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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 13

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Sündige Stadt
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Kapitel 13
  16. Kapitel 14
  17. Vorschau

Sündige Stadt

1

Kurz bevor sie den gemauerten Brunnen bei den Adobemauern der alten Mission erreichen – es sind vielleicht noch ein Dutzend Yards –, bricht an ihrem ersten Wagen die Vorderachse. Und der zweite Wagen verliert fast in der gleichen Sekunde sein linkes Hinterrad.

Der dritte Wagen aber bricht völlig zusammen. All seine Teile bilden mit der Ladung ein heilloses Durcheinander.

Molly Spillanes Mädchen beginnen zu fluchen, und Angie – sie ist die Jüngste von Molly Spillanes Engelchen – ruft bitter zum Himmel empor: »Und wann lässt du endlich Bullshit auf uns regnen, o Herr dort oben?!«

Molly Spillane aber ruft vom Fahrersitz ihrer Kutsche: »Seid still, meine Engelchen! Oh, seid still und benehmt euch wie Ladys!«

»Wir sind keine Ladys«, mault Jessica. »Jeder Mensch weiß, dass wir keine sind. Sonst hätten sie uns in Rosalia nicht wie Aussätzige aus der Stadt gejagt. Die Eulen dort konnten nicht vertragen, dass ihre Männer lieber zu uns in die Betten stiegen als zu ihren eigenen Weibern, hahaha! Nein, wir sind keine Ladys! Und wir wollen auch keine sein, verdammt!«

Die dicke Molly Spillane stößt einen fauchenden Laut aus. Dann klatscht sie in die Hände und sagt hart: »Hört mir zu, meine Täubchen. Hört mir gut zu und macht eure Ohren weit auf.«

Sie steht nun auf dem Fahrersitz des vorne zusammengebrochenen Kutschwagens und hält sich am Dach der einst noblen, doch nun völlig altersschwachen und heruntergekommenen Kutsche fest. Sie starrt auf die beiden anderen zusammengebrochenen Wagen und richtet ihren Blick dann auf die Mauem der schon sehr verfallen wirkenden Mission, welche einst die Spanier errichteten und dann die Mexikaner immer wieder vor dem Verfall bewahrten und welche schließlich eine Poststation der Post- und Frachtlinie zwischen El Paso und Santa Fe wurde.

Doch jetzt scheint diese Station sozusagen »tot« zu sein.

Denn nichts regt sich. In den Corrals sind keine Tiere. Und an einem Stützbalken des Verandadaches ist ein Stück braune Pappe angenagelt.

Molly Spillane sagt: »Laura, sieh nach, was dort auf der Pappe am Stützbalken steht. Lies es laut vor. Geh schon, Kindchen!«

Eines der Mädchen geht hinüber und liest dann laut vor, was mit einem dicken Bleistift auf die Pappe geschrieben wurde: »Ihr könnt mich alle mal kreuzweise! Denn ich habe eine Silberader gefunden. Ich bin nach Tucson unterwegs, um sie registrieren zu lassen. Diese Station mit dem Brunnen ist mein Eigentum. Aber ich schenke sie dem, der als erster Anspruch darauf erhebt und gewillt ist, sie der Post- und Frachtlinie zu den gleichen Bedingungen wie ich zur Verfügung zu stellen. In dem Fall gilt dieses Stück beschriebene Pappe als Schenkungsurkunde. Barney Taggert – Francisca-Station am Wagenweg El Paso – Santa Fe, 17.7.1870.«

Nachdem Laura dies vorgelesen hat wie jemand mit längerer Schulbildung, sagt Molly Spillane sanft: »Bringt mir dieses Pappstück her, mein Engelchen.«

Das Mädchen gehorcht. Als sie das Pappstück hinauf zu Molly Spillane reicht, fragt Laura spöttisch: »Wollen wir das Angebot annehmen, Tante Molly und uns hier niederlassen als Stationsleute, vielleicht gar hier eine Stadt gründen, aus der man uns nicht verjagen kann, weil es unsere Stadt ist?«

Molly Spillane lächelt mit ihrem Mondgesicht auf Laura nieder. In ihren so klugen Augen funkelt es seltsam.

