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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 15

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Last Chance Camp
  4. Kapitel 1
  5. Kapitel 2
  6. Kapitel 3
  7. Kapitel 4
  8. Kapitel 5
  9. Kapitel 6
  10. Kapitel 7
  11. Kapitel 8
  12. Kapitel 9
  13. Kapitel 10
  14. Kapitel 11
  15. Kapitel 12
  16. Vorschau

Last Chance Camp

Es gab solche Camps. Als man damals in den Black Hills Gold fand, entstanden sie. Aus einem davon wurde die heutige Stadt Deadwood. Diese Camps lagen außerhalb von Recht und Gesetz. Sie befanden sich inmitten eines weiten Gebietes, das die Regierung in Washington den Indianern garantiert hatte. Dieses Gebiet erstreckte sich zwischen dem Yellowstone und den Rocky Mountains, schloss die Black Hills mit ein und reichte bis zum Kleinen Missouri nach Osten. Es gehörte den Indianern und war die beste Büffelweide, die es gab. Dieses Land war offiziell für Weiße geschlossen. Und dennoch strömten Tausende von Abenteurern hinein. Wilde Camps entstanden, und jedes war ein brodelnder Hexenkessel, ein gesetzloses Höllenloch, eine kleine Insel inmitten des Indianerlandes. Denn die Verträge mit den Indianern verboten der Armee, dieses Land zu betreten.

Dies hier ist die Geschichte eines solchen Goldgräbercamps.

1

Als Jim Whittaker über den Pass kommt, kann er das lange Tal unter sich bald immer besser übersehen. Er weiß, dass dies das »Belle Fourche Valley« ist.

Die vielen Ameisen dort unten sind gar keine Ameisen, sondern hart und schwer arbeitende Männer, die den Boden umwühlen oder an Schwemmkästen arbeiten.

Und das Durcheinander, das wie ein Haufen von Schachteln, Büchsen und allerlei Gerümpel von hier oben aussieht, ist eine hastig errichtete Goldgräberstadt. Dies dort unten ist »Last Chance Camp«.

Jim Whittaker atmet langsam aus. Es ist ein erleichtertes und zufriedenes Ausatmen. Jim ist unzweifelhaft ein ehemaliger Cowboy. Seine Kleidung und die Lassonarben auf den Handrücken lassen darauf schließen. In seinem Hosenbund steckt ein Colt. Jim ist ohne Stiefel. Gepäck hat er überhaupt nicht. Sein Pferd ist ein siebenhundert Pfund schwerer Indianermustang ohne Sattel.

Jim Whittakers hageres Gesicht ist mit einem wochenalten Stoppelbart bedeckt, der etwas dunkler ist als sein feuerrotes Haar. Seine Augen sind rauchgrau. Er ist ein großer und sehniger Mann, bei dem nur die Schultern massig wirken.

Um die Felsenecke biegt ein Trupp von Reitern. Es ist etwa ein Dutzend. Sie sind ein ziemlich hartbeinig wirkendes Rudel mit einigen Packpferden. Jim Whittaker sieht ihnen ruhig entgegen und wartet, bis sie das letzte Stück zurückgelegt haben. Ein bärtiger Riese, der auf einem löwengelben Wallach an der Spitze reitet, hebt die Hand und hält zwei Schritte vor Jim Whittaker an. Hinter ihm kommt alles zum Stillstand.

Jim Whittaker wird scharf betrachtet, und er erträgt es ruhig.

Dann sagt der bärtige Riese trocken: »Cowboy, Sie sehen wie ein Mann aus, der mit etwas Glück seinen Skalp retten konnte. Woher kommen Sie?«

»Aus Laramie«, erwidert Jim Whittaker sanft.

