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Für mich bist du die Schönste

1. KAPITEL

Es hätte eine perfekte Hochzeit sein können.

Daisy Cox umklammerte ihr Dreihundert-Dollar-Orchideenbouquet, während ihr die Tränen in die Augen stiegen: Der Abschied vom Singleleben war hart, und das Designermieder schnürte ihr die Luft ab.

Lilien und Rosen im Wert von vielen Tausend Dollar umgaben sie, in der Luft lag die Musik des teuersten Streichquartetts, das man für Geld bekommen konnte. Eigentlich hätte sie auf Wolken schweben müssen.

Stattdessen hatte sie das Gefühl zu ersticken. Besonders, als sie zu ihrem Verlobten Peter Tarkin hinübersah.

Sie schloss die Augen und ließ die monotonen Worte des Pastors über sich ergehen. Als sie sie wieder öffnete, stand ihr zukünftiger Ehemann noch immer neben ihr. Elegant von Kopf bis Fuß, im schwarzen Smoking, die silbergrauen Haare gepflegt frisiert, hatte er erschreckende Ähnlichkeit mit Graf Dracula. Das durch die Kirchenfenster hereinfallende Licht schien ihn zu stören.

Stumm versuchte sie ihn dazu zu bewegen, in die Sonnenstrahlen zu treten. Vielleicht wurde er dann ja zu Staub und befreite sie damit von der schlimmsten Entscheidung, die sie in ihrem erbärmlichen Leben getroffen hatte.

Sie sah zu Coral hinüber, ihrer großen Schwester und Brautjungfer. Coral liefen Tränen über die geröteten Wangen.

Wahrscheinlich Tränen der Erleichterung.

Die Ansprache des Pastors fand gerade ihren herzergreifenden Höhepunkt: „Liebe ist etwas Kostbares, eine zarte Blüte, die tapfer der Kälte des Winters und der Hitze des Sommers trotzt …“

Daisy atmete tief durch, sammelte Kraft und spürte deutlich, wie sich das Hochzeitskleid um die in den letzten zwei Monaten angefutterten fünf Kilo spannte.

Tu doch etwas! sagte sie sich. Schnell!

„Verzeihung …“ Es war kaum mehr als ein Flüstern.

Der Pastor unterbrach seinen geistlichen Gefühlsausbruch.

Einen winzigen Moment lang überlegte Daisy, ob sie einen Schluckauf vortäuschen sollte. Dann würde die Zeremonie einfach weitergehen. So wie Peters Leben. Aber der scharfe Blick ihres Verlobten erinnerte sie an heute Morgen. Sie hatte leise Zweifel geäußert, ob ihre Ehe wirklich das Richtige wäre. Daraufhin hatte er ihr die Hände um den Hals gelegt.

Es war das erste Mal, dass er sie grob behandelt hatte.

Und auch das letzte, wenn es nach ihr ging.

Sie schritt zum Podium und wandte sich den braven Bürgern von Kane’s Crossing zu, räusperte sich und lächelte. Dieses Lächeln hatte sie in zahlreichen Schönheitswettbewerben einstudiert. Aufrechter Gang, gerade Haltung, strahlendes Lächeln, Drehung um hundertachtzig Grad, Pose einnehmen … Nicht von ungefähr war sie damals zur Miss Spencer County gewählt worden.

Coral sah sie an, als ahne sie, dass Ärger ins Haus stand.

Daisy lächelte weiter wie in einer Zahnpastawerbung. „Darf ich kurz um Ihre Aufmerksamkeit bitten? Ich möchte mich nämlich ganz herzlich bedanken. Zum Beispiel beim Catering-Service. Der Shrimpsalat und das Rinderfilet schmecken bestimmt köstlich. Außerdem geht mein Dank an die Hochzeitsplanerin. Wundervolle Arbeit, Adele.“

Während die Planerin ihr zuwinkte und sich gerührt die Augen wischte, dankte Daisy dem Fotografen und dem Chauffeur. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie eine steile Falte auf Peters Stirn erschien. Sie kannte diesen Ausdruck. Heute Morgen waren aus der stummen Drohung Handgreiflichkeiten geworden.

