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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 11

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Im Schatten der Coltritter
  4. Kapitel 1
  5. Kapitel 2
  6. Kapitel 3
  7. Kapitel 4
  8. Kapitel 5
  9. Kapitel 6
  10. Kapitel 7
  11. Kapitel 8
  12. Kapitel 9
  13. Kapitel 10
  14. Kapitel 11
  15. Kapitel 12
  16. Kapitel 13
  17. Kapitel 14
  18. Kapitel 15
  19. Vorschau

Im Schatten der Coltritter

Was zuvor geschieht:

Es ist an einem schönen Sonntagvormittag, als einer von Abe Lockhardts Revolvermännern vor das noch ziemlich armselige Farmhaus der Bradys reitet, während sein Boss Abe Lockhardt in einiger Entfernung verharrt und abwartet. Lin Brady, seine beiden Söhne, die kleine Tochter und Lena, seine Frau, treten auf die Veranda. Lin Brady hat seine Schrotflinte im Hüftanschlag und wirkt sehr entschlossen.

Doch seine Familie hinter ihm, die fürchtet sich. Denn die beiden Buben sind etwa acht und zehn Jahre. Und das Mädchen ist erst fünf.

Lena Brady aber flüstert ihrem Mann zu: »Lass dich nicht provozieren, Lin! Nicht von diesem Revolvermann. Denk daran, was wir ohne dich wären auf dieser verdammten Welt!«

Lin Brady hört es, und er zittert innerlich. Die Furcht schnürt ihm die Kehle zu. Er möchte etwas erwidern, doch er bringt kein Wort heraus. Er muss nur immer wieder hart schlucken.

So verharren alle eine Weile. Der Revolvermann sieht sich gelassen um und nickt schließlich.

Und als hätte er Lena Bradys Flüstern gehört, sagt er kühl: »Ja, Brady, was würde ohne dich aus deiner Familie werden auf dieser harten Welt.«

Als er es gesagt hat, greift er in die Innentasche seiner Jacke, holt einen Beutel hervor und wirft ihn Lin Brady vor die Füße. Es klirrt wie Hartgeld darin.

»Hundert Dollar«, sagt der Revolvermann. »Das ist der Preis, den Lockhardt dir freiwillig zahlt, damit du hier von der guten Wasserstelle verschwindest. Lockhardt braucht das Wasser für seine Rinder. Und er hat dir befohlen zu verschwinden. Also verschwinde! Jetzt sofort! Packt eure Siebensachen und spannt den Wagen an. Vorwärts!«

Damit hat er alles gesagt.

Denn es ist alles ganz einfach. Ein Cattleking lässt einen Siedler verjagen. Auf zweihundert Meilen in der Runde gibt es kein Gesetz. Nur allein die Macht des Stärkeren ist Gesetz.

Und der Mächtige heißt Abe Lockhardt.

Ja, so einfach ist das.

Der Siedler oder Farmer Lin Brady zittert nun am ganzen Körper.

Er ist kein Feigling, nein, dies ist er wirklich nicht. Auch ist er sich bewusst, dass er eine schussbereite Schrotflinte im Hüftschlag hält.

Aber zugleich ist er sich darüber im Klaren, dass es sein Tod sein würde, sollte er abdrücken. Dieser Revolvermann würde auch sterbend noch ziehen und blitzschnell schießen, bevor er tot zu Boden sinkt.

Von diesem Revolvermann geht etwas aus, was der Farmer Lin Brady wie einen Eishauch spürt, wie einen Todesatem.

O Vater im Himmel, denkt Lin Brady, soll ich es wagen? Kann ich das überleben? Der da ist einer von Abe Lockhardts Coltrittern, ein zweibeiniger Tiger, der es allein mit einer ganzen Mannschaft aufnehmen kann. Ich habe keine Chance gegen ihn, selbst mit meiner Schrotflinte nicht. Der tötet mich auch noch sterbend. Was wird dann aus Lena und den Kindern?

