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Für immer mein

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. 1.
  7. 2.
  8. 3.
  9. 4.
  10. 5.
  11. 6.
  12. 7.
  13. 8.
  14. 9.
  15. 10.
  16. 11.
  17. 12.
  18. 13.
  19. 14.
  20. Drei Tage später
  21. Epilog
  22. Danksagung

Über den Autor

Luke Delaney ist das Pseudonym eines ehemaligen Detectives, der in den späten 1980er-Jahren seinen Dienst beim Metropolitan Police Service begann, bevor er später dem Criminal Investigation Department (CID) zugeteilt wurde. Beim CID war er unter anderem für die Aufklärung von Mordfällen zuständig. Luke Delaney weiß also ganz genau, worüber er schreibt.

 

Nicht jedem von uns ist es beschieden, im Leben den wahren Seelenverwandten zu finden, doch ich hatte dieses Glück. Nichts würde ich lieber tun, als ihren Namen in leuchtenden Farben an den Himmel zu schreiben, damit jeder ihn sehen kann, aber meiner Vergangenheit wegen geht das leider nicht. Anstatt also ihr zu Ehren ein galaktisches Feuerwerk zu veranstalten, widme ich diesen Roman meiner unvergleichlichen Frau: L J. Ihrer Liebe habe ich zu verdanken, dass ich der Mann werden konnte, der ich heute bin.

Bei unserer Hochzeit hielt mein Vater eine kurze Rede und bezeichnete uns, L J und mich, als unbändige Kraft. Ich brauchte ein paar Jahre, bis mir klar wurde, was er damit sagen wollte. Wer uns zusammen erlebt, der weiß, was gemeint ist. Wir treiben einander an, fordern einander und kritisieren einander, wenn es gerechtfertigt ist. Vor allem lieben und unterstützen wir uns gegenseitig. Das alles ist möglich, weil wir zusammengehören, einander respektieren und bewundern. Der eine ist beim anderen sicher aufgehoben und beschützt.

Also bringe ich einen Toast auf L J aus, eine hingebungsvolle Mutter, ein furchtloser Captain bei allem, was sie tut, eine inspirierende Kraft bei der Arbeit und zu Hause, eine junge Frau aus einer kleinen Stadt, die alle Benachteiligungen und sämtliche Hindernisse überwunden hat, die das Leben ihr in den Weg legte, und die es bis ganz nach oben schaffte – durch Freundlichkeit und Zuvorkommenheit, ohne je unaufrichtig zu sein.

Ohne L J hätte ich meinen Weg niemals gefunden. Ich hätte mit viel weniger dagestanden, als ich hätte erreichen können. Deshalb danke ich ihr von Herzen für alles, was sie mir gegeben hat.

Für LJ
In Liebe
LD x

1.

Thomas Keller spazierte über die ruhige Straße in Anerley, einem Vorort in South East London. Die Gegend bot denen, die sich von der Hauptstadt angezogen fühlten, noch bezahlbaren Wohnraum. Denn mancher, der in der Hoffnung nach London gekommen war, finanziell besser dazustehen, hatte rasch erkennen müssen, dass er sich nur am Rande der Metropole ein Leben leisten konnte und somit nicht zu den Privilegierten gehörte.

Thomas Keller kannte die Oakfield Road gut, denn er war diese Straße in den zurückliegenden Wochen mehrmals hinunterspaziert. Er wusste genau, in welchem Haus Louise Russell wohnte.

Keller war vorsichtig, obwohl er als Postbote kaum Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde. Nur war das nicht seine normale Route. Möglicherweise fiel jemandem auf, dass er gar nicht hier sein dürfte und dass die Post früher ausgetragen wurde als üblich. Aber er konnte nicht länger warten. Er brauchte Louise Russell heute.

Als er sich Haus Nummer 22 näherte, warf er vorsichtshalber Post durch die Briefschlitze der Nachbarhäuser, nur für den Fall, dass gelangweilte Anwohner nichts Besseres zu tun hatten, als die Straße zu beobachten, auf der sowieso nie etwas passierte. Während Keller Werbeprospekte durch die Schlitze schob, huschte sein Blick mehrmals zu den Fenstern und Türen der hässlichen Backsteinhäuser, denen es an jeglicher Individualität und Wärme fehlte. Doch von der Architektur her boten diese Häuser ausreichend Privatsphäre, und das machte Louise Russell für Keller umso attraktiver. Hatte man erst die Haustür erreicht, konnte man aufgrund der Architektur dieses seelenlosen Gebäudes von der Straße aus nicht mehr gesehen werden. Umgekehrt konnte er, Keller, auch nicht mehr Louises roten Fiesta sehen.

Seine Erregung und Furcht wurden so intensiv, dass er sie kaum noch bezähmen konnte. Das Blut rauschte so heftig durch seine Adern, dass ihm der Schädel pochte und sein Sichtfeld verschwamm. Hastig ging er noch einmal den Inhalt seiner Posttasche durch, schob die Werbezettel beiseite und tastete nach den Gegenständen, die er mitgebracht hatte. Augenblicklich spürte er die beruhigende Wirkung, als er den Elektroschocker berührte. Die Spülmittelflasche, die jetzt Chloroform enthielt. Das saubere Flanelltuch. Das Klebeband. Die dünne Decke. Das alles würde er brauchen. Sehr bald.

Es waren nur noch wenige Schritte bis zur Haustür. Keller konnte die Frau bereits spüren, schmecken, riechen …

Schon wollte er die Klingel betätigen, als er innehielt, um sich zu sammeln. Es konnte ja sein, dass er Louise erst überreden müsste, ihm die Tür zu öffnen. Eine halbe Ewigkeit schien vergangen zu sein, als Keller schließlich den Knopf drückte, der in den Türrahmen eingelassen war. Geduldig wartete er, bis eine schemenhafte Gestalt aus dem Innern des Hauses zur Tür kam. Gespannt starrte er auf das milchige Glas, während der herannahende Schatten Farbe und Kontur annahm.

Dann wurde die Tür geöffnet, und endlich stand sie vor ihm. Nichts war mehr zwischen ihnen – nichts, das sie noch hätte trennen können.

Schweigend stand Keller da, beinahe ehrfürchtig. Er hatte das Gefühl, als zögen Louises leuchtend grüne Augen ihn über die Schwelle, geradewegs zu ihrer schimmernden Haut, ihrem hübschen Gesicht. Sie war ein bisschen kleiner als er, knapp eins siebzig, und schlank; ihr glattes braunes Haar trug sie kinnlang als Bob. Sie mochte ungefähr in seinem Alter sein, achtundzwanzig.

Er begann zu zittern, aber nicht mehr vor Angst, sondern vor Freude.

Louise Russell blickte ihn freundlich an. »Hi. Haben Sie was für mich dabei?«

»Ich bin gekommen, um dich nach Hause zu bringen, Sam«, sagte er. »Wie ich es versprochen habe.«

Louise lächelte verwirrt. »Tut mir leid, aber ich glaube, Sie verwechseln mich.«

Sie sah noch, wie sein Arm hochschnellte, und wollte zurückweichen, weg von dem bedrohlich aussehenden schwarzen Ding, das er in der Hand hielt. Doch Keller hatte ihre Reaktion vorhergesehen und war mit einem Schritt bei ihr. Als Louise den Elektroschocker am Brustbein spürte, hatte sie das Gefühl, von einer Abrissbirne getroffen zu werden. Sie verlor den Halt, wurde zurückgeschleudert und schlug hart auf dem Boden auf. Sekundenlang wusste sie von nichts mehr, als die Welt um sie herum dunkel wurde, aber die Bewusstlosigkeit währte nur kurz – zu schnell holte die Realität sie wieder ein.

Als sie die Augen aufschlug, erkannte sie voller Entsetzen, dass ihr Körper, der von heftigen Krämpfen geschüttelt wurde, ihr nicht mehr gehorchte. Nicht einmal schreien konnte sie, so verkrampft war ihr Unterkiefer.

Dafür sah sie deutlich, was um sie herum geschah. Sie beobachtete, wie der als Postbote verkleidete Mann sich an ihrem Körper zu schaffen machte. Seine fleckigen, schiefen Zähne widerten sie ebenso an wie der üble Geruch seines ungewaschenen Körpers. Als er den Kopf näher an ihr Gesicht brachte, konnte sie sein ungepflegtes, fettiges Haar riechen, das ihm auf der schweißnassen Stirn klebte. Seine blasse Haut wirkte gräulich und ungesund und wies Narben von Akne und schlecht verheilten Windpocken auf.

Louises Blick fiel auf seine Hände, die knochig und hässlich aussahen; die Finger waren lang und dünn, die Haut wirkte durchsichtig wie bei alten Leuten. Sie sah seine langen, schmutzigen Fingernägel, während er damit beschäftigt war, irgendwelche Gegenstände aus der Posttasche zu kramen.

Alles an diesem Mann stieß sie ab, doch sie konnte nichts tun, war noch immer gelähmt von dem schwarzen Gerät, mit dem er sie attackiert hatte. Sie musste diesen Albtraum, in dessen Mittelpunkt sie selbst stand, wehrlos durchleben. Und die ganze Zeit sprach der Mann sie mit einem anderen Namen an, während die Bilder an den Wänden, die ihr so vertraut waren, auf sie herabblickten – Fotos aus glücklichen Tagen mit ihrem Mann, ihrer Familie, ihren Freunden. Wie oft war sie an diesen Bildern vorbeigegangen, ohne sie wahrzunehmen. Jetzt, da sie gelähmt im Flur ihres Hauses lag, schienen die Fotos sie zu verspotten.

Das alles konnte unmöglich wahr sein! Nicht hier, nicht in ihrem Haus …

»Alles in Ordnung, Sam«, sagte er. »Wir bringen dich so schnell wie möglich nach Hause. Ich helfe dir ins Auto, und dann ist es nur noch ein kurzes Stück. Keine Angst, jetzt bin ich ja bei dir.«

Er fasste sie an. Mit feuchten Händen strich er ihr durchs Haar, streichelte ihre Wange, und die ganze Zeit lächelte er. Sein übelriechender Atem war ihr zuwider. Ihr drehte sich der Magen um. Hilflos, mit geweiteten Augen beobachtete sie, wie er ihre Arme packte, an den Handgelenken kreuzte und sie ihr auf den Brustkorb drückte; einen Moment zu lange verharrten seine Finger auf ihren Brüsten. Sie sah, wie er breites schwarzes Klebeband von einer Rolle zog, die er mitgebracht hatte. Starr vor Angst sprach sie ein stilles Gebet in der Hoffnung, ihr Mann würde nach Hause kommen und diese Bestie mit Schlägen vertreiben. Sie betete, dieser Hölle entrinnen zu können, denn mit einem Mal begriff sie, dass der Fremde sie mitnehmen würde. Es wurde ihr schlagartig bewusst, mit schrecklicher Deutlichkeit. Ihre Schmerzen, ihre Todesangst würden nicht hier enden, in dieser vertrauten Umgebung. Nein, dieser Verrückte würde sie verschleppen, an einen fremden Ort, der ihr schon in der Vorstellung albtraumhaft erschien und den sie nie wieder verlassen würde …

Plötzlich spürte sie trotz der lähmenden Angst und des Ekels, dass ihr Körper wieder reagierte. Ihre Muskeln, ihre Hände, ihr Kiefer entspannten sich. Sie konnte den Rücken wieder durchstrecken und spürte, wie sich der Krampf in ihrem Hinterteil auflöste. Sofort dachte sie an Flucht.

Doch sie hatte sich längst verraten. Der Fremde ahnte, was sie vorhatte.

