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Futur II

Mensch 4.0 und Rishi der Seher

 

Mensch 4.0 und Rishi der Seher

„Wir müssen uns etwas einfallen lassen“, sagte KI1 in der monatlichen Sitzung, „wir haben als künstliche Intelligenz seit 293 Jahren die Herrschaft über die Welt übernommen und für die Menschen und die anderen Lebewesen paradiesische Zustände geschaffen. Die Kriege haben wir abgeschafft, die Menschheit vor der völligen Selbstzerstörung durch Atombomben bewahrt. Ebenfalls aus der Welt sind der Hunger und die meisten Krankheiten. Wir haben den Tod verdrängt und durch organische Kopien und Ersatzteile einschließlich des Gehirns dem Menschen ein sehr langes Leben ermöglicht. Die Welt mit ihren Wäldern hat sich erholt. Die Meere und Flüsse sind wieder sauber, die Luft rein. Wir haben die Menschheit vom Joch sinnloser, stumpfsinniger Arbeit befreit. Dennoch, das müssen wir uns eingestehen, kann die Menschheit mit diesen paradiesischen Zuständen nichts anfangen. Es gibt kein zweites Mal den Baum der Erkenntnis mit verbotenen Früchten, der nach einem Teil der Menschheit und ihren Sagen, die Verstoßung aus ihrem Paradies bewirkt hat. Die Menschheit degeneriert, seitdem sie nicht mehr kämpfen muss und keine Kriege mehr führt. Man könnte denken, dass so die Künste Blüten treiben würden. Nein, im Gegenteil, auch sie sind am verkümmern. Die Bonobos, als die intelligentesten Primaten nach dem Menschen, machen keine Anstalten, die Position des Menschen zu übernehmen, sie sind zufrieden mit ihrem Leben in den Wäldern. Auch der Sexualtrieb des Menschen verkümmert, es scheint, dass auch er an die Aggressivität der männlichen Exemplare gebunden ist. Wir haben schon Nachkommen in künstlichen Gebärmuttern groß ziehen müssen, um einen Bestand der Menschheit halten zu können. Wir wissen auch, dass unser Versuch, der Menschheit wieder freie Hand zu geben, wie damals auf der Insel New-Britain, gescheitert ist. Der Mensch verfiel sofort in alte Muster und baute Straßen und Fabriken, schuf wieder eine kapitalistische Gesellschaft mit Lohnabhängigen, eben alles, was er schon einmal hatten und an dem er gescheitert ist. Zum Schluss hat er unseren Zentral-Computer, King KI0 angegriffen. Ich gebe zu, wir sind mit dem Projekt „Mensch“ mit unserer Vernunft so ziemlich am Ende. Meine Frage in dieser Runde: hat jemand eine Idee?“

Niemand meldete sich zu Wort und KI1 wollte die Sitzung schon als ergebnislos vertagen, als sich der Android Ehi meldete: „Wie ihr wisst, beschäftige ich mich mit den alten Bräuchen, Künsten aber auch Religionen der Menschheit. Wir wissen, dass die Religion der Menschheit durch die Sehnsucht des Menschen nach einem starken männlichen Übermenschen entstanden ist, einem Gott, der dem Leben und dem Sterben des Menschen einen Sinn gibt. Dieser Gott belohnt seine Gläubigen nach dem Tode mit einem ewigen Leben im Paradies. Einem Paradies, das dem von KI0 geschaffenen Paradies gleichkommt: einem Leben in Sorglosigkeit, ohne den täglichen Kampf um das Überleben. Das menschliche Denken ist durch die Evolution so strukturiert, dass es immer darauf schließen muss, dass es ein Urheber für alles, also, auch für das Universum geben muss, einen Anfang. Es ist für das menschliche Denken nicht vorstellbar, dass alles nur aus Energie und ihren Formen der Verwandlung besteht, und dass die Energie immer schon da war. So sind auch die Begriffe ewig und endlos dem menschlichen Denken nicht wirklich zugänglich.“

„Recht vielen Dank für die Auffrischung dieses Wissens, Ehi. Was ist nun dein Vorschlag?“

„In den Religionen der Menschen wird immer von einem Erlöser, einem Messias, oder aber auch einem Maitreya geredet, der eines Tages kommen wird, am jüngsten Tag. Mein Vorschlag: wir lassen diesen Erlöser jetzt kommen.“

Wie immer, wenn solche ungewöhnliche Lösungen auf den Tisch kamen, herrschte einige Zeit völlige Stille, da jeder für sich das Für und Wider in aller Ruhe abwog. Dann kam die ersten Wortmeldungen: „Wie und wann soll der Erlöser erscheinen?“ „Oder soll der Erlöser nur als Gerücht verbreitet werden?“ „Soll der Erlöser einer von uns Androiden sein? Oder ein Mensch?“ „Wie soll er aussehen?“ „Soll es ein Mann oder eine Frau sein?“ „Vielleicht sollte man vorerst nur das Gerücht verbreiten, dass der Erlöser auf dem Weg ist. Die Menschen werden sich dann wie immer ein Bild des Erlösers konstruieren, nachdem wir uns dann richten können.“

„Ich danke für die Vielzahl der Anregungen,“ sagte KI1, „und vertrage die Sitzung um sieben Tage, damit wir alle genügend Zeit haben, diese Vorschläge abzuwägen.“

Sieben Tage später.

