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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 160

Yellowstone John

Es war ein guter Winter. Meine beiden Packtiere hätten keine größere Last tragen können. Und jedes Fell meiner Ausbeute war erstklassig. Ich konnte in Fort Buford an der Yellowstone-Mündung in den Missouri gewiss zwischen drei- und viertausend Dollar aushandeln. Und das war eine »Menge Holz« für einen Jagdwinter.

Aber noch war ich nicht in Fort Buford. Erst musste ich aus den Bergen heraus und zwischen dem Musselshell und dem Yellowstone nach Osten. Und das war nicht einfach, denn die Indianer saßen gewiss nicht mehr in ihren Winterdörfern, sondern waren mit dem Frühling sehr viel tatendurstiger geworden.

Und wenn sie dann auf einen Burschen wie mich stießen, der mit seiner ganzen Winterbeute an kostbaren Pelzen unterwegs war, dann dankten sie ihrem »Wakan Tanka«, ihrem großen Geist. Das war ihnen nicht zu verdenken, denn sie hatten dann die Chance, mit einer einzigen Kugel oder einem Pfeil die Beute von fünf Monaten harter Trapperarbeit zu erwischen.

Ich sah mich also mächtig vor, während ich mich jeden Tag dreißig bis vierzig Meilen Fort Buford näherte.

Doch der Weg war verdammt weit – mehr als vierhundert Meilen.

Aber was waren schon vierhundert Meilen in diesem Land?

Ich kam die ersten Tage gut vorwärts und hatte keinen Verdruss. Es war Mai. Die Indianer nannten ihn »Monat der jungen Fohlen«.

Jawohl, hier im Land dreht sich fast alles um die Indianer. Sie waren hier noch die Herren. Und der Tag stand noch bevor, an dem sie Custers Regiment bis auf den letzten Mann vernichten sollten.

Wenn man in diesem Land als weißer Mann leben wollte, so musste man sich fast ständig Gedanken über die Indianer machen.

Ich kam bis zum Squaw Creek.

Als ich mitten in der Furt war, in der meine Pferde sich kaum auf den Hufen halten konnten, weil der Creek noch eine Menge Wasser aus den Hügeln brachte, da hatten sie mich.

Sie verstanden ihr Handwerk. Wahrscheinlich hatten sie schon vor zwei Tagen ziemlich genau gewusst, welchen Weg ich nehmen würde. Deshalb konnten sie hier alles gut vorbereiten und mich in aller Ruhe erwarten.

Und deshalb hatte ich unterwegs auch nichts von ihnen entdecken können.

Doch jetzt beachtete ich sie nicht sogleich, denn ich war damit beschäftigt, die Tiere mit der wertvollen Last durch den rauschenden Creek zu bringen.

Ich wollte nicht Pferde und Pelzwerk verlieren.

Doch als ich dann das östliche Ufer erreichte, da musste ich fürchten, noch etwas mehr zu verlieren – nämlich meinen Skalp.

Und der schien mir nicht minder wertvoll.

Es hatte keinen Sinn mehr, den Revolver zu schnappen. Und mit dem Gewehr musste ich noch langsamer sein. Das steckte noch im Scabbard.

Nun konnten mich nur noch gute Nerven retten.

Denn den roten Burschen da vor mir, der mit der mächtigen Büffelflinte auf mich zielte, kannte ich gut.

Ich grinste ihn an, nickte ihm dabei leicht zu und sagte: »Hokahey, ich sehe dich, Rothorn. Etwas mager bist du geworden im Winterzelt. Wenn du ein Stück weiter in die Richtung reitest, aus der ich kam, wirst du auf ein Rudel Antilopen stoßen. Sie stehen saftig auf der Frühlingsweide. Es tut mir gut, einen alten Freund wiederzusehen. Doch jetzt muss ich reiten.«

Ich tat so, als wollte ich anreiten und sei sicher, dass er zur Seite treten und mir den Weg freigeben würde.

Doch er tat es nicht. Ich konnte sehen, wie er mit dem Zeigefinger am Abzug den Druckpunkt nahm.

Und nun trennte mich nur noch der winzige Widerstand eines Gewehrschloss-Mechanismus vom sicheren Tod.

Ich ließ die Zügel sinken, entspannte mich und sah mich um.

