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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 001

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Verlorene Stadt
  4. Kapitel 1
  5. Kapitel 2
  6. Kapitel 3
  7. Kapitel 4
  8. Kapitel 5
  9. Kapitel 6
  10. Kapitel 7
  11. Kapitel 8
  12. Kapitel 9
  13. Kapitel 10
  14. Kapitel 11
  15. Kapitel 12
  16. Kapitel 13
  17. Kapitel 14
  18. Kapitel 15
  19. Vorschau

Verlorene Stadt

Die Geschichte der Menschheit bestätigt immer wieder die Worte Vilfredo Paretos:

»Solange die Sonne leuchtet über dem Unglück der Menschen, wird das Schaf vom Wolf gefressen werden.«

Das genau sind die Worte des großen Soziologen. Und wer kann sich darüber wundern, dass es schon immer Menschen gab, die diese Worte zwar nicht kannten, aber dennoch zur gleichen Erkenntnis kamen und danach lebten?

Vielleicht ist dies auch eine Erklärung dafür, dass der Wilde Westen damals so erbarmungslos gegen die Schwachen war.

G. F. Unger

1

Als der Sheriff aus dem Office tritt, kann er das Unheil wittern. Es liegt in der Luft wie ein Gestank.

Hank Jennings – so heißt der alte Sheriff – ist erfahren genug. Sein Instinkt ist wie der eines alten, narbigen Wolfes, der die Nachteile seines Alters durch reiche Erfahrung ausgleicht.

Er setzt sich langsam in Bewegung und geht die einzige Straße von Rio Bend hinunter in Richtung Fluss. Diese Hauptstraße wird nur von einigen Gassen durchschnitten.

Es ist früher Morgen.

Die kleine Stadt an der Flussbiegung ist noch nicht richtig wach. Die alte Elvira Pickerton schüttet wieder den Inhalt ihres Nachtgeschirrs aus dem Eckfenster in die schmale Gasse aus. Der alte Sheriff sieht es aus den Augenwinkeln. Er hat die Alte schon mehrmals verwarnt, und heute wäre sie endlich mit einer Geldstrafe an der Reihe, doch er tut so, als hätte er nichts bemerkt, und geht leicht hinkend weiter. Er ist wegen seines linken Beins, das einmal ziemlich schlimm von einer Schrotladung zerschossen wurde, nicht mehr besonders gut zu Fuß. Nur im Sattel wirkt er zehn Jahre jünger.

Als er die Einfahrt zum Hof der Schmiede erreicht, hält er inne und blickt in die halboffene Werkstatt. Ja, dort ist Chet Cannon schon tätig. Aus dem Kamin der Schmiedeesse quillt der erste Rauch. Im Schein des Schmiedefeuers bewegt sich Chet Cannons hagere, zäh wirkende Gestalt. Er betätigt den Blasebalg, um die nötige Hitze in das Feuer zu bekommen.

Bald werden Hammerschläge aus der Schmiede in den Morgen klingen und die Stadt vollends zum Leben erwecken.

Der alte Sheriff denkt in diesen Sekunden, indes er verhält und in die Schmiede blickt, darüber nach, ob Chet Cannon, der sein ehrenamtlicher Deputy und Stellvertreter ist, zu ihm halten wird, wenn die Wilde Horde durch die Furt kommt.

Und wenn Chet Cannon zu ihm halten sollte, was würde dann sein?

Hätten sie eine Chance?

Und könnte er von Chet Cannon verlangen, an seiner Seite zu sterben?

Denn sie wären ja verdammt allein.

Die Stadt würde ihnen nicht beistehen. Das wurde gestern schon in der Bürgerschaftsversammlung geklärt, obwohl er den Leuten klarzumachen versuchte, dass River Bend verloren sei, wenn sie sich nicht hinter ihn stellen würden.

Hank Jennings entschließt sich plötzlich.

Er geht hinein in den Hof der Schmiede und nähert sich langsam dem Mann am Blasebalg. Chet Cannon sieht ihm entgegen und hält dann in seiner Bewegung inne. Der alte Sheriff tritt zu ihm. Einige Sekunden lang blicken sie sich an.

Und plötzlich weiß Hank Jennings, dass dieser Mann da zu ihm halten wird bis in die Hölle und zurück; er spürt es, obwohl sie schweigen und sich nur ansehen. Aber er spürt es.