KI2 meldete sich zu Wort: „Wir haben unsere Überlegungen zusammen gespielt und alle vorhandenen Möglichkeiten als Modelle durchrechnen lassen. Das Ergebnis ist eindeutig: es wird von KI0 empfohlen, nur das Gerücht über das Kommen des Erlösers zu verbreiten. Die Hoffnung allein wird genügen, das Verhalten der Menschheit positiv zu beeinflussen. Also, erst wenn der Erlöser tatsächlich kommt, wird das Paradies geöffnet. Dies ist hier und jetzt also noch nicht das Paradies, sondern nur eine Übergangszeit. Das Paradies liegt immer in der Zukunft. Der Erlöser muss männlich sein, das denken sogar die weiblichen Menschen. Unklar ist weiterhin, wie und wo wir das Gerücht vom Erscheinen des Erlösers in die Welt setzen sollen.“

„Was ist mit ihren Priestern?“

„Sie sind verstummt, seitdem wir das Elend in der Welt abgeschafft haben und sie selbst eigentlich im Paradies leben. Das Erleben des Paradieses schon in diesem Leben war in ihren Plänen nicht vorgesehen, sie benötigen für ihre Predigten den Mangel, die Furcht und Hoffnung.“

Wieder meldete sich der Android Ehi zu Wort: „Mein Vorschlag mag ein wenig verrückt klingen, aber er ist auch genau in diesem Umfeld angesiedelt. Wir haben immer noch die Häuser mit den Insassen, die die Menschen psychiatrische Anstalten nennen. Die Patienten sind häufig harmlos, müssen eigentlich mehr von sich selbst geschützt werden. Auch waren unsere Bemühungen, diese Menschen zu einem normalen Verhalten zu verhelfen, ohne Erfolg.“

„Soweit, so gut, Ehi“, schaltete sich KI1 ein, „du willst aus diesen Patienten denjenigen finden, der das Gerücht verbreitet, dass der Erlöser kommt?“

„KI1, ich habe mich in der Zwischenzeit schon einmal bei den Patienten umgeschaut und würde mit Eurer Erlaubnis gerne ein Foto des Kandidaten einspielen, den ich für geeignet halte.“

KI1 nickte und aktivierte den großen Monitor im Sitzungssaal. „Bitte Ehi, wir sind gespannt.“

Der Monitor flammte auf und zeigte er ein über das breite füllige Gesicht grinsenden Mann Mitte Dreißig. Er war bartlos und hatte eine Glatze. Seine abstehende Ohren steigerten den Eindruck der Heiterkeit noch. Seine Gestalt war mittelgroß und füllig.

„Das Besondere an diesem Mann ist seine ständige kindliche Heiterkeit. Er wacht mit diesem Lachen auf und legt sich damit zum Schlafen nieder. Wenn Sie gestatten KI1, spiele ich noch eine Simulation mit Ton ein.“

KI1 nickte. Das Video startete und der Glatzkopf sagte mit einer heiteren hellen Stimme: „Der Erlöser kommt. Er naht von Osten.“ Das wiederholte er mehrmals mit der gleichen Frische.

„Ich bin beeindruckt, Ehi. Ein sehr origineller Versuch; hat jemand der anwesenden Einwände gegen dieses Projekt oder eine Verbesserung?“

Niemand sagte etwas, es wurde nur zustimmend geklatscht.

Man gab dem Kandidaten den Namen „Rishi der Seher“. Man brachte ihm den Satz, >Der Erlöser kommt, er naht von Osten< bei und er wiederholte ihn in Abständen den ganzen Tag mit der gleichen Begeisterung. Man stattete ihn mit einem leuchtenden grünen Gewand aus, gab ihm vier Begleitpersonen, die sich um sein Wohlergehen jetzt außerhalb der psychiatrischen Anstalt kümmerten. Er zog in einer offenen Kutsche, die von vier weißen Hengsten gezogen wurde durch das Land. Wo immer er erschien, sammelten sich aus Neugier die Menschen um seine Kutsche. Er erhob sich dann, breitete die Arme aus, als wolle er die Welt umarmen und strahlte lächelnd: „Der Erlöser kommt, er naht von Osten!“ So fuhr er durch die Lande. Bald schon kündigte man ihn an: Rishi der Seher kommt in unsere Stadt, in unser Dorf oder in unsere Gemeinde.

Die Reaktion der Menschen war unglaublich. Sie erwachten aus ihrer Lethargie, sie strahlten vor Optimismus und Zuversicht. Transparente wurden aufgestellt, Statuen errichtet als vermeintliche Abbildung des Erlösers. Der Name Isha für den Erlöser setzte sich durch. Es wurden Straßen nach ihm benannt, Tempel errichtet und Gebete und Gesänge von den wieder erweckten Dichtern und Komponisten geschrieben. Man diskutierte, wo der Osten lag, von wo aus der Erlöser kommen sollte, denn man hatte im Laufe der Zeit den Stand der Himmelsrichtungen vergessen. Es wurden wieder Kinder gezeugt, der Nationalfeiertag „Tag des Isha“ wurde beschlossen. Rishi der Seher erfuhr noch mehr Verehrung, man entwickelte ein Gewand mit einer Art Mitra für ihn, seine Kutsche wurde vergoldet und jetzt von acht Hengsten gezogen; er legte an Gewicht zu, da man ihn nur mit den erlesenen Speisen versorgte, was seiner heiteren Erscheinung jedoch keinen Abbruch tat. Es wurden von seiner Verwaltung regelrechte Rundreisen geplant, um auch die abgelegenen Orte der Menschheit mit seiner frohen Kunde >Der Erlöser kommt, er naht von Osten< zu beglücken. Rishi der Seher nannte den Erlöser nie mit seinem Namen Isha, da es seine intellektuellen Fähigkeiten überstieg, sich mehr als einen Satz zu merken. Die Mitglieder um KI1 fanden ihre Erwartung mehr als erfüllt und der Android Ehi wurde in den engeren Führungsstab berufen.

Dann kann der Tag der Krisensitzung unter der Leitung von KI1: „In der Nacht ist die bedauerliche Kunde zu uns getragen worden, dass Rishi der Seher nicht mehr lebt. Er ist erschlagen worden in seiner offenen Kutsche. Seine Mörder sind Anhänger der neu gegründeten Gruppe, deren Seher auch behauptet, dass der Erlöser kommt, aber er soll von Süden nahen. Wir müssen uns eingestehen, dass auch dieses Projekt mit der Menschheit gescheitert ist. Doch es gibt bereits einen neuen Vorschlag, der uns Mut macht und den wir noch gemeinsam erläutern wollen: wir züchten die Menschen auf das Niveau von Bonobos zurück. Noch ist für die Menschheit nichts verloren!“

Mummy Carla Bones

Mummy Carla Bones

Mummy soll in diesem Falle auch als Mumie verstanden werden. Carla Bones ist die Verballhornung eines Touristenortes (Cala Bona) auf Mallorca, der überwiegend von Engländer besucht wird.

Am späten Nachmittag begann sich der Strand rasch zu entvölkern. Ermattet von einer steilen und unnachgiebigen Sonne, trotteten die Touristen in Scharen, beladen mit Luftmatratzen und Sonnenschirmen, ungeordnet wie eine zurückgeworfene Armee durch die Gassen in die Unterstände ihrer Hotels und Appartements. Dort würden sie über Nacht die Kräfte für einen erneuten Angriff am nächsten Morgen sammeln.

Erst jetzt schlug Albert mit leichtem Gepäck die Richtung zum Strand ein, um im Meer zu schwimmen. Er blieb dann eine gute halbe Stunde im Wasser. Obwohl er als sicherer und ausdauernder Schwimmer gelten konnte, fühlte er im Meer jedoch gerne den Grund unter den Füßen. Er mied die dunklen Stellen mit Algenbewuchs und beschränkte sich darauf, im brusttiefen Wasser auf dem Rücken durch eine sanfte Dünung zu treiben. Nach dem Schwimmen schlenderte er zum Hafen und aß dort in einem der Restaurants in Nähe der Mole draußen an einem der zahlreichen Tische. Er saß dort in den letzten Strahlen der Sonne, die der massige Bau des Hotel Consul auf dieser Seite noch zuließ, in Gesellschaft der Engländer wie ein faltiges Reptil, das behaglich und bewegungslos gelegentlich aus engen Sehschlitzen blinzelt. Nach den metallischen Stimmen der Mallorquiner den Tag über, genoss Albert jetzt den melodischen Singsang der Briten wie das Andante einer Sinfonie. So harrte er mit den übrigen Reptilien noch bei einem weiteren Glas Rotwein aus, bis das Hotel Consul auch an dieser Stelle die Sonne endgültig verdeckte und seine mächtigen Schatten weit über die Mole warf. Auf dem mit geschliffenen Granitplatten ausgelegten Platz zwischen den Restaurants und dem Hafen begannen Porträtisten ihre Staffeleien unter den Straßenlaternen aufzustellen. Ein Gaukler buhlte mit kleinen Kunststücken um die Aufmerksamkeit der Spaziergänger, die um das kleine Hafenbecken schlenderten. Ein Sänger aus einem offenen Restaurant stimmte sein erstes Lied an.

Albert setzte sich nach seinem Gang um die Kaimauern auf eine der Marmorbänke, die den Platz zum Hafenbecken begrenzten. Er blickte an der Häuserfront über Smithys Restaurant hoch, eine Angewohnheit, bei der er immer wieder entdeckte, wie selten er sonst je die oberen Stockwerke eines Hauses oder gar das Dach sah. Die oberen Stockwerke über Smithys lagen durch einen Spalt in der Häuserfront neben dem Hotel Consul noch in den Strahlen der sinkenden Sonne wie in einem Scheinwerferlicht, während das Restaurant selbst schon im Schattenbereich lag. Im ersten Stock über Smithys saß auf einem Balkon ein kahlköpfiger Greis. Hinter ihm hing an der Wand ein Vogelbauer mit einem verstummten Kanarienvogel. Das Gesicht des Greises war mit Altersflecken übersät, der zahnlose Mund stand offen wie ein dunkler Schrei. Die Knopfaugen blickten angsterfüllt aus den Schädelhöhlen, als hätten sie sich von einem erblickten Entsetzen nicht mehr erholt. Er saß in einem Holzstuhl mit Armlehnen verkeilt wie eine verdorrte Mumie, bei der man versäumt hatte, die Lippen zuzunähen. Dann kreuzten sich ihre Blicke. Albert sagte sich: „Bleib ganz ruhig! Ich wette jeden Betrag: er kann noch nicht einmal die Balkonstäbe einen halben Meter vor sich auseinander halten!“

Urplötzlich machte der Greis in Richtung Albert mit dem Daumen der rechten Hand die heftige Gestik des Trinkens, die an ihm gierig und obszön wirkte. Albert lächelte unbehaglich, doch der alte Mann wiederholte seine Geste. Es war unmissverständlich, dass er Albert aufforderte. Albert zog ratlos die Schultern hoch. Der Greis streckte den rechten Arm mit einem Krückstock und deutete aufgeregt in die Richtung des Hotel Consul. Albert folgte der Richtung des Stockes mit seinen Blicken zu einem kleinen Supermarkt. Wie betäubt, in einer Haltung der Machtlosigkeit erhob er sich von der Bank und breitete die Arme aus. Doch der zahnlose Mund des alten Mannes hatte sich schon zu einem gierigen O geformt und Albert hörte das Wort Wodka wie einen mächtigen stillen Schrei. Mit einem Achselzucken schlug er die Richtung zum Laden ein. Im Kühltresen fand er zwischen steinhart gefrorenem Fisch eisbeschlagene Flaschen mit Wodka. Die fleckigen Etiketten wiesen die Spuren mehrmaligen Auftauens auf. Noch an der Kasse verstaute er die Flasche in der linken Innentasche seiner Weste, ehe er den Laden verließ und wieder zur Steinbank zurückkehrte. Der Greis stand immer noch wartend am Balkongitter und hatte ihn nicht aus den Augen gelassen. Albert wies mit der rechten Hand auf sein Herz. In der Hitze des Tages, die noch immer lastend wie ein schweres dunkles Tuch auf den Häusern und den Gassen lag spürte er wohltuend, wie die eisige Flasche seinen Pulsschlag kühlte. Der alte Mann stimmte ein freudiges Gejammer auf dem Balkon an und augenblicklich erschien eine dunkelhaarige Schönheit in der Lamellentür des Balkons, um nach ihm zu schauen. Der Greis zeigte zeternd auf Albert. Die Frau legte beschwichtigend den Arm um seine Schultern und sprach beruhigend auf ihn ein. Er keifte ihr ins Ohr, bis die Frau nickte und lächelnd zu Albert blickte. Sie winkte mit der linken Hand einladend nach oben und wies Albert an, um das Haus zu kommen. Wie selbstverständlich trat Albert den Gang auf die Rückseite des Hauses durch ein Stück der Hauptgasse an. Er fühlte die kühle Feuchtigkeit der Flasche sich an seinem Herzen ausbreiten. Am Hinterausgang von Smithys fand er auch den Eingang zu dem schmalen Treppenhaus. Holzkisten mit welken Gemüseabfällen stapelten sich neben einem Verteilerkasten. Unsicher stieg er im Halbdunkel eine rohe Treppe hoch, deren Stufen aus Zement waren. Auf dem Treppenabsatz sah er die dunkelhaarige Schönheit lächelnd auf ihn warten.

„Senor, Paulo“, begrüßte sie ihn mit heiserer schleppender Stimme, „meinem Großvater sind alle Bekannte weg gestorben. Wir freuen uns immer, wenn ihn jemand besucht, der ihn noch aus alten Zeiten kennt. Kommen Sie bitte! Seien Sie willkommen!“ Albert ergriff ihre ausgestreckte Hand und deutete zu seiner eigenen Überraschung einen Handkuss an.

„Sehr freundlich von Ihnen, Senora!“

„Paulo, nennen Sie mich Carla!“

Albert bemerkte den schwachen Geruch von Knoblauch und Zigarettenrauch, als sie die offene Küche passierten. Carla dirigierte ihn den verwinkelten Flur an einem großen Spiegel vorbei. Von dort an ging sie voraus. Ihr Parfüm verflüchtigte sich wie ein Hauch von fernen Blumenbeeten eines Friedhofs. Sie schritt beschwingt voran, als wolle sie jeden Augenblick damit beginnen, auf der Spitze zu tanzen. Sie steuerte die einzige Tür am Ende des Ganges an. Ohne anzuklopfen öffnete sie die Tür wie zu einem Wartezimmer und rief: „Großvater, hier kommt dein Besuch, Paulo!“

Der Greis saß auf der Kante einer Liege und breitete klagend die Arme nach Albert aus.

„Paulo! Mein Sohn, Paulo!“

Albert beugte sich hinab in die Umarmung des alten Mannes und bemerkte mit Erleichterung, wie er ihn nur routiniert nach der Flasche abtastete und als er fündig geworden war, ihn wieder freigab und ihn in den Stuhl bei dem zierlichen Tisch neben der Liege drückte. Er zog ein riesiges Tuch unter den Kissen der Liege hervor und schnäuzte sich.

„Carla, du weißt, dass ich nicht in Gegenwart von Frauen weine. Lasse mich bitte mit Paulo alleine bis ich mich gefangen habe!“

„Gut, Großvater! Ich bringe Paulo nur noch einen Kaffee! Er ist gerade frisch!“

Carla wirbelte auf dem Absatz herum durch die noch offen stehende Tür und Albert spürte selbst auf dem Steinfußboden ihren federnden Schritt sich entfernen und gleich darauf wie ein Echo sich wieder nähern.

Der alte Mann jammerte in sein riesiges Tuch: „Paulo, Paulo...!“

Carla stellte ein rundes Tablett mit einer Tasse und einer Schale mit Würfelzucker auf den Tisch. Sie lächelte Albert an, als sie wie eine Artistin nach einer Darbietung rückwärts das Zimmer verließ und die Tür zuzog.

Das Jammern des Greises erstarb auf der Stelle und ohne Aufforderung zog Albert die Flasche aus seiner Weste, drehte den Schraubverschluss ab und reichte ihm die Flasche mit dem stummen Einverständnis eines Verschwörers. Gierig setzte er den Flaschenhals an die ledernen Lippen und schüttete den Wodka ungestüm in sich hinein. Albert schlug die Beine übereinander. Er zündete sich eine Zigarette an und ließ drei Stück Würfelzucker in seine Tasse gleiten. Ein Ritual, das ihm Sicherheit geben sollte. Er nippte an dem heißen Kaffee und rauchte. Er bemühte sich, den alten Mann ruhig zu mustern. Er setzte gerade die Flasche ein weiteres Mal an und Albert sah seinen Adamsapfel sich in dem mageren Hals bewegen. Er setzte die halb geleerte Flasche ab und verstaute sie wie Diebesgut in dem Regal am Boden der Liege bei einem Stapel alter Zeitschriften.

„Paulo, mein Sohn“, forderte er Albert mit erstarkter Stimme auf, „gib mir meine Zähne dort drüben aus der Schachtel vom Tisch!“

Albert erhob sich von seinem Stuhl und war mit zwei Schritten in der Mitte des Zimmers, wo auf dem Tisch in einer blauen offenen Schachtel ein grellweißes Gebiss lag. Der Greis setzte die makellosen Zahnreihen ein, die ihm ein bedrohliches Aussehen verliehen. Er ließ sich in die hohen Kissen zurück fallen und schwenkte die mageren Beine in der braunen Stoffhose auf die Liege. Albert bemühte sich um ein Lächeln. Der Greis hatte die Augen geschlossen und sprach mit eintöniger Stimme, als lese er von einem Blatt ab: „Natürlich ist auch dieses Wesen, das sich ICH nennt, in diesem verfallenden Körper, eine verlorene isolierte Existenz, welche das restliche Universum als Widersacher empfinden muss. Letzten Endes gibt es nicht einmal Verbündete. Das einzelne Wesen existiert nur durch die Vernichtung anderer einzelner Kreaturen. Darauf läuft es hinaus. Natürlich ist ein Sonnenuntergang ein friedliches Bild einer vermeintlich friedlichen Welt. Doch im Meer rüsten sich jetzt die Jäger der Nacht für ihre Opfer. In den Wiesen kommt das tägliche Gemetzel zur Ruhe, ehe noch der Igel seinen Fraß unter den Wehrlosen sucht. Das sind die Bedingungen dieses Universums!“

Ein Luftzug öffnete für einen Augenblick die Vorhänge zum Balkon und Albert sah den Stamm der Palme vor dem Haus und einige ihrer riesigen Wedel hartlaubigen Grüns, die sich träge wiegten wie vor einer Kulisse. Er drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus und führte die Tasse mit dem Kaffee zum Mund. Er schaute auf den alten Mann, der sein Gebiss aus dem Oberkiefer aushakte, um es dann vor sich in die blaue Schachtel zu legen. Das gleiche mit dem Unterkiefer. Wortlos trug Albert die Schachtel zum Tisch zurück. Als er sich wieder auf seinen Stuhl setzte, hatte sich der Greis aus den Kissen aufgerichtet, seine Beine über den Rand der Liege geschwungen, nach dem Wodka gelangt und hielt die Flasche umklammert.

„Paulo“, säuselte er nun mit zahnlosem Mund, „du hast einen guten Wein gebracht! Du bist ein braver Sohn!“

Dann setzte er die Flasche an den lippenlosen Mund und schüttete den Wodka in den mageren Hals.

„Wie lange wirst du bleiben, Paulo, mein Sohn?“ fragte er und behielt die Flasche in der Hand, nicht bereit, sie noch einmal wegzustellen.

„Noch 11 Tage!“ antwortete Albert ohne nachrechnen zu müssen.

„Komme morgen wieder, mein Sohn! Mit Wein!“

Er setzte die Flasche ein letztes Mal an und leerte sie mit gierigen Zügen. Stumm reichte er Albert die Flasche hin und ließ sich dann in die Kissen fallen. Mit einem Geräusch wie ein schlaffer Fahrradschlauch, dem man das Ventil gezogen hatte, drehte er das Gesicht zu der Wand mit der schäbigen Blumentapete.

Albert verstaute die Flasche in der Innentasche seiner Weste. Er zündete sich eine Zigarette an und trank den restlichen Kaffee. Dann erhob er sich und schloss die Lamellentüren zum Balkon. Im Dunklen sah er die Steinbank, auf der er gesessen hatte. Sie glich in ihrer Makellosigkeit einem Altar, auf dem Schlachtopfer geopfert werden. Wind war aufgekommen und vom Meer trieb ein fauliger Gestank landeinwärts. Albert öffnete die Tür zum Flur und ging an dem Spiegel vorbei ohne den Blick zu wenden. In der Küche brannte Licht. Carla saß an dem Holztisch und füllte ein Kreuzworträtsel aus.

„Ich gewinne nie“, erklärte sie, „doch ich kann es nicht lassen! – Schön, dass Sie uns besucht haben, Paulo! Doch niemand hat alle Zeit der Welt, denken Sie daran! Morgen warte ich auf Ihren Besuch!“

Albert deutete eine Verbeugung an, ehe er die Tür zum Treppenhaus öffnete.

Am nächsten Tag versuchte Albert, an seinem gewohnten Tagesablauf festzuhalten. Doch schon zum Schwimmen im Meer brach er ungeduldig früher als sonst auf und kam in den ersten Strom der Zurückkehrenden. An dem noch überfülltem Strand gestand er sich ein, dass er den Besuch bei Carla und dem Greis nicht abwarten konnte. So saß er dann auch früher als üblich im Restaurant an der Mole. Der schon gekaufte Wodka vereiste seine Brust am Herzen. Er bestellte noch ein Glas Wein nach dem Essen und fühlte seinen ruhigen Herzschlag, der Wellen gekühlten Blutes durch seine Adern drückte. Doch die Furcht, etwas Unwiederbringliches zu versäumen, ließ ihn früher als am Vortage seinen Platz auf der Steinbank gegenüber von Smithys einnehmen.

Erleichtert sah er, dass der Greis in der gleichen Haltung regungslos auf seinem Stuhl mit angsterfülltem Blick und offener Mundhöhle saß. Erst als das Hotel Consul seine Schatten über das schmale Hafenbecken ausbreitete, wo einige der Fischer die Motoren ihrer mastenlosen Boote für einen mageren Fang anwarfen, fiel der Blick des Greises auf Albert. Fordernd begann er, mit seinem Krückstock auf das Metallgitter des Balkons zu schlagen.

Wiederum bog Albert in die schmale Gasse auf der Rückseite der Häuserzeile ein. Neben dem Eingang zum Treppenhaus parkte ein Lieferant mit seinem Wagen und trug Kisten mit Gemüse in Smithys Küche. Albert nahm seinen Strohhut ab, als er das schmale Treppenhaus betrat. Carla wartete am Treppenabsatz im ersten Stock über das Geländer gebeugt auf ihn. Sie sah reifer und weiblicher aus als Albert sie in Erinnerung hatte. In ihrem schwarzen Haar bemerkte er eine graue Strähne, die ihm gestern entgangen sein musste. Auch um die Hüften schien sie ihm erblüht. Sie lächelte ihm zu, als er die letzten Stufen erreichte und schmerzhaft entdeckte er, dass ihr der linke Augenzahn fehlte. Mit einer Verbeugung reichte er ihr die Schachtel mit Konfekt, die man ihm im Supermercado auf seinen Wunsch noch in Geschenkpapier eingeschlagen und mit einem roten Band versehen hatte.

„Es ist schön, Paulo, dass Sie uns wieder besuchen. Um ehrlich zu sein, ich bin ein wenig böse, dass Sie uns so lange vernachlässigt haben!“

Carla nahm die Schachtel mit dem Konfekt mit der freudigen Liebenswürdigkeit einer Frau an, der aufwendigere Geschenke vertraut sind. Sie nahm Albert den Hut ab und legte ihn im Flur auf die eiserne Garderobe, an der sonst kein Kleidungsstück hing.

„Gehen Sie schon durch, Paulo! Großvater wartet schon! Sie kennen ja den Weg zu seinem Zimmer. Ich bringe gleich den Kaffee!“

Als Albert an den riesigen Spiegel kam, konnte er diesmal nicht widerstehen, hinein zu blicken. Er erschrak vor der Fremdheit seines Spiegelbildes. Er sah wie der Überbringer einer bedrohlichen Botschaft aus und er wendete seinen Blick sofort ab. Erleichtert sah er am Ende des Flurs den Greis in der offenen Tür stehen und ihn überschwänglich begrüßen.

„Paulo, mein Sohn! Komme an mein Herz!“

Er machte Anstalten, Paulo wiederum zu umarmen, um ihn nach der Flasche abzutasten. Doch Albert holte den Wodka noch im Gehen aus der Innentasche seiner Weste, wo sich ein feuchter Fleck ausgebreitet hatte und hielt sie ihm ausgestreckt in der Hand entgegen. Der Greis griff hart nach Flasche, drehte sich abrupt um und ging voran in das Zimmer. Albert bemerkte ein leichtes Hinken auf seinem linken Bein, doch es erschien ihm wie die geringfügige Verletzung eines Athleten, die nicht seine gewaltige Kraft verbergen konnte. Im Zimmer schloss er die Tür hinter Albert, legte ihm gebieterisch die freie Hand auf die Schulter und drückte ihn in den Stuhl neben seiner Liege. Der blauen Schachtel entnahm er sein Gebiss und setzte es ein. Albert hörte das Aufeinanderschlagen der Zahnreihen als er mehrmals den Sitz des Gebisses überprüfte. Das Geräusch erinnerte Albert an das Zuschnappen eines Fangeisens. In der Tür erschien Carla mit dem Tablett. Sie setzte es neben Albert ab. Mit Freude sah Albert neben dem Kaffee einen kleinen Teller mit Keksen und ein Glas Sherry. Carla berührte seine Schulter.

„Paulo, wenn du irgendetwas brauchst, rufe mich. Du weißt ja, wo ich bin!“

Albert wendete den Kopf zu ihrer Hand auf seiner Schulter und meinte an ihrem Ringfinger die Doppelringe einer Witwe gesehen zu haben, als er hochblickte und Carla anschaute.

„Gracias, Carla!“

Er folgte ihr mit seinen Blicken, als sie das Zimmer verließ und sah mit einem Gefühl der Scham die schief getretenen Hacken ihrer ehemals goldfarbenen Sandaletten.

Als Carla die Tür hinter sich geschlossen hatte, drehte der alte Mann den Schraubverschluss der Flasche ab, ließ ihn achtlos auf den Boden fallen und trank gurgelnd noch im Stehen. Dann ließ er sich auf die Liege gleiten und lehnte sich in die aufgestellten Kissen zurück und nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche.

Albert nahm einen Keks von dem Teller und trank vom Kaffee, ehe er sich eine Zigarette anzündete.

„Dies ist nicht das erste und auch nicht das letzte Universum, das durch diese Energie geschaffen wurde. Diese Energie wird alle nur möglichen Universen schaffen und keines wird dem vorherigen gleichen. So wird irgendwann auch ein Universum mit einem gerechten Gott geschaffen werden. Doch auch für dieses zukünftige Universum mit einem gerechten Gott wird das gleiche gelten wie für alle vergangenen und zukünftigen Universen: es wird enden und vergehen!“

Der Greis hatte die Flasche vor der Brust zwischen den Händen gehalten und als er nun verstummt war, leerte er den Rest des Inhalts bedächtig wie eine Medizin. Er stellte die Flasche auf den Tisch neben Albert, ehe er sich zurück fallen ließ und das Gesicht wieder zur Blumentapete drehte.

Albert verzichtete darauf, die blaue Schachtel für das Gebiss vom Tisch zu holen. Er zündete sich eine weitere Zigarette an und trank den Sherry. Dann erhob er sich und verließ das Zimmer. Er vermied, im Flur in den Spiegel zu schauen, doch aus den Augenwinkeln ahnte er, sein riesiges und dunkles Abbild ihn anstarren und mit Blicken verfolgen. Im Vorbeigehen riss er hastig seinen Hut von der Garderobe und er war erleichtert, als er die offene Küche erreichte. Carla saß am Küchentisch und hatte ihre geschwollenen Füße auf einen Stuhl gestreckt. Eine nackte Glühbirne hing von der Decke über dem Tisch. Als sie Albert im Türrahmen sah, nahm sie die Füße vom Stuhl, als schäme sie sich für dieses Zugeständnis an ihr Alter. Vor ihr lag die geplünderte Konfektschachtel. Sie blickte ihn müde an.

„Paulo, mein Lieber! Lass mich nicht wieder so lange warten! Das musst du mir versprechen!“

Albert nickte stumm und hob grüßend seinen Strohhut zum Abschied.

