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Fürsten-Roman - Folge 2472

Rettung für Schloss Rosenfels?

Hinreißender Roman um Krisen und Küsse

Von Sabine Stephan

Verzweifelt sieht sich Lorenz Prinz von Rosenfels im Blauen Salon seines Schlosses um. »Graue Bruchbude« passt hier wohl besser, denkt er verbittert, als er seinen Blick über die herabbröselnde Stuckdecke und die fleckigen Tapeten schweifen lässt. Auch der Zustand vom einstigen Gobelinzimmer ist nicht viel besser: Nicht einmal mehr einen Fetzen der kostbaren Wandteppiche aus Versailles, die früher dort gehangen haben, kann er noch erkennen. Für den Prinzen steht fest: Um Schloss Rosenfels zu renovieren braucht er Geld – viel Geld! Doch woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Einige Tage später lernt Lorenz von Rosenfels die Eventmanagerin Liv Persson kennen, die sofort von der Idee, das Schloss zu retten, begeistert ist. Gemeinsam planen die beiden ein großes Spektakel, das viele Besucher anlocken soll. Dabei bemerkt Prinz Lorenz, dass er nicht nur Livs Tatendrang äußerst anziehend findet …

Ein Schäferhund wäre eine gute Wahl gewesen. Oder ein mittelgroßer Schnauzer. Oder ein Pudel. Pudel waren doch auch gehorsam, oder?

Lorenz Prinz von Rosenfels verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf, während er einen der geschwungenen Kieswege entlang durch den Schlosspark lief. Eigentlich hätte er jetzt an seinem Schreibtisch sitzen und seine Bewerbungsunterlagen für die »Boston Corporation Limited« zusammenstellen sollen. Nur zu gerne wollte der Prinz bei dem amerikanischen Unternehmen als Trainee anfangen. Stattdessen irrte er durch den – zugegebenermaßen prächtig blühenden – Park und suchte Ernie, den Dackel seiner Mutter.

Clara Fürstin von Rosenfels war seit jeher eine große Tierfreundin. Stets brachte sie die Vögel rund um die Orangerie mit reichlich Futter durch den Winter. Sie eröffnete einmal im Jahr das Sommerfest im Tierheim und spendete großzügig an verschiedene Tierschutzorganisationen. Lorenz und sein Vater Georg Fürst von Rosenfels hatten es deshalb nur für folgerichtig gehalten, als sich Fürstin Clara vor einigen Jahren entschieden hatte, einen Hund anzuschaffen.

Ja, einen Hund, dachte Lorenz jetzt verärgert. Einen ganz normalen Hund. Keinen durchgedrehten Alleinherrscher, der niemals auch nur die geringste Absicht zeigte, das zu tun, was seine zweibeinigen Mitbewohner ihm sagten.

»Ernie!« Lorenz versuchte es, wider besseres Wissen, noch einmal.

Mittlerweile hatte er den kleinen Jagdpavillon am Ufer des Fasanensees erreicht und blickte aufs Wasser. Die schon am Morgen kräftige Julisonne ließ die kleinen Wellen glitzern. Ein paar Enten paddelten träge unter dem wolkenlosen Himmel dahin. Es würde erneut ein sehr warmer Tag werden.

Lorenz lockerte seinen Hemdkragen. Ein T-Shirt hätte es heute vermutlich auch getan, aber der Prinz von Rosenfels bevorzugte einen eher konservativen Kleidungsstil. Handgenähte Lederschuhe, Cordhosen, Hemden und Westen, dazu eines seiner Lieblingssakkos, häufig mit einem Einstecktuch versehen: So fühlte er sich wohl, wenngleich selbst seine Eltern ihn manchmal damit aufzogen, dass er für einen jungen Mann Ende zwanzig eine recht altmodische Attitüde an den Tag legte – die ihm jedoch ausgezeichnet stand.

Prinz Lorenz war zwar mit einem Meter neunzig ein wenig schlaksig, aber sportlich. Er wirkte mit den dichten, leicht verstrubbelten, braunen Haaren, den leuchtend blauen Augen und seinem häufig ernsten Gesichtsausdruck wie ein leicht vergeistigter Adliger aus dem vorherigen Jahrhundert.

Schön wär’s …, Lorenz schüttelte diese Gedanken ab.

Plötzlich hörte er neben sich ein Knacken.

»Ernie!«

Der hochwohlgeborene Familiendackel derer von Rosenfels brach aus einer Hecke, das Fell übersät mit Blättern und kleinen Zweigen. Ernie stürzte sich begeistert auf Lorenz, als hätte er den Prinzen verzweifelt gesucht und nicht umgekehrt. Seine fröhlichen Hundeaugen schienen zu blitzen, und er wedelte unablässig mit dem Schwanz.

Prinz Lorenz nutzte die Gunst des Augenblicks und ließ den Karabinerhaken der Leine an Ernies Halsband einklinken.

»Hab ich dich.« Tadelnd blickte Lorenz auf den Rauhaardackel hinunter, der sich davon nicht beeindrucken ließ. Mit heraushängender Zunge sah der Hund zu dem Prinzen hinauf, als wollte er sagen: Ist das nicht ein herrlicher Tag?

»Ab nach Hause.« Lorenz seufzte und drehte auf dem Absatz um.

Der Weg vom Fasanensee führte an der Ostseite von Schloss Rosenfels entlang, dessen jahrhundertealte Backsteine in der Sonne leuchteten. Die gewaltige Anlage erhob sich direkt neben dem See. Sie prägte mit ihren hohen Giebeln und dem Glockenturm die gesamte Halbinsel neben der Altstadt.

Einige der unzähligen roten und weißen Kletterrosen, die die Fassade emporrankten und die dem Schloss einst seinen Namen gegeben hatten, waren bereits verblüht. Andere entfalteten gerade ihre volle Pracht und spiegelten sich in dem Wassergraben, der das Schloss umgab.

Prinz Lorenz legte einen Schritt zu und nahm hinter dem Ostflügel eine Abzweigung nach links. Die Größe des Schlossparks, angelegt im Stil eines klassischen englischen Gartens, war nicht zu unterschätzen. Lorenz wollte nicht allzu spät zum Frühstück kommen.

Ernie zerrte munter an der Leine. Er kannte den Weg genau und schien sich ebenfalls schon auf sein Frühstück zu freuen.

Schließlich kam das malerisch inmitten des Küchengartens gelegene ehemalige Verwalterhaus mit der benachbarten Orangerie in Sicht. Georg Fürst von Rosenfels und seine Frau, Fürstin Clara, saßen auf der Terrasse. Auf dem Tisch vor ihnen stand lediglich noch das Frühstücksgeschirr für Lorenz.

»Du kommst spät, wir sind bereits fertig«, erklärte die Fürstin mit einem strengen Unterton in der Stimme.

»Schimpf nicht mit mir, schimpf mit deinem Hund«, entgegnete Prinz Lorenz und ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Monsieur Ernie hat es wieder einmal vorgezogen, eigene Wege zu gehen«, sagte er und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein.

Die Fürstin lächelte und streichelte dem Dackel den Kopf.

»Er hat eben seinen eigenen Willen«, meinte sie nachsichtig.

»Was du ja sehr gut nachvollziehen kannst, nicht wahr?«, schaltete sich Fürst Georg ein. Er sah zu, wie sein Sohn scheinbar unbekümmert ein Brötchen aufschnitt und es mit Butter bestrich.

»Wie meinst du das?«, fragte Lorenz mit gespielter Arglosigkeit zurück und blickte seinem Vater in die Augen. Das war stets wie ein Innehalten vor dem Spiegel, denn die Ähnlichkeit zwischen Vater und Sohn war verblüffend. Zwar war Fürst Georg sogar noch einige Zentimeter größer als sein Sohn, und seine Haare waren inzwischen strahlend weiß geworden, aber die leuchtend blauen Augen, die symmetrischen Gesichtszüge, die schlaksige Figur und den federnden Gang hatte Lorenz hundertprozentig von seinem Vater geerbt.

»Du weißt, was ich meine. Hast du dich entschieden?« Mit einem Kopfnicken wies Fürst Georg Richtung Schlosspark, hinter dem sich die mächtige Silhouette von Schloss Rosenfels erhob.

Fürstin Clara richtete ihren Blick nahezu flehentlich auf ihren einzigen Sohn.

»Ach, Vater.« Der Prinz blickte unschlüssig auf seinen Frühstücksteller.

»Du weißt, dass ich euch gern helfen würde, wirklich«, setzte er dann an. »Aber Boston wäre eine tolle Chance für mich. Ich würde so viel lernen und einmal eine andere Sichtweise gewinnen, einmal ganz anders leben.«

»Dagegen habe ich auch nichts.« Der Fürst sah seinen Sohn ruhig an. »Du bist jung, du musst hinaus in die Welt. Wir bitten dich nur darum, es um ein Jahr zu verschieben. Wir brauchen dich jetzt hier. Schloss Rosenfels braucht dich!«

Auch Lorenz sah nun zum Schloss hinüber. Seit Jahrhunderten gehörte es seiner Familie, es war mit dem Fürstengeschlecht untrennbar verbunden. Es besaß eine wunderschöne, barocke Prachtanlage, und weil es historisch unermesslich wertvoll war, galt es als das Herz der Stadt.