Aber weil das so ist, fragt er sich, ob er das Opfer dieses Mannes annehmen darf. Denn sie würden verlieren.

Allein hätten sie keine Chance. Trotzdem würde Chet Cannon nicht kneifen.

Warum nicht?

Diese Frage stellt sich der alte Sheriff. Und er glaubt, ziemlich sicher die Antwort zu wissen. Eigentlich hat er es immer schon geahnt, dass dieser Schmied nicht immer Schmied war, sondern eine ganz andere Vergangenheit besitzt. Und wahrscheinlich ist seine junge und so reizvolle Frau der Grund, dass Chet Cannon hier in River Bend als Schmied ein neues Leben begann.

Und er ist ein guter Schmied.

Hank Jennings entschließt sich plötzlich.

»Ich werde aufgeben«, sagt er heiser. »Denn wir beide haben keine Chance ohne die Hilfe der Bürgerschaft. Deine Frau würde zwar auch noch als Witwe schön sein, aber sie wäre eben nur noch eine schöne Witwe. Und ich würde zwar stolz sterben, aber tot sein. Mein Aufgeben wird keine Feigheit sein, und deshalb werde ich damit leben können. Gib mir also den Stern zurück.«

Er streckt die Hand aus.

Chet Cannon blickt immer noch in die alten Falkenaugen.

Und wieder verstehen sie sich gut.

Schließlich greift Chet Cannon in seine Hemdtasche, holt dort den Blechstern eines Deputies heraus und legt ihn in die Hand des Sheriffs.

Dieser sagt: »Geh fort aus dieser Stadt, mein Junge, geh fort mit deiner reizvollen Frau. Denn diese Stadt ist nun verloren, so verloren wie ein Mann, der sich aufgibt.«

Nach diesen Worten wendet er sich ab, geht aus dem Hof der Schmiede und setzt seinen Weg fort, der ihn zur River-Furt führt.

Als er die letzten Häuser hinter sich lässt, bekommt er freien Blick auf den Rio Grande, den die Mexikaner auf der anderen Seite nicht Rio Grande, sondern Rio Bravo nennen.

Hank Jennings blickt hinüber. Dort drüben ist Mexiko. Und hinter den grünen Hügeln lebt eine wilde Horde von Banditen. Einen davon hat der alte Sheriff in seinem Gefängnis, das nur aus zwei Gitterzellen besteht.

Und wenn er ihn bis heute Mittag nicht freilässt, dann wird die Wilde Horde über den Fluss kommen und die Stadt kleinmachen.

So lautet die Drohung.

In Hank Jennings Blick ist ein bitteres Bedauern.

Dies, hier sollte sein letzter Job sein. Hier wollte er eines Tages bleiben und von seinen recht kargen Ersparnissen leben. Zur nächsten Sheriffswahl wollte er sich nicht mehr stellen.

Doch jetzt wird er fortgehen.

Allein kann er die Stadt nicht mehr schützen. Ohne die Hilfe der Gemeinschaft ist dies nicht mehr möglich.

Diese Stadt ist verloren, denkt er bitter. Dabei hätten wir es schaffen können, wären sie hier nur mutig genug. Dann wäre Rio Bend binnen weniger Jahre aufgeblüht und gewachsen. Das Land hier besitzt grüne Hügel und fruchtbare Täler, viele Creeks und Wasserstellen, kleine und größere Seen.

Gewiss, es ist ein unübersichtliches Land mit tausend verborgenen Winkeln, in denen Geächtete und Gejagte leben, die auf geheimen Pfaden reiten.

Deshalb hätte von dieser Stadt Recht und Gesetz ausgehen müssen, so wie die Ringe auf einer Wasseroberfläche, wenn man einen Stein hineinwirft.

Aber nun …

Der alte Sheriff setzt sich am Ufer auf einen Stein und blickt hinüber. Aus der Westentasche holt er einen Zigarrenstummel, betrachtet ihn prüfend und entschließt sich, ihn anzuzünden, obwohl er fast glaubt, dass es sich nicht mehr lohnt, weil er zerblättern wird.

Auch ich bin eigentlich nur noch so ein alter Stummel, denkt er und pafft dann grimmig den blauen Rauch in die Luft.

***

Als er in die Stadt zurückkommt, vom Fluss herauf, ist es schon fast Mittag. Nun ist die Stadt lebendig.

Die Postkutsche kam von Norden her durch den Spaniol Canyon und lud einige Fahrgäste und Pakete aus, auch zwei Postsäcke.