»Allein?«

»Natürlich nicht. Wir waren sieben Reiter und ein Koch. Wir trieben achthundert Longhorn-Stiere. Ich hatte etwas Glück.«

Und damit hat Jim Whittaker eigentlich alles gesagt. Er braucht den Männern gar nicht mehr zu erzählen. Sie kennen jetzt seine Geschichte genau. Die Männer fluchen bitter, und als es wieder still ist, fragt der Bärtige: »Es sieht also nicht gut aus, Cowboy?«

Jim zuckt mit den breiten Schultern. »Es ist ein Glücksspiel«, sagt er. »Niemand kann voraussehen, was die Roten tun. Man kann nur sagen, was sie getan haben. Zwischen hier und Laramie sind tausend Sioux und nicht weniger Cheyennes. Sie haben meine Mannschaft getötet, skalpiert und noch eine Menge anderer Grausamkeiten verübt. Sie haben meine Herde fortgetrieben und mich sieben Tage lang gejagt. Unterwegs stieß ich manchmal auf die Trümmer und Überreste von Frachtwagenzügen. Wenn Sie mich fragen, Mister, so denke ich, dass Ihre Chancen ungefähr so groß sind, wie die eines Schneeballes im Backofen. Es kommt nur darauf an, ob der Backofen kalt oder angeheizt ist.«

Er verstummt fast gleichgültig. Niemand sieht ihm an, dass er nun schon den dritten Tag ohne Nahrung ist. Er betrachtet die Reiter und deren Packpferde, und er weiß, dass dies eine Interessengemeinschaft von Männern ist, die sich aus einem besonderen Grund zusammengetan haben. Dies hier sind Männer, die dort unten im Tal Gold aus der Erde holten. Dies ist ein Dutzend jener Glücklichen, die etwas gefunden haben. Jeder von ihnen hat Goldstaub in seinen Satteltaschen oder trägt diesen Goldstaub vielleicht sogar in einem prall gefüllten Gürtel unter der Kleidung auf dem bloßen Körper.

Diese Männer sind auf dem Heimweg zu ihren Familien oder woher sie auch kamen. Und weil sie alle genau wussten, dass der Rückzug durch das Indianerland sehr gefährlich ist, schlossen sie sich zu einer Mannschaft zusammen und wählten sich einen Reitboss.

Und dieser bärtige Reitboss nickt zu Jims Worten. »Wir werden es versuchen«, sagte er. »In diesem verdammten Camp dort unten wird es schlimmer. Wir haben genug. Danke für die Warnung, Cowboy. Wir reiten heim, und wir werden unterwegs schon gut für uns sorgen.«

»Sicher«, erwiderte Jim Whittaker, »jeder glaubt das. Viel Glück!«

»Wir reiten nach Pierre und nehmen von dort ein Missouri-Dampfboot«, sagt der Bärtige. »Vielleicht ist es nach Osten zu nicht so schlimm.«

»Ich glaube, die Indianer haben einen dichten Ring um das Goldland gezogen und lassen niemanden heraus oder herein«, murmelt Jim Whittaker und stößt seinem Indianergaul die nackten Fersen in die Flanken. So reitet er an den Männern vorbei, und er blickt sich nicht mehr nach ihnen um. Er hat ihnen alles gesagt, was zu sagen ist. Seiner Überzeugung nach ist jeder Mann sein eigener Hüter. Er reitet den Passweg abwärts, kommt tiefer und tiefer ins Tal und nähert sich Meile um Meile der wilden Goldgräberstadt Last Chance Camp. Überall reihen sich jetzt die Minenlöcher und Schürfstellen der Digger nebeneinander. Kleine Camps aus Buschhütten und Zelten drängen sich dort am Fluss auf engem Raum zusammen.

Überall arbeiten Männer.

Die Mittagssonne sticht sengend, und über der Landschaft flimmern Hitzewellen. Je mehr Jim Whittaker sich Last Chance Camp nähert, umso betriebsamer und reger wird es um ihn herum. Überall stehen die Goldgräber am Flussufer und bewegen Siebe und Pfannen. Sie wühlen die Hänge bis hinauf zu den Kämmen der Hügel auf, und sie treiben Stollen in die Hügel oder tiefe Löcher in den Boden. Sie füllen Schwemmkästen und bewegen Schüttelkästen. Wagen, Pferde, Maultiere, Esel und Männer, immer wieder bärtige, rotgesichtige und schwitzende Männer, bewegen tausenderlei Lasten.

Hier wird nach Gold gesucht. Und von hier sind Zivilisation und Gesetz tausend Meilen weit entfernt. Zudem liegen zwischen Last Chance Camp und dem Gesetz nicht nur tausend Meilen, sondern auch ein Todesweg durch ein Indianerland. Und diese Indianer sind so stark und mächtig, dass sie bald General Custer und dessen ganzes Regiment bis auf den letzten Mann vernichten werden. Dieser Tag wird noch kommen.

