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Fürsten-Roman - Folge 2437

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Versuchung auf Schloss Habichtshöhe
  4. Vorschau

Versuchung auf Schloss Habichtshöhe

Annina lüftet ein altes Familiengeheimnis und findet die große Liebe

Von Marion Alexi

Annina Komtess von Hilsberg hat ihr Musikstudium erfolgreich abgeschlossen und kehrt gut gelaunt heim zu ihrer Mutter. Die ganze Zugfahrt über muss sie an einen sympathischen jungen Mann denken, den sie auf dem Bahnsteig kennengelernt hat. Er geht ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf.

Doch als Annina zu Hause ankommt, wird sie sofort aus ihren Tagträumen gerissen, denn sie erfährt, dass ihre Mutter Sabrina nach einem plötzlichen Herzinfarkt im Sterben liegt. Kurz vor ihrem Tod vertraut Gräfin Sabrina ihrer Tochter ein Geheimnis an: Annina hat eine Zwillingsschwester, die bei ihrem Vater, Wolfram Prinz von Themming, auf Schloss Habichtshöhe lebt. Kurz nach der Geburt der Zwillinge hatten Sabrina und Wolfram sich voneinander getrennt, und die Gräfin hat seitdem nie wieder Kontakt zu den Themmings aufgenommen. Kurz entschlossen macht sich Annina auf den Weg zu Schloss Habichtshöhe – und begegnet dort nicht nur zum ersten Mal ihrer Zwillingsschwester, sondern auch dem sympathischen jungen Mann, von dem sie geglaubt hatte, ihn nie wiederzusehen …

»Hallo, Mama, ich bin jetzt am Hauptbahnhof. Endlich!« Komtess Annina hielt das Mobiltelefon ans Ohr gepresst. »Hier ist es furchtbar laut und chaotisch. Es herrscht totaler Stress wegen des Streiks. Hoffentlich verstehst du mich trotzdem, wenn du deine Mailbox abhörst.« Die schlanke, junge Dame stellte sich auf die Zehenspitzen, um über die Köpfe der Mitreisenden hinweg Ausschau nach dem Zug zu halten. »Ich habe schon den Schreck meines Lebens bekommen, weil ich dachte, ich hätte den Zug verpasst. Noch nie habe ich mich so über eine Verspätung gefreut.«

Die plötzlich einsetzende Aktivität auf dem Bahnsteig signalisierte der Komtess, dass bald mit der Einfahrt des Zuges zu rechnen war. Eine Studentengruppe schulterte die Rucksäcke, während eine alte Dame ängstlich nach ihren Enkeln rief, die sich am Kiosk mit Reiseproviant versorgten.

»Mama, ich bringe eine Wahnsinnsüberraschung mit. Du wirst dich riesig freuen«, kündigte Annina lächelnd an, obwohl ihr klar war, dass ihre Mutter dieses hübsche Lächeln nicht sehen konnte. Aber ihr war danach, ihr Lächeln kam direkt aus ihrem übervollen, glücklichen Herzen.

Im nächsten Augenblick wurde Annina von Hilsberg grob und rücksichtslos angerempelt. Ein schlaksiger junger Mann mit Baseballcap überholte sie, um zu einem bestimmten Abteil des gerade einfahrenden Zuges zu gelangen.

»Hoppla!«, rief er unbekümmert.

Annina war auf den rüden Stoß nicht gefasst gewesen. Sie ließ vor Schreck die Mappe fallen, die sie bis eben mit dem linken Arm fest an sich gepresst hatte. Die Mappe öffnete sich schon im Fallen, der gesamte Inhalt verteilte sich flugs auf dem Boden, und der einfahrende Zug sorgte dafür, dass die einzelnen Blätter durch die Luft gewirbelt wurden.

Ein Albtraum! Annina konnte die Papiere unmöglich zurücklassen. Ihr Abschlussdiplom der Musikhochschule befand sich darunter, übrigens ein hervorragendes Diplom. Es bescheinigte der Musikstudentin Annina Komtess von Hilsberg außerordentliche Musikalität, Sensibilität und großes Engagement.

Sie geriet in Panik. In Kürze würde der Zug weiterfahren. Ohne sie. In diesem Fall würde ihre Mutter vergebens am Zielort auf sie warten und sich wieder fürchterliche Sorgen machen.

»Sorry, hab’s eilig«, fügte der Flegel schnöde hinzu und verschwand blitzschnell in seinem Zugabteil.