Man hört das Hämmern des Schmieds und des Sattlers. Aus der Schreinerei tönt das Geräusch einer Säge. Der Saloon hat geöffnet, im Restaurant wird es bald Mittagessen geben.

Der Sattler, der Storehalter, Elvira Pickerton, die einen Schneiderladen betreibt, Ben Miller von der Saat- und Futtermittelhandlung und auch Arch Parker, der Barbier, der mal bei der Armee Sanitätssergeant war und eine Menge von Schusswunden und Knochenbrüchen versteht, sind aus ihren Läden getreten und beobachten den alten Sheriff gespannt. Sie sehen ihn im Hof des Wagenhofes verschwinden, wo sich auch der Mietstall befindet und wenig später mit seinem gesattelten Wallach wieder herauskommen.

Langsam geht der Sheriff schräg über die Fahrbahn zu seinem Office hinüber, bindet den Wallach an und verschwindet im Office.

Was drinnen geschieht, wissen sie nicht.

Aber sie warten. Überall verharren die Menschen schweigend und warten.

Selbst auf den umliegenden Feldern und in den Gärten verharrt alles wie auf ein stillschweigendes Einverständnis – oder wie auf ein lautloses Signal.

Drinnen packt Hank Jennings schweigend seine wenigen Siebensachen, schnürt eine Sattelrolle und füllt zwei Packtaschen.

Dann trägt er alles hinaus, schnallt es am Pferd fest und holt dann sein Gewehr, das er ins Sattelhalfter schiebt.

Als er in die Runde blickt, wirkt er keineswegs verbittert, nein nun sieht er aus wie ein Mann voller Spott und Verachtung.

Nochmals verschwindet er im Office, betritt den Zellenraum und nimmt den Schlüssel von der Wand.

Er wirft ihn durch die Öffnung zwischen den Gitterstäben und sagt:

»Lefty Taggert, niemand wird dich aufhalten. Denn ich gebe auf und verschwinde von hier. Dein großer Bruder und deine Vettern haben gewonnen. Diese Stadt wird in Zukunft euch gehören. Und Burschen wie du werden hier in Zukunft ungestraft die schlimmsten Verbrechen begehen können.«

Der Gefangene erhebt sich von der harten Pritsche. Er ist noch jung, pickelgesichtig und strömt ständig eine wilde Bosheit aus.

»Ja, ich werde zuerst noch mal zum Storehalter gehen und ihn um die schöne Uhr bitten. Ich wette, diesmal muss ich ihm nicht den Revolver gegen den dicken Bauch drücken, damit er sie mir schenkt – diesmal nicht, hahaha!«

Der alte Sheriff hört nicht mehr auf das, was der junge Bandit sagt. Er geht hinaus, sitzt draußen auf und reitet nach Norden in Richtung Spaniol Canyon aus der Stadt, ohne sich einmal umzusehen.

Und die Stadt verharrt immer noch atemlos. Auch von den Feldern und aus den Gärten sehen die verharrenden Menschen den wegreitenden Sheriff. Denn das Land steigt an bis zum großen Maul des Spaniol Canyons. Man kann ihn in der trockenen und deshalb so klaren Luft deutlich erkennen.

Aber dann fahren die Köpfe der Leute plötzlich herum, richten sich auf den Eingang zum Office.

Dort kommt nun Lefty Taggert heraus – grinsend, großspurig und herausfordernd wirkend. Er hält am Rand des Plankengehsteigs an und wippt auf den Fußsohlen. Seine Daumen hat er in die Westentaschen gehakt und genießt seinen Triumph.

Denn er weiß jetzt: Rio Bend ist feige. Die kleine Stadt hat sich unterworfen. Und was er, Lefty Taggert, hier auch tun wird, er kann es ungestraft tun. Man wird es hinnehmen, ertragen.

Und das gefällt ihm.

Es ist ein wundervolles Erfolgserlebnis für ihn. Er kommt sich riesengroß und gewaltig vor.

Und das wollte er im Schatten seines großen Bruders Reb Taggert und seiner beiden Vettern Juan und Pasco schon immer sein.

Er trägt wieder seine beiden Revolver, die er sich drinnen im Office aus dem Regal nahm. Er trägt die beiden Waffen auf herausfordernde Art, nicht nur sehr tief geschnallt, sondern mit den Kolben nach außen.

