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Funkelnd wie ein Diamant

Teresa Hill

Funkelnd wie ein Diamant

1. KAPITEL

Paige McCord lag ausgestreckt auf einem Hügel etwa eine Meile von Travis Foleys Ranch in Texas entfernt und spähte durch ihren starken Feldstecher. Es war der dritte Tag ihrer kleinen Erkundungsmission. Anfang November war es für die Jahreszeit warm, aber nicht zu heiß für eine solche Aktion. Das Herbstlaub entfaltete seine ganze Farbenpracht, aber Paige war nicht hier, um die Landschaft oder das Wetter zu genießen.

Auch wenn es einen bestimmten Anblick gab, von dem sie zugeben musste, dass er ihr gefiel.

Da kam er wieder.

Paige sah auf die Uhr. Fast halb vier.

„Du bist heute einen Tick zu spät, was?“, fragte sie leise und stellte das Fernglas schärfer, als der Mann den Trampelpfad zum Eingang der alten Mine hinaufging.

Paige war sechsundzwanzig und in Texas geboren und aufgewachsen. Sie war kein junges Mädchen mehr, das sich von einem Cowboy den Kopf verdrehen ließ, nur weil er sein ganzes Leben im Freien verbrachte und harte körperliche Arbeit verrichtete. Was ihm zugegebenermaßen kräftige Muskeln und eine sonnengebräunte Haut verlieh.

Hinzu kam die typische Art, sich zu bewegen, dieser wiegende Gang, noch dazu in abgetragenen, verwaschenen Jeans, die seine athletische Gestalt betonten.

Komplettiert wurde der lässige Look durch teure Stiefel, an denen die jahrelange harte Arbeit sichtbare Spuren hinterlassen hatte, einen breitkrempigen Hut, der nicht aus modischen Gründen getragen wurde, und Bartstoppeln, die zeigten, dass er schon im Morgengrauen aufgestanden war und seine Tage lang waren.

Er war ein Bild von einem Mann, aber Paige sah all das nicht zum ersten Mal. Außerdem hatte sie Wichtigeres zu tun, als einen attraktiven Mann zu bewundern.

In ihrem Leben schien sich alles viel zu schnell zu ändern, und der unerwartete Umbruch drohte sie aus der Bahn zu werfen.

Paiges ältere Brüder hatten sich gerade verlobt, und sie hoffte, dass die beiden wussten, was sie taten. Tate, ihr zweitältester Bruder, war nach zwei Einsätzen als Militärarzt in Nahen Osten nach Hause zurückgekehrt. Er hatte sich verändert und war nicht mehr derselbe Mann wie früher. Sie hatte sich eine Weile große Sorgen um ihn gemacht. Dann hatte er sich auch noch von seiner Verlobten Katie getrennt und sich kurz darauf mit Tanya verlobt, der Tochter der langjährigen Haushälterin der McCords. Paige mochte Tanya. Wirklich. Sie war nur immer davon ausgegangen, dass Tate irgendwann Katie heiraten würde. An die neue Situation konnte sie sich noch nicht recht gewöhnen.

Wenig später hatte ihr ältester Bruder Blake auf einmal Interesse an Katie gezeigt, und diese hatte gerade seinen Heiratsantrag angenommen!

Paige konnte noch immer nicht fassen, wie schnell das alles gegangen war. Sie hoffte nur, dass die beiden Brüder sich nicht entzweiten, denn ihre Familie hatte auch so schon genug Probleme.

Ihre Cousine Gabby, weltbekanntes Supermodel, verwandt mit dem italienischen Königshaus und Aushängeschild des Juwelenimperiums McCord Jewelers, hatte sich nicht mit einer Verlobung begnügt, sondern war mit ihrem Bodyguard durchgebrannt und hatte ihn gleich geheiratet!

Paige wurde fast schwindlig, wenn sie daran dachte.

Und als wäre das alles noch nicht genug, hatte Paiges Zwillingsschwester Penny plötzlich Geheimnisse vor ihr, nachdem sie beide immer unzertrennlich gewesen waren. Als Paige das letzte Mal mit Gabby gesprochen hatte, hatte ihre Cousine ihr alle möglichen Fragen über Penny gestellt, und sie hatte keine einzige beantworten können. Gabby war sicher, dass irgendetwas nicht stimmte.

Paige erkannte ihre Familie kaum wieder.