Keiner der Reisenden bot Annina seine Hilfe an. Nicht einmal der Dicke mit dem discotauglichen Ohrring, der die Komtess die ganze Zeit ungeniert anstarrte, rührte sich.

Doch auf einmal stand ein großgewachsener Mann vor Annina – attraktiv, jung, Typ Gentleman, mit den ausdrucksvollsten Augen der Welt. Er hatte dunkles, glattes Haar und ein klassisches Profil mit einer schönen Stirn und einem festen Mund.

»Das mag eben eine Erklärung gewesen sein, aber eine Entschuldigung war es leider nicht«, stellte er lakonisch fest.

Bevor Annina etwas erwidern konnte, ging er schon in die Knie und sammelte die losen Blätter ein. Geschickt machte er das und fabelhaft schnell.

»Danke«, stammelte sie. »Sie sind sehr freundlich.«

Dann setzte ihr Herzschlag aus, um kurz darauf wie verrückt loszurattern, weil Annina nie zuvor einem Mann mit derart blauen Augen begegnet war. Sie erinnerten sie an das Lieblingsbild ihrer Mutter, das zu Hause in deren Zimmer hing.

Das Aquarell zeigte einen See inmitten eines romantischen Schlossparks. Auf dem See schwammen schwarze Schwäne, und drum herum standen uralte Baumgruppen und blühende Büsche. Das Schönste aber waren die Schwertlilien, deren strahlendes Blau das ganze Bild dominierte. Obwohl Anninas Mutter oft mit einem ungewohnt melancholischen Gesichtsausdruck vor dem Bild stand, hatte sie sich noch nicht entschließen können, ihrer Tochter den Namen des Schlosses anzuvertrauen, das in ihren Erinnerungen offenbar eine große Rolle spielte …

»Ist doch selbstverständlich.« Der Fremde mit den schönen Augen lächelte Annina zu. »Wäre ich eher am Tatort gewesen, hätte ich dem unhöflichen Typ ein paar passende Worte gesagt. Ist das Ihr Zug?«

Sie nickte, weil sie keinen Ton hervorbrachte. Sie dachte an die blauen Schwertlilien ihrer Mutter und fand, dass diese aufrechten, stolzen Blumen bestens zu ihrem Retter passten.

Der dunkelhaarige junge Mann warf einen Blick auf das Notenblatt in seiner Hand.

»Ah, Chopin«, murmelte er.

Sprechen konnte Annina nicht. Aber lächeln. Und wie!

»Das ist ja ein Original!« Er war verblüfft.

»Mein Professor hat es mir geschenkt«, hauchte sie.

»Ein nobles Geschenk.« Er reichte ihr das Bündel eingesammelter, gottlob nur leicht zerknitterter Blätter mit einer galanten Bewegung. »Bitte sehr.« Als er in ihr von rötlich-blondem Haar gleichsam eingerahmtes Gesicht blickte, stutzte er. »Sind wir uns vielleicht schon mal begegnet?«

Jedem anderen hätte sie die Frage verübelt, ihm jedoch nicht, denn sie traute ihm keine plumpe Anmache zu.

Annina schüttelte den Kopf. »Ich wüsste nicht …«

»Dumme Frage«, tadelte er sich. »Ich hätte die Begegnung bestimmt nicht vergessen.«

Im Hintergrund ertönte ein schriller Pfiff.

Oh nein, viel zu früh!, dachte Annina, und ihr Herz klopfte wüst! Ich muss mich doch noch bei ihm bedanken! Außerdem …

»Ihr Zug fährt ab«, teilte er ihr mit, während er eine Karte aus der Jackentasche zog und dabei trotz der freundlich-höflichen Miene sehr ernst wirkte.

Annina nickte und hielt die Visitenkarte fest. Wie bizarr: Plötzlich hatte sie nichts mehr dagegen, den Zug zu verpassen. Obwohl sie wusste, dass sie damit die Pläne ihrer straff organisierten Mutter durcheinanderbringen würde.

»Wir fahren nicht zufällig in dieselbe Richtung, oder?«, hörte sie sich zu ihrer Verblüffung fragen.

»Leider nicht. Gute Reise«, wünschte er ihr, der Fremde mit den schönen Augen von der Farbe blühender Schwertlilien.

Der Schaffner gab das Zeichen zur Abfahrt des Zuges. Annina verabschiedete sich hastig von ihrem Retter und ließ ihn stehen, um zur Abteiltür zu sprinten und noch gerade rechtzeitig einzusteigen. Seltsamerweise wusste sie, dass der junge Mann sich nicht von der Stelle rührte, sondern sie beobachtete.