Doch trotz seiner Furcht hört er sich sagen: »Wir gehen hier nicht fort, nicht für hundert Dollar ja nicht mal für tausend. Wir haben hier drei Jahre hart gearbeitet. Verschwinden Sie, Mister! Oder ich schieße Sie vom Pferd!«

Die letzten Worte brüllt er wie ein Mensch, der sich selbst Mut machen will.

Und er hebt das Gewehr etwas höher.

Der Revolvermann aber fasst das als Drohung auf. Vielleicht glaubt er auch wirklich, dass Lin Brady abdrücken wird, und will ihm deshalb zuvorkommen. Jedenfalls erscheint wie durch Zauberei der Revolver in seiner Faust. Der Schuss kracht, die Kugel stößt Lin Brady herum und zerschmettert ihm das rechte Schultergelenk. Er lässt das Gewehr fallen und geht ebenfalls zu Boden. Die Frau und die Kinder kreischen voller Angst und Entsetzen – nur Jim Brady, der erst zehn Jahre alte Sohn, stürzt vorwärts und will die Schrotflinte aufgreifen.

Aber da wirft sich die Mutter auf ihn, hält ihn fest und ruft immer wieder: »Nein, Jim! Nein, Jim!«

Dies alles geschieht im Jahre 1850 in Texas.

Und dann vergehen zwanzig Jahre.

1

Es ist irgendwo in Arizona an einem Vormittag, als Jim Brady – inzwischen fast dreißig Jahre alt – einige Siedler und Farmer in die kleine Stadt Santa Rosa begleitet.

Als die fünf Wagen vor dem Store anhalten, erhebt sich dort auf dem verbreiterten Plankengehsteig ein Mann aus dem Schaukelstuhl, bei dessen Bewegungen man an einen hageren Wolf aus der Apachenwüste denken muss – so man einen solchen Wolf jemals zu sehen bekam.

Dieser Mann ist bekannt unter dem Namen Kingfisher, doch man nennt ihn zu beiden Seiten der Grenze – also im Arizona- Territorium und drüben in Sonora nur Colt-King, und er ist stolz auf diesen Namen.

Kingfisher tritt bis an den Rand des Gehsteigs und hakt beide Daumen in seinen Waffengürtel. Es ist ein sogenannter »Kreuzgurt«, denn Kingfisher ist ein Zweirevolvermann. Die Kolben seiner Waffen stehen vom Körper ab. Er ist so schnell beim Ziehen, dass man den Bewegungsablauf gar nicht richtig verfolgen kann, wenn man ihn bei der »Arbeit« sieht.

Er sagt laut genug, dass es alle auf den fünf Wagen hören können: »Haut ab! Hier gibt es nichts zu kaufen – nicht mal einen Hosenknopf. Haut ab! Im ganzen Land auf hundert Meilen im Umkreis gibt es nichts für euch. Begreift das endlich, ihr Dummköpfe!«

Damit hat er alles gesagt. In seiner Stimme klirrte eine eiskalte Drohung. Die kleine Stadt Santa Rosa wirkt wie ausgestorben. Alles hat sich verkrochen. Nur ein Hund trottet über die staubige Fahrbahn.

Doch es ist sicher, dass die Vorgänge hier beim Store genau beobachtet werden – hinter Fenstern, aus spaltbreit geöffneten Türen.

Diese kleine Stadt hält den Atem an.

Und ein einziger Revolvermann – ein sogenannter Coltritter – bewirkt das alles.

Kingfisher wippt leicht auf seinen Fußsohlen. Seine Füße stecken in feinsten Maßstiefeln aus Alabama. Zwischen seinen schmalen Lippen blinken die Zähne scharf und raubtierhaft. Sein Lächeln ist geringschätzig und verächtlich.

So war es auch schon damals, als die Ritter hochmütig auf die Bauern und Sklaven niederblickten. Und so ist es auch jetzt hier im Südwesten, wo ein Mächtiger mit Hilfe von Revolverschwingern regiert.