Nachdem er das für ihn so wunderbare Gefühl ausgekostet hat auf wippenden Sohlen am Rand des Plankengehsteigs, setzt er sich in Bewegung.

Eigentlich ist er ein schmächtiger Bursche, mit einem krummen Rücken und X-Beinen. Ein Leichtgewicht. Dennoch ist er gefährlich wie eine Ratte.

Sein Weg führt ihn geradewegs zum Store hinüber.

Dort stand soeben noch der Storehalter James Baker vor der Tür.

Doch als Lefty Taggert sich in Bewegung setzte, verschwand der Storehalter.

Sie alle verschwinden nun in den Häusern und Läden. Und es ist irgendwie so; als wollten sie nichts mehr sehen und hören, als steckten sie jetzt alle hier in Rio Bend ihre Köpfe – symbolisch gesehen – unter die Kopfkissen, obwohl sie im Hause Banditen hören.

In diesem Moment gibt die kleine Stadt ihre Gemeinschaft auf, und plötzlich ist jeder hier allein.

Lefty Taggert stößt dicht vor dem Store ein heiseres Lachen aus.

Dann tritt er ein.

James Baker und dessen Frau Martha stehen hinter dem Verkaufstisch. Sie verharren stumm und bewegungslos.

Doch auf dem Tisch liegt die schöne Uhr, die Lefty vor einigen Tagen schon ohne Bezahlung haben wollte, wobei er seinen Wunsch mit schussbereitem Colt unterstützte.

Doch hinter ihm war damals der alte Sheriff in den Store gekommen und hatte ebenfalls einen schussbereiten Colt in der Faust gehalten. Lefty hätte sich erst umdrehen müssen, um seinerseits zum Schuss kommen zu können. Dieses Risiko war ihm zu groß. Also ergab er sich und wartete auf die Hilfe seines großen Bruders.

Nun also tritt er wieder in den Store.

Diesmal muss er nicht einmal einen seiner beiden Colts zur Hand nehmen.

Die Uhr liegt für ihn bereit als ein Opfer der Unterwerfung, ein Geschenk an den Mächtigen. Und dieser Mächtige ist der magere, krumme, x-beinige Lefty Taggert.

Er tritt langsam an den Ladentisch, nimmt die Uhr, hält sie ans Ohr und sagt enttäuscht: »Die tickt ja nicht. Verdammt, hast du sie nicht aufgezogen und richtig eingestellt? Was ist das für eine Bedienung hier!«

Er wirft sie dem Storehalter zu. Dieser kann sie nur mit Glück auffangen.

Aber er beginnt sie aufzuziehen, wortlos. Auch stellt er sie nach seiner Ladenuhr ein und reicht sie Lefty Taggert zurück.

Wieder hält der sie ans Ohr und lauscht auf das Ticken. »Und wann klingelt es da drinnen?« So fragt er nach einer Weile.

»Bei jeder vollen Stunde läutet es ein bis zwölfmal«, erwidert der Storehalter heiser. »Es ist eine kostbare goldene Uhr. Der Präsident unserer Nation trägt gewiss keine bessere. Ich bestellte sie einst für Don Miguel Pizarro. Aber den habt ihr ja …«

Er verstummt, denn er wollte sagen: »… bei eurem Überfall auf die Hazienda Rosa Bianca getötet.«

Doch er lässt es bleiben.

Der Storehalter verspürt eine heiße Furcht. In den Augen des pickelgesichtigen Burschen erkennt er die böse Freude, gemein sein zu können, ohne etwas riskieren zu müssen.

»Ja, wir haben ihn zu den Engeln geschickt.« Lefty grinst. »Wir haben Revolution gemacht gegen einen verdammten Sklavenhalter. Der beutet niemanden mehr aus und bestellt sich kostbare Uhren – nein, der nicht! Und seine schöne Señora, diese wunderschöne Hidalka – oh, was hat die uns doch für Freude bereitet!«

Er verdreht vor Entzücken die Augen.

Und dann gibt er dem Storehalter über den Ladentisch hinweg eine schallende Ohrfeige.

»Weil du mit Behagen zugesehen hast, wie der alte Hund von einem Sheriff mich verhaftet und weggeführt hat. Weil dir das riesig gefallen hat.«

Er sieht nun die Frau des Storehalters an. Die hält seinem Blick stand. Aber sie muss ihre zitternde Unterlippe zwischen die Zähne nehmen.