Dankbar erinnerte sie sich an das, was ihre Mutter ihr einmal gesagt hatte: »Kind, du hast Anmut und Stil – Dinge, die man weder lernen noch kaufen kann.«

Als sie auf ihrem Platz saß, presste Annina die heißen Lippen auf seine Visitenkarte und träumte mit offenen Augen von einem Wiedersehen.

***

Annina suchte noch in den Tiefen ihrer schier unergründlichen Handtasche nach ihren Schlüsseln, als sie hörte, wie im Hintergrund die benachbarte Wohnungstür geöffnet, vielmehr aufgerissen wurde. Es schien, als habe die Nachbarin fieberhaft auf diesen Augenblick – also auf Anninas Ankunft – gewartet.

»Komtess, wie gut, dass Sie endlich kommen!« Frau Schröter schoss wie eine Muräne auf Annina zu und riss sie in ihre Arme. »Oh Sie armes, armes Mädchen!«

Annina war ausgelaugt nach Hause gekommen, mit dem überbordenden Bedürfnis, jeden anzufahren, der ihr über den Weg lief. Nach der Fahrt in dem überfüllten Zug sehnte sie sich nach Ruhe, um sich endlich ihren Erinnerungen an einen gewissen jungen Mann mit blauen Augen widmen zu können.

Sie versteifte sich. Noch nie hatte sie Frau Schröter leiden können, die an ihrer Mutter zu kleben pflegte wie ein Blutegel. Von Anfang an hatte die Nachbarin Sabrinas Anstand ungeniert ausgenutzt und dabei stets behauptet, flöt-flöt, es sei nicht ihre Art, viel Aufhebens von sich zu machen. Sie nehme nur Anteil an den Freuden und Nöten ihrer Mitmenschen …

»Was ist los, Frau Schröter?« Die Komtess überfiel zum ersten Mal eine Ahnung nahenden Unheils. Wie eine schwarze Wolke verdüsterte es ihr Gemüt. »Ist meine Mutter nicht da?«

Die Stille hinter der Wohnungstür war Annina unheimlich.

»Wären Sie doch eher gekommen, Komtess!«, brachte Frau Schröter erstickt hervor.

»Ich habe am Bahnhof auf meine Mutter gewartet.«

»Das meinte ich nicht.« Ein kleines, demonstrativ trauriges Lächeln umspielte die Lippen der Nachbarin. »Gestern hätten Sie kommen sollen. Dann wäre es vielleicht nicht so weit gekommen.« Frau Schröter schluchzte in ihr Taschentuch. »Ist der Mantel neu?«

»Wie?« Annina fand die Frage grotesk.

»Er steht Ihnen. Braun ist eindeutig Ihre Farbe. Andererseits trägt man Mäntel neuerdings wieder länger. Ich könnte Ihnen den Namen meiner Änderungsschneiderin … Eine patente und zuverlässige Person. Wenn Sie einen Moment warten, suche ich Ihnen ihre Telefonnummer heraus …«

»Wo ist meine Mutter!?« Nicht zum ersten Mal verwünschte Annina die sanfte Langmut ihrer Mutter, die Frauen wie Frau Schröter magisch anzog.

»Es ist ein Unglück geschehen, Komtess«, verkündete Frau Schröter mit tragischem Unterton. »Und seither bete ich zum Himmel, dass er ihr helfen möge, unserer guten Gräfin. Hat sie nicht schon genug ertragen müssen, die liebe Seele? Mein Gott, ihr Leben war eine einzige Achterbahn. Oder?«

»Was ist passiert?«, fragte Annina ungeduldig.

»Ich war – Glück im Unglück – zufällig hier oben, also direkt vor ihrer Tür, als es passiert ist …«

Nicht zufällig, dachte Annina grimmig.

»Und ich habe mich natürlich sofort an meinen Traum erinnert, also an das, was ich in der letzten Nacht geträumt habe. Als hätte ich das Zweite Gesicht, Komtess …«

Wie sie sich aufspielt, dachte Annina wütend, außer sich vor Sorge um ihre Mutter. Am liebsten hätte sie die Nachbarin tüchtig geschüttelt.

»Ist Mama krank geworden?«

»Ich habe sie nie zuvor in diesem Zustand gesehen. Sie hatte keine Farbe mehr im Gesicht. Und sie hat am ganzen Körper gezittert! Es war ein Wunder, dass ich bei dem Anblick nicht in Ohnmacht gefallen bin. Als junges Mädchen habe ich nämlich dazu geneigt …«

Deshalb also hatte Annina ihre Mutter telefonisch nicht erreichen können! Das Herz der Komtess pochte wild. Alles schwankte um sie herum.