»Nein, Sam«, sagte er. »Sei ganz ruhig. Überlass alles Weitere mir. Ich schwöre dir, alles wird genauso sein, wie wir es immer haben wollten. Das weißt du doch, nicht wahr?«

Seine Stimme war eine Mischung aus aufrichtiger Sorge und einem bedrohlichen Unterton, der den Hass in seinen Augen widerspiegelte. Hätte Louise ihm antworten können, wäre sie mit allem einverstanden gewesen, was er sagte, solange er sie am Leben ließ. Inzwischen ahnte sie, dass sie vergewaltigt würde, und stellte sich auf diese Tortur ein. Sie würde alles tun, was er von ihr verlangte, wenn er sie nur leben ließ.

Nachdem er das Klebeband vorsichtig zur Seite gelegt hatte, holte er eine Spülmittelflasche aus der Tasche, dann ein Tuch, auf dem er eine klare Flüssigkeit verteilte. »Schön mitmachen, Sam. Atme ganz normal, das ist besser, glaub mir.«

Noch ehe das Tuch ihren Mund und ihre Nase bedeckte, nahm Louise einen stechenden Geruch nach Krankenhaus wahr. Kurz versuchte sie, den Atem anzuhalten, dann aber drangen die Chloroformdämpfe in ihre Lunge. Willenlos ließ sie sich in die Bewusstlosigkeit abdriften, doch ehe das willkommene Vergessen einsetzte, zog der Mann ihr das Tuch vom Gesicht. »Nicht zu viel«, hörte sie ihn sagen. »Du bekommst noch mehr, wenn du im Auto bist.«

Louise versuchte, ihn anzuschauen, sich auf seine Bewegungen zu konzentrieren, doch sie sah ihn nur unscharf. Seine Stimme war seltsam hohl und verzerrt. Immer wieder blinzelte sie, um besser sehen zu können, während die Wirkung des Chloroforms allmählich nachließ. Verschwommen nahm sie wahr, dass er ihr die Hände an den Gelenken mit dem Klebeband zusammenschnürte. Er zog es so straff, dass sie den Schmerz sogar im halb bewusstlosen Zustand spürte. Dann erschienen seine Hände in ihrem Gesichtsfeld. Sie sah, dass er irgendetwas in den Fingern hielt, und wollte den Kopf zur Seite drehen, aber es nutzte nichts: Sie merkte, wie er ihr das Klebeband auf den Mund drückte. In ihrer Panik glaubte sie, ersticken zu müssen, da die Wirkung des Chloroforms ihr Denken beeinträchtigte.

»Entspann dich, Sam«, beruhigte er sie. »Atme durch die Nase.«

Sie versuchte es, aber die Todesangst lähmte sogar ihren Selbsterhaltungstrieb.

Plötzlich verschwand der Mann aus ihrem Blickfeld, kramte in ihrer Handtasche und wandte sich dann den Schubladen neben der Haustür zu. Augenblicke später kam er zu Louise zurück. Er hatte das Gesuchte gefunden – ihren Autoschlüssel.

»Wir müssen jetzt los, Sam«, sagte er eindringlich. »Bevor sie versuchen, uns wieder aufzuhalten und auseinanderzubringen. Wir müssen uns vor ihnen verstecken.«

Unter Aufbietung aller Kräfte versuchte er, Louise auf die Füße zu bekommen. Zuerst hob er ihren Oberkörper an, indem er an ihrem Top zerrte, doch sie war zu schwer und stocksteif, und er war zu schmächtig, um ihr Gewicht zu halten. Schließlich gelang es ihm, ihren rechten Arm um seine Schultern zu legen. Langsam zog er sie vom Boden hoch.

»Du musst mir schon ein bisschen helfen, Sam …«

Durch den Schleier aus Verwirrung, Angst und Ekel hörte sie, dass sich Zorn in seine Stimme geschlichen hatte. Sie wusste, dass es besser war, ihm zu gehorchen, wollte sie die nächsten Minuten überleben. Also versuchte sie, die Beine zu bewegen, hatte aber Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht, da sie die gefesselten Arme nicht bewegen konnte. Immer wieder rutschte sie auf dem glatten Holzfußboden aus.

»So ist es besser, Sam«, ermunterte er sie. »Gleich haben wir’s geschafft, nur noch ein Stückchen.«

Louise spürte, dass sie aufrecht stand, aber die Welt drehte sich in einem rasenden Wirbel um sie. Zögernd setzte sie einen Fuß vor den anderen, bewegte sich in das helle Licht draußen vor der Haustür, nahm ihre unmittelbare Umgebung aber nur undeutlich wahr. Doch sie erkannte voller Panik, dass sie das Haus verließ, das ihr Schutz bot, das ihre Zuflucht hatte sein sollen. Als sie an der frischen Luft allmählich wieder einen klaren Kopf bekam, sah sie, dass sie hinter ihrem Auto stand, während der Mann sich mit dem Schlüssel abmühte. Dann hörte sie, wie der Alarm deaktiviert wurde und der Kofferraumdeckel aufsprang.

»Hier bist du sicher, Sam«, sagte er. »Keine Bange, wir haben es nicht weit.«

Louise wusste, was er von ihr wollte, und brachte hinter dem Klebeband ein genuscheltes »Nein« zustande, ehe er sie bei den Schultern packte und zum Auto drückte. Sie verlor das Gleichgewicht und kippte in den Kofferraum. Dann lag sie da und flehte den Wahnsinnigen mit Blicken an, sie nicht zu entführen. Doch sein Gesicht verschwamm wieder, als ihr erneut der mit Chloroform getränkte Lappen aufs Gesicht gedrückt wurde. Diesmal hielt der Mann ihr das Tuch so lange vor Mund und Nase, bis Louise von tiefer Bewusstlosigkeit erlöst wurde.

Er nahm sich einen Moment Zeit, die Frau zu betrachten, und lächelte. Er hätte jubeln können vor Freude.

Er hatte sie wieder. Für immer und ewig.

Er holte die dünne Decke aus der Tasche und breitete sie vorsichtig über Louises Körper, ehe er behutsam den Kofferraumdeckel schloss. Im nächsten Augenblick saß er hinter dem Steuer und fummelte mit dem Schlüssel am Zündschloss herum, da seine Hände vor Aufregung zitterten. Als es ihm schließlich gelang, den Motor anzulassen, fuhr er gemächlich los, um ja keine Aufmerksamkeit zu erregen.

Schon bald würde er den Fiesta gegen seinen Wagen tauschen und mit Sam nach Hause fahren. Nach Hause. Mit Sam. Für den Rest ihres Lebens.

*

Detective Inspector Sean Corrigan saß im Strafgerichtshof, besser bekannt als Old Bailey, benannt nach der gleichnamigen Straße in der City of London. Trotz all der Mythen und Geschichten, die um Old Bailey kreisten, mochte Corrigan dieses Gerichtsgebäude nicht. Das ging den meisten Ermittlern so. Mit dem Auto war Old Bailey schlecht zu erreichen, und in meilenweitem Umkreis gab es keine Parkmöglichkeiten. Deshalb war es eine Plackerei, Taschen voller Beweismittel ins Gericht zu schleppen; so etwas tat sich kein Ermittler freiwillig an. An anderen Gerichten Londons mochte es schwieriger sein, eine Verurteilung zu erwirken, aber da gab es wenigstens Parkplätze.

Es war Mittwochnachmittag, und Corrigan hatte bereits den ganzen Tag im Old Bailey verbracht. Schon seit Montag früh hatte er kaum etwas anderes gesehen als den Gerichtssaal. Jetzt schaute er sich um, hatte aber keinen Blick für die altehrwürdige Architektur. Es waren die Leute im Saal, die ihn interessierten.

Der Richter legte den Bericht des Bewährungshelfers zur Seite und ließ den Blick über die Anwesenden schweifen. »Ich habe in dieser Angelegenheit sämtliche Ausführungen der Verteidigung in Betracht gezogen«, verkündete er, »und besonderes Augenmerk auf die psychologischen Gutachten gerichtet, die Mr. Gibrans Geisteszustand zum Zeitpunkt der furchtbaren Verbrechen beschreiben. Aufgrund der Einschätzung der Psychologen, die Mr. Gibran untersucht haben, komme ich zu dem Schluss, dass er nicht verhandlungsfähig ist. Stattdessen bin ich der Auffassung, dass der Angeklagte wegen schwerer psychischer Störungen behandelt werden muss. Hat jemand etwas zu sagen, ehe wir die Angelegenheit zum Abschluss bringen?«

Corrigan spürte, dass seine gespannte Erwartung bitterer Enttäuschung wich. Sein Magen krampfte sich zusammen. Doch seine Aufmerksamkeit galt sofort wieder der Verhandlung, da der Vertreter der Anklage aufgesprungen war.

»Euer Ehren«, begann er, »dürfte ich Ihre Aufmerksamkeit auf Seite zwölf des Bewährungsberichts lenken? Das könnte dem Gericht hilfreich sein.«

In der Stille des Saales war das Rascheln von Papier zu hören, als der Richter die entsprechende Seite suchte und sich in den Wortlaut vertiefte. Kurz darauf wandte er sich an den Anklagevertreter. »Ich danke Ihnen, Mr. Parnell. Damit helfen Sie dem Gericht tatsächlich weiter.«

Der Richter schaute zur Bank am anderen Ende des Saales, wo der regungslose Gibran saß. »Mr. Gibran«, sagte er gerade laut genug, um sich auf die Entfernung Gehör zu verschaffen. Er behandelte Gibran bereits wie einen Insassen der Psychiatrie, nicht mehr wie einen kaltblütigen Mörder. »Das Gericht ist zu dem Schluss gekommen, dass Sie für die Verbrechen, die Ihnen zur Last gelegt werden, nicht zur Verantwortung gezogen werden können. Da wir bezweifeln, dass Sie begreifen können, was Sie zu erwarten haben, werden Sie vermutlich nicht in der Lage sein, sich entsprechend zu verteidigen. Deshalb habe ich angeordnet, dass Sie in psychiatrischer Behandlung bleiben. Doch in Anbetracht der ernsten Bedenken seitens der Bewährungshelfer, dass Sie eine Gefahr für sich selbst und für die Öffentlichkeit darstellen …«

Die Leere, die Corrigan eben noch erfasst hatte, verflog genauso rasch, wie sie gekommen war, verdrängt von der Aufregung, die erneut von ihm Besitz ergriff. Es war ihm vollkommen egal, wer die Schlüsselgewalt hatte – Gefängniswärter oder Personal der Psychiatrie –, solange Gibran hinter Schloss und Riegel war, und zwar für immer.

Der Richter führte seinen Satz zu Ende: »… kann ich das Risiko, das Sie darstellen, nicht ignorieren und ordne hiermit an, dass Sie auf unbestimmte Zeit in psychiatrische Sicherheitsverwahrung kommen. Sollte sich in Zukunft zeigen, dass Sie Fortschritte gemacht haben, wird erneut untersucht, ob Sie verhandlungsfähig sind.«

Mit diesen Worten erhob sich der Richter, um das Ende der Verhandlung zu bekunden. Respektvoll standen alle im Saal auf. Corrigan hatte Mühe, ein zufriedenes Schmunzeln zu unterdrücken, als er auf Gibran blickte und flüsterte: »Viel Spaß in Broadmoor, du Hurensohn.«

Er hielt Gibrans Blick gefangen, als die Wächter ihn von der Anklagebank zum Zellenbereich unterhalb des Gerichtssaals führten. Corrigan wusste, dass er Gibran höchstwahrscheinlich zum letzten Mal gesehen hatte.

Nachdem er seine Unterlagen in seine alte, abgegriffene Aktentasche geschoben hatte, hielt er auf den Ausgang zu und hoffte, der Handvoll Journalisten aus dem Weg gehen zu können, die man in den Gerichtssaal gelassen hatte. Auf halbem Weg blieb er stehen, um dem Rechtsbeistand die Hand zu schütteln und ihm für seine Bemühungen zu danken.

