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Fürsten-Roman - Folge 2460

Verliebt in eine Schneekönigin

Wer bringt das eisige Herz der Fürstentochter zum Schmelzen?

Von Katja von Seeberg

Der junge Holzkünstler Jonas Schildknecht organisiert jedes Jahr einen Wintermarkt in München, der traditionell am alten Rathaus stattfindet. Für dieses Jahr hat die Stadtverwaltung den Markt allerdings völlig überraschend abgesagt, sodass Jonas einen neuen Veranstaltungsort suchen muss. Doch so kurzfristig findet sich kein geeigneter Platz, und so bleibt Jonas nur noch eine Hoffnung: der Hof des altehrwürdigen Schlosses Lohenstein. Die Lage wäre perfekt, doch es gibt ein Problem: Die junge Schlossherrin Elisabeth Prinzessin von Lohenstein gilt als sehr unangenehme Person. Den Kontakt zu ihrer Familie hat sie schon lange abgebrochen, und auch sonst wagt sie sich nur selten unter Menschen. Überall ist sie als »Schneekönigin« bekannt, und man sagte, sie habe ein Herz aus Eis …

»Das darf doch nicht wahr sein!« Jonas Schildknecht fiel aus allen Wolken.

Noch einmal las er das Schreiben der Stadtverwaltung durch, in der Hoffnung, dass er nur etwas falsch verstanden hatte. Doch die Ernüchterung erfolgte sogleich. Es lag kein Irrtum vor. Es stand dort schwarz auf weiß.

»Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass der Wintermarkt dieses Jahr nicht auf dem Rathausplatz stattfinden kann«, las er die Zeilen laut vor.

Sofort riss ihm seine Kollegin Tessa Liebermann das Schreiben aus der Hand und überflog es.

»Das können die doch nicht machen!«, sagte sie fassungslos. »Es ist doch bereits alles organisiert, weil wir fest mit der Zusage gerechnet haben. Die Händler und Schausteller sind informiert, viele haben schon zugesagt.«

»Ich weiß. Und die Stadtverwaltung nennt noch nicht einmal eine Begründung für die Absage.«

Der Wintermarkt fand schon seit Jahrzehnten traditionell eine Woche vor Weihnachten auf dem Platz am alten Münchener Rathaus statt. Als Jonas noch ein Kind gewesen war, war er oft mit seinen Eltern dorthin gegangen, hatte einen kandierten Apfel gegessen und die Weihnachtsstimmung genossen.

Um sechs Uhr abends war der Chor aufgetreten, und auch das war bis heute Tradition, denn der Chor existierte immer noch. Jonas war sich sicher, er war nicht der Einzige, der den Wintermarkt über die Jahre hinweg lieben gelernt hatte. Dieser Markt gehörte zu Weihnachten wie Zimtsterne und Lichterketten.

»Was machen wir denn jetzt?«, fragte Tessa verzweifelt.

Seit einigen Jahren hatten sie und Jonas die ehrenamtliche Leitung der Wintermarkt-Organisation übernommen. Tessa war ein Energiebündel und liebte diese Arbeit, und Jonas hatte sich aus nostalgischen Gründen dazu entschieden – und auch, weil er auf dem Markt seine Kunstwerke anbieten konnte.

Jonas hatte sich selbstständig gemacht und widmete sich ganz der Holzschnitzkunst, einem alten Handwerk, das bereits sein Großvater ausgeübt hatte.

Doch wie es aussah, würde er seine Werke dieses Jahr nicht ausstellen können. Das war ganz schön niederschmetternd.

»Ich werde einen Beschwerdebrief schreiben und um Aufklärung bitten«, entschied er. »Ich wüsste schon zu gern, was die Gründe für die Absage sind. Im August kam noch die Zusicherung, dass es klappen würde. So leicht können die sich nicht aus der Affäre ziehen.«

»Ja, mach das. Aber viel wird uns das nicht nützen. Es sind ja sogar schon die Flyer gedruckt. Das Ganze abzusagen wäre ziemlich unangenehm.«

Jonas fuhr sich nachdenklich über das Kinn. »Neue Flugblätter zu drucken ist ja noch das kleinste Problem. Vielleicht können wir einen anderen Veranstaltungsort finden? Das wäre zwar immer noch ziemlich aufwendig, aber besser, als den Markt komplett abzusagen.«

»So kurzfristig? In vier Wochen ist schon Weihnachten«, erinnerte sie ihn. »Die meisten anderen Weihnachtsmärkte haben ebenfalls ihre angestammten Veranstaltungsorte. Da bekommen wir nichts mehr.«

»Wir sollten es zumindest versuchen, statt die Flinte vorschnell ins Korn zu werfen.«

Tessa nickte schließlich. »Du hast sicher recht … Warte mal, da fällt mir gerade etwas ein.« Sie strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und überlegte. »Ich glaube, ich habe eine Idee, wo der Markt stattfinden könnte.«

»Tatsächlich?«, fragte Jonas erstaunt. So schnell war ihm nichts eingefallen. Es musste schließlich ein Platz sein, der groß genug für den Markt und für Besucher gut zu erreichen war.

