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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 10

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Wyoming Wade
  4. Kapitel 1
  5. Kapitel 2
  6. Kapitel 3
  7. Kapitel 4
  8. Kapitel 5
  9. Kapitel 6
  10. Kapitel 7
  11. Kapitel 8
  12. Kapitel 9
  13. Kapitel 10
  14. Kapitel 11
  15. Kapitel 12
  16. Kapitel 13
  17. Kapitel 14
  18. Vorschau

Wyoming Wade

1

Als ich meine Hütte erspähte, hielt ich mit den beiden Packtieren an und fluchte bitter.

Denn was ich da sah, gefiel mir gar nicht.

Aus dem Kamin stieg Rauch. Es war ein schöner Kamin, den ich aus Bruchsteinen und Lehm gemauert hatte. Nun rauchte er also, und dies bedeutete, dass jemand in meiner Hütte war, dort sozusagen während meiner Abwesenheit eingezogen sein musste.

Als ich ein Stück weiterritt, hatte ich zwischen den Felsen hindurch einen besseren Blick auf die Hütte, und da sah ich in meinem Corral drei Pferde.

Drei!

Und auf einer Corralstange lagen drei Sättel.

Es war kalt. Der Schnee lag so hoch, dass man mit einem Pferd gerade noch reiten konnte. Ich war mächtig froh gewesen, meine verborgene Hütte erreicht zu haben. Der Winter war sehr früh gekommen. Ein Blizzard hatte ihn angekündigt. Dieser Blizzard hatte mich unterwegs auf meinem Vierhundert-Meilen-Ritt überrascht, mich eine ganze Woche in einer Höhle festgehalten.

Und nun war meine Hütte von Fremden in Beschlag genommen worden.

Oha, ich hatte gewiss Grund genug zum Fluchen. Denn ich konnte den Verdruss wittern wie den Gestank eines toten Büffels, der schon viele Tage in der Sonne verweste.

Drei Sattelpferde standen da in meinem Corral.

Das konnte drei Gegner bedeuten.

Also war ich verdammt allein.

Aber vielleicht waren es ganz harmlose und redliche Gäste?

Als ich diese Möglichkeit in Betracht zog, verwarf ich sie auch schon wieder. Dies hier war einsamstes Jagdgebiet in den Wind-River-Bergen, die nach Nordosten hin zum Wind River abfielen, bevor dieser sich mit dem Big Horn vereinigte.

Hier am Fluss gab es nur die Wind-River-Arapahoes und in den Bergen Gebirgsläufer wie ich. Wir alle von der so genannten »Hirschlederbrigade« kannten und respektieren uns, und niemand machte dem Artgenossen sein Revier streitig.

Es mussten also Fremde sein, die aus irgendwelchen Gründen in mein einsames Jagdgebiet kamen, um hier zu überwintern. Denn es würden weitere Blizzards kommen, so dass es kaum noch möglich war, aus den Bergen herauszukommen.

Wer um diese Jahreszeit hier herkam, der wollte überwintern.

Diese uneingeladenen Gäste waren gewiss sehr froh gewesen, hier eine winterfeste Hütte gefunden zu haben, die viele notwendige Dinge enthielt und außerordentlich stabil war. Ich hatte mehrere Jahre daran gearbeitet und viele Packtierlasten hergebracht.

Auch für die Pferde hatte ich genug Futter gesammelt während des Sommers. Die Kerle saßen hier also wie die Maden im Speck.

Und so fluchte ich eine ganze Weile.

Was war zu tun?

Es war mir sofort klar, dass ich nicht einfach vor meine Haustür reiten konnte, um mir die uneingeladenen Gäste anzusehen und ihnen gegebenenfalls zu sagen, dass meine Hütte für vier Bewohner nicht groß genug sei und sie sich zum Teufel scheren sollten.

»Nein, ich musste erst wissen, wer da eingezogen war. Mit einem bitteren Seufzen wollte ich absitzen. Doch da öffnete sich die Hüttentür. Ein Mann kam heraus, um Holz zu holen.

Als ich den Burschen sah, wusste ich Bescheid.

Denn ich kannte ihn.

Cheyenne Slim Slaugther war ein böser Finger, der sich nirgendwo mehr blicken lassen durfte, wo es Recht und Gesetz gab. Und selbst die Indianer wollten seinen Skalp, weil er auch sie betrog oder bestahl.