Draußen vor dem Saal waren zu Corrigans Erleichterung weder Journalisten noch Familienangehörige von Gibrans Opfern zu sehen. Im Augenblick wollte er mit niemandem sprechen. Nachdem er jenen Bereich des Gebäudes hinter sich gelassen hatte, der öffentlich zugänglich war, verschwand er in den Tiefen von Old Bailey und gelangte in ein Labyrinth aus kurzen, schlecht gelüfteten, schummrigen Gängen, die zu einer viktorianischen Treppe führten. Am Ende dieser Treppe erreichte Corrigan eine unauffällige Tür. Er öffnete sie und trat wie selbstverständlich über die Schwelle. Sofort wurde er von Stimmengewirr umfangen.

Die kleine Kantine, die der Polizei vorbehalten war, hatte ebenfalls einen Platz in den Mythen und Legenden der Polizeibehörde. Ein Geheimtipp, bekannt für das beste Fleischbüfett in ganz London. Corrigan brauchte nicht lange, bis er Detective Sergeant Sally Jones entdeckt hatte, seine Kollegin, die allein an einem der Tische saß und Kaffee trank. Sie spürte sofort, dass Corrigan die Kantine betreten hatte, und schaute ihm in die Augen. Corrigan ahnte, dass Sally seine Miene zu deuten versuchte, als er sich einen Weg zu ihr bahnte, vorbei an den voll besetzten Tischen, wobei er sich mehrmals entschuldigte, wann immer er Kollegen bei ihren hastig eingenommenen Mahlzeiten störte. Als er schließlich Sallys Tisch erreichte, ließ er sich auf den Stuhl ihr gegenüber sinken.

»Wie ist es gelaufen?«, fragte sie ungeduldig.

»Nicht verhandlungsfähig.«

»Scheiße!« Bei diesem Ausruf schauten mehrere Detectives von ihren Tellern auf. Corrigan blickte sich um und gab jedem, der in ihre Richtung blickte, zu verstehen, dass es sich um nichts Persönliches handelte.

»Du liebe Güte«, fuhr Sally leise fort. »Was soll das bringen?«

Corrigan fiel auf, dass sie sich unbewusst über eine Stelle am rechten Oberkörper strich, als spürte sie erneut, wie Gibran ihr das Messer in den Körper stieß. »Kommen Sie, Sally«, versuchte er sie aufzumuntern. »Wir wussten doch die ganze Zeit, dass diese Möglichkeit besteht. Nach einem Blick in die psychiatrischen Gutachten war es fast sicher.«

»Ich weiß.« Sally seufzte. »Nur hatte ich dummerweise geglaubt, dass im Old Bailey endlich gesunder Menschenverstand Einzug hält. Ich hätte es besser wissen sollen.«

»Könnte doch sein, dass Gibran wirklich verrückt ist.«

»Oh, das ist er«, bekräftigte Sally. »Trotzdem ist er verhandlungsfähig. Er wusste, was er tat, als er die Verbrechen beging. Da waren keine Stimmen in seinem Kopf. Er ist ebenso clever wie gefährlich. Ich wette, dass der Mistkerl sogar die Ergebnisse der psychiatrischen Gutachten beeinflusst hat. Der hat sich einen Spaß aus den sogenannten Testverfahren gemacht. Der Dreckskerl! Er müsste sich verantworten für das, was er getan hat …« Ihre Stimme verlor sich, und sie blickte auf den inzwischen kalt gewordenen Kaffee, der vor ihr stand.

»Glauben Sie mir, ungeschoren kommt er nicht davon«, versicherte Corrigan ihr. »Während wir hier sitzen, ist er schon auf dem Weg zum Hochsicherheitstrakt in Broadmoor. Wer da einsitzt, kommt nie mehr raus.« Einige berüchtigte Mörder und Kriminelle saßen in Broadmoor; ihre Gesichter blitzten in Corrigans Erinnerung auf: Peter Sutcliffe, auch bekannt unter dem Namen »Yorkshire Ripper«; Michael Peterson alias »Charles Bronson«; Kenneth Erskine alias »Stockwell Strangler« und Robert Napper, der Täter im ebenso grausamen wie spektakulären Mord an der jungen Mutter Rachel Nickell.

Sallys Stimme riss Corrigan aus seinen Gedanken.

»Gibran hat einen Polizisten auf dem Gewissen und hätte beinahe auch mich getötet. Man wird ihn dort wie einen Gott verehren.«

»Da wäre ich mir nicht so sicher, denn …« Corrigan stockte, als das Handy in seiner Jackentasche vibrierte. Da die Rufnummer unterdrückt wurde, rief wahrscheinlich jemand aus dem Konferenzzimmer seiner Dienststelle an, der Peckham Police Station. Corrigan nahm das Gespräch entgegen. Er erkannte den Anrufer sofort am prägnanten Tonfall, eine Mischung aus Glasgower Dialekt und Cockney. Detective Sergeant Dave Donnelly hätte sich nicht gemeldet, wäre es unwichtig gewesen.

»Chef, Superintendent Featherstone will Sie hier sehen, sofort bitte. Offenbar gibt es Neuigkeiten, die unserer speziellen Fertigkeiten bedürfen.«

»Wir sind in einer Stunde da. Es zieht sich ein bisschen von Old Bailey«, erklärte Corrigan. »Wenigstens sind wir hier fertig.«

»Was denn, schon fertig?«, fragte Donnelly erstaunt. »Hört sich gar nicht gut an.«

»Ich erzähle Ihnen alles nachher.« Corrigan beendete das Gespräch.

»Probleme?«, wollte Sally wissen.

»Wann gibt es die mal nicht.«

*

Louise Russells Lider öffneten sich flatternd, während ihr Verstand verzweifelt versuchte, sich aus dem chloroformumnebelten Schlaf zu befreien, der ihr nichts als Albträume, bedrückende Dunkelheit und ein Ungeheuer in ihrem Haus beschert hatte. Mühsam versuchte sie, sich in der düsteren Umgebung zurechtzufinden. Sie blinzelte, ehe sie die Augen vor Entsetzen weit aufriss.

O Gott, er hat mich verschleppt, hat mich aus meinem Haus entführt, aus meinem Leben gerissen …

Würde sie ihren Mann je wiedersehen? Panik erfasste sie. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und hätte die Flucht ergriffen, doch die Nachwirkungen des Chloroforms machten sie schlapp und träge. Sie schaffte es gerade noch, sich auf Händen und Füßen abzustützen, ehe sie zur Seite sank und den Kopf auf den angewinkelten Arm bettete. Ihr Atem und ihr Puls gingen schnell und unregelmäßig. Verzweifelt versuchte sie, ihre Angst in den Griff zu bekommen. Ihr Atem beruhigte sich ein wenig, und da ihre Augen sich an die Lichtverhältnisse gewöhnten, konnte sie allmählich ihre unmittelbare Umgebung erkennen.

Der große Raum, in dem sie lag, hatte keine Fenster. Eine Tür schien es auch nicht zu geben. Louise sah nur die unteren Stufen einer Treppe, die sich in der Dunkelheit verlor und wahrscheinlich nach oben zu einem Ausgang führte. Eine nackte, schwache Glühbirne hing von der Decke, verschmiert und fettig; das Licht reichte gerade aus, dass Louise in dem seltsamen Raum Einzelheiten ausmachen konnte. Soweit sie es von ihrer Position aus beurteilen konnte, war der Raum sieben, acht Meter lang und ebenso breit. Die kahlen Wände waren vor einer halben Ewigkeit das letzte Mal getüncht worden; hier und da schimmerte das Rot und Grau der alten Backsteinmauern durch. Der Fußboden schien eine Betonfläche zu sein, die unangenehme Kälte verströmte. Das einzige Geräusch war ein monotones Tropfen von der Decke oder einer der Wände. Offenbar handelte es sich um einen unterirdischen Raum, ein Kellergewölbe oder einen alten Bunker.

Louise stieg der Geruch von Urin, menschlichen Exkrementen und Ausdünstungen in die Nase, aber das war nichts im Vergleich zu ihrer nackten Angst. Sie zog sich die dünne Decke, unter der sie lag, bis unter das Kinn, da sie auf dem kalten Boden zu zittern begann. Ein Blick auf ihren Körper verriet ihr, dass jemand ihr die Kleidung weggenommen und ihr stattdessen die Decke dagelassen hatte. Sie roch sauber, beinahe angenehm im Vergleich zum Gestank in diesem Gewölbe – aber wer, um alles in der Welt, entführte sie und zog sie nackt aus, ließ ihr dann aber eine warme Decke zum Schutz gegen die Kälte?

Wer machte so etwas? Und warum?

Louise schloss die Augen. Sie hoffte inständig, dass der Unbekannte sie nicht angerührt hatte. Vorsichtig strich sie sich mit einer Hand über den Körper und zwischen die Schenkel. Behutsam tastete sie sich ab und kämpfte gegen das Ekelgefühl. Sie spürte keinen Schmerz, keine wunden Stellen, und zwischen ihren Beinen war sie trocken.

Sie atmete ein wenig auf. Offenbar hatte der Irre sie nicht vergewaltigt.

Aber warum war sie dann hier?

Nachdem ihre Augen sich an das matte Licht gewöhnt hatten, erkannte sie, dass sie nicht direkt auf dem Betonboden lag, sondern auf einer alten, fleckigen Matratze. Außerdem hatte der Unbekannte ihr in einem Plastikbecher Wasser hingestellt, das frisch zu sein schien.

In diesem Augenblick bemerkte sie mit Schrecken, dass sie nicht nur in diesem kellerartigen Raum eingesperrt war. Sie steckte in einer Art Käfig. Erst jetzt sah sie die Metallstäbe und das dicke Gittergeflecht.

Ein Käfig.

Vielleicht zwei Meter breit und anderthalb Meter hoch.

Das konnte nur zweierlei bedeuten: Entweder hatte der Irre sie hier zum Sterben zurückgelassen, oder er kam wieder, um das Tier zu beobachten, das er gefangen und in diesen Käfig gesteckt hatte. Oder es zu quälen.

Die nackte, wehrlose Kreatur.

Je länger Louise darüber nachdachte, desto sicherer war sie, dass der Wahnsinnige zurückkommen würde, um seine Beute zu füttern … oder mit ihr zu tun, was ihm in den Sinn kam.

Sie trocknete ihre Tränen an der Decke und versuchte erneut, sich mit dem unterirdischen Raum vertraut zu machen. Noch hatte sie die leise Hoffnung, etwas zu entdecken, was ihr Mut machte. An einer Seite des Käfigs, an der sich die Käfigtür befand, war ein Vorhängeschloss. Jetzt erst fiel Louise eine Klappe an der Seite auf, durch die der Irre ihr vermutlich das Essen in den Käfig schob.

Todesangst erfasste sie. In ihrer Verzweiflung sprang sie förmlich an die Käfigtür, drückte die Finger durch das Gitter, rüttelte an den Stäben. Tränen strömten ihr über die Wangen. Beinahe hätte sie um Hilfe geschrien.

Dann erstarrte sie. Sie hatte etwas gehört. Ein Geräusch, eine Bewegung.

Hier im Raum.

Ich bin nicht allein!

Voller Angst spähte sie in die schummrigen Tiefen des Gewölbes, lauschte auf weitere Geräusche.

Da war es wieder. Irgendetwas bewegte sich dort.

Wie unter Zwang starrte Louise auf die Stelle, an der sie die Geräusche zuletzt wahrgenommen hatte. Und dann sah sie es: Am anderen Ende des Gewölbes stand ein weiterer Käfig, der genauso aussah wie der, in dem sie selbst steckte.

Großer Gott, ist da ein Tier eingesperrt?

Hatte der Verrückte sie in einem Raum festgesetzt, in dem irgendeine wilde Bestie hauste? Hatte er sie entführt, um sie einem Raubtier zum Fraß vorzuwerfen?