Selbst ihre Mutter war über Nacht ein anderer Mensch geworden.

Genau wie ihr jüngster Bruder.

Und ihr Vater, der vor fünf Jahren gestorben war.

Paige stand noch immer unter Schock. Erst in diesem Sommer hatte Eleanor McCord ihren Kindern gebeichtet, dass sie vor langer Zeit eine Affäre mit Rex Foley gehabt hatte – mit dem Patriarchen einer Familie, die seit dem Bürgerkrieg mit den McCords verfeindet war. Und nicht nur das, sie hatte Jahre später ein Kind von ihm bekommen! Charlie, ihr jüngster Bruder, war in Wirklichkeit Rex Foleys Sohn!

Nur vage erinnerte Paige sich an die Zeit, in der in der Villa der Familie in Dallas eine äußerst angespannte Atmosphäre geherrscht hatte. Sie und ihre Schwester waren durch die Räume geschlichen und hatten sich in den Ecken versteckt. Vor den aufgebrachten Wortwechseln und all den Tränen, die ihre Mutter vergoss, während ihr Vater angeblich auf einer Geschäftsreise war.

Jetzt, nach jenem schrecklichen Sommer, ging es zu Hause wieder ähnlich zu.

Irgendwann war ihr Vater zurückgekehrt, ihre Mutter hatte endlich zu weinen aufgehört, und dann war Charlie auf die Welt gekommen. Der fröhliche, liebenswerte Charlie.

Paige und ihre Schwester waren damals fünf gewesen und hatten sich riesig über das Baby gefreut. Für sie war der kleine Junge das schönste Geschenk gewesen, das sie jemals bekommen hatten, und sie hatten mit ihm gespielt, als wäre eine ihrer Puppen zum Leben erwacht.

Sie war glücklich gewesen und hatte geglaubt, dass es immer so bleiben würde.

Alles nur Lügengebilde.

Noch immer litt sie unter den vielen Lügen, die erzählt worden waren, und sie fragte sich, wie die Familie damit fertigwerden sollte. Aber zu lange durfte sie nicht darüber nachdenken, wenn sie nicht in Tränen ausbrechen wollte.

Deshalb war Paige für jede Ablenkung dankbar. Zum Glück hatte sie eine Aufgabe gefunden, auf die sie sich voll und ganz konzentrieren musste.

Eine Aufgabe, die für ihre Familie sehr wichtig war.

Sie war heilfroh, Dallas und die angespannte Atmosphäre in der Villa der McCords für eine Weile hinter sich lassen zu können.

Es tat so gut, an einem herrlichen Novembertag im Gras zu liegen und durchs Fernglas einen Mann zu betrachten, der sie allein durch sein Aussehen auf andere Gedanken brachte.

Jetzt stieg er von seinem kastanienbraunen Pferd, ließ es in Ruhe aus dem nahe gelegenen Bach trinken und dann – heute schien wirklich Paiges Glückstag zu sein – knöpfte er auch noch sein Shirt auf.

Oh. Womit habe ich das verdient?

Er zog ein Tuch aus der Gesäßtasche, bückte sich, tauchte es ins Wasser und drehte sich zu Paige um.

Hastig nahm sie das Fernglas von den Augen, als könnte er sie auf diese Entfernung sehen. Sein Gesicht war nicht zu erkennen, aber Paige glaubte, er hätte es zu einem selbstbewussten und zufriedenen Grinsen verzogen.

Sie hob den Feldstecher wieder, richtete ihn auf den Mann und beobachtete gebannt, wie er sich nach dem langen Arbeitstag den Staub abwusch. Er blickte zum Himmel und ließ das Wasser über das Gesicht, den Hals und die wie gemeißelt aussehenden Muskeln an Brust und Bauch rinnen.

Was für ein Anblick.

Das Wasser muss kalt sein, dachte sie. Hier im Hügelland von Texas waren die Tage warm, aber nachts kühlte es stark ab. Manchmal herrschten nur fünf Grad. Das wusste sie, weil sie ihr Zelt nur wenige Meilen westlich von Travis Foleys Ranch im Nationalpark aufgeschlagen hatte. Die nahe gelegene Kleinstadt Llano mied sie, denn dort fiel jeder Fremde sofort auf.

Und niemand – schon gar nicht Travis Foley – durfte wissen, dass sie hier war.