»Das alte Schloss Lohenstein!«, rief Tessa. »Dort haben wir gute Chancen, weil dort noch nie ein Weihnachtsmarkt stattgefunden hat.«

»Schloss Lohenstein?«

»Ja, das liegt sogar einigermaßen zentral in der Stadt. Es ist nur ein kleines Schloss, hat aber einen ausreichend großen Hof. Du hast es sicher schon mal gesehen.«

»Richtig. Aber lebt dort nicht diese … Wie wird sie noch genannt?«

»Die Schneekönigin?« Tessa lachte leise.

Aber Jonas fand weder den Namen noch die Situation wirklich lustig, denn die Schlossherrin war nicht gerade für ihre Herzlichkeit bekannt. Genau genommen war – wenn man den Presseartikeln glaubte – sogar das Gegenteil der Fall. Kein Wunder also, dass sie sehr zurückgezogen lebte und den Kontakt zu anderen Menschen scheute.

Ihren Namen kannte man trotzdem, da die Familie von Lohenstein eine lokale Berühmtheit war. Wie groß war die Chance, dass die sogenannte Schneekönigin einen Wintermarkt auf ihrem Anwesen erlaubte?

»Ich denke, das können wir gleich vergessen«, sagte Jonas resignierend.

»Du gibst aber schnell auf«, wunderte sich Tessa.

Er zuckte hilflos mit den Schultern. »Ich halte mich von solch hohen Herrschaften wie Elisabeth von Lohenstein lieber fern. Diese Menschen haben doch jegliche Bodenhaftung verloren.«

»Das klingt, als wärst du schon einmal an die Prinzessin geraten, und das ist offenbar keine besonders schöne Erfahrung gewesen.«

Er schüttelte den Kopf. »Es gab ein Erlebnis, ja. Aber das hatte nichts mit der Prinzessin zu tun.«

»Mit wem dann?«

»Sagt dir der Name Inga Schenkmann etwas?«

»Aber natürlich. Die berühmte Sängerin. Sag bloß, du kennst sie?«

»Nicht wirklich. Dennoch hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, mir ein genaues Bild von ihr machen zu können. Das war vor einigen Jahren, auch auf dem Wintermarkt, als du noch nicht zum Organisationsteam gehört hast.«

»Davon hast du mir nie erzählt. Was ist denn passiert?«

»Das Fernsehen wollte eine Reportage über Inga drehen, und man hatte sich den Markt als Schauplatz ausgesucht. Inga betrachtete ein paar meiner Figuren an meinem Stand, lächelte in die Kamera und lobte die Arbeit.«

»Klingt erst mal nicht allzu unsympathisch.«

»Das dachte ich zunächst auch. Aber dann gingen die Kameras aus, und ich wollte ihr die Figur, die ihr so gefallen hatte, schenken. Weißt du, was sie gesagt hat?«

»Ich habe keine Ahnung.«

»Dass sie solchen Schund nicht braucht.«

»Das ist hart.« Tessa blickte ihn mitfühlend an. Jonas aber zuckte nur mit den Schultern. »Ich habe kein Händchen für Prominente – und auch nicht für Prinzessinnen.«

»Dann lass mich mit ihr reden. Ich werde sie davon überzeugen, dass ein Jahr ohne Wintermarkt ein tristes Jahr ist.« Tessa zwinkerte ihm zu, und irgendwie steckte sie ihn mit ihrem Optimismus an.

Jonas nickte. »Na schön, versuchen wir unser Glück. Mehr als Nein sagen kann sie ja nicht.«

»Eben.«

***

Als Jonas Schildknecht am selben Abend nach Hause kam und die Tageszeitung aus dem Briefkasten zog, blickten ihn die eiskalten Augen der »Schneekönigin« an. Irgendwie hatte es die scheue Prinzessin wieder einmal auf die erste Seite des Tageblatts geschafft.

Jonas hatte kein gutes Gefühl, als er sie näher betrachtete. Ihre Züge schienen maskenhaft. Sie war schön, zweifelsohne, doch sie wirkte auch hart. Härter als Inga Schenkmann. Und viel unnahbarer.