Ich zählte ein volles Dutzend Indianer. Und sie alle zielten auf mich. Sie warteten nur auf ein Zeichen ihres Meisters. Und wahrscheinlich genossen sie das Spielchen, das Rothorn mir aufgezwungen hatte.

»Na schön, Rothorn«, sagte ich. »Sind die alten Zeiten auch für uns schon vorbei? Weißt du nicht mehr, welchen Spaß wir oft hatten, als wir beide noch in Laramie lebten?«

Er nahm das Gewehr herunter und nickte.

»Das ist vorbei«, sagte er. »Damals gehörte Fort Laramie noch friedlichen weißen Händlern und nicht der Armee. Damals gingen wir beide noch in die Missionsschule von Pater de Smet. Verdammt, damals war vieles anders. Jetzt ist Krieg! Die Soldaten haben Forts am Bozeman-Weg errichtet; Fort Phil Kearney zum Beispiel. Der Frieden ist gebrochen! Es ist Krieg. Und du bist jetzt weiß – und ich bin rot. Wir haben diesen Winter schon eine Menge weiße Jäger und Goldsucher getötet. Und das war nur der Anfang.«

Er sah mich an. Und er war wie ein großer und stattlicher Oglala Sioux, der das Zeug zu einem großen Häuptling hatte. Er war gewiss auch ehrgeizig genug. Doch mit den Häuptlingen der Roten war es damals auch schon so wie mit den Senatoren der Weißen – sie räumten dem Nachwuchs nur ungern das Feld.

Da musste solch ein junger Häuptling wie Rothorn, der sogar fünf Jahre die Schule der Weißen besucht hatte, schon eine Menge vollbringen, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Ich sah Rothorn an, wie er zögerte, wie zwei Kräfte in ihm kämpfen.

Sollte er mich töten oder laufen lassen?

Ich war ein Weißer – aber ich war auch ein Gefährte seiner Jugend.

»Vergiss nicht«, sagte ich, »dass meine Großmutter eine Cheyenne war. Wenn ihr also geschworen habt, jeden Weißen zu töten, so brichst du deinen Schwur nicht. Denn ich bin nicht völlig weiß, nicht wahr?«

Nun grinste er.

Dann gab er mir den Weg frei.

»Hau ab«, sagte er. »Aber nur mit deinem Sattelpferd. Ein, besseres Angebot bekommst du nicht.«

Er musste sein Angebot nicht wiederholen.

Ich gab die beiden Leinen meiner Packpferde sofort frei. Ich ließ die Ausbeute von fünf Monaten einsamer Winterjagd los und ritt langsam an. Dabei sah ich Rothorn fest in die Augen.

Er wusste, dass auch ich jetzt sein Feind war.

Denn ich ließ mir niemals etwas kampflos wegnehmen.

Das wusste Rothorn.

Bis jetzt hatten wir in meiner Muttersprache verhandelt. Aber ich verstand seine Sprache ebenfalls. Ich hörte einen seiner Krieger böse rufen: »Rothorn, das darf nicht sein! Wir müssen ihn töten!«

»Diesmal nicht, Gelbvogel«, erwiderte Rothorn. »Er war mein Freund. Und Freunden soll man eine letzte Chance geben. Es ist genug, dass wir seine Felle haben. Dafür bekommen wir von Red Shannan …«

Ich konnte nicht mehr hören, was er sonst noch sagte. Denn ich war schon zu weit weg. Außerdem machte der rauschende Creek zu viel Lärm. Rothorn hatte ohnehin nicht angenommen, dass ich seine Antwort überhaupt noch hören konnte. Sonst würde er damit noch einige Sekunden gewartet haben.

Doch meine Ohren waren erstklassig.

Ich wusste, was er bei dem Händler Red Shannighan, den die Indianer Red Shannan nannten, für meine Felle eintauschen würde.

Gewehre und Munition!

Das war es! Die Roten führten Krieg. Und dazu brauchten sie vor allen Dingen Waffen.

Ein junger Häuptling wie Rothorn wuchs in seinem Ansehen, wenn er seine Krieger gut bewaffnen konnte. Mit meinen Fellen kam er in dieser Beziehung ein hübsches Stück vorwärts.