»Du bist schon zu schrumpelig, Tante«, sagte Lefty. »Mit dir … Ach was halte ich mich überhaupt noch mit euch auf. Ich werde mir jetzt drüben beim Sattler den wunderschönen, silberbeschlagenen Sattel holen. Das ist besser, als hier mit euch die Zeit zu verschwenden. He, Storehalter, lauf zum Mietstall und hol dort mein Pferd! Bringe es ohne Sattel vor den Sattlerladen. Und beeile dich!«

Er steckt die Uhr in die Westentasche, dreht sich auf dem Absatz um und geht hinaus. Sein Sinn ist nun voll und ungeduldig auf den prächtigen Sattel gerichtet, den genauso ein Prunkstück ist wie die goldene Uhr.

Die Frau des Storehalters stößt ihren noch wie erstarrt verharrenden Mann an.

»Los, James, schnell! Beeile dich! Sonst müssen wir das büßen. Schnell, James, bring ihm sein Pferd, bevor er ungeduldig wird.«

Durch den Körper des Storehalters läuft ein Zittern, so als würde er frierend in einem eisigen Wind stehen. Dann kommt ein wimmerndes Stöhnen aus seiner Kehle.

»O Martha«, stößt er dann heiser hervor. »Jetzt erst wird mir klar, wie sehr wir uns und unsere Stadt aufgegeben haben. Wir unterwerfen uns einem Burschen wie diesem, solch einer Ratte! Nur … Nur weil wir die Wilde Horde fürchten, zu der er gehört. Martha, wir sind verloren. Wir können ebenso gut alles hier aufgeben und fortgehen. Denn das Bleiben wird die Hölle sein.«

»Geh und bring ihm sein Pferd vor die Sattlerei«, erwidert seine Frau. »Geh schnell, lauf! Denn es könnte sein, dass er dich sonst erschießen wird. Und dann bin ich allein. Geh, James, beeil dich!«

Wieder lässt der Storehalter ein gequältes, bitteres Stöhnen hören.

Denn wenn er bisher auch kein stolzer Mann war, so besaß er doch ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein. Jetzt aber begreift er, dass er sich erniedrigt hat und dies sein ganzes Leben lang.

Er wird in Zukunft mit Verachtung in den Spiegel sehen.

Doch er macht sich auf den Weg.

Was bleibt ihm anderes übrig?

Die Stadt hatte sich von dem Moment an aufgegeben, da sie dem alten Sheriff jede Hilfe verweigerte.

Und so wird sie nun den Weg gehen müssen, den alle auf sich nehmen, die in einer rauen Welt nicht kämpfen wollen – den untersten Weg.

2

Chet Cannon in seiner Schmiede hat längst unter der Esse genug Wärme in seinem Schmiedefeuer, um ein Stück Flacheisen darin mit Hilfe des Blasebalgs zum kirschroten Glühen zu bringen.

Denn eigentlich müsste er die Gehänge für zwei Scheunentore schmieden. Diesen Auftrag bekam er von der Poststation beim Wagenhof. Er hatte auch die ersten Schläge schon gemacht.

Doch da kam Stella aus dem kleinen Wohnhaus zu ihm in die Schmiede herüber.

Er sah sie kommen, und wie immer freute er sich über ihren Gang, ihre Bewegungen und den wundervollen Anblick, den sie bot.

Als sie nun bei ihm ist, sieht er sie ruhig und fest an.

Sie ist zur Hälfte mexikanischer Abstammung. Und das sieht man ihr an. Mann kann ohne Übertreibung sagen, dass sie schön ist. Von einer sehr lebendigen Schönheit, die warm und herzlich ist, nicht steril und unnahbar und maskenhaft.

Immer wieder fragt Chet Cannon sich bei Stellas Anblick, warum gerade er das Glück hatte, dieses Mädchen zur Frau zu bekommen.

Zwei Jahre sind sie nun schon verheiratet.

Und sein Leben änderte sich völlig.

Er ist jetzt ein Schmied. Seine lange Zickzackfährte endete hier in der kleinen Stadt.

Stellas Stimme klingt dunkel, sehr melodisch, etwas kehlig. Es ist eine Stimme, die ihm von Anfang an unter die Haut ging, irgendwie ein Prickeln in ihm erzeugte.

Und er wünschte sich von diesem Augenblick an, diese Stimme immer wieder hören zu können.

