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Fürsten-Roman - Folge 2459

Erben ist nicht immer leicht

Wie ein listiger Plan zwei Liebende zusammenbrachte

Von Sandra Heyden

Der reiche Kunstsammler Herrmann Fürst von Fredensholt lebt sehr zurückgezogen. Seine einzige Freude ist seine ungeheuer wertvolle Kunstsammlung, die von der jungen Kunstsachverständigen Dr. Emma Holtmann betreut wird.

Als Fürst Herrmann erfährt, dass er unheilbar krank ist, muss er sich Gedanken um einen Erben machen. Da er selbst keine Nachkommen hat, kommen hierfür nur einige weitläufige Verwandte und sein Patensohn, der Kriminalschriftsteller Frederik van Kesting, infrage. Der Fürst hält jedoch seine Verwandten allesamt für unwürdig, sein Erbe anzutreten. Also unterbreitet Emma ihm den Vorschlag, so zu tun, als wolle er endlich heiraten und im hohen Alter doch noch eine Familie gründen. Diese Nachricht – davon ist sie überzeugt – wird bei seinen potenziellen Erben für Aufruhr sorgen und deren wahre Natur zum Vorschein bringen. Dann wird Fürst Herrmann erkennen, wer ein geeigneter Erbe ist …

Dr. Frieda Wilhelmy bat ihren hochgestellten Patienten in die Salonecke, wie sie die gemütliche Sitzgruppe nannte, die sich in ihrem ansonsten recht nüchternen Sprechzimmer in einer Ecke am Fenster befand.

Auch mit gut sechzig Jahren übte Frieda Wilhelmy ihren Beruf als Ärztin noch mit ungebrochener Leidenschaft aus.

Sie bot ihrem Patienten einen der hochlehnigen Sessel an, zögerte jedoch, sich zu ihm zu setzen. Sie musterte ihn eindringlich.

Herrmann Fürst von Fredensholt war seit Jahrzehnten ihr Patient. Mit ihm verband sie ein inniges Vertrauensverhältnis, das sie sich mühsam mit Geduld und Warmherzigkeit hatte erarbeiten müssen, denn der Fürst galt als schwierig und war ein ausgesprochener Menschenfeind.

Fürst Herrmann hatte die Siebzig weit überschritten. Er war nicht sonderlich groß und eher mager als schlank. Seinen schmalen, eiförmigen Kopf zierte kein einziges Haar, dafür jedoch trug er einen dichten Oberlippenbart, dessen Enden, kunstvoll gezwirbelt, wie Speerspitzen abstanden.

Der Fürst fand selten den Weg in die enge Kleinstadtpraxis seiner Ärztin, doch in den letzten Wochen hatten ihn zermürbende Kopfschmerzen und eine unnatürliche Müdigkeit geplagt. Eingehende Untersuchungen hatten ihn gezwungen, sein geliebtes Wasserschloss zu verlassen, das versteckt in einem ausgedehnten Waldgebiet idyllisch auf einer Insel in einem kleinen See lag.

Im Grunde verließ er das Schloss nur zu ausgedehnten Spaziergängen, denn die Welt hatte dem alten Herrn nichts zu bieten, und so zog er es vor, sein Leben inmitten seiner weithin bekannten Kunstsammlung zu verbringen, die die einzige wirkliche Freude in seinem Leben war.

Mürrisch blickte der Fürst seiner Ärztin entgegen, die sich nun endlich zu ihm setzte. Frieda Wilhelmy war immer noch eine aparte Erscheinung, wenn auch zu ihrem Leidwesen ein wenig mollig. Brünettes, wild gelocktes Haar verlieh ihrer kleinen Gestalt etwas Exzentrisches.

Fürst Herrmann konnte in ihren warmen, mitleidsvollen Augen erkennen, dass sie ihm an diesem Vormittag keine guten Nachrichten zu überbringen hatte.

»Die Untersuchungsergebnisse sind eingetroffen, Durchlaucht.« Ihre klare Stimme klang warm und freundlich.

»Es sieht wohl nicht gut aus, wie?«, vermutete der alte Fürst schnarrend.

Die Ärztin schüttelte langsam den Kopf. »Nein, leider nicht.«

»Krebs?«

Wieder schüttelte die Ärztin den Kopf. »Ein Aneurysma.«

Der Fürst sah sie ratlos an, und sein Blick forderte erschöpfendere Informationen.

»Das ist eine Aussackung in einer Ader. In Ihrem Fall in einem Blutgefäß in Ihrem Gehirn. Die Gefäßwand wölbt sich nach innen und droht die Ader zu verschließen.«

»Kann man etwas dagegen tun? Eine Operation?«, wollte der Fürstin erstaunlich gelassen wissen.