Aber dann ändert sich plötzlich alles.

Der Mann, der den ersten Wagen fuhr, springt in den knöcheltiefen Staub der Fahrbahn. Er geht langsam am Gespann entlang nach vorn und klopft dem Tier leicht gegen Schulter und Hals. Dann betritt er den Gehsteig und wendet sich Kingfisher zu. Dabei schlägt er seine Jacke zurück – und nun sieht man, dass er unter der langen Jacke einen Revolver trägt.

»He, Kingfisher, kennst du mich?« So fragt er ruhig.

Der sieht ihn an, schüttelt dann den Kopf.

»Nein«, erwidert er, »dich kenne ich nicht. Doch ich sehe, dass du dich gut getarnt hast. Ich hielt dich für einen dieser Stollenbrecher. Aber du bist offenbar einer von meiner Gilde. Sie haben dich angeworben, damit du ihnen den Weg zum Store freischießen sollst. Ist es so?«

»So ist es«, nickt der Mann, der den ersten Wagen fuhr. »Wir zwei werden es nun auskämpfen, Kingfisher. Mein Name ist Jim Brady.«

Als er es gesagt hat, zögert Kingfisher nicht länger. Denn es gibt nichts mehr zu sagen. Jetzt geht es nur noch darum, möglichst schnell zu sein und den kleinsten Vorteil zu nutzen.

Deshalb zieht Kingfisher nun ohne jede Warnung.

Und er ist schnell, sehr schnell, so schnell wie ein einschlagender Blitz. Es ist wie Zauberei. Ja, er ist ein Großer mit dem Colt.

Doch als er abdrückt, wird er im selben Sekundenbruchteil schon von Jim Bradys Kugel getroffen und herumgestoßen. Kingfisher trifft nicht, er schießt nur durch Bradys Jackenärmel, ritzt nicht mal Bradys Haut am Oberarm.

Und dann schießt Kingfisher noch dreimal – aber immer nur zwischen Brady und sich in den Boden. Denn der Revolver wurde ihm zu schwer, indes er auf die Knie geht.

Und mit seinem letzten Atem haucht er heiser: »O Hölle, ich bin …«

Weiter kommt er nicht mehr. Vielleicht wollte er noch sagen »… erledigt«, aber dazu reicht sein Atem nicht mehr.

Brady tritt mit noch rauchendem Colt zu ihm, blickt auf ihn nieder. Denn Kingfisher rollte sterbend auf den Rücken, so als wollte er noch mal den Himmel sehen.

Doch sein Blick ist leer.

Von den anderen Wagen springen die Menschen. Auch aus den Häusern und Geschäften der Stadt kommen sie nun heraus.

Jemand sagt: »Er hat ihn geschlagen. Er hat Colt-King geschlagen, der uns alle erpresste, der diese Stadt und dieses Land sterben lassen wollte. Er hat ihn besiegt. Jetzt wird alles anders. Colt-King war für seinen Auftraggeber das Geld nicht wert.«

Sie alle haben sich nun beim Store versammelt. Und vom toten Kingfisher blicken sie nun auf den wie ein Siedler und Schollenbrecher gekleideten Jim Brady.

»Bleiben Sie noch bei uns, Mister Brady?« So fragt eine Stimme.

Aber Jim Brady schüttelt den Kopf.

»Wählt endlich einen Sheriff«, spricht er. »Und bildet eine Bürgerwehr, wenn er Hilfe braucht. Ich bleibe nicht länger.«

***

Es ist nur zwei Stunden später, als Jim Brady in der Postkutsche sitzt, die von Nogales über El Paso nach San Antonio fährt.

Er bekommt einen Platz in der hintersten rechten Ecke, lehnt sich hinein und zieht sich den Hut übers Gesicht. Man meint, er wäre eingeschlafen, so wie es fast alle Reisenden tun oder zumindest zu tun versuchen.

Aber er könnte beim besten Willen nicht schlafen. Es sind zu viele Gefühle und Gedanken in ihm.

