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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 16

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Büffeltöter
  4. Kapitel 1
  5. Kapitel 2
  6. Kapitel 3
  7. Kapitel 4
  8. Kapitel 5
  9. Kapitel 6
  10. Kapitel 7
  11. Kapitel 8
  12. Kapitel 9
  13. Kapitel 10
  14. Kapitel 11
  15. Kapitel 12
  16. Kapitel 13
  17. Kapitel 14
  18. Kapitel 15
  19. Vorschau

Büffeltöter

Der Büffel war das größte aller amerikanischen Säugetiere. Er wurde bis zu drei Meter lang und bis zu tausend Kilogramm schwer, konnte also eine Tonne wiegen.

Es gab etwa vierzig bis fünfzig Millionen Büffel auf den Prärien zwischen Kanada und Mexiko, aufgeteilt in vier große Herden.

Als die Eisenbahnlinien weit genug nach Westen vorgedrungen waren und auch die Schiffe vom Ohio in den Mississippi und weiter den Missouri hinauf eine gewaltige Transportkapazität möglich machten, begannen Büffeltöter die Tiere zu Hunderttausenden abzuschießen.

Binnen zwölf Jahren waren die Büffel bis auf einen kläglichen Rest von etwa tausend Tieren abgeschlachtet. Nur wegen ihrer Häute. Ihre Kadaver verkamen auf der Prärie – und später sammelten Siedler die Knochen für die Düngerfabriken im Osten.

Aber nicht nur schnödes Profitstreben war die Ursache für die Ausrottung dieser Tiere, auch die unvorstellbare Armut vieler Menschen nach dem blutigen Bruderkrieg war daran schuld.

Tausende von entlassenen Kriegsveteranen wurden damals Büffeltöter.

Man konnte diese Büffeltöter nicht als Jäger bezeichnen. Denn den Büffel musste man nicht jagen. Es war unwahrscheinlich leicht, Hunderte von Büffeln aus einer lagernden Herde abzuschießen, ohne dass die Herde die Flucht ergriff. Die Büffel besaßen keine natürlichen Feinde, bis der Mensch sie auszurotten begann.

Die Indianer töteten nur so viele Büffel, wie sie zum Leben nötig hatten.

Die Büffel wären heute ausgestorben, hätte die amerikanische Bison-Gesellschaft Ende der siebziger Jahre nicht die tausend überlebenden Tiere in einen Nationalpark getrieben und unter Naturschutz gestellt.

G. F. Unger

1

Es ist gegen Ende der Nacht, als Ben Chadwick aus dem Fair Play Saloon von Kansas City kommt und solange im Lichtschein der Lampe verharrt, dass seine Brüder Jack und Kirby ihn gewiss erkennen können.

Sie treten auch sofort aus der gegenüberliegenden Gasse auf die staubige Fahrbahn heraus und winken ihm zu.

Ben Chadwick tritt an den Rand des Plankengehsteigs und scheint dort durch tiefes Ein- und Ausatmen die frische Luft der sterbenden Nacht zu genießen, als hinter ihm ein weiterer Gast den Spielsaloon verlässt. Auch dieser Mann verharrt erst einmal, um frische Luft in seine Lungen zu pumpen.

Es wurde endlich still in Kansas City.

Die Stadt ist das große Ausfalltor nach Westen und Norden. Hier sammeln sich Glücksjäger, die sich jetzt nach dem Krieg nach irgendwelchen Chancen umsehen und diese im Westen oder Norden vermuten. Denn im Westen liegt das weite Land, das wie sie glauben, nur darauf wartet, von ihnen in Besitz genommen zu werden.

Und im Norden – hoch oben in Montana –, da wird Gold gefunden.

Ben Chadwick wendet sich zur Seite und sieht den hinter ihm aus dem Saloon herausgekommenen Mann an.