Ich ritt weiter, denn ich wusste, dass sie mich noch eine Weile beobachten würden. Ich hielt auch nach der ersten Hügelkette noch nicht an. Erst nach der zweiten Hügelkette drehte ich mir aus einem Tabakrest eine Zigarette und dachte nach.

Ich konnte es drehen und wenden, wie ich wollte, an drei Dingen blieb ich immer wieder hängen.

Erstens wollte ich nicht auf meine Felle verzichten. Denn ich war keiner von jener Sorte, die schnell aufgibt.

Zweitens war es sicher, dass Rothorn jetzt mit meinen Pelzen zu jenem Händler unterwegs war, den die Armee eines Tages aufhängen würde, weil er den Indianern Schnaps und Waffen verkaufte.

Und drittens lag irgendwo in der Nähe Rothorns Winterdorf. Es war gewiss nicht groß, denn ein junger Häuptling gebietet nur über wenige Zelte. Wahrscheinlich waren all seine Krieger mit ihm unterwegs – die Tipis mithin kaum geschützt.

Plötzlich wusste ich, wie ich wieder zu meinen Fellen kommen konnte!

Oha, so schnell gab ich nicht auf! Nicht ich, John Jones, den sie überall nur Yellowstone John nannten.

Den Namen bekam ich einst, nachdem ich mit einem mächtigen Holzfloß auf dem im Hochwasser tobenden Yellowstone eine Wettfahrt gegen Jim Buchanan gewonnen hatte. Jim hatte sich bis dahin für den besten Floßkapitän gehalten – doch damals war sein Floß auf den Felsen am Buffalo Rock zerschellt, weil seine vier Rudermänner nicht gut genug waren.

Nun, ich machte mich wieder auf den Weg.

Eine Stunde später fand ich die Fährte der Indianer, die von ihrem Dorf zur Furt des Creeks führte.

Eine frische Fährte gab es nicht. Also war klar, dass Rothorn zum Händler Red Shannighan unterwegs war.

Ich ritt zum Dorf, um mir ein Pfand zu holen.

Denn das war der ganze Trick. Ich brauchte etwas, was Rothorn wertvoller war, als meine Pelze.

Die Zelte standen etwa zwölf Meilen weiter nördlich am gleichen Creek. Es waren nur wenige Zelte. Ich zählte nicht einmal ein Dutzend.

Es gab eine Faustregel, nach der man fünf Köpfe auf jedes Zelt rechnete. Also beherbergte dieses kleine Dorf um die Hundert Menschen. Auf zwei oder drei Dutzend Krieger kamen ebenso viele Frauen. Dann gab es noch Alte – und schließlich eine Menge Kinder jeden Alters.

Im Licht der Abendsonne sah ich mir das Treiben eine Weile aus sicherer Deckung an. Viele der älteren Indianer dort kannte ich. Sie würden mich auch noch kennen.

Ein Hund kam den Hügel heraufgehetzt, auf dem ich unter Bäumen im Sattel verhielt.

Der Hund war einer von jener Sorte, die nicht bellt, sondern nur böse knurrt und dann sofort zubeißt.

Als er vor den Hufen meines Pferdes stand, knurrte er leise. Und mein grauer Wallach machte sich schon auf der Vorderhand leicht, um auskeilen zu können.

Doch ich sagte wie ein Indianer zu dem Hund: »Hau ab mit deinen Flöhen! Hau ab, bevor ich dir Beine mache!««

Diese Sprache verstand er.

Er knurrte nun nicht mehr, doch er witterte. Aber auch da war nichts anders. Ich hatte lange genug als Trapper in den Bergen gelebt, um nicht wie ein Weißer zu riechen.

Nach einer Weile verlor der Hund das Interesse. Und ich war zufrieden. Denn er war wahrscheinlich der klügste Hund des Dorfes. Er hatte mich gefunden. Doch wenn er mir die ganze Meute auf den Hals geholt hätte – oha!

Ich hatte bald schon heraus, wo die Frauen des Dorfes das Wasser holten. Es war eine noch weiter flussaufwärts gelegene Stelle.

Und ich kannte Rothorns Frau.

Sie liebten sich. Das wusste ich.