Niemand kümmert sich um Jim Whittaker. Alle sind mit sich selbst beschäftigt. Hier in diesem Tal ist jeder Mensch auf sich selbst angewiesen und allein. Und auch die meisten Interessengemeinschaften und Partnerschaften dienen nur dem einen Zweck: Gold zu finden!

Fast alle Männer sind bewaffnet oder haben Waffen in Reichweite.

Dies ist vielleicht das klarste und eindeutigste Zeichen für die Verhältnisse hier im Belle Fourche Valley.

Jim Whittaker ist ziemlich am Ende seiner Kraft und kann den nagenden Hunger kaum noch ertragen, als er die Stadt erreicht. Rechts und links der Fahrbahn werden die Zeltreihen dichter. Gassen führen von der Hauptstraße ab in das Gewirr von Zelten, Buschhütten und Bretterbuden. Dann werden die Zelte und Hütten größer. Es gibt Saloons, Geschäfte und Speiseküchen. Alles ist rasch errichtet worden, nur für kurze Zeit gebaut und mit primitivsten Mitteln.

Beim ersten Speiselokal hält Jim an, rutscht vom Rücken seines Pferdes und bindet das Tier an. Ein Mann kommt aus einem Nebeneingang des Zeltes, betrachtet das Pferd und sagt: »Ich gebe hundert Dollar für den Gaul.«

Jim blickt den Mann an.

Er ist der Koch dieser Speiseküche, und er hält schon ein großes Messer in der Hand.

»Ist das Fleisch schon so knapp hier?«, fragt Jim.

»Sicher«, sagt der Mann bitter. »Hier in diesem Tal sind zehntausend hungrige Löwen. Auf hundert Meilen in der Runde gibt es kein Wild, und die letzten Büffel sind von hier geflüchtet. Wenn ich diesen Gaul zu Steaks und Wurst verarbeite, so stehen hier bald mehr als zweihundert Jungens Schlange.«

»Ich wollte achthundert Longhorn-Stiere herbringen«, murmelt Jim. »Das wäre ein Geschäft geworden, nicht wahr?«

»Sie hätten das Gold nicht allein tragen können, Cowboy«, erwidert der Koch. »Sie hätten das beste Geschäft gemacht, Texasmann. Nun, wie ist es mit diesem Indianergaul? Indianermustangs schmecken nach Wild. Die Jungens werden denken; dass ich einen Elch für sie gebraten hätte.«

»Ich bin noch nicht abgebrannt«, murmelt Jim. »Und ohne diesen Gaul hätte ich meinen Skalp verloren. Aus unserem Geschäft wird nichts, Mister.«

Nach diesen Worten lässt er den Koch stehen und geht auf den Haupteingang des Zeltes zu. Er verschwindet im Zelt, und als er nach wenigen Minuten wieder herauskommt, hat er für einen Teller Bohnensuppe und zwei Pfannkuchen zwei Dollar bezahlt. Für eine Tasse Kaffee und ein Stück Pflaumenkuchen legte er einen weiteren Dollar hin.

Das Pferd ist verschwunden.

Jim Whittaker murmelt einen bitteren Fluch. Er war schon in vielen wilden Städten und Camps, und dort, wo man ihn kannte, wagte es niemand, ihm das Pferd zu stehlen, nicht einem Red Jim Whittaker.

Er setzt sich sofort in Bewegung und geht um das Speiselokal herum, dessen Wände aus Brettern zusammengenagelt sind und dessen Dach nichts anderes ist als eine geteerte Zeltplane, die früher einmal der Armee gehörte.

Aber schon an der Ecke treten ihm zwei Männer entgegen. Es sind zwei große Burschen von der Sorte, die sich ihren Unterhalt als Preiskämpfer, Rauswerfer oder Leibwächter verdienen. Diese Sorte findet in einem wilden Lande oder in einer wilden Stadt stets einen Boss, denn sie ist willig und verrichtet gern raue Arbeit.

