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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 12

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Einsam in der Hölle
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Kapitel 13
  16. Kapitel 14
  17. Vorschau

Einsam in der Hölle

1

Die Stadt war noch keine richtige Stadt, obwohl in ihr jede Nacht mehr als zwei- bis dreitausend wilde Burschen die Sau herausließen und alle nur denkbaren Sünden begingen.

Diese Stadt war noch ein primitives Camp, rasch aus dem Erdboden emporgeschossen wie eine Pilzkolonie.

Nur die großen Amüsierhallen, die Spielsaloons und Freudenhäuser in der Stadtmitte waren solider errichtet. Dafür hatte man Bauholz und all die anderen notwendigen Dinge herangeschafft und kein Geld und keine Mühe gescheut.

Aber das waren nur Äußerlichkeiten.

Im Kern war hier alles hässlich, schmutzig, gemein, hinterhältig und gnadenlos. Denn die ganze Wilde Horde war hier, um die Hammel zu scheren und den Dummköpfen die Haut abzuziehen – und das möglichst so, dass sie es nicht merkten.

Wenigstens nicht, wenn es geschah, sondern erst später. Denn alles drehte sich hier um Gold.

Es wurde überall in der Umgebung gefunden, in den Canyons und schmalen Schluchten, in den Creeks und in den Bergen. Es war überall Gold, und sie holten es heraus, wie sie nur konnten. Sie hätten es auch mit den Fingernägeln herausgekratzt, hätte man ihnen keine Werkzeuge herangeschafft.

Die Stadt – Golden hieß sie – saß im Canyon wie ein Korken auf dem Flaschenhals. Und es gab auch nur drei Wege in die Berge.

Jeder, der ins Goldland wollte, musste durch die Stadt. Und jeder, der aus den Bergen wieder hinauswollte, musste durch Golden. Es gab keinen anderen Weg.

Und so war das wilde Camp, das sich Golden City nannte, eine einzige, große Falle.

Auch ich war vor einigen Tagen in dieses wilde Camp gekommen und hatte ziemlich schnell begriffen, wie hier alles lief. Aber das hatte mich nicht sehr beeindruckt, denn ich war ein Bursche, der sich bisher überall behaupten konnte.

Warum also nicht auch hier?

Lange wollte ich nicht in Golden City bleiben, o nein. Denn der Winter war schon zu schnuppern. Man brauchte seine Nase nur nach Norden zu richten und tief einzuatmen. Da war schon diese Schärfe in der Luft.

Am Morgen waren alle stehenden Gewässer – oder auch das Wasser in irgendwelchen Behältern – mit einer dünnen Eisschicht bedeckt.

Ich wusste, wenn der Winter hier in den Bergen erst mal da war, dann … O weia, ich wollte gar nicht daran denken, was dann hier sein würde.

Ich war als Spieler nach Golden City gekommen. Und mein Name? Nun, ich heiße Zeb King, und Zeb, dies war die Abkürzung von Zebulon.

Eigentlich lebte ich nicht schlecht in diesem wilden Camp. Denn es war auch hier so wie überall auf dieser Welt: Für Geld bekam man alles.

Und Geld gewann ich reichlich an den Spieltischen.

Das lag an meinem Instinkt, der mir zumeist zuverlässig sagte, wann ein Spieler beim Poker nur bluffte oder wirklich ein gutes Blatt in der Hand hatte.

In dieser Nacht spielte ich in einer Pokerrunde, zu der auch einer der mächtigen Burschen des Golden-City-Landes gehörte. Er besaß einige Minen und viele Claims, eine Erzmühle und auch eine Schmelze. Man erzählte sich, dass er sich dies alles auf ziemlich raue Weise zusammengeraubt habe.

Aber das war mir völlig schnuppe. Was für mich zählte, war die Tatsache, dass er eine Menge Geld oder Gold verlieren konnte.