Paige konzentrierte sich wieder auf ihren Cowboy. Seit zwei Tagen kam er nun schon her und arbeitete hart. Er brachte verirrte Rinder zur Herde zurück, reparierte beschädigte Weidezäune und hielt nach Eindringlingen Ausschau, während sein Chef Travis Foley vermutlich in seiner klimatisierten Villa am Rand der Ranch auf der faulen Haut saß, die Öldollar seiner Familie zählte oder die Aktienkurse verfolgte.

Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Foley täglich in den Sattel stieg und sich auf seinem Land die Hände schmutzig machte.

Dafür hatte er Männer wie diesen Cowboy, den sie gerade beobachtete.

Er trocknete sich ab, knöpfte sein Shirt zu, lehnte sich gegen einen großen Felsbrocken und legte den Kopf zurück, als wollte er die Herbstsonne oder die warme Nachmittagsbrise genießen.

Aber vielleicht war er auch nur erschöpft von der Arbeit oder seinen eigenen Problemen. Oder er hatte sich nach der Stille und dem Frieden in diesem abgelegenen Winkel der Ranch gesehnt.

Hätte Paige die Zeit dafür, hätte sie die Pause mit ihm zusammen genossen und sie vielleicht sogar bis weit nach Sonnenuntergang ausgedehnt. Wie kam sie bloß auf solche Gedanken? Es war noch nie ihre Art gewesen, mit fremden Männern eine Nacht zu verbringen. Aber der Sommer war schlimm gewesen, und manchmal wurde es ihr zu viel. Die Sorgen gingen ihr nicht mehr aus dem Kopf, und dann wurde der Druck so stark, dass sie einfach nur schreien wollte.

Dieser Mann, dieser Cowboy … konnte sie bestimmt alles vergessen lassen.

Und wenn es nur für eine einzige Nacht war. Leider hatte sie nicht mal dazu Zeit. Aber eine Frau durfte doch träumen, oder?

Wenn er wieder fort war, blieben ihr vierundzwanzig Stunden, bis er an den Bach zurückkehrte. Jedenfalls war es an den letzten drei Tagen so gewesen. Sie hatte ihre komplette Ausrüstung im Rucksack und wollte sich allein in die alte Silbermine wagen. Jeder, der sich mit stillgelegten Stollen auskannte, wusste, wie riskant dieses Unterfangen war. Aber sie hatte jede Vorsichtsmaßnahme getroffen und war auf alles vorbereitet.

Paige war fest entschlossen, in die Dunkelheit hinabzusteigen. Sie musste es tun.

Für ihre Familie. Außerdem hatte sie es ihrem Bruder Blake, dem Chef des Juwelenimperiums, fest versprochen.

Nimm dich zusammen, ermahnte sie sich. Sie durfte nicht mehr an den Cowboy denken. Wenn sie ihren Job richtig machte, würde sie ihm nie begegnen. Was eigentlich sehr schade war. Ein Mann wie er, unkompliziert und erdverbunden, wäre genau das, was sie in ihrer Situation brauchte. Sie legte den Feldstecher hin und nahm ihr Satellitentelefon heraus. Hier draußen mitten im Nichts war mit einem normalen Handy nicht viel anzufangen.

Blake meldete sich nach dem zweiten Läuten. „Und?“, fragte er gespannt.

„Alles klar. Ich gehe rein“, erwiderte sie. „Du weißt, was du zu tun hast?“

„Wenn ich bis Sonnenaufgang nichts von dir höre, rufe ich deinen Freund in der Bergbauabteilung der Universität an, und wir holen dich heraus“, versprach er. „Paige, bist du sicher, dass es ungefährlich ist? Ich will nicht, dass dir etwas zustößt.“

„Die Mine gibt es seit über hundert Jahren. Im letzten Jahr hat Travis Foley einigen Archäologen erlaubt, sie zu erkunden und die Höhlenzeichnungen zu dokumentieren. Ich habe eine Kopie ihres Berichts. Die Wände sind so stabil, wie man …“

„Trotzdem, ist es nicht riskant, allein hineinzugehen?“

Sie hatten lange genug darüber diskutiert und waren sich einig. Außer ihnen beiden durfte niemand davon wissen. Dafür stand einfach zu viel auf dem Spiel.