»Nein. Das Aneurysma liegt in einer Region, die es inoperabel macht. Sie werden ein Blutverdünnungsmittel nehmen müssen, Durchlaucht, damit das Blut leichter die Engstelle passieren kann.«

»Damit kann ich leben«, knurrte der alte Mann.

»Fragt sich nur, wie lange«, entgegnete die Ärztin zögernd, und zum ersten Mal blinzelte der Fürst verständnislos.

»Das Problem ist«, fuhr die Medizinerin leise und eindringlich fort, »dass die Gefäßwand durch die Auswölbung immer dünner wird, je mehr das Aneurysma wächst. Und es wird größer werden, Durchlaucht. Und wenn es platzt, bedeutet das Ihren sofortigen Tod.«

Sie redete nicht lange um den heißen Brei herum, und das gefiel dem Fürsten an seiner Ärztin. Sie nannte die Dinge beim Namen.

»Wie lange habe ich noch?«, wollte er wissen.

»Das ist das Tückische bei Aneurysmen. Man kann es unmöglich vorhersagen. Es könnte morgen platzen oder in einem Jahr oder gar nicht, aber das ist eher unwahrscheinlich. Sie sollten Stress und anstrengende Tätigkeiten vermeiden, die den Druck in Ihrem Gehirn, beziehungsweise dem Blutgefäß, erhöhen würden. Das ist der einzige Rat, den ich Ihnen geben kann.«

»Ich sitze also auf einem Pulverfass, das jeden Moment explodieren kann«, stellte der Fürst grimmig fest.

Sie nickte. »Es tut mir leid, dass ich keine besseren Nachrichten für Sie habe.«

»Muss es nicht«, knurrte er und erhob sich.

Ohne sich von ihr zu verabschieden, verließ er das Sprechzimmer.

Frieda Wilhelmy seufzte. Sie mochte den Fürsten, auch wenn sich dieser eigensinnig und kauzig gab. Sie ging zum Fenster, das ihr einen Blick auf die Straße erlaubte.

Ihre Praxis lag mitten in der Altstadt des kleinen Städtchens in einem recht windschiefen Fachwerkhaus. Auf dem Kopfsteinpflaster vor dem Gebäude parkte der elegante Wagen des Fürsten.

Ein uniformierter Chauffeur öffnete gerade die Tür zum Fond, und sie sah den Fürsten einsteigen. Mit einem satten Motorengeräusch fuhr der große Wagen schließlich ab.

Frieda Wilhelmy ging zu ihrem Schreibtisch zurück. Natürlich brauchte der Fürst Zeit, die schlechte Nachricht zu verkraften. Man wurde nicht jeden Tag mit der Endlichkeit seines Lebens konfrontiert. In einigen Tagen würde sie nach Fredensholt hinausfahren und nach ihm sehen.

***

Schloss Fredensholt galt als eines der prächtigsten Wasserschlösser des Münsterlandes und entstammte in seinen Ursprüngen bereits dem Mittelalter. Aus einer alten, wehrhaften Wasserburg war es einst entstanden. Es war nicht sehr groß, aber architektonisch von nicht unerheblicher Bedeutung, da es sich um eine sogenannte Ringanlage handelte.

Das Schloss, das deutliche Merkmale der Renaissance, des Barock und auch des Klassizismus erkennen ließ, bildete einen unregelmäßigen Kreis um einen kleinen Innenhof, der von einer uralten, mächtigen Kastanie beschattet wurde. Eine Steinbrücke führte von der Vorburg über eine schmale Enge des Sees durch einen dunklen Torbogen in den Hof.

Die lang gestreckten Gebäude der Vorburg, von der aus in früheren Zeiten das fredensholtsche Gut bewirtschaftet worden war, standen seit Langem leer und begannen allmählich zu verfallen.

Dieser Anblick schmerzte Emma Holtmann jedes Mal, wenn sie ihren Kleinwagen zum Schloss lenkte – wie auch an diesem Nachmittag. Es war ein warmer Sommertag und noch relativ hell, als sie mit ihrem Wagen in den Hof einfuhr.

Schloss Fredensholt war ihr Arbeitsplatz, und sie konnte sich keinen schöneren vorstellen. Als studierte Kunsthistorikerin arbeitete sie als Kuratorin und Sachverständige für den Fürsten von Fredensholt und verwaltete die bedeutende Kunstsammlung des Fürsten, der sich auf die Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts in allen ihren Ausformungen spezialisiert hatte.

