voraus. Als ich mich ihm anschloss, folgten uns noch einige Krieger. Die anderen blieben bei der Kutsche und hielten diese mitsamt der Eskorte fest.

Warum wohl?

Als ich mich das fragte, war die Antwort eigentlich schon ganz einfach.

Die Kutsche mitsamt der Eskorte und den Passagieren war für sie gewiss ein Faustpfand.

Anders konnte es nicht sein.

Nun war ich gespannt darauf, was War Cloud mir zeigen wollte.

Der Weg zu der Stelle war tatsächlich nur eine knappe Meile weit.

Dann sah ich es.

Und mir wurde übel.

O verdammt, jetzt konnte ich War Cloud schon besser verstehen. Ich begann zu ahnen, dass die ganze Sache noch schlimmer war, als ich bisher vermutete.

Wir hielten an einem erloschenen Feuer, und es war kein normales Feuer, wie man es zum Kochen oder Braten verwandte.

In diesem Feuer hatte man zwei Indianern die Füße geröstet.

O Vater im Himmel, wie konnten Menschen so etwas tun!

Auch sonst waren die beiden Krieger böse zugerichtet worden. Es war sofort klar, dass man sie gemartert hatte, so wie es früher die Folterknechte des Mittelalters taten, damals, als der Hexenglaube die Menschen verrückt machte und man die unsinnigsten Geständnisse aus ihnen herauspresste.

Was für Geständnisse hatte man diesen beiden Kriegern entlockt?

Das fragte ich mich, indes ich würgte.

War Cloud sagte neben mir kehlig: »Und jetzt frage ich dich nochmals, wer in dieser Kutsche sitzt und von einer Eskorte begleitet wird? Wer ist so wichtig? Rede endlich.«

Ich sah ihn an, und ich war erleichtert, nicht mehr auf die beiden Toten sehen zu müssen.

Langsam erwiderte ich: »Die Frau des Regierungslandvermessers Major Phil Baxter. Du kennst ihn sicherlich oder hast von ihm gehört. Er hält sich zurzeit mit seiner Mannschaft in Fort Reno auf. Die anderen Passagiere sind unwichtige Zivilisten, die hinauf ins Goldland wollen, also zumindest bis Bozeman. Dass die Kutsche von einer Eskorte begleitet wird, ist eigentlich ganz zufällig, denn es handelt sich um Soldaten, die in Fort Laramie die Rekrutenausbildung beendet haben und die Besatzung von Fort Reno verstärken sollen. Es ergab sich einfach, dass sie die Kutsche eskortieren.«

Er nickte grimmig. Sein kalter Zorn traf mich wie ein Eishauch, indes ich in seine graugrünen Augen sah.

»Es ist ganz einfach«, begann er, »sehr, sehr einfach, Sitta Riverkid.«

Er sprach meinen Namen in klarem Englisch. Ja, das war mein Name, Sitta Riverkid. Ein verrückter Name, nicht wahr? Aber als man mich als kleines Kind aus einem Fluss fischte, war ich so klein, dass ich meinen Namen nicht wusste und auf Fragen immer nur »Sitta« sagte, weil ich noch nicht richtig sprechen konnte. Und Riverkid nannten mich meine Retter, weil sie mich ja als kleines Kind aus einem Fluss fischten.

Ich kannte meine Eltern nicht. Niemand kannte sie. Und wie ich in einem Holzbottich auf den Fluss kam, wurde auch niemals geklärt.

»Was ist einfach, Kriegswolke?« So fragte ich ihn, und es war eine böse Ahnung in mir, eine sehr böse und unheilvolle Ahnung.

»Es waren zwei weiße Mörder und ein Halbblut«, sagte er, »ein Halbblut, das wie ein Weißer lebt, also eigentlich drei Weiße. Und was wäre, wenn ich zum Colonel nach Fort Laramie ginge und von ihm verlangte, diese drei Mörder mit dem Tode zu bestrafen? He, was würde dann geschehen?«

Er sah mich mit glitzernden Augen an und wartete auf meine Antwort.

Ich zuckte resigniert die Achseln.