Und er hatte in unserer Runde keine Chance gegen mich – nur dann und wann gegen einen der drei anderen Mitspieler, wenn ich passte und diese glaubten, dass sie gute Karten hätten.

Ich orientierte mich stets nach seiner Halsschlagader. Wenn er bluffte, schlug sein Herz schneller. Dann sah ich das an seiner Ader am Halse.

Wenn er ein wirklich gutes Blatt hatte, mit dem er bis in die Hölle und zurückmarschieren konnte, da war er völlig ruhig in seinem Kern. Sein Herz schlug dann nicht heftiger. So einfach war das für mich und meine scharfen Augen.

Er knirschte stets mit den Zähnen, wenn er einen dicken »Topf« an mich verlor, nachdem die Mitspieler ausgestiegen waren. Es hörte sich an, als würde er Kiesel zu Pulver zermahlen.

Sein Name war John Cobb.

Es war dann etwa drei Stunden nach Mitternacht, als sie endlich alle aufgaben, weil sie entweder pleite waren oder nicht noch mehr an mich verlieren wollten. Auch dieser John Cobb sah ein, dass er gegen mich in dieser Nacht keine Chance hatte.

Ich war zufrieden, denn wir hatten nicht um Nüsse oder Kälberzähne gespielt. Ich hatte in dieser noch nicht mal zu Ende gegangenen Nacht mehr als zehntausend Dollar gewonnen.

Als ich das Geld noch sortierte und zählte, gingen die drei anderen Mitspieler zur Bar, um ihre Enttäuschung in Feuerwasser zu ertränken.

Nur Mister John Cobb blieb mir gegenübersitzen, breit, bullig, irgendwie drohend – aber auch schwitzend.

Er sagte: »So hat mich noch keiner rasiert. Und natürlich möchte ich Revanche. Verlassen Sie in den nächsten Tagen oder Nächten nur nicht diese Stadt. Versuchen Sie nur nicht, mit Ihrer Beute fortzuschleichen. Verstanden? Das würde böse für Sie ausgehen.«

Nach diesen Worten erhob auch er sich vom Spieltisch und ging.

Ich wusste Bescheid. Er war zwar ein Bursche, der zehntausend Dollar und mehr verschmerzen konnte, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.

Doch er hatte verloren, und allein das zählte für ihn. Er wollte kein Verlierer sein. Denn noch niemals war er ein Verlierer.

Ich wusste, er würde keine Ruhe mehr finden, bis er mich irgendwann geschlagen hatte. Und wenn ihm das nicht gelingen sollte, dann würde er mich von seinen rauen Burschen klein machen lassen und mir den ganzen Gewinn wieder abnehmen.

Dann würde er wenigstens seine Macht genießen können.

Also musste ich mich noch in der nächsten Stunde auf die Socken machen, das war klar. Wenn ich blieb, hatte ich nur eine einzige Chance, wenn ich ihn beim nächsten Spiel gewinnen ließ und er mich völlig blank machen konnte.

Ja, so ein Bursche war er. Da war ich mir sicher.

Ich sah mich nach rechts und links über die Schultern um, indes ich das Geld in meinen Taschen verstaute, sie prall damit füllte. Es war fast nagelneues Papiergeld.

Dieser John Cobb wollte keine schweren Goldeagles oder Säckchen mit Goldstaub mit sich herumschleppen und zog das leichtere Papiergeld vor. Dass er so viel davon besaß, obwohl hier zumeist mit Goldstaub bezahlt wurde, bewies nur seine Machtposition im Goldland und in dieser Stadt.

Von den anderen Spielern waren einige Handvoll Zwanzigdollarstücke und auch ein paar Beutel mit Goldstaub dabei. Jeder Beutel enthielt für tausend Dollar Gold und war dennoch nicht größer als ein Tabakbeutel.

Nun, ich konnte alles gut in meinen Taschen unterbringen, nachdem ich meine Jacke, die hinter mir über der Stuhllehne hing, angezogen hatte.