An deiner Stelle würde ich die Hochzeit nicht abblasen. Das würdest du bitter bereuen.

Peter wollte sie unterbrechen, aber Daisy fuhr rasch fort: „Mein Dank geht auch an meine Schwester Coral, die mir ihre Liebe geschenkt und mich unter so vielen Opfern großgezogen hat. Ich liebe dich, Schwesterherz.“

Coral lächelte, aber der besorgte Ausdruck in ihren hellblauen Augen verstärkte sich.

„Und dann ist da noch Liza Cochrane, meine zweite Brautjungfer.“ Daisy machte eine Pause. Ihr Herz hämmerte wie verrückt, als sie die Frau musterte, die Peter unbedingt bei der Trauung hatte dabeihaben wollte. Die Frau, mit der ihr zukünftiger Mann …

Sie musste den Gedanken nicht einmal zu Ende denken, um wieder die Demütigung und den Zorn zu spüren.

„Liza“, sagte sie langsam, „dir danke ich ganz besonders, weil du mich vor dem größten Fehler meines Leben bewahrt hast. Ich hoffe, es hat dir Spaß gemacht, mit ihm zu schlafen.“ Damit warf sie ihr den Brautstrauß vor die Füße. Der dumpfe Laut durchbrach die lähmende Stille.

Daisy sah sich nicht um, nicht einmal, als Peter ihren Namen rief, leise und beherrscht. Äußerlich ruhig schritt sie durch die Kirchentür ins Freie.

Als das Gemurmel in der Kirche anschwoll und sie hörte, dass sich die Gäste erhoben, ging sie schneller. Raffte ihren Rock und fing an zu laufen: vorbei am Pioneer Square mit der Bronzestatue des Ortsgründers Kane Spencer. Vorbei an Darlas Schönheitssalon, in dem sie am Morgen ihre Locken zu einer Frisur hatte bändigen lassen, die mit Diadem und Schleier harmonierte. Vorbei an Meg Cassidys Bäckerei, wo unter Megs Zauberhänden ihre Hochzeitstorte entstanden war.

Rock-’n’-Roll-Musik dröhnte bis auf die Straße hinaus. Daisy blieb abrupt stehen und kehrte um. Durchs Schaufenster sah sie, dass drinnen eine Party im Gange war.

Sie warf einen Blick zurück auf die Hauptstraße. Peter marschierte gerade aus der Kirche, gefolgt von einem Tross neugieriger Hochzeitsgäste.

Ohne lange zu überlegen, stürmte sie in Megs Bäckerei.

Rick Shane hielt es kaum noch aus.

Schon vor einer halben Stunde hatte er sich in eine ruhige Ecke verdrückt, um dem Trubel zum siebten Geburtstag seiner Nichte zu entgehen. Als er jetzt aus dem Fenster sah, traute er seinen Augen nicht: Da draußen sprintete gerade eine blonde, dralle Braut die Straße entlang. Das Brautkleid hatte sie fast bis zu den Oberschenkeln hochgezogen, sodass man die zarten weißen Strümpfe sah. Am besten gefiel ihm der Augenblick, als sie mitten im Lauf abbremste und ihre vollen Brüste dabei halb aus dem Ausschnitt rutschten.

Dann wurde ihm klar, wer diese Frau war.

Im nächsten Moment stürzte der Traum in Satin auch schon in den Laden. Die Glöckchen über der Tür bimmelten laut. Unter den Verwandten und Freunden in ungezwungener Freizeitkleidung wirkte die aufgeputzte Braut seltsam fehl am Platz.

Nick Cassidy schaltete die Stereoanlage aus. Alle starrten den blonden Wirbelwind mit großen Augen an.

Sie straffte die Schultern, und Rick musste grinsen. Diese Haltung kannte er noch aus der Highschool. Schon damals hatte es ihm großen Spaß gemacht, sie zu necken.

„Verzeihung“, keuchte sie. „Darf ich mich hinter dem Tresen verstecken?“

Meg Cassidy schob die Zwillinge zu ihrem Mann hinüber und nickte. „Klar.“

„Danke.“ Daisy Cox verkroch sich blitzschnell. Die Geburtstagsgäste sahen ihr verblüfft nach.