Doch Cheyenne Slim Slaugther war erfahren und gefährlich wie ein narbiger Wolf, der schon vielen Fallen entkam, zwar oftmals nicht ohne Narben, jedoch stets ein wenig erfahrener und schlauer. Sein Partner war Fat Cat Pierce, und so lang Cheyenne Slim war, so gedrungen wirkte Fat Cat Pierce als sein körperlich vollkommenes Gegenstück. Doch unterschieden sie sich nur äußerlich, sonst waren sie von der gleichen Sorte.

Ich wusste, dass Fat Cat Pierce nicht weit von Cheyenne Slim entfernt sein konnte, also in der Hütte sein musste.

Aber wer war der dritte Mann?

Bisher hatten sie nie einen Partner. Gewiss, sie führten manchmal starke Banden von Renegaten, Deserteuren und Geächteten an. Sie waren Pelzräuber, überfielen die Transporte auf dem Bozeman Trail, stahlen ganzen Indianerdörfern die Pferde, raubten auch manchmal Frauen. Aber nach solchen »Unternehmungen« trennten sie sich dann stets wieder von den starken Banden und tauchten allein irgendwo unter, blieben für lange Zeit verschollen.

Wahrscheinlich verbrachten sie diese Zeit dann in solchen Verstecken wie meine verborgene Hütte, warteten, bis die Suche nach ihnen abgebrochen wurde. Dies mochte auch jetzt der Fall sein.

Was also sollte ich tun?

Ich hatte drei Möglichkeiten: Ich konnte wieder verschwinden, sie dulden und versuchen, mit ihnen in meiner Hütte zu leben, oder sie zum Teufel jagen.

Und so seufzte ich und saß endlich ab.

Ich hatte mir die Rückkehr zu meiner Hütte sehr viel anders vorgestellt. An einem meiner Packpferde hing eine erlegte Antilope. Ich hatte mich schon auf Antilopensteaks und Kaffee gefreut.

O verdammt, jetzt saßen diese üblen Pilger in meiner Hütte. Hoffentlich hatten sie mir keine Läuse in die Decken und Pelze gebracht – oder Flöhe. Dann würde ich mich noch lange an sie erinnern müssen, nachdem ich sie davongejagt hatte.

Denn von den drei Möglichkeiten, die ich zur Wahl hatte, kam für mich nur die Letztere in Betracht. Und niemand, der mich kannte, hätte daran gezweifelt.

Ich war ein ziemlich zäher und harter Bursche von sechs Fuß und drei Zoll Höhe und hundertneunzig Pfund Gewicht. Dabei hatte ich kein einziges Gramm Fleisch zu viel am Körper.

Cheyenne Slim war indes mit einem Armvoll Holz in der Hütte verschwunden. Dafür kam nun Fat Cat Pierce heraus und füllte einen großen Wasserkessel mit Schnee, verschwand wieder in der Hütte damit.

Ich fragte mich, ob ich nun den dritten ungebetenen Gast zu sehen bekommen würde.

Aber der ließ sich Zeit. Es kam vorerst niemand mehr heraus. Nur aus dem Kamin quoll jetzt dunkler Rauch, weil sie Holz nachgelegt hatten, das gefrorene Nässe enthielt, die nun auftaute und gewiss in der Glut zischte. Die Pferde hatten den Schnee im Corral ziemlich zertrampelt.

Vom Corral aus konnten die Tiere auch in eine Höhle in der Felswand hinein, die bei strengem Frost oder gar bei Blizzard ein guter Schutz war.

Aber das Wetter war ja im Augenblick sehr schön. Sogar noch etwas Sonne fiel in mein Tal.

Meine Hütte hatte ich ebenfalls an der Felswand errichtet. Denn sie war der beste Schutz vor den Nordstürmen.

Vor der Hütte floss der Creek, der sich eine Viertelmeile weiter zu einem See anstaute, den die Biber sich mit ihren Dämmen zu einem für sie prächtigen Paradies geschaffen hatten.

Ich fing hier Jahr für Jahr eine Menge. Doch sie vermehrten sich von einem Jagdwinter zum anderen gewaltig. Überall waren ihre Burgen. Der See war so groß, dass ich zwei Stunden brauchte, um ihn zu umrunden, und wenn der Schnee tief war und ich die indianischen Schneetreter anschnallen musste, brauchte ich drei Stunden.

Es war mein Tal.