Als ich die Spielhalle verließ, folgten mir zwei hartgesichtige Burschen. Ich wusste, sie gehörten zu John Cobb – und sie waren nicht die einzigen Burschen ihrer Gilde auf seiner Lohnliste.

Das war klar.

Wohin sollte ich gehen? Auf mein kleines Zimmer im Nugget-Hotel? Mich zur Ruhe legen? Erst mal ausschlafen?

Dann kam ich gewiss nicht mehr aus der Stadt. Vielleicht schaffte ich das nicht mal mehr in dieser Nacht.

Denn bis jetzt hatte ich es nur mit zwei Burschen zu tun, die den Befehl hatten, mich mit meiner Beute nicht fortreiten zu lassen. Denn irgendwie war mein Spielgewinn ja wohl eine Art Beute.

Ich musste also sofort verschwinden.

Aber wie?

Als ich an Molly Duanes Pussycats Cage vorbeikam, da hielt ich inne. Denn jetzt erschien mir alles recht einfach.

Ich ging hinein.

Molly Duane saß an der Kasse.

»Hallo, Spieler«, sagte sie, und es klang anerkennend und nicht etwa verächtlich. Sie wusste über alle herausragenden Burschen von Golden City Bescheid, mochten sie böse oder gut sein. Ich gehörte zu dieser Sorte. Denn ich war hier schon nach wenigen Nächten als einer der großen Spieler bekannt geworden. Auch ein Revolver-Duell mit einem Revolverschwinger hatte ich bereits hinter mir.

Aber Molly Duane wusste sogar schon, dass ich John Cobb blank gemacht hatte.

»Die Gräfin ist noch frei, mein Freund«, sagt Molly, indes wir uns anlächelten wie alte Freunde. »Wollen Sie Ihren Sieg über Cobb feiern?«

Sie war dick, fett, träge wie eine Katze und bewegte sich nur noch schwankend und ächzend. Zumeist hockte sie nur hinter der Kasse.

Aber ihr Kopf war noch wunderschön und so, als gehörte er gar nicht zu ihrem fetten und wabbeligen Körper.

»O ja, die Gräfin wäre mir recht«, grinste ich. »Die hat Niveau wie eine richtige Gräfin.«

»Sie ist eine«, erwiderte sie. »Ja, sie ist eine russische Gräfin und kam aus Alaska. Und sie kostet fünfzig Dollar bis Mittag. Die Getränke gehen extra. Soll ich Prickelwasser hinaufschicken? Zwanzig Dollar die Flasche, echter Champ aus New Orleans.«

»Sicher.« Ich grinste wieder und warf hundert Dollar auf den Tisch.

Oha, ich konnte es mir leisten. Meine Taschen waren voll. Und auch mein Geldgürtel unter meiner Kleidung, den ich auf dem bloßen Leibe trug und in dem sich meine »Eiserne Reserve« befand, enthielt einige tausend Dollar.

Molly Duane winkte mit dem Geldschein wie mit einem kleinen Fähnchen.

»Sie sitzt am Klavier«, lächelte sie und schien die Worte zu flöten. »Viel Vergnügen, Spieler. Die Gräfin ist wirklich eine schöne Belohnung, wenn man gegen John Cobb beim Poker gewann.«

Ich ging in den großen Raum hinein. Hier waren Mädchen und männliche Gäste an der Bar, in den Nischen und auch auf der Tanzfläche.

Und eine wunderschöne Frau saß am Klavier und spielte wie eine wirkliche Künstlerin. Ich begriff, dass sie früher vielleicht richtige Konzerte gegeben hatte, für die man Eintritt zahlte, weil sie ein künstlerischer Genuss waren.

Nun spielte sie hier für einige betrunkene Paare auf der Tanzfläche. Der eigentliche Klavierspieler saß daneben.

Als ich zu ihr trat, sah sie von der Seite her zu mir hoch und beendete das Tanzlied schon bald. Sie erhob sich. Ich bot ihr meinen Arm. Sie trug ein rotes Abendkleid. Und so schritten wir als Paar die geschwungene Treppe hinauf. Ja, ich war sogar sicher, dass sie fast seriös wirkte.