Rick schüttelte den Kopf und lachte vor sich hin. „So was gibt’s auch nur in Kane’s Crossing“, murmelte er.

Sein Bruder Matthew ließ sich auf eine Bank fallen. Gegenüber saß der Sheriff Sam Reno. Die beiden Männer grinsten sich an.

Daisy war inzwischen ganz unter dem Tresen verschwunden, nur ein kleiner Zipfel Satin verriet, dass sie dort hockte.

Das ist wirklich die Krönung! dachte Rick.

Nicht genug, dass er gerade von Schwangeren umzingelt war: Meg Cassidy erwartete ein Kind, Ashlyn Reno und seine Schwägerin Rachel. Ja, und jetzt tauchte hier auch noch eine flüchtige Braut auf!

„Rick?“ Seine jüngere Stiefschwester Lacey warf ihm einen auffordernden Blick zu. „Du warst doch auf der Highschool mit Daisy Cox in einer Klasse, oder?“

Er tat, als müsste er erst überlegen. „Stimmt.“

„Dann red du mit ihr!“

Die drei Männer blickten ihn erwartungsvoll an. Na toll, die würden ihm also nicht zur Seite stehen.

„Wir waren nicht gerade Busenfreunde, Lacey“, gab er zurück. Allerdings gefiel ihm die Vorstellung, nähere Bekanntschaft mit Daisy Cox’ Busen zu machen, gar nicht so übel.

Lacey musterte ihn streng. „Rick Shane, geh und zeig ihr, dass sie bei uns willkommen ist.“

Er sah in die Runde. Meg und Ashlyn schienen Laceys Meinung zu sein. Rachel, die ihn bislang respektvoll behandelt hatte, wirkte jetzt ein bisschen enttäuscht. Den Ausschlag gaben aber die neugierigen Blicke seiner Nichte Tamela und des kleinen Taggert Reno, dem Adoptivsohn von Ashlyn und Sheriff Reno.

Verdammt, er konnte doch vor den Kids nicht wie ein Idiot dastehen!

Also zuckte er mit den Schultern, bequemte sich aus seiner Ecke und ging gemächlich auf den Satinzipfel zu. Irgendjemand stellte die Musik wieder an. Ein gefühlvoller Song von Fats Domino drang aus den Lautsprechern. Genau die richtige Untermalung für Ricks Bemühungen.

Er lehnte sich gegen die Wand, verschränkte die Arme vor der Brust und warf einen Blick auf die Braut unter dem Tresen.

Sie hatte die Knie angezogen, ihr Kinn ruhte auf dem schimmernden Satin. Diadem und Schleier waren verrutscht, darunter lösten sich die blonden Ringellöcken aus der Frisur.

Sofort hatte Rick das Gefühl, sie beschützen zu müssen. Warum war sie bloß im Brautkleid durch die Straßen gerannt? Dass Kane’s Crossing eine merkwürdige Stadt war, hatte er inzwischen mitbekommen, aber so etwas …

Unwillkürlich musste er an die Highschool-Zeit denken. An ein Mädchen, das oft gefehlt hatte, um an Schönheitswettbewerben teilzunehmen. Schon damals hatte Daisy Cox ihn fasziniert. Und immer wieder hatte er sich gefragt, ob er auch nur die geringste Chance bei ihr hätte.

Er sollte es nicht herausfinden. Gleich nach dem Schulabschluss hatte er die Stadt verlassen. Für idiotische Fantasien war weder Raum noch Zeit gewesen. Daisys Stimme brachte ihn zurück in die Gegenwart.

„Du bist doch Rick Shane, oder?“

Dass sie ihn wiedererkannte, überraschte ihn – und beunruhigte ihn auch. Er nickte. „Daisy Cox“, sagte er langsam. Es gefiel ihm, ihren Namen auszusprechen.

Ihre blauen Augen weiteten sich. Ihr Gesichtsausdruck erinnerte ihn an damals. Genau so hatte sie geguckt, als er sich an seinen Spind gelehnt und sie angegrinst hatte. Aber das war schon lange her. Inzwischen hatte sein Leben eine abrupte Wendung genommen. Inzwischen war aus dem unbeschwerten Jungen von damals ein Mann geworden. In einem Land am anderen Ende der Welt.