Das Familienunternehmen McCord Jewelers steckte in finanziellen Schwierigkeiten, aber Blake behauptete, dass er Herr der Lage sei. Dasselbe würde ihr stolzer und sturer ältester Bruder aber auch dann sagen, wenn der Weltuntergang kurz bevorstand. Er wäre überzeugt, die Welt ganz allein retten zu können.

Paige war fest entschlossen, ihm zu helfen.

„Blake, ich mache meinen Doktor in Geologie und weiß, was ich tue. Außerdem war ich vor ein paar Wochen in der Mine, um den Bericht der Archäologen nachzuprüfen und sicherzustellen, dass ich die richtige Ausrüstung habe. Vertrau mir. Es wird alles gut.“

Und falls ausgerechnet der Cowboy sie dabei erwischte, sollte ihr das auch recht sein. Sie war zuversichtlich, dass sie sich herausreden und von der Ranch verschwinden konnte, bevor Travis Foley von ihrem ungebetenen Besuch erfuhr.

„Ich habe gehört, dass die Foleys an diesem Wochenende ein großes Familientreffen veranstalten. Also dürfte Travis Foley schon im Flugzeug nach Dallas sitzen. Seinetwegen brauchst du dir keine Gedanken zu machen.“

„Gut.“ Diesem Mann wollte Paige nun wirklich nicht über den Weg laufen.

„Aber was ist mit dem Wetter?“, fragte Blake. „Die Vorhersage ist nicht gerade ermutigend. Die Ausläufer des Wirbelsturms über dem Golf …“

„Die erreichen die Gegend nördlich von hier erst morgen. Ich habe einen Blick aufs Wetterradar geworfen. Ich gehe jetzt hinein und bin wieder weg, bevor es kritisch wird. Du machst dir zu viele Sorgen, Blake“, beruhigte sie ihren Bruder. „Ich melde mich morgen früh.“

Travis Foley stieg wieder aufs Pferd und ritt zu dem Felsvorsprung hinauf, hinter dem sich der Eingang der alten Mine verbarg. Hierher, in einen der abgelegensten Winkel der Ranch, die schon seinem Großvater gehört hatte, zog er sich zurück, um nachzudenken und seiner harten körperlichen Arbeit nachzugehen. An diesem Ort war er schon als Kind am liebsten gewesen.

Der Rest seiner Familie verstand ihn einfach nicht, und Travis verstand sie nicht. Sie waren Ölmanager und Politiker, wichtige Menschen in einer Welt, die sie für die einzig wahre hielten.

Für Travis war das hier die Welt, von der er immer geträumt hatte. Es war genau das Leben, das er führen wollte. Er wünschte, sie alle würden ihm den Frieden lassen, den er auf der Ranch gefunden hatte.

Aber seit man das alte spanische Schiffswrack im Golf von Mexiko gefunden hatte, redeten sämtliche Leute, die er kannte, nur noch vom Santa-Magdalena-Diamanten, der angeblich so groß und so wertvoll wie der berühmte Hope-Diamant war.

Einer von Travis’ Vorfahren, Elwin Foley, war an Bord gewesen, als das Schiff Anfang des 19. Jahrhunderts sank. Mitsamt dem Edelstein und einer Schatztruhe voller alter spanischer Silbermünzen. Niemand wusste genau, was passiert war. Entweder war der Diamant mit untergegangen, oder einer der Überlebenden hatte ihn an sich genommen. Jedenfalls war der Stein nie wieder aufgetaucht.

Travis’ Vorfahr hatte überlebt und die Ranch gekauft, die Travis jetzt bewirtschaftete. Er hatte dort nach Silber geschürft und ganz sicher nicht so gelebt wie jemand, der mit Diamanten ein Vermögen gemacht hatte. Im Gegenteil, er hatte hart gearbeitet und war bei einem Unfall in der Mine ums Leben gekommen, noch bevor er auf Silber gestoßen war.

Seinen Sohn Gavin hatte es noch härter getroffen – nach einer schweren Kindheit, in der seine Mutter ihn allein aufgezogen hatte, war er der Spielsucht verfallen und hatte die Ranch und die Schürfrechte beim Pokern an einen Mann namens Harry McCord verloren.

Travis fand es schrecklich, dass seine Familie und die McCords nach all den Jahren noch immer verfeindet waren. Gavin Foley hatte immer behauptet, von Harry McCord beim Pokern betrogen worden zu sein. Und als wäre das nicht schlimm genug, hatten die McCords wenig später auf der Ranch ein Silbervorkommen entdeckt und waren quasi über Nacht zu einer der reichsten Familien in Texas geworden.

Travis war das alles vollkommen egal. Seine Familie hatte es wenige Jahre später im Ölgeschäft zu Geld gebracht. Keiner von ihnen litt Not. Er missgönnte den McCords das Vermögen nicht, zu dem sie es erst mit Silber, dann mit Juwelen gebracht hatten.

Was er ihnen jedoch keinesfalls gönnte, war diese Ranch.

Denn wie sein Großvater vor ihm lebte er auf dem Land, schuftete und schwitzte, ohne dass es ihm jemals gehören würde.

Besitzer waren die McCords dank eines schlechten Blattes oder gezinkter Karten bei einer Pokerrunde vor über hundert Jahren, je nachdem, welcher Version der Legende man glaubte.

Um die Familienfehde zu beenden, hatte Eleanor McCord die Ranch vor zwanzig Jahren an Travis’ Großvater verpachtet, und Travis hatte sie vor zehn Jahren übernommen, aber eben nur als Pächter, nicht als Eigentümer. Und darüber wollte er lieber nicht zu lange nachdenken, weil er sonst wahrscheinlich ein Magengeschwür bekäme.

Leider blieb ihm jetzt nichts anderes übrig, denn der Trubel um den dämlichen Diamanten und die Familienfehde hatte von vorn begonnen.

Schatzsucher hatten im Golf von Mexiko im Wrack des gesunkenen spanischen Schiffs alte spanische Edelsteine gefunden.

Aber der Santa-Magdalena-Diamant war nicht darunter gewesen.

Und seitdem kursierte wieder das Gerücht, dass der berühmte Diamant nicht untergegangen, sondern gestohlen worden war – und zwar von Edwin Foley, der dieses Land zu einer Ranch gemacht und den Rest seines Lebens darauf verbracht hatte.

Deshalb vermuteten viele Menschen, dass der Stein sich noch immer hier befand.

Dauernd tauchten Schatzsucher, Edelsteinsammler und sogar Juwelendiebe auf Travis’ Ranch auf und suchten nach dem verfluchten Diamanten. Wussten diese Idioten denn nicht, dass er jedem, dem er gehörte, nichts als Unglück brachte?

Nicht, dass sie sich dadurch abschrecken ließen. Als hätte Travis im November nichts Besseres zu tun, als Leute davon abzuhalten, sich den Hals zu brechen, seine Rinder in Panik zu versetzen, die Zäune zu beschädigen oder sich von Schlangen beißen zu lassen.

Seit das Schiffswrack entdeckt worden war, hatten er und seine Männer schon fünf Eindringlinge vertrieben.

Noch schlimmer – Travis’ Familie war überzeugt, dass die McCords etwas im Schilde führten und vielleicht sogar schon jemanden auf den Diamanten angesetzt hatten.

Hatte Gavin Foley nach dem Verlust der Ranch den Stein gefunden und ihn dann hier für einen seiner Nachfahren versteckt, wenn sie das Land irgendwie wieder in ihren Besitz gebracht hatten? Und waren die McCords nach all den Jahren zufällig auf einen Hinweis gestoßen, wo sich das Versteck befand?

Travis bezweifelte es, seine Familie nicht.

Er selbst wollte mit der Fehde nichts zu tun haben, hatte jedoch versprochen, die stillgelegte Silbermine täglich zu kontrollieren. Vor einigen Wochen hatte er am Eingang Fußspuren entdeckt. Er war einige Meter weit hineingekrochen, hatte aber sonst nichts Verdächtiges gefunden.

Trotzdem, irgendjemand hatte sich unbefugt Zutritt zur Mine verschafft.

Seitdem ritt Travis an jedem Nachmittag hier vorbei.

Heute schien alles ruhig zu sein.

Er stieg aus dem Sattel, ging unter dem langen, breiten Felsvorsprung zum Eingang und lauschte.

Nichts. Keine ungewöhnlichen Geräusche. Die einzigen Fußspuren stammten von ihm selbst. Mit einem Rechen, den er im Gebüsch versteckt hatte, beseitigte er sie.

Doch als er danach einen kräftigen Schluck aus seiner Wasserflasche nahm, beschlich ihn das eigenartige Gefühl, dass er nicht allein hier draußen war, und dass jemand ihn beobachtete.