»Wahrscheinlich nichts – oder nicht sehr viel«, murmelte ich. »Denn die Beschuldigten würden alles abstreiten. Dann stünde Aussage gegen Aussage. Diese Schufte fänden gewiss auch noch Zeugen, die ihnen ein Alibi verschafften, also bezeugten, dass sie zu dieser Zeit ganz woanders waren. Der Colonel könnte nichts tun. Überdies würde die ganze Sache wahrscheinlich unter das Zivilrecht fallen. Und da hättet ihr Indianer noch weniger Chancen.«

Er nickte. »Gut, dass du nicht versuchst, mir etwas vorzumachen, Sitta Riverkid«, murmelte er. »Aber du hast lange bei uns gelebt, und deshalb bist du besser als die anderen Weißen. Du bist ein ganz großer Krieger, einer von der Sorte, die man auch als Feind achtet. Und deshalb habe ich Hoffnung, dass du alles noch für die Passagiere der Kutsche zum Guten wenden wirst.«

Ich spürte, dass da etwas auf mich zukam. Eine riesenschwere Last, die ich zu schleppen haben würde, die mich aber auch erdrücken konnte, wenn ich nicht stark genug war.

Und da ich nicht mehr länger in Ungewissheit bleiben wollte, fragte ich hart: »Was willst du von mir, Kriegswolke?«

»Die drei Mörder«, erwiderte er ebenso hart und knapp. »Bringe sie mir tot oder lebendig. Dann gebe ich die drei Gefangenen frei, die ich aus der Kutsche holen und mitnehmen werde.«

Nun war es heraus. Jetzt wusste ich Bescheid. Ich sollte für War Cloud gewissermaßen den Sheriff machen und für Gerechtigkeit sorgen, so wie War Cloud sie verstand.

Es war wirklich ganz einfach zu begreifen.

Heiliger Rauch, da saß ich aber mächtig in der Patsche!

»Wie soll ich die drei denn finden?« So fragte ich missmutig. »Glaubst du, dass dies einfach sein wird? Und wenn …«

»Du wirst sie finden können, wenn du nach Fort Laramie reitest und Blue Crow nach seinen beiden Begleitern fragst. Du kennst Blue Crow so gut wie ich. Er war eine Weile ein Wanderer zwischen den Rassen seiner Eltern. Als er ein Weißer sein wollte, wurde er schlecht. Frage ihn! Und dann bringe ihn mit den beiden anderen zu mir. Er war das Halbblut, von dem ich vorhin sprach.«

Er deutete bei seinen letzten Worten auf das Feuer und die beiden so schrecklich zugerichteten Toten.

»Und woher weißt du das, Kriegswolke?« Ich fragte es hart und böse, abwehrend und ganz so wie ein Mensch, der nicht will, dass man ihm eine unangenehme Sache auflädt.

Er erwiderte: »Gelbvogel sah sie aus der Ferne von hier wegreiten. Er konnte jedoch Blue Crow erkennen. Frag Blue Crow, warum sie Bibermann und Kleiner Donner gemartert haben. Was wollten sie von ihnen wissen? Weißt du, Riverkid, Bibermann und Kleiner Donner waren schon recht alte Krieger, die vor Jahren ihre Squaws verloren hatten und sich keine neuen mehr nehmen wollten. Sie sonderten sich etwas ab, waren Eigenbrötler, ritten eigene Wege. Aber sie gehörten immer noch zu den Kriegern meines Dorfes. Und wir lassen keinen von uns zu Tode quälen. Bring mir ihre Mörder. Und nun reiten wir zur Kutsche zurück.«

Er zog sein Pferd herum und ritt an.

Wir folgten ihm. Ich sah mich einmal nach den Kriegern hinter mir um. Oha, sie waren voller Ingrimm, und ein unversöhnlicher Hass gegen die Weißen brannte in ihnen.

Einige kannte ich, denn sie waren in meinem Alter. Als Knaben hatten wir zusammen gespielt, wenn die Stämme nach Fort Laramie kamen, das damals noch nicht der Armee, sondern den weißen Händlern gehörte und nur ein Handelsfort war.