Sie kannte auch mich. Denn einst hatte sie mit uns die Missionsschule besucht. Schon damals hatte sie mir gefallen.

Sie kam im letzten Licht des sterbenden Tages. Sie hatte eine alte Frau bei sich, ihre Mutter. Die Frauen wollten Wasser holen.

Ich musste schnell handeln. Denn jeden Augenblick konnten weitere Frauen des Dorfes auftauchen.

Als sie sich auf den Steinen im Wasser niederließen, um das reine Wasser aus der Creekmitte zu schöpfen, da ritt ich aus den Büschen hervor. Die Dämmerung hatte mir die ganze Zeit zusätzliche Deckung gegeben.

Als sie mein Pferd hörten, waren sie arglos. Ihrer Meinung nach konnte nur ein Angehöriger ihres Dorfes hier herumreiten. Sie sahen mit einer ruhigen Kopfbewegung zu mir her.

Honigbiene erkannte mich sofort. Ja, sie hieß Honigbiene, und dieser Name passte zu ihr. Ich hatte sie vor zwei Jahren zum letzten Mal gesehen. Doch sie erkannte mich trotz der Dämmerung auf Anhieb.

Ihre Mutter öffnete den Mund zum Warnschrei, doch ich sagte schnell: »Nicht rufen, Tante Mondschein. Ich bin es, John-John!«

Bei den Indianern hieß ich John-John. Sie hatten sich niemals um die Unterscheidung zwischen John und Jones bemüht.

Die beiden Frauen standen da und sahen zu mir auf. Ich sagte ruhig: »Rothorn hat mir die Pelzausbeute eines langen Winters geraubt. Und nun ist er damit zu Red Shannan unterwegs. Er soll mir meine Pelze nach Fort Buford bringen, zur ersten Hütte am Fluss stromauf. Dann bekommt er Honigbiene zurück.« Indes ich noch die letzten Worte sprach, griff ich mir die junge Indianerin und nahm sie zu mir aufs Pferd.

Sie wehrte sich nicht sehr. Es hätte auch wenig Sinn gehabt.

Und dann ritt ich durch den Creek nach Osten – mitten in die Nacht hinein.

Hinter mir brüllte und kreischte die Alte.

Doch es war zu spät.

Ich hatte mir Rothorns kostbarsten Besitz geholt.

Oha, Rothorn würde bald Bescheid wissen. Einer der Jungen aus dem Dorf war jetzt gewiss schon auf einem schnellen Pferd auf dem Weg zu Red Shannan.

Daran dachte ich, als ich mit Honigbiene in die Nacht ritt. Ich hielt sie vor mir. Sie war voller Leben, geschmeidig, eine junge, hübsche Frau. Sie war eine der schönsten Indianerinnen, die ich kannte. Sie gehörte dem Stamm der Arapaho an, bevor sie Rothorns Frau wurde.

Nachdem wir drei Meilen geritten waren, sagte sie: »Pierre wird dich töten, John Jones. Oder du wirst ihn töten. Einer von euch wird sterben.«

»Er hat meine Pelze gestohlen«, sagte ich. »Also musste ich ihm etwas nehmen, was ihm mehr bedeutet als meine Pelze. Auch für mich wärst du kostbarer. Ich habe dich schon früher sehr gemocht; schon damals als kleines Mädchen, als du in Laramie in die Missionsschule kamst und manchmal in der Nase bohrtest.«

»Pah«, schnaubte sie nur. »Ich kenne keinen Menschen, der nicht in der Nase bohrt. Aber auch ich mochte dich schon früher John Jones. Ich war sehr froh und glücklich damals, dass wir alle gute Freunde waren. Aber diese Zeiten, da Weiße und Rote bei Fort Laramie Handel trieben und gute Tage hatten, sind längst vorbei. Und dennoch … Ich mochte dich immer schon, John Jones.«

Sie redete in meiner Sprache, die sie gut beherrschte. Ihre Aussprache war nur etwas kehlig, und ihre Stimme war dunkel und von der Art, die einem Mann unter die Haut gehen konnte.

Nun, ich war ein wilder Bursche in einem wilden Land. Ich war ganz gewiss kein Gentleman. Und ich hatte schon viele Monate keine Frau gesehen.