Aber sie war nichts anderes als eine Hure, wenn auch eine mit einem gewissen Niveau.

Ich war schon mal mit ihr auf ihrem Zimmer gewesen, denn ich war nun mal kein Heiliger, sondern auch nur einer dieser Burschen, die dann und wann eine Frau brauchen, wenn sie anziehend und gepflegt genug ist.

Und das war diese Gräfin Natascha, wie sie sich nannte.

Sie sprach sogar mit russischem Akzent. Indes wir die Treppe hinaufgingen, sah ich nochmals über die Schulter. Die beiden hartgesichtigen Burschen, die John Cobb damit beauftragt hatte, mich nicht mehr aus den Augen und schon gar nicht aus der Stadt zu lassen, waren hereingekommen und standen bei Molly Duane an der Kasse.

Sie sahen uns nach.

Natascha hatte ihre Röcke hochgerafft bis zu den Knien. Ich konnte beim Hochsteigen Stufe für Stufe ihre wunderschönen Beine bestaunen. O ja, sie verstand ihr Geschäft und heizte einem Burschen schon beim Treppensteigen ein.

Als wir in ihr Zimmer traten, brannte dort eine niedrig gedrehte Lampe.

Natascha sagte: »Mit dir gehe ich besonders gern nach oben. Denn du bist einer von diesen Burschen, mit denen ich …«

Ich ließ sie nicht ausreden, sondern steckte ihr hundert Dollar in den tiefen Ausschnitt. Dabei sagte ich: »Mein süßer Engel, es wäre gewiss wunderschön mit dir geworden bis zum Mittagessen. Doch ich habe es eilig. Ich will nur durch dieses Fenster dort zum Hof hinunter. Und du wirst doch nicht schreien?«

Sie funkelte mich an.

Dann richtete sie sich gerade und stolz auf und fauchte: »Es gab Männer in meinem Leben, die sind für eine Nacht mit mir gestorben. Aber es gibt ja auch Männer, die sind blind auf der Zunge, wenn sie Kaviar speisen. Scher dich hinaus hier, wenn du blind, taub und gefühllos bist!«

Sie kreischte nicht, o nein, sie fauchte wie eine Panterkatze.

Und da wurde mir klar, dass ich es so eilig auch nicht haben sollte. Ein Weilchen konnte ich wohl erübrigen. Denn wer weiß …

***

Es war dann fast eine Stunde später, als sie mich mit allen guten Wünschen durch das Fenster hinunter in den dunklen Hof klettern ließ.

Als ich unten auf dem Erdboden stand und einen Moment verhielt, um zu überlegen, welchen Weg ich nehmen sollte, um zu einem Pferd zu kommen, da stieß mir jemand etwas gegen die Seite.

Ich wusste sofort, dass es eine Revolvermündung war.

Meine Augen hatten sich indes auch an die Finsternis gewöhnt, sodass ich den Mann schattenhaft halb hinter mir erkennen konnte.

Oha, die harten Burschen von John Cobb waren tüchtig! Die machten keine Fehler und kannten sich aus, konnten sich vorstellen, was ein Bursche wie ich tun würde, um mit der Spieltischbeute entkommen zu können.

Der Mann lachte leise und sagte: »Jetzt bringe ich dich in dein Bettchen, Spieler. Für diese Nacht hast du genug Spaß gehabt, nicht wahr? Einen Haufen Geld gewonnen und eine Gräfin vernascht, oha! Das ist wirklich genug. Schlafe dich mal gründlich aus, damit du fit bist für die nächste Poker-Partie mit Mister Cobb. Gehen wir, Spieler.«

Er zischte die letzten Worte und stieß die Revolvermündung noch stärker gegen meinen Rücken. Denn er hatte an der Hauswand gelehnt, indes ich neben ihm heruntergeklettert kam. Offenbar kannte er Nataschas Fenster sehr genau.