»Ich habe sofort den Notarzt angerufen«, fügte Frau Schröter wichtigtuerisch hinzu. »Und der hat dann einen Rettungswagen angefordert. Es ging alles fabelhaft schnell, wie im Fernsehen, in diesen Tatorten, Sie wissen schon …«

Annina fragte sich, ob Schweigen nicht manchmal wirkungsvoller war als die größte Beredsamkeit.

»In welchem Krankenhaus ist sie?«, fiel sie der Nachbarin ins Wort.

Frau Schröter verstummte, sie wirkte beleidigt, weil die Komtess nicht das ganze Drama hören wollte.

»Sie ist ganz anders als ihre Mutter«, würde sie später dem Hausmeister erzählen, »direkt undankbar. Wenn man bedenkt, dass ich ihrer Mutter quasi das Leben gerettet habe …«

»Wir reden später, okay?« Annina hatte schon brüsk kehrtgemacht und rannte hastig die Treppe hinunter.

»Ihre Mutter hat eine Nachricht für Sie hinterlassen!«

Die zierliche junge Frau blieb stehen und wandte sich um. Frau Schröters Stimme kam von weit her, wie von einem anderen Stern. Oder aus einem bösen Traum.

»Sie sollen sich keine Sorgen machen«, rief Frau Schröter, weit über das Geländer gebeugt, und wiederholte einige ihrer medizinischen Hinweise, für die sich der Notarzt angeblich überschwänglich bedankt hatte. »Prinzipiell ist ein Herzinfarkt natürlich eine ernste Sache. Obwohl es nicht zwangsläufig so schlimm kommen muss wie bei meinem armen Onkel Uwe, der anschließend nie wieder der Alte war.«

***

»Im Augenblick schläft sie ein wenig«, teilte die Stationsschwester der Komtess mit gedämpfter Stimme mit und fügte erklärend hinzu: »Wir haben ihr etwas gegeben.«

»Ist es so schlimm? War es wirklich ein Herzinfarkt?«

Schwester Leonie nickte bestätigend. »Ein schwerer.«

Wie schrecklich!

»Und? Wird meine Mutter es schaffen?«, fragte Annina, die sich nicht erinnern konnte, ihre Mutter jemals ernsthaft krank erlebt zu haben.

Immer war sie stark und mutig gewesen, alles hatte sie beherzt angepackt. Für nichts war sie sich zu schade, obwohl ihr wahrlich nicht an der Wiege gesungen worden war, wie mühsam ihr Leben verlaufen und dass sie leider nicht immer auf Rosen gebettet sein würde.

»Wir tun für Ihre Mutter, was in unserer Macht steht«, versprach die Schwester.

Annina sah die junge Frau an, forschte in deren Gesicht, als stünde dort die Wahrheit über den Zustand ihrer Mutter.

Schwester Leonie schob die Tür auf und blickte in das schwach erhellte Krankenzimmer. Die Patientin war mehrfach verkabelt, etliche Monitore blinkten und tickten.

Ansonsten herrschte absolute Stille, und das schnürte Annina die Kehle zu. Wieso sagte die Schwester nichts? Was hatte das Schweigen zu bedeuten?

»Gräfin von Hilsberg, hören Sie mich?«, fragte die Schwester dann. »Sie haben Besuch bekommen, lieben Besuch.«

Die Komtess fühlte eine Leere im Kopf und eine langsam aufsteigende Kälte. Ihre Zähne schlugen aufeinander.

»Annina«, brachte sie schließlich heiser hervor. »Bist du es, Annina?«

Die Schwester schob die junge Frau ins Krankenzimmer und schloss behutsam die Tür hinter ihr.

»Mama!« Mit wildem Herzklopfen beugte sich Annina über die bedrohlich blasse Mutter, die so kraftlos und müde wirkte, als habe sie sich schon vom Leben verabschiedet.

»Meine kleine Annina«, hauchte Sabrina von Hilsberg. »Es tut mir so … leid, dass ich dich … nicht vom Bahnhof abholen konnte. Bitte, habe keine Angst, ich …«

»Nicht so viel reden. Es strengt dich zu sehr an.« Annina kämpfte tapfer gegen die aufsteigenden Tränen an, während sie sich vorwarf, ihre Mutter zugunsten ihrer eigenen Interessen vernachlässigt zu haben.

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