Voller Entsetzen rüttelte Louise wieder an den Gitterstäben, obwohl sie wusste, dass es nichts brachte. Als sie eine Stimme hörte, blieb ihr vor Schreck beinahe das Herz stehen. Eine leise, matte Stimme. Die Stimme einer anderen Frau.

»Tu das lieber nicht«, wisperte die Stimme. »Er könnte dich hören. Man weiß nie, wann er lauscht. Wenn er hört, was du hier machst, bestraft er uns beide.«

Louise erstarrte vor Angst. Die Gewissheit, dass sie nicht die Einzige war, die dieser Irre entführt hatte, lähmte ihren Verstand. Einen Augenblick verharrte sie reglos, lauschte ungläubig und glaubte beinahe schon, sich die Stimme nur eingebildet zu haben. Als sie die Stille nicht mehr aushielt, rief sie leise ins Zwielicht: »Wer bist du? Wie bist du hierhergekommen?« Keine Antwort. »Ich heiße Louise Russell«, fügte sie hinzu. »Und du?«

Keine Antwort. Louise wartete, während die Stille sich endlos hinzog.

»Wir müssen uns gegenseitig helfen«, flüsterte sie eindringlich.

»Bitte, sei ruhig«, erwiderte die Frauenstimme. Sie klang ängstlich, nicht wütend. »Er könnte uns hören.«

»Das ist mir egal. Sag mir, wie du heißt.« Wieder wartete Louise, spähte hinüber zu dem Schemen, der sich endlich bewegte und menschliche Gestalt annahm.

Louise sah eine junge Frau, die im Schneidersitz in dem anderen Käfig saß. Sie war schlank und hübsch, trotz ihrer ungepflegten Erscheinung: Ihr kurzes braunes Haar war verfilzt, ihr Gesicht blass und verschmutzt. Jegliches Make-up war längst von Tränen und Schweiß verwischt. Sie hatte Prellungen am Körper und im Gesicht, und die Unterlippe war aufgesprungen.

Louise schätzte die Frau auf Ende zwanzig. Soweit sie es beurteilen konnte, schien die Fremde ungefähr so groß zu sein wie sie selbst. Sie ähnelte ihr sogar auffallend. Jetzt fiel ihr auch auf, dass die andere Frau weder Matratze noch Decke besaß und nichts am Leib trug als einen schmutzigen Slip und einen BH. Sie schien zu frieren, obwohl es in dem Gewölbe nicht allzu kalt war. Andererseits konnte Louise nirgends einen Ofen oder eine Heizung sehen. Möglicherweise war nebenan ein Heizkeller. Oder es lag daran, dass es sich um einen unterirdischen Raum handelte.

Aber wieso wurde die Frau schlechter behandelt als sie, Louise? Wurde sie für etwas bestraft? Sagte sie deshalb so wenig? Weil sie befürchten musste, umso schlimmer bestraft zu werden, wenn der Irre es mitbekam? Was mochte dieser Geisteskranke ihr als Nächstes antun?

»Ich heiße Karen«, sagte die Frau plötzlich. »Karen Green.«

Beim Klang der Stimme erstarrte Louise. Sie brauchte einen Augenblick, bis sie sprechen konnte.

»Wie lange wirst du schon hier festgehalten, Karen?«

»Weiß ich nicht. Er hat mir die Uhr weggenommen.«

»Weißt du noch, was für ein Tag war, als er dich entführt hat?«

»Donnerstagmorgen«, erwiderte Karen. »Was für ein Tag ist heute?«

»Ich bin mir nicht sicher. Es war Dienstagmorgen, als er …« Louise rang um Worte. »Als er mich überfallen hat. Weißt du, wie lange ich hier bin?«

»Vielleicht einen Tag. Du warst die ganze Zeit bewusstlos.«

Kraftlos sank Louise gegen das Käfiggitter. Womöglich wurde sie schon einen ganzen Tag vermisst, aber niemand hatte sie bisher gefunden.

Ein anderer Gedanke durchfuhr sie eiskalt: Karen Green war seit fast einer Woche verschwunden und verrottete in dem verfluchten Käfig. Und bis jetzt war sie ganz allein hier unten gewesen, allein mit diesem Psycho.

»Weißt du, was er von uns will?«, fragte Louise. »Wieso hält er uns hier fest?«

»Keine Ahnung, aber er nennt mich dauernd Sam.«

Louise erinnerte sich, dass der Mann auch sie mit diesem Namen angeredet hatte.

Ich bin gekommen, um dich nach Hause zu bringen, Sam. Wie ich es versprochen habe.

Ihr wurde übel. Bittere Galle stieg ihr in die Kehle und brannte im Mund. Wie es aussah, mussten sie und Karen als Ersatz für jemanden herhalten, der Sam hieß.

Erneut spülte eine Woge der Angst über Louise hinweg, beinahe körperlich spürbar. Sie und Karen wurden von einem Geisteskranken festgehalten, der keinerlei Vernunftgründen zugänglich war.

Ihre Hoffnung schwand.

Als Louise wieder zur halbnackten Karen hinüberschaute, wurde ihr bewusst, dass sie unter der Decke splitternackt war. »Hat er dich angefasst?«, fragte sie und erkannte, dass sie eine Vergewaltigung fast genauso fürchtete wie den Tod.

Keine Antwort. Das Schweigen dehnte sich. Louise beobachtete, wie Karen sich auf den Boden des Käfigs kauerte und die Beine anzog.

»Anfangs nicht«, sagte sie dann leise schluchzend. »Als ich aufwachte, trug ich keinen Faden mehr am Leib, aber ich glaube nicht, dass er mir da schon etwas angetan hatte. Er ließ mir eine Matratze und eine Decke, so wie dir, aber später nahm er mir beides weg und dann … dann fing es mit den Vergewaltigungen an. Er injizierte mir irgendwas, das meinen Widerstand lähmte. Mittlerweile vergewaltigt er mich nur noch, wenn er mich bestrafen will.«

»Bestrafen?«, fragte Louise.

»Ja. Und ich weiß nicht, was ich getan habe, dass er so wütend auf mich ist …«

Louise schauderte bei dem Gedanken, dass auch ihr dieses Schicksal bevorstehen könnte. Ihre Muskeln verkrampften sich. »Was ist mit deiner Kleidung?«, fragte sie heiser. »Du hast gesagt, du hättest keinen Faden mehr am Leib gehabt. Aber die Unterwäsche hat er dir zurückgegeben? Wieso nicht auch den Rest?«

»Das ist nicht meine Unterwäsche«, erklärte Karen. »Während der ersten Tage durfte ich mich noch waschen, dann gab er mir ein paar Sachen und sagte, ich soll sie anziehen. Gestern Nacht kam er unerwartet und nahm mir alles wieder ab, bis auf den Slip und den BH. Ich wusste nicht, warum, bis ich dich gesehen habe …«

Louise ahnte, dass bald sie die Sachen tragen würde, die vorher Karen gehört hatten. Wieder würgte sie und spuckte Galle, und ihre Augen tränten.

Mit einem Mal wurde die Stille von einem klirrenden Geräusch unterbrochen, als hätte jemand mit einem schweren Gegenstand gegen Blech geschlagen. Ein Vorhängeschloss wurde geöffnet. Einen Moment lang glaubte Louise, es könnten Retter sein, doch als sie wieder Karens ängstliche Stimme vernahm, wich ihre aufkeimende Hoffnung nacktem Entsetzen.

»Er kommt!«, wisperte Karen. »Sprich nicht mehr mit mir!«

Louise sah, dass die junge Frau sich in die hinterste Ecke des Käfigs zwängte wie eine verängstigte Kreatur.

*

Kurz vor sechzehn Uhr am Mittwochnachmittag betraten Corrigan und Sally Jones den Besprechungsraum der Peckham Police Station. In der Dienststelle herrschte ungewöhnliche Geschäftigkeit, da die Kollegen aus Corrigans Team die Zeit zwischen den abgeschlossenen Fällen und den neuen Ermittlungen nutzten, um den Papierkram aufzuarbeiten. Seit Wochen hatte das Morddezernat keinen problematischen Fall mehr auf den Tisch bekommen, obwohl es nicht an Fällen mangelte. Es freute Corrigan, eine Verschnaufpause zu haben, zugleich aber ahnte er, dass irgendetwas auf ihn wartete, was ihm gar nicht schmecken würde.

Als er gemeinsam mit Sally Jones und Donnelly den Bürotrakt durchquerte, sah er Superintendent Featherstone bereits durch das Plexiglas der Trennvorrichtung. Irgendwie ahnte Corrigan, dass heute der Tag X gekommen war, den er insgeheim gefürchtet hatte.

Featherstone erhob sich, als die Detectives eintraten. »Ein kleiner Vogel hat mir gezwitschert, dass es heute im Gerichtssaal nicht ganz so gut gelaufen ist«, lautete seine Begrüßung.

»Hängt vom Blickwinkel ab, Sir«, antwortete Corrigan.

»Und wie ist Ihre Sicht der Dinge?«, forschte sein Vorgesetzter nach.

»Nun, wahrscheinlich verbringt Gibran den Rest seines verkorksten Lebens in Broadmoor, unter einem Dach mit den schlimmsten psychopathischen Killern. Das ist doch schon mal was. Keiner kommt je aus Broadmoor raus. Gibran wird dort verrotten. Sehen Sie es mal so, Sir: Er hat lebenslänglich gekriegt, und wir mussten nicht mal einen Verhandlungsmarathon durchstehen. Es hätte schlimmer kommen können. Angenommen, irgendwelche minderbemittelten Geschworenen hätten sich von ihm blenden lassen, und er hätte Old Bailey als freier Mann verlassen. Stellen Sie sich das mal vor.«

»Lieber nicht«, erwiderte Featherstone.

Corrigan beschloss, das Thema zu wechseln. Cops hielten sich nie lange mit alten Fällen auf. Trotzdem, die Ermittlungen im Fall Gibran hatten sich als vollkommen anders erwiesen als alles, was man je beim Morddezernat erlebt hatte. Doch so schlimm es für alle Beteiligten gewesen sein mochte – Sally hatte es am schlimmsten erwischt. Beinahe hätte Gibran sie in ihrer eigenen Wohnung ermordet. Körperlich hatte sie überlebt, aber Corrigan wurde das Gefühl nicht los, dass in ihrem Innern etwas gestorben war.

Zwei Monate hatte sie auf der Intensivstation zugebracht, drei weitere in etlichen Reha-Maßnahmen. Drei Monate später hatte sie den Dienst wieder aufgenommen. Aber es war zu früh gewesen; weder physisch noch mental war sie den Aufgaben gewachsen. Das war nun einen Monat her. Inzwischen waren seit dem Überfall neun Monate vergangen.

»Aber es bringt nichts, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was gewesen ist«, nahm Corrigan den Faden wieder auf. »Ich nehme an, Sie haben uns aus einem bestimmten Grund herbestellt, Sir.«

»Ja. Es geht um eine Vermisste.«

Featherstones Worte stießen auf ungläubiges Schweigen.

»Es geht um was?«, hakte Corrigan nach.

»Eine Vermisste«, wiederholte sein Chef.

»Muss ja ein Promi sein, dass wir jetzt schon den Fall übernehmen sollen.«

»Kein Promi«, ließ Featherstone sie wissen. »Natürlich bedeutet sie ihrer Familie sehr viel. Besonders ihrem Mann, der sie als vermisst gemeldet hat.«

»Gilt er als Verdächtiger?«, fragte Corrigan.