Doch inzwischen war das Schloss für die Familie von Rosenfels eine gewaltige Last, von der Prinz Lorenz nicht wusste, ob er sie tragen konnte und wollte. Denn das Schloss verfiel, zusehends und seit Jahrzehnten.

Das riesige Gemäuer, errichtet auf den Grundfesten einer mittelalterlichen Burg, schien mit seinen Anforderungen an Unterhaltung und Sanierung nicht mehr in die heutige Zeit zu passen. Die Fürstenfamilie war deshalb bereits vor vielen Jahren in das schmucke Verwalterhaus gezogen. Sehr zur Erleichterung von Fürstin Clara, die sich von Anfang an in das hübsche Backsteinhaus mit den weißen Sprossenfenstern und in den zauberhaften Küchengarten verliebt hatte. Die Jahre, die sie auf dem Schloss gewohnt hatte, kamen ihr in der Rückschau kalt und dunkel vor.

Auch der Fürst hatte es nicht einen Moment bedauert, dem Schloss als Wohnsitz den Rücken gekehrt zu haben. Ebenso wie seine Frau war er im Grunde seines Herzens ein pragmatischer und moderner Mensch, der lieber optimistisch nach vorn blickte als jammervoll zurück.

Der Erhalt des Schlosses und sein Wiederaufbau hatten für Fürst Georg dennoch oberste Priorität. Für ihn war es nicht nur eine familiäre Verpflichtung, sondern eine Lebensaufgabe. Eine Lebensaufgabe, der sich jetzt, zumindest für eine Zeit, auch sein Sohn zu stellen hatte, wie der Fürst meinte.

»Es geht doch nur um ein Jahr«, mischte sich nun Fürstin Clara ein. »Wenn du uns so lange hilfst und dich mit uns um das Schloss kümmerst, wird es gewiss reichen.« Sie nahm Lorenz’ Hände in ihre und sah ihn bittend an. Dabei musste sie auch im Sitzen ein wenig nach oben blicken, denn Clara war optisch der Gegenentwurf zu ihrem Mann und ihrem Sohn.

Sie war gerade einen Meter sechzig groß und ein wenig mollig, hatte silberblonde Haare und warme, braune Augen. Sie versprühte Energie und Lebendigkeit, wo der Fürst und der Prinz oft ein wenig träumerisch und gedankenverloren wirkten.

»Der Südflügel muss unbedingt gerettet werden«, sagte die Fürstin jetzt. »Wir dürfen die Schlosskapelle nicht verloren geben. Auch nicht den Blauen Salon. Und denk nur an das Gobelinzimmer – es würde das Museum so wunderbar ergänzen.«

Teile des Schlosses waren bereits in ein Museum umgewandelt worden. Vor allem der Ostflügel mit dem Rittersaal erfreute sich bei den Besuchern großer Beliebtheit. Zusätzliche Einnahmen brachte außerdem die »Schloss-Küche«, das Restaurant, das vor drei Jahren im Hauptgebäude eingerichtet worden war.

Die Pflege des Schlossparks hatte die Stadt übernommen, nachdem das weitläufige Gelände zu einer öffentlichen Anlage umgewandelt worden war. Verwaltet wurde das Ganze von der Schlossstiftung, und es gab auch einen Förderverein mit zahlreichen rührigen Mitgliedern. Dennoch fehlte es an Geld, denn Schloss Rosenfels verschlang Unsummen – so kam es Prinz Lorenz jedenfalls vor.

»Wir brauchen neue Ideen«, erklärte der Fürst. »Wir sind nicht mehr die Jüngsten. Entscheidend sind frische, unkonventionelle Ansätze und ein modernes Marketing. Du bist genau der Richtige, um ein solides und zugleich innovatives Konzept zu entwickeln. Darum bitten wir dich.«

Lorenz atmete tief durch. Im Grunde seines Herzens wusste er, dass sein Vater recht hatte. Der Prinz hatte vor zwei Monaten sein Studium der Betriebswirtschaft abgeschlossen und verfügte über die notwendigen Kenntnisse, um aus dem Schloss möglicherweise einen florierenden Betrieb zu machen. Er kannte Rosenfels wie kaum ein anderer.

Aber: Er träumte seit Jahren von den USA. Außerdem musste er zugeben, dass er gar keine frischen, neuen Ideen hatte. Das aber mochte er seinen Eltern nicht sagen, denn Prinz Lorenz fürchtete, den Fürsten und die Fürstin zu enttäuschen. Das brachte er nicht übers Herz.

So sitze ich hier in meiner Zwickmühle, dachte er, und es scheint keinen Ausweg zu geben.

Ernie unterbrach diese Gedankengänge, indem er anfing, an Lorenz’ Lederschuh zu nagen.

»Lass das!« Lorenz zog seinen Fuß weg und stand auf. »Na gut«, sagte er dann zu seinen Eltern. »Ich muss mich endlich entscheiden.« Er fuhr sich mit einer Hand durch sein dichtes Haar. »Ich werde mir das Schloss noch einmal genau ansehen, denn ich möchte wissen, was auf mich zukommt.« Er wandte sich Richtung Schlosspark. »Zunächst gehe ich in den Südflügel, dann habe ich das Schlimmste gleich hinter mir.«

Der Prinz schritt den Kiesweg durch den Küchengarten hinunter und war rasch aus dem Blickfeld seiner Eltern verschwunden. Dennoch sahen sie ihm noch eine Weile hinterher, was Ernie die Gelegenheit verschaffte, auf einen Stuhl zu springen und sich ein übrig gebliebenes halbes Brötchen zu schnappen.

***

»Wir haben ein Problem mit den Hechtklößen!« Dominik Steinke lehnte schräg, beinahe diagonal im Türrahmen zum Büro seiner Chefin und verzog spöttisch das Gesicht.

»Was? Ich meine: Wie bitte?« Liv Persson drehte sich schwungvoll auf ihrem Stuhl herum.

»Hechtklöße? Welche Hechtklöße?«, fragte sie, während ihre halblangen, blonden Haare um ihren Kopf flogen.

»Die Hechtklöße für die Rittermahlzeit morgen Abend«, erklärte Dominik geduldig. »Für dieses Büfett, das mit Händen und Füßen gegessen wird. Na gut, nur mit den Händen. Jedenfalls sind Hechtklöße dafür offenbar unverzichtbar. Aber der Caterer sagt, er kann sie nicht machen. Er weiß nicht, wie es geht.«

»Du liebe Zeit.« Liv verzog das Gesicht.

Seit drei Jahren leitete sie jetzt ihre eigene Veranstaltungsagentur, das »LP-Veranstaltungsmanagement«. Da konnte sie mittlerweile kaum noch etwas schrecken. Dass kurz vor großen Feiern stets ein gewaltiges Chaos mit angeblich unlösbaren Problemen entstand, schien eine Art Naturgesetz zu sein. Doch Liv meisterte diese Schwierigkeiten inzwischen so lässig und souverän, als sei sie schon seit Jahrzehnten im Geschäft. Dabei war sie eine erst siebenundzwanzig Jahre junge Frau, die sich nach ihrem Studium aus einem spontanen Impuls heraus selbstständig gemacht hatte.

Jetzt warf sie Dominik einen verwunderten Blick aus ihren faszinierenden, leicht schräg stehenden grünen Augen zu. Dass ihr engster Mitarbeiter sie wegen einer solchen Lappalie störte, konnte Liv nicht nachvollziehen. Aber vielleicht war Dominik auch einfach nur zu einem Schwätzchen aufgelegt. Wofür heute, einen Tag vor dem Mittelalterfest im »Heilig-Geist-Kloster«, definitiv keine Zeit war.

»Wenn für das Büfett Hechtklöße bestellt sind, dann werden dort auch Hechtklöße serviert«, erklärte Liv. »Sag dem Caterer, dass er sich das Rezept besorgen soll. Das ist sein Job. Vielleicht werden sie so ähnlich gemacht wie Frikadellen. Wenn er sich weigert, bestellst du sie bei ›Fisch-Krüger‹, der macht sie auf jeden Fall.«

»Frikadellen.« Dominik grinste. »Gefällt mir. Ich freue mich schon darauf, diesen Tipp weiterzugeben.« Er drehte sich um, und Liv sah seinem wippenden Pferdeschwanz und seiner schmächtigen Figur hinterher, die wie stets in einem teuren, schwarzen Anzug steckte.

Dann wandte sie sich wieder ihrem Computerbildschirm zu. Noch einmal wollte sie die Liste mit den wichtigsten Posten und Erledigungen für das Fest durchsehen und dann zum Ort des morgigen Geschehens hinübergehen.

Die Geschäftsräume der Agentur lagen im Erdgeschoss eines alten Dielenhauses in der Altstadt, das einst einem ehrwürdigen Kaufmann als Kontor gedient hatte.

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