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Fürsten-Roman - Folge 2436

Hör auf dein Herz, Prinzessin!

Als die hübsche Christina an der Liebe eines Fotografen zweifelte

Von Sabine Stephan

Christina Prinzessin von Dohrendorff arbeitet bei einem Hochglanzmagazin und hofft, sich dort als Journalistin einen Namen machen zu können. Doch ausgerechnet von ihrem ersten großen Auftrag ist sie wenig begeistert: Sie soll eine Reportage über das zu einem Museum umgebaute Schloss Palenburg schreiben. Das ist nicht die Art Geschichte, von der sie geträumt hatte – und dann soll auch noch ausgerechnet der viel umworbene Fotograf Matthias Brooksen sie begleiten. Mit so einem ewig lächelnden Schönling, der sich offensichtlich für ein großartiges Geschenk an die Damenwelt hält, kann man doch nicht vernünftig zusammenarbeiten, denkt Christina.

Als sie den attraktiven Fotografen jedoch näher kennenlernt, findet sie ihn zunehmend sympathisch. Immer wenn sie ihn sieht, hat sie Schmetterlinge im Bauch, und schon bald muss Christina sich eingestehen, dass sie sich offenbar gehörig in Matthias getäuscht hat – bis plötzlich verhängnisvolle Fotos auftauchen …

Mit einem dumpfen Seufzer erstarb der Motor des uralten Golfs, als wollte er seiner Fahrerin sagen: »Bis in diese Parklücke habe ich dich noch gebracht, aber weiter schaffe ich es wirklich nicht mehr.«

Und auch die Fahrerin seufzte. Prinzessin Christina zog den Zündschlüssel ab und stieg aus. Sie warf ihre weichen, dunklen Haare nach hinten und blickte sich auf dem weitläufigen Parkplatz vor dem Verlagsgebäude um.

Zahlreiche Autos standen dort bereits in Reih und Glied, beschienen von der sanften Morgensonne, Autos fast jeder Größe und jeder Farbe – aber keines war auch nur ansatzweise so betagt wie der vierrädrige Methusalem der Prinzessin.

Andere junge Frauen ihres Standes fuhren schnittige, teure Cabriolets, modische neue Modelle edler Marken oder mächtige Geländewagen mit viel PS und Allradantrieb – jedenfalls keine zwanzig Jahre alte, bordeauxrote, vom Rost zerfressene Blechkiste kurz vor der endgültigen Verschrottung.

Prinzessin Christina schüttelte unwillig den Kopf, um diese Gedanken zu vertreiben. Letztlich, das wusste sie, hatte sie sich ihr Schicksal selbst ausgesucht und war allein dafür verantwortlich. Sie hätte damals, vor sechs Jahren, in die Pläne ihrer Mutter einwilligen können, der stolzen, standesbewussten Barbara Fürstin von Dohrendorff.

Die hatte ihrer einzigen Tochter eröffnet, sie werde jetzt einen passenden Mann für sie suchen, doch Christina hatte sich entschlossen geweigert und sich nicht einmal eine Sekunde lang mit den potenziellen Kandidaten, die ihre Mutter für sie ausgewählt hatte, auseinandergesetzt.

Stattdessen war es zu einem fürchterlichen Streit mit ihrer Mutter gekommen, den ihr Vater, der stets ruhige und akkurate Johann Fürst von Dohrendorff, mit wachsender Verzweiflung verfolgt hatte. Schließlich hatte Christina wutentbrannt den Familiensitz Schloss Hemmelshaus verlassen. Mitgenommen hatte sie nur ihre Handtasche und einen Koffer mit der nötigsten Kleidung.

Prinzessin Christina musste unfreiwillig lächeln, als sie an diese Zeit zurückdachte und dabei gleichzeitig mit leichtem, elegantem Schritt dem Eingang des Verlagsgebäudes zustrebte.

»Guten Morgen, Frau Dohrendorff«, begrüßte sie der Pförtner freundlich.

»Hallo, Christina«, riefen ihr einige Kollegen zu.

In der Welt des Verlages gab es keine Prinzessin Christina, sondern nur Christina Dohrendorff, darum hatte Christina gebeten. Die Tätigkeit bei dieser Zeitschrift war ihre erste Anstellung nach dem Studium, und Christina war fest entschlossen, durch gute Arbeit zu überzeugen – und nicht durch ihre adelige Herkunft.

So hatte sie es bereits während ihrer Studienjahre gehalten, als sie sich ganz allein hatte durchkämpfen müssen – tagsüber in der Universität und abends in dem Restaurant, in dem sie gekellnert hatte, bis sie meist nach Mitternacht erschöpft in das Bett in ihrem winzigen Studentenzimmer gefallen war.