„He, Rick!“, rief Matthew. „Wir bekommen hier gleich Besuch. Da soll es lieber nicht so aussehen, als würdest du dich mit dem Tresen unterhalten.“

Rick unterdrückte eine gereizte Antwort.

Rachel lächelte ihn beruhigend an. Er ging einen Schritt zurück, und sie schob rasch Daisys Kleid außer Sichtweite. Dann, als Daisy zur Seite rutschte, kauerte er sich spontan neben sie.

Gerade noch rechtzeitig, denn genau in diesem Moment ging wieder die Türglocke.

Daisy keuchte nervös auf. Sie raffte ihr Kleid zusammen und rückte dichter an Rick heran – so dicht, dass er ihren Arm an seiner Seite spürte. Sie fühlte sich gut an: weich und warm, und auch ihr Frühlingsparfüm gefiel ihm. Als er den süßen Duft einsog, beschleunigte sich sein Herzschlag.

Mrs. Spindlebunds schrille Stimme übertönte die Musik. Rick konnte sie nicht sehen, aber vor seinem inneren Auge tauchte sofort das Bild der dürren ältlichen Frau mit grauer Knotenfrisur auf. Sie war in der ganzen Stadt für ihre spitze Zunge berüchtigt. „Guten Tag allerseits.“

Ein undeutliches Gemurmel antwortete ihr. Daisy senkte den Kopf, und eines ihrer Löckchen strich über Ricks Wange. Unwillkürlich dachte er an das letzte Mal, dass eine Frau ihm so nahe gewesen war, neben ihm geatmet hatte, ihr Haar seine Haut gekitzelt hatte. Die Erinnerung daran weckte ein leises Verlangen in ihm.

Mrs. Spindlebund fuhr fort: „Tut mir leid, dass ich Ihre Party störe … aber haben Sie vielleicht Daisy Cox gesehen?“

Rick stellte sich vor, wie die anderen mit den Schultern zuckten und gezwungen lächelten.

„Tja …“ Wahrscheinlich fixierte Mrs. Spindlebund gerade alle Anwesenden mit giftigem Blick. „Sie kann sich ja nicht einfach in Luft aufgelöst haben, oder?“

„Mrs. Spindlebund, meine Tochter ist heute sieben geworden.“ Rachel hatte sich schon oft mit der Klatschtante angelegt. „Wir feiern Kindergeburtstag. Was hätte Daisy Cox hier zu suchen?“

„Na schön.“ Das klang eindeutig misstrauisch. „Sie waren übrigens heute gar nicht in der Kirche. Glauben Sie bloß nicht, dass Mr. Tarkin das entgangen wäre. Er ist Ihr Geschäftspartner, das dürfen Sie nicht vergessen.“

Jetzt riss Nick Cassidy der Geduldsfaden: „Na und? Dann war die Familienfeier eben wichtiger als das Geschäft. Das ist doch wohl verständlich, oder etwa nicht, Mrs. Spindlebund?“

Wie immer hatte Mrs. Spindlebund auch diesmal das letzte Wort. „Sie halten sich wohl für etwas Besseres. Was Sie den Spencers angetan haben, war gewissenlos. Mit Mr. Tarkin werden Sie nicht so umspringen können.“

Ashlyn Reno war eine geborene Spencer und von ihren kriminellen Eltern enterbt worden, bevor diese die Stadt fluchtartig verlassen hatten. „Stoßen Sie sich beim Rausgehen bloß nicht die Knochen an der Tür, Mrs. Spindlebund!“, rief sie ihr zu.

Die ältere Frau schnaubte empört, die Glocken bimmelten, und die Tür knallte ins Schloss.

Stille.

Sheriff Reno brach das Schweigen. „Sieht ganz so aus, als würden die Hochzeitsgäste jedes Haus durchforsten.“ Er machte eine kurze Pause. „Miss Cox, man sucht Sie.“

Rick sah, dass Daisy rot wurde. Gleich würde sie anfangen zu weinen.

Als die erste Träne floss, wischte er sie behutsam mit dem Daumen fort.

„Sag mal, was ist eigentlich los?“, fragte er sanft.