Doch nun saßen verdammte Dreckskerle in meiner Hütte, hatten sich in meinem Tal breitgemacht.

Ich konnte nicht wagen, meine Deckung zu verlassen und zur Hütte zu schleichen.

Denn ich hatte diese Hütte so errichtet, dass man sich ihr auf den letzten zweihundert Yard und durch den Creek nicht unbemerkt nähern konnte. Wenn ich in der Hütte an meinem roh gezimmerten Tisch saß, konnte ich durch die kleinen schießschartenartigen Fenster einen weiten Halbkreis beobachten.

Und dies konnten die Kerle dort drinnen jetzt ebenfalls.

Ich wurde immer wütender. Es ging mir wie einem Hamster, in dessen Bau ein Fuchspärchen eingezogen ist.

Musste ich vielleicht bis zum Nachtanbruch warten? Doch dann öffnete sich die Hüttentür.

Ich konnte ein staunendes »Oooh« nicht unterdrücken.

Denn was ich da sah, hätte ich nicht einmal in einem verrückten Traum geträumt.

Eine Frau kam heraus, eine indianische Frau, eine wunderschöne Squaw. Oder war es noch ein Mädchen?

Dass sie etwas Besonderes sein musste, erkannte ich schon an ihrer Kleidung, denn was sie trug, war allerbeste indianische Wildlederarbeit. Dieses fast weiße Leder war von Squaws mit den Zähnen weich gekaut worden.

Ich wusste plötzlich, wer die indianische Schöne war. In unserer Sprache bedeutete ihr Name soviel wie Honeybee, also Honigbiene.

Die Indianer liebten nun mal solche Namen.

Sie wussten ja nicht, dass man in den Saloons manches Tingeltangelgirl und Amüsiermädchen so nannte – aber eben in einem ganz anderen Sinne.

Nun, es war also Honeybee, die Tochter von Mad Wolf, und man erzählte sich nicht nur bei den Arapahoes, sondern auch bei den Sioux und Cheyenne von ihrer zauberhaften Schönheit.

Ja, sie musste es sein. Denn meine Augen waren scharf. Die Luft war trocken und klar. Ich konnte ihre Schönheit selbst auf zweihundert Yard erkennen und bewundern.

Was hatte sie mit diesen beiden Hurensöhnen Cheyenne Slim Slaugther und Fat Cat Pierce zu tun?

O Moses, was war geschehen?

Sie wandte sich nach rechts. Für ein langes Bleiben im Freien war sie nicht angezogen. Da hätte sie den Pelz tragen müssen, den um diese Jahreszeit alle Indianerinnen trugen, wenn sie sich bei dieser trockenen Kälte längere Zeit im Freien aufhielten.

Sollte sie Holz holen?

Oder wollte sie zwischen die Tannen zu meiner Latrine? Das war nun mal menschlich. Ich hatte die Grube ein Stück von meiner Hütte weg zwischen einigen Tannen ausgehoben und um den Sitz eine Zweighütte errichtet, damit es im Winter nicht so eiskalt zog, wenn man da hockte.

Ich wusste, es gab Trapper, die machten in ihrer Hütte in eine Ecke. Doch zu dieser Sorte gehörte ich nicht.

Honeybee wandte sich also nach rechts.

Sie musste am Pferdecorral vorbei. Aber als sie ihn passiert hatte und zu erwarten war, dass sie zwischen den Tannen verschwand, wandte sie sich zum Corral und glitt hinein. Sie bewegte sich so leicht und geschmeidig wie eine Wildkatze.

Was hatte sie vor?

Während ich mich das fragte, sah ich es auch schon, wollte es aber noch nicht glauben.

O weia, was hatte sie vor? Wollte sie nur Heu aus der Höhle holen, um den Pferden Futter zu geben?

Oder was?

Fast im selben Moment sah ich es.

Sie nahm im Corral einen Anlauf und schwang sich auf eins der Pferde. Dann sah ich voll Staunen, wie sie das Tier ohne Zaumzeug lenkte und einen engen Bogen schlagen ließ. Es musste ihr eigenes Tier sein.

Sie nahm mit dem wunderschönen Schecken einen kurzen Anlauf – mehr war ja im Corral auch gar nicht möglich –, und dann sprang der Mustang mit ihr über die Corralstangen nach draußen. Er streifte sie nur leicht mit der Hinterhand. Es war ein großartiger Sprung.