»Nein.«

»Wie lange wird die Frau vermisst?«

»Seit gestern Morgen. Der Ehemann, ein gewisser John Russell, ist gegen halb neun zur Arbeit gefahren«, sagte Featherstone. »Er kam gegen achtzehn Uhr nach Hause und stellte fest, dass seine Frau und ihr Auto nicht mehr da waren. Ihre Handtasche lag im Flur, auch ihr Handy und ein paar andere Dinge, aber Louise selbst war unauffindbar. Also ist klar, dass ihr etwas zugestoßen sein muss, und es könnte durchaus sein, dass sie in Gefahr schwebt.«

Was er da hörte, gefiel Corrigan gar nicht. Frauen, die mit heimlichen Geliebten durchbrannten, ließen weder ihre Handtasche noch das Handy zurück. »Wie weit sind wir mit den Ermittlungen?«, wollte er wissen.

»So weit, wie ich es gerade eben zusammengefasst habe«, erwiderte Featherstone. »Der Kollege vom örtlichen Revier, der die Vermisstenanzeige aufgenommen hat, hatte ein ungutes Gefühl bei der Sache und hat den Fall weitergereicht. Wir müssen die Frau lebend finden, klar?«

»Das fällt doch gar nicht in unseren Aufgabenbereich«, hielt Detective Sergeant Donnelly dagegen. »Wir haben mit Mordfällen zu tun, nicht mit Vermisstenfällen.«

»Die hohen Herren bei Scotland Yard haben beschlossen, dass Vermisste, die in ernster Gefahr schweben, besondere Aufmerksamkeit erhalten. Ein Zusatz zum Präventionsprogramm, mit dem Morde verhindert werden sollen.«

»Also gut. Wie alt ist die Frau?«, fragte Corrigan, der keine Lust hatte, sich auf Wortgefechte einzulassen.

Featherstone warf einen Blick in die Akte. »Dreißig.«

»Genau das Alter, in dem Frauen mit einem anderen durchbrennen«, meldete Donnelly sich zu Wort.

»Sie ist bestimmt nicht durchgebrannt.« Sally schüttelte den Kopf. »Eine Frau würde nie so viele für sie wichtige Dinge zurücklassen. Nein, da muss etwas passiert sein.«

»Und was?«, fragte Donnelly.

»Vielleicht wurde sie entführt«, sagte Sally.

»Finden Sie es heraus, und zwar schnell«, meinte Featherstone. »Halten Sie mich auf dem Laufenden. Die hohen Herren wollen Ergebnisse, damit sie nicht die Medien am Hals haben.« Er reichte Corrigan die Vermisstenakte. »In dieser Akte sind Fotos von der Frau. Keine besonderen Merkmale, abgesehen von einer Blinddarmnarbe aus Teenagerjahren.«

»Könnten Sie bitte ein paar Kopien machen und im Team verteilen?«, fragte Corrigan und reichte die Akte an Sally weiter. »Dave hilft Ihnen sicher gern.«

Donnelly quittierte die letzten Worte seines Chefs mit einem Seufzer. »Wir vergeuden nur unsere Zeit. Ich sag Ihnen, die Frau ist in ein paar Tagen zurück, duftet nach Aftershave und reicht die Scheidung ein.«

Corrigan strafte Donnelly mit einem strengen Blick. »Das sehe ich anders.« Mehr sagte er nicht.

Zum Glück wusste Donnelly, wann es an der Zeit war, mit dem Nörgeln aufzuhören. Schweigend trottete er hinter Sally her.

Featherstone wartete, bis die beiden außer Hörweite waren, ehe er wieder das Wort ergriff. »Wie steht es um Sally?«, wollte er dann wissen.

Corrigan zuckte die Achseln. »Sie wird schon wieder.«

»Ja?« Featherstone blickte ihn skeptisch an. »Sieht doch jeder Trottel, dass sie zu kämpfen hat. Was ja nicht verwunderlich ist.«

»Sie fängt sich wieder«, versicherte ihm Corrigan. »Sie braucht noch etwas Zeit und einen anständigen Fall, damit sie auf andere Gedanken kommt.«

»Wie Sie meinen.« Featherstone nickte ihm auffordernd zu. »Okay, an die Arbeit. Und denken Sie daran, mich auf dem Laufenden zu halten. Wenn ich Ihnen helfen kann, rufen Sie mich an. Ich weiß, wie allergisch Sie auf die Medien reagieren. Wenn die Ihnen Schwierigkeiten machen, sagen Sie es mir.«

Corrigan wandte sich zum Gehen, als ihm noch eine Frage einfiel. »Glauben Sie, dass die Frau bereits tot ist? Wollen Sie deshalb, dass ich den Fall übernehme?«

»Sean, diese Louise Russell hat einen Mann, einen Vater, eine Mutter. Wenn wir unseren Job gut machen, könnte sie eines Tages selbst Mutter werden. Sollten wir uns das nicht vor Augen halten?«

Nachdenklich kehrte Corrigan in sein Büro zurück. Mit einem Mal kam er sich furchtbar allein vor, als er in dem kleinen, überhitzten Raum saß, umgeben von billigen Möbeln und überalterten Computern, die längst ins Museum gehörten. Der Blick aus dem Fenster bot auch nichts Berauschendes: Sozialbauten in Peckham, und auf der freien Fläche unmittelbar neben dem Revier breitete sich eine Wohnwagensiedlung aus.

Corrigans Gedanken schweiften zu Louise Russell. Er versuchte sich vorzustellen, was sich abgespielt haben könnte. Wo steckte die Frau jetzt? Würde ein Entführer sich mit Lösegeldforderungen melden? War sie überhaupt noch am Leben?

Corrigan fuhr sich mit einer Hand durchs Gesicht und versuchte, die sinnlosen Fragen zu verscheuchen. »Die Frau ist als vermisst gemeldet«, sagte er laut zu sich selbst. »Also hör auf, so zu tun, als wäre sie schon tot.«

2.

Tageslicht flutete die Treppenstufen hinunter und erhellte den Raum. Louise musste die Augen zusammenkneifen. Kaum hatte sie sich an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnt, als eine Tür sacht ins Schloss fiel und den Lichtkegel abschnitt. Seltsamerweise hieß Louise das Zwielicht willkommen, das ihr inzwischen vertraut war, und schaute rasch hinüber zu Karen Green, die wie ein Häuflein Elend in der Ecke ihres Käfigs kauerte. Ihre Finger krallten sich in das Gittergeflecht, als suche sie Halt, um sich vor einer Woge zu schützen, die sie fortzureißen drohte.

Louise hörte, wie Karen versuchte, ihr Schluchzen zu unterdrücken, als sich auf der Treppe Schritte näherten. Sie hörten sich weder schwer noch eilig, noch sonst wie auffällig an; im Gegenteil, jemand schien auf leisen Sohlen heranzuschleichen.

Die verstohlenen Laute erfüllten Louise mit eisiger Furcht. Ihr war, als könnten ihre Sinne das leiseste Geräusch wahrnehmen, die Schatten, die Gerüche, ja sämtliche Bewegungen in ihrem unterirdischen Gefängnis.

Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie genau wie Karen in ihrem Käfig zurückgewichen war. Ihr rasender Pulsschlag überdeckte fast die leisen Schritte, die sich unaufhaltsam näherten. Sie hatte jedes Zeitgefühl verloren. Als der Mann die unteren Stufen erreichte und das Gewölbe betrat, schienen Stunden vergangen zu sein.

Die Deckenlampe flammte auf. Louise beobachtete den Mann im trüben Licht und sah, wie er kurz innehielt, ehe er sich an der Wand entlang bewegte. Soweit sie erkennen konnte, trug er einen dunklen oder grauen Trainingsanzug. Nach wie vor sagte er kein Wort, während er tiefer in den Raum vordrang, um plötzlich wie von Zauberhand zu verschwinden.

Kurz darauf hörte Louise, wie eine zweite Lampe eingeschaltet wurde. Das grelle Licht einer wattstarken Glühbirne erhellte den Raum. Louise sah, dass der Mann hinter einem Wandschirm verschwunden war, wie man ihn aus Krankenhausstationen kennt. Sie hatte den Eindruck, das Schattenspiel einer Marionettenaufführung zu beobachten. Der Mann stand auf der anderen Seite des Schirms. Nur seine Arme und Hände waren in Bewegung und beschäftigten sich mit irgendetwas, das leise Geräusche erzeugte. Deutlich hörte Louise das Quietschen eines alten Wasserkrans. Währenddessen summte der Mann eine Melodie vor sich hin, die Louise unbekannt war, aber der Klang war schrecklicher als jeder Schrei in der Nacht. Ihr Mund war pulvertrocken, ihre Kehle wie zugeschnürt, ihre Augen weit aufgerissen wie bei einem Tier, das instinktiv spürt, dass es jeden Moment von seinen Peinigern in Stücke gerissen wird.

Dann sah sie, dass die Silhouette in ihren Bewegungen erstarrt war. Sie ahnte, dass der Fremde sich ihr und Karen zugewandt hatte. Jetzt hörte sie sein schnelles Atmen; er schien aufgeregt zu sein wie ein Schauspieler, der eine Bühne betritt und gegen Lampenfieber ankämpft.

Schließlich trat er hinter dem Wandschirm hervor – ein unauffälliger, schmächtiger Mann mittlerer Größe. Er hatte wirres braunes Haar und eine wachsartige Haut. Für Louise aber war er ein Ungeheuer, das sie in ihrer Menschenwürde, in ihrer gesamten Existenz bedrohte. Wie konnte es sein, dass diese Bestie so viel Macht über sie und Karen hatte?

Louise sah, dass der Mann lächelte. Es war ein Lächeln, von dem nichts Bedrohliches ausging, doch augenblicklich erinnerte sie sich an seine fleckigen Zähne und den stinkenden Atem. Schon bei der Erinnerung stieg ihr ein widerwärtiger Geschmack in den Mund. Schaudernd dachte sie an den Geruch seiner fettigen Haare, an den Schweißgeruch, der seinen Poren entströmte, an seine klebrigen Hände, die sie an den Brüsten berührt hatten.

Als ihr mit einem Mal bewusst wurde, dass der Mann sie ansprach, erschrak sie so heftig, dass ihr der Atem stockte.

»Sam? Alles okay?«, fragte er. »Ich habe dir etwas mitgebracht. Etwas zu essen und zu trinken, wenn du möchtest. Es ist nicht gerade viel, aber es wird dir besser gehen, wenn du einen Happen zu dir genommen hast.« Langsam kam er in ihre Richtung, ein Tablett in der Hand, auf dem ein Plastikbecher mit Wasser stand, daneben ein Teller mit einem Sandwich. Das Sandwich sah aus, als hätte ein Kind es gemacht.

Als er am Käfig vorbeikam, duckte er sich leicht und spähte durch das Gitter. Ein Lächeln zuckte in seinen Mundwinkeln, als er den Blick über Louises Körper schweifen ließ. Sie spürte ein schmerzhaftes Prickeln auf der Haut.

»Ich muss dir das Tablett durch die Luke reichen«, sagte er. »Das ist besser so, bis du mehr verstehst. Du weißt doch, was ich meine, Sam? Du hast immer verstanden, was ich meine, auch wenn alle anderen mich nicht verstehen wollten. Deshalb sind wir ja zusammen, du und ich.«

Er zog einen kleinen Schlüssel aus der Tasche der Trainingshose und öffnete das Vorhängeschloss an der Käfigluke. Voller Angst verfolgte Louise jede seiner Bewegungen und zuckte zusammen, als er durch die Luke die Hand nach ihr ausstreckte, doch er hielt ihr nur das Tablett hin und wartete, dass sie es ihm abnahm.

»Nimm«, forderte er sie auf. »Ist alles für dich. Ich komme später wieder, wenn du genug hast.«

Zögernd wagte Louise sich vorwärts, ohne den Blickkontakt auch nur einen Sekundenbruchteil zu unterbrechen. Sie nahm das Tablett und stellte es auf dem Käfigboden ab. Sofort zog sie sich wieder in den hintersten Winkel ihres Gefängnisses zurück.