Emma mochte den alten Mann, auch wenn dieser nicht immer freundlich zu ihr war. Mittlerweile achtete und respektierte der Fürst sie jedoch, und sie war zu seiner einzigen Vertrauten avanciert. Emma betrachtete dies als Ehre.

Als sie nun das Foyer des aus der Renaissance stammenden Haupthauses betrat, atmete Emma Holtmann tief durch. Zufriedenheit zeichnete sich in den etwas herben Zügen ihres ansonsten sehr feinen Gesichtes ab.

Wie immer, wenn sie das Schloss betrat, hatte sie das Gefühl, nach Hause zurückzukehren. Auf dem hellen Carraramarmor unter ihren Füßen lagen diverse schon recht verschlissene Orientteppiche, während sich rechts das Treppenhaus in die oberen Stockwerke schwang. Mächtige Säulen stützten die hohe, mit feinsten Malereien und herrlichen Stuckaturen ausgestaltete Decke.

Emma lief die Treppe hinauf. Durch einen breiten Korridor gelangte sie in den klassizistischen Westflügel, wo sich die über zwei Stockwerke reichende Bibliothek des Schlosses befand. Hier wurde die Architektur sehr klar und gerade.

Die Bibliothek hatte einen warmen Parkettboden. Der Vorraum mutete durch einen Kamin, die geschlossenen Bücherschränke und eine mit alten, lederbezogenen Ohrensesseln bestückte Sitzgruppe eher wie ein Salon an.

Die eigentliche Bibliothek entpuppte sich als saalähnlicher Raum. In der Mitte standen große Tische. Auf einigen lagen ungeordnet Bücher, auf anderen standen Armillarsphären aus verschiedenen Jahrhunderten, die unweigerlich den Blick des Eintretenden einfingen.

Die tiefen Fensternischen waren mit gut ausgestatteten Bücherregalen angefüllt, und in den Ecken führten schmiedeeiserne Wendeltreppen zu einer umlaufenden Empore, die weitere Bücherregale beherbergte.

Emma, die wusste, wie gern der Fürst sich in diesen Räumen aufhielt, sah sich suchend um.

»Durchlaucht?«, rief sie und ahnte nicht, dass ihr Eintritt bereits von der Empore aus wahrgenommen worden war.

Fürst Herrmann stand an der Brüstung und blickte auf seine Mitarbeiterin hinab. Er freute sich, sie zu sehen, denn Emma war einer der wenigen Menschen, deren Gegenwart ihn nicht reizbar machte.

Sie hatte sich als intelligente junge Frau erwiesen. Bescheiden und zurückhaltend im Auftreten, doch selbstbewusst genug, um ihm Paroli zu bieten, und geradezu leidenschaftlich, wenn es um die von ihm so geliebte Kunst ging.

Fürst Herrmann blickte auf seine Kuratorin hinab. Sie war ungewöhnlich groß für eine Frau, überragte ihn um mehr als Haupteslänge. Dabei war sie schlank und hatte durchaus sehenswerte weibliche Formen, die sie jedoch mit Hosenanzügen und strengen Kostümen zu verbergen suchte.

Emma hatte ein klares, feines Gesicht, das durch die geraden Augenbrauen etwas herb wirkte. Kurzes, rotblondes Haar umrahmte das perfekte Oval, das von dunkelblauen Augen beherrscht wurde, die einen offenen Blick zeigten.

Der Fürst wusste wohl, dass Emma es mit ihren gerade einmal dreiunddreißig Jahren aufgegeben hatte, an die große Liebe zu glauben. Männer wurden nicht gern von einer Frau überragt. Und wenn diese dann noch eine außergewöhnliche Intelligenz an den Tag legte, wirkte das eher abschreckend.

Dennoch hoffte Fürst Herrmann, dass sich eines Tages auch der passende Partner für Emma fand. Ein so liebenswertes Wesen sollte seine Tage nicht allein verbringen.

Das leise Seufzen des Fürsten ließ Emma aufmerksam werden.

»Durchlaucht, ich habe gute Nachrichten.«

»Wie erfreulich – zur Abwechslung«, murrte er und stieg langsam die eiserne Wendeltreppe in seiner Nähe hinab.

»Das ist es wirklich«, gab Emma beseelt zurück. »Der Feininger, der in London von Sotheby’s angeboten wurde, war tatsächlich echt, und ich konnte ihn für Ihre Sammlung erwerben. In einigen Tagen wird das Bild geliefert. Sie könnten sich schon mal Gedanken darüber machen, wo Sie es platzieren möchten …«

Emma verstummte, als sie nun in das Gesicht des Fürsten blickte. Sein scheinbares Desinteresse wunderte sie. Fürst Herrmann selbst hatte sie enthusiastisch gebeten, den Feininger auf jeden Fall zu ersteigern, sollte er sich als echt erweisen.