Aber es gab keine Freundlichkeit mehr zwischen uns. Denn seit ich bei den Weißen lebte, hatte ich meine Seite gewählt. Und seitdem man die Büffel nur wegen ihrer Häute abschlachtete, die Eisenbahn nach Westen baute, Forts errichtete und in Montana Gold fand, steuerte alles immer mehr auf den großen Krieg zu.

Er würde bald kommen. Wir wussten es alle. Schon hatte es da und dort Scharmützel gegeben. Bald würden die Roten den Bozeman-Weg sperren, um die Goldsucher auszuhungern.

Und dann würde die Armee zuschlagen.

So würde es kommen.

Falls der gefährliche Funke nicht schon früher flog, wenn nämlich War Cloud die Frau des Majors mitnehmen sollte als eine der drei Gefangenen, die er aus der Kutsche holen wollte.

Ich trieb mein Pferd neben ihn und sagte: »Wenn du die Frau des Majors entführen solltest, wird die Armee nicht eher ruhen, bis sie dich gehängt hat. Ist dir das klar?«

Er sah mich an und nickte. Dann sprach er langsam Wort für Wort, indes wir im Schritt nebeneinander zurück zur Furt des Creeks ritten: »Es gibt schon lange keine Gerechtigkeit mehr für Indianer. Deshalb muss ich nun auf diese Weise handeln. Zwei meiner Krieger wurden bestialisch ermordet. Warum, wissen wir noch nicht. Aber ich will ihre Mörder. – Und was die Armee betrifft – nun, der Krieg kann jeden Tag losbrechen. Eigentlich haben wir ihn jetzt schon.«

Ich sagte nichts mehr.

Was sollte ich auch noch sagen?

Es war eine verdammte Sache. Weiße Schufte hatten zwei alte Krieger gemartert und getötet.

War Cloud wollte Gerechtigkeit.

Und ich sollte sein Werkzeug sein. Mit den drei Geiseln wollte er mich dazu zwingen.

Ich saß mächtig in der Klemme.

2

Als wir die Kutsche erreichten, also in den Creek ritten, da sah ich, wie der junge Lieutenant und dessen Reiter schwitzten. Nur der alte Sergeant war noch kühl und gelassen und kaute seinen Tabak.

Die Indianer kamen nun ebenfalls in den Creek und umgaben die Kutsche und die Eskorte im dichten Kreis. Ein Wink des Häuptlings hatte genügt.

In gutem Englisch sagte er laut genug: »Kommt heraus aus der Kutsche!«

Die Stimme des Lieutenants rief schrill: »He, Rothaut, dafür wirst du büßen! Hör nun auf damit, denn das nimmt die Armee nicht hin!«

Ich wandte meinen Kopf und sagte in seine Richtung zurück: »Halt das Maul, mein Junge, o verdammt, halte nur das Maul!«

Die Stimmung war gespannt. Denn fast hundert Krieger umgaben uns im dichten Kreis. Ihre Pferde schnaubten, tanzten im seichten Wasser der Furt. Wir konnten Pferde und Indianer riechen; es war ein strenger Geruch.

Wir befanden uns in dieser Wolke, waren eingekreist von Feindschaft.

Ich wusste, dass sie die jungen Soldaten bei der geringsten Kleinigkeit töten würden mit Lanzen, Kriegsbeilen und Keulen. Wenn dieser Lieutenant jetzt den kleinsten Fehler machte in seiner Arroganz, brach die Hölle los.

Wir hatten nur die Wahl zwischen Kapitulation oder Kampf. Und Kampf würde Tod bedeuten.

Wenn wir uns unterwarfen, dann nahm War Cloud nur drei Geiseln mit. Doch wenn wir uns zu wehren versuchen sollten, dann gab es ein Blutbad.

Sie kamen nun aus der Kutsche. Es waren neun Menschen, sieben Männer und zwei Frauen, denn die Kutsche war bis auf den letzten Platz besetzt.

Auch der Fahrer und dessen Begleitmann kletterten vom hohen Bock nieder in das seichte Wasser der Furt.

Und da standen sie nun und warteten. Einige zitterten vor Furcht, andere beteten lautlos. Man sah es an den Bewegungen ihrer Lippen. Die sieben Männer waren nichts Besonderes, zumeist arme Teufel, die im Goldland das Glück zu finden hofften.

Ich bewunderte die beiden Frauen.

Die Frau des Majors wirkte kühl und sehr beherrscht. Sie stand im seichten Wasser, das ihre Röcke nässte, und dennoch wirkte sie so, als stünde sie auf einem Parkett oder einem kostbaren Teppich. In ihrem Gesicht war Stolz und Verachtung.

Die andere Frau ließ erkennen, wie sehr sie eine Spielerin war.

Denn sie nahm alles hin wie schlechte Karten bei einem hohen Einsatz. Etwa so, als würde sie mit vier Assen gegen einen Royal Flash verloren haben, nachdem sie alles bis auf den letzten Dollar gesetzt hatte.

Sie war wahrscheinlich schon mehrmals in einer ähnlichen Lage gewesen und wusste, dass es auch wieder anders kam, wenn man lange genug durchhielt. Und so verharrte sie beherrscht.

War Cloud deutete auf die beiden Frauen.

»Die nehmen wir mit«, sagte er zu seinen Kriegern. »Und das junge Großmaul.«

Er meinte den Lieutenant.

Dann wandte er sich an mich: »Erkläre es ihnen, Riverkid. Sage ihnen, dass es von dir abhängt, was aus ihnen wird.«

Oha, er war ein kluger Bursche, denn nun legte er die ganze Last auf mich.

Es würde von mir abhängen. Er lud alles auf meine Ehre, auf meine Scoutehre.

Ja, so war es. Denn letztlich war ich in meiner Eigenschaft als Armeescout für diese Menschen verantwortlich, nicht der junge Lieutenant – und schon gar nicht der Sergeant.

Ich hatte sie in diese Falle geführt.

Ja, ich war verantwortlich.

Und so wandte ich mich an die Passagiere der Kutsche und sprach laut genug, dass es auch die Soldaten hören konnten.

Ich erklärte ihnen die Situation und sah vom Pferd aus die Frauen an.

Dann schloss ich mit den Worten: »Ladys, ich werde alles tun, um Sie und den Lieutenant freizubekommen. Doch ich weiß nicht, wie lange es dauern wird.«

Sie nickten wortlos. Die Spielerin, an die ich gestern noch siebenundfünfzig Dollar verloren hatte, leckte sich über ihre trockenen Lippen. Es waren wunderschöne Lippen; dieser Mund war lebendig, ausdrucksvoll, aber auch etwas gierig.

»Ja, Sie werden das schon machen, Lederstrumpf«, sagte sie schließlich.

»Wie ist Ihr Name, Lady?« Ich musste es plötzlich wissen, denn sie imponierte mir sehr.

»McCoy«, erwiderte sie. »Boston McCoy. Und Sie sind Riverkid, Sitta Riverkid. Das sagte mir gestern jemand im Spielsaloon. Wenn Sie uns nicht helfen sollten, Mister Riverkid, dann werden wir aus der Hölle auf Sie niederspucken. Kapiert?«

Oha, sie war hart und kühl.

»Ich weiß«, nickte ich. Dann sah ich Ann Baxter an. Sie war gelbhaarig und hatte braune Augen. Sie war genau das Gegenteil von der schwarzhaarigen und blauäugigen Spielerin Boston McCoy.

»Ich weiß«, sagte sie, »dass uns die Armee gewiss nicht lebend und unversehrt aus der Geschichte herausholen könnte. Dann versuchen Sie es also. Viel Glück.«

Das war alles.

Ich sah War Cloud an.

»Wohin muss ich sie dir bringen?«

Er schüttelte unwillig den Kopf.

»Wenn du sie hast – tot oder lebendig –, dann lege sie über ihre Pferde und reite einfach nach Norden. Meine Späher werden dich sichten. Irgendwann und irgendwo werde ich dann auf dich treffen und sie dir abnehmen.«

»Kann die Kutsche weiterfahren?«

»Nein«, sagte er hart. »Wir nehmen das Gespann mit, auch die Pferde und Waffen der Soldaten.

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Viel Spaß!



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