Irritiert wich Daisy zurück. „Ich werde Peter nicht heiraten.“

Rick stand auf.

Neben diesem großen, breitschultrigen Mann fühlte sie sich auf einmal klein und unbedeutend.

Als sie in die Bäckerei gestürzt war, hatte sie ihn nur flüchtig wahrgenommen – als hochgewachsene düstere Gestalt im Hintergrund. Jetzt, als Rick Shane ihr die Hand hinhielt, um ihr aufzuhelfen, erinnerte sie sich wieder daran, wie er auf der Highschool auf sie gewirkt hatte: cool, von sich selbst überzeugt und auf eine geheimnisvolle Weise interessant.

Fast ihr ganzes Leben lang war Daisy ein braves und anständiges Mädchen gewesen. Fast. Aber wenn sie auf dem Schulkorridor an Rick Shane vorbeigegangen war und er sie einladend angelächelt hatte, waren ihr seltsam verbotene Gedanken gekommen. Dann hatte sie sich gefragt, wie es wohl wäre, einmal nicht so brav und anständig zu sein wie sonst. Nur ein einziges Mal. Oder vielleicht auch zweimal.

Aber dafür hätte Coral ihr die Hölle heißgemacht. Ihre Schwester brauchte sie als unberührte Schönheitskönigin. Immerhin bestritten sie mit den Preisgeldern aus den Wettbewerben einen Teil ihres Lebensunterhalts.

Ihre Eltern waren bei einem Eisenbahnunglück ums Leben gekommen. Daisy, das Nesthäkchen, war damals drei Jahre alt gewesen. Enge Verwandte gab es nicht, und die gerade zwanzigjährige Coral musste die schwere Aufgabe übernehmen, sie beide über Wasser zu halten. Um Geld zu verdienen, hatte sie sogar ein Jura-Stipendium ausgeschlagen. Dafür würde Daisy ihr immer dankbar sein.

Genau deshalb hatte sie auch eingewilligt, Peter Tarkin zu heiraten, der Coral vor Jahren einen größeren Kredit gewährt hatte. Er hatte den Mädchen geholfen, einige Jahre zu überleben.

Wieder warf sie einen Blick auf Rick. Aus dem coolen Highschool-Jungen war ein attraktiver Mann geworden. Sein schwarzes Haar berührte gerade den Hemdkragen, und er trug Jeans und Boots. Gleichzeitig strahlte er etwas Düsteres aus: eine Schwermut, die sich in seinen dunklen Augen spiegelte.

Dass sie ihn so eindringlich musterte, schien ihm gar nicht zu gefallen. Er presste die Lippen zusammen und ließ die Hand sinken.

Spontan streckte sie ihre aus, um zu sehen, wie er reagierte.

Er zog sie so schwungvoll hoch, dass sie gegen ihn prallte und sich ihre Brüste an seinen muskulösen Oberkörper drückten. Ihre Haut fing an zu prickeln.

Daisy wich hastig zurück. Verlegen zupfte sie an ihrem Diadem und wandte sich den anderen zu. Bestimmt warteten sie auf eine Erklärung.

„Danke, dass Sie mir geholfen haben. Das war sehr lieb von Ihnen.“

Aus dem Augenwinkel bekam sie mit, dass Rick sich wieder in seine Ecke verzog.

Die anderen Männer und Frauen im Laden kannte sie nur flüchtig. Mit einigen war sie auf derselben Schule gewesen, aber da sie seit ihrem vierten Lebensjahr immer wieder bei Schönheitswettbewerben aufgetreten war, hatte sie wenig Zeit für die Schule oder für Freundschaften gehabt. Während andere Kinder Mathematik, Französisch oder Biologie gelernt hatten, hatte sie gelernt, artig Fragen zu beantworten: Was würden Sie für den Weltfrieden tun? Oder: Wenn Sie eine Million Dollar hätten, wofür würden Sie das Geld ausgeben?

Zwei von den Partygästen hatte Daisy schon öfter gesehen. Rachel und Matthew Shane waren Peter Tarkins Geschäftspartner. Sie waren alle Miteigentümer einer Pferdefarm. Gelegentlich tauchten Rachel und Matthew auf Peters Dinnerpartys auf, wo Daisy bisher die perfekte Gastgeberin gespielt hatte.