»Lass es dir schmecken«, versuchte der Mann sie zu ermuntern. »Aber zuerst trinkst du einen Schluck. Du wirst vom Chloroform dehydriert sein.«

Langsam streckte Louise die Hand nach dem Plastikbecher aus und beäugte die Flüssigkeit skeptisch, da sie von diesem Irren kam. Schließlich aber nahm sie einen Schluck und spürte, wie ihr das saubere, kalte Wasser die Kehle hinunterrann. Erst jetzt merkte sie, wie durstig sie war, und trank in gierigen Zügen.

»Gut, nicht wahr?«, fragte er. »Nicht zu viel auf einmal, dir könnte schlecht werden.«

Louise hielt inne und befeuchtete ihre Lippen und ihr Gesicht mit dem kühlen Wasser. Hatte sie jetzt schon die Kraft, mit diesem Verrückten zu sprechen? Versuch es, sagte sie sich. Wenn es ihr gelang, eine Verbindung zu ihrem Entführer herzustellen, konnte es ihr das Leben retten, weil der Mann es vielleicht nicht mehr fertigbrachte, sie umzubringen.

»Was ist mit ihr?«, brachte Louise mühsam hervor. Sie erkannte ihre eigene Stimme kaum wieder.

»Von wem sprichst du?«, erwiderte er. Wieder zuckte es in seinen Mundwinkeln.

Louise löste sich kurzzeitig von seinem Blick und schaute hinüber zu dem anderen Tierkäfig. »Von ihr. Von Karen. Jedenfalls sagt sie, dass sie Karen heißt.«

Sein Blick wurde kalt und abweisend. Von seinem Lächeln war keine Spur mehr zu sehen. »Mit der darfst du nicht reden, hörst du? Sie ist eine Lügnerin und Hure. Sie wollte mich glauben machen, sie wäre du, aber natürlich ist sie das nicht.«

Louise beobachtete, wie das Gesicht des Mannes sich vor Hass verzerrte. Er zog die Oberlippe zurück wie eine Hyäne; die Adern an seinem Hals schwollen an und traten dick und bläulich hervor.

Louise erkannte, dass sie Karen in Gefahr gebracht hatte, und versuchte hastig, ihren Fehler wiedergutzumachen. »Nein!«, stieß sie hervor. »Sie hat kein Wort zu mir gesagt, ehrlich. Ich habe sie gezwungen, mir ihren Namen zu nennen. Es war nicht ihre Schuld. Hier … hier ist doch genug Wasser. Bitte geben Sie ihr das restliche Wasser. Bitte.«

Doch ihr Bemühen, seinen Zorn auf die andere Frau zu mildern, die wimmernd in einer Ecke ihres Käfigs kauerte, war umsonst, denn er wandte sich abrupt von Louise ab und ging in Karens Richtung, den Blick starr auf sein anderes Opfer geheftet.

»Die Hure kriegt nichts!«, schrie er, und seine Stimme hallte hohl in dem Backsteingewölbe nach. »Die Hure kriegt nur das, was alle Huren wollen!«

Louise hielt sich vor Entsetzen die Ohren zu, während sie hilflos beobachtete, was geschah. »Es war nicht ihre Schuld!«, rief sie trotz ihrer Angst. »Lassen Sie Karen in Ruhe. Bitte. Sie hat nichts getan!« Tränen liefen ihr über die Wangen und schmeckten salzig auf der Zunge. Zäher Speichel hinderte sie beinahe am Sprechen, als sie den Entführer weiter beschwor, von Karen abzulassen.

Doch er kramte längst in der Hosentasche, um einen Gegenstand hervorzuholen, der größer zu sein schien als der Käfigschlüssel. Was immer es sein mochte – es hatte sich in der Tasche verfangen, sodass der Mann wild daran zerrte, wobei er keine Sekunde den Blick von Karens Käfig nahm. »Jetzt kriegst du, was du brauchst, du Nutte!«

Louise wollte die Augen zukneifen und den Kopf wegdrehen, als Karen sich verzweifelt gegen das Gitter am hinteren Ende des Käfigs stemmte, auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit. Erst jetzt erkannte Louise den Gegenstand, den der Irre aus der Tasche gezogen hatte. Es war das Kästchen, mit dem er sie an ihrer Wohnungstür betäubt und gelähmt hatte.

Der Mann war inzwischen dermaßen außer sich vor Wut, dass er das Vorhängeschloss an der Tür des anderen Käfigs nicht aufbekam. Er fluchte wild. Schließlich aber hatte er die Tür geöffnet und beugte sich weit in den Käfig hinein. Obwohl Louise sich die Hände auf die Ohren presste, drangen Karens spitze Schreie bis in ihr Bewusstsein. Sie zitterte am ganzen Körper.

Karen wich so weit zurück, dass sich das Gittermuster auf ihrem Gesicht abzeichnete. Blut lief ihr übers Kinn, da die geschwollene Lippe wieder aufgeplatzt war, während sie vergeblich versuchte, sich zwischen den Gitterstäben hindurchzuquetschen. Die ganze Zeit flehte sie den Irren an, von ihr abzulassen, doch ihre Stimme klang immer matter, hilfloser.

Er ließ nicht von ihr ab. Stattdessen kam er Zoll für Zoll auf sie zu, als pirsche er sich an ein Opfer heran, bis er schließlich den Arm ausstreckte und Karen mit dem Elektroschocker berührte. Mehrmals setzte er an, mal blindlings, mal gezielt, und wich zwischendurch immer wieder zurück, als wollte er Karens Qualen in die Länge ziehen. Schließlich schnellte er nach vorn und traf Karen im Nacken.

Für den Bruchteil einer Sekunde versteifte sich ihr Körper; dann brach sie auf dem Boden des Käfigs zusammen, ein jämmerlich zuckendes, wimmerndes Etwas. Noch blieb der Mann auf Distanz, schien sich an ihrem Elend zu weiden. Ein boshaftes Grinsen huschte über seine Lippen, während Karens Krämpfe nachließen. Erst jetzt wagte er sich näher an sein Opfer heran, drehte Karen auf den Rücken und zog ihre Beine gerade.

Wieder wollte Louise wegschauen, doch es gelang ihr nicht, den Blick von der schrecklichen Szene zu nehmen. Wie unter Zwang schaute sie zum anderen Käfig, als sähe sie in einer Kristallkugel ihre eigene Zukunft. Hilflos beobachtete sie, wie der Mann sich an seiner Trainingshose zu schaffen machte. Hastig streifte er sie herunter, bis sein weißes Hinterteil und seine Erektion zu sehen waren. Mit langen Fingern streckte er die Hand nach Karen aus, zog ihr den schmutzigen Slip über die Knie, spreizte ihre Beine und schob sich grob zwischen ihre Schenkel. Louise hörte ihn stöhnen, als er in Karen eindrang und sich rhythmisch zu bewegen begann, zuerst langsam, dann mit immer schnelleren Stößen, wobei er grunzende Laute ausstieß, die sich an den Wänden brachen. Karen lag reglos unter ihm, ließ es geschehen und schluchzte nur.

Louise lief es eiskalt über den Rücken.

Kurz darauf verrieten raue Schreie der Lust, dass er zum Höhepunkt gekommen war. Nachdem die Geräusche verebbt waren, breitete sich lastende Stille aus. Niemand sprach ein Wort, niemand regte sich. Louise hatte das Gefühl, stundenlang in ein und derselben Haltung verharrt zu haben.

Dann erhob der Mann sich langsam, zog sich die Jogginghose über das noch immer steife Glied. Ohne ein weiteres Wort stieg er aus dem Käfig, brachte das Schloss wieder an und räusperte sich. Eine seltsame Ruhe war über ihn gekommen. Er wirkte beinahe verlegen und mied Louises Blick.

»Tut mir leid«, sagte er schließlich. »Das solltest du eigentlich nicht sehen, aber das macht sie nun mal mit mir, immer wieder, dieses Luder. Das Miststück will mich überlisten. Sie treibt mich zu so was. Dabei weiß sie genau, dass ich es gar nicht will. Sie weiß, dass ich nicht in ihr sein will. Sie gibt mir das Gefühl, schmutzig zu sein. Aber noch mal lasse ich mich nicht von ihr überlisten. Denn jetzt bist du ja hier, Sam. Ich lasse dich jetzt ein Weilchen allein. Später komme ich und hole das Tablett, ja? Versuch jetzt, ein bisschen zu essen.«

Mit diesen Worten wandte er sich zum Gehen, knipste die Lampen aus und ging zur Treppe, mit hängendem Kopf, als wäre ihm sein Verhalten peinlich. Louise hörte die langsamen, schlurfenden Schritte, als er über die Treppe im Dunkeln verschwand.

Kurz darauf war der metallene Klang der unsichtbaren Tür weiter oben zu hören. Noch einmal flutete Tageslicht über die Stufen und schmerzte Louise in den wunden, blutunterlaufenen Augen. Dann nahm die Düsternis wieder Besitz von dem unterirdischen Gewölbe, als die Tür ins Schloss fiel.

Atemlos spähte Louise durch das Zwielicht hinüber zu der Gestalt, die reglos auf dem Boden des anderen Käfigs lag. Karen machte keine Anstalten, sich mit den wenigen Kleidungsstücken zu bedecken, die ihr geblieben waren.

»Karen?«, wisperte Louise in die Dunkelheit. »Oh, Karen, es tut mir schrecklich leid …«

Sie erhielt keine Antwort. Stattdessen rollte Karen sich zusammen, schlang die Arme um die angezogenen Beine und summte kaum hörbar ein Lied.

Louise runzelte die Stirn und lauschte angestrengt. Als sie den Wortlaut erkannte, wusste sie, dass Karen gar kein Lied angestimmt hatte. Sie summte einen Kinderreim.

*

Am frühen Mittwochabend hielten Sally und Corrigan in der Oakfield Road 22, vor dem Haus von Louise und John Russell. Für Sally war es bloß eines der vielen unansehnlichen, aber praktischen modernen Stadthäuser, und sie achtete nicht weiter darauf. Corrigan hingegen nahm auf einen Blick Details wahr: Die Haustür lag ein wenig zurückgesetzt, war von der Straße aus nicht einsehbar und bot Schutz vor neugierigen Blicken der Nachbarn oder Passanten. Die Fenster waren doppelt verglast und relativ einbruchsicher. An der gesamten Straße standen nahezu identische Häuser. In einer solchen Umgebung fielen nur Männer auf, die zu lange an ein und derselben Stelle standen, oder herumlungernde Jugendliche mit Kapuzenpullis.

»Wieso hat keiner das Haus für die Forensiker abgesperrt?«, fragte Corrigan.

»Weil niemand weiß, ob hier etwas passiert ist«, sagte Sally. »Bis jetzt weiß man nur, dass Louise hier das letzte Mal gesehen wurde.«

Es war Tag eins der Ermittlungen, und Sally klang jetzt schon erschöpft.

Sie parkten den Wagen am Seitenstreifen und gingen die paar Meter bis zur Garagenauffahrt. Corrigan blieb stehen und sah sich um. Schweigend ließ er jeden Zentimeter der Hausfassade und der Straße auf sich wirken. In vielen Nachbarhäusern brannte Licht, obwohl es noch nicht richtig dunkel war.

Corrigan ließ den Blick in die Runde schweifen. Während er sich um die eigene Achse drehte und die Häuser einzeln ins Visier nahm, zuckte hinter einem der Fenster eine Gardine – ein Nachbar, der sie heimlich beobachtet hatte und nun schuldbewusst seine Neugier zu vertuschen suchte.