Ich seufzte bitter. Und ich wusste, John Cobb wollte jetzt ein für ihn gewiss sehr lustiges Spiel mit mir treiben. Er ließ mich nicht aus diesem Camp und würde so lange jede Nacht mit mir Poker spielen, bis er mich klein gemacht – mir also jeden Dollar abgenommen hatte.

Das war für ihn das besondere Spiel.

O verdammt, wie kam ich aus dieser Klemme heraus!

2

Wahrscheinlich half mir der Himmel, denn an dumme Zufälle glaubte ich nicht.

Wir kamen etwa ein Dutzend Schritte weit, dann passierte es.

Auf einem Schuppendach neben uns kreischten plötzlich zwei Katzen los. Es war ein jähes, wildes, fauchendes Kreischen.

Der Mann halb rechts hinter mir zuckte zusammen und nahm die Revolvermündung von meinem Rücken, gehorchte einem Reflex, der schneller war als jeder Gedanke. Er wollte instinkthaft die Revolvermündung in Richtung des fauchenden Kreischens bringen. Wahrscheinlich tat er dies nur im Ansatz, weil sein Verstand ihn einen Sekundenbruchteil später wieder eingeholt hatte.

Doch dieser Sekundenbruchteil genügte mir.

Ich wirbelte herum, und mein Haken traf den Burschen auf Ohr und Kinnwinkel.

Er drückte den Revolver ab, und die Kugel brannte wie ein Peitschenhieb über meinen Bauch.

Aber ich hatte ihn voll getroffen. Der Colt entfiel ihm. Er ging auf die Knie. Ich sah das schattenhaft, denn es war finstere Nacht. Zum Hof heraus fiel kein Licht aus den Fenstern. Es war ja schon fast grauer Morgen. Um diese Zeit war Golden City zur Ruhe gegangen wie ein Untier nach langem Toben.

Ich stieß dem Burschen das Knie mitten ins Gesicht, sodass er nach hinten fiel. Dann machte ich mich auf die Socken. Der Streifschuss quer über meinen Bauch brannte wie Feuer, aber er behinderte mich nicht. Ich konnte laufen wie ein flüchtender Hirsch. Und das war auch nötig.

Denn der Schuss hatte gekracht wie ein Donnerschlag in der nun so still gewordenen Stadt. Ich wusste, dass der andere Bursche nun von der Vorderseite von Molly Duanes Etablissements in den Hof kommen würde, um zu erfahren, was geschehen war. Er würde seinen Partner finden – und dann begann in dieser Stadt die Jagd auf mich. Die beiden Kerle würden schnell Verstärkung erhalten.

Ich musste weg von Golden City, nichts wie weg! Mein einziger Gedanke war: Woher bekomme ich ein Pferd?

Ich kam nur mit einem Pferd von hier fort, bevor Mister John Cobb all seine harten Jungens auf mich losließ. Da ich mit der Postkutsche von Fort Benton aus nach Golden City gekommen war, besaß ich hier kein Pferd.

Und um mir im Mietstall eines zu beschaffen, dazu reichte die Zeit gewiss nicht mehr.

Ich musste also das erste beste Pferd nehmen, das ich fand.

Natürlich machte mich das zu einem Pferdedieb, doch dies schien mir das geringere Übel zu sein. Denn wenn ich blieb, würde Blut fließen. Ich würde wahrscheinlich töten müssen, um mir den Weg freischießen zu können.

Ich suchte mir in der Finsternis dieser schwarzen Nacht den Weg, kam durch weitere Höfe zwischen Schuppen hindurch in eine enge Gasse und wandte mich in ihr in Richtung zur Hauptstraße.

Und hier – in der Gassenmündung – fand ich ein Pferd.

Neben ihm lag ein Mann am Boden und schnarchte. Als ich niederkniete und mich zu dem Schnarcher beugte, da roch ich es. Er stank zehn Meilen gegen den Wind nach Feuerwasser und Erbrochenen wie ein Wildeber stank er, o weia! Mir war klar, dass er nicht mehr in den Sattel kam, weil er sich beschlaucht hatte wie ein ganzer Indianerstamm – und wer schon mal Rote saufen sah, der weiß, was ich meine.

Ich holte Geld aus meiner Tasche, und weil ich die Scheine in der Finsternis nicht betrachten konnte, nahm ich gewiss sehr viel mehr, als sein Pferd mitsamt dem Sattel und der Sattelrolle wert war. Auch zwei Packtaschen trug der Gaul.

Ich steckte dem schnarchenden Stinker das Geld in die Hosentasche. Er würde sich dafür selbst hier, wo alles so teuer war, mehr als nur ein Pferd kaufen können.

Dann saß ich auf und ritt los.

Es gab für mich nur zwei Möglichkeiten – nach rechts oder nach links, also nach Süden oder nach Norden. Nur in diese beiden Richtungen kam man aus dem Canyon heraus, in dem diese Stadt wie ein Korken auf dem Flaschenhals saß.

Meine Gedanken jagten sich. Denn ich musste mich jetzt binnen zwei oder drei Sekunden entscheiden.

Aber nach Süden zu war freies Land, durch das sich später von Bozeman der Trail bis Fort Laramie hinzog. Es gab weite Ebenen, so richtig wie geschaffen für eine Jagd. Denn man konnte das Wild auf weite Entfernung schon sichten. Und überdies lauerten Banditen jedem einzelnen Reiter auf, weil es immer wieder erfolgreiche Goldgräber gab, die mit ihrer Ausbeute heimwärts strebten und auf abseitigen Pfaden durchzukommen hofften.

Weiter im Süden lauerten Indianer der Sioux-Stämme, aber auch Cheyenne und Arapahoe auf jeden Weißen.

Ich würde also nicht nur von John Cobbs harten Jungens verfolgt werden, sondern musste auch noch mit Banditen und Indianern rechnen. Ich konnte in diesem übersichtlichen Land auch meine Fährte nicht hundertprozentig verwischen.

Also musste ich nach Norden.

Ich entschloss mich binnen dreier Sekunden und zog die Nase meines Pferdes in diese Richtung.

Ich war mir dabei natürlich der Gefahren bewusst, die auch auf dem Nordweg auf mich warteten.

Denn es gab nur drei Wege über die Berge nach Norden oder Nordwesten. Ich hatte mich in den vergangenen Tagen bei alten und erfahrenen Bergläufern und Jägern längst schon danach erkundigt.

Ich musste über die Bitter Roots nach Nordwesten, später dann genau nach Westen. Nur so kam ich an den großen Strom, wo ich ein Schiff zur Westküste erhielt. Anders kam ich nicht aus dem Land heraus – es sei denn, ich wollte nach Kanada. Aber ich wollte ja nicht in die Einsamkeit, sondern ganz im Gegenteil aus ihr heraus. Ich konnte an der Küste ein Seeschiff nach San Franzisko besteigen.

Und dort würde es mir mit all dem Geld gewiss sehr gut gefallen.

Meine Entscheidung, nach Norden oder Nordwesten zu reiten, wäre gut gewesen, hätte der Winter nicht vor der Tür gestanden.

Denn wenn ich nicht auf einem der drei Wege über die Pässe kam, dann würde ich sozusagen einsam in der Hölle sein – in der Eishölle des Winters irgendwo eingeschlossen in den Bergen.

O verdammt, ich war wohl durch und durch ein verdammter Spieler, der stets alles auf seine Karten setzte. Doch beim Poker konnte man bluffen.

Den Winter aber vermochte niemand aus dem Spiel zu bluffen. Wenn der seinen ersten Blizzard schickte, dann war der ein Royal Flush in diesem Spiel.

Ich wollte es dennoch versuchen.

Denn ich war ein verdammter Spieler. Und noch glaubte ich an mein Glück.

