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Full House

SKY DU MONT

Title

BASTEI ENTERTAINMENT

Vorwort

Dies ist die Geschichte einer typischen Familie, deren Freude und Schicksal es war, Kinder zu bekommen. Danach sollte nichts mehr so sein wie vorher. Das Leben wurde nicht besser oder schlechter, aber auf jeden Fall lebhafter, aufregender, erfüllter … und: chaotischer.

Mit anderen Worten: Es ist nicht anders als in anderen Familien. Das Chaos ist nicht nur das sogenannte »kosmische Prinzip«, es ist auch das Prinzip, das in so gut wie allen Familien herrscht, die ich kenne. Deswegen habe ich mich entschlossen, dieses Buch zwar unter meinem Namen zu schreiben, aber auch im Namen all derjenigen, denen täglich das gleiche Chaos des alltäglichen Lebens entgegenschlägt, der ganz normale Wahnsinn namens Familie.

Dies ist die Geschichte von Benjamin und Beate, beide (noch) kinderlos. Benjamin arbeitet in der Medienbranche und ist um einiges älter als Beate. Und natürlich haben Sie recht: Beide sind nicht die, die sie vorgeben zu sein, aber wer ist das schon? In Benjamin und Bea steckt vielleicht ein klein wenig von mir und meiner Frau … vermutlich aber genauso viel von Ihnen. Betrachten Sie dieses Buch also bitte als eine Art gemeinsamen Nenner, einen kollektiven Erfahrungsschatz, nicht als das geheime Tagebuch von Sky und Mirja. Alle Namen habe ich daher geändert, und natürlich ist jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen … na, Sie wissen schon. Denn Familie, das ist eine Welt mit fast universell gültigen Regeln und Gesetzen.

Wenn Sie Familie haben, dann sind Sie bemitleidenswert und bewundernswert. Vor allem aber: Man darf Ihnen gratulieren. Denn Sie haben nicht nur den völlig irrsinnigen Job einer Mutter oder eines Vaters, Sie werden auch mit dem Großartigsten belohnt, was dieser Planet zu bieten hat – mit Kindern.

Sollten Sie sich also entscheiden, weiterzulesen, dann sollten Sie wissen, dass alle Erzählungen, die Sie hier finden, wahr sind und sich fast genauso zugetragen haben. Nur nicht unbedingt bei mir, sondern auch bei Freunden und Bekannten.

Also, viel Spaß!

Tagebucheintrag: 29. März,
10:45 Uhr – Büro

Vor fünf Wochen habe ich eine unglaubliche Frau kennengelernt, komme aber erst jetzt dazu, diesen Eintrag zu schreiben. War sehr beschäftigt. Eine solche Frau will erobert werden! Sie ist blond (wichtig), hat eine tolle Figur (sehr wichtig) und ist bildhübsch (hammer-wichtig). Ach ja, intelligent ist sie auch – was mir allerdings erst drei Wochen später auffiel.

Die Details: Ich war auf dem Weg in die Stadt, um Geschäftsfreunde zum Essen zu treffen, als mir einfiel, dass ich nicht genügend Bargeld bei mir hatte. Kein Problem. Schnell zum Geldautomaten. Als ich wieder zurück zu meinem Wagen ging, sah ich, dass mich gerade ein alter Mini zuparkte. Das ist nun wirklich etwas, was ich nicht ausstehen kann. »Hey!«, rief ich. »Das geht gar nicht. Was fällt Ihnen ein? Ich bin in Eile. Fahren Sie sofort Ihren Schrotthaufen …« Der Rest des Satzes blieb mir im Halse stecken. Aus dem Mini stieg eine atemberaubende junge Frau. Sie lächelte mich an und meinte nur: »Sekunde, ich zieh nur rasch etwas Geld. Sind Sie in Eile?«

»O nein, überhaupt nicht …«, stotterte ich. »Ich habe massig Zeit.« Und ärgerte mich im gleichen Moment über mein hormonell gesteuertes Hirn. Die Strafe folgte auf dem Fuß. Sie nahm mich beim Wort und ließ mich eine Ewigkeit warten. Anscheinend hatte diese junge, blonde, gut gebaute Dame meinen Zustand instinktiv erfasst und sich entschlossen, nicht nur Geld zu ziehen, sondern dieses gleich beim Shoppen unter die Leute zu bringen. Nach unglaublichen zweiundvierzig Minuten, in denen ich bei meiner Parkuhr zweimal nachzahlen und eine Polizeistreife davon abhalten musste, ihren in zweiter Reihe geparkten Wagen abschleppen zu lassen, erschien dieser Traum von einer Frau wieder. Heute weiß ich, dass ich mich bereits in diesem Augenblick unsterblich in sie verliebt hatte. Das war die Frau meines Lebens, die Mutter meiner zukünftigen Kinder.