Und ein Gedanke wiederholt sich immer wieder: Colt-King Kingfisher war meine letzte Probe. Er war der Berühmt-Berüchtigtste von allen. Da ich ihn besiegen konnte, kann ich es mit jedem anderen seiner Sorte aufnehmen, mit jedem von Abe Lockhardts Coltrittern. Ich werde sie Mann für Mann schlagen, bis Abe Lockhardt allein ist.

Ja, dies sind immer wieder seine Gedanken.

Und dann erlebt er noch einmal in seiner Erinnerung, wie es damals war, als einer von Abe Lockhardts Revolvermännern seinem Vater die Schulterkugel zerschmetterte und ihn somit zum Krüppel machte.

Schon damals wollte er als zehnjähriger Bub an seines Vaters Stelle weiterkämpfen. Doch die Mutter hinderte ihn daran, die Schrotflinte aufzunehmen.

Oh, die Mutter …

Bei dem Gedanken an sie möchte er die Bilder der Erinnerung vor seinen Augen zum Stillstand bringen. Denn es sind zu traurige und bittere Erinnerungen. Er möchte sie nicht wieder aufleben lassen, obwohl er sie niemals vergessen konnte. Denn schließlich machten sie ihn zu einem Revolvermann, zu einem Coltritter, der den Revolver so trägt wie damals die Ritter und degenfechtenden Kavaliere ihre Schwerter und Degen.

Aber er stand stets auf der Seite der Kleinen.

Das war der Unterschied. Er kämpfte niemals für die Machterhaltung der Mächtigen, sondern stets dagegen. Damals packten sie ihre Siebensachen und fuhren zum nächsten Doc. Doch dieser konnte nicht viel tun für den Vater. Eine zerschossene Schulterkugel war nicht zu reparieren. Lin Brady, der es wagte, mit einer Schrotflinte gegen einen Revolvermann zu bestehen, blieb sein ganzes Leben ein Krüppel und wurde zum Säufer.

Die hundert Dollar waren schnell verbraucht.

Es gab für die Brady-Familie nur Elend und Not. Als Bettler zogen sie von einem Ort zum anderen. Erst als die beiden Buben größer waren und da und dort Arbeit fanden, wurde es etwas besser.

Sie lebten in armseligen Hütten, arbeiteten als Farmhelfer. Die Mutter wusch Wäsche und flickte Kleidung. Und der Vater trank sich stetig dem Tod entgegen.

Als er dann betrunken in einen Wassertrog fiel und darin ertrank, ging es der Brady-Familie etwas besser. Denn es vergeudete niemand mehr das mühsam erarbeitete Geld. Aber das Glück war ihnen nicht lange hold. Das große Unglück kam erst noch. Sie erkrankten an Typhus. Auch die kleine Schwester, die gewiss einmal eine Schönheit geworden wäre. Nur Jim Brady überlebte. Als Halbwüchsiger kam er zu einer Horde von Banditen, die zu beiden Seiten der Grenze Pferde und Rinder stahlen, aber auch andere Überfälle verübten.

Irgendwann ging er seinen eigenen Weg.

Und dann kam der Krieg gegen die Nordstaaten. Nein, er wurde nicht Soldat.

Doch er versorgte die Südstaaten-Truppen mit Pferden und Rindern aus Mexiko.

Und er wurde ein Revolvermann, der es mit allen anderen Coltmännern aufnehmen konnte. Der letzte Beweis – sozusagen die letzte Prüfung – war Colt-King Kingfisher.

Jetzt ist er mit all seinen Erinnerungen unterwegs, um Rache zu nehmen an Abe Lockhardt. Nun fühlt er sich stark genug.

Sein Lebensweg war hart. Nichts mehr auf dieser Erde ist ihm fremd, was die Menschen betrifft. Er wurde ein misstrauischer einsamer Wolf.

Und er macht Abe Lockhardt verantwortlich für den Untergang seiner Familie.

