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Fürsten-Roman - Folge 2455

Mein Herz gehört nur dir allein

Fürst Benedikt und die schöne Geigerin

Von Marion Alexi

Die Geigerin Feodora Sonntag, genannt Feo, lebt zusammen mit ihrem Vater Linus in einem alten Haus auf dem Besitz der Fürstenfamilie Rudeloff. Seit Generationen schon währt die gute Nachbarschaft mit den Rudeloffs, und in ihrer Jugend war Feo unsterblich in den Fürstensohn Benedikt verliebt. Auch heute kann die junge Frau Benedikt noch immer nicht vergessen, aber der lebt inzwischen in Italien und hatte lange keinen Kontakt zu seiner Jugendfreundin.

Als Benedikt eines Tages seine Rückkehr ankündigt, weil er seinen dreißigsten Geburtstag in seiner Heimat feiern will, schlägt Feos Herz höher. Sehnsüchtig erwartet sie den geliebten Mann, doch als er eintrifft, erlebt die hübsche Geigerin eine böse Überraschung …

»Feo!«, keuchte eine aufgeregte Frauenstimme aus den Tiefen des Turms. »Sind Sie dort oben?«

Das heftige Atemholen hallte im jahrhundertealten Mauerwerk des von Kletterrosen umrankten Turms wieder.

Die Angesprochene ließ nicht erkennen, ob sie Frau von Wolfsgrund gehört hatte. Feo Sonntag stand dort, wo sie am liebsten war – nämlich hoch oben auf dem Schlossturm, der im Volksmund »Dornröschenturm« genannt wurde. Von dort genoss die junge Frau den fantastischen Ausblick.

Sie atmete die Luft in tiefen Zügen, hob ihr Gesicht zu der in glühenden Farben untergehenden Sonne empor und ließ sich von der leichten, warmen Brise streicheln, die den betörend süßen Duft von Frühlingsblumen mitbrachte. Schwalben kreisten weit über dem Turm im blauen Himmel, der sich am Horizont schon violett färbte.

»Feo«, ließ sich Frau von Wolfsgrund erneut vernehmen, deutlich atemloser, denn die steilen Stufen der schier endlosen Wendeltreppe machten ihr zu schaffen, »ich hoffe inständig, Sie dort oben anzutreffen.«

Die ältere Dame pausierte schnaufend auf einem der schmalen Treppenabsätze. Sie war jetzt so außer Puste, dass sie nicht mehr sprechen konnte.

Während sie sich mit ihrem Taschentuch über das Gesicht wischte, blickte sie nach oben und registrierte erleichtert den rosenfarbenen Lichtschimmer im Turm. Sie hatte es also nicht mehr allzu weit. Mit letzter Kraft zog sie sich am schmiedeeisernen Geländer weiter.

Feo Sonntag hatte unterdessen beide Arme auf die Steinbrüstung gestützt und lächelte versonnen. Dieses Lächeln galt jedoch nicht dem lieblichen Anblick. Die junge, zierliche Frau mit dem mehr als schulterlangen glatten Haar seufzte sehnsüchtig auf. Alles war wie damals, als er sie hier oben in einsamer Höhe geküsst und ihr versprochen hatte, sie nie zu vergessen …

»Wusste ich’s doch, dass Sie hier sind, Feo!« Frau von Wolfsgrund hatte es geschafft, die letzte Stufe der Wendeltreppe war überwunden.

Nur mühsam hielt sie sich aufrecht, und ihr tiefes, keuchendes Atemholen schien für Momente die lustvollen Schreie der Schwalben zu übertönen.

»Frau von Wolfsgrund!« Feo war sofort bei ihr, um sie zu stützen. »Sie Arme, Sie sind ja total fertig!«

»Kein Wunder, ich bin ja schon lange nicht mehr so jung wie Sie, Feo. Beneidenswert jung und elastisch.« Sie blickte sich neugierig um, denn ihr war es ein Rätsel, weshalb Feo sich so oft die Mühe machte, die Stufen des alten Turmes zu erklimmen.

Nicht für Geld und gute Worte würde sie sich noch einmal dieser Strapaze aussetzen, schöne Aussicht hin, frische Luft her. Frau von Wolfsgrund sehnte sich nach ihrer hübschen kleinen Wohnung im Westflügel von Schloss Freudenthal.