Überhaupt wirkte der Fürst verändert … Emma begann, sich Sorgen zu machen.

»Ich könnte mir den Feininger gut im grünen Salon vorstellen«, schlug sie vor, ohne ihrer wachsenden Besorgnis Ausdruck zu verleihen.

Aus Erfahrung wusste sie, dass es keinen Sinn hatte, den Fürsten mit Fragen nach seinem Wohlergehen zu behelligen. Er würde sie nur grimmig abweisen. Es war besser, zu warten, bis der Fürst von selbst das Wort ergriff, so er sich ihr denn mitteilen wollte.

»Sollen wir uns einmal ansehen, wo im Salon der geeignete Platz wäre?«, fragte sie.

Der Fürst nickte nur und folgte ihr ins Erdgeschoss, wo sich der grüne Salon vor gut hundert Jahren als sogenanntes Damen-Morgenzimmer etabliert hatte. Mittlerweile wurde der Raum für den Nachmittagskaffee genutzt, denn die hohen Fenster boten einen herrlichen Blick auf den kleinen See. Ein wunderbarer, geradezu befreiender Anblick, wie Emma fand.

Sie deutete auf eine Stelle über dem zierlichen Biedermeier-Sofa, wo zurzeit noch eine altmodische Skizze hing, die Schloss Fredensholt in einem früheren Jahrhundert zeigte.

»Dort würde sich der Feininger gut machen, meinen Sie nicht, Durchlaucht? Wenn die Nachmittagssonne hereinfällt, wird das Bild dort nicht von direkten Strahlen getroffen, und doch wird das Sonnenlicht es leuchten lassen. Wenn man an die Farben denkt …«

»Darf ich den Kaffee servieren, Durchlaucht?«, wurde Emma unsanft unterbrochen.

Ohne eine Antwort abzuwarten, stellte das ältliche Hausmädchen Grete das mit einer Kaffeekanne, zwei Tassen und lecker duftenden Teilchen beladene Tablett auf den Tisch und verschwand wieder.

»Ah, einen Kaffee kann ich jetzt wirklich gebrauchen«, stellte Emma fest und bemerkte, dass auch ihr Magen knurrte. Sie setzte sich und goss sich und ihrem Arbeitgeber Kaffee ein. »Lassen Sie ihn nicht kalt werden«, bat sie den Fürsten und biss in ein mit Zuckerguss versehenes Plunderteilchen.

Die Köstlichkeiten waren von der langjährigen Köchin Magda frisch zubereitet worden.

»Magda ist wirklich ein Genie«, murmelte Emma beglückt, ohne den Fürsten aus den Augen zu lassen, der sich nun zu ihr setzte.

Durch sein anhaltendes Schweigen war ihre Besorgnis noch gewachsen.

»Ich muss mein Testament machen«, brach es nun voller Widerwillen aus ihm hervor.

»Haben Sie das nicht längst?«, wunderte sich Emma.

Doch der Fürst schüttelte den Kopf. »Nein, das habe ich immer vor mir hergeschoben. Aber jetzt habe ich keine Wahl mehr. Die Frage ist nur, wem ich das alles anvertrauen soll: das Schloss, die Sammlung, das Vermögen …«

»Wieso haben Sie keine Wahl?«, entfuhr es Emma ahnungsvoll. »Sind Sie etwa krank?«

Sie wusste um seine Beschwerden der letzten Wochen, wäre aber nie auf den Gedanken gekommen, dass etwas Ernsthaftes dahinterstecken könnte.

»Sie waren bei Frau Dr. Wilhelmy, während ich in London war?«, vermutete sie, und der Fürst nickte nun.

»In der Tat. Sie hat mich auf den Kopf gestellt, um etwas zu finden.«

»Und sie hat etwas gefunden?«

»Heute Morgen hat sie die Ergebnisse erhalten und sich nicht gescheut, sie mir umgehend mitzuteilen«, knurrte der Fürst. »Es sieht übel aus.«

»Inwiefern übel?«, hakte Emma erschrocken nach.

»Ich werde sterben!«, klärte er sie schonungslos auf und fügte auf ihren entgeisterten Blick erklärend hinzu: »Da ist so ein Ding in meinem Kopf …«

Fürst Herrmann setzte Emma über seinen Gesundheitszustand in Kenntnis, mit fast denselben Worten, die am Morgen schon Dr. Frieda Wilhelmy benutzt hatte.

Emma starrte ihn sprachlos an, nachdem er geendet hatte.

»Das ist furchtbar«,

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