Sie kam nun genau auf mich zugeritten und musste nach zwei Dutzend Yard durch den Creek. Ich hörte ihren Schrei. Er war voller Triumph. Ja, sie glaubte, bereits entkommen zu sein.

Denn dass sie auf der Flucht war, daran gab es für mich keinen Zweifel.

Nun war auch klar, dass sie nicht freiwillig bei diesen Hurensöhnen in meiner Hütte gewesen war. Sie hatten sie nur gehen lassen, damit sie ihre Notdurft verrichten konnte.

Nun aber sah ich die Kerle aus meiner Hütte stürzen.

In wilder Wut begannen sie zu schießen. Sie waren außer sich. Ich hörte ihr wildes Gebrüll.

Oha, ich wünschte dieser Honeybee, dass sie entkommen konnte, und ich sprang zu meinem Pferd, um mein Gewehr aus dem Sattelhalfter zu reißen.

Als ich wieder an der Stelle angelangt war, von der aus ich alles so gut übersehen konnte, hatte sie den Creek schon durchquert.

Doch sie schwankte auf dem bloßen Pferderücken. Ich begriff, dass sie getroffen worden war und jeden Moment vom Pferd fallen würde.

Die beiden verdammten Kerle aber rannten indes zum Corral, um sich ebenfalls auf die Pferde zu werfen und ihr zu folgen.

Nun, sie würden mir vor die Mündung reiten. Ich brauchte nur auf sie zu warten. Deshalb ließ ich das Gewehr fallen und holte den Colt unter meinem Pelzmantel hervor. Aus der Nähe konnte ich damit sehr viel schneller schießen als mit einem Gewehr.

Indes ich das tat, den Colt also in die Hand nahm und wartete, sah ich auf die näher kommende Reiterin. Sie hielt sich immer noch auf dem galoppierenden Pferd fest, hatte ihre Hände in die Mähne des Tieres gekrallt – und sie kam immer näher und näher.

Ihr Pferd würde gegen meine wartenden Tiere rammen, aber ich konnte das nicht mehr verhindern. Es war keine Zeit mehr, meine Tiere aus der engen Passage hier zwischen den Felsen wegzubringen.

Und so kam es auch. Als sie dicht vor mir und meinen wartenden Pferden war, da bäumte sich ihr Tier mit der Vorderhand auf und warf sie ab. Sie rollte mir vor die Füße. Doch der Schnee hatte ihren Sturz gemildert, als wäre sie in weiches Heu gefallen.

Ich konnte nicht mehr auf sie achten.

Denn Fat Cat Pierce und Cheyenne Slim kamen. Nein, ich gab ihnen keine Chance, denn ich wusste, sie würden auch mir keine geben. Und sie waren in der Überzahl, verfolgten eine flüchtende Indianerprinzessin.

Denn Honeybee war eine Prinzessin. Mad Wolf, ihr Vater, war der Häuptling der Wind-River-Arapahoes.

Ich ließ meinen Revolver krachen und schoss zuerst Fat Cat Pierce und dann Cheyenne Slim Slaugther vom Pferd. Dann erst sah ich auf die schöne Arapahoeprinzessin.

Sie hockte nur einen Yard von mir entfernt im Schnee und sah mich mit großen Augen an. Oh, es waren wunderschöne Augen – wenn jetzt auch der Ausdruck des Schmerzes und der Resignation darin lag.

Ich sagte zu ihr nieder: »Schwester, ich bin Wyoming Wade. Ich sah dich vor Jahren als Kind im Tipi deines Vaters. Du bist bei mir in Sicherheit wie eine Schwester bei ihrem Bruder.«

Sie verstand meine Worte, denn ich sprach ihre Sprache gut genug.

Der Ausdruck in ihren Augen wandelte sich.

Sie flüsterte meinen Namen und fügte hinzu: »Ja, ich kenne dich.«

Dann wurde sie bewusstlos.

2

O Leute, ich kämpfte in den nächsten Tagen und Nächten einen harten Kampf gegen den Tod um ihr Leben.

Denn die Kugel hatte sie gefährlich getroffen. Sie verlor viel Blut und ich hatte Mühe, das Ein- und Ausschussloch zu verstopfen.

Zum Glück besaß ich alles, was notwendig war für Schusswunden, Knochenbrüche und auch Krankheiten. Wenn man als Trapper in der Einsamkeit lebte, musste man das alles haben.