Schon morgen wollte Tessa die Prinzessin auf Schloss Lohenstein aufsuchen. Die Ärmste würde sich an der Adligen die Zähne ausbeißen, da war Jonas sicher. Vielleicht war es doch besser, wenn er seine Kollegin begleitete?

Er schleppte sich die Treppe hoch, schloss die Tür seiner kleinen Singlewohnung auf und hängte seinen Mantel an den Haken. Dann schlüpfte er aus seinen Stiefeln direkt in die Pantoffeln und setzte sich ins geheizte Wohnzimmer.

Ein Blick aus dem Fenster verriet ihm, dass es zu schneien begonnen hatte. Winzige Schneeflocken tanzten durch die Luft. Ihr Anblick beruhigte ihn ein wenig. Die kurzfristige Absage der Stadtverwaltung hatte ihm mehr zugesetzt, als er gedacht hatte. Tessas Vorschlag war vielleicht die einzige Lösung – und die stand auf äußerst wackeligen Beinen.

Die Zeitung hatte er immer noch in der Hand. Wieder sah er die Prinzessin an. Sie strahlte eine Kälte aus, die er selbst hier spüren konnte. Ein Frostschauer durchfuhr ihn. Es war ganz gewiss besser, wenn er Tessa morgen begleitete.

Sicherheitshalber wollte er aber auch über ein paar Alternativen nachdenken, falls die Prinzessin ihre Zusage verweigerte – womit er fest rechnete. Was hätte sie auch davon, den Markt in ihrem Hof zu veranstalten? Publicity? Es machte nicht den Anschein, als kümmerte sie sich um so etwas.

Sie war nie auf Seite eins, weil sie es wollte, sondern weil die Reporter hinter der kühlen Fassade der Adligen eine interessante Story witterten. Je stärker man sich den Journalisten entzog, desto interessanter wurde man. Zumindest hatte er das bei einem Gespräch zwischen Inga Schenkmann und einem der TV-Produzenten mitbekommen, als die Kameras aus gewesen waren.

Eigentlich, so überlegte Jonas, waren sich Inga Schenkmann und Elisabeth Prinzessin von Lohenstein nicht besonders ähnlich, wie er zunächst angenommen hatte. Im Gegenteil. Die eine wollte mit aller Macht auf Seite eins, die andere war gegen ihren Willen dort zu finden.

Die Prinzessin mochte kalt und unnahbar wirken, aber sie war keine jener Diven, die Aufmerksamkeit suchten. Das machte sie sogar ein wenig sympathisch. Vielleicht täuschte er sich ja in ihr? Er würde es morgen herausfinden.

Ein bisschen neugierig war er schon geworden. Am Ende verstanden sie sich vielleicht sogar noch prächtig. Jonas schmunzelte. Dann ging er in die Küche, um sich einen Tee zu machen.

Die Winterabende waren lang und einsam. Es war lange her, dass er zuletzt in einer Beziehung gewesen war. Augenblicklich dachte er an Tessa. Sie war süß und hilfsbereit, vor allem klug. Er mochte sie sehr. Wenn sie es tatsächlich schafften, die Prinzessin zu überzeugen, würde er Tessa zum Dank in ein schickes Restaurant einladen. Das nahm er sich fest vor.

Als der Tee fertig war, rief er seine Kollegin an, um ihr mitzuteilen, dass er morgen doch dabei sein wollte. Tessa freute sich sehr, und ihr freudiges Lachen war wie Musik in seinen Ohren.

***

Tessa Liebermann hatte nicht übertrieben. Der Hof von Schloss Lohenstein war perfekt für den kleinen Markt geeignet. Das Schloss wirkte reizend, fast ein wenig märchenhaft. Kein Wunder also, dass eine Schneekönigin darin wohnt, überlegte Jonas schmunzelnd.

»Vielleicht hätten wir besser anrufen und einen Termin vereinbaren sollen«, gab er zu bedenken.

»Das habe ich gestern versucht, doch es ging niemand ran. Wir haben nicht so viel Zeit, wir brauchen eine schnelle Lösung. Deswegen sind wir nun mal ohne Termin hier«, erklärte Tessa.

Sie wirkte etwas gereizt. War sie etwa wegen der Prinzessin aufgeregt? Jonas konnte es ihr nicht verdenken. Die Klatschpresse überschlug sich ja geradezu mit negativen Adjektiven, wenn es um »die Schneekönigin« ging.

Sie liefen weiter. Leise knirschte der Schnee unter ihren Stiefeln, während sie sich dem Schlossportal näherten. Das wäre auch eine perfekte Filmkulisse, dachte Jonas.