Dort lebte sie zusammen mit ihrer Angorakatze ein zurückgezogenes, doch wunderbar friedliches Leben. Wenn ihre zahlreichen Pflichten es ihr erlaubten, schrieb sie an ihren Memoiren, die auf ihren ausführlichen Tagebucheintragungen fußten. Oder sie nahm die Einladung des Hauptgärtners Severin zu einer Partie Schach an.

Feo Sonntag freute sich über den Besuch der älteren Dame. Sie zeigte ihr begeistert die schönsten Aussichtspunkte und schwärmte vom Frühling – und der war diesmal besonders schön.

»Sehen Sie dort hinten den See mit dem Steg?«, fragte sie. »Benedikts Boot sollte überholt werden, die lange Liegezeit hat dem Holz gewiss geschadet. Und er ist doch immer so gern gesegelt. Abendstimmungen wie diese liebte er über alles. Wenn die Glocken der Marienkirche läuteten, musste ich immer ganz still sein.«

Frau von Wolfsgrund und den meisten Bewohnern von Schloss Freudenthal war längst klar geworden, dass Feo den Turm nicht allein bestieg, um sich fit zu halten. Hier oben in luftiger Höhe konnte sie vielmehr ungestört in Erinnerungen schwelgen und sich in jene Jahre zurückträumen, als sie und der junge Fürst unbeschwert glücklich hatten sein dürfen.

»Schauen Sie, wie die Abendsonne die Fensterscheiben feuerrot färbt!«, rief Feo mit erhitzten Wangen. »Als würde es dahinter brennen.«

Sie strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht und deutete auf den kopfsteingepflasterten Innenhof mit dem Spalierobst, das an den grauen Mauern prächtig gedieh, auf die beeindruckend weiten Flächen dunkler Dächer und die steinernen, heraldischen Löwen und Adler, die mit grimmigen Mienen an jeder Giebelecke hockten.

Am Fahnenmast wehte indes keine Fahne, denn der Hausherr war nicht daheim, schon lange nicht mehr …

»Wie wonnig!« Feo wies auf ein paar Rehe, die sich im Schatten der silberstämmigen Buchen ausruhten.

Rund um den großzügig angelegten Garten breitete sich der Park aus, an den sich der fürstliche Forst anschloss.

Die ältere, in letzter Zeit deutlich fülliger gewordene Frau von Wolfsgrund überwand heldenhaft das leichte Schwindelgefühl und wagte todesmutig einen Blick in die Tiefe.

Weil es ein klarer Tag war, gelang es ihr nach einiger Zeit, das Haus der Sonntags, vielmehr dessen mächtiges Reetdach, im grünwogenden Meer der Baumkronen zu entdecken.

»Ihr lieber Vater vermisst Sie hoffentlich nicht«, meinte sie zu der jungen Frau.

Feo schüttelte den Kopf. »Er weiß, dass ich hier bin.«

Die ganze Wahrheit war, dass sie ihm erzählt hatte, sie würde Frau von Wolfsgrund besuchen. Eine hässliche Lüge, wie Feo sich schuldbewusst eingestand.

Aber er ließ ihr leider keine Wahl, ihr herzensguter, gleichwohl viel zu besorgter Vater. Zwar hatte er ihr die Stippvisiten im benachbarten Schloss nicht ausdrücklich verboten, doch sie wusste, dass er es nicht gern sah, wenn sie auf Freudenthal ihre heimlichen Erinnerungsfeste feierte.

Die Hausdame senkte ihre Stimme.

»Sie mögen ihn noch immer sehr, nicht wahr?«, fragte sie in einem vertraulichen Ton.

Feos Blick folgte den Windungen der Hauptstraße, die zum großen Haupttor des Schlossparks führte. Ihre Miene verriet deutlich, wie innig sie hoffte, auf dieser Straße den Mann zu erblicken, nach dem ihr Herz sich sehnte, seit er damals fortgegangen war.