Aber zwei Tage und zwei Nächte stand alles auf der Kippe. Und fast wäre sie mir gestorben.

Und dabei war sie so schön, so wunderschön. Es war alles makellos an ihr. Ich sah es ja, weil ich sie völlig entkleiden musste. Der große Vater im Himmel hatte sich bei ihr besondere Mühe gegeben – vielleicht, um sich bei ihrem Anblick selbst eine besondere Freude zu machen.

Vielleicht ließ er sie deshalb auch nicht sterben, sondern half mir, indem er ihr immer wieder Leben einhauchte, wenn ich glaubte, es wäre vorbei.

Es ging dann allmählich aufwärts mit ihr.

Und eines Tages war sie fieberfrei.

Während ich sie mit einer Fleischbrühe fütterte, in der auch etwas Mehl eingerührt war, sah sie mich mit ihren grünen Augen staunend an. Und allmählich begann sie sich zu erinnern.

»Sie sind tot«, sagte ich. »Sie können dir nichts mehr tun, Honeybee. Und du wirst bald wieder gesund sein – und so wunderschön wie vorher. Es wird alles gut. Wenn du wieder reiten kannst, bringe ich dich in dein Dorf zu Mad Wolf. Gut so?«

»Gut so, Wyoming Wade«, flüsterte sie.

»Nenne mich Josh«, sagte ich. »Denn ich heiße Joshua Wade. Sag einfach Josh zu mir. Und ich nenne dich einfach nur Bee. Gut so?«

»Gut so«, erwiderte sie.

Dann schloss sie ihre wunderschönen Augen und schlief wieder ein.

Aber ich wusste, nun würde sie nach jedem Schlaf ein wenig erholter und kräftiger sein.

Ich war zufrieden, denn mir war, als würde ich einem Engel das Leben gerettet haben, einem wunderschönen Engel.

In mir war immerzu deshalb ein ungewöhnliches Glücksgefühl. Ich ahnte damals noch nicht, wie es mit Bee und mir weitergehen würde, und ich dachte auch nicht darüber nach, ich genoss nur immer wieder dieses Glücksgefühl, einem wunderschönen Engel das Leben gerettet zu haben.

Natürlich wurde mir klar, dass ich mich verliebt hatte. Aber verliebt, dies war wohl ein zu schwacher Ausdruck für meinen Zustand. Denn es war mehr, sehr viel mehr. Ich war sozusagen »hin«, einfach verzaubert.

Dennoch begann ich mich langsam wieder auf den Zweck meines Hierseins zu besinnen und rings um den See die Biberfallen aufzustellen. Ich war in diesen Tagen viele Stunden unterwegs.

Einige Male hatte es leicht geschneit, so dass meine Fährte, die ich vor Tagen hinterlassen hatte auf dem Wege zu meinem Tal und meiner Hütte, zugedeckt war. Denn ich machte mir so meine Gedanken.

Wie war Bee in die Hände dieser beiden verdammten Schufte gefallen?

Wo war das geschehen? Wann?

Und wie lange suchten Mad Wolf und dessen Krieger schon nach ihr?

Wenn sie herkamen und mich für den Entführer hielten, bevor Bee dies aufklären konnte, würden sie mir die Haut abziehen, was natürlich nicht wortwörtlich zu nehmen war, aber letztlich doch auf meinen Tod hinauslaufen würde.

Es kam also darauf an, dass Bee bei vollem Verstand war, wenn ihr Vater und dessen Krieger kamen.

Und deshalb war ich froh, dass die Schneefälle meine Fährte zugedeckt hatten und Bee gesund werden konnte, bevor sie uns fanden.

Aber sicherlich wollte ich auch möglichst lange mit ihr allein sein.

Ich stellte in diesen Tagen nicht nur Biberfallen, sondern auch viele andere Fallen auf in den Schluchten und überall da, wo ich die Fährten anderer Edelpelztiere im Schnee sah. Und immer, wenn ich heimkam, hoffte ich, dass Bee bei voller Besinnung sein würde.

Sie wurde zwar einige Male wach, sah mich an, ließ sich auch füttern – doch sie war nie richtig klar bei Bewusstsein und fiel stets nach wenigen Minuten wieder in einen tiefen Genesungsschlaf. Sie hatte sehr viel Blut verloren. Deshalb war ihre Schwäche nur zu erklärlich.