»Wie gut, dass ihr Tante Molly habt, meine Engelchen«, sagt sie. »Begreift ihr denn nicht, dass dies alles eine wundersame Fügung sein muss? Hier brechen unsere klapprigen Wagen zusammen, alle drei in der gleichen Minute. Und hier bekommen wir Grundbesitz und einen Brunnen inmitten einer wasserlosen Gegend geschenkt. Der Stationsmann aber fand eine Silberader. Wo kann er sie gefunden haben? Doch nur in der Nähe dieser alten Mission! Ich wette, dass wir sie im Umkreis von weniger als einer Meile finden würden, wenn wir gute Spurenleser wären. Dieser Stationsmann konnte nie weit weg von seiner Station. Vielleicht entfernte er sich nur, um brennbares Zeug zu sammeln, Kakteenleichen zum Beispiel, Wurzeln abgestorbener Bäume, Gestrüpp und Reisig. Wir besitzen eine Station, in deren nächster Nähe eine Silberader gefunden wurde. Was also wird sein, meine Engelchen?«

Die Mädchen und auch die beiden männlichen Fahrer der zwei anderen Wagen springen nun auf den staubigen Boden. Sie versammeln sich bei Molly Spillane wie unter einer Predigerkanzel und blicken andächtig zu ihr empor.

»Oh, Tante Molly«, sagt Sue überwältigt, »in deinem Hirn knistert es wohl mächtig, nicht wahr? Auch in meinem Kopf tut es das. Und so kann ich deine Frage sicherlich beantworten. Wenn der Silberaderfinder das Ding in Tucson anmeldet, wird sich das herumsprechen. Und so werden sie bald in Scharen herbeiströmen. Ein Run wird losbrechen.«

»Richtig, Sue, mein Täubchen. Dich habe ich schon immer für meine Klügste gehalten. Sie werden kommen und nach Silber suchen. Und wo eine Ader ist, gibt es noch mehr. Eine Stadt wird entstehen. Hier bei uns! Denn all diese Burschen werden zu uns kommen, weil sie hier bei uns bekommen, was ihnen Freude macht. Versteht ihr? Die neue Stadt wird hier bei uns entstehen. Denn ihr seid der Honig, zu dem die Bären kommen. Also, meine Engelchen: Wir bleiben hier und nehmen das alles hier in Besitz. Wir richten alles her, so gut wir können. Blue-Joe und Paco Hermandes sind tüchtige Handwerker. Und wir werden ihnen nach besten Kräften helfen. Habt ihr verstanden? Wir werden hier arbeiten, dass die Schwarte kracht! Es wird ein richtiger Kampf werden. Und das erinnert mich an ein Wort, welches ich irgendwo mal in einem Buch lesen konnte. Es lautet: ›Wer nicht kämpft, hat schon verloren!‹ Sie jagten uns aus Rosalia, aber nun gründen wir hier unsere eigene Stadt! Basta!«

Sie verstummt hart und starrt in die Feme wie eine Seherin, welche imstande ist, die Zukunft in Bildern vor ihrem geistigen Auge zu sehen.

Und die Mädchen und die beiden Männer – ein Neger und ein Mexikaner, blicken fast gläubig zu ihr empor.

***

Es ist keine zwei Stunden später – und sie sind noch dabei, ihre Habe auszuladen oder aus den Trümmern der zusammengebrochenen Wagen auszusortieren –, da tauchen drei Reiter auf dem staubigen Wagenweg auf, welcher hier vorbeiführt, weil dies die einzige Wasserstelle weit und breit ist.

Molly Spillane sieht den drei Reitern entgegen und seufzt bitter.