Dieses Gefühl hatte er vorhin schon gehabt. Unten am Bach. Als er den Schmutz aus dem üblen Kratzer wusch, den er sich bei der Reparatur des zerschnittenen Stacheldrahtzauns zugezogen hatte.

Niemand hatte das Recht, ihn heimlich zu beobachten. Jedenfalls nicht hier. So weit das Auge reichte, gehörte das Land zur Ranch, und wenn jemand es ohne seine Erlaubnis betreten hatte und ihm nachspionierte, würde Travis ihn finden und zur Rede stellen.

2. KAPITEL

Paige musste zugeben, dass sie sich gern hier draußen aufhielt. In letzter Zeit hatte sie viel zu lange am Computer gesessen und an ihrer Doktorarbeit geschrieben. Eigentlich sollte sie ihrem Bruder Blake dankbar sein, dass er sie hergeschickt hatte.

Als hochqualifizierte Geologin und leitende Edelsteinkundlerin im Juwelenimperium ihrer Familie faszinierte sie die Vorstellung, einen Stein zu finden, der es an Größe und Reinheit angeblich mit dem berühmten Hope-Diamanten aufnehmen konnte. Natürlich würde sie damit auch das angeschlagene Unternehmen McCord Jewelers retten, aber daran dachte sie in diesem Moment nicht.

Jeder, der wie sie um die Welt reiste und nach den in der Erde verborgenen Schätzen suchte, träumte von so einem Fund.

Jetzt stand Paige vor dem Eingang der Mine, und vor Aufregung klopfte ihr Herz so heftig, dass sie nach Luft schnappen musste.

Sie nahm den großen Rucksack ab, holte den Helm mit der LED-Leuchte heraus, schaltete sie ein und legte ihn so hin, dass er im Schatten des Felsvorsprungs Licht spendete. Dann zog sie den alten Overall an und hängte sich eine kleine Taschenlampe an einer Kordel um den Hals. Eine zweite befand sich zusammen mit den Ersatzbatterien, einem Seil, dem Proviant, einem Notizbuch und der Kamera in dem kleinen Rucksack, den sie in den Stollen mitnehmen würde.

Ihr Haar hatte sie zu einem langen Zopf geflochten, den sie in den Overall schob. Sie setzte den Helm auf, atmete tief durch und verschwand in der dunklen, kühlen Stille der alten Mine.

Travis konnte es nicht fassen, dass die Frau sich allein in den Stollen traute!

Er hatte sie aus sicherer Entfernung beobachtet, seit sie die Hügelkette überquert hatte, die die Grenze zwischen der Ranch und dem Nationalpark bildete. Zielstrebig hatte sie den Felsvorsprung angesteuert, und ihre Ausrüstung wirkte professionell. Den Hut hatte sie tief ins Gesicht gezogen. Sie holte einen Helm mit Lampe heraus, überprüfte noch mal, ob sie alles dabeihatte, was sie in der Mine brauchte. Dann war sie plötzlich wie vom Erdboden verschwunden.

Travis hätte wetten können, dass sie nicht allein nach unten klettern, sondern auf einen Begleiter warten würde. Um beide zu erwischen, hatte er gewartet.

Im letzten Jahr war Travis hier gewesen, als ein Team von Archäologen den Stollen erkundet und die uralten Höhlenzeichnungen fotografiert und dokumentiert hatte. Keiner der erfahrenen Forscher hatte sich jemals allein hineingetraut!

Aber diese Frau riskierte es!

„Wie kann man nur so dumm sein?“, knurrte er. Sein Pferd warf ihm einen fragenden Blick zu. Er schüttelte den Kopf. „Dich meine ich nicht, Murphy.“

Er stieg auf und ritt zur Mine. Vielleicht sollte er den Sheriff anrufen und die Frau festnehmen lassen. Als abschreckendes Beispiel für mögliche Nachahmer.

Aber dazu musste er erst verhindern, dass sie verunglückte.

Bei dem Felsvorsprung band er Murphy an einen Baum, fischte die Stablampe aus der Satteltasche, nahm den Hut ab, wischte sich den Schweiß von der Stirn, schüttelte nicht zum ersten Mal an diesem Tag den Kopf und fluchte leise auf verschwundene Diamanten, Familienfehden, Schatzsucher und Frauen.

Am Eingang schaltete er die Lampe ein, hielt sie jedoch auf den Boden gerichtet, um die Frau nicht vorzuwarnen.

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