Aber dann endlich – es war am dritten Tag, nachdem sie fieberfrei wurde –, empfing sie mich bei vollem Bewusstsein, als ich in die Hütte kam und mir die Pelzjacke auszog, indes ich an ihr Lager trat.

Ich grinste auf sie nieder und sagte in ihrer Sprache: »Das ist ein guter Tag für mich, Bee. Denn ich sehe, dass du jetzt alles überstanden hast. Ich freue mich sehr, mein Arapahoemädchen. Denn bald wirst du wieder lachen und singen, springen, schwimmen und reiten. Und alle, die dich sehen, werden sich an dir erfreuen, so wie man sich über alle schönen und wunderbaren Dinge auf dieser Welt erfreut. Ja, dies ist ein guter Tag, Bee.«

Sie lächelte mich an. Weil sie schon längere Zeit wach und bei Bewusstsein war, hatte sie gewiss längst schon nachgedacht und sich an alles erinnert. Sie wusste, dass sie keine bösen Träume gehabt hatte, sondern, dass das Erlebte harte Wirklichkeit gewesen war.

Und nun sah sie mich ganz bewusst.

»Ja«, sagte sie, »du bist Wyoming Wade, den ich Josh nennen soll. Und du hast die beiden Verdammten getötet, die mich kurz vor dem Blizzard entführten, der sämtliche Spuren tilgte, so dass niemand uns folgen konnte. Du warst gut zu mir, Josh, so gut wie ein Bruder.«

Ich setzte mich zu ihr auf den Rand ihres Lagers.

Wir sahen uns eine Weile schweigend in die Augen, und ich spürte, dass sie mit dem feinen Instinkt einer Frau genau fühlte, wie es um mich stand. Sie konnte es gewiss leicht in meinen Augen lesen.

»Ja, ich erinnere mich an dich«, murmelte sie. »Damals war ich noch ein zehn- oder elfjähriges Mädchen. Du warst in unserem Dorf zu Besuch. Bei dir war ein Mann, der unser Dorf auf eine ausgespannte Leinwand malte mit vielen wunderschönen Farben. Dann malte er unsere Krieger und Frauen, die Kinder und viele andere Dinge. Er war ein großer Künstler, dieser Mann, den du in unser Land geführt hattest, ein friedlicher, guter und kluger Mann, der uns so sah, wie wir uns sehen.«

Ich nickte. »Und damals warst du auch schon schön, Bee. Aber erzähle mir, wo dich die beiden Verdammten entführten. Taten sie dir Schlimmes an?«

Sie schloss bei meinen Worten die Augen.

Doch dann sah sie mich wieder fest an.

»Nein, sie taten mir nichts – noch nichts«, murmelte sie. »Denn sie wollten etwas anderes von mir. Und sie wussten, dass ich mir das Leben genommen hätte, wenn sie mir zu nahe gekommen wären.«

Sie schwieg einige Sekunden, dann fuhr sie fort: »Deshalb ließen sie mich in Ruhe und hofften darauf, dass ich ihnen das Geheimnis doch noch verraten würde.«

Nachdem sie dies gesagt hatte, sah sie mich mit ihren grünen Augen noch einmal prüfend an.

Aber ich fragte nichts, wartete nur. Ich überließ es ihr, ob sie mich in das Geheimnis einweihen wollte oder nicht.

Ich fragte etwas ganz anderes, nämlich: »Hast du Hunger, Bee?«

»Sehr«, erwiderte sie, und ein Staunen war in ihren Augen.

Ich erhob mich, trat zum Herd in der Ecke und fachte das Feuer darin wieder an. Das war leicht, denn unter der Asche glühte noch der Rest des harten Holzes, mit dem ich heizte. Ich hatte eine gute Suppe im Topf, die ich nur warm machen musste. Sie war ein wenig dick geworden, und so goss ich etwas Wasser hinzu.

Als es im Suppentopf zu brodeln begann, setzte ich noch einen zweiten Topf mit Wasser auf für den Tee. Dann wandte ich mich wieder Bee zu.

»Es dauert nicht mehr lange, Grünauge«, sagte ich und nahm endlich meinen Revolvergürtel ab, den ich unter der Pelzjacke trug.

Sie fragte: »Und du willst nicht wissen, hinter welchem Geheimnis die beiden Verdammten her waren?«

Ich grinste und hob meine Schultern, ließ sie wieder sinken.

»Ach«, sagte ich, »du wirst ...

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