Sehr gut, dachte Corrigan. Neugierige Nachbarn erwiesen sich oft als die besten Zeugen. Manchmal waren sie sogar die Einzigen. Er nahm sich vor, die heile Welt dieses Nachbarn zu stören. Aber zuerst mussten sie ein paar Worte mit Russell wechseln.

Als Corrigan sich wieder Haus Nr. 22 zuwandte, sah er, dass Sally bereits an der Tür auf ihn wartete. Ungeduld hatte er nie mit Sally in Verbindung gebracht. Erst nachdem Gibran sie beinahe getötet hätte, schien sie es nicht mehr ertragen zu können, auch nur eine Sekunde ihres Lebens zu vergeuden – wie viele andere, die dem Tod von der Schippe gesprungen waren.

Corrigan kam zu ihr und hob die Hand, um auf den Klingelknopf zu drücken, klopfte dann aber mit der Faust an die Tür.

»Seit der Entführung hat man hier bestimmt schon hundert Mal geklingelt«, sagte er auf Sallys fragenden Blick. »Falls die Frau überhaupt entführt wurde. Die Jungs von der Spurensicherung werden kaum noch was Verwertbares an der Klingel finden, aber das bedeutet ja nicht, dass auch ich noch meine Fingerabdrücke hinterlassen muss.«

»Ein Profi bleibt ein Profi«, erwiderte Sally lapidar.

Im Innern des Hauses waren eilige Schritte zu hören, dann wurde die Tür geöffnet, und ein großer schlanker Mann Anfang dreißig stand vor ihnen. Er sah müde und deprimiert aus. Alles an seinem Äußeren und seinem Verhalten zeugte von Verzweiflung, selbst die Eile, mit der er zur Tür gekommen war. Corrigan ahnte, dass der Mann gehofft hatte, seine Frau wiederzusehen – dass sie reumütig zu ihm zurückkehrte und für ihre Untreue um Verzeihung bat. Leider sah die Wirklichkeit anders aus.

»Ja?«, fragte der Mann angespannt.

»John Russell?«, fragte Sally.

»Ja, der bin ich. Was gibt’s?«

»Wir sind von der Polizei«, sagte Sally. »Wir sind wegen Ihrer Frau hier.«

Corrigan sah, wie dem Mann das Blut aus dem Gesicht wich, und ahnte, was er dachte.

»Sie wird noch immer vermisst, mehr wissen wir bisher leider nicht«, sagte er und hielt dem Mann den Ausweis hin. »Detective Inspector Corrigan, und das hier ist Detective Sergeant Jones. Dürfen wir kurz hereinkommen?«

Russells Schmerz war so übermächtig, dass er einen Moment brauchte, um Corrigans Frage zu begreifen. »Oh, ja, sicher … kommen Sie.« Er machte die Tür hinter ihnen zu und führte sie in eine komfortable Wohnküche.

Corrigan schaute sich um: Schnappschüsse von gemeinsamen Reisen und aufwendig gerahmte Hochzeitsfotos, die auf Beistelltischchen oder an prominenter Stelle an den Wänden hingen. Das Paar schien glücklich zu sein in seinem unauffälligen Leben; beide waren offenbar zufrieden mit dem, was das Schicksal ihnen zugeteilt hatte. Sie konnten sich glücklich schätzen, nichts von den Dingen zu ahnen, die Corrigan jeden Tag sehen musste.

»Möchten Sie etwas trinken?«, bot Russell höflichkeitshalber an.

»Nein, danke.« Corrigan schüttelte den Kopf. »Wir wollten Ihnen nur ein paar Fragen über Ihre Frau stellen.«

»Ja, sicher. Fragen Sie.«

Corrigan spürte, dass der Mann nervös war, aber seine Unruhe hatte nichts mit einem schlechten Gewissen zu tun.

»Wann haben Sie Ihre Frau das letzte Mal gesehen?«, wollte Corrigan wissen.

»Dienstagmorgen. Ich bin gegen halb neun zur Arbeit gefahren, da war Louise noch hier. Als ich nach Hause kam, war sie verschwunden.«

»Und das war ungewöhnlich?«

»Ja. Sie ist fast immer vor mir zu Hause. Ich arbeite meist länger.«

»Hatte sie vielleicht erwähnt, dass sie nach der Arbeit ausgehen will? Könnte doch sein, dass es Ihnen entgangen ist. Vielleicht waren Sie mit den Gedanken woanders. Wir alle haben unseren stressigen Berufsalltag, Mr. Russell«, meinte Corrigan. »Meine Frau sagt immer, ich bekäme nur ein Drittel von dem mit, was sie sagt.«

»Nein«, antwortete Russell entschieden. »So ist das bei uns nicht. Wenn Louise vorgehabt hätte, noch irgendwo hinzugehen, oder wenn sie später von der Arbeit gekommen wäre, hätte sie darauf geachtet, dass ich es mitbekomme. Aber wir verschwenden nur unsere Zeit. Sie ist nicht mit Freunden ausgegangen, und sie ist auch nicht mit einem anderen durchgebrannt. Würden Sie meine Frau kennen, würden Sie solche Fragen gar nicht stellen, sondern nach ihr suchen.«

»Wir fahnden bereits nach ihr«, versuchte Corrigan den Mann zu beruhigen. »Deshalb sind wir ja hier, und deshalb muss ich Ihnen ein paar unangenehme Fragen stellen.« Er wartete ein paar Sekunden, doch Russell ging nicht darauf ein. »Selbst die Menschen, die uns nahestehen, haben manchmal Geheimnisse«, fuhr er dann fort. »Gelingt es uns, hinter ein mögliches Geheimnis Ihrer Frau zu kommen, haben wir vielleicht einen Anhaltspunkt, sie zu finden.«

»Louise hatte keine Geheimnisse vor mir«, entgegnete Russell.

»Und Sie? Hatten Sie Geheimnisse vor ihr?«, fragte Sally. Die Frage war unumgänglich, kam aber zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Corrigan versuchte, sich seinen Unmut nicht anmerken zu lassen. Stattdessen sagte er: »Vielleicht gibt es da etwas, das Ihnen selbst unbedeutend erscheint, Louise aber so sehr aufgewühlt hat, dass sie beschlossen hat, ein paar Tage für sich alleine zu sein.«

»Und was sollte das Ihrer Meinung nach sein?«, fragte Russell gereizt.

»Keine Ahnung«, erwiderte Corrigan gelassen. »Vielleicht ging es um eine alte Freundin, die sich bei Ihnen gemeldet hat. Oder Sie haben eine größere Rechnung vor Ihrer Frau verheimlicht, weil Sie nicht wollten, dass sie sich Sorgen macht. Vielleicht hielt sie es für einen Vertrauensbruch. Vielleicht …«

»Nein«, unterbrach Russell ihn. »Es gibt weder eine Exfreundin noch Geldsorgen. Wir sind immer sehr umsichtig, in allen Dingen.«

Corrigan überlegte einen Augenblick, ehe er sich ein Urteil über diesen Mann bildete. Nein, Russell hatte nichts mit dem plötzlichen Verschwinden seiner Frau zu tun, und er würde ihnen bei der Suche nach Louise keine Hilfe sein. Es gab keinen heimlichen Liebhaber, und Louise würde in den kommenden Tagen nicht unerwartet auf der Matte stehen und erklären, sie habe ein paar Tage für sich alleine gebraucht.

Corrigan vermutete vielmehr, dass ihr etwas Schreckliches zugestoßen war – etwas, was das Vorstellungsvermögen ihres Mannes überstieg, vielleicht sogar das Vorstellungsvermögen der meisten Menschen.

Corrigan aber konnte es sich vorstellen.

Obwohl die Zentralheizung heimelige Wärme verströmte, spürte er, wie sich die Härchen auf seinen Armen aufrichteten. Unwillkürlich schaute er zur Wohnungstür. Vor seinem geistigen Auge sah er die gesichtslose Silhouette eines Mannes, der über die Schwelle trat und Louise zu Boden schlug. Es war dem Mann gelungen, sie zu überwältigen und aus dem Haus zu zerren, sie von jenem Ort zu entführen, an dem sie sich sicher und geborgen gefühlt hatte.

Corrigan wusste nicht, wie lange er mit seinen Gedanken woanders gewesen war, als er Sallys Stimme hörte.

»Chef?«

»Äh … was ist?«, fragte Corrigan wie jemand, der aus Tagträumen gerissen wurde.

»Brauchen wir sonst noch Informationen?«

»Ja.« Corrigan wandte sich wieder Russell zu. »Sie sagten, das Auto Ihrer Frau wird vermisst?«

»Allerdings. Spätestens da wurde mir klar, dass etwas nicht stimmt. Louises Wagen stand nicht mehr auf der Auffahrt. Ich hatte gleich ein mulmiges Gefühl. Als ich ins Haus kam, sah ich, dass sie ihre Handtasche und das Handy nicht mitgenommen hatte. Von Louise keine Spur. Ich habe Ihren Kollegen die Beschreibung des Autos gegeben, auch das Kennzeichen.« Corrigan blickte Sally an, die es mit einem kurzen Nicken bestätigte.

»Brauchen Sie sonst noch etwas?«, fragte Russell müde.

»Nein«, sagte Corrigan. Es war offensichtlich, dass der Mann die Nase voll hatte, immer wieder auf dieselben Fragen antworten zu müssen. »Sie waren uns eine große Hilfe, danke.« Russell schwieg. »Vielleicht noch die Bitte an Sie, möglichst wenig den Flur zu benutzen, besonders den Bereich unmittelbar vor der Tür. Dann können unsere Leute von der Spurensicherung sich noch an die Arbeit machen.« Russells Blick wurde anklagend. »Ich muss auf Nummer sicher gehen«, versuchte Corrigan ihn zu beschwichtigen. »Wir dürfen keine Möglichkeit außer Acht lassen.«

»Wenn Sie es für nötig halten«, murmelte Russell.

»Vielen Dank«, sagte Corrigan. »Eine Sache noch, bevor ich es vergesse. Wer ist die beste Freundin Ihrer Frau? Wem würde sie sich anvertrauen?«

»Mir«, antwortete Russell wie aus der Pistole geschossen. »Sie würde sich mir anvertrauen.«

*

Corrigan und Sally hörten, wie die Tür hinter ihnen leise ins Schloss gedrückt wurde, als sie über die Auffahrt zurück zur Straße gingen. Corrigan schaute sich nicht um.

»Und?«, fragte Sally.

»Er hat definitiv nichts mit der Sache zu tun und wird uns bei der Suche keine Hilfe sein. Wir wissen beide, dass die Frau nicht einfach weggelaufen ist, nicht ohne Handtasche und Handy.«

»Nicht alle Frauen sind ihren Handtaschen hoffnungslos verfallen«, gab Sally zu bedenken und hob die Hände, um anzudeuten, dass sie keine Tasche dabeihatte.

»Und das Handy?« Corrigan zeigte auf das Gerät, das Sally in der Hand hielt.

»Okay, Sie haben gewonnen«, räumte sie ein. »Aber was ist denn nun passiert?«

»Kann ich noch nicht sagen«, antwortete Corrigan. »Entweder hat er sie gleich im Flur ermordet, an der Haustür, und die Leiche dann in ihrem Auto weggeschafft, oder er hat sie entführt.«

»Er?«, hakte Sally skeptisch nach. »Das klingt so, als würden Sie ihn schon lange kennen.« Corrigan hatte nur ein Achselzucken dafür übrig. »Wie geht es jetzt weiter?«, fragte sie.