Jetzt hielt ich eine Indianerin in den Armen. Ich spürte ihren Körper. Ihre Worte machten mich irgendwie verrückt. Und so küsste ich sie.

Oh, sie konnte küssen.

Und ich war einen Moment selig. Ich vergaß für diesen Augenblick alle meine Schwierigkeiten.

Aber dann wäre ich fast nicht nur vor Seligkeit in den Himmel geschwebt. Es hätte sich um ein Haar, auch meine Seele selbstständig gemacht.

Dass Honigbiene mir den Colt aus dem Holster genommen hatte, während sie mich küsste, merkte ich erst, als sie mit dem Daumen den Hahn spannte.

Das metallische Knacken holte mich in die Wirklichkeit zurück.

Vielleicht hätte das schöne Biest es dennoch geschafft, aber es war etwas umständlich für sie, die Mündung in meine Seite zu drücken. Es dauerte ganz einfach zu lange.

Ich stieß ihren Arm zur Seite und schlug ihn nach hinten. Der Schuss verbrannte nur mein Hemd und sengte etwas meine Haut über dem Gürtel.

Dann warf ich sie einfach vom Pferd, sprang hinterher und erwischte noch ihren linken Fuß, sodass sie wieder stürzte. Ich warf mich über sie – und da gab sie auf.

Doch ich tat ihr nichts – gar nichts. Ich versuchte auch nicht mehr, sie zu küssen.

O nein, sie besaß meine ganze Achtung. Sie hatte die Waffen einer Frau eingesetzt gegen einen Mann, der sie mit Gewalt entführen wollte. Das war ihr gutes Recht.

Nun lag sie keuchend unter mir. Sie war eine Indianerin, die ihren Mann liebte und mir den Tod wünschte.

Ich erhob mich langsam und nahm meinen Colt vom Boden auf. Da sie einen Schuss abgefeuert hatte, lud ich die leere Trommelkammer auf. Denn eine einzige Kugel konnte mir schon sehr bald fehlen. In solchen Dingen durfte man in diesem Land nicht nachlässig werden.

Dann rief ich mein Pferd. Als ich aufsaß, brauchte ich nichts zu sagen. Honigbiene saß hinter mir auf. Sie trat in den freien Steigbügel, griff an meinen Gürtel und schwang sich hinter mich. Meinen Colt hatte ich weit genug nach vorn gerückt, sodass sie ihn nicht greifen konnte. Dann ritten wir schweigend weiter.

Erst nach zwei weiteren Meilen sagte sie: »Hüte dich, John Jones! Ich werde jede Gelegenheit benutzen, dir zu schaden. Denn ich bin Rothorns Frau. Und er ist nicht mehr der Pierre Redhorn aus der Missionsschule, sondern Rothorn, der Oglala-Häuptling, der Feind aller Weißen. Ich bin seine Frau. Hüte dich, John Jones.«

»Sicher«, sagte ich. »Darauf kannst du dich verlassen. Und wenn du deine Hände von meinem Gürtel nehmen solltest, um vielleicht das Messer aus meinem Stiefelschaft zu holen, dann muss ich dich binden und quer über das Sattelhorn legen.«

Ich sagte es bitter.

Denn ich spürte noch ihre Lippen. Ich würde ihren Kuss nicht vergessen, obwohl er eine Lüge war. Doch sie hatte mich spüren lassen, was für eine Frau sie dem Mann sein konnte, den sie liebte.

Oh, ich wusste, dass Rothorn mir für sie gewiss nicht nur meine eigenen Felle zurückgeben würde. Sein Leben würde er für Honigbiene geben.

Am Abend des folgenden Tages waren wir achtzig Meilen weiter, und so manche Meile mussten wir zu Fuß bewältigen, weil mein grauer Wallach uns nicht fortwährend tragen konnte und eine einzige Meile uns vielleicht am Ende an Vorsprung fehlen würde.

Wenn Honigbiene vor mir ging, musste ich immerzu ihre geschmeidigen Bewegungen bewundern. Und dann dachte ich wieder an ihren Kuss.

Verdammt noch mal, was war dieser Rothorn für ein Glückspilz!

Wir erreichten an diesem Abend den Crazy Fork.

Und da roch ich das Feuer.