Jim hält an und betrachtet die beiden Burschen. Sie grinsen ihn an, und der eine sagt lässig: »Um einen Indianergaul ist es nicht schade, Cowboy! Was willst du nun? Prügel oder hundert Dollar? Den Gaul kannst du bestimmt nicht mehr haben. Der wird im Hof schon auseinandergenommen. Was möchtest du also, Cowpuncher?«

Jim Whittaker ist kein Narr. Er ist achtundzwanzig Jahre alt und ein fertiger Mann, der seine Lektionen längst erhalten hat. Er ist kein wilder Junge mehr, der wegen eines nun toten Pferdes einen Kampf beginnt. Solch ein Kampf könnte das arme Tier nicht wieder lebendig machen. Und der Ausgang dieses Kampfes wäre sehr fraglich, denn diese beiden grinsenden Schläger haben sich auch gewiss für alle Fälle noch abgesichert.

Jim Whittaker blickt kurz über die Schulter, und richtig, nicht weit hinter ihm steht ein hagerer Bursche, der zwei Colts im Kreuzgurt trägt. Die kalten Augen dieses Burschen starren Jim Whittaker mitleidlos an.

Jim weiß, dass er eingekeilt ist.

Die Sache ist ganz klar und einfach. Er ist in ein raues Camp gekommen, in dem jeder Mann für sich selbst sorgen muss und in dem es ganz bestimmt nicht das gibt, was man normalerweise unter Recht und Gesetz versteht. Hier ist alles anders. Hier haben sich alle Maßstäbe und Begriffe verschoben.

In diesem rauen Camp hier ist frisches Fleisch mehr als knapp.

Und ein hartgesottenes Rudel nahm ihm das Pferd, um es zu Steaks und Wurst zu verarbeiten.

Er grinst plötzlich und nickt den beiden Burschen zu. »Ich habe alles genau begriffen«, sagt er. »Natürlich sind mir hundert Dollar lieber als Prügel. Ihr habt gewonnen. Wo bekomme ich die hundert Dollar für den Gaul?« Die beiden Burschen lockern etwas ihre Haltung. Sie grinsen halb zufrieden und halb enttäuscht. Mit diesem großen Cowboy, dessen Haar so herausfordernd rot leuchtet, hätten sie es gerne mal versucht. Und wenn sie es nicht geschafft hätten, nun, so würde Ed Fisher, der dort im Hintergrund wartet, die Sache schon erledigt haben.

Aber dieser barfüßige Texaner ist klug. Sicherlich fühlt er sich auch körperlich nicht in Form. Man kann ihm ansehen, dass er dieses Camp hier mit knapper Not erreicht hat. Und vielleicht ist sein Colt, den er im Hosenbund trägt, nicht einmal geladen.

So ungefähr sind die Gedankengänge der beiden Muskelmänner. Einer sagt schließlich zu Jim: »Zweihundert Yard weiter ist Clay Fairburrows Büro, Rotkopf. Geh hinein und sage, du hättest hier dein Pferd an die Küche verkauft. Du wirst dann das Geld bekommen.«

»Clay Fairburrow?«, fragt Jim gedehnt.

»Yeah«, brummt der Mann. »Clay Fairburrow. Dieses verdammte Camp trägt überall seine Zeichen. Dieses Speiserestaurant hier ist nur einer seiner Betriebe. Geh nur, Reddy!«

Jim Whittaker nickt und will sich in Bewegung setzen. Doch da tritt von hinten der hagere und kaltäugige Revolvermann neben ihn und sagt mit sanfter Stimme: »Freund, lassen Sie mich mal Ihren Revolver sehen.«

Jim wendet sich dem Mann zu. Sie sind von gleicher Größe, doch der Revolvermann wirkt hagerer und farbloser, mehr wie ein magerer Wolf. Sie blicken sich eine Weile schweigend in die Augen.

Dann lächelt Jim sparsam und murmelt: »Mein Revolver ist leer. Vor zwei Tagen waren noch einige Cheyennes hinter mir her. Die Waffe ist leer. Wollten Sie das wissen?«

»Ich wollte meine Vermutung bestätigt haben«, sagt der hagere Mann grinsend, und in seinen hellen, fast glasklaren Augen tanzen plötzlich seltsame Funken.

»All right«, sagt er dann.