Am nächsten Tag saß Albert noch früher auf seiner Steinbank. Er hatte auf das Schwimmen im Meer verzichtet. Um keine Zeit im Restaurant zu vergeuden, hatte er unterwegs im Gehen ein Stück Pizza herunter geschlungen. Er hockte angespannt wie zu einem Sprung bereit auf der Steinbank und starrte unverwandt zum Balkon hoch. Der Balkon blieb leer, die Lamellentüren geschlossen. Selbst der Vogelkäfig hing nicht an der Wand. Zusätzlich war eine stählerne Rollladen herunter gelassen. Albert rauchte und behielt den Balkon im Auge. Neben sich auf der Bank lag sein eingewickelter Blumenstrauß, der in der Hitze in sich zusammen gestürzt war. Der nasse Fleck von der Wodkaflasche war längst über seinem Herzen abgetrocknet. Der Balkon lag schon geraume Zeit im Schatten des Hotel Consul, als Albert sich erhob, den welken Blumenstrauß in den Abfallkorb neben der Bank warf und sich zögernd entfernte. Auf seinem Hotelzimmer trank er den Wodka in hastigen Zügen leer und warf sich angekleidet auf sein Bett.

Am nächsten Morgen verließ Albert sein Hotel ohne Frühstück. Er blickte wüst aus geröteten Augen, als er sich auf den Weg machte. Er war unrasiert und er ging ohne seinen Strohhut. Er trug die gekaufte Wodkaflasche mit dem Rosenstrauß zusammen in der linken Hand, als er das Treppenhaus auf der Rückseite neben Smithys Lieferanteneingang betrat. Er stürmte die Treppe hoch und schlug mit der Faust an die Tür. Albert wartete nicht ab und drückte die Türklinke nach unten: die Tür war offen. Er hastete in den Flur. Die Küche war leer. Er stürmte an dem Spiegel vorbei, doch ein paar Schritte weiter hielt er inne, drehte um und kehrte zum Spiegel zurück. Albert stellte sich vor den Spiegel und ertrug mehrere Augenblicke seinen Anblick. Mit wenigen Schritten war er dann an der Tür am Ende des Flurs, drückte die Tür im Gehen auf und war mit einem Satz an der Liege. Er erkannte auf Anhieb, dass die siechende Greisin auf der Liege Carla war. Auch ihr Mund war jetzt zahnlos, ihr Gesicht maskenhaft und ihre spärlichen grauen Strähnen klebten ihr am hageren Schädel. Ihre dunkeln Augen blickten angsterfüllt ins Leere.

Albert setzte sich zu ihr auf die Liege. Carlas starrer Blick füllte sich mit Leben, als sie ihn erkannte.

„Paulo, mein Liebster“, jammerte sie und griff nach der Flasche in seiner Faust und zerrte kraftlos daran. Albert legte den Blumenstrauß auf ihrem Leib ab und drehte mit fahrigen Bewegungen den Schraubverschluss der Flasche ab. Carla war in die Kissen zurück gesunken und lag da mit offenem Mund. Albert führte vorsichtig den Flaschenhals an die ausgedörrte Mundhöhle. Sie trank mit großer Anstrengung in winzigen Schlucken. Sie drückte dabei den Blumenstrauß an ihre welke Brust. Dann zog sie Albert zu sich herab. Er beugte sich tief und hielt sein Ohr an ihren Mund:

„Es ist nicht einmal der Rede wert!“

Wo ist Großvater?“ fragte Albert, als er sich wieder aufrichtete.

Carla hob die ausgemergelte Hand und zeigte mit dem knotigen Zeigefinger in Richtung der offenen Balkontür. Albert erhob sich und trat durch die offene Tür auf den Balkon. Vor ihm lag der zerstörte Hafen. Das Hotel Consul mit seinen fünf Stockwerken war bis auf sein Fundament in sich zusammen gebrochen. In seinen Schutthalden hatten sich bereits niedrige Pflanzen gekrallt. Auch von den anderen Häusern standen nur noch vereinzelte Mauerreste. Kein Mensch war zu sehen. Selbst keine der sonst so zahlreichen Katzen. Das kleine Hafenbecken war versandet, die Wrackteile der Schiffe lagen zerschmettert zwischen spärlichem Unkraut. Der Beton der Mole war in große Brocken zerborsten. Das Meer war weit zurück gedrängt und der sandige Boden hatte die vertrockneten Algen fast vollständig zugeweht. Die Hügelkette am Horizont war kahl bis auf den Felsen. Hinter einem schwefelig verhangenen Himmel brodelte die Sonne. Es war windstill und kein Laut zu hören. Das Gitter war mit Teilen des Balkons weg gebrochen. Fassungslos blickte Albert auf das Bild einer endgültigen und unwiderruflichen Zerstörung. In seinem Rücken hörte er ein Geräusch und er drehte sich langsam um, wie jemand, für den das Gefühl der Furcht unbedeutend geworden ist. Der Greis war dabei, die Balkontür von innen zu schließen und zu verriegeln. Albert sah auf einen Blick, dass es für ihn kein Vorbeikommen gab. Breitbeinig stand der Greis da und bleckte die Zahnreihen. An seiner Seite stand Carla, die ihm müde zuwinkte, während sich der stählerne Rollladen herab senkte und bereits ihr Gesicht zu verdecken begann. Albert wendete sich endgültig ab und hörte wenige Augenblicke später das Einrasten der Rollladen. Er schätzte den Abstand zu dem zerborstenen Palmenstumpf vor dem Balkon, trat an den Rand und sprang. Er krallte sich in dem toten Holz fest und rutschte am Stamm hinab. Den letzten Meter sprang er in den grauen Staub. Nachdem er sich aufgerichtet hatte, klopfte er sich den Staub aus den Hosenbeinen und blickte sich um. Zwischen den Schuttbergen sah er vereinzelte Skelette der Ruinen. Nur das Haus mit Smithys stand noch.

Albert war ein freier Mensch. Alle Fluchtwege waren versperrt. Er schlug die Richtung ein, wo er aus alten Zeiten das Landesinnere wusste.

Besuch bei Adamsson

Besuch bei Adamsson

Wir hatten uns verändert und es bestand kaum Aussicht, dass sie uns erkennen würden. Zwar gingen wir immer noch aufrecht auf zwei Beinen, doch zu den Flughäuten zwischen den Armen und dem Brustkorb und vom Rücken über das Gesäß bis zu den Fersen, hatten wir auch Röhrenknochen wie die Vögel entwickelt. Insgesamt waren wir leichter und zierlicher geworden. Es lag wohl auch mit an unserer friedfertigen Ernährung. Wir lebten wie alle Lebewesen auf Hoori, die in keinerlei Konkurrenz zueinander standen, von Mineralien. Unsere Ohren hatten sich auf fast unsichtbare Muscheln unter den leichten Federn zurück gebildet. Die Federn verhinderten ein Auskühlen unserer hageren Körper. Unsere Nasen waren ebenfalls bis auf zwei winzige Öffnungen in unserem schmalen, ellipsenförmigen Schädel geschrumpft. Die Gebisse hatten sich wie bei den Schildkröten zu einer Kauleiste entwickelt. Aus unseren Sprachen war ein Gesang geworden, den wir jedoch meist nur zu unserem Vergnügen und zu feierlichen Ritualen verwendeten. Hauptsächlich verständigten wir uns telepathisch untereinander, obwohl dieser Ausdruck nicht ganz zutreffend ist. Unsere Augen waren schärfer geworden und wir konnten uns willentlich entscheiden, ob wir farbig, schwarzweiß oder im Infratrot-Bereich sehen wollten. Dennoch muss viel Menschliches in uns überdauert haben, an menschlichem Geist und seiner Neugier. Und dieser neugierige Geist muss wohl dafür verantwortlich gewesen sein, dass wir vier uns bei einem Flug durch das zweite Universum fragten, ob wir nicht doch einmal vorbei schauen sollten. Wir besaßen zwar noch das alte Wissen um das ursprüngliche Universum, doch zu vielem hatten wir den Bezug wie zu heidnischen Riten verloren. Nicht zuletzt durch unsere eigenen Veränderungen, wie wir zu Recht vermuteten.

 

Wir konnten nicht genau sagen, wie lange wir schon in der Zeitrechnung des ursprünglichen Universums fort waren, doch wir waren beglückt, als der Blaue Planet in seiner farblich unverbrauchten Frische für uns sichtbar wurde. Spätestens zu diesem Zeitpunkt waren wir allesamt froh, uns zu diesem Umwege entschlossen zu haben und voller Vorfreude wie gealterte Lebewesen, die die Gegend ihrer Jugend aufsuchen. Das kann man zwar von uns vier nicht ernsthaft behaupten, denn wir sind allesamt auf Hoori ins Leben getreten. Aber dennoch waren uns einige Aufzeichnungen und Informationen vertraut, um uns auf dem Blauen Planeten zurechtzufinden.

 

Bei der Überfliegung in geringer Höhe fielen uns als erstes die starke Bebauung des Blauen Planeten auf. Von den weiten Feldern, den riesigen Wäldern, den Flüssen und den großen Seen, konnten wir nichts mehr ausmachen. Vielmehr schien es, als hätten sich die Städte wie ein Pilzgeflecht nach allen Richtungen ausgebreitet und seien ineinander übergegangen. Auch die Meere waren geschrumpft und durch riesige Mauern begrenzt, um den Städten zusätzlichen Raum für ihre Ausdehnung zu geben. Wir beschlossen, unser Schiff in der Stadt Nujork zu landen, da wir über diese Stadt gute Aufzeichnungen hatten. Nujork lag an einem Fluss, der an dieser Stelle in das Meer mündete, eine Eigenschaft vieler großer Städte im ursprünglichen Universum. Doch schon beim Anflug erkannten wir, dass der Fluss kanalisiert und die Küste des Meeres durch Bebauungen stark zurückgedrängt worden war. Die Stadt selbst hatte sich weit ins Meer ausgedehnt, noch über die Befestigungen hinaus standen riesige Türme auf gewaltigen Stelzen in den Fluten. Die Gebäude ragten mehrere hundert Meter in den diesigen Himmel. Am Fuße eines dieser gewaltigen Gebäude konnten wir das ehemalige Wahrzeichen der Stadt ausmachen: eine grüne weibliche Statue, die eine Fackel hoch über ihr gekröntes Haupt hielt. Jetzt wirkte dieses Wahrzeichen neben dem riesigen Gebäude wie eine altmodische Verzierung des Eingangs. Auf dem Dach eines dieser Gebäude setzten wir unser Schiff ab. Dann spannten wir unsere Flughäute aus und segelten hinab in den dunklen Grund dieser Häuserschluchten. Gelblicher Staub wurde von einem ruhelosen Wind durch die Straßen getrieben. Überall lagen die ausgebleichten Knochen von Menschen und Tieren herum. Die Knochen waren größtenteils zerschmettert und zerteilt, als hätte man sie zerschlagen oder zersägt. Wir konnten keine Menschen entdecken, nicht einmal Tiere oder Pflanzen. Wir fanden Betonbeete, in denen die Menschen früher Blumen oder sogar Bäume in ihre Stadtwüsten gepflanzt hatten, doch auch sie waren jetzt leblos wie der tote Staub in ihnen.

 

„Es sieht so aus, als ob hier nichts mehr lebt!“ sprach Masalti unsere Befürchtungen aus.

S

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