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Fürsten-Roman - Folge 2552

Als sie alles verlor

Ergreifender Roman um die dunkelsten Stunden im Leben einer Prinzessin

Von Silvia Milius

Prinzessin Tamara hat nach dem Tod der Eltern die Geschicke des Hauses Herzberg übernommen. Erfolgreich leitet sie die Firma und sorgt dafür, dass ihr jüngerer Bruder Erik in Ruhe studieren kann. Ihr Privatleben hat sie über all den Aufgaben, die sie zu erledigen hat, fast vergessen.

Doch plötzlich überschlagen sich die Ereignisse: Prinz Erik stirbt bei einem Verkehrsunfall, den Sebastian von Oppen verursacht haben soll. Tamara findet Trost bei Graf Ingmar, der sie schon lange heimlich verehrt. Aber voller Entsetzen muss die Prinzessin feststellen, dass sie auf dem besten Wege ist, sich in Sebastian von Oppen zu verlieben. Können ihre Gefühle ihr tatsächlich einen so bösen Streich spielen? Ist es möglich, dass sie den Mörder ihres Bruders liebt?

Tamara Prinzessin von Herzberg holte tief Luft, beherrschte sich aber. Es hatte keinen Sinn, den Mann am anderen Ende der Telefonleitung anzuschreien.

»Bitte, bemühen Sie sich, den Termin einzuhalten.« Prinzessin Tamaras Stimme klang ruhig, gelassen und energisch. »Sie wissen, was auf dem Spiel steht! Der ganze Frachtplan bricht sonst zusammen.«

Nachdem der Spediteur ihr hoch und heilig versichert hatte, er werde alles in seiner Macht Stehende tun, verabschiedete sie sich geschäftsmäßig, legte auf, stützte den Kopf in beide Hände und stöhnte aus tiefster Seele.

Am liebsten hätte sie alles hingeworfen und wäre auf die Bahamas geflogen. Oder in den Himalaja. Oder nach Peking! Hawaii! Osterinseln! Ganz egal wohin, nur weit weg von Schloss Herzberg und ihrer Arbeit!

Doch Tamara Prinzessin von Herzberg wusste ganz genau, dass sie das nicht tun konnte. Im Moment ruhte auf ihren Schultern die ganze Verantwortung für Schloss und Familie Herzberg. Und sie durfte sich nicht beklagen. Mit fünfundzwanzig Jahren eine so erfolgreiche Firma zu führen, die ein ganzes Schloss erhielt und genug Geld für die Familie zu einem guten Leben abwarf, war ein gewaltiger Erfolg, auch wenn er viel Kraft und Nerven kostete.

Dennoch wünschte sich Tamara, es möge in ihrem Leben auch noch etwas anderes geben als ihre Arbeit und diese Trauer, die sie nicht mehr loswurde. Sie war ein ständiger Begleiter, der sie im letzten Jahr oft zu lähmen drohte.

Nur mit äußerster Willensanstrengung hatte sie sich gegen das Bleigewicht des Schmerzes gewehrt. Sie war es ihren toten Eltern schuldig, dass sie die Familie und das Schloss über Wasser hielt. Und sie war es Erik schuldig, der außer ihr, seiner älteren Schwester, nichts und niemanden mehr hatte.

Der Computer auf ihrem Schreibtisch zeigte an, dass sich einer ihrer Kunden meldete. Gleichzeitig schaltete sich das Faxgerät ein, und eines ihrer beiden Telefone klingelte.

Prinzessin Tamara gönnte sich nur einen flüchtigen Blick aus dem Fenster auf den herrlichen Rosengarten ihres Schlosses, ehe sie nach dem Hörer griff und auf dem Computer die Anfrage des Kunden annahm.

»Frachtagentur Herzberg«, meldete sie sich in ihrem geschäftsmäßigen Tonfall. »Guten Tag, was kann ich für Sie tun?«

Aus einer von persönlichem Kummer, Schmerz und Einsamkeit geplagten jungen Frau hatte sie sich wieder in die tüchtige Managerin verwandelt, die sich seit dem Tod der Eltern täglich aufs Neue bewies.

Die zwei Gesichter der Prinzessin Tamara!, schoss es ihr durch den Kopf.

Sie lächelte sehr bitter, während sie die telefonische Anfrage mitschrieb. Sie war mit keinem der beiden Gesichter zufrieden.

Im Gegenteil. Sie war unglücklich.

Todunglücklich …

***

Drei Fahrzeuge näherten sich auf derselben Bundesstraße dem Schloss, das in dem reizvollen Tal der Eifel weithin sichtbar war.

Ein junger Mann jagte auf seinem Rennrad über den glatten Asphalt. Unter seinem Schutzhelm quollen blonde Haare hervor, an deren Spitzen der kühle Fahrtwind zerrte. Er hielt den Kopf so tief gesenkt, dass er gerade noch die vor ihm liegende Straße überblicken konnte. Auf seinem frischen Gesicht zeigte sich nicht nur die Anstrengung der rasanten Fahrt, sondern auch die Freude an der sportlichen Betätigung und an der hohen Geschwindigkeit.

Nur langsam holte ein grüner Lieferwagen den Radfahrer ein. Der Wagen mit der Aufschrift einer Gärtnerei hielt sich an die erlaubte Höchstgeschwindigkeit. Der Fahrer hatte es offenbar nicht sonderlich eilig.

Der Fahrer, Sebastian von Oppen, saß entspannt hinter dem Steuer. Er wäre gar nicht auf die Idee gekommen, mit seinem Lieferwagen zu rasen. Erstens hätte es seine Pflanzen im Laderaum gründlich durcheinandergeworfen und zweitens genoss Sebastian von Oppen viel lieber die Landschaft, als das Gaspedal durchzutreten.

Sein Blick wurde automatisch von Schloss Herzberg angezogen, das an einem ganz besonderen Platz aufragte. Der Hügel mit dem Schloss darauf stand mitten im Tal und bot auf seinem Gipfel genug Platz für das Schlossgebäude und einen schönen, weitläufigen Park. Ringsherum fiel der Hügel so steil ab, dass Schloss Herzberg in früheren Zeiten eine fast uneinnehmbare Trutzburg gewesen war.

Jetzt führte eine sanft ansteigende Straße auf den Schlosshügel hinauf und endete vor dem Gittertor, das meistens offen stand. Heute gab es keine Feinde mehr, die das Schloss erstürmen wollten und dafür Speere, Fackeln und Sturmleitern einsetzten, wie man das auf kostbaren alten Gemälden im Schloss noch sehen konnte.

Sebastian von Oppen seufzte. Ein paarmal war er im Schloss gewesen und nicht nur in dem Park, den er belieferte. Und gelegentlich hatte er auch mit Prinzessin Tamara gesprochen, aber …

Er konnte nicht anders und seufzte noch einmal. Sie war eben eine Prinzessin, und er besaß nur eine Gärtnerei. Es wäre vermessen gewesen zu hoffen, dass sie eines Tages seine Gefühle erwiderte. Also sprach er gar nicht erst darüber, um sich eine Blamage und vor allem der Prinzessin die peinliche Abfuhr zu ersparen.

Zwei Kilometer vor der Abzweigung zum Schloss überholte Sebastian von Oppen den Radfahrer und hupte dreimal kurz hintereinander.

Der junge Mann, kein anderer als Prinzessin Tamaras jüngerer Bruder, hob grüßend die Hand und trat noch kräftiger in die Pedale, als wollte er den Lieferwagen einholen. Auf der ansteigenden Straße zum Schloss hatte er jedoch keine Chance.

Der junge Erik Prinz von Herzberg hörte hinter sich wieder einen Motor. Diesmal war es nicht der satte, tiefe Klang eines Dieselmotors wie vorhin bei dem Lieferwagen der Gärtnerei Oppen, sondern das rassige, aggressive Brummen eines hochgezüchteten Motors.

Sekunden später fegte ein lang gestreckter, schnittiger dunkelgrauer Sportwagen an Prinz Erik vorbei. Die Scheiben waren so stark getönt, dass Erik den Fahrer nicht erkannt hätte, wenn er nicht gewusst hätte, wer am Steuer saß. Ingmar Graf von Strack war schließlich ein häufiger Besucher seiner Schwester. Und er war nett. Er hatte Erik sogar schon seinen Sportwagen fahren lassen – sehr zum Missfallen Tamaras, die Angst vor schnellen Autos hatte.

Erik schaltete sein Rennrad herunter und nahm die Steigung zum Schloss in Angriff.

Seit seine und Tamaras Eltern vor einem Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, hatte Tamara stets Angst, wenn es um Autos ging. Und die Flitzer hasste sie geradezu.

Verständlich. Sekundenlang sah Prinz Erik anstelle der Schlosszufahrt ein anderes Straßenstück vor sich, nicht weit entfernt. Vor einem Jahr …

Ein schwerer Kiestransporter stand mitten auf der Fahrbahn. Er hatte lediglich einen verbeulten Kotflügel. Aber der Wagen von Fürst und Fürstin Herzberg war nur noch ein total verformter Haufen Blech gewesen, und inmitten der Trümmer …

Prinz Erik erschauerte und konzentrierte sich wieder auf die Schlosszufahrt. Der Anblick seiner toten Eltern in dem Autowrack plagte ihn in seinen Träumen und würde ihn bis an sein Lebensende verfolgen …

Graf Ingmar von Strack liebte schnelles Autofahren. Nicht zuletzt deshalb hatte er sich den rasanten Sportwagen gekauft, der so fantastisch auf der Straße lag.

Ein weiterer Grund für das sündteure Auto war sein Beruf. Als Immobilienmakler musste er die Leute, mit denen er Geschäfte machte, beeindrucken. Und den ersten Eindruck bekamen sie von seinem Auto.

Protzen hatte Tamara es genannt. Sie hatte recht. Aber Protzen gehörte nun einmal zu seinem Beruf, weil die meisten Kunden das verlangten.

Er verzichtete darauf, dem Radfahrer zuzuwinken. Zwar erkannte er Prinz Erik, aber sie würden sich ohnedies im Schloss wiedersehen. Außerdem musste er sich jetzt auf den grünen Lieferwagen der örtlichen Gärtnerei konzentrieren.

Ein leichter Schwenk nach links. Kein Gegenverkehr. Blinker, Vollgas. Die Beschleunigung drückte Graf Ingmar von Strack in den Schalensitz.

Sebastian von Oppen hatte den Sportwagen im Rückspiegel gesehen. Du kannst ruhig rasen, dachte er bei sich und schüttelte nur den Kopf.

Er kannte den Fahrer des dunkelgrauen Sportwagens und mochte ihn aus zwei Gründen nicht. Erstens fuhr Graf Ingmar für seinen Geschmack viel zu schnell. Sehr gut, aber einfach zu schnell. Wenn ein anderer unvorsichtiger Fahrer entgegenkam oder ein Wild über die Straße lief oder womöglich gar ein Kind … nicht auszudenken!

Der zweite Grund für seine Abneigung war sehr persönlich. Ingmar Graf von Strack bemühte sich ganz offen um Prinzessin Tamara. Sebastian von Oppen seufzte schon wieder, aber Ingmar Graf von Strack hatte bei der Prinzessin natürlich bessere Chancen als er selbst.

Sebastian von Oppen ließ kurz hinter dem Sportwagen des Grafen seinen Lieferwagen auf den Vorplatz von Schloss Herzberg rollen. Auch wenn er die kleine Gärtnerei seines Vaters zu einem großen Gartenbaubetrieb ausgebaut hatte und etliche Mitarbeiter beschäftigte, konnte er doch mit einem reichen Grafen nicht mithalten. Das kleine Wörtchen »von« konnte nun mal keinen klingenden Titel ersetzen.

Während der Graf aus seinem Sportwagen direkt vor dem Schlossportal stieg, steuerte Sebastian von Oppen seinen Lieferwagen um das Schloss herum zu dem Schuppen, in dem der alte Schlossgärtner arbeitete.

Jeder hat eben seinen Platz, dachte Sebastian von Oppen, ehe er ausstieg und sich ans Ausladen machte.

***

»Der bricht sich garantiert noch einmal den Hals«, bemerkte Paul, einer der drei Angestellten auf Schloss Herzberg.

Butler Franz hatte zwar auch gesehen, mit welchem Höllentempo Graf Ingmar zum Schloss heraufgejagt war, verkniff sich jedoch eine Bemerkung. Als Butler alter Schule fand er, dass ihm Kommentare über Besucher nicht zustanden.

Paul, der als Koch im Schloss arbeitete, grinste über sein ganzes rundes Gesicht.

»Na los, Streifenhörnchen«, neckte er den Butler, der soeben seine gestreifte Weste zurechtrückte. »Du kannst ruhig sagen, dass Graf Ingmar wie eine gesengte Sau fährt. Daran wirst du nicht ersticken.«

Butler Franz, mit seinen fünfundsechzig Jahren über zwanzig Jahre älter als der kugelrunde Koch, warf diesem einen strafenden Blick zu.

»Ich weiß eben, was sich gehört, du Mehlkloß«, entgegnete er würdevoll und ging dem Besucher entgegen.

»Tritt dir nicht auf den Schlips, Streifenhörnchen!«, rief Koch Paul hinter seinem älteren Kollegen und Freund her und zog sich in die Küche zurück.

Der junge Prinz Erik musste bald heimkommen und hatte nach einer seiner Radtouren bestimmt wieder einen Hunger wie ein Wolf.

Paul freute sich jedes Mal, wenn der junge Prinz von der Uni heimkam. Dann war wenigstens wieder jemand im Schloss, der ordentlich zulangte.

Prinzessin Tamara hatte noch nie viel gegessen, und seit dem Unfalltod ihrer Eltern pickte sie nur noch wie ein Spatz – wenn überhaupt. Nachdem der Fürst und die Fürstin von diesem betrunkenen Fahrer des Kiestransporters in ihrem Wagen …

Paul schüttelte die trüben Gedanken ab. Verliebte und traurige Köche waren schlechte Köche. Und er legte großen Wert darauf, ein sehr guter Koch zu sein.

Wenig später stand er wieder fröhlich pfeifend in der Schlossküche am Herd und würzte, schmeckte ab und kontrollierte, dass es eine Freude war.

»Hast du was für uns zu essen, Paul?«, fragte eine brüchige, aber kräftige Männerstimme von der Gartentür her. Gärtner Siegfried, achtzig und noch immer unermüdlich tätig, schob Sebastian von Oppen zur Tür herein. »Aber gib uns keine Küchenabfälle wie das letzte Mal.«

»Das letzte Mal habe ich euch Pastete im Blätterteig gegeben und …«, fuhr der Koch Paul auf und stockte, als der alte Gärtner heiser lachte und sich vergnügt grinsend an den Küchentisch setzte. »Der alte Kerl ist einfach unmöglich«, beklagte sich der Koch bei Sebastian von Oppen. »Und ich Dummkopf falle immer noch darauf herein.«

»Das erste wahre Wort aus deinem breiten Mund.« Gärtner Siegfried entspannte seufzend seinen alten, von der Arbeit müden Körper. »Ein Dummkopf warst du immer, und ein Dummkopf wirst du immer bleiben. Und zwar ein fetter Dummkopf. Und jetzt gib uns was zu essen!«

Sebastian von Oppen hörte den freundschaftlichen Sticheleien der beiden Männer schweigend zu. Eigentlich hatte er gar keine Zeit, sich hier zum Essen hinzusetzen. Er sollte Ware ausfahren und die Gartenanlagen kontrollieren, die seine Firma für einige Reiche anlegte, die in der Eifel gebaut hatten. Aber wenn er schon nicht in den fürstlichen Räumen des Schlosses zu Gast war, fühlte er sich in der Schlossküche Prinzessin Tamara zumindest ein wenig ...

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