Jim Whittaker geht davon, barfüßig, abgerissen und sichtlich mitgenommen und erschöpft. Und doch bewegt er sich mit einer gleitenden Geschmeidigkeit.

Der Revolvermann sieht die beiden Muskelmänner an. »Ihr habt Glück gehabt«, murmelt er. »Dieser Texassohn blieb zahm und friedlich, weil sein Revolver leer ist. Jungens, es ist ein Mann nach Last Chance Camp gekommen, auf den man achten muss.«

»Kennst du ihn, Ed Fisher?«, fragte einer der beiden narbigen Riesen.

Der Revolvermann hebt wie zögernd seine knochigen Schultern.

»Ich bin mir nicht sicher, aber er hatte ganz bestimmt keine Furcht. Er war nur klug. Ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich nur ein Cowboy ist.«

Nach diesen Worten geht Ed Fisher davon. Er ist ein Revolvermann mit einem bitteren und sehr traurigen Ruhm.

Indes ist Jim Whittaker schon hundert Yard weiter. Er hält vor einem Store inne, über dessen Eingang ein Schild hängt, auf dem zu lesen ist:

Alles-was-ihr-braucht-Store

Fairburrow-Betrieb

***

Jims Mundwinkel verziehen sich etwas, dann geht er in den Store hinein. Ein bärtiger Goldgräber sagt gerade unzufrieden zu einem Verkäufer: »Zum Teufel, es ist also im ganzen Camp hier keine einzige Schaufel mehr aufzutreiben. Jemand hat mir gestern die Schaufel gestohlen, und nun muss ich …«

Der Goldgräber bricht ab, wendet sich dem Ausgang zu und stapft fluchend hinaus.

Der Verkäufer blickt auf Jims nackte Füße. »Sie haben Glück gehabt«, sagte er, »wenn Sie Stiefel kaufen wollen, dann haben Sie Glück gehabt.«

»Ich möchte Stiefel kaufen«, erwidert Jim. »Und ich möchte ein Hemd, einen Hut und Patronen für meinen Colt. Wenn Sie ein Lederhalfter haben, nehme ich auch das.«

»Wenn Sie genug Geld haben, können Sie alles bekommen«, sagte er Verkäufer. »Gestern wurde im ›Royal Palace‹ ein Mann erschossen, der Ihre Größe hatte. Er war seinen Freunden Geld schuldig, und so verkauften sie den Inhalt seines Kleidersackes.«

»Ich habe Geld genug«, erwidert Jim Whittaker, denn er trägt unter seinem zerrissenen Hemd einen Geldgürtel, in dem sich noch über tausend Dollar befinden. Wenig später geht er mit einem Paket unter dem Arm weiter und hält vor einem aus Brettern und Zeltleinen errichteten Barbiersaloon inne. Ein Plakat verspricht auch, dass es hier eine Badestube gibt, in der man einen großen Holzbottich voll Wasser und ein Stück Seife bekommen kann.

Jim Whittaker geht hinein.

Als er nach gut einer Stunde wieder herauskommt, wirkt er fast elegant und der Kleidung nach wie ein Kartenhai. Aber er konnte ja keine andere Kleidung bekommen als diesen dunklen Tuchanzug, zwei weiße Hemden, eine geblümte Weste und einen schwarzen Hut mit breiter Krempe und niedriger Krone. Seine Stiefel sind geschmeidig und passen wie nach Maß. Jim trägt seinen Colt jetzt im Halfter, und er wirkt sehr verändert und richtig stattlich.

Er erreicht nun ein solides und fest errichtetes Haus. Dieses Haus ist sicherlich das Beste und Festeste im ganzen Valley und ganz bestimmt von Last Chance Camp.

Neben dem Haupteingang steht ein Schild. Darauf steht:

Fairburrows Office

Claim-Ankauf u. -Verkauf – Frachten u. Transporte

Goldwechsel

Verwaltung der Fairburrow-Betriebe

***

Neben dem Eingang sitzen zwei Männer auf einer Bank, die Jim Whittaker scharf betrachten. Es sind hartgesichtige und scharfäugige Burschen. Revolvermänner!

Jim Whittaker wird auf Clay Fairburrow immer neugieriger. Er weiß nun schon besser Bescheid über dieses Camp hier. Und er ist in seinem Leben auch schon Männern begegnet, zu deren Sorte dieser Fairburrow sicherlich ebenfalls gehört.

Er tritt ein, und die beiden Wachtposten neben der Tür lassen ihn passieren. In einem großen Raum arbeiten einige Schreiber, und jeder dieser Schreiber hat sein bestimmtes Ressort. Jemand fragte nach Jims Wünschen und nickt dann, als er sagt, dass er hundert Dollar für ein Pferd zu bekommen hat.

»Sicher, wir bekamen schon Anweisung, hundert Dollar an einen rotköpfigen Texaner auszuzahlen. All right! Wollen Sie das Geld in Dollar, oder wollen Sie noch zweihundert Dollar zulegen? Wir haben gute Claims zu verkaufen. Für dreihundert Dollar bekommen Sie ein erstklassiges Claim.«

»Ich bin hergekommen, um nach Gold zu suchen«, sagt Jim langsam, und er spricht nicht davon, dass er eigentlich eine Rinderherde in dieses Camp bringen und für gute Dollars verkaufen wollte. Jim Whittakers Gedanken sind jetzt überhaupt ganz tief in seinem innersten Kern verborgen. Niemand kann ihm ansehen, wie sehr er einen bitteren Zorn darüber spürt, wie Clay Fairburrows Leute bisher mit ihm umgesprungen sind und es auch jetzt noch tun. Da will ihm doch dieser Bursche hier wie einem Greenhorn für dreihundert Dollar ein ganz bestimmt wertloses Claim andrehen!

Und in dieser Sekunde entsteht in Jim Whittakers Kopf auch schon ein Plan. Es reizt ihn plötzlich, dieser Clay-Fairburrow-Organisation zu zeigen, dass auch sie noch dann und wann etwas lernen muss. Und deshalb sagt er: »Nun gut, ich nehme ein Claim. Irgendwie muss ich ja mal hier anfangen. Ich vermute, dass es hier im Tal keinen Quadratzoll Boden mehr gibt, der nicht abgesteckt und auf einen Namen eingetragen ist, oder?«

»Das stimmt, Mister«, sagt der Fairburrow-Mann grinsend. »Hier im Valley kann man keine Claims mehr abstecken. Man muss sie von den früheren Besitzern kaufen.«

Später verlässt Jim Whittaker langsam und nachdenklich das Büro. Ein pickelgesichtiger Bursche, dessen große Vorderzähne ständig sichtbar sind, begleitet ihn.

Sie wandern aus der Goldgräberstadt hinaus, folgen einem Pfad und klettern bald über Erd- und Steinhaufen, biegen Minenlöchern und Schwemmkästen aus und umgehen Hütten, Zelte und immer wieder schwitzenden Goldgräbern. Endlich erreichen sie die Falte eines steilen Hanges. Jim Whittakers Begleiter deutet auf eine kleine Höhle. »Hier ist es«, sagt er. »Dies ist Claim dreizehnhundertelf, Südseite. Es ist ein Hang-Claim. Es beginnt hier auf der Talsohle und reicht in einer Breite von hundert Fuß den Hang hinauf bis zum obersten Rand des Kammes.«

Jim Whittaker nickt. Er vergleicht die Nummern auf den Begrenzungsposten mit der Nummer der Besitzurkunde.

»Es ist gut, mein Junge«, sagte er und legt einen Dollar in die ihm entgegengehaltene und nach einem Trinkgeld heischende Hand.

Der picklige Junge steckt den Dollar weg und wendet sich schon halb um. Doch dann grinst er plötzlich höhnisch und sagt mit deutlich spürbarer Schadenfreude: »Auf diesem Claim haben schon drei Greenhorns nacheinander ihr Glück versucht. Dieses Claim ist so wertlos wie eine taube Nuss.«

»Das weiß man bei einem Claim nie mit Sicherheit, mein Junge«, erwidert Jim Whittaker sanft.

Dann sieht er dem spöttisch auflachenden und fortgehenden Jungen nach und betrachtet endlich sein Claim.

2

Ja, man kann es diesem Hang ansehen, dass vor Jim schon drei andere Männer hier ihr Glück versuchten, denn bis hinauf zum Kamm ist der ganze Hang mehr als einen Meter tief umgewühlt worden. Kleine Stollen sind auch in den Hang getrieben worden.

Jim grinst seltsam und betritt dann die kleine Höhle. Hier haben seine Vorgänger gewohnt, doch es ist kaum noch etwas vorhanden. Hier haben sich sicherlich die Nachbarn herausgeholt, was noch zu gebrauchen war.

Jim geht wieder hinaus und betrachtet den Stand der Sonne. Es ist schon später Nachmittag, und wenn er bis zum Abend noch alles unter Dach und Fach bringen will, muss er sich beeilen.

Er setzt sich also in Bewegung, um nochmals in die Stadt zu gehen. Er wird eine Menge Einkäufe machen müssen, denn er hat beschlossen, hier etwa vier Wochen lang schwere Arbeit zu verrichten.

Zwei Stunden später hat er allerlei eingekauft, schleppt zwei schwere Packen und kennt die wilde Goldgräberstadt Last Chance Camp schon besser.

In seinem Magen knurrt ein mächtiger Hunger. Die Mahlzeit von heute Mittag war viel zu dürftig für seinen erschöpften Körper, der Säfte und Kräfte braucht.

Fleisch vom Indianerpferd möchte Jim jedoch nicht essen, und deshalb geht er in ein Restaurant hinein, das sich in einer mit grüner Farbe angestrichenen Bretterbaracke befindet, die sich von den primitiveren und unordentlicheren Bauten der Umgebung so sehr unterscheidet wie eine Lady von Saloonflittchen.

Auch innen ist alles ordentlich und sauber.

Zwei Chinesen bedienen die Gäste. Und als Jim sieht, wer die Portionen ausgibt, da weiß er, warum dieses Speiselokal so sauber ist. Es wird von einer Frau geleitet, von einer blonden, schlanken und jungen Frau, die so kühl und frisch wie ein junger Morgen und sehr tatkräftig und energisch wirkt.

Goldgräber strömen nur so herein. Jim findet an den Tischen keinen Platz mehr. Doch an der Theke wird einer der Hocker frei. Jim stellt seine beiden Packen ab und nimmt Platz und wartet. Es gibt hier nur ein Menü. Die blonde Frau stellt bald darauf einen Blechteller vor ihn hin. Reis und Backpflaumen sind darin. Dazu gibt es ein Stück Apfelkuchen. Die Apfelscheiben sind mit Zucker bestreut. Und ein Becher mit Kaffee gehört ebenfalls dazu.

»Zwei Dollar«, sagt die Frau, und nun blickt sie Jim zum ersten Male an. Er lächelt wortlos und legt das Geld vor sie hin. Ihr Blick bleibt länger auf ihn gerichtet, als dies notwendig wäre. Es ist, als hätte sie etwas an ihm erkannt, was von Interesse für sie wäre.

»Wenn ich in die Stadt komme, werde ich immer bei Ihnen essen, Madam«, sagt er gedehnt.

Sie nickt. »Das steht Ihnen frei, Mister aus Texas. Aber die Restaurants in Last Chance Camp werden bald schließen müssen. Sämtliche Vorräte an Lebensmitteln sind so gut wie aufgebraucht. Es kommt kein Nachschub. Die Indianer lassen keinen Wagenzug mehr durch. Sie sind neu hier, nicht wahr?«

Auch sie spricht in dem Tonfall einer Texanerin. Und weil man dies auch bei ihm hören kann, sobald er auch nur wenige Worte spricht, hat sie ihn sofort als Landsmann erkannt.

»Yeah, ich bin heute angekommen«, sagt er. »Und ich habe unterwegs meine Mannschaft und achthundert gute Rinder verloren. Wo sind Sie geboren, Schwester?«

In ihren Augen blitzt es seltsam.

»Ich komme vom Brazos«, sagt sie. Dann bedient sie, weil nun wieder neue Portionen aus der Küche durchgereicht werden, einige Gäste und versorgt auch die beiden Chinesen-Kellner.

Als sie dann wieder zu Jim kommt, hat dieser schon eine Menge vertilgt.

»Ich bin aus Wichita«, sagte er kauend. »Und mein Name ist Jim Whittaker.«

»Red Jim Whittaker, der zu Jesse Chisholms Mannschaft gehörte und später auf eigene Rechnung Treibherden von Texas nach Kansas brachte?«

»Genau, Schwester! Genau der bin ich!«

»Mein Mann hat Sie gekannt, Jim Whittaker. Ollie O’Moore ist vor einigen Jahren mit Ihnen geritten, nicht wahr?«

»Yeah«, murmelt Jim nachdenklich, und weil diese Frau dort Ollie O’Moores Frau sein soll, verspürt er plötzlich ein tiefes Bedauern.

Sie ist gar nicht mehr frei, denkt er, und weil er dabei in ihr Gesicht blickt, wird er sich darüber klar, dass sie auf eine herbe und frische Art schön ist.

»Wo steckt Ollie denn jetzt?«, fragte er.

»Ed Fisher hat ihn vor fast einem Jahr erschossen.«

»Ed Fisher?«

»Ein berüchtigter Revolverheld, der zwei Revolver trägt und wie ein magerer Wüstenwolf aussieht. Sie werden ihm hier noch begegnen, Jim Whittaker.«

»Ich glaube, ich bin ihm schon begegnet«, murmelt Jim noch nachdenklicher. Er muss dann wieder warten und kann den Rest seiner Mahlzeit essen, weil die junge Frau wieder einen neuen Schub Portionen verteilen muss.

Er ist fertig und dreht sich gerade eine Zigarette, als sie wieder zu ihm kommt und ihm gegenüber auf der anderen Seite der Theke ihre Hände verschränkt.

»Ollie O’Moore und ich, wir waren auf dem Chisholm Trail Sattelgefährten und zuletzt Partner«, sagt Jim. »In Dodge City trennten wir uns, weil Ollie heim zum Brazos wollte, wo ein Mädel schon drei Jahre auf ihn wartete. Das Mädel hieß Ginger.«

»Das bin ich.«

»Und Sie sind hier allein in diesem wilden Camp, Ginger?«

»Das ist eine lange Geschichte, Jim.«

»Kann ich sie hören?«

»In zwei Stunden schließe ich. Und in drei Stunden sind meine Helfer und ich mit dem Saubermachen und Abwaschen fertig.«

»Und dann darf ich kommen?«, fragt er.

Sie nickt seltsam heftig. »Ich habe immer darauf gewartet, dass mal einer von Ollies Freunden hier auftauchen würde. Ich habe jeden Texaner nach seinem Namen gefragt. Und Sie sahen auch wie ein Texaner aus, als Sie hereinkamen, Jim.«

Er stellt keine Fragen mehr, denn das Lokal wird immer voller. Hinter ihm fragt ein Mann: »Wenn Sie gegessen haben, Rotkopf, kann ich dann vielleicht auf diesen Platz?«

»Ich komme«, sagt Jim zu Ginger O’Moore, rutscht vom Hocker, nimmt seine beiden Packen auf und geht hinaus. An der Tür blickt er sich noch einmal um. Ginger O’Moore steht noch unbeweglich hinter der Theke und schaut ihm nach.

Ihr Blick wirkt irgendwie hoffnungsvoll.

Und die Erinnerung an diesen hoffnungsvollen Blick nimmt Jim Whittaker mit hinaus.

Es ist jetzt später Abend geworden. Im Westen versinkt die Sonne in einer Berglücke. Es sieht so aus, als hätte sich der feurige Ball in dem spitzen Winkel des tiefen Bergeinschnittes festgeklemmt. Der Himmel und die Vorberge sind in tiefrotes Licht gebadet. Von Osten her aber kommt die Schwärze der Nacht.

Im Camp herrscht Betrieb. Lichter, Lampen, Fackeln und Feuer brennen. Überall strömen die Goldgräber von ihren Claims herein. Die Saloons und Tanzhallen füllen sich. Irgendwo krachen zwei schnelle Schüsse dicht nacheinander. Diese beiden Schüsse in ihrer unmittelbaren Aufeinanderfolge bedeuten bestimmt eine Gewalttätigkeit.

Eine Stimme ruft schrill aus einer der engen Gassen: »Kommt, Leute, kommt! Sie haben Frank Sanders getötet! Sie haben Gold-Franky umgelegt!«

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