Wäre er, Jim Brady, seinerzeit auch an der Seuche gestorben, so hätte Lockhardt nie wieder etwas von den Bradys gehört, die er damals mit vielen anderen Siedlern und kleinen Farmern aus dem Lande verjagte. Doch jetzt …

Ob dieser Abe Lockhardt wohl spüren, fühlen oder ahnen kann, dass Unheil auf dem Wege zu ihm ist? Ob er jetzt dann und wann ein unbehagliches Gefühl hat?

Aber wahrscheinlich hat er die Brady-Familie längst vergessen. Für ihn waren sie ja alle nur armselige Siedler und kleine Farmer, mieses Kroppzeug, das in seinem Schatten lebte und ihn am Größerwerden hinderte.

Jim Brady zog in den vergangenen Jahren mehrmals Erkundigungen ein über Abe Lockhardt und dessen Rinderreich.

Lockhardt wurde noch mächtiger und erhält sich diese Macht immer noch wie vor zwanzig Jahren mit Hilfe der Revolvermänner, die ihm dienen wie Ritter einem König, was sie gewissermaßen zu Coltrittern macht.

2

Die kleine Stadt heißt nun »Lockhardt City«. Früher, vor zwanzig Jahren, war es nur eine Relais-Station der Post- und Frachtlinie, die vom Golf über Laredo durch das Rio Grande Valley Fahrgäste und Frachten nach El Paso transportiert.

Damals hießen die paar Hütten und Schuppen nur »Lockhardt Station«.

Nun wurde eine kleine Stadt daraus, die von der mächtigen Lockhardt Ranch und dem Durchgangsverkehr lebt, nicht zuletzt aber auch von einigen Dutzend Farmern, Siedlern und Kleinranchers, die Abe Lockhardt an seinen Grenzen duldet wie ein Mächtiger einige Vasallen, die ihm deshalb zur Treue verpflichtet sind. Denn ein Vasall ist ein Lehnsmann, verpflichtet zu treuen Diensten für seinen Herrn, wofür er das Lehen zur Nutznießung so lange behält, wie er seinem Lehnsherrn die Treue hält.

Dieser Lehnsdienst stammt noch aus dem Feudalsystem des Mittelalters.

Aber Abe Lockhardt praktiziert ihn, wie so viele andere Mächtige in dieser Welt, von der viele Menschen in der alten Welt glaubten, sie kämen in ein Asyl der Freiheit. Jim Brady ist der einzige Passagier, der in Lockhardt City die Postkutsche verlässt. Er ist immer noch wie ein Farmer gekleidet, hat nur wenig Gepäck in seiner Reisetasche und hat seinen Revolver abgeschnallt. Er trägt ihn unter der Reservewäsche in der Reisetasche verborgen.

Während er sich vor der Post- und Frachtstation noch umsieht und überlegt, wohin er gehen soll, hört er den Fahrer der Postkutsche rufen: »Barney, ich brauche ein anderes linkes Vorderrad! Verdammt, ich bin froh, dass ich noch bis hierher gekommen bin mit dem Ding. Vorwärts, Barney! Ein linkes Vorderrad! Der Radreifen löst sich, weil die Feuerschweiße nicht richtig klebt, o verdammt! Was war das nur für ein Schmied!«

Jim Brady steht nur zwei Yard von diesem linken Vorderrad entfernt. Nun tritt er näher und sieht sich den Schaden an.

Ja, der Fahrer hat es richtig gesagt. Die beiden sich überlappenden Enden des Radreifens wurden durch eine Feuerschweiße verbunden. Doch wahrscheinlich verwandte der Schmied nicht genug Quarzsand, um ein Oxydieren zu verhindern. Jedenfalls lösen sich nun die beiden Lappen voneinander.

Eine ältere, hagere Frau und ein junger Helfer sind mit dem Begleitmann der Kutsche indes dabei, das Sechsergespann gegen ein frisches einzutauschen, das schon bereitstand für den Gespannwechsel.