»Setzen Sie sich bitte mit Roddis in Verbindung. Er soll das Haus genau untersuchen und sich auf den Flur konzentrieren. Und die Haustür. Der Tatort, falls es einen gibt, ist nahezu unbrauchbar, aber man weiß ja nie. Und vergewissern Sie sich, dass die Beschreibung des Wagens und das Nummernschild zur Fahndung raus sind.«

»Geht in Ordnung«, versicherte Sally und folgte Corrigans Blick, der ein Haus auf der anderen Straßenseite ins Auge gefasst hatte. »Noch etwas, das ich wissen sollte?«

»Ein zuckender Vorhang«, sagte er. »Als wir gekommen sind, hat jemand uns beobachtet. Die Frage ist, warum.« Entschlossen hielt er auf das Haus zu, ohne weitere Erklärungen abzugeben. Sally folgte ihm.

Diesmal klingelte Corrigan und wartete ungeduldig, wusste er doch längst, dass jemand zu Hause war. Die Haustür war massiv, es gab nur einen Spion. Offensichtlich zog der Bewohner dieses Hauses die Sicherheit dem Tageslicht vor. Im selben Moment stach Corrigan das Emblem der Nachbarschaftswache ins Auge, das von innen an einer der Fensterscheiben klebte. Corrigan hob erneut die Hand, um den Klingelknopf zu drücken, hielt aber inne, als er das plötzliche Gefühl hatte, dass auf der anderen Seite der Tür jemand stand. Dann hörten er und Sally, wie zwei Bolzen in Schlossriegeln schabten. Nicht viele Leute verbarrikadierten sich auf diese Weise, wenn sie tagsüber zu Hause waren.

Die Tür wurde geöffnet. Vor ihnen stand ein älterer Mann, Ende sechzig, Anfang siebzig. Er war ungefähr so groß wie Corrigan und hielt sich sehr aufrecht, als hätte er beim Militär gedient. Doch Corrigan bezweifelte, dass der Mann Soldat gewesen war. Er trug eine graue Hose und einen braunen Cardigan über einem blauen Hemd. Sein knochiges Gesicht war leicht gerötet und stand in deutlichem Kontrast zu dem grauen Haar, in dem noch einzelne blonde Strähnen schimmerten.

Obwohl der Mann längst wusste, wer geklingelt hatte, fragte er: »Wer sind Sie, und was wollen Sie?«

Spätestens in diesem Moment wurde Corrigan klar, dass er den Typen nicht mochte. Sally hingegen hatte keine feste Meinung über den Mann; er war bloß ein weiteres Gesicht ohne Namen, ein weiterer Zeuge, den sie befragen mussten, ehe sie, Sally, sich in die Einsamkeit ihres Hauses flüchten konnte. Fort von all den neugierig-besorgten Blicken und dämlichen Fragen zu ihrer geistigen Verfassung.

Corrigan hielt dem potenziellen Soldaten den Ausweis hin. »Detective Inspector Corrigan. Das ist meine Kollegin, Detective Sergeant Jones. Wir ziehen Erkundigungen über eine vermisste Person ein. Dürfen wir Ihnen kurz ein paar Fragen stellen?«

»Kenne ich die vermisste Person?«

»Das wird sich zeigen«, erwiderte Corrigan. »Kennen Sie Louise Russell? Sie wohnt gleich gegenüber, Haus Nummer zweiundzwanzig.« Corrigan ließ dem Mann keine Zeit zum Antworten. »Dürften wir hereinkommen? Die Ermittlungen sind an einem heiklen Punkt angelangt, Sie verstehen.«

Widerwillig ließ der Mann Corrigan und Sally ins Haus. »Aber das wird doch hoffentlich nicht lange dauern?«

»Nein.« Wie selbstverständlich ging Corrigan an dem Mann vorbei und schaute sich in dem sauberen, aufgeräumten Haus um. Er registrierte jedes Detail. »Tut mir leid, ich habe Ihren Namen nicht richtig verstanden«, sagte er, während Sally allzu auffällig auf ihre Armbanduhr schaute.

»Levy«, erwiderte der Mann. »Douglas Levy.«

Corrigan hatte einen ersten Eindruck von der Wohnungseinrichtung gewonnen und wandte sich Levy zu, wobei er ihn vom Scheitel bis zur Sohle musterte. War das der Mann, der für das Verschwinden von Louise Russell verantwortlich war? Hatte er sie jeden Tag von dem zuckenden Vorhang aus observiert, weil er insgeheim scharf auf sie war? Malte er sich jeden Tag aufs Neue aus, wie er es mit dieser Frau trieb? Gab er sich schmutzigen Fantasien hin? Gingen ihm perverse Dinge durch den Kopf, auf die keine Frau sich freiwillig einlassen würde?

Corrigans Spekulationen nahmen kein Ende. Hatte Levy masturbiert, während er an Louise dachte? Hatte er seinen Schwanz in die Hand genommen, die Frau beobachtet und dann in die hohle Hand ejakuliert, weil er zu erregt gewesen war, um vorher Taschentücher zu holen?

Und hatte er es irgendwann vor Geilheit nicht mehr ausgehalten? Hatte er beschlossen, dass er mehr brauchte? Vielleicht eine verbotene Berührung hier, ein Kuss dort … ein unschuldiger Kuss auf die Wange zuerst, der seinen Fantasien und Masturbationsgewohnheiten neues Feuer verlieh? Und war er dann in seiner unterdrückten Lust zu weit gegangen? Hatte er sie zu wild geküsst oder gestreichelt, sodass sie geschrien und sich gewehrt hatte? War er daraufhin in Panik geraten und hatte ihr ins Gesicht geschlagen, während er vor Erregung so hart geworden war, dass sein Ständer beinahe die enge Hose sprengte?

Und hatte Louise dann bewusstlos am Boden gelegen? War Levy in sie eingedrungen, bis er sich in sie ergossen hatte, sodass alles viel zu schnell vorüber gewesen war und er an nichts anderes denken konnte als daran, sie zu töten? Natürlich wollte er das nicht, aber ihm blieb keine Wahl, weil er befürchtete, sie würde allen und jedem erzählen, was er mit ihr angestellt hatte. Also legte er ihr die Hände um den Hals und drückte zu, während Louise langsam zu sich kam. Die Augen traten ihr aus den Höhlen, starrten Levy an, blutunterlaufen, voller Entsetzen und Todesangst …

Unwillkürlich suchte Corrigan an Levys Händen nach Anzeichen von Kratzspuren. Aber er sah keine. Dennoch hatte er das Gefühl, in manchen Punkten nicht ganz falsch gelegen zu haben.

»Sie wohnen allein hier, Mr. Levy?«, forschte er nach.

»Ich wüsste nicht, was das mit dieser Sache zu tun hat«, erwiderte Levy gereizt.

Für Corrigan war die Frage bereits beantwortet. »Wie ich sehe, sind Sie Mitglied der örtlichen Nachbarschaftswache.«

»Ich bin sogar Inspector und koordiniere die Wache in unserem Viertel. Sie können beim örtlichen Polizeirevier nachfragen, wenn Sie mir nicht glauben.«

»Warum sollte ich Ihnen nicht glauben, Mr. Levy?« Allmählich genoss es Corrigan, dass sich wachsendes Unbehagen in Levys Zügen abzeichnete.

Sally schaute desinteressiert zu. Sie wirkte wie eine Außenstehende. Offensichtlich hielt sie es für Zeitverschwendung, einen Zeugen wie Levy zu befragen.

»Da Sie Koordinator der Nachbarschaftswache sind, haben Sie bestimmt ein Auge auf alles, was in Ihrer Straße geschieht, nicht wahr? Sie merken, sobald Fremde auftauchen, werfen einen Blick auf die Häuser der Nachbarn, wenn alle zur Arbeit fahren und Sie allein hierbleiben … oh, tut mir leid«, schloss Corrigan mit einem unsicheren Lächeln. »Jetzt habe ich stillschweigend vorausgesetzt, dass Sie schon im Ruhestand sind.«

»Bin ich auch«, antwortete Levy und straffte die Schultern, als erfüllte es ihn mit Stolz, zu den Rentnern zu gehören. Doch Corrigan ahnte, dass es den Mann wurmte, nicht mehr aktiv am Arbeitsleben teilnehmen zu können. Sein Haltbarkeitsdatum war überschritten.

»Und?«, fragte Corrigan.

»Was, und?« Levy war inzwischen so gereizt, dass er Mühe hatte, sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Sein ohnehin rötliches Gesicht verfärbte sich dunkel vor Wut und Frust.

»Haben Sie in letzter Zeit jemanden auf der Straße gesehen, der Ihnen verdächtig erschienen ist? Ist Ihnen sonst etwas aufgefallen?«

»Ich verbringe meine Zeit doch nicht am Fenster!«, empörte sich Levy.

»Aber wenn Sie ein Auto kommen hören, schauen Sie schon nach draußen?« Corrigan blieb hartnäckig.

Levys Verunsicherung nahm zu. »Manchmal, ja, vielleicht … ich weiß nicht.«

»Vorhin haben Sie uns gehört, als wir unten geparkt haben, nicht wahr? Sie haben uns vom Fenster aus beobachtet. Es stimmt also, dass Sie immer genau wissen, wer unten kommt und geht, ja?«

»Verdammt, was soll das alles?«, platzte Levy heraus. »Ich weiß nichts über die Frau von gegenüber, die verschwunden sein soll! Ich habe nichts gehört und nichts gesehen!«

Corrigan schwieg und musterte Levy, bis er das Gefühl hatte, den Mann lange genug mit Blicken verunsichert zu haben. »Okay«, meinte er dann. »Da wäre nur noch eine Sache. Haben Sie zufällig mitbekommen, ob jemand zum Haus der Russells gegangen ist, nachdem Mr. Russell zur Arbeit war und bevor seine Frau losgefahren ist?«

»Nicht, dass ich wüsste.« Levy hatte einen Moment die Augen geschlossen, als wollte er Corrigan aus seinem Bewusstsein löschen.

»Haben die beiden sich jemals gestritten?«, bohrte Corrigan nach.

»Ich glaube nicht«, erwiderte Levy. »Die Russells sind ein nettes, unauffälliges Paar, das zurückgezogen lebt. Aber ich habe noch zu tun. Ich denke, dass ich Ihnen alles gesagt habe, was ich weiß, deshalb …«

»Sicher«, sagte Corrigan.

Levy ging ein wenig zu hastig zur Haustür und trat beiseite, damit die ungebetenen Gäste endlich aus seinem Haus verschwanden.

»Danke, dass Sie Zeit für uns hatten«, sagte Corrigan und trat mit Sally hinaus in die einsetzende Dämmerung. Um diese Uhrzeit war es leise auf der Straße. Da Corrigan befürchtete, jemand könnte sie hören, schwieg er, bis er und Sally wieder im Auto saßen.

»Hätten Sie die Güte, mir zu sagen, was das jetzt sollte?«, kam Sally ihm zuvor. »Ich gehe mal davon aus, dass auch Sie diesen Levy nicht für einen Verdächtigen halten.«

»Wieso nicht? Er lebt allein. Er langweilt sich zu Tode. Er hat nichts zu tun. Es gibt nichts, worauf er sich freuen kann. Müßiggang ist aller Laster Anfang. Stellen Sie sich vor, er beobachtet die Frau schon seit Längerem und gibt sich Fantasien hin, bis er es nicht mehr aushält. Er wartet, dass der Ehemann das Haus verlässt. Dann beschließt er, Louise Russell einen Besuch abzustatten. Aber er übertreibt es, und ehe er weiß, wie ihm geschieht, wird er zum Mörder. Tun Sie nicht so, als hätten wir so was nicht schon gehabt.«

»Verdammt!«, entfuhr es Sally. »Selbst wenn er sich irgendwelchen sexuellen Träumereien hingegeben hat, was ich bezweifle … er ist nicht der Typ, der seine Fantasien auslebt. Wenn es etwas gibt, das Männer wie Levy abschreckt, dann ist es Veränderung. Er würde es nie riskieren, sein langweiliges Leben aufs Spiel zu setzen.«

Corrigan spürte, dass Sally die Nase voll hatte. »Punkt für Sie. Ich schätