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Fürsten-Roman - Folge 2469

Auf der ganzen Welt nur Anna

Wie eine junge Frau Prinz Florians Herz gewann

Von Marion Alexi

Anna Diederichs Augen schimmern feucht, als sie auf Florian von Corloys zugeht. »Du weißt es?«, erkundigt sich der Prinz mit rauer Stimme. Natürlich weiß sie es, denn die Nachricht, dass Florians älterer Bruder auf seine Rechte und Pflichten als Erbprinz von Corloys verzichtet, hat sich auf Schloss Falkenlust schneller als ein Lauffeuer verbreitet. Jetzt ist es an Florian, die Rolle seines Bruders zu übernehmen. Aber neben steifem Protokoll und lästiger Etikette bedeutet das für den Prinzen auch, dass er standesgemäß heiraten muss.

»Ich werde nichts von dem tun, was sie von mir erwarten!«, beteuert Florian von Corloys entschlossen und zieht seine geliebte Anna in die Arme. »Ich werde dich nicht verlassen!«

»Aber du musst, Flori«, beschwört die junge Floristin ihren Liebsten mit tränenerstickter Stimme. »Du kannst deine Familie schließlich nicht im Stich lassen, wie es dein Bruder getan hat …«

Der weite blaue Himmel über dem fürstlichen Besitz Falkenlust erinnerte an ein exquisites Seidentuch. Der weiche Sommerwind zog über die gepflegten Rasenflächen und über die geradezu majestätisch wirkenden, vor langer Zeit gepflanzten Baumgruppen, um dann an der, aus Findlingen aufgeschichteten, Mauer gestoppt zu werden. Die Mauer war wie ein graues Band, die sich so sanft begrenzend um den fürstlichen Besitz schmiegte, als sei sie schon immer da gewesen.

Florian Prinz von Corloys – ein großer, schlanker und sympathisch natürlicher Mann – lief mit federnden Schritten am See entlang und durch die Eichenallee. Auf dem Weg durch den Schlosspark begegnete ihm einer der prachtvollen Pfauen. Natürlich hielt es der Lieblingsvogel der Fürstin Sophia nicht für nötig, lediglich für ihn seine schillernden Federn dekorativ aufzufächern. Hochmütig sah er an Prinz Florian vorbei, als dieser das Gewächshaus betrat.

Während sich Florian von Corloys umsah, fuhr er sich mit der rechten Hand unbewusst durch das dunkelblonde Haar. Der wachsame Berner Sennenhund am Eingang hatte den Besucher selbstverständlich längst auf seinem Radarschirm. Wohlwollend ließ er ihn passieren.

Als der Prinz die hochgewachsene, junge Frau am großen Arbeitstisch im hinteren Teil des Gewächshauses entdeckte, lächelte er sein offenes Lächeln. Die junge Frau trug eine schlichte, weiße Baumwollbluse mit hochgekrempelten Ärmeln und Jeans, die in Gummistiefeln endeten – wie immer, wenn sie arbeitete. Und die bezaubernde Anna Diederich arbeitete viel und stets zügig.

Florian verharrte, wie gefangen von Annas Anblick, einige Sekunden lang im Mittelgang. Ihr zart geformtes Gesicht schien den Blumen, mit denen ihre schlanken Finger geschickt hantierten, zuzulächeln. Ach, Anna!

Da der Hund nicht anschlug, glaubte die junge Frau, ungestört zu sein. Ohne mit der Arbeit innezuhalten, drehte sie den Kopf zur Seite. Hatte Florians Herzklopfen sie abgelenkt?

Ihre Blicke begegneten sich. Annas Augen waren groß und blau, und sie schienen wie von einem inneren Leuchten erhellt zu sein. Vom ersten Moment an hatte er sich in ihre glockenblumenblauen Augen verliebt, die Florian von Corloys spontan für sie eingenommen hatten. Und auch heute noch betörten sie ihn.

Der Prinz seufzte. Einzig Anna vermochte es, alles Gute in ihm zum Vorschein zu bringen. In ihrer Nähe fand er zu einer Ruhe, die er sonst nicht kannte.

Der Blick der jungen Frau begrüßte ihn und strich zärtlich über sein Gesicht. Prinz Florian überlief ein Zittern. Obwohl sie in zwei unterschiedlichen Welten lebten, die radikal voneinander getrennt waren, fanden es beide nicht merkwürdig, dass sie nie über ihre Beziehung reden mussten.

Florian schaute bewundernd auf Annas anmutig geschwungenen Nacken, dann ruhte sein Blick einen Moment lang auf ihren Wangen. Annas Haut war von jener durchschimmernden Art, die schon auf den leisesten Reiz reagierte und einen Hauch von flüchtiger Röte zeigte.

»Wir wollten ausreiten, nicht wahr?«, brach es spontan aus dem Prinzen heraus.

»Ich hab es nicht vergessen, Flori. Aber wie du siehst, habe ich hier schrecklich viel zu tun.«

Florian von Corloys starrte den Berg verschiedenfarbiger Rosen an, die zweifellos erst vor Kurzem frisch im fürstlichen Rosengarten geschnitten worden waren. Anna war damit beschäftigt, die Stiele anzuschneiden. Ihre Blumenarrangements waren berühmt, und die Fürstin war stets entzückt, wenn Anna ihre fantasie- und stilvollen Kreationen präsentierte.

»Ich verstehe, Georg gibt sich die Ehre«, murmelte der Prinz. Deshalb also lief drüben im Schloss alles aufgescheucht durcheinander und führte sich auf, als stünde die Ankunft Seiner Heiligkeit bevor.

»Stimmt, dein Bruder kommt heim. Endlich. Er hat sich ja lange genug damit Zeit gelassen.« Anna fuhr ruhig damit fort, die langstieligen Rosen zu entblättern und schräg anzuschneiden. »Freust du dich denn nicht?«

»Warum sollte ich mich freuen?« Der Prinz wirkte überrascht.

»Er ist schließlich dein großer Bruder.«

»Wir kennen uns ja kaum.« Florian zuckte mit den Schultern. »Und daran wird sich wohl nie etwas ändern.«

»Wer weiß, vielleicht bleibt er jetzt für immer daheim. Er soll wieder völlig gesund sein, dem Himmel sei Dank.«

»Anna, was meinst du wohl, wie lange du hier noch brauchst?«, fragte der Prinz nun, denn das Thema Georg schien ihn zu langweilen.

»Flori, ich fürchte, wir müssen unseren Ausritt verschieben.« Sie hielt kurz inne, um sich mit dem Unterarm eine rotbraune Locke aus dem Gesicht zu wischen. Wenn Anna arbeitete, trug sie ihr langes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Aber die eine oder andere störrische Locke schaffte es immer wieder, sich zu befreien.

»Georg hat sich noch nie für Blumen interessiert.« Der Prinz sah die Rosen so nachtragend an, als wären sie an der Änderung seiner Pläne schuld. »Der Aufwand ist absolut überflüssig.«

»Ihre Durchlaucht legt großen Wert auf die Rosen. Schon zur Begrüßung wird Georg einen Strauß überreicht bekommen. Und die Girlande dort«, Anna deutete mit der linken Hand flüchtig auf das schlangenähnliche Gebilde auf dem Arbeitstisch, »soll ums Eingangsportal gelegt werden. Als Willkommensgruß für den Erbprinzen.« Sie lachte hell auf, als sie einen Blick auf Florians verschlossene Miene warf. »Ach komm, ich finde es nett, wie sich deine Eltern über Georgs Rückkehr freuen. Ein krankes Kind ist immer ein Grund, sich zu sorgen. Oder?«

»Georg ist nie ein Kind gewesen«, bemerkte der Prinz ernst. »Schon lange vor Schulbeginn hatte er sich das Lesen und Schreiben selbst beigebracht. In Mathematik war er klüger als seine Lehrer. Er ist ein vorbildlicher, idealer Erbprinz, der, in jeder Hinsicht, allen Erwartungen gerecht wird.«

Anna lachte leise. »Weißt du noch, als ich euch Kränze geflochten habe? Auf der großen Wiese war das. In jenem Sommer haben die Glockenblumen so üppig geblüht.«

Natürlich erinnerte sich Florian daran. »Georg hat sich beleidigt seinen Kranz vom Kopf gerissen und ihn fortgeschleudert. Danach hat er sich nie mehr dazu herabgelassen, sich uns anzuschließen. Wir waren weit unter seinem Niveau.«

»Nun ja«, räumte Anna schmunzelnd ein, »er ist zehn Jahre älter als du. Wir kamen ihm wohl ziemlich albern vor.«

Prinz Florian schob die Hände in die Hosentaschen. »Tja, wie es aussieht, müssen wir unseren Ausritt wohl oder übel verschieben.«

»Sei nicht traurig, Flori. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.« Anna pustete die freche Locke aus der Stirn und ahnte nicht, wie süß sie dabei aussah.