***

Als der Morgen graute und die Sicht etwas besser wurde, erreichte ich den Anstieg zum Burro-Pass. Ich war inzwischen aus dem Canyon herausgekommen und hatte das Goldfundgebiet von Golden City verlassen.

Hier in den Bergen gab es noch einzelne Claimgemeinschaften oder umherziehende Goldsucher, die nach Goldadern suchten.

Als ich die Wasserscheide des Passes erreichte, war es fast Mittag. Ich hielt das Pferd an, zog es herum und blickte hinunter.

In den vergangenen Stunden war ich zwei Reitern und einem Goldsucher mit einem Esel begegnet, die nach Golden City wollten. Ich hatte auch rechts und links einige Hütten und Zelte gesehen, den Rauch von Kochstellen gewittert.

Und eine ganze Maultierkarawane war mir entgegengekommen mit zwei Treibern, die aus den Bergen Brennholz nach Golden City brachte. Brennholz war knapp und wurde fast so gut bezahlt wie Frischfleisch.

Bisher war niemand mir gefolgt.

Alles bewegte sich in der Gegenrichtung, also nach Golden City.

Doch nun – von der Wasserscheide des Passes aus sah ich die Reiter kommen. Ich zählte fünf. Und sie ritten ziemlich rau, trieben ihre Pferde an. Es waren gewiss meine Verfolger. Irgendwie hatten John Cobbs Männer herausgefunden, in welcher Richtung ich aus der Stadt geritten war.

Dann hatten sie von den entgegenkommenden Reitern, die mich getroffen hatten, erfahren, dass sie mir begegnet waren.

Und nun hatten sie es eilig.

Ich seufzte. Dieser John Cobb machte wohl alles zu einer Prestigesache. Er wollte nicht verlieren, sondern Revanche. Normalerweise gab ich jedem Verlierer Revanche. Das gehörte sich so, war Charaktersache und entsprach der Moral eines Mannes. Doch John Cobb hatte mir gewissermaßen verboten, Golden City zu verlassen, und ich wusste zu gut, dass ich nicht eher weggekommen wäre, bis er mich am Boden liegen gehabt hätte.

Darauf konnte ich es nicht ankommen lassen – es sei denn, ich ergab mich aus Furcht vor ihm und seiner Macht.

Ich überlegte, ob ich die fünf Verfolger mit dem Gewehr aufhalten sollte.

Ja, ich besaß ein Gewehr. Es steckte im Sattelschuh des Pferdes, und ich hatte es längst schon überprüft. Es war ein gutes Gewehr, ein Spencer-Karabiner, mit dem man fünfmal schießen konnte, bevor nachgeladen werden musste.

In den Satteltaschen waren auch reichlich Munition und viele andere Dinge, die für einen Mann, der längere Zeit unterwegs sein wollte, notwendig waren. In der Sattelrolle waren Decken, eine geteerte Zeltplane und Reservewäsche.

Der ursprüngliche Besitzer des Pferdes hatte offenbar einen weiteren Ritt vor und war dementsprechend ausgerüstet. Vielleicht wollte er sich gar nicht so sehr beschlauchen, sondern nur ein oder zwei Drinks nehmen. Vielleicht war er ein Bandit oder ein Frischfleischjäger. Ich hatte ihn mir in der Dunkelheit nicht so genau ansehen können.

Jedenfalls hatte ich Glück gehabt, dass mir ausgerechnet dieses Pferd als Erstes in den Weg geriet. Und sein Besitzer hatte Glück, dass ich ihm die Tasche mit Geld füllte.

Doch was war jetzt mit dem Glück?

Sollte ich die Verfolger von hier oben von meiner Fährte schießen?

Es wäre nicht allzu schwer gewesen.

Doch ich war gegen jedes Töten und Blutvergießen. Gewiss, ich hatte schon töten müssen, um mein Leben behalten zu können. Ich konnte es auch mit jedem Revolverhelden aufnehmen.

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