Es waren harte Jahre gewesen, aber Christina hatte sie durchgestanden, ohne einen Cent Unterstützung von ihrer Familie anzunehmen – obwohl die Fürstin und der Fürst ihr gern unter die Arme gegriffen hätten, nachdem die erste Wut verraucht war, und obwohl die Familie sich nach zwei Jahren unterkühlter Distanz wieder versöhnt hatte. Doch Christina hatte dennoch darauf bestanden, allein zurechtzukommen, nachdem sie diesen Weg einmal eingeschlagen hatte, und darauf war sie stolz.

Sie stieß die Tür zu ihrem kleinen Büro auf, in das gerade einmal der Schreibtisch, ein Stuhl und ein kleiner Aktenschrank hineinpassten. Sie schaltete den Computer ein und hörte nach einigen Sekunden das nachdrückliche »Pling«, mit dem angekündigt wurde, dass eine dringende verlagsinterne E-Mail eingegangen war.

Kommen Sie bitte in mein Büro, sobald Sie im Haus sind – Vera Lindner, stand in der Mail.

Augenblicklich erhob sich Christina wieder von ihrem Stuhl und eilte auf den Gang hinaus. Niemand ließ Vera Lindner, die strenge Chefredakteurin der Zeitschrift, unnötig warten.

Von ihrem großen, rundum verglasten Büro heraus hatte die Lindner eine ausgezeichnete Sicht auf den gesamten Parkplatz. Vermutlich hatte sie schon registriert, dass Christina eingetroffen war – da bot sich Herumtrödelei wahrhaftig nicht an.

»Kommen Sie rein, Frau Dohrendorff, nur herein«, erklang Vera Lindners muntere, ein wenig tiefe Stimme, nachdem Christina an ihre Tür geklopft hatte.

Schwungvoll drehte sich die fast einsachtzig große, kräftige, durchtrainierte Frau auf ihrem Stuhl herum. Vera Lindner war lange Jahre als Leichtathletin ausgesprochen erfolgreich gewesen. Sie konnte sogar auf eine Teilnahme an den olympischen Spielen zurückblicken, und diese Vergangenheit merkte man ihr an.

Sie hatte sehr kurze, rote Haare und ein kantiges, klar geschnittenes Gesicht mit freundlichen braunen Augen. Die allerdings konnten auch gefährliche Blitze schleudern, wenn die Chefin in Zorn geriet.

»Setzen Sie sich.« Vera Lindner musterte ihre Besucherin.

Sie mochte Christina und glaubte, mit der Einstellung der ehrgeizigen, aparten jungen Frau einen guten Griff getan zu haben. Dass Christina darauf bestanden hatte, ihre adlige Herkunft möglichst geheim zu halten, gefiel Vera Lindner, wenngleich es mit dieser Geheimhaltung bei Weitem nicht so geklappt hatte, wie Christina es derzeit noch glaubte.

Tratsch und Klatsch blühten bei einem Hochglanzmagazin doppelt so gut wie in anderen Betrieben. So hatte es sich rasch herumgesprochen, dass jetzt eine Prinzessin in der Redaktion arbeitete, ohne dass Christina darauf direkt angesprochen worden wäre.

»Ich habe einen schönen Auftrag für Sie«, eröffnete Vera Lindner das Gespräch und holte einen Notizzettel hervor. »Kennen Sie Schloss Palenburg?«

Christina sah sie offen an.

»Dem Namen nach«, sagte sie. »Es soll sehr schön sein, aber in den vergangenen Jahrzehnten wurde dort wohl wenig getan.«

»Mittlerweile schon«, informierte Vera Lindner sie. »Das Schloss ist aufwendig restauriert und zu einem Museum umgebaut worden. Im nächsten Monat soll es eröffnet werden. Wir dürfen es uns allerdings bereits jetzt ansehen.«

Christina war genau die richtige Person für diesen Auftrag, befand Vera Lindner im Stillen. Es mochte ja sein, dass die Jungredakteurin ihren Titel gern unter den Teppich kehrte. Aber warum sollte sie, die Chefredakteurin, nicht trotzdem davon profitieren und die Prinzessin in das Schloss schicken – in eine Welt, in der sich Christina vermutlich mit schlafwandlerischer Sicherheit bewegen würde?

Christina lächelte freundlich und, wie sie hoffte, professionell.

»Natürlich, das ist kein Problem. Für wann soll ich den Termin ausmachen, und wann soll der Artikel erscheinen?«, fragte sie und ließ sich ihre leichte Enttäuschung nicht anmerken.

Eine Schloss-Reportage – na großartig, dachte sie. Hübsche Fotos von alten Möbeln und alten Bildern, dazu ein wenig unverbindliches Geschwätz über den Glanz vergangener Tage. Das war keine Geschichte, die sie wirklich reizte. Andererseits durfte sie als Anfängerin bei einem Magazin, das vornehmlich von den Reichen, Schönen und Prominenten berichtete, auch nicht zu viel erwarten.

»Rufen Sie diesen Herrn bitte an«, sagte Vera Lindner und reichte Christina den Notizzettel. »Er heißt Dr. Hermann Haukohl und wird das Museum leiten. Er kann Ihnen alles zeigen. Wenn es geht, verabreden Sie sich direkt für morgen mit ihm. Dann könnte der Artikel in der nächsten oder spätestens in der übernächsten Ausgabe erscheinen.«

»Kein Problem«, sagte Christina und erhob sich von ihrem Stuhl.

Ausgerechnet der schlaue Hermann, ging es ihr durch den Kopf, das kann ja ein langer Termin werden.

Sie kannte den Historiker Dr. Haukohl noch aus Kindheitstagen. Immerhin war er einer der besten Freunde ihres Vaters, bis heute. Er hatte Christina und ihren Bruder Alexander schon mit langen, ermüdenden Vorträgen traktiert, als sie noch nicht einmal das Grundschulalter erreicht hatten.

Ich sollte auf jeden Fall den ganzen Tag einplanen, überlegte Christina.

Sie schickte sich an, Vera Lindners Büro zu verlassen, als die Chefin sie zurückrief.

»Christina, bevor ich es vergesse: Sie nehmen natürlich einen Fotografen mit«, erklärte die Lindner. »Am besten ist es, Sie gehen gleich in der Fotoredaktion vorbei. Ich möchte, dass Matthias Brooksen die Bilder macht. Und wenn er bereits andere Termine hat, soll er die verlegen. Der Artikel über Schloss Palenburg hat Vorrang, das können Sie ihm mit einem Gruß von mir ausrichten.«

Christina nickte und schloss die Bürotür hinter sich.

Das wurde ja immer unerfreulicher. Nicht nur, dass sie sich einen Tag lang den Geschichtstiraden von Dr. Haukohl würde ausliefern müssen, um einen oberflächlichen Bericht über vermeintlich adligen Glanz in einem alten Schloss abzuliefern. Jetzt musste sie auch noch diesen Schönling Brooksen ertragen, diesen smarten, ewig lächelnden Sonnyboy, der sich ganz offensichtlich für ein großartiges Geschenk an die Damenwelt hielt.

Christina seufzte zum zweiten Mal an diesem Tag und machte sich auf den Weg zur Fotoredaktion.

***

»Ja, so ist es gut. Das Kinn etwas anheben, und jetzt genau in die Kamera sehen. Die Haare ein bisschen zurück … sehr schön.«

Eine freundliche, tiefe Stimme gab immer weitere Anweisungen, ruhig und bestimmt. Sie passte so gar nicht zu der Szenerie, auf die Christina blickte und die sie wie angewurzelt in der Tür zur Fotoredaktion stehen bleiben ließ.

Matthias Brooksen, hochgewachsen und muskulös, blickte konzentriert durch den Sucher seiner teuren Spiegelreflex-Kamera. Er strich sich ab und zu sein dichtes, dunkelblondes Haar aus der Stirn und betätigte ein ums andere Mal den Auslöser.

Vor ihm, auf einem kleinen Hocker, saß mit übereinandergeschlagenen Beinen Larissa Martens, die blutjunge Marketing-Assistentin des Verlages. Sie warf ihr schwarz gefärbtes langes Haar über die Schulter und zwinkerte kokett mit ihren wässrig-blauen Augen zu dem Fotografen hinüber.

Sie war grell geschminkt und verzog die tiefroten Lippen zu einem Lächeln, das offenbar verrucht wirken sollte. Dazu stemmte sie ihre beachtliche Oberweite, die von einem hauchdünnen Top kaum verdeckt wurde, aufreizend in die Kamera.

»Bei dir fühlt man sich wie ein Profi-Model, Matthias«, flötete sie schwärmerisch in Richtung des lässigen jungen Mannes, der nur verwaschene Jeans und ein helles T-Shirt trug.

Dennoch gab er selbst in diesem schlichten Aufzug ein weitaus attraktiveres Motiv ab als die stets ein wenig billig erscheinende Larissa.

Christina merkte, wie die Wut in ihr hochkochte. Dass Matthias Brooksen ein eingebildeter Schnösel war, der sein Geld vorrangig mit reißerischen Paparazzo-Fotos von Prominenten und Adligen verdiente, war ihr schon vorher klar gewesen. Dass er sich aber auch zu derart niveaulosen Aufnahmen herabließ, hätte sie ihm doch nicht zugetraut.

Und mit diesem peinlichen Menschen sollte sie morgen nach Schloss Palenburg fahren und ihn auf den überkorrekten, peniblen Freund ihres Vaters loslassen!

»Wir haben Besuch«, quietschte Larissa und kicherte.

Matthias Brooksen drehte sich um und erblickte Christina, die ihn mit hochgezogenen Augenbrauen musterte.

»Ah, die Frau Dohrendorff«, sagte er nur und wandte sich wieder seiner Kamera zu. »Was verschafft mir die Ehre eines so hohen Besuches?«

Er drückte erneut auf den Auslöser. Larissa verrenkte den Hals zu einer, wie sie anscheinend meinte, aufreizenden Haltung.

Christina räusperte sich. Dienst ist Dienst, sagte sie sich, und die Lindner will die Geschichte – und Brooksen. Sie wäre nicht erfreut, wenn Christina ihr mitteilen würde, dass sie den Fotografen ablehnte, weil er schäbige Bilder einer Mitarbeiterin von zweifelhaftem Ruf geschossen hatte.

»Ich komme von Frau Lindner«, setzte sie an. »Sie möchte einen Artikel über das restaurierte Schloss Palenburg haben. Sie will, dass Sie die Bilder machen, und wir sollen schon morgen hinfahren.«

Matthias Brooksen knipste ungerührt weiter, bis er sich nach einer, wie Christina fand, unverschämt langen Pause erneut zu ihr umwandte.

»Na, das ist doch mal etwas«, sagte der Fotograf. Seine graugrünen Augen blitzten Christina spöttisch an. »Ein Schloss-Termin bei vornehmen Herrschaften – und dann auch noch in Begleitung unserer Verlagsprinzessin.« Er grinste und nahm den Chip aus der Kamera. »Was haben Madame sich denn vorgestellt?«

Christina schnappte nach Luft. Dieser Mann war wirklich unmöglich. Für wen hielt er sich überhaupt? Woher wusste er von ihrer Herkunft? Und wie kam er dazu, das vor dieser geschwätzigen Larissa herauszuposaunen? Jetzt würde die Nachricht von Christinas Titel natürlich wie ein Lauffeuer im Verlag herumgehen, und ihre ganze sorgfältige Geheimhaltung war für die Katz!

Bleib ruhig, ermahnte sich Christina. Du musst lernen, auch mit solchen Menschen zu arbeiten. Sonst wirst du für alle Ewigkeit Kurzmeldungen schreiben und nie die Geschichten, von denen du träumst.

Sie richtete sich extra gerade auf.

»Falls Sie mit ›Madame‹ Frau Lindner meinen«, sagte sie mit eisiger Stimme, »dann hat sie sich eine Reportage über das künftige Museum Schloss Palenburg vorgestellt. Und von Ihnen möchte sie schöne, gelungene, professionelle Bilder – falls Sie sich dazu in der Lage sehen.«

Auch Matthias Brooksen hatte jetzt einen sehr kühlen Blick, verschwunden war das verschmitzte Blitzen aus seinen Augen.

»Das werde ich schon hinbekommen«, erklärte er, ohne eine Miene zu verziehen. »Sie werden das sicherlich entsprechend vorbereiten. Sie können einen Termin für morgen Vormittag ausmachen, ich hole Sie dann um zehn Uhr vor dem Verlagshaus ab.« Er schob den Chip ins Lesegerät. »Ich fahre natürlich«, fügte er noch hinzu, ohne Christina noch länger anzusehen. »Sie sind es vermutlich gewohnt, einen Chauffeur zu haben.«

Larissa kicherte im Hintergrund, und Christina spürte, wie sich erneut Wut in ihr breitmachte. Aber sie hatte nicht umsonst eine ausgezeichnete Kinderstube genossen und gelernt, sich auch in heiklen Momenten zu beherrschen.

»Gern«, gab sie zurück und wandte sich um. »Ach, Herr Brooksen«, meinte sie im Gehen, »es wäre übrigens eine nette Geste, wenn Sie morgen eine Hose ohne Löcher darin anziehen könnten. Auf dem Schloss wird man diese Rücksichtnahme zu schätzen wissen.«

Nachdrücklich schloss sie die Tür hinter sich und ging mit gemessenen Schritten den Gang hinunter. Der morgige Tag, das war ihr klar, würde eine echte Herausforderung werden.

***

»Bild Nummer achtzehn, Bild Nummer neunzehn, Bild Nummer zwanzig – fertig.«

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