Dann sagt sie zu den beiden männlichen Helfern ihrer Truppe: »Paco, Blue-Joe, ihr haltet euch heraus. Mischt euch nur nicht ein. Denn da kommen drei böse Finger angeritten. Die schießen euch über den Haufen, wenn ihr uns vor ihnen zu schützen versuchen solltet. Das sind die Rafferty-Brüder.«

Sie alle bilden nun zwischen den alten Gebäuden und dem großen Brunnen eine abwartende Gruppe.

Die drei Reiter kommen grinsend herangeritten.

Sie betrachten die mehr oder weniger zusammengebrochenen Wagen, und als sie anhalten, sagt Sego Rafferty: »Ihr habt aber eine mächtige Pechsträhne, ihr Süßen. Gab es denn in Rosalia keine besseren Wagen für euch?«

»Nein«, erwidert Molly Spillane ernst. »Die haben uns den letzten Dreck für Neuwert verkauft, bevor sie uns aus der Stadt wiesen, diese so ehrenwerten und untadeligen Bürger von Rosalia. Sie haben sogar noch nachträglich doppelte Bürgersteuern kassiert und uns bettelarm gemacht. Was wollt ihr denn hier?«

Es ist zuletzt eine glasharte Frage. So fett sie auch ist, ihre Stimme klirrt jetzt wie Metall.

Die drei Rafferty-Brüder grinsen. Sie haben breite Mäuler, welche stets gierig wirken, so als wären sie niemals satt und ständig heißhungrig nach allen Dingen des Lebens. Und wenn sie so grinsen, dann reichen ihre Mundwinkel fast bis zu den Ohren.

Ernest Rafferty sagt: »Ach, wir dachten uns, dass wir es jetzt mal andersherum machen könnten. Bisher habt ihr uns stets das Geld abgenommen, wenn wir uns in eurem sündigen Etablissement vergnügten. Jetzt wollen wir mal kassieren. Wir sind hier, um euch die letzten Dollars wegzunehmen. Kapiert?«

Nun grinsen sie nicht mehr. Nun geht von ihnen die gnadenlose Gier von Wölfen aus, welche ein Rind in eine Schlammkuhle trieben, aus der es mit eigener Kraft nicht mehr herauskommen kann. Sie werden dieses Rind bei lebendigem Leib zu fressen beginnen. Ja, so etwa ist hier die Situation.

Molly Spillane und deren fünf Engelchen begreifen es schnell.

Und natürlich tun das auch die beiden Männer – der piratenhafte Paco und der riesige Neger Blue-Joe.

Aber gegen diese drei Revolverhelden und Banditen hätten sie keine Chance. Sie wissen, die Raffertys lauern nur darauf, es ihnen zu geben mit ihren schnellen Colts.

Überdies hat Molly ihren beiden männlichen Helfern jede Einmischung verboten.

Sie sagt nun zu den Rafferty-Brüdern: »Jungs, seid fair zu uns. Die so seriösen Bürger von Rosalia haben uns bereits ausgeplündert. Uns blieben nur wenige Dollars, die wir unbedingt zum Leben brauchen. Stürzt uns nicht noch tiefer ins Unglück. Lasst uns in Frieden.«

Aber die Rafferty-Brüder schütteln die Köpfe, so dass unter ihren Hüten die langen, bis auf die Schultern fallenden Haare nur so fliegen. Und ihr Grinsen reicht abermals wieder bis zu den Ohren.

Sie sitzen ab.

Sego Rafferty sagt dann: »Wir werden alles durchsuchen – sogar in euren Unterröcken werden wir nachsehen. Na los, zieht euch schon mal aus. Es ist schön warm in der Sonne. Ihr werdet nicht frieren. Wir durchsuchen alles. Und ich wette, es wird noch eine ganze Menge zusammenkommen. So arm, wie ihr tut, seid ihr bestimmt noch nicht, denn ihr habt lange genug den Männern von Rosalia und aus der Umgebung zu beiden Seiten der Grenze eine Menge abnehmen können. Vorwärts! Ausziehen!«

Sie meinen es wahrhaftig ernst.