Zögernd lächelte sie die beiden an, und sie erwiderten ihr Lächeln. Daisy war erleichtert. Wenigstens zwei Menschen nahmen es ihr nicht übel, dass sie die Hochzeit hatte platzen lassen.

Schließlich riss sie sich zusammen und sagte mit zitternder Stimme: „Vor Ihnen steht eine Braut, die sich nicht traut.“

Ashlyn Reno grinste. „Sollte das nicht eigentlich die Hochzeit des Jahrhunderts werden?“

Daisy hörte Rick leise lachen und schaute gereizt in seine Richtung. Jetzt sah er sie genauso an wie damals – mit dem gleichen herausfordernden Blick, dem gleichen Funkeln in den Augen. Ihr Herz schlug schneller.

Mach dich nicht lächerlich, dachte sie. Damals warst du fünfzehn Kilo schlanker. Jetzt bist du für ihn bestimmt nur ein Rollmops in weißer Satinverpackung.

Sie drehte sich um. „Ich kann ihn nicht heiraten. Ich weiß nicht, was ich sonst noch sagen soll …“

„Und warum kannst du ihn nicht heiraten?“, fragte Rick.

Die anderen sahen sie neugierig an.

„Das habe ich nicht mal meiner eigenen Schwester erzählt“, erwiderte sie.

Meg Cassidy brachte die Kinder nach draußen. Die anderen Frauen nickten mitfühlend und ermunterten Daisy fortzufahren.

„Also, um die Geschichte abzukürzen – meine Schwester Coral hat große Opfer gebracht, damit wir nach dem Tod unserer Eltern zusammenbleiben konnten“, erzählte Daisy. „Sie war damals noch sehr jung, und wir hatten sehr lange große Geldsorgen. Peter hat sich mit Coral angefreundet und ihr eine Menge Geld geliehen. Vor allem, nachdem sie sich in den Kopf gesetzt hatte, dass ich Miss Amerika werden sollte, und wir keinen Sponsor finden konnten.“

Daisy stieg das Blut ins Gesicht, sie kämpfte mit den Tränen. Wie sollte sie den anderen von ihrem Versagen erzählen? Davon, dass sie so viel zugenommen hatte, dass sie sich unmöglich auf dem Laufsteg blicken lassen konnte. Was wäre das für eine Lachnummer gewesen! Später hatte sie zwar alles wieder abgenommen, aber ihr Selbstbewusstsein hatte für immer gelitten. Und dann war es immer so weitergegangen mit ihrem Gewicht, frei nach dem Jojo-Prinzip: abnehmen, zunehmen, abnehmen, zunehmen.

Rachel kam ein paar Schritte auf sie zu. „Tarkin kann Sie nicht zwingen, ihn zu heiraten, Daisy. Es kommt mir so vor, als würde er Sie wie sein Eigentum behandeln. Wie sein Aushängejschild. Das müssen Sie doch nicht mitmachen.“

Daisy schaute zu Boden. Sie mochte Rick nicht in die Augen sehen, weil sie sich schämte.

„So einfach ist das leider nicht. Ich bin das meiner Schwester schuldig. Sie hat so viel für mich aufgegeben, und Peter ist es anscheinend wichtiger, zu heiraten, als sein Geld zurückzubekommen.“

Peter genoss es, eine ehemalige Miss Spencer County zur Frau zu haben – zu besitzen. Mehr als einmal hatte er sie als „Kunstwerk“ bezeichnet. Daisy hielt es für ein ziemlich zweifelhaftes Kompliment, mit den leblosen Gemälden an der Wand verglichen zu werden.

Rachel kam um den Tresen herum und legte ihr den Arm um die Schultern. „Oje“, sagte sie. „Und Tarkin ist bestimmt nicht begeistert, dass seine Braut ihn vor dem Altar im Stich gelassen hat.“

„Eigentlich geschieht ihm das nur recht. Ein Bräutigam, der noch vor der Hochzeit untreu wird, hat nichts anderes verdient.“ Sie atmete tief durch. „Aber wenn ich ihn nicht heirate, hat das bestimmt schlimme Folgen. Davor habe ich Angst.“

Rick betrachtete sie aufmerksam. „Was meinst du damit?“

Daisy schluckte. Stand es etwa schon so schlecht um sie, dass sie sich von Leuten helfen lassen musste, die sie kaum kannte?

