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Fußball-Taktik

Über die Autoren

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Matthias Greulich (Foto links) war geschäftsführender Redakteur des Fußballmagazins Rund. Der Jurist verantwortet seither den Online-Auftritt von Rund (www.rund-magazin.de), ist freier Autor und Redakteur beim Elbe Wochenblatt.

Elmar Neveling (rechts) ist freier Fußball- und Wirtschaftsautor. Der Diplom-Kaufmann schreibt unter anderem für die Ruhr Nachrichten und das Fußballportal Rund. Seine Jürgen-Klopp-Biografie wurde bisher in zehn Sprachen übersetzt.

»Auf eine Veränderung im Fußball gab es immer eine taktische Antwort. Und das wird auch bei jeder neuen Entwicklung so weitergehen.«

– Manuel Baum

»Und trotzdem spielen sie weiter nach vorne. Diese Wahnsinnigen!«

– Erik Meijer

»Wir können die Wahrscheinlichkeit erhöhen, ein Spiel zu gewinnen. Aber das Spielglück lässt sich nicht beeinflussen.«

– Frank Wormuth

Inhalt

Zu diesem Buch

Taktik-Lehrstunde beim Perfektionisten Frank Wormuth

Grundordnung: Sinn und Unsinn der Systemdebatte

Das große Ganze

Spieleröffnung und Spielgestaltung

Passqualität

Taktische Flexibilität

Eigeninitiative und taktisches Verständnis der Spieler

Trockenübungen

Das kleine Ganze

Leverkusen widerlegt die Lehre

Richtiges Timing beim Zweikampf

Zuordnung bei Standards

Vier-Felder-Spiel

Das Risiko des kompakten Stehens

Druck für Jugendtrainer führt zu Mangel an Außenverteidigern

Der Ärger über die »falsche Neun«

Der geplante Fehlpass

Sieben zu eins – das historische Spiel

Themen gibt’s noch reichlich

Die sanfte Revolution: Daniel Niedzkowski und die neue Fußballlehrer-Ausbildung

Der Modernisierer

»Einfacher werden«

Unentdeckte Potenziale: Manuel Baum über die neue Unberechenbarkeit des Spiels

Von Landshut nach Frankfurt-Niederrad

Leitplanken – oder das richtige Gefühl für die Flexibilität

Spielphasen: »Gar keine so blöde Idee vom Alfred«

Taktisch zurück in den Neunzigern?

Torwart: Jens Lehmann – auf der Linie oder ganz weit vorne

Der Verbesserer englischer Schule

Der Lehrgang in Wales

»High up« in London

Kampfzone Fünfmeterraum

Abwehr: Die Spielverderber – oder die hohe Kunst des Verteidigens à la Thomas Helmer

Immer mit der Ruhe

»Kleine Situazione«, die Spiele entscheiden

Die Aufwertung des Innenverteidigers

Komplexes Spiel

Der Polster Toni

Schmutzige Taktik

Wo sind sie nur geblieben, die starken Linksfüße?

Ballbesitz-Fußball und die Grenzen der Statistik

Psychologie: Von der Antizipation zur schnellen Lösung

Interview mit dem Sportpsychologen Werner Mickler

Probleme werden zu Herausforderungen

Trainer auf dem »heißen Stuhl«

Lernprozesse in Brasilien

Mittelfeld: Thomas Hitzlsperger über Strategien in der Zentrale

Im Hier und Jetzt

Die Doppelsechs: Einer geht, einer bleibt

Weite Wege vors spanische Tor

Im Entengang zur WM 2006

Geübt: das Volley-Tor zur Meisterschaft

Im Labor – was der Fußball vom Hockey lernen kann und was nicht

Interview mit Hockey-Bundestrainer Markus Weise: »Es hat klick gemacht«

Geschwafel durch den »Bullshit-Filter«

Im olympischen Halbfinale mit ungewohntem Fünfer-Aufbau

Coaching-Schleife läuft im Zick-Zack

Mehr Demokratie wagen im Hochleistungs-Team

Die verhinderte Revolution mit Bernhard Peters

Das Vorbild Costa Rica – Arno Michels über die Entwicklung eines Matchplans

Interview mit Arno Michels und Paul Linz

Ganz ohne Fußball geht es nicht

Gleichgewicht der Trainingsinhalte

Außenverteidiger ist nicht gleich Außenverteidiger

Wie die Bayern zu knacken sind – vielleicht

Stürmer mit Sonderauftrag

Von Pressing und Gegenpressing

Wie im Fluss

Die Natur des Spiels: Dem Zufall Tür und Tor geöffnet

Interview mit dem Sportwissenschaftler Martin Lames

Fußball als komplexes dynamisches System

Worin sich der Fußball von anderen Sportarten unterscheidet

Wider der Oberflächlichkeit

Von der Bedeutung des Schwerpunkts

Angriff: Bruno Labbadia über Phantasie und Kreativität im Kopf

Die Rückkehr des Gefühls

Elf gegen Null

Laufwege üben, freie Entscheidungen treffen

Realismus statt Powerfußball

»Revoluzzer« Erik Meijer: die Lehren von Ajax und die Kultur des Hinterfragens

Der Einhundertprozentige

Beeindruckt von ten Hags Mut

Die schwierige Suche nach der richtigen Balance

»Das konnte er fantastisch, der Christoph Daum.«

Champions wie PSV und Liverpool lebten von ihren Einzelkönnern

Zeiten des Sturmduos passé?

Zu viel Tiki-Taka ist auch nicht gut

Die veränderte Rolle des Stürmers

Das offene Geheimnis

Eine Spielerei

Der Verteidiger ist zum Verteidigen da

Der dienende Spieler

Erik Meijer, der Revoluzzer

Bedeutung von Taktik überhöht?

Danksagung

Zu diesem Buch

Jürgen Klopp war der Türöffner. Seine anschaulichen Analysen im Fernsehstudio während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, dem deutschen »Sommermärchen«, eröffneten den Zuschauern einen völlig neuen Blick auf das Spiel: hintergründig und auch für den Taktik-Laien verständlich. Plötzlich wurden zuvor verborgene Zusammenhänge deutlich, weil Klopp nicht beschrieb, sondern erklärte, was auf dem Spielfeld passierte – unterstützt durch Analysetools, mit deren Hilfe die Spieler auf dem Studio-Bildschirm hinund hergeschoben wurden.

Heute ist diese Form der medialen Spielaufbereitung gang und gäbe, die Zeit der klassischen Ergebnis-Berichterstattung längst passé. Mit der Spieltaganalyse auf Sport1 etablierte sich eine wöchentliche taktische Aufbereitung der Bundesligaspiele für mehr als ein Jahrzehnt fest in der deutschen Fernsehlandschaft. Im Land der »80 Millionen Bundestrainer« möchte der Fußballfan nicht nur die Torschützen wissen, er will das Spiel verstehen. Weshalb hat die Mannschaft mit den besseren Einzelspielern verloren? Warum wirkt es trotz numerischer Gleichzahl so, als habe ein Team mehr Spieler auf dem Feld als sein Gegner? Was meint der Trainer, wenn er von »abkippenden Stürmern«, »dynamischer Dreierkette«, »Schnittstellen« und »flacher Vier« spricht? Und hätte er nicht ohnehin eine ganz andere Taktik wählen müssen? Das vorliegende Buch will auf Fragen dieser Art Antworten geben, ohne dabei ein Lehrbuch zu sein. Es richtet sich an jeden Fußballinteressierten, den die Strategien von Trainern interessieren und der ein Spiel besser »lesen« können möchte. »Fußball-Taktik – Die Anatomie des modernen Spiels« muss nicht stur in vorgegebener Reihenfolge von vorne nach hinten gelesen werden. Je nach Interessenschwerpunkt des Lesers ist jedes Kapitel für sich verständlich. Gegliedert ist das Buch nach Mannschaftsteilen: beginnend beim Torwart, über Abwehr und Mittelfeld, bis hin zum Angriff – mit unterbrochenen »Spielpausen« zu gesonderten Schwerpunktthemenund einer Einführung in taktische Überlegungen zu Beginn.

Das moderne Spiel, dessen Beginn hier mit der Jahrtausendwende definiert ist, ist nicht nur immer athletischer geworden, sondern auch raffinierter, analytischer und ausgeglichener. Die Trainer überbieten sich gegenseitig in ihrem eigenen Wettkampf: dem Austüfteln des besten Matchplans. Ähnlich wie nach der für Deutschland deprimierenden Europameisterschaft 2000 das Nachwuchskonzept grundlegend reformiert wurde, ist auch die Ausbildung der Trainer auf ein neues Level angehoben worden. Anreize aus anderen Ligen wurden dankbar aufgenommen, sei es durch Hospitanzen der Trainer oder den Austausch in Ausbildungsfragen. In den letzten Jahren bereicherten international angesehene Coaches die Bundesliga, Könner ihres Fachs wie Pep Guardiola, Lucien Favre, Thomas Tuchel oder eben Jürgen Klopp. Jeder von ihnen hat dem deutschen Fußball während der letzten Jahre neue Impulse verliehen.

Auf den folgenden Seiten geht es nicht um einen historischen Abriss der Entwicklung von Fußball-Taktik; diese Arbeit haben andere Werke bereits in hervorragender Form geleistet. Vielmehr wird ein Blick geworfen auf den taktischen Status quo, der sich im stetigen Wandel befindet. Herausgekommen ist ein Gesprächsbuch, das seine Entstehung der Mitwirkung vieler bekannter Experten verdankt. So hat Frank Wormuth, früherer Leiter der Fußballlehrer-Ausbildung beim DFB, den Autoren mit leidenschaftlichem Vortrag an der Taktiktafel ein erweitertes Verständnis von Fußball vermittelt. Thomas Helmer gewährte Einblick in Trockenübungen à la Giovanni Trapattoni ohne Ball und Gegner, bei denen die Bayern zunächst selbst nicht wussten, wie ihnen geschah.

Der frühere Nationaltorwart Jens Lehmann berichtete von intensiven Erfahrungen sowohl aus seiner Profizeit in England als auch von seiner Trainerausbildung in Wales. Hockey-Bundestrainer Markus Weise, dem das Kunststück gelang, zwei Olympische Goldmedaillen mit dem Herren-sowie eine mit dem Damenteam zu gewinnen, lieferte einen wertvollen Ausblick über den Tellerrand des Fußballs hinaus. Arno Michels verriet anschaulich und detailliert, wie er zu seiner Mainzer Co-Trainerzeit zusammen mit Thomas Tuchel die übermächtigen Bayern zu »knacken« versuchte. Und Erik Meijer bewies, dass seine Leidenschaft für den Fußball nicht nur bei seinen Analysen im TV-Studio lodert. Um nur einige der Gesprächspartner zu nennen. Zum Teil wurden sie bewusst mit denselben Fragen konfrontiert, da sich aus ihren unterschiedlichen Antworten interessante Erkenntnisse gewinnen ließen – und die verdeutlichen: Die eine Wahrheit im Fußball gibt es nicht.

Sicher entscheiden neben der Taktik und dem gewählten Spielsystem auch Faktoren wie Tagesform, Technik- und Zweikampfstärke, Raffinesse, Kondition oder Mentalität über Sieg und Niederlage – und nicht zuletzt auch der pure Zufall, wie Sportwissenschaftler Professor Lames methodisch belegen kann. Doch gerade zwischen zwei ähnlich starken Teams kann die richtige Taktik den fehlenden Baustein zum Erfolg liefern. Wie wichtig ein ausgeklügelter Plan und seine konsequente Umsetzung sein können, zeigte der schon jetzt legendäre 7:1-Erfolg des DFB-Teams im Weltmeisterschafts-Halbfinale 2014 gegen Brasilien, als sich taktische Entschlossenheit gegen überschwängliches Pathos unerwartet deutlich durchsetzte.

Wie also funktioniert das »moderne Spiel«, wie »ticken« seine Trainer und Spieler? Der Leser ist eingeladen zu einer spannenden Entdeckungsreise ins moderne Fußball-Taktik-Land, ermöglicht durch offene und zuweilen auch überraschende Einblicke ihrer Protagonisten.

Die Autoren im Frühjahr 2020

Taktik-Lehrstunde beim Perfektionisten Frank Wormuth

Nun sitzen wir hier in seinem Büro, lauschen gebannt den Worten unseres heutigen Privatdozenten und saugen alle Neuigkeiten wie wissbegierige Schüler in uns auf. Vor uns die Taktiktafel, auf der Frank Wormuth die Magnetpunkte in Windeseile hin- und herschiebt. Fragezeichen im Gesicht erkennt er bereits im Ansatz. »Können Sie mir noch folgen?« »Nun, vielleicht könnten Sie uns das mit der gependelten Viererkette noch einmal kurz erklären …«

Sportschule Hennef, Hennes-Weisweiler-Akademie. Hier werden die angehenden Fußballlehrer ausgebildet, Wormuth war bis 2018 der Ausbildungsleiter. Wormuth spricht so temperamentvoll, als stünde er gerade am Spielfeldrand. Das Fenster ist trotz der Kühle weit geöffnet. Seine Dynamik braucht reichlich frische Luft. Keine Frage, dieser Mann hat Freude an seinem Beruf. Hätte er sich sonst über sechs Jahre die Doppelbelastung mit dem Zweitjob als Trainer der U20-Nationalmannschaft angetan? Wobei, »Belastung« ist das falsche Wort. »Herausforderung« würde Wormuth sagen. Von Vorträgen außerhalb der Trainerausbildung und Medienauftritten als Taktikexperte mal ganz abgesehen. Schon nach wenigen Minuten wissen wir, dass wir hier richtig sind. Dieser Mann kann uns den modernen Fußball näher bringen und in die Grundlagen der Taktik einführen. Er erzählt uns, was ihn an Bayer Leverkusen unter Trainer Roger Schmidt so faszinierte und wie es bei der WM 2014 zwischen Brasilien und Deutschland zu diesem historischen Spiel kommen konnte. Nur auf zwei Themen sollte man ihn besser nicht ansprechen. Doch dazu später.

Grundordnung: Sinn und Unsinn der Systemdebatte

Seit der Europameisterschaft 2008 in der Schweiz und Österreich analysiert der Deutsche Fußball-Bund jedes Großturnier und die dabei gewählten Spielsysteme auf sehr detaillierte Weise. Erstaunlich war der Wandel seit der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika bis zur WM 2014 in Brasilien: Die Vielfalt der Grundordnungen ist beinahe explodiert. »2010 wurde fast ausschließlich das 4-2-3-1 praktiziert, von nahezu allen Teams«, erinnert sich Wormuth. »Ganz anders war es vier Jahre später: Das 4-2-3-1 war zwar immer noch eine Art Standard, doch in Brasilien haben wir eine große Bandbreite der Systeme gesehen – ob Dreierkette, Viererkette oder die Raute, es war alles wieder vorhanden. Wobei es die Raute lediglich ein einziges Mal gab. Auch die zwischenzeitlich fast ausgestorbene Dreierkette, die defensiv zur Fünferkette wird, war wieder zu beobachten. Taktische Flexibilität war die allgegenwärtige Maxime der Weltmeisterschaft 2014.«

Gerade setzen wir an zu einer ausführlichen Frage, die zeigen soll, dass wir nicht gänzlich ahnungslos sind in taktischen Fragen, schwadronieren von Grundordnungen und Spielsystemen, als sich Wormuths eben noch heller Gesichtsausdruck leicht verdunkelt. Uns gegenüber sitzt ein Perfektionist, wie jeder Spielzug muss auch jedes Wort stimmen. Und wir haben uns soeben als begriffliche Laien verraten. »Meine Herren, an der Hennes-Weisweiler-Akademie behandeln wir die Begriffe Grundordnung und Spielsystem nicht synonym. Die Positionen ohne Bewegungen, also die starre Anfangsformation sowohl in der Offensive nach Ballgewinn als auch in der Defensive nach Ballverlust, das sind Grundordnungen. Doch dabei bleibt es ja nicht, die Spieler bewegen sich – so ist zumindest zu hoffen …« Ein Lächeln in Wormuths Gesicht sorgt wieder für entspannte Gesichtszüge. »Und sobald sich die Spieler bewegen, …« – Wormuth zeichnet Pfeile an die Tafel, die Laufrichtungen symbolisieren – »… verlassen sie die starre Ordnung und befolgen ein Spielsystem. Teams mit gleichen Grundordnungen können unterschiedliche Systeme spielen, weil sie die einzelnen Spielpositionen unterschiedlich interpretieren.« Erst das Spielsystem macht die Grundordnung also lebendig, indem es den Spielern konkrete Aufgaben zuordnet? Ein zufriedenes Nicken. Für den Moment sind wir aus dem Schneider.

Die ständige Zahlenspielerei und öffentliche Systemdiskussion hält der Chefausbilder allerdings für übertrieben. Seinen Auszubildenden veranschaulichte er einst, weshalb: »Während einer Videoanalyse habe ich sie mal gebeten, die Augen zu schließen. Dann habe ich die Aufnahme gestoppt und gesagt: ›Jetzt öffnet die Augen wieder und schaut, was dort für ein System gespielt wird.‹ Ihre einstimmige Antwort: 4-2-3-1. Keine zehn Sekunden später habe ich wieder gestoppt. Jetzt war die Antwort: 4-1-4-1. Das wechselt ständig hin und her. Allein diese beiden Systeme vermischen sich während eines Spiels binnen Sekunden.«

Nicht alle Übergänge sind so fließend, zwischen Dreier- und Vierkette lassen sich klare Unterschiede ausmachen. Die Dreierkette ergibt immer dann Sinn, wenn, was inzwischen nur noch selten vorkommt (dazu mehr im Schlusskapitel und den Erläuterungen von Erik Meijer), der Gegner mit zwei Spitzen agiert – vor 25 Jahren noch war dies die bevorzugte Angriffsformation. Nützlich bei der Dreierkette ist, dass sich Überzahl nicht nur defensiv schaffen lässt, sondern auch bei der Spieleröffnung. Eine Sonderform ist die dynamische Dreierkette. Sie meint das »Fallenlassen« des Sechsers, des zentral-defensiven Mittelfeldspielers, zwischen die beiden Innenverteidiger einer Viererkette – und zwar optimal in der Form, dass die beiden Innenverteidiger auf einer Höhe mit den beiden Angreifern agieren und mit dem Sechser ein Dreieck bilden. Ein Pass vom Sechser auf einen der beiden Innenverteidiger würde dann die erste Abwehrreihe* sofort überspielen. Die beiden Außenverteidiger sollten an den Linien hoch stehen und für potentielle Überzahl im Mittelfeld sorgen.

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Abb. 1: Dynamische Dreierkette: Der defensive Mittelfeldspieler lässt sich zwischen die beiden Innenverteidiger fallen.

Die Dreierkette verändert auch etwas in der Ausrichtung nach vorne und zieht bei einem 3-5-2 ein System mit zwei Spitzen nach sich. Wenn auch seltener praktiziert, wird es mit drei Angreifern zu einem 3-4-3, wobei hier die Abgrenzung bereits wieder schwammiger wird. Denn das 3-4-3 wird zur »gependelten Viererkette«, wenn sich einer der Mittelfeldspieler nach hinten fallen lässt. »Verstehen Sie jetzt, warum ich sage, dass man sich nicht zu sehr auf eine bestimmte Ordnung oder auf ein bestimmtes System versteifen sollte?« Wir nicken. Fließende Übergänge eben.

Bevor der falsche Eindruck entsteht, jegliche Systemdiskussion sei beliebig, folgt schnell etwas Handfestes, Eindeutiges. Das Rautenspiel im 4-4-2. Vier Mann im Mittelfeld, je einer auf den Seiten, einer hinter den Spitzen und einer vor der Abwehr (im Gegensatz zum 4-4-2 als »flacher Vier«, in dem der offensive Mittelfeldspieler neben den anderen defensiven als zweiter Sechser zurückgezogen wird). Bei der WM 2010 agierte Argentinien unter Trainer Diego Armando Maradona im Viertelfinale gegen Deutschland mit einer Raute. Herausragend war damals Ángel Di Maria als Linksaußen, der sich nicht zu schade war, in der Defensive mitzuarbeiten. Doch warum gingen die Südamerikaner mit 0:4 gegen das DFB-Team unter? Als sie chancenlos waren und bei Weitem noch nicht der ebenbürtige Gegner wie im WM-Finale vier Jahre später. »Die Deutschen haben damals hervorragend gekontert, was ihnen auch dadurch ermöglicht wurde, dass die Argentinier so breit standen, weshalb es fast schon keine Raute mehr war«, erinnert sich Wormuth. »Von der Grundformation war es eine Raute, in der allerdings die Abstände zwischen den Spielern zu groß waren und somit den schnellen Deutschen zu viele Löcher zum Durchstoßen bot.«

Unter Trainer Thomas Schaaf setzte der SV Werder Bremen jahrelang erfolgreich auf die Raute. Zwar war Werder immer mehr für Offensivspektakel denn für Abwehrkunst bekannt, doch die Mittelfeldspieler standen meist eng zusammen, sodass dem Gegner ein Durchkommen zumindest durch die Mitte erschwert wurde. Die Taktik ging so weit, dass Werder den Gegner nach innen lockte, weil eben dort die Überzahl vorhanden und eine Balleroberung sehr wahrscheinlich war. Notwendigerweise erlahmte auf diese Weise das Bremer Spiel über die Außenbahnen, denn das Eine bedingt das Andere.

Maßgeblich bei der Suche nach dem richtigen System sind zwei Punkte: Raum und Überzahl. Die Gedanken des Trainers gehen in Richtungen wie: Wo ist der freie Raum zu finden, den ich besetzen muss, offensiv wie defensiv, und den ich bespielen kann? Wie gelingt es mir, Überzahl zu schaffen? Spielt mein Team im 3-5-2, verfüge ich auf der Außenbahn jeweils über einen Spieler, der Gegner im 4-4-2 besitzt dort zwei Spieler. Wenn ich defensiv gut verschiebe, entsteht kein Problem. Falls doch, muss mir klar sein, dass der Gegner auf den Außenpositionen Überzahl besitzt. Wormuth: »Sie können aufhören, nach dem einen, dem idealen System zu suchen. Jedes von ihnen kann in einem bestimmten Spiel, in einer bestimmten Situation, Sinn ergeben. Ich muss mir allerdings über die jeweiligen Vor- und Nachteile im Klaren sein, auch unter Berücksichtigung des gegnerischen Spielsystems.«

Hat sich der Trainer für ein System entschieden, so zieht dies weitere Überlegungen nach sich. Wird mit zwei Spitzen ohne Zehner agiert, also im 4-4-2 mit Linie statt Raute, dann befindet sich im Rücken der Stürmer immer ein Loch, in das der gegnerische Sechser hereinkommen, den Ball annehmen und sich drehen kann. Um das zu verhindern, hilft der Einsatz von abkippenden Stürmern. »Abkippend« deshalb, weil sie sich bei gegnerischem Ballbesitz ins Mittelfeld zurückfallen lassen und so die systembedingte Lücke schließen. Der Nachteil: Abkippende Stürmer haben mit fortschreitender Spieldauer nicht mehr ausreichend Kraft, um sich auch noch wirkungsvoll nach vorne zu entfalten. »Deshalb muss man sich entscheiden, worauf der Fokus liegt«, rät Wormuth. »Ganz eng zu stehen, darin könnte ein Ansatz liegen. Aber die Abstände und Lücken werden umso größer, wenn die Mannschaft im Laufe des Spiels konditionell abbaut und die notwendigen Laufwege nicht mehr macht. Dann muss ich als Trainer erkennen: ›Wir bekommen im Mittelfeld keinen Zugriff mehr, der Gegner kann den Ball unbedrängt annehmen.‹ Spätestens dann muss es bei mir klingeln: ›Achtung, der Gegner spielt mit einer Sechs und wir ohne Zehn, diese Position könnte irgendwann für ihn Vorteile haben.‹ Allerdings passiert das recht selten, weil die konditionellen Voraussetzungen der Profimannschaften durchweg klasse sind. Aber wenn es doch so ist, muss mir klar sein, dass dort die Ursache des Problems liegt.«

Wichtiger noch als die defensive Grundordnung ist das ballorientierte Verschieben, durch das die Mannschaft eine kompakte Einheit bildet, die defensiv die Räume für den Gegner verdichtet. Dem ballorientierten Verschieben ist die gewählte Grundordnung gänzlich egal, müssen sich doch ohnehin alle Feldspieler daran beteiligen – so zumindest verlangte es Trainer Wormuth von seiner U20. Zum Verschieben erfahren wir noch reichlich beim »Großen Ganzen«.

Das große Ganze

Spieleröffnung und Spielgestaltung

Die Spielgestaltungszentrale wandert nach hinten. In den 1970er und 1980er Jahren, zu Zeiten eines Diego Maradona, Michel Platini, Wolfgang Overath oder Johan Cruyff, war es der geniale, oft charismatische Zehner, ein Einzelkünstler, der den Ball verteilte, der seinem Team Esprit verlieh. Eine Quelle schier unbegrenzten Einfallsreichtums. Doch der klassische Zehner gehört zu einer aussterbenden Spezies. Böse Jäger in Form von Innenverteidigern, Sechsern und anderen Defensivstrategen haben den Spielertypus zunehmend unter Druck gesetzt, ihm durch teils mehrfache Manndeckung die Lust am Spielen genommen, bis er entnervt als zweite Spitze eingesetzt wurde und seiner Stärken beraubt war.

Somit übernahmen die zwei oder der eine Sechser selbst die Aufgabe des Zehners (welch Ironie – oder ein bewusster Putsch zur eigenen Machtübernahme?) und gestalten seither das Spiel, so wie einst Bastian Schweinsteiger oder Xabi Alonso beim FC Bayern. Bei Borussia Dortmund wird bereits Innenverteidiger Mats Hummels eine gestalterische Aufgabe zuteil – wobei Wormuth die Entwicklung noch längst nicht als abgeschlossen ansieht: »Hummels spielt die Eröffnung von hinten heraus. Ich sehe es noch einen Schritt weiter, dass sich der Innenverteidiger den Ball nimmt, ins Mittelfeld reingeht und dann dort kombiniert, während ein Sechser in die Innenverteidigung zurückgeht. So entsteht ein Wechselspiel, bei dem immer wieder ein Verteidiger von hinten vBei der Spielerorrückt und ein zentral-defensiver Mittelfeldspieler sich zur Absicherung fallen lässt.« Geht die Entwicklung so weiter, werden die zentralen Abwehrspieler in naher Zukunft die ersten Spielgestalter sein.

Bei der Spieleröffnung wird oft von »unzähligen Möglichkeiten« gesprochen, in der medialen Berichterstattung, aber auch von dem einen oder anderen Coach. »Nur die Trainer, die hier in der Ausbildung sind, dürfen das nicht mehr sagen«, sagt Wormuth. Denn in der Spieleröffnung eines Innenverteidigers bestehen laut Wormuth genau vierzehn Möglichkeiten, mehr seien zumindest nicht bekannt. Diesen möglichen Varianten werden Namen zugeteilt wie zum Beispiel: »Zwei Drittel«, »Bayern«, »Schweini-Position«, »Schneck« oder »Diametrale Doppelsechs«. »Das ist schon eine ganze Menge. Das können schon mal zu viele Möglichkeiten sein, sodass der Spieler den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Für eine erfolgreiche Umsetzung benötigt er auf jeden Fall Mitspieler, die mitarbeiten, sich freilaufen und anbieten.«

Ideen zur Spieleröffnung sammelte der Fußballlehrer vor allem während der EURO 2012 in Polen und der Ukraine, »wo ich es grandios fand, wie die Außenbahnspieler dort plötzlich nach innen gegangen sind«. Wormuth wollte sich jedoch nicht nur begeistern lassen, sondern die Ideen auch festhalten, planen und bei der U20 umsetzen. Er ermittelte, wie viele Möglichkeiten zur Spieleröffnung bestehen und kam auf ebenjene vierzehn. Seine DFB-Junioren schauten zunächst sparsam, als Wormuth begann, Übungen zur Spieleröffnung mit ins Training einfließen zu lassen: »Spielen wir denn jetzt Schach?« Wormuth nickte und lächelte zufrieden, als seine Spieler bemerkten, wie sie plötzlich mit einfachen Passfolgen von hinten heraus durch das Mittelfeld nach vorne kamen.

Passqualität

Ein wesentlicher Punkt im Angriffsverhalten ist die Passqualität, ebenso wie »Spielen und Gehen« oder »Freilaufen und Anbieten«. Elemente, die schon in der frühen Jugend vermittelt werden. Doch Perfektionist Wormuth sieht bei Passqualität und Ballkontrolle noch Steigerungspotenzial. Nach dem Motto: Was nützt ein schneller, scharf gespielter Pass, wenn dem Annehmenden der Ball verspringt?

Kurz vor unserem Gespräch hatten die angehenden Fußballlehrer gerade den neunten Spieltag der ersten Bundesliga analysiert und etwa 200 Video-Schnitte gemacht. Über 50 von ihnen enthielten eindeutige »unforced errors«, wie sie im Tennis genannt werden, also unerzwungene Fehler, Fehler ohne Druck. Bei größerer Auslegung konnten noch 50 weitere hinzugezählt werden. »Wir entdeckten Pässe, die in den Rücken gespielt wurden, obwohl die Passwege völlig frei waren, bei denen noch nicht einmal die Bodenverhältnisse schuld waren. Ballkontrollfehler, die trotz Ballsicherheit der Bundesligaspieler zu unnötigen Ballverlusten führten, und eigene gute Torgelegenheiten im Keim erstickten. Das sollte eigentlich nicht passieren. Natürlich sind wir alle Menschen und es passiert, doch unsere Aufgabe als Trainer ist es, auf diese Fehler hinzuweisen. Immer wieder das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass ein einziger Fehlpass bereits zum Gegentor führen kann oder eine Chance vernichtet.«

Oder ein anderer klassischer Fall: Eine Mannschaft fährt einen Konter, der Stürmer läuft frei auf den Torwart zu, plötzlich kommt noch ein Verteidiger angesprintet, der Stürmer braucht nur noch nach rechts zu seinem Teamkollegen herüber zu spielen, er spielt zwar, doch er spielt zu weit, bis zur Eckfahne. Die Chance ist vertan. Und wie viele Chancen werden bereits im Ansatz, durch einen Pass im Mittelfeld, der nicht ankommt, zunichte gemacht. Oder durch eine Ballannahme, die nach hinten und nicht nach vorne mitgenommen wird. »Das bemerkt vielleicht kaum jemand von draußen, aber wir Trainer sehen es. Wenn der Spieler den Ball nach vorne mitnimmt, ›dreh auf‹ als Signalwort, dann wäre er vielleicht schon in einer glänzenden Situation gewesen, um eine Torchance zu kreieren. Doch da er den Ball nach hinten mitnimmt, ist die Gelegenheit dahin. Und an solchen Spielszenen arbeiten wir, Tag und Nacht. Die beste Taktik hilft nicht, wenn Passqualität und Ballkontrolle nicht stimmen. Sauberes Passen und die entsprechende Ballkontrolle sind ganz wesentliche Grundlagen im Fußball«, betont Wormuth. Die Anforderung: Ein guter Pass kommt präzise und schnell, lässt dem Gegner somit wenig Zeit zum Reagieren.

Auch bei der U20 setzte Wormuth auf eine offensive Ballmitnahme seiner Spieler. »Doch bei Widerständen wie unter Stress oder Druck fallen sie oft in alte Muster zurück, die sie in früherer Jugend gelernt haben. Da vom DFB auch die Trainer der Nachwuchsleistungszentren ausgebildet werden, bin ich aber zuversichtlich, dass sich neue Automatismen entwickeln werden.«

Die Passqualität auf höchstem Niveau ist inzwischen so groß geworden, dass es bereits auffällt, wenn ein Spieler mal nur 80 Prozent seines Leistungsvermögens abruft. Die Bayern unter Pep Guardiola waren Meister der Ballzirkulation. Wie sie mit der Kugel umgingen, sie auf engstem Raum behaupteten, ständig in Bewegung waren, um sich anzubieten, hat Maßstäbe gesetzt. »Es ist ja nicht nur das Ball annehmen und mitnehmen, sondern auch die Kombination aus: Wo steht mein Mitspieler, wie läuft er sich frei und wie verhält sich der Gegenspieler? Oft fragt man sich als Zuschauer, was mit der Abwehr los ist, weil der Angreifer so frei steht. Aber der hat sich gerade mit einem kurzen Antritt geschickt freigelaufen. Deshalb rede ich gerne vom elementaren Angriffsverhalten und zu dem gehört die Bewegung unbedingt dazu – denn es heißt ja nicht ›spielen und stehen‹.«

Je mehr Fußballer zusammenkommen, die ein hohes technisches Niveau haben, desto besser wird auch die Mannschaft insgesamt. Das ist keine überraschende Erkenntnis, ist aber ein Aspekt für die Dominanz der spanischen Nationalmannschaft sowie von Bayern München während der vergangenen Jahre. Die iberischen Ballvirtuosen haben ihre enormen Fertigkeiten durch ständig wiederholte Übungen auf sehr kleinem Feld erlangt: »Fünf gegen Zwei« oder »Fünf gegen Drei«, bei denen der Ball ständig in Bewegung ist. Diese »rondos«, bei denen derjenige in die Mitte muss, der den Ball verliert, werden in Spanien schon seit der frühesten Jugend gespielt – permanent auf engstem Raum, immer nur mit einem oder zwei Kontakten. Eine intensive Schulung technischer Fertigkeiten, die sich mit der Zeit auszahlt.

Wormuth berichtet von einem Gespräch mit seinem Trainerkollegen Christian Wück, damals zuständig für die deutsche U17-Juniorenauswahl: »Er erzählte von einem Spiel gegen Spaniens Junioren und meinte, es sei ein Klassenunterschied gewesen. Seine Mannschaft habe zwar mit bekannter deutscher Mentalität gespielt, mit Einsatz und Wille, aber bei den Spaniern sei jede Position auch technisch hervorragend besetzt gewesen. ›Sensationell‹ sei das gewesen, sagte Wück, ›wie die Fußball spielen konnten – und zwar alle auf gleichem Niveau.‹ Aber bei uns kommt das jetzt auch immer mehr, denn die Technik wird in der Ausbildung immer wichtiger.«

Noch dominiert in der deutschen Ausbildung die niederländische Schule, die auf Passformen unter sowohl taktischen als auch nichttaktischen Gesichtspunkten abstellt, vorzugsweise zur Spieleröffnung. »Doch stelle ich bei diesen Passübungen nur einen Gegner hinzu, gibt es schon Schwierigkeiten. Und das ist eine Frage der Ballfertigkeit«, gibt Wormuth zu bedenken. Manch ein Trainer fühlt sich ob dieser Anregungen auf den Schlips getreten, doch Wormuth geht es nicht darum, zu kritisieren, sondern zu analysieren und optimieren: »Natürlich jammern wir auf hohem Niveau. Wir reden hier von den letzten zehn Prozent. Doch gut zu sein, heißt ja nicht, dass wir aufhören müssen, uns weiter zu verbessern.«

Das Erfolgsrezept der Spanier, direktes Spielen auf kleinem Feld, setzte der DFB bereits nach dem deutschen Debakel bei der EM 2000 um – noch lange bevor Xavi, Iniesta und Co. die Fußballwelt mit ihrem Ballzauber berauschten. Seit damals wurden verschiedene Maßnahmen zur Förderung des Fußballnachwuchses ergriffen. Eine davon war, deutschlandweit mehr als tausend Minispielfelder zu errichten, kleine und wetterunabhängig bespielbare Kunstrasenplätze. Um die Freude am Fußball zu wecken, aber auch, um auf kleinem Feld an der Technik zu feilen. Kinder und Jugendliche, die regelmäßig auf diesen Plätzen spielen, entwickeln ihr Können am Ball.

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Nicht nur die Bayern können mit der Kugel umgehen, viele ihrer Bundesligakonkurrenten ebenfalls. Zu selten aber gelingt es, die Passqualität in ähnlicher Form und konstant auf den Platz zu bringen – obwohl die Spieler im Training erstaunliche Ballkünste offenbaren. Wormuths Ansatz: »Dann muss ich am Selbstvertrauen arbeiten und zum Spieler sagen: ›Mach’ dir keine Gedanken, du darfst auch im Spiel Fehler machen, denn die gehören dazu.‹ Vielleicht liegt es auch an der Passqualität, dass die Pässe nicht so scharf sind wie die der Bayern. Oder die Bayern spielen den Mitspieler auf dem Fuß an, der vom Gegner entfernt ist. Allein das reicht bereits aus, um mehr Zeit zu haben. Und bei einer anderen Mannschaft wird der Ball einfach bloß hingespielt. Oder vielleicht werden die Bayern auch nicht so unter Druck gesetzt, weil der Respekt sehr hoch ist.«

Wie wichtig die Passgenauigkeit ist, beweist auch eine Anekdote, von der Wormuth berichtet: »Ich habe einen Bekannten, der mit Xavi vom FC Barcelona mal aus Spaß an der Freude Fußball gespielt hat. Vier gegen Vier. Das Erste, was Xavi ihn fragte, war: ›Welcher ist dein starker Fuß?‹ Er antwortete: ›Ich bin Linksfuß.‹ Daraufhin hat er ihn nur auf dem linken Fuß angespielt, die ganze Spieldauer über immer nur auf dem linken Fuß. Diese Präzision zu besitzen, ist eine sehr hohe Qualität. Das sind die letzten Prozentpunkte, die den Unterschied zwischen guten und sehr guten Spielern ausmachen. Einem Amateurspieler, der gerade anfängt, würde ich natürlich nicht raten, ›spiel’ deinen Mitspieler immer auf dem Fuß an, der gerade gegnerentfernt ist‹. Aber im Spitzenfußball ist das eine mögliche Steigerung.«

Uli Stielike ließ als Co-Trainer der Nationalmannschaft die Spieler mit dem Ball am Fuß jonglieren. Das war Ende der 1990er-Jahre, in einer Phase, in der der deutsche Fußball nicht gerade als Nabel der Welt galt. Die Spieler reagierten naserümpfend bis lustlos. Darüber kann Wormuth sich noch heute echauffieren: »Aber Entschuldigung, das ist die Basis! Wenn ich mit dem Ball jonglieren kann, mit ihm umgehen kann, dann ist das eine der wesentlichsten Fähigkeiten in unserem Sport. Und wenn ich im hohen Tempo den Ball annehme, dann bekomme ich ein Gefühl für ihn, weil ich sein Verhalten kennenlerne. Ich bin aber überzeugt, dass der weit überwiegende Teil der Spieler lernen will. Sicher wird es immer einige geben, die lamentieren, ›warum machen wir das?‹. Aber die bilden die Ausnahme. Fußball ist eben auch eine Sache des permanenten Übens.«

Taktische Flexibilität

Bis vor etwa fünfzehn, zwanzig Jahren orientierten sich Trainer bei der taktischen Ausrichtung ihrer Spieler fast nur an der eigenen Mannschaft. Überspitzt gesagt, interessierte der Gegner zunächst einmal nicht. Inzwischen ist eine Entwicklung zu beobachten, die dazu führt, dass Trainer ihre Vorgaben nicht nur vor einer Partie nach den Stärken und Schwächen des Gegners ausrichten, sondern auch während des Spiels ihre Formation verändern, wenn sie auf Umstellungen ihres Gegenübers reagieren. Thomas Tuchel machte bei Mainz 05 aus einer Mittelfeldlinie plötzlich eine Raute, weil er merkte, dass die Mitte geschlossen werden muss, da der Gegner dort eine Lücke gefunden hatte. Dies wiederum provozierte eine Gegenantwort, denn auch sein Trainer-Pendant musste nun reagieren, sofern er seine Mannschaft taktisch flexibel geschult hatte. Denn durch die gegnerische Umstellung auf eine Raute wurden nun die Außenbahnen freier. Es empfahl sich also, den Angriffsschwerpunkt von der Mitte nach Außen zu verschieben. Das müssen Trainer und das können auch erfahrene Spieler erkennen. Das ist der Anspruch. Es darf also nicht zu Verwunderung führen, wenn das Spiel durch die Mitte nach einer Rautenumstellung des Gegners nicht mehr funktioniert. Eine mögliche Antwort liegt darin, die eigene Mannschaft breiter zu stellen und in 4-4-2-Linien spielen zu lassen.

Die Linien. Oder aus Sicht des Gegners gesprochen, um dort Lücken zu finden: Das Spiel zwischen den Linien. Ein Thema für sich. Bei einer Linie ordnet ein Trainer seine Verteidiger wie in einer Kette an. Der Kerngedanke dieser defensiven Anordnung ist, einen Raum bestmöglich abzudecken und die Laufarbeit der Spieler zu verringern. Wird in Abwehr und Mittelfeld jeweils mit Viererkette gespielt, in einer 4-4-2-Linie, liegt es in der Natur dieser Linien, dass zwischen ihnen Freiräume entstehen, in die der Gegner hineinzustoßen versucht. Schnittstellen lassen sich nie ganz vermeiden, gerade durch ruckartige Bewegungen des Stürmers, denen ein Verteidiger folgen muss. So öffnet sich kurzfristig eine Schnittstelle und dort ist das berühmte Fenster zu finden, in das sich der vielzitierte öffnende Pass hineinspielen lässt. Diese Schnittstelle ist grundsätzlich zwar auch dann zu finden, wenn sich die Verteidiger alle gleichzeitig bewegen und nicht ein einzelner ausschert. Borussia Mönchengladbach gelang dies in der Bundesliga-Hinrunde 2014/15 hervorragend. Aber es fällt dann deutlich schwerer, dort hineinzuspielen, als wenn sich das Fenster kurz öffnet und dieser Moment genutzt wird.

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Abb. 2: 4-4-2-Raute mit geschlossener Mitte

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Abb. 3: 4-4-2-Linie mit Stärkung der Außen

Wormuth ist ganz in seinem Element, gestikuliert, verschiebt die Magnetpunkte an der Tafel, unsere Köpfe rauchen. »Ist doch ganz einfach, oder?« Wir nicken halbherzig. Doch Wormuth ist geduldig, muss er wohl auch sein in diesem Job, erklärt noch mal anders, wenn er merkt, dass der Stoff noch nicht sitzt. Und er wird noch sitzen, daran lässt er keinen Zweifel. »Solche taktischen Spielereien passieren heute öfter. Pep Guardiola ist dafür prädestiniert. Er verändert die Formation seiner Mannschaft während des Spiels binnen kürzester Zeit, immer wieder. Auf diese Weise war der FC Bayern kaum auszurechnen. Guardiola brauchte zwar eine Weile, den Spielern diese vollkommene Flexibilität, bei der sie ständig neue Positionen einnehmen, klarzumachen, aber letztlich funktionierte es. Von außen nimmt man die Veränderungen nicht immer wahr, denn manchmal sind sie nur sehr klein – können aber entscheidend sein, wenn durch die Umstellung von Dreier- auf Viererkette plötzlich in der Spieleröffnung ein Mann mehr als Anspielstation im Mittelfeld zur Verfügung steht und die Mannschaft besser in ihren Spielfluss kommt. Denn wenn beide Außenverteidiger hoch stehen, hat die Dreierkette sieben Spieler vor sich und die Viererkette acht.«

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Pep Guardiola erwartet nicht nur von sich das Maximum, er verlangt auch seinen Spielern alles ab. Das Fachmagazin kicker stellte nach 21 Bayern-Pflichtspielen der Saison 2014/15, in denen Guardiola elf verschiedene Systeme spielen ließ, die Frage: »Wirrwarr oder Wunderwerk?« Es ist müßig zu diskutieren, ob der FC Bayern weniger erfolgreich gewesen wäre, hätte er nahezu konstant auf ein System gesetzt – wie zum Beispiel dem 4-2-3-1 unter Louis van Gaal oder später auch unter Jupp Heynckes. Immerhin eine Variante, mit der Heynckes die Bayern 2013 zum historischen Triple aus Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League führte. Guardiola will Nachhaltigkeit, kontinuierlichen Erfolg. Und dafür darf seine Mannschaft nicht ausrechenbar, nicht greifbar sein. Doch jedes System wird mit der Zeit entschlüsselt. Da ist es in der Tat nützlich, variabel zu sein, nach Belieben auf verschiedene Konzepte zurückgreifen zu können. Und genau daran arbeitete Guardiola auch in München tagtäglich. Vorbei waren die Zeiten, als der Gegner »nur« Franck Ribéry und Arjen Robben aus dem Spiel nehmen musste und der FC Bayern entzaubert war. Guardiola wusste sicher einen Plan B. Oder C. Oder D. Oder …

Wormuth verneint, dass taktische Flexibilität nur auf allerhöchstem Niveau erreichbar ist. »Sie müssen nur die Möglichkeit haben, sie mit ihrer Mannschaft konsequent zu erarbeiten. Ich habe das schon vor 25 Jahren in der Verbandsliga von meiner Mannschaft praktizieren lassen und gesagt: Wir brauchen ein Grundsystem, ein Grundverhalten, und davon gibt es eine offensive und eine defensive Version, je nach Spielstand. Wenn wir führen und der Gegner Druck macht, wir also tiefer stehen, spielen wir einen sogenannten ›Tannenbaum‹ in der Grundordnung 4-3-2-1 (Anmerkung: läuft nach oben hin immer spitzer zu, daher der Name, vgl. Abb. 4), dann haben wir die Mitte zu und der Gegner muss über außen kommen, was für ihn schwieriger wird. Wenn wir hingegen in den letzten zehn Minuten ein Tor erzielen müssen, dann spielen wir »Harakiri«, mit drei Spitzen im Zentrum und zwei dahinter. Dann bilden wir im defensiven Mittelfeld keine Doppel-Sechs, sondern spielen mit einer Sechs und zwei Zehnern, damit bei den ›zweiten Bällen‹ die zwei Zehner die Kugel aufnehmen können. Das sind alles Spitzfindigkeiten, die aber wichtig werden können.«

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Abb. 4: Tannenbaum-System

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Abb. 5: »Harakiri-System«, um die Chance auf den zweiten Ball zu erhöhen

Die Spitzfindigkeiten werden einstudiert und den Spielern immer wieder bewusst gemacht. Damit eine Umstellung während der Hektik des Spiels reibungslos klappt, sucht sich der Trainer drei, vier Spieler als Adressaten seiner Anweisungen aus, die zentral agieren und die die taktische Flexibilität verinnerlicht haben. Eine Umstellung wird von der Bank mit Signalworten eingeleitet. Ralf Rangnick, unter anderem Trainer beim SSV Ulm, VfB Stuttgart, Hannover 96, Schalke 04 und 1899 Hoffenheim, gab mit den Fingern Zeichen wie »Du spielst die Sechs«. Wormuth macht anschaulich deutlich, warum es wichtig ist, leicht verständliche Anweisungen zu erarbeiten: »Andernfalls müssten Sie einem eingewechselten Spieler sagen: ›Pass auf, du spielst jetzt auf der linken Seite, nicht ganz weit draußen, nein, komm’ ein bisschen mehr nach innen, stopp, ja, so könnte es gehen …‹ Das geht eben nicht. Vielmehr müssen Sie ihm sagen können, ›Du spielst die Elf‹ und er weiß sofort, wo genau auf dem Platz die Position Elf wie zu spielen hat. Das müssen Sie im Training üben und es sollten auch alle Spieler mal auf der Elf gespielt haben. Und diese Zeit zum Üben steht innerhalb einer Trainingswoche auch genügend zur Verfügung.« Ein geradezu fließender Übergang zu einem weiteren Thema, das Wormuth sehr am Herzen liegt:

»Manchmal höre ich bei taktischen Übungen ein Aufstöhnen: ›Och, wir haben doch Englische Woche, muss das jetzt sein?‹ Ja, muss es. Ich kann doch Montag und Dienstag zweimal trainieren, dann habe ich bereits vier Einheiten absolviert. Dann kann ich auf dem Platz noch Gehübungen für ein besseres taktisches Verständnis machen, oder an der Taktiktafel arbeiten, Videoszenen zeigen. Ich kann mit den Spielern doch acht Stunden am Tag arbeiten! Da besteht auch keine Gefahr, dass Spieler übertrainiert werden. Die Profiklubs arbeiten mit professionellen Fitnesscoaches, die berücksichtigen, dass der eine etwas mehr und ein anderer etwas weniger Belastung benötigt. Das ist alles eine Frage der Steuerung. Diese Scheu vor dem Acht-Stunden-Tag finde ich kurios.« So wird es Wormuth nachträglich mit Genugtuung erfüllt haben, als die abstiegsgefährdeten Klubs Hamburger ...

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