Es war ein Feuer, wie es Weiße zum Kochen anzündeten. Es war kein Indianerfeuer. Das war mir recht, denn Weiße hielten in diesem Land gegen Indianer zusammen.

Einen Moment hoffte ich sogar, auf eine Armeepatrouille zu stoßen. Aber es erwies sich als Irrtum. Als ich das Feuer anrief, antwortete mir eine Stimme, die mir bekannt vorkam. Doch ich erinnerte mich nicht sofort an ihren Besitzer. Ich war zunächst mal froh, überhaupt die Stimme eines Weißen zu hören. Und ich hatte die Hoffnung, ein zweites Pferd für meine Gefangene zu bekommen. Denn mein grauer Wallach konnte es allein nicht schaffen. Selbst einige Stunden Rast würden ihn nicht wieder völlig zu Kräften bringen.

Ich erkannte am Rand des Feuerscheins im Schutz einiger elefantenhoher Uferfelsen eine Reihe von Pferden. Sie waren nebeneinander an ein ausgespanntes Lasso gebunden. Ein paar Sättel und Packen lagen beim Feuer. Ein Kessel darüber dampfte. Es roch nach Kaffee, gebratenem Speck und Pfannkuchen.

Die Männer hatten sich vom Feuer entfernt. Das war üblich, denn sie wussten ja nicht, wer kam.

Ich sah ihre Silhouetten da und dort – wachsam, lauernd, abwartend.

Aber dann rief eine andere Stimme: »Das ist Yellowstone John! Und seht euch das Girl an, das er bei sich hat.«

In die Stimme des Mannes trat ein besonderer Klang. Es war eine wilde Freude, und vielleicht war sie auch schon gierig.

Ich war mit Honigbiene das letzte Stück zu Fuß gegangen. Mit der Rechten hielt ich die Hand der Indianerin. Die Linke lag dicht am Revolverkolben. Oh, ich konnte es mit jedem Revolverkünstler aufnehmen und mit meinem Colt eine richtige Hölle loslassen.

Mein grauer Wallach folgte uns wie ein Hund.

Und als wir anhielten, kamen die Männer näher, um sich die Indianerin anzusehen.

Mich kannten sie.

Und ich kannte die meisten zumindest vom Sehen. Denn alle tauchten dann und wann in Laramie auf. Nach Laramie kamen sie alle, die in diesem Land lebten. Laramie war das Tor nach Montana und nach Oregon. Laramie war zugleich auch der letzte »Hafen« der Wagenzüge, bevor sie sich ins »Indianermeer« wagten.

Zwei der Burschen kannte ich besonders gut. Ich hätte weit und breit kein härteres und böseres Rudel finden können. Das hier waren hartgesottene Montana-Wölfe.

Und die beiden Nummern, die ich genau kannte, waren Jack Buchanan und Sloan Slade. Jack Buchanan war der Bruder von Jim Buchanan, und mit Letzterem hatte ich damals die Floßfahrt ausgetragen. Jack war ebenfalls mit auf dem Floß seines größeren Bruders gewesen, auch Sloan Slade. Beide waren nicht meine Freunde.

Nun grinsten sie mich an.

Sie hatten die Niederlage nie vergessen. Damals waren sie alle noch relativ ehrlich. Das Floß, das sie im Fluss verloren, hatte sie eine Menge Arbeit gekostet. Es waren Riesenstämme von edlen Hölzern.

Ich sah mich um, ob auch Jim Bachmann im Camp war.

Aber er war es nicht. Jack Buchanan und Sloan Slade waren die Leitwölfe dieses rauen Rudels.

Sie starrten immer noch auf die Indianerin.

»Die hat ’ne Menge unter der Bluse«, sagte einer.

»Gerade richtig für mich.« Sloan Slade grinste. »Hast du sie für ein paar Pferde und einige Flaschen Feuerwasser eingetauscht, Yellowstone John?«

Ich gab keine Antwort darauf. Es hatte keinen Sinn, sich mit ihnen auf einen Disput einzulassen.

Das führte nur zu Verdruss, denn sie fühlten sich als Rudel stark und wollten in solchen Situationen gewiss ihren Spaß haben und ihre Überlegenheit zeigen.

Weil sie so wenig taugten, brauchten sie diese Gefühle der Überlegenheit.

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