Die Frau – sie trägt Hosen wie ein Mann, doch sie sind ihr viel zu weit – ruft über die Schulter, indes sie am Geschirr hantiert: »Da können wir dir nicht helfen, Pete. Barney liegt flach. Den hat ein verrückter Gaul getreten beim Eisenbeschlagen. Der hat sich den Brustknochen von diesem Pferdebiest brechen lassen. Wir haben kein linkes Vorderrad für die Kutsche in Reserve. Sieh zu, dass du noch bis zur nächsten Station kommst.«

»Bin ich verrückt?« So brüllt der Fahrer. »Bin ich so beknackt, dass ich mit einem Rad weiterfahre, das keine drei Meilen mehr hält? Verdammt, es wird doch wohl in dieser lausigen Stadt noch einen anderen Mann geben, der …«

»Doch, den gibt es«, mischt Jim Brady sich ein. »Ich könnte das machen.«

Nun wenden sie sich ihm alle zu: die Frau, der Helfer, die beiden Männer der Postkutsche und auch die Fahrgäste, von denen inzwischen einige aus der Kutsche stiegen, um sich die Beine zu vertreten oder den Schaden am Vorderrad zu besichtigen.

Sie alle sehen ihn an.

Die Frau fragt knapp: »Und Sie können das wirklich, Mister?«

Jim Brady nickt.

»Ich bin zufällig Schmied«, erwidert er. »Und ich suche irgendwo Arbeit für eine Weile.«

»Dann hat das Schicksal Sie hergeführt«, spricht die hagere und schon grauhaarige Frau fast feierlich. »Dann hat der Herr im Himmel mein Bitten gehört. Denn wir haben zurzeit eine Menge Arbeit. Wenn Sie den Reifen wieder in Ordnung bringen und keine Angst davor haben, vier Dutzend halbwilde Gäule zu beschlagen, dann können Sie eine Weile bleiben als Vertreter oder Ersatz für meinen Mann. Wir zahlen einen Dollar pro Tag und freie Unterkunft mit Verpflegung. Ich koche gut. Doch wenn Sie als Schmied nichts taugen, müssen Sie morgen schon verschwinden. Gut so?«

»Gut so«, erwidert Jim Brady, und er geht zur halb offenen Schmiede hinüber, um dort unter der Esse mit Hilfe des Blasebalgs das Feuer in Gang zu bringen, indes die Männer der Postkutsche das Rad abnehmen und zu ihm bringen.

Er wird den Reifen abnehmen müssen, um die bei den überlappten Enden neu durch eine Feuerschweißung zu verbinden. Dann muss er den gesamten Reifen erhitzen – »warm machen« sagt der Schmied – um ihn wieder auf das Rad zu bekommen. Er wird den Reifen dann abschrecken, also abkühlen, sodass sich das Eisen zusammenzieht und der Reifen wieder fest auf dem Rad sitzt.

Sie sehen ihm dann wenig später zu.

Der Helfer der Station geht ihm dabei zur Hand.

Und sie sehen alle, dass er ein guter Schmied ist, denn jeder Handgriff und Hammerschlag sitzt. Er bringt die Oberfläche der überlappten Reifenenden gerade richtig zum Schmelzen, bevor das Eisen verbrennt.

Er wirft einige Handvoll Quarzsand auf die geschmolzenen Oberflächen und verbindet alles mit einigen Schlägen zu einem nun wieder nahtlos gewordenen Reifen.

Als sie dann später das Rad wieder an die Vorderachse der Kutsche setzen, sagt die Frau zu ihm: »Sie können bleiben. Dort im Schuppen ist ein Quartier für Sie. Paco wird Ihnen alles zeigen. Wie ist Ihr Name?«

»Jim Linnehard«, erwidert Jim Brady und gibt somit seinen zweiten Vornamen als Nachnamen an.

»Und bei wem bin ich hier?«

»Bei den Bakers. Ich bin Anni Baker. Mein Mann ist Barney Baker, der Stationsmann und Schmied. Paco ist unser Helfer.«

Sie deutet auf den jungen Mexikaner.