Es gab tatsächlich ein Happy End. Beate ließ es zu, dass ich sie erobern durfte, und nach einigen Wochen wurden wir ein Paar und zogen zusammen. Genauer gesagt: Bea nahm Besitz von meiner Wohnung. Und ich gebe zu: Es ist wundervoll, und ich genieße jede Sekunde unseres gemeinsamen Lebens.

Die Wohnung ist viel zu klein

Wer denkt nicht gern zurück an die erste eigene Wohnung, das erste eigene Zuhause? Man konnte sich da, mit ziemlich wenig Platz, wunderbar arrangieren. Irgendwie war man sich selbst genug – und, im Ernst, wer braucht schon einen Balkon, solange ein solides Bett, ein Fernseher und kaltes Bier vorhanden sind? Aber da lebte ich noch allein.

Dann trat die Frau meines Herzens in mein Leben.

So ein kleiner Balkon, fand Beate eines Tages, wäre doch ganz schön. Etwas, wo man auch mal draußen sitzen konnte, allerdings immer nur einer, nie beide zur gleichen Zeit, dazu ist es zu eng. Aber wenn man sich liebt, spielt all das keine Rolle – noch. Also zog man los, um sich was Größeres zu suchen. Etwas mit einer richtigen Küche statt Kochnische. Mit einem großzügigeren Bad. Mit hohen Fenstern vielleicht. Ein Altbau wäre schön. Oder ein Neubau. Oder was Eigenes. Eine Wohnung kaufen?

Als wir zusammenzogen, haben wir keinen Gedanken an eine Wohnung verschwendet und schon gar nicht daran, eine zu kaufen. Womit auch? Wir hatten uns, und es war egal, wie groß dieses Zuhause war.

Nun, in der ersten Zeit wirkte meine Frau auf mich jedenfalls nicht unzufrieden. Wir hatten eine schnuckelige Winz-Wohnung, und die Nebenkosten waren absolut überschaubar. Doch dann, eines Tages, kam die scheinbar harmlose Frage: »Schatz, hättest du nicht auch gerne einen größeren Kühlschrank?«

Diese Frage an einen Mann zu richten ist natürlich perfide. Welcher Mann hätte nicht gerne einen größeren Kühlschrank? Kühlschrank, das steht für unbeschwerte Fußball-Abende, für die schnelle und effektive Bekämpfung von Unterzucker, für kaltes Bier und sonstige Genussmittel.

In Wahrheit ging es natürlich nicht um den Kühlschrank, sondern um die Küche. Meine Frau wollte eine größere. Nicht, weil sie so wahnsinnig viel in der Küche macht, sondern weil größere Küchen in größeren Wohnungen zu finden sind. Und das hat sie geschickt eingefädelt: Zuerst tigerten wir eine Woche lang durch Kühlschrankabteilungen in Elektroläden. Überall dasselbe: jede Menge Platz im Kühlschrank – aber jedes Gerät zu groß für unsere dreieinhalb Quadratzentimeter Küchenfläche. Dann rückte Beate raus mit ihrem Plan.

»Schatz, ich fürchte, für einen größeren Kühlschrank müssen wir umziehen. Der passt nicht in unsere Küche.«

»Im Ernst? Och, schade. Aber wenn du meinst …«

In Wirklichkeit hatte sie das natürlich von langer Hand geplant. Was folgte, war ein zermürbender Marathon durch die Mietanzeigen.

Rückblickend frage ich mich, wo alle meine Prinzipien und meine fiskalische Vernunft geblieben sind. Niemals hätte ich bei klarem Verstand (den ich zu dieser Zeit als hormongesteuerter Mann natürlich nicht besaß) eine Immobilie gemietet, die klein, dunkel und überteuert war. Allein ein für meine Lebensgefährtin schlagendes Argument entschied: Es war ein kleines Reihenhäuschen mit Garten. »My house is my castle«, hörte ich von Beate zu jeder Gelegenheit, also gab ich nach, und wir unterschrieben den Mietvertrag.

Wenig später zogen wir in unser Häuschen um und verbrachten dort die wohl schönsten vier Wochen unserer bisherigen Beziehung. Heute weiß ich, warum: Der Nestbautrieb meiner Holden war zunächst gestillt – bis sie eines Morgens den Garten betrachtete.

»Unser Garten sieht grauenvoll aus! Was werden unsere Nachbarn denken? Die glauben, wir sind absolute Messies!«

»Garten? Sieht eher aus wie ein größeres Blumenbeet.«

»Sehr witzig! Du musst mal den Rasen mähen!«

»Ich glaube nicht, dass da ein Rasenmäher draufpasst«, meinte ich nachdenklich in der Hoffnung, aus dieser Nummer rauszukommen. Ich hasse Gartenarbeit!

Kap1_Wohnung.tif

Und es bleibt ja nicht beim Garten. Wenn die Holde Vorhangstangen wünscht, wird der Mann zum Innendekorateur. Sollen es hellere Lampen sein, wird er zum Elektriker. Streichen, Bohren, Sägen – alles Männersache, versteht sich. Emanzipation? Schweigen wir lieber darüber. Die Kombination Frau und Haus macht jeden Mann zum Allzweckhandwerker. Zum Lohn gibt’s Hohn und Spott über die handwerklichen Unzulänglichkeiten des Gatten, am liebsten im familiären Kreis oder – noch schöner – beim Damenkränzchen.

»Mein Benni ist der beste Handwerker mit zwei linken Händen, den es gibt.« Alles lacht – außer mir.

»Ich bin gar kein Handwerker, Schatz, ich arbeite mit dem Kopf.« Sie beugt sich zu ihrer Freundin und gluckst: »Neulich hat er mir so einen Schreck eingejagt, weil er mal wieder eine Lampe angeschraubt hat und vergessen hatte, die Sicherung rauszudrehen …«

»Ich hatte dich darum gebeten …«

»Jedenfalls steht er da oben auf der Leiter, und du müsstest ihn mal auf einer Leiter stehen sehen …« Lautes Lachen, die Freundin kichert schon vor der Pointe. »Hantiert da mit so einem Schraubending rum.«

»Schraubenzieher, Schatz.«

»Und auf einmal, bzzzzzz, ich dachte, ich falle gleich in Ohnmacht. Und dann kippt er, das hättest du sehen müssen, mit der Leiter wie in Zeitlupe aufs Sofa. Aufs Sofa!« Quieken und Quietschen zweier völlig ausgetickter Frauen, die sich über das Schicksal eines armen Elektro-Amateurs einen Affen lachen. Ich gebe zu, ich war etwas verschnupft.

»Du hattest mich gebeten, die Lampe auszutauschen.«

»Ich weiß doch, wie gern du dich als Handwerker ausgibst, mein kleiner Bob der Baumeister.«

Aber es waren nicht nur die handwerklichen Fähigkeiten, die mir plötzlich abverlangt wurden. Nein, auf einmal wurde mir klar, was Bea von meinem Einrichtungsstil hielt, zumindest was die Gestaltung unseres neuen Heims betraf.

Während wir Männer bekanntlich eher zu kühlen Farben und glatten Formen tendieren, also Schwarz und Chrom, Lack und Leder, gilt so was bei Frauen meist nur für das Outfit. Was die Wohnung betrifft, sind die meisten aus der Schneewittchen-Phase nie herausgekommen. Und damit meine ich nicht den Glassarg, der ja im Zweifel einen top Wohnzimmertisch abgeben würde. Entweder, sie tendieren zu Plüsch und Blümchen und wollen am liebsten den ganzen Laura-Ashley-Laden leer kaufen, oder sie richten die Wohnung ein, als müssten sie es richtig gemütlich für die sieben Zwerge machen. Das nennt sich dann Landhaus-Stil. Aber glauben Sie nicht, dass Sie da mit Gummistiefeln reindürfen. Im Gegenteil: Der Mann soll zwar zur Einrichtung passen, aber nur in dekorativer Hinsicht. Wenn Ihre Frau karierte Vorhänge bestellt, sehen Sie sich vor: Demnächst werden Sie zu Tweed-Jacken gedrängt. Cord-Sofa? Als Nächstes kommt die Cordhose. Sie hat Hussen für die Esszimmerstühle gekauft? Achtung! Vermutlich dürfen Sie die Küche bald nur noch im Trenchcoat betreten.

Es ist eines der großen Talente der Frauen, den Männern, vor allem aber sich selbst, einzureden, dass Männer von Innenarchitektur und Interieur nichts verstehen. Geschmackssicher sind nur Frauen. Kuschelig soll es sein. Warm. Nicht zu hell. Aber auch auf keinen Fall zu dunkel. Keine Aktbilder an den Wänden des Schlafzimmers oder innen an der Schranktür. Keine Buddelschiffe auf dem Fernseher. Schon gar kein Samurai-Schwert! Gerne ein großer Kühlschrank, ja, aber hauptsächlich mit Joghurt und Luft gefüllt. Und ein großer Kleiderschrank. Am liebsten ein »begehbarer«. Das bedeutet in der Regel, dass das, was mal ein gemeinsames Schlafzimmer werden sollte, zum Damen-Boudoir wird, in der die Frau ihrer Lieblingsbeschäftigung frönt: anziehen, ausziehen, umziehen, schminken, zupfen, tupfen, epilieren, schmieren, spachteln (und das meine ich nicht handwerklich oder kulinarisch), wieder anziehen, umziehen usw.

Und irgendwann kommt das Thema »Kinder«. Wenn die erst einmal in Ihr Leben getreten sind, dann gilt für Haus und Wohnung sowieso nichts mehr, was vorher galt. Nicht nur, dass Sie jetzt die Schlüssel für die Schlafzimmertür wieder raussuchen müssen. Sie müssen den ganzen Laden komplett umbauen. Denn so ein Kind braucht ja praktisch ein ganz eigenes Domizil, nämlich das Kinderzimmer, und das steht für:

wochenlanges Katalogewälzen und Internetsurfen nach den besten, allergiearmen, umweltverträglichen, schadstofffreien Kleinmöbeln aus nachhaltiger Waldbewirtschaftung in Nordskandinavien

Streit über die Farbe (»Schatz, das ist nicht apricot! Ich weiß nicht, was es ist, aber es ist nicht das, was wir wollen.« – »Also, ich finde es eigentlich …« – »Es ist nicht das, was wir wollen!«)

doppelt so hohe Preise für halb so große Möbel-Bausätze mit unverständlichen Bauplänen, obwohl Sie eigentlich dachten, das Bett oder der Wickeltisch würden als Möbelstück und nicht als Bretterhaufen geliefert.

Dazu kommen die tausend Dinge, die sonst im Haus gemacht werden müssen: Gitter an die Treppen, Schubladensicherungen, Steckdosenkappen, Liegen, Wiegen, Sitzhilfen, Krabbelecken, alle unteren Regale leer räumen (wohin mit dem Zeug?!) … Wenn Kinder ins Haus stehen, dann kommen Anforderungen auf einen zu, die man nie geahnt hätte. Aber glauben Sie mir, das ist alles harmlos im Vergleich zu dem, was später kommt. Aber dazu, wie gesagt, später.

Tagebucheintrag: 15. April,
15:30 Uhr – im Garten

Bin beim Rasenmähen unseres 40 qm großen Gartens in die Scheiße getreten. Habe es nicht bemerkt und deutliche Schuh- und Scheißabdrücke auf dem Wohnzimmerboden hinterlassen. Es gab den ersten heftigen Streit in unserer Beziehung, weil Bea allein mir die Schuld für alles gibt. Ich habe darauf hingewiesen, dass ich nie einen Hund wollte. Und überhaupt: Auch den Garten wollte ich nicht und ein Haus noch weniger. Ich war glücklich in meiner Wohnung. Und obwohl die um hundert Quadratmeter kleiner war, hatte ich dort mehr Platz … Da war ich aber auch noch allein. Das habe ich mich allerdings nicht getraut, ihr zu sagen. Warum man einen Hund braucht, nur weil man einen Garten hat, begreife ich nicht! Und nun kackt der auch noch.

Beate hat dann ganz doll geweint und meinte, ich würde wahrscheinlich bereuen, mit ihr zusammengezogen zu sein und so.

Wir haben uns dann aber wieder versöhnt (auf dem Küchentisch). Das war schön, außer dass der blöde Hund während unserer Versöhnung meine Unterhose zerfetzt hat. Gut, dass ich sie nicht anhatte …

Ein ganz normaler Arbeitstag

5:15. Meine innere Uhr reißt mich aus dem Schlaf. Allerdings geht diese innere Uhr seit geraumer Zeit nicht mehr so ganz präzise, aber niemals würde ich das zugeben, ist die Fähigkeit zum Wachwerden zu jeder beliebigen Uhrzeit doch mittlerweile eine der wenigen Eigenschaften, mit der ich glaube, meine Familie beeindrucken zu können … Meine Frau nennt das lapidar »senile Bettflucht«. Außerdem, wer repariert schon innere Uhren?

Jetzt schnell und vor allem leise aufstehen, um 6:55 geht meine Maschine nach München.

Aus Rücksicht auf Beate lasse ich die Rollläden zu, ein Fehler, den ich später bitter bereuen werde, und schleiche auf Zehenspitzen ins Bad.

Minuten später öffne ich die Badezimmertür und schwebe geradezu lautlos durchs Schlafzimmer. Bloß meinen Schatz nicht wecken.

Weit gefehlt. »Meine Güte, trampelst du wieder durch die Gegend! Ich hatte gehofft, ich könnte heute mal ausschlafen«, murmelt sie schlaftrunken und wühlt sich in ihr Kissen.

Frühstück fällt heute aus, die Küche zu betreten wäre sträflicher Leichtsinn, denn auch unser Hund liebt seinen Schlaf und reagiert äußerst ungehalten auf zu frühe Störungen. Stellen Sie sich einfach einen völlig vom Blutrausch beseelten Piranha auf vier Beinen vor, der nur ein Ziel hat: jedem, der vor sieben Uhr morgens sein Reich, nämlich die Küche, betritt, an die Hosenbeine zu gehen. Ich wundere mich immer wieder, wie dieses kleine Stoffknäuel mit seinen kurzen Beinen so schnell sein kann.

Okay, heute kein Frühstück, ab ins Auto. Und nun rächt es sich, dass ich vor dem Verlassen des Hauses nicht aus dem Fenster geblickt habe: Es schüttet, es stürmt, und mein Wagen steht circa 200 Meter weit entfernt auf einem öffentlichen Parkplatz.

Garage? Selbstverständlich haben wir eine Garage. Nein, besser gesagt: Meine Frau hat eine Garage, denn meine Frau hat ein Cabrio, und das muss in einer Garage stehen.

Warum? Keine Ahnung. Vielleicht weil sie vor lauter Shoppingtüten den Knopf zum Schließen des Daches an ihrem Sportflitzer nicht gefunden hat. Vielleicht aber auch, weil das Verdeck sich vor lauter Einkäufen nicht mehr schließen ließ.

Egal. Ich patsche durch die Pfützen zu meinem Wagen, schließe mit klammen Fingern die Tür auf und lasse mich mit Schwung auf den Sitz fallen. Platsch! Spätestens jetzt bin ich hellwach. Hatte ich erwähnt, dass gestern Prachtwetter mit Temperaturen um die 25 Grad war? Selber schuld, wenn man so blöd ist und beim Verlassen des Wagens vergisst, alle Fenster zu schließen. Jetzt sitze ich auf einem Sitz, der sich mit Wasser vollgesogen hat, und verfluche den Morgen.

Keine Zeit zum Lamentieren. Ich muss zum Flughafen, in München gilt es, einen wichtigen Auftrag an Land zu ziehen, aber das Pech bleibt mir treu. Wir landen mit fünfundachtzig Minuten Verspätung, und meine Erwartungen an diesen Tag haben mittlerweile einen Tiefpunkt erreicht. Saßen Sie schon mal auf einem Mittelplatz, eingeklemmt zwischen Orson Welles und Günther Strack (Gott hab sie selig), und haben versucht, mit einem viel zu kleinen Löffel und eng angelegten Ellbogen Joghurt zu essen, während das sogenannte Fluggerät von Luftloch zu Luftloch taumelt? Was für ein Bild: vorne Joghurtflecken auf der Hose, hinten Wasserflecken. So wie ich aussehe, würde jeder Richter ohne zu zögern einen Haftbefehl wegen Exhibitionismus oder Erregung öffentlichen Ärgernisses ausstellen.

Als die Maschine endlich landet, sich mein Hundertzwanzig-Kilo-Nachbar an mir vorbeigequetscht hat, bleibe ich zunächst sitzen. Ich bin mir sicher, dass sich auf meinem Polster ein feuchter Fleck gebildet hat. Inkontinenz war bis zu diesem Zeitpunkt das geringste meiner Probleme, aber wissen das auch die anderen Passagiere?

Als alle die Maschine verlassen haben, stürme ich zum Ausgang, aber der Tag hat noch weitere Überraschungen für mich parat: Der Bus fährt gerade ohne mich ab, aber im Crew-Bus zum Terminal fahren hat ja auch seinen Reiz, denke ich mir und schließe mich der Besatzung an. Nein, ich darf nicht mit, Sicherheitsbestimmungen, sagt man mir, ich solle auf einen Bus warten, der mich zum Terminal bringt. Schlotternd vor Kälte stehe ich auf dem Rollfeld und warte auf den nächsten Bus.

Ach ja, es regnet noch immer.

Mit zwei Stunden Verspätung erreiche ich endlich das Studio in München. Das dort wartende Team erklärt mir genervt, dass ich ebenso gut hätte in Hamburg bleiben können – der Kunde wollte nicht warten und hätte den Auftrag anderweitig vergeben …

Wenigstens ist der Flieger zurück nach Hamburg pünktlich. Anders als ich. Aber ich kann ja den nächsten Flug nehmen, auch wenn ich Umbuchungskosten bezahlen muss. Immerhin hat es in Hamburg bei meiner Ankunft aufgehört zu regnen – und nach etwa fünfundfünfzig Minuten verzweifelter Suche finde ich auch meinen Wagen im Parkhaus. In der Eile heute Morgen hatte ich vergessen, mir den genauen Standplatz zu merken.

Endlich, gegen 22 Uhr, betrete ich, völlig erschöpft von den Strapazen des Tages, mein Zuhause.

Überraschung! Bea erwartet mich im Schlafzimmer, fällt mir um den Hals und drückt mir, mit Tränen in den Augen, eine Rose und ein kleines Stofftier in die Hand.

»Schatz, ich habe schon so auf dich gewartet! Schön, dass du endlich da bist, du hast mir ganz doll gefehlt!«

Wir Männer sind nun mal nicht hellsichtig, nein, wir sind emotional vielleicht ein wenig, nennen wir es ruhig: dumpf, aber jetzt stehe ich auf dem Schlauch. Was für eine Begrüßung! Und sie hat kaum was an!! Meine Gedanken sind nun vorwiegend hormonell gesteuert, obwohl mich die Rose und vor allem das Stofftier etwas verwirren. Was hat das zu bedeuten? Egal, das können wir später besprechen. Jetzt besser nichts anbrennen lassen! Doch trotz ihrer eindeutigen Signale weicht meine Liebste meiner Umarmung aus. Den Blick kenne ich; so sieht sie mich zum Beispiel an, wenn ich unseren Hochzeitstag oder ihren Geburtstag vergessen habe.

»Schatz, überleg doch mal. Was könnte ich damit meinen?«, fragt sie ungeduldig und wedelt mit Rose und Plüschteddy.

Meine Gedanken rasen, aber wie so oft rasen sie ins Leere.

Die Rose ergibt für mich vielleicht einen Sinn, aber was soll ich mit einem Stofftier? Nach dem Motto: »Wie soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?«, murmle ich bedeutungsvoll in der Hoffnung, dass es zumindest einigermaßen intelligent klingt:

»Ääääääh, oh, ach ja …?«

»Meine Güte, was bist du unsensibel! Gib zu, du hast keine Ahnung, was los ist.«

»Ääääääh, oh, ach ja …?« ist wieder alles, was mir dazu einfällt.

»ICH BIN SCHWANGER! WIR BEKOMMEN EIN BABY!«

Wow, nun bin ich tatsächlich sprachlos. Wir haben uns so sehr ein Baby gewünscht!

Und so endet ein mieser Tag mit dem wundervollsten Versprechen für unsere gemeinsame Zukunft. Ein unvergesslicher Tag, der unser beider Leben völlig verändern wird. Ein Traum wird wahr, und dabei ahnen wir noch gar nicht, wie sehr dieser Traum unser Leben wirklich umkrempeln wird!

Aber dazu später mehr.

Kap2_Arbeitstag.tif

Wir sind schwanger

Glücksgefühle will man in die Welt tragen. Und beginnen wollen wir mit meinen Schwiegereltern. Das wird nicht leicht, denn ich gehe davon aus, dass die beiden nicht damit rechnen, Großeltern zu werden, zumindest nicht so schnell, wofür ich ein wenig Verständnis habe, sind beide doch in meinem Alter.

»Wie bitte?«, meint meine Frau. Was solche Themen betrifft, ist sie von einem gnadenlosen Wahrheitsdrang beseelt.

»O.k., ich bin älter …«

»Eben, und deswegen fühlen sie sich noch zu jung, um Oma und Opa zu werden.«

»So jung sind sie nun auch wieder nicht!«, höre ich mich sagen und ernte einen vernichtenden Blick!

Meine Schwiegereltern und ich haben ein wirklich freundschaftliches Verhältnis zueinander. Ein bisschen enttäuscht waren sie vielleicht, dass ich nicht persönlich bei ihnen um die Hand ihrer Tochter angehalten hatte. Ich hielt das mit Rücksicht auf unseren Altersunterschied nicht für nötig. Immerhin ist meine Schwiegermutter fünfzehn Jahre jünger als ich, wobei ich das optisch nicht bestätigen kann.

Oder vielleicht fanden meine Schwiegereltern auch den Heiratsantrag nicht feierlich genug. Ich gestehe: Auf die Knie wollte ich nicht fallen; wer weiß, wie lange ich gebraucht hätte, um wieder hochzukommen. Außerdem hätten sie dann womöglich auch erwartet, dass ich meine Frau nach der Trauung über die Schwelle trage. Das, da bin ich mir sicher, hätte meine Bandscheibe aber nicht mitgemacht.

Kinder zeugen ist dagegen ein Klacks, um nicht zu sagen, ein wahres Vergnügen.

Was ich anfangs nicht begriff, war, warum meine Frau danach ihre hübschen Beine in die Luft streckte und eine Kerze machte.

»Um Gottes willen, was machst du denn da?«, murmelte ich müde.

»Das muss sein, damit es möglichst schnell klappt mit dem Baby!«

Ich weiß nur noch, dass ich mir im Halbschlaf Millionen Frauen vorstellte, die nach dem Akt nackt eine Kerze machen. Die Schwerkraft würde da voll greifen, zumindest bei großer Oberweite.

Aber zurück zu meinen Schwiegereltern. Irgendwann hatte ich mal gelesen, dass Schwiegereltern gerne fragen: »Können Sie meine Tochter denn auch ernähren?« Keine Frage! Haben Sie meine Frau schon mal gesehen? 48 Kilo, schlank und genügsam, ich glaubte, das müsste zu schaffen sein … Da wusste ich noch nicht, wie viel sie in der Schwangerschaft wegspachteln würde. Und vor allem: was! Und in welcher Kombination! Auf das teure Filetsteak kippte sie Zimtpulver, und ihr Schokocroissant tunkte sie mit großer Leidenschaft in meine Kartoffelsuppe!

Drei Monate später

Wir sind mit unserem Wagen in der Stadt unterwegs: »Schaaaaaaaatz!«

Alle Alarmglocken in meinem Kopf beginnen zu läuten. Kurzer Blick in den Rückspiegel, Vollbremsung und mit der linken Hand das Seitenfenster hinunterfahren. Ich weiß, was jetzt passieren wird. Unserem Nachwuchs hat anscheinend, obwohl noch im embryonalen Zustand, das Mittagessen nicht geschmeckt. Ich muss zugeben, die Kombination von Spargel und Schokoladenpudding hätte mir auch nicht geschmeckt. Jetzt verlangt das Baby, dass sich Beate SOFORT von dieser Mahlzeit trennt.

»Würg …«

Beate schafft es nicht mehr aus dem Wagen, gottlob schafft es aber das Erbrochene, und zwar aus dem Seitenfenster, direkt vor die Füße zweier elegant gekleideter Herren.

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