Oh, Benedikt! Benedikt! Ihr Herz schlug schneller, als sie sich daran erinnerte, wie er zum letzten Mal die lange Lindenallee zum Eingangsportal heraufgeritten war. Wie tadellos seine Haltung gewesen war, wie perfekt seine Reitkleidung. Er war abgestiegen und hatte ihr dabei zugelächelt. Sein unwiderstehliches, unvergessliches Lächeln!

Nie würde sie vergessen, wie ihr Herz gepocht hatte, als er sie mit seinen klaren, grauen Augen aufmerksam betrachtet hatte. Und dann hatte er grüßend die Hand gehoben und sich die Reitkappe abgestreift. Sein dunkles, lockiges Haar hatte er ausgeschüttelt und dabei so wundervoll unbekümmert ausgesehen, dass über Feos glühende Haut eiskalte Schauer des Glücks gerieselt waren.

Er hatte nicht lange fortbleiben wollen, das hatte er oft und überzeugend beteuert. Aber nachdem er Freudenthal verlassen hatte, war das Schloss mitsamt seiner traditionsreichen Umgebung in eine Art Dornröschenschlaf gefallen.

Und Feo hatte damit begonnen, bunte, glänzende Träume zu spinnen, die nie Wirklichkeit geworden waren.

»Er kommt nie zurück«, flüsterte sie traurig.

»Aber sicher, mein liebes Mädchen, er kommt, sogar bald!«

Feos Lippen wurden weiß. Sie sah die ältere Dame so erwartungsvoll an, dass diese, eine bewährte Seelenkennerin, sie besorgt musterte.

»Benedikt kommt zurück?« Feos Stimme war nur ein Hauch.

Frau von Wolfsgrund nickte. »Weil ich wusste, wie sehr Sie sich über diese Nachricht freuen würden, habe ich mich sofort auf den Weg gemacht.«

Langsam verschwand die Sonne hinter dem Horizont, und die flammende Glut erlosch in rosigen Tönen.

***

»Vater! Vater, stell dir vor, Benedikt kommt zurück!«

Auf der Stelle war es aus mit der kreativen Stille. Das Knallen der Tür riss Linus Sonntag jäh aus seiner Versunkenheit. Feos Ankündigung wirkte auf ihn wie ein Elektroschock. Er schloss die Augen, wie um sich vor der unvermeidlich anrollenden Flutwelle zu schützen, vor der er sich seit Jahren insgeheim fürchtete.

In Linus’ von Wein umrankter Werkstatt roch es deutlich und zugleich heimelig nach Holz und Leim. Seit sich Feo erinnern konnte, hatte es hier nie anders gerochen. Auch ihren Vater umgab stets dieser Geruch nach edlem, jahrelang sorgfältig getrocknetem Holz, Pigmentfarben und Naturharz.

Und irgendwie konnte sie sich ihn auch in keiner anderen Umgebung vorstellen. Ihn, den warmherzigen, stillen Geigenbauer, den manche Orchestermitglieder, die ihm ihre Geigen, Celli oder Bratschen anvertraut hatten, respektvoll »begnadet« nannten. Er war ein schmaler Mann mit schütterem blondem Haar und tausend Lachfältchen, klugen, hellen Augen und achtsamen Bewegungen.

»Benedikt kommt zurück, Vater!« Feo strahlte, als sie ihn umarmte.

»So, so«, murmelte Linus Sonntag und gab sich gelassen, obwohl seine Hand, die den Pinsel hielt, verräterisch zitterte.

An sich hatte er vorgehabt, in hauchfeinen Linien die Maserung der Geige nachzuziehen, die vor ihm auf der Werkbank lag. In liebevoller Kleinarbeit hatte er das schöne, alte Instrument in den letzten Wochen restauriert und dabei den Lack – eines der Geheimnisse für guten Klang – bewusst geschont.

Doch nun legte er den Pinsel zur Seite und suchte sich für die Geige einen anderen Platz. Dabei nahm er das Instrument auf wie ein junger Vater sein Baby: sicher, beherzt und einfühlsam.

Die junge Frau setzte sich auf die breite Bank vor dem Sprossenfenster. Sie mochte die Werkstatt mit den meterlangen Regalen, in denen das Holz lagerte. Sie kannte auch sämtliche Werkzeuge, die sich kaum von jenen unterschieden, die die berühmten Geigenbauer seinerzeit vor vierhundert Jahren in Cremona benutzt hatten.

Hinter Linus befand sich ein etwas schmaleres Holzregal, auf dem viele bauchige Flaschen standen, die unter anderem Aloe oder Leinöl enthielten. Direkt neben seinem Schemel hing ein weißer Pferdeschweif, alle Haare waren gleich lang und sorgsam gekämmt. Er benötigte sie, um Bögen neu aufzuziehen.

»Ich freue mich so!«, verriet Feo freimütig.

Er sah es. Es fiel ihm jedoch schwer, ihr zuzulächeln, und er wirkte ratlos.

»Schon am Wochenende, hat er angekündigt«, fuhr sie fort, wieder mit diesem himmelhoch jauchzend verliebten Blick. »Frau von Wolfsgrund wird jetzt alle Hände voll zu tun haben, denn sie muss doch das Schloss auf Vordermann bringen. Jahrelang war er nicht mehr zu Hause.«

Linus wusste, was diese Neuigkeit für seine Tochter bedeutete. Hatte Feo nicht sogar unablässig darauf gewartet? Jeder ihrer sehnsüchtigen Seufzer hatte Benedikt gegolten.

Er warf ihr einen verstohlenen Blick zu und fühlte seine heimliche Befürchtung bestätigt: Sie wirkte wie erlöst.

»Wann hat er dir zuletzt geschrieben?«

»Ach, Vater, nun fang nicht wieder damit an. Ich bin so schrecklich froh, dass die Warterei ein Ende hat!«

»Er hat sehr lange nichts von sich hören lassen.«

»Aber vergessen hat er mich nicht!«, rief sie trotzig.

»Woher willst du das wissen?«

»Ich fühle es. Außerdem …«

Benedikt hatte es ihr versprochen, sogar geschworen. Oh ja, sie hatte nichts vergessen, weder den Druck seiner Hand noch seinen letzten Kuss.

»Der Fürst von Rudeloff war damals noch ein Kind.«

Sie fiel ihm fast ins Wort. »Benedikt war kein Kind mehr, als er fortging. Und er wäre niemals nach Italien gefahren, wenn er nicht krank geworden wäre.«

»Ich mag mich ja irren, aber war seine Mutter nicht Italienerin?« Linus gab sich betont gelassen. »Wollte er nicht auch die mütterlichen Besitzungen in der Toskana besuchen?«

Feo nickte eigensinnig. Das Herz tat ihr weh.

»Kind, ich bitte dich doch nur, vernünftig zu sein«, fuhr Linus fort, sehr viel liebevoller, denn es bedrückte ihn, ihr die Freude verdorben zu haben.

Aber war es andererseits nicht seine Pflicht, ihr die Augen zu öffnen?

»Ich liebe Benedikt«, flüsterte sie. »Ich habe ihn immer geliebt, und ich werde ihn bis zu meinem letzten Atemzug lieben.« Sie sah ihren Vater an, ihre Augen schwammen in Tränen. »Wie kann ich da vernünftig sein?«

Linus brach fast das Herz.

»Ich habe deiner Mutter versprochen, auf dich aufzupassen, Feo«, brachte er mit verdächtig belegter Stimme hervor. »Also bitte ich dich, dir keine Hoffnungen zu machen, schon gar keine großen.«

Sie schluckte den dicken Kloß hinunter, der plötzlich in ihrer Kehle saß.

»Ich weiß, Vater«, brachte sie leise hervor. »Aber du musst nicht auf mich aufpassen. Dazu gibt es keinen Grund. Denn Benedikt ist der beste und liebste Mensch auf Erden. Außer dir natürlich. Aber nach dir liebe ich ihn am meisten von allen. Und ich bin sicher, Mama hätte ihn auch gemocht und mir nicht verboten, ihn zu lieben.«

»Ich verbiete dir ja nicht, ihn zu lieben.«

»Warum kannst du ihn nicht leiden, Papa?«

»Ich kann ihn sehr wohl leiden.«

»Dann sei bitte nicht so altmodisch. Es ist nicht seine Schuld, dass er in einem Schloss geboren wurde und einen Adelstitel trägt.«

»Eben, mein Kind. Der Fürst ist ein Fürst und …«

»Benedikt kümmert sich ...

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