„Er hat mir gedroht, als ich ihn fragte, ob wir wirklich heiraten sollten. Meinte, ich würde meine Zweifel noch bedauern. Und …“ Jetzt kam das Allerschlimmste. „… ich hätte es mir nicht im Traum vorstellen können, aber kurz vor der Hochzeit hat er versucht, mir … wehzutun.“ Sie fröstelte bei der Erinnerung.

„Der Kerl rührt Sie nicht noch einmal an, Miss Cox.“ Sam Reno stellte sich neben sie. „Darauf können Sie sich verlassen.“

Ricks Schwester Lacey nickte. „Damit darf er nicht ungeschoren davonkommen, Daisy. Wie können wir Ihnen helfen?“

Erleichtert atmete Daisy auf. Coral würde ihr niemals glauben, dass Peter sie bedroht hatte. Für ihre Schwester war der Mann fast ein Heiliger, weil er ihnen so viel Geld geliehen hatte. Sie war fest davon überzeugt, dass Peter in Daisy verliebt war – und nicht bloß in die Tatsache, dass sie einmal Schönheitskönigin gewesen war.

„Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht“, erwiderte sie ehrlich. Was konnte sie auch tun? Sie konnte jetzt unmöglich zu Coral zurückgehen. Allerdings hatte sie keine weiteren Verwandten.

Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Vor einigen Jahren, als sie in St. Louis gewesen war, hatte ihr der Unternehmer Harry Redd einen gut bezahlten Hostessenjob in seiner Firma angeboten. Damals hatte sie aber noch andere Pläne gehabt, hatte aufs College gehen wollen, um nicht für immer auf die Rolle der Schönheitskönigin festgelegt zu sein. Und dann waren alle ihre Träume wie Seifenblasen zerplatzt. Wenn sie jetzt wieder mit ihm Kontakt aufnähme – vielleicht könnte sie dann den Job bekommen und in einer anderen Stadt ein neues Leben beginnen. Von ihrem Gehalt würde sie dann Coral helfen, den Kredit abzuzahlen.

Sofort hellte sich ihre Stimmung auf. In St. Louis wohnte eine alte Freundin von ihr. Vielleicht konnte sie bei ihr unterkommen, bis sie auf eigenen Beinen stand.

Ja, das könnte klappen.

„Ich gehe nach St. Louis“, erklärte sie.

Rick lachte ungläubig. „St. Louis …“

„Und warum ausgerechnet dahin?“, wollte Rachel wissen.

Bevor Daisy antworten konnte, stand die Frau des Sheriffs auf. „Moment mal, ich habe da eine Idee.“

„Ach, Ashlyn!“, rief ihr Mann.

Aber Ashlyn ließ sich nicht stoppen. „Rick ist doch unser Pilot. Er kann Sie hinfliegen, und zwar sofort.“

„Das sehe ich anders“, protestierte er.

Daisys gute Stimmung war plötzlich wie weggeblasen. Langsam drehte sie sich zu ihm um.

Rick wusste, dass er nicht besonders aufmunternd auf sie wirken konnte. Im Gegenteil. „Du bist doch nicht ganz bei Trost, Ashlyn.“

Daisys Diadem geriet ins Rutschen, als sie erneut den Kopf senkte. Rasch griff sie nach dem zarten Kranz und rückte ihn zurecht.

Rick betrachtete die langen, schlanken Finger mit den hübsch manikürten Nägeln, und sofort meldete sich sein Beschützerinstinkt. Er unterdrückte die Regung. Schließlich war er nie gut darin gewesen, Menschen zu retten.

Aber Ashlyn, früher der Wildfang der Stadt, ließ sich nicht beirren. „Es ist doch so“, fuhr sie fort, ein trotziges Funkeln in den Augen, „je eher Daisy hier wegkommt, umso schneller ist sie den alten Stockfisch los.“

„Ashlyn!“

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