Florian von Corloys hatte sich seit Tagen auf den Ausritt gefreut!

»Es scheint dir nicht zu gefallen, dass dein Bruder nach Hause kommt«, vermutete Anna, als sie ihm einen verstohlenen Blick zuwarf.

»Für mich wird sich nichts ändern. ›Georg der Perfekte‹ ist der Star der Familie, ein Bilderbuch-Erbprinz. Ich bin als zweitgeborener Sohn nur der Prinz in Reserve.«

Anna wollte nach der nächsten Rose greifen, doch sie ließ es sein und legte auch die Schere beiseite. Während sie sich die Hände an den Jeans abwischte, kam sie zu ihm. Florians Herz begann zu wummern. Anna stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn sanft auf die Wange.

Der Berner Sennenhund Max legte den Kopf schief, als habe er seine heimliche Freude an dem romantischen Anblick.

»Flori, du bist viel mehr als ein Prinz in Reserve, du bist nämlich der Prinz meines Herzens«, teilte Anna ihm mit ihrer ganzen Liebe mit.

Die düsteren Gedanken, die eben noch hinter der Stirn des Prinzen vorbeigehuscht waren, lösten sich im Nu auf, und aus seiner Kehle stieg ein Lachen. Florian legte seine Arme um Anna und zog sie an sich. Mit ihr an seiner Seite war sein Glück perfekt und sein Herz wunschlos glücklich.

Anna, auf der ganzen Welt nur Anna, dachte er selig, während sein Mund über ihre weiche Haut wanderte und schließlich ihre lächelnden Lippen fand.

***

Fürst Helmfried war immer schon behäbig und schwerfällig gewesen – sehr zum Missfallen der wesentlich agileren Fürstin, die sich oft wünschte, ein Wunder würde endlich geschehen und ihren gutmütigen Gemahl in einen schwungvollen Tänzer verwandeln.

Mit der Zeit schien Helmfried von Corloys – wie die Bäume draußen im Park – sogar Jahresringe angesetzt zu haben, die ihn noch unbeweglicher wirken ließen. Gleichzeitig wirkte er aber auch stattlich und sympathisch und schien mit den wertkonservativen Maximen seiner Familie untrennbar verwurzelt zu sein. Nie würde man diesen ausgewogenen, überschaubaren Aristokraten in einer unziemlichen Situation überraschen.

Seine Frau, Fürstin Sophia, war eine sorgfältig gepflegte, unter allen Umständen stilvoll gekleidete Dame in ihren besten Jahren. Sie liebte Juwelen, und stets schmückten sie nobel schimmernde, hellgraue Perlen am Hals und an den Ohren, und am linken Jackenaufschlag beeindruckte ihr Gegenüber eine Brosche in Form eines Veilchenbuketts.

Veilchen waren Sophias Schwäche. Sie hatte einmal gelesen, dass die österreichische Kaiserin Elisabeth, besser bekannt als Sisi oder auch Sissi, eine Vorliebe für Veilcheneis gehabt hatte. Ein Wiener Konditor sollte es eigens für die schöne Aristokratin komponiert haben. Seither wurde in der fürstlichen Küche auf Schloss Falkenlust stets Veilcheneis für Sophia bereitgehalten. Und wenn die ersten Veilchen im Schlosspark blühten, wurde die Hausherrin unverzüglich benachrichtigt.

Feines silberblondes Haar umfloss Sophias schmales Gesicht mit den hohen Wangenknochen. Sie war eine geborene Prinzessin von Karpinsky, wie sie gern mit hochgezogenen Brauen in Gesprächen einfließen ließ. Somit entstammte sie einer sehr alten und sehr vornehmen, allerdings diskret verarmten, Familie.

Sophia und ihre zahlreichen Geschwister hatten die zwangsläufig beschränkten Bedingungen ihrer Kindheit und Jugend als unangemessen empfunden und so zielstrebig wie erfolgreich nach einer Verbesserung gesucht.

Als außerordentlich passend für dieses Vorhaben hatte sich der seinerzeit junge, doch schon damals überwältigend gutmütige Fürst von Corloys erwiesen. Er war während einer Mittelmeer-Kreuzfahrt, die von Sophias liebenswürdiger Mama organisiert worden war, arglos ins Karpinskysche Fadenkreuz geraten.

Die noch blutjunge Sophia hatte ihn als nichtssagend empfunden und zunächst nicht weiter beachtet. Doch ihre ehrgeizige Mama hatte sie darauf hingewiesen, dass viele Ehemänner nichtssagend waren. Und das war, nach Meinung der Mutter, auch besser so.

Die Hochzeit hatte auf Schloss Falkenlust stattgefunden und war so grandios gewesen, dass selbst die sachlichsten Berichterstatter in Superlativen davon geschwärmt hatten. In einer der Hochglanzzeitschriften war Sophia enthusiastisch als »Braut des Jahres« bezeichnet worden, schön wie ein Filmstar und anmutig wie eine russische Primaballerina.

Und Fürst Helmfried war so verliebt in sie gewesen, wie es überhaupt nur möglich sein konnte …

Das Fürstenpaar hielt sich gegenwärtig im Gobelinsaal auf, einem großen, sparsam möblierten Raum, der sich durch eine prachtvolle Stuckdecke und überaus kostbare Wandteppiche auszeichnete. An allen vier Wänden hingen solche Teppiche, die einst in einer berühmten, flämischen Werkstatt hergestellt worden waren und die Freuden der Jagd zeigten.

Leider wurde die erlesene Umgebung vom Fürstenpaar nicht beachtet, im Gegenteil, sie schien auf Helmfried und Sophia eine überraschend deprimierende Wirkung auszuüben. Die Mienen des Fürstenpaares waren nämlich ungewohnt düster. Beide blickten starr und in unbewegter Haltung vor sich hin, während es jenseits der vier hohen Türen raschelte, flüsterte und raunte.

Etwas lag in der Luft, etwas Endgültiges, Unrettbares, Herzzerreißendes. Was war seit dem frühen Morgen geschehen, als man sich noch ungewohnt freimütig und unbekümmert auf die heiß ersehnte Rückkehr des Erbprinzen gefreut hatte?

Der Anblick des Fürstenpaars strahlte herzbewegende Einsamkeit und ungewohnte Fassungslosigkeit aus. So viele Jahre war alles angenehm überschaubar und in wohlgeordneten Bahnen gelaufen. Das Schicksal war dem lateinischen Familienmotto der Corloys gefolgt: Procul omnis esto clamor et ira. Was übersetzt bedeutete: Fern sei alles Lärmen und Zürnen.

Das galt zweifellos nicht mehr. Ohne Vorwarnung hatte sich vor ihnen ein rabenschwarzer Abgrund geöffnet …

Draußen klopfte jemand kurz gegen die mittlere der drei hohen, resedagrün gefassten Türen, über deren Füllungen zierlich geschnörkelte Leisten, wie flüssiges Gold rannen.

Prinz Florian hatte das marmorne Treppenhaus im Sturmschritt durchmessen, denn der Haushofmeister seines Vaters hatte ihm bedeutet, dass höchste Eile geboten war.

Der junge Mann war also ein wenig außer Atem, als er den großen Gobelinsaal betrat und die Tür hinter sich schloss. Er verneigte sich vor seinen Eltern und forschte irritiert in deren blassen, hermetisch verschlossenen Mienen.

»Was ist geschehen, Papa? Geht es dir nicht gut, Mama?« Der sonnengebräunte junge Prinz trug noch Reitkleidung, er hatte keine Zeit zum Umziehen gefunden.

Die Eltern blieben stumm. Florian von Corloys gab es auf, in ihren versteinerten Mienen zu forschen. Stattdessen sah er sich um, als könne die Umgebung ihm irgendeine Erklärung geben. Die Stille im Raum war bleiern, die Atmosphäre bedrückend.

Etwas Außerordentliches musste passiert sein, folgerte der Prinz und presste die Lippen aufeinander. Jenseits der Fenster leuchtete heiter der azurblaue, wolkenlose Sommerhimmel, und Lerchen jauchzten. Im Gobelinsaal aber war Trauer angesagt.

Der Prinz war vollkommen ratlos. Seine Reitkleidung kam ihm nun unpassend vor und war ihm sogar peinlich.

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