»Kann ich Ihnen vielleicht helfen?«, erklang plötzlich eine tiefe Stimme hinter ihnen.

Erschrocken drehten sich Jonas und Tessa um und blickten in das faltige, doch gütige Gesicht eines älteren Herrn, der einen dicken Wollschal um den Hals geschlungen hatte und mit zwei Einkaufstüten beladen war.

»Ja … vielleicht«, sagte Tessa und blickte Hilfe suchend zu Jonas.

»Wir möchten gern mit der Prinzessin sprechen.«

Der ältere Herr hob erstaunt eine Braue. »Haben Sie denn einen Termin?«

»Leider nein«, sagte Jonas und seufzte. »Es geht um den diesjährigen Wintermarkt.«

»Der, der am Rathaus stattfindet?«, hakte der ältere Herr nach.

Jonas überlegte, ob es Elisabeths Vater, der Fürst, sein mochte. Doch es war wohl nicht anzunehmen, dass dieser seine Einkaufstüten selbst schleppte. Für so etwas hatten die hohen Herren doch Personal.

»Das ist es ja gerade. Die Stadtverwaltung hat uns kurzfristig abgesagt. Wir suchen nun händeringend einen neuen Veranstaltungsort«, erklärte Jonas.

»Und deswegen sind Sie hier. Ich verstehe. Nun kommen Sie erst mal rein. Es ist ja sehr kalt geworden.« Der ältere Herr schob sich an ihnen vorbei zum Eingang, stellte die Tüten ab, schloss das Portal auf und bat Tessa und Jonas hinein.

»Ich bin übrigens Hartmut Gerich, der Butler der Prinzessin«, stellte er sich vor.

»Mein Name ist Jonas Schildknecht, und das ist meine Kollegin Tessa Liebermann.«

»Freut mich, bitte folgen Sie mir in den Empfangssaal. Ich werde die Prinzessin sogleich informieren.«

Wenige Augenblicke später, kurz nachdem es sich Jonas und Tessa auf einer samtig weichen Couch gemütlich gemacht hatten, trat eine hochgewachsene, äußerst schlanke Frau in einem eleganten Kostüm ein.

Die dunklen Haare waren hochgesteckt. Sie wirkte erstaunlich zerbrechlich und – was Jonas noch mehr überraschte – merkwürdig anziehend. Beinahe elfenhaft. Er hatte zwar schon das eine oder andere Bild in der Klatschpresse gesehen, aber in natura wirkte die Prinzessin äußerst reizend.

»Guten Tag«, sagte sie und nickte ihnen beiden zu, ehe sie sich in den Sessel setzte.

Jonas bemerkte gleich, dass ihre Augen wie zwei Eiskristalle funkelten. Nie hatte er hellere Augen gesehen. Sie faszinierten ihn sehr.

»Guten Tag«, stammelte er nervös.

Das war nun wirklich ganz unüblich für ihn. Normalerweise brachte ihn nichts so schnell aus der Ruhe. Aber sogar sein Herz klopfte in Gegenwart der Prinzessin schneller. Was hatte das nur zu bedeuten?

»Mit wem habe ich das Vergnügen? Und wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte die Prinzessin.

Ihre Stimme klang seltsam gereizt. Ungeduldig. Wahrscheinlich hatte sie noch andere Termine.

»Ich bin Jonas Schildknecht, und das ist Tessa Liebermann. Wir sind die Organisatoren des Wintermarkts. Ich weiß nicht, ob Ihr freundlicher Butler Sie bereits über unser Anliegen informiert hat, doch …«

»Ich würde wohl nicht fragen, wenn ich bereits informiert wäre«, fiel ihm Prinzessin Elisabeth ins Wort.

Die Wärme, die gerade noch durch Jonas’ Brust geströmt war, verschwand. Elisabeth von Lohenstein mochte eine ansehnliche Person sein, aber sie war so kalt wie ein Eiswürfel. Die Presse hatte wohl ausnahmsweise nicht übertrieben.

»Es geht um die Frage, ob der Wintermarkt möglicherweise im Hof von Schloss Lohenstein stattfinden könnte«, sprang Tessa ihm zur Seite.

»Das ist also Ihre Frage an mich? Ob ich dazu bereit wäre, irgendeinen Weihnachtsmarkt bei mir zu veranstalten?« Das klang geradezu spöttisch.

Auf Jonas’ Sympathieskala sank die Prinzessin nur noch tiefer.

»Es handelt sich nicht um irgendeinen Weihnachtsmarkt, sondern um den traditionellen Wintermarkt, der sonst auf dem Platz vor dem alten Rathaus ...

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