Sie fragt ruhig:

»Was wird sein, Chet?«

Er sieht sie fest an und erwidert: »Es sind deine Vettern, Stella. Eure Mütter waren Schwestern. Du kennst sie besser als ich. Reb und Lefty Taggert sind die Söhne eines Mannes, der eine deiner Tanten heiratete, die zwei Söhne – nämlich Juan und Pasco Perez – mit in die Ehe brachte. So entstand ein gemischter Clan, der zu einer bösen Horde wurde. Du bist eine Verwandte von ihnen und kennst sie besser als ich. Willst du, dass wir von hier fortgehen, Stella?«

Sie sieht ihn einige Atemzüge lang schweigend an.

Dann schüttelt sie den Kopf.

»Sie werden dir nichts tun«, murmelt sie schließlich. »Meinetwegen werden sie dir nichts tun, weil ich ihre Base bin. Aber wirst du zusehen können, wie sie diese Stadt zu ihrer Stadt machen?«

»Das werde ich wohl müssen«, erwiderte er heiser.

»Diese Stadt hat sich aufgegeben, als sie Hank Jennings die Hilfe verweigerte, nachdem die Bande ihm ein Ultimatum stellte. Nun ist sie verloren. Es ist eine hübsche, alte, kleine Stadt, deren erste Häuser schon von den Spaniern errichtet wurden. Doch das zählt nicht. Es zählen stets die Bürger. Warten wir ab.«

Sie tritt nun dicht zu ihm, so dass sich ihre Körper berühren und sie einander die Wärme dieser Körper spüren können. Er beugt sich nieder zu ihr und küsst sie.

Und als sie sich nach einer Weile voneinander lösen, da murmelt er:

»Wenn sie uns in Frieden lassen, werde ich auch friedlich sein. Ich kämpfe nicht für eine feige Stadt. Bevor Hank Jennings fortritt, verlangte er von mir den Deputystern zurück. Er entband mich von jeder Pflicht.«

»Und das ist gut«, erwidert sie. »Ja, das ist gut.«

Sie tritt nun zu dem langen, wagendeichselähnlichen Hebel, mit dessen Hilfe man ohne große Kraftanstrengung den Blasebalg bedienen kann.

Mit einer Hand beginnt sie den langen Hebel auf und nieder zu bewegen. Und sofort fängt das Schmiedefeuer wieder stärker zu glühen an.

Er legt noch etwas Holzkohle nach und schiebt dann das Eisen in die Glut.

Und bald hallen seine klingenden Hammerschläge über die kleine Stadt. Über der Kante des Ambosses rollt er das Flacheisen ein, bis er den Rundeisenbolzen hineinschlagen und so das Unterteil des Scheunentorgehänges fertigschmieden kann.

Als er es fertig hat und in den Sand wirft, sieht er Stella wieder an.

»Du bist ein guter Schmied«, sagt sie. »Du musstest das Eisen nicht zweimal warm machen. Und ein guter Schmied ist besser als jeder Revolvermann. Ich gehe und mache das Mittagessen.«

Sie geht dicht an ihm vorbei, verhält einen kurzen Moment und legt sekundenlang die Hand auf seinen Arm, dessen Faust den Hammer noch hält, der mit der Bahn auf dem Amboss ruht.

Chet Cannon sieht ihr nach.

Was kann sie dafür, dass sie aus einem bösen Clan kommt, denkt er.

Er schiebt ein zweites Eisen in die Glut und bedient dann selbst den Blasebalg.

Und bald hallen wieder die klingenden Schläge seines Hammers aus der Schmiede fast wie Glockenklang über die kleine Stadt.

Vor dem Sattlerladen steht nun Lefty Taggerts geschecktes Pferd.

Und Lefty Taggert sieht zu, wie der Sattler den prächtigen, silberbeschlagenen Sattel herausbringt und das Pferd wie ein Stallbursche sattelt.

Auf der Straße ist nun niemand mehr zu sehen. Alle Leute, die nicht auf den Feldern oder in den Gärten arbeiten, haben sich in die Häuser zurückgezogen. Aber sie beobachten dennoch alles durch offene Fenster und Türen.

Sie fragen sich bange: Wer kommt nun an die Reihe?

Und sie brauchen nicht lange zu warten.

Lefty Taggert sitzt auf und lässt sich vom Sattler die Steigbügel auf die richtige Länge verkürzen.

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