»Das tut gut, nicht wahr?« So fragt er. »Reine Luft kann einen nach dem Gestank dort drinnen fast umhauen. Und die Stadt ist jetzt so still und friedlich. Ich glaube, wir wohnen im selben Hotel.«

»Dort sah ich Sie noch nie«, erwidert der andere Mann.

»Weil Sie zu spät frühstücken«, erwidert Ben Chadwick und hat ein amüsiertes Lachen in der Kehle. Er wendet sich nach rechts und wartet nicht ab, ob der andere Mann mit ihm geht, sagt nur über die Schulter: »Nun, gehen Sie mit?«

Er tritt vom Plankengehsteig hinunter in den Staub der Fahrbahn und überquert diese schräg zur anderen Seite hinüber. Nun erst folgt ihm der andere, der wie ein berufsmäßiger Spieler gekleidet ist, also einen schwarzen Anzug trägt, mit einem gefältelten Hemd und einer dicken goldenen Uhrkette über der Brokatweste. Er macht ein paar lange Schritte und holt Ben Chadwick ein.

Dies beweist aber nur, dass er ein erfahrener Bursche ist. Denn er sah, dass Ben Chadwick einen Revolver im Holster trägt. Und da er selbst wahrscheinlich nur einen kleinen Taschencolt, vielleicht nur einen Derringer, bei sich hat, muss er jeder Gefahr möglichst nahe sein.

Mit einem ausgewachsenen Colt trifft man besser auf größere Entfernung als mit einer kurzläufigen Waffe. Dies berücksichtigt dieser Spieler in der stillen Stunde zwischen Nacht und Morgen hier auf der Main Street zu Kansas City.

Ben Chadwick ist jedoch schon stehen geblieben und wartet auf ihn, kaum dass sie jene Gassenmündung überquert haben, in deren Dunkelheit sich seine Brüder verborgen halten.

Als der Spieler bei ihm ist, sagt Ben Chadwick: »Hatten Sie heute Erfolg beim Pokern?«

»Was geht Sie das an?«, fragt der Spieler unwirsch zurück und hält etwa drei Yard vor Ben an. Aber er achtet dabei nicht auf die dunkle Gassenmündung rechts hinter sich.

Aus dieser Gasse kommt nun das Ende einer langen Maultiertreiberpeitsche und wickelt sich wie eine Schlange um den Hals des Spielers.

Dann taumelt er auch schon – von einem Ruck gezogen – nach hinten.

Jack und Kirby Chadwick empfangen ihn in der Gassenmündung, und er hat keine Chance mehr mit seinem kleinen Taschencolt, weil er instinktiv nach der würgenden Lederschnur der Peitsche greift.

Ben Chadwick aber ist mit zwei Sprüngen bei ihm und jagt ihm die Faust in die Magenpartie.

Dann haben sie ihn und schleifen ihn tiefer in die Gasse hinein, die von den Seitenwänden der Häuser gebildet wird und so eng ist, dass ein Mann sie von Hauswand zu Hauswand mit ausgebreiteten Armen sperren könnte.

Der Spieler kommt wieder einigermaßen zu sich, überwindet seine Atemnot und auch die bösen Schmerzen in der Magengegend. Denn Ben Chadwicks Faust traf ihn fast wie ein Huftritt.

»Oh, ihr Hurensöhne«, keucht er, »das habt ihr wirklich gut gemacht. Aber dennoch seid ihr armselige Straßenräuber. Habt ihr denn keinen Stolz, euch anders zu ernähren?«

»So wie du es tust mit Kartentricks, gezinkten Karten und einem Derringer im Ärmel?« Ben Chadwicks Frage klingt hart und unversöhnlich.

»Immer noch besser als Straßenraub«, keucht der Spieler.

»Du heißt Coffee«, sagt Ben Chadwick. »Wir sind schon seit der Sache in Saint Louis hinter dir her.«

»Welche Sache?« Jed Coffee, der Spieler, fragt es ahnungsvoll, und es ist keine gute Ahnung.

»Unser kleiner Bruder bekam deine beiden Derringerkugeln, als er dich bei einem Kartentrick erwischte«, erwidert Ben Chadwick. »Die beiden Kugeln stecken immer noch in seinem Körper – und kein Arzt in Saint Louis wagt es, sie ihm herauszuholen. Unsere Mom muss unseren Kleinen nach Osten schaffen, wo es bessere Chirurgen gibt, von denen es vielleicht einer wagen wird. Verstehst du, Spieler, du hast uns Schaden zugefügt.«

»Euer Kleiner war ein zwei Yard hoher und zweihundert Pfund schwerer Bulle«, ächzt der Spieler. »Er hätte mich erschlagen, wenn ich …«

»Du hättest ihn nicht betrügen sollen«, unterbricht Ben Chadwick den Kartenhai und sagt dann zu seinen Brüdern Jack und Kirby: »Also räumt ihn aus. Nehmt ihm alles weg – alles, was Wert besitzt, auch die Uhr mit der dicken Goldkette. Unsere Mom wird für unseren Kleinen jeden Dollar im Osten nötig haben, jeden Cent sogar. Räumt ihn aus.«

Sie tun es, leeren Jed Coffee sämtliche Taschen und nehmen ihm auch den Geldgürtel ab, den er auf der bloßen Haut trägt.

»Und jetzt – was werdet ihr jetzt mit mir tun?« Der Kartenhai fragt es mit böser Vorahnung. Seine Stimme klingt heiser. Jed Coffee ist ein kaltblütiger Bursche, und er saß auf seinen Wegen schon oft in der Klemme. Doch noch nie so böse und chancenlos wie jetzt.

Er hat es mit drei Texanern zu tun, denn dies verrät ihm ihre gedehnte Sprechweise. Wahrscheinlich waren sie mal Cowboys, die dann in den Krieg zogen.

Er erinnert sich noch gut an den Burschen, den er zusammenschoss. Ja, auch dieser war solch ein Texaner, so dass er wirklich der Bruder dieser drei Männer sein konnte.

Einer von ihnen fragt nun die beiden anderen: »Ja, was machen wir mit ihm?«

Und der andere sagt: »Ben, Strafe muss sein, nicht wahr? Dass wir ihm sein Geld abnahmen, ist nicht genug. Vielleicht wird unser Kleiner sterben oder für immer ein Pflegefall bleiben. Sollen wir diesen Dreckskerl von einem Kartenhai nicht einfach totschlagen wie eine Ratte?«

Nun hat der Kartenhai Jed Coffee doch eine Menge Sorgen. Oh, er hat schon viele Mitspieler betrogen und ausgenommen. Doch stets kam er einigermaßen heil aus jeder Klemme heraus.

Und dabei hatte dieser große Junge nur zwanzig Dollar zu verspielen gehabt. Wegen zwanzig Dollar hatte er ihn betrügen wollen und war dabei ertappt worden. Denn so dumm und unerfahren war dieser große Junge nicht, obwohl er kaum mehr als achtzehn Jahre zählen mochte. Auf zwanzig Dollar hatte er, Coffee, nicht verzichten wollen.

Und verdammt, jetzt steckt er deshalb in der Klemme.

Doch er bereut seine Tat zu spät. Sie haben ihn. Was werden sie mit ihm machen? Werden sie ihn nun tatsächlich totschlagen oder gar erschießen?

Er macht sich wirklich große Sorgen.

Schweigend nehmen sie ihn in ihre Mitte und gehen zum Ende der Gasse.

Hier stehen drei gesattelte Pferde. Coffee denkt: Die haben alles gut vorbereitet und mich zuvor einige Tage beobachtet. Die wussten genau, welchen Weg ich nehmen würde gegen Ende der Nacht zum Hotel.

Er bekommt plötzlich von hinten einen Schlag in den Nacken, der ihn sofort bewusstlos macht. Es ist ein gekonnter Schlag, wahrscheinlich oft geübt während des Krieges oder daheim in Texas angewandt im Kampf gegen Comanchen und mexikanische Bandoleros.

Sie legen den bewusstlosen Mann quer über ein Pferd. Ben Chadwick sitzt dahinter auf. Und dann reiten sie alle zum Flusshafen der Stadt hinüber, der noch Westport heißt und aus dem ein Stück weiter landeinwärts Kansas City wurde.

Als sie die Hafenstraße erreichen, wo auch die Anlegebrücken der Dampfboote sind, wird der Gestank der dort gestapelten Büffelhäute fast unerträglich.

Zehntausende lagern hier in großen Stapeln, hart getrocknet, besudelt mit Fett und trockenem Blut, und warten auf den Abtransport.

Ben Chadwick sagt: »Wir lassen ihn eine Flasche Schnaps austrinken und geben ihn für ein paar Dollars einem der Dampfboote mit. Dort, dieses da wird bald ablegen. Es muss schon Dampf ablassen, weil ihm sonst die Kessel platzen.«

Jed Coffee ist inzwischen wieder zu sich gekommen.

Sie lassen ihn zu Boden nieder, wo er schwankend verharrt. Jack und Kirby schwingen sich von ihren Pferden. Jack holt eine Flasche Brandy aus einer Satteltasche, hält sie dem Spieler hin und sagt hart und unversöhnlich: »Mach sie leer, richtig leer! Nur so bleibst du am Leben. Sauf sie aus, los!«

Jed Coffee zögert nur wenige Atemzüge.

Dann nimmt er die Flasche, hebt den Boden gegen den grauen Morgenhimmel und beginnt zu schlucken: Wenig später bringen sie ihn zu der Landebrücke der Isabelle. Der Bootsmann an der Gangway wendet sich ihnen zu.

»Nehmt ihn mit bis Saint Louis«, sagt Ben Chadwick. »Der hat sich nur zu schlimm betrunken. Hier sind zwanzig Dollar. Langt das für einen Deckplatz?«

»Sicher, das langt.« Der Bootsmann grinst. »Aber er wird in Saint Louis stinken wie ein verfaulter Büffel so wie wir alle. Wir haben den ganzen Mistkahn voller Büffelhäute. Nicht mal für den doppelten Preis wollen die Huren etwas mit uns zu tun haben. Wer auf solch einem Kahn fährt und Büffelhäute transportiert, wird gewissermaßen aussätzig, hahaha!«

Er verstummt mit einem grimmigen Lachen in der Kehle.

»Ach, der stinkt ohnehin«, sagt Kirby Chadwick grimmig.

Jack fügt hinzu: »Auch wenn er nicht auf Büffelhäuten schläft. Gestank macht ihm nichts aus.«

Sie übergeben den sinnlos Betrunkenen dem Bootsmann, der nun zwei seiner Deckmänner herbeiruft, die ihn übernehmen.

Wenig später wird die Gangway eingeholt, nachdem die Heck- und Bugleinen losgemacht wurden.

Das Dampfboot geht in den Strom hinaus mit patschendem Schaufelrad am Heck.

Die drei Chadwick-Brüder sehen ihm schweigend nach.

Dann fragt Kirby: »Und jetzt? Was jetzt, Ben?«

»Das werde ich euch sagen«, erwidert Ben, »wenn wir das Geld gezählt haben. Ja, dann werde ich es euch sagen.«

2

Als im Osten die Sonne aufsteigt und ein leichter Morgenwind über den Missouri streicht, so dass er kleine Wellen bildet, da hocken sie abseits der Landebrücken am Ufer und zählen das Geld des Kartenhais.

»Fünftausendsiebenhundert Dollar«, stellt Ben Chadwick schließlich fest. Und er fügt hinzu: »Er muss eine Menge Mitspieler gerupft haben, eine ganze Menge.«

Sie nicken zu seinen Worten.

Dann murmelt Kirby bitter: »Ja, er nimmt auch Jungens wie unseren Hank aus, die nur zwanzig Dollar bei sich haben. Er lässt sich also auch kleine Gewinne nicht entgehen. Doch unser Kleiner hat scharfe Augen.«

Als Kirby nach diesen Worten schweigt, fragt Jack ungeduldig: »Und was ist nun? He, was machen wir? Für dieses Geld könnten wir uns daheim in Texas eine schöne Ranch kaufen, größer als unsere alte, die uns der Steuereintreiber der Yankees wegnahm, weil wir kein Geld für die Steuern der letzten fünf Jahre hatten. Ganze zwanzig Dollar besaßen unsere Mom und unser Kleiner. Und so kam der Junge auf die Idee, mit zwanzig Dollar sein Glück beim Spiel zu versuchen. Aaah, wenn wir nur zwei Wochen früher aus der Gefangenschaft der Yanks entlassen worden wären, nicht wahr?«

Sie nicken nach seinen Worten.

Denn es war wohl wirklich so. Sie kamen zwei Wochen zu spät heim.

Da war die Ranch schon versteigert. Und ihre Mom lebte mit dem schwer angeschossenen Bruder in einer armseligen Hütte. Der Bruder hatte zwei Derringer-Kugeln in der Brust, die ihm kein erreichbarer Arzt herauszuholen wagte.

Das war die Situation damals.

Sie hatten etwas Geld bei sich, zusammen kaum fünfzig Dollar. Diese ließen sie bei Mom und Hank – und dann machten sie sich auf den Weg, um den Spieler zu finden, den Hank ihnen gut beschrieb.

Es war ein langer Weg von Texas, ein sehr, sehr langer Weg.

Doch der Spieler Jed Coffee hinterließ überall seine Zeichen. In fast jeder kleinen Stadt, wo eine Spielhalle war, erinnerte man sich an ihn. Und oft genug musste er diese kleinen Orte fluchtartig verlassen. Es war leicht, seine Fährte zu verfolgen.

Hier in Kansas City, nach fast fünfzehnhundert Meilen, holten sie ihn endlich ein.

Sie schweigen nach Jacks Worten eine Weile und werden sich ihrer Situation noch einmal bewusst.

Dann aber trifft Ben wie fast immer – denn er ist der älteste Chadwick – die Entscheidung. Er sagt: »Eine Ranch in Texas hilft unserem Kleinen wenig. Nur ein berühmter Doc kann ihm helfen. Mom muss eine beschwerliche Reise nach Osten organisieren. Sie braucht Helfer, einen besonderen Wagen – und Hank braucht viel Glück. Denn wenn sich diese beiden Mistdinger von Kugeln auch verkapselt haben, so können sie doch zu wandern beginnen. Wenn sie nur nicht so dicht beim Herzen säßen. Also, wir kaufen keine Ranch. Mom und Hank leben in einer armseligen Hütte bei Fort Worth. Mom wäscht dort für die Soldaten der Besatzungstruppe. Wenigstens hat sie deshalb eine feste Adresse. Heute noch schicken wir ihr fünftausend Dollar. Damit kann sie Hank nach dem Osten bringen, zuerst mit einer Kutsche, dann mit der Eisenbahn oder auf einem Dampfboot den Ohio hinauf. Irgendwie wird sie es schaffen.«

»Und was machen wir?« Kirby fragt es fast böse und fügt hinzu: »Warum kehren wir nicht alle drei zu Mom und Hank zurück mit dem Geld?«

»Weil wir mehr Geld haben wollen, sehr viel mehr«, erwidert Ben Chadwick. »Weil wir aus unseren siebenhundert Dollar siebentausend machen wollen.«

»Und wie?«

Kirby und Jack fragen es zweistimmig.

Da sagt es ihnen Ben ganz ruhig: »Wir müssen nur an die zehntausend Büffel töten. Dann werden wir nach Abzug aller Unkosten siebentausend Dollar Reingewinn haben. Kapiert?«

Sie starren ihn ungläubig an.

»Büffelkiller sollen wir werden?« Wieder fragen es Kirby und Jack zweistimmig. Doch das ist kein Wunder, sie sind Zwillinge, deren Denken und Fühlen fast immer in gleichen Bahnen verläuft.

Ben sieht sie fest an und nickt. »Warum nicht?« So fragt er zurück und fügt hinzu: »Während des Krieges mussten wir Menschen töten und wurden dafür belobigt und befördert. Nun aber haben wir es leichter. Wir müssen für Dollars nur an die zehntausend Büffel abschießen und ihnen die Häute abziehen. Es gibt genug Büffel, wahrscheinlich sogar zu viel. Farmer und Rinderzüchter werden das Land in Besitz nehmen. Man wird Eisenbahnen nach Westen bauen. Die Büffel sind im Weg. Sie sind zum Untergang verurteilt. Uns und anderen bringen sie blanke Dollars.«

Sie starren Ben an. Er ist ihr älterer Bruder. Und er brachte es in der Texas-Brigade bis zum Captain.

Nun aber werden sie sich bewusst, wie hart er wurde. Aber wurden sie das nicht alle?

Jack schluckt ein wenig würgend und spricht dann langsam Wort für Wort: »Büffel töten und ihnen die Haut abziehen … Wir werden stinken wie diese Häutestapel an den Landebrücken und auf den Schiffen. Fett und Blut, faulende Kadaver, vollgefressene Wölfe, Coyoten und andere Aasvertilger – und Geier am Himmel. Es ist ja so leicht und einfach, aus großer Entfernung mit einem schweren Gewehr einen harmlosen Büffel zu töten, so kinderleicht, wenn man nur ein guter Schütze ist. Bruder, hast du keine bessere Idee? Muss es dieses blutige Abschlachten sein, das gewiss noch viel blutiger und erbärmlicher ist, als wir es uns jetzt vorstellen können?«

Er verstummte heftig, fast anklagend.

»Wir könnten auch Banditen werden«, grinst Ben die Brüder hartlippig an. »Oder uns darauf spezialisieren, andere Kartenhaie auszunehmen. Auch Geldtransporte der Yankees in Texas könnten wir überfallen. Wir brächten sehr schnell eine starke Bande zusammen. Na, was würde euch denn mehr liegen?«

In Bens Stimme ist bitterster Sarkasmus.

Jack und Kirby schweigen eine Weile. Dann fragt Kirby: »Wie hast du dir das Ganze denn gedacht, Ben!«

»Wir haben siebenhundert Dollar. Dafür kaufen wir drei Wagen mit Gespannen, Büffelgewehre, Munition und Ausrüstung. Dann nehmen wir einige Abhäuter unter Vertrag, denn wir können uns mit dem Abhäuten nicht aufhalten. Wir müssen Büffel töten, immer nur töten. Das Abhäuten, Trocknen und Zu-Stapeln-Pressen, dies besorgen andere. Auch einen Koch werden wir brauchen. Wenn wir das alles zusammenhaben, ziehen wir los auf die weite Prärie, wo Millionen von Büffel auf uns warten. So einfach ist das, Jungs.«

Sie starren ihn an. Und sie wissen, was auf sie wartet dort draußen auf der weiten Prärie.

Denn wenn sie auch Greenhorns sind in diesem blutigen »Geschäft«, können sie sich doch vorstellen, was sein wird.

Jack fragt: »Und die Indianer?«

»Nicht nur die«, sagt Ben und grinst ihn an. »Auch Häutediebe werden bei uns ihr Glück versuchen. Brüder, wir waren fünf Jahre im Krieg. Doch jetzt geht dieser Krieg auf andere Weise weiter. Wenn wir ihn gewinnen, dann wird unser Kleiner im Osten von den Ärzten wieder gesund gemacht, und wir besitzen daheim in Texas wieder eine Ranch. Dann erst werden wir in Frieden leben.«

Jack und Kirby nicken langsam.

»Das wird ein blutiger und stinkender Sommer«, spricht Kirby.

Und Jack ächzt nickend. »Yeah.«

***

Eine Woche später verlassen sie Kansas City und fahren nach Westen. Denn irgendwo dort im Westen zwischen dem Cimarron im Süden und dem Republican im Norden wandern die großen Herden über die Prärie.

Wahrscheinlich ist der Auszug der Chadwick-Brüder vergleichbar mit der Abfahrt eines Walfängerschiffes, das aufs Meer hinaussegelt, um dort den Wal zu jagen.

Denn die Prärie ist wie ein Meer in ihrer scheinbar grenzenlosen Weite, wie ein erstarrtes, braunes Meer, in dem man sich verlieren kann – und in dem so sehr viel verborgen ist.

Sie haben drei Wagen, von denen jeder von vier starken Maultieren gezogen wird. Zu diesen Wagen gehören drei Abhäuter und ein Koch.

Die Chadwick-Brüder reiten.

Der Koch fährt einen kleinen, nur zweirädrigen Wagen, der von einem Pferd gezogen wird und den man nicht als Häutewagen zählen kann, denn er befördert nur den Proviant und die Ausrüstung.

Hinter jedem der Wagen sind Reservetiere angebunden.

So ziehen sie also hinaus, so wie viele andere Büffeltöter-Mannschaften, sieben Mann auf der blutigen Jagd nach Dollars.1)

Die drei Abhäuter sind Halbblutmänner, schon ziemlich bejahrte, doch sehr zäh und erfahren wirkende Burschen.

Ben Chadwick holte sie aus dem Gefängnis und zahlte für sie die Strafen von je zwanzig Dollar, die sie wegen einer Schlägerei mit Soldaten erhalten hatten.

Der Koch ist ein riesiger Neger, wahrscheinlich ein ehemaliger Sklave, den sein Herr als Preiskämpfer ausbilden ließ, um ihn dann kämpfen zu lassen wie einen Hahn beim Hahnenkampf.

Sie legen am ersten Tag gut dreißig Meilen zurück, am zweiten vierzig und am dritten noch etwas mehr.

Sie verlassen am dritten Tag den Wagenweg, der nur aus Radfurchen und Hufspuren besteht und erreichen am vierten Tag eine große Büffelfährte, die sich wie ein viele Meilen breiter Acker nach Westen zieht.

Als sie den Rand der Fährte erreichen, halten sie an. Einer der Abhäuter – er nennt sich Slade und kleidet sich wie ein Weißer, trägt sogar eine Melone – deutet auf die zerstampfte Prärie.

»Das war eine Stampede – vor vielen Tagen, wahrscheinlich sogar Wochen. Hier ist eine Riesenherde von mehreren Millionen Tieren nach Westen gedonnert. Hier hat die Erde gebebt. Und die Büffel wurden zu einem Element, das nicht aufzuhalten war. Ich denke, wir sollten weiter nach Norden und dann erst wieder nach Westen, auf jeden Fall aber erst über den Smoky Hill River, weil die Büffel dort drüben wahrscheinlich nicht in Stampede ausbrachen, sondern friedlich weiden.«

»Gut«, beschließt Ben Chadwick, »ziehen wir nach Norden bis auf die andere Seite des Smoky Hill River.«

Sie biegen also ab und überqueren die breite Fährte der Stampede.

Sie ist vier Meilen breit. Die Prärie ist völlig zerstampft. Überall liegt Büffeldung, einziges Brennmaterial für die Camp- oder Kochfeuer.

Noch am selben Tag erreichen sie den Smoky Hill dicht oberhalb der Saline-River-Mündung und finden noch vor Sonnenuntergang eine Furt.

Drüben hockt ein Mann bei einigen Gräbern. Es sind frische Gräber.

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