Und dieser Paco grinst mit weißen Zahnreihen freundlich.

»Si, ich zeige Ihnen alles, Señor«, sagt er.

Die Kutsche fährt davon und lässt eine Staubwolke zurück.

Jim Brady sieht sich noch einmal um.

Ja, denkt er, es ist wohl Schicksal, dass ich mich hier gleich bei meiner Ankunft als Schmied tarnen kann. Dann folgt er Paco, der ihm sein Quartier zeigen will.

***

Den ganzen Nachmittag bis zum Abend hört man in der kleinen Stadt die klingenden Hammerschläge aus der Schmiede. Jim Brady beschlägt bis zum Abend ein halbes Dutzend halbwilder Pferde der Lockhardt-Ranch.

Dann wird er zum Abendbrot auf die Veranda des Wohnhauses der Bakers gerufen. Auch Paco, der ihm ein guter Helfer war, kommt gewaschen herüber.

Aber nicht Anni trägt das Abendessen auf.

Es ist ein Mädchen oder eine noch mädchenhaft wirkende junge Frau. So genau kann er dies im Laternenschein sogleich nicht erkennen.

»Ich bin Sally Baker«, sagt sie zu ihm und reicht ihm ihre Hand. »Ich bin die Tochter. Und ich freue mich, dass Sie eingesprungen sind. Wissen Sie, wir haben mit der Post- und Frachtlinie Verträge – auch mit der Lockhardt-Ranch. Sie kamen uns wie gerufen, Mister Linnehard.«

Er staunt sie an, und er vergisst in diesem Moment alles, was ihn hergeführt und die vielen Jahre immer wieder beschäftig hat.

Denn im Laternenschein sieht er eine Schönheit.

Ihr Haar muss bei Tageslicht die Farbe von Rotgold haben. Und ihre Augen sind grün. Sie ist eine junge Frau mit geschmeidigen Bewegungen, und sie spürt natürlich seine Bewunderung und lächelt irgendwie verständnisvoll.

»Ich bin hier in dieser Stadt die Lehrerin«, lächelt sie. »Überdies erledige ich für die Stadt allen Schriftverkehr und führe das Einwohnerregister, bin auch die Posthalterin. Nun wissen Sie alles über mich und brauchen nicht zu fragen. Sie hätten doch gefragt, was ein Mädchen wie mich hier in dieser kleinen Stadt festhält oder?«

Er nickt.

»Ja«, murmelt er, »das hätte ich gefragt.«

Wieder lächelt sie verständnisvoll.

»Oh«, spricht sie, indes sie sich setzt, »ich war schon eine Weile in der Welt draußen. Schließlich machte ich ja mein Examen in San Antonio als Lehrerin. Ich bin lieber hier. Und die paar Kinder brauchen mich. Wer brächte denen sonst etwas bei? Hierher zieht es keine Lehrer. Langen Sie zu, Mister. Meine Mutter kommt auch gleich. Und Paco kann es kaum erwarten, nach Ihnen zuzulangen. Paco ist höflich. Sie sind sein Boss.«

Sie lacht dabei. Anni Baker kommt nun aus dem Haus und setzt sich ebenfalls. Sie sagt: »Mein Mann lässt Sie grüßen. Ich habe ihm gesagt, dass Sie ein guter Schmied sind. Nun macht er sich keine Sorgen mehr.«

Sie beginnen zu essen.

Es ist noch warm. Die Laterne verbreitet mildes Licht.

Eine Unterhaltung beginnt.

Jim Brady hat das Gefühl, in den Kreis einer Familie aufgenommen zu sein.

Er ist bei freundlichen Menschen.

Und einen Moment lang vergisst er tatsächlich, was ihn hier herkommen ließ, was ihn gewissermaßen mit Gewalt hertrieb.

***

Nach dem Abendessen schlendert er durch die kleine Stadt.

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