Molly Spillane hebt ihre dicken Patschhände, so als wollte sie sich vor einer Revolvermündung ergeben.

Dann sagt sie seufzend: »Also gut, Jungens, wir sind in eurer Hand. Ich will euch meine ganze Kasse übergeben, alles, was wir noch besitzen. Wartet, ich habe es dort in diesem Kasten. Und ich muss ihn erst aufschließen.«

Sie bewegt sich mit ihrer ganzen Masse. Da sie auch recht groß ist für eine Frau, wiegt sie gewiss mehr als dreihundert Pfund. Sie bewegt sich scheinbar mühsam, macht Schritt für Schritt zu dem im Staube liegenden Gepäck bei dem Wagen, den sie selbst fuhr. Sie tritt zu einem schwarzen Kasten und holt einen Schlüssel aus ihrem Ausschnitt hervor, den sie dort wie ein Medaillon an einer goldenen Kette trug.

Als sie sich bückt und das Vorhängeschloss des Kastens aufschließt und abnimmt, da treten zwei der Rafferty-Brüder zu ihr, verharren rechts und links von ihr dicht beim Kasten. Denn sie sind neugierig auf den Inhalt.

Es geht zuerst alles sehr langsam und bedächtig, dann aber blitzschnell und völlig unerwartet.

Molly Spillane öffnet den Kastendeckel zögernd. Man sieht förmlich, wie schwer es ihr fällt, den Banditen das letzte Geld, das sie besitzen, auszuhändigen.

Die beiden Rafferty-Brüder aber beugen sich rechts und links von ihr weit vor, um etwas sehen zu können. In dem Kasten herrscht ein heilloses Durcheinander. Sie erkennen eine Menge noch versiegelter Spielkartenpäckchen, allerlei Papiere, einige Geldbörsen und Brieftaschen, Beutel und auch Schmucketuis.

Die Rafferty-Brüder wollen hineingreifen und beugen sich zu diesem Zweck noch tiefer herunter.

Und da greift Molly Spillane zu wie ein Preisringer. Sie nimmt Ernest Rafferty links und Sego Rafferty rechts in den Schwitzkasten und stößt die Köpfe der Männer zusammen.

Die Rafferty-Brüder wiegen zusammen nicht so viel wie Molly Spillane. Und diese besitzt offenbar die Kraft eines Dreihundertpfundpreiskämpfers.

Der dritte Rafferty – sein Vorname ist Ringo – sieht diesem Tun mit verblüfftem Staunen zu. Er vermag das, was er da sieht, einfach nicht zu glauben, und zögert wahrhaftig mehrere Sekunden.

Als er dann ebenfalls aufbrüllt und nach dem Colt schnappt, ist es zu spät.

Paco Hermandes wirft nämlich blitzschnell sein Messer, welches er hinter dem Nacken unter dem weiten Hemd hervorholte.

Und dann gibt es die Rafferty-Brüder nicht mehr lebend auf dieser Erde.

Molly Spillane schnauft laut, muss sich von ihrer Anstrengung erholen.

Sie blickt auf die beiden Toten zu ihren Füßen, die sie fallen ließ, nachdem sie ihnen die Schädel gegeneinanderstieß.

Als sie ihren Blick hebt, nickt sie Paco dankend zu. Dann spricht sie fast feierlich: »Sie waren zwar keine Christenmenschen, sondern zweibeinige Raubtiere, doch wir werden sie auf dem alten Missionsfriedhof beerdigen. Denn wir haben kein Recht, sie einfach nur zu verscharren. Wahrscheinlich hatten sie einst Mütter, die sie liebten. Diesen Müttern zuliebe …«

***

Noch bevor es Nacht wird, sind auf dem Friedhof der alten Franziskaner-Mission drei neue Gräber. In den Grabhügeln stecken Bretter vom letzten, zusammengebrochenen Wagen, auf denen mit schwarzer Farbe aus dem Wagenschuppen geschrieben wurde: Hier ruhen drei Sünder, über die der Herr richten wird. Darunter sind dann noch die Namen der Rafferty-Brüder und der Todestag aufgemalt.

Die Mädchen und die beiden Männer bilden bei den Gräbern eine stumme Gruppe.

Molly Spillane spricht: »Der Herr nahm damals Jesu Opfergang für die Schuld der ganzen Welt an, obwohl Jesus so rein war. Vielleicht gilt dies immer noch für uns Sünder. Amen.« Sie macht eine kleine Pause. Dann spricht sie hart und entschlossen: »Es werden noch mehr kommen, die uns daran hindern wollen, hier unsere Stadt zu errichten. Wir wollen ihr nun einen Namen geben, nämlich: Hope! Denn mit ihr verbinden sich von nun an all unsere Hoffnungen. Hope ist ein gutes Wort! Hope soll unsere Stadt heißen!«

»Ja!« Die fünf Mädchen und die beiden Männer rufen es siebenstimmig wie einstudiert.

Und so gibt es eigentlich nichts mehr zu sagen.

Denn Hope – also Hoffnung – ist wahrhaftig ein gutes Wort.

2

Schon am nächsten Tag kommen kurz nacheinander einige Dinge in Gang, als wäre dies alles von einem geheimnisvollen Regisseur so geplant worden.

Am frühen Vormittag taucht ein Reiter auf, welcher eine Pferdeherde von gut drei Dutzend Tieren treibt. Der Reiter stößt immer wieder scharfe Rufe und Pfiffe aus und hat ziemliche Mühe, die kleine Herde beisammenzuhalten und vorwärts zu bringen.

Man sieht den Tieren an, dass sie noch längst nicht richtig gezähmt und zugeritten sind. Der Reiter ist abgerissen, struppig, langhaarig und indianerhaft.

»Ich wette, das ist ein Wildpferdjäger«, sagt Molly Spillane. »Der hat gewiss einen Vertrag mit der Post- und Frachtlinie und wird sich wundern, dass jener Barney Taggert nicht mehr diese Station führt.«

Molly Spillanes Worte beweisen wieder einmal mehr, wie erfahren sie ist und wie gut und schnell sie denken kann.

Denn als der Reiter seine Pferde in einen der Corrals getrieben hat, welche hauptsächlich von Trockenmauern gebildet werden, da kommt er zum Brunnen geritten, wo ihn die Gruppe erwartet.

Er zieht höflich seinen Hut und schwingt ihn im Sattel wie ein spanischer Hidalgo.

»Hey«, sagt er und zeigt in seinem dunklen Gesicht zwei blinkende Zahnreihen, »das ist ja ein wunderschöner Anblick. Davon habe ich in den letzten Wochen jede Nacht geträumt. Ich wünschte mir dann stets besonders heiß, dass mir die Biester nicht die Knochen brechen und ich eines Tages wieder zu den Menschen zurückkommen und so etwas noch mal sehen könnte. Oh, ihr Schönen, in welche von euch werde ich mich verlieben?«

Sie mögen ihn vom ersten Moment an. Denn sein blinkendes Zähnezeigen und seine Stimme gefallen ihnen. Auch grüßte er sie wie Ladys, erwies ihnen keinen ironischen, sondern einen ernst gemeinten Respekt trotz seines Lachens.

»Wo ist Barney Taggert, ihr schönen Ladys?« So fragt er schließlich und sieht sich im Sattel um, ob er ihn nicht irgendwo entdecken kann.

Molly Spillane hebt ihren dicken Zeigefinger. »Barney fand eine Silberader«, beginnt sie und berichtet dann die ganze Geschichte mit wenigen Sätzen. Und sie schließt mit den Worten: »Wir sind also durch seine Schenkung seine Nachfolger. Und wir werden nicht nur diese Station in seinem Sinne und so wie er weiterführen, sondern hier eine Stadt gründen. Die Pferde übernehmen wir an Barney Taggerts Stelle natürlich von Ihnen, Wildpferdjäger. Nur müssen sie noch besser zugeritten und an das Laufen im Gespann vor einer Postkutsche gewöhnt werden. Können Sie das übernehmen, da es Barney hier nicht mehr gibt?«

Der Mann im Sattel staunt und grinst wieder.

Er sieht die Mädchen der Reihe nach an.

»Ja«, sagt er, »ich werde eine Weile bleiben. Für jedes Pferd, das im Gespann vor einer Postkutsche laufen kann, bekomme ich fünf Dollar. – Und schon jetzt erhalte ich zwanzig Dollar für jedes Pferd. Es sind ausgesuchte Tiere aus einer großen Herde von mehr als hundert Stück, die ich in eine Sackschlucht jagte. Es sind Tiere für eine Überlandkutsche, denn sie sind zäh und können …«

»Ich glaube Ihnen, Mister«, unterbricht ihn Molly. »Und sehen Sie, dort kommt bereits die Postkutsche!«

Sie alle blicken nach Norden. Und von dort – aus Richtung Santa Fe – nähert sich eine Staubwolke, vor der eine bunte Abbot & Downing-Kutsche sechsspännig angesaust kommt. Es ist ein prächtiges Bild.

Dann hält die Kutsche mit kreischenden Bremsen, wird von ihrer Staubwolke eingeholt. Durch den wirbelnden Staub vor den Missionsgebäuden und beim Brunnen brüllt die heisere Stimme des Fahrers: »Barney, hoiii, Barney, wo bist du? Und verdammt, wo ist das frische Gespann?«

Der Staub legt sich langsam. Aus den Fenstern der Postkutsche blicken die Gesichter der Passagiere. Die Schläge öffnen sich. Nun kommen sie heraus, um sich am Brunnen bei den Wassertrögen zu erfrischen.

Der Fahrer und dessen Begleitmann aber wollen wieder wütend nach Barney Taggert rufen. Sein Blick fällt auf den Wildpferdjäger. Auch der Begleitmann sieht ihn nun. Und zweistimmig sagen sie grimmig: »Oh, McAdam, wo ist Taggert?«

Der Wildpferdjäger grinst und erwidert: »Ihr müsst mit eurem Gespann noch dreißig Meilen weiter und werdet mächtig Verspätung bekommen. Barney hat eine Silberader gefunden, und seine Pferde hat er mitgenommen. Wahrscheinlich wird er sie verkaufen, um Betriebskapital zu haben für den Abbau der Silberader. Ich brachte zwar soeben neue Pferde, aber die gehen noch nicht im Gespann. Und die Tiere dieser Ladys, mit denen sie kamen, sind uralt und klapprig. Du musst mit diesem Gespann weiter, Jay Flippen.«

»Heee«, staunt der Fahrer, »Barney hat eine Silberader gefunden? Wo denn?«

McAdam hebt seine muskulösen Schultern und lässt sie wieder sinken.

»Das werden wir wissen, wenn Barney Taggert zurück ist mit Werkzeugen, Arbeitern und wer weiß noch was. Und es wird dann ein Run losbrechen. Ihr werdet bald nicht mehr nur einmal die Woche, sondern jeden Tag fahren müssen. Ich werde mich mit den neuen Pferden beeilen, so dass bald wenigstens ein neues Sechsergespann zu gebrauchen ist. Dies ist Mrs. Molly Spillane, die neue Besitzerin dieser Station. Sie wird mit ihren Ladys die neue Stadt gründen. Hope soll sie heißen. Das kannst du unterwegs alles erzählen, Jay Flippen.«

»Oooh, Lin McAdam«, stöhnt dieser und staunt Molly Spillane und deren Truppe an, welche erst jetzt so richtig sichtbar werden, weil der Staub sich endlich gelichtet hat.

»O Vater im Himmel«, sagt sein Begleitmann und staunt. »Das kann doch nur eine Stadt der süßen Sünden werden, nicht wahr? Oha, was hat uns dieser Barney Taggert da eingebrockt mit seiner Silberader?«

»Vielleicht sollten wir auch nach einer Silber- oder Goldader suchen?« Dies erwidert der Fahrer. Dann entschließt er sich und ruft: »Alle Passagiere mal herhören! Wir müssen mit dem gleichen Gespann weiter! Deshalb müssen wir die Pferde erst mal verschnaufen lassen, sie auch tränken. Wir haben eine Stunde Aufenthalt, Leute!«

***

Als die Kutsche nach etwas mehr als einer Stunde die Fahrt fortsetzt, fahren nicht alle Passagiere mit. Drei bleiben in Hope, um hier auf den Silberrun zu warten. Es sind drei Glücksjäger und Abenteurer unterschiedlichen Alters, die sich offenbar erst in der Kutsche kennen lernten und sich vorher nie begegnet sind.

Es ist ganz klar, was sie tun wollen.

Denn auch sie begriffen schnell, dass jener Barney Taggert, welcher hier die Station führte, die Silberader ganz in der Nähe gefunden haben muss. Denn er konnte nie weit weg von hier.

Also wollen sie auf seine Rückkehr warten und sich dicht bei seiner Silberader ihre Claims abstecken.

Einer der drei Männer war gewiss früher einmal ein Preiskämpfer.

Ein anderer hinkt leicht und wirkt wie ein ehemaliger Offizier, den die Not zu einem Spieler machte.

Und der dritte Mann ist alt und grau, mit einer Nickelbrille im gütig wirkenden Gesicht. Als sie von Molly zum Mittagessen in das Stationshaus eingeladen werden, dem Haupthaus der alten Missionsgebäude, da stellen sie sich vor.

Der Ex-Preiskämpfer nennt sich Henry Wade.

Dan Lamont ist der Name des hinkenden Ex-Offiziers, der ein Spieler wurde.

Und der dritte Mann stellt sich als Doc Millard McIntire vor.

»Ein richtiger Doc, ein Arzt?« So fragt Molly Spillane freudig.

»Ja, ich habe Äskulap, dem Gott der Heilkunst, meinen Eid geleistet«, erwidert der so gütig wirkende Alte. »Doch ich praktiziere nicht mehr. Ich habe meine Gründe dafür.«

Die letzten Worte spricht er abweisend und hart. Und in seinen Augen ist nun kein gütiger Blick mehr, sondern ein hartes Glitzern.

Es wird dann nicht mehr viel gesprochen.

Die drei Gäste müssen jeder einen Vierteldollar für das Essen zahlen. Dann geht man wieder an die Arbeit.

Molly, ihre fünf Mädchen und deren männliche Helfer richten in allen Gebäuden die Räume wieder her. Man findet Lehm in der Nähe und kann Risse zuschmieren, herausgefallene Adobe-Ziegel wieder festmauern und auch neue Ziegel herstellen.

Es gibt viel zu tun.

Molly Spillane blickt einmal lange zum alten und fast verfallenen Glockenturm der einstigen Mission hinauf. Und sie spricht dann feierlich: »Und eines Tages will ich dort oben eine richtige Glocke haben, welche über die ganze Stadt und im weiten Umkreis ihre Stimme ertönen lässt. Ja, ich will dort oben eine Glocke haben, sobald der Turm wieder hergestellt ist.«

Ihre Stimme klingt wie ein Schwur und so, als wollte sie dem Himmel ein Geschenk machen, um dafür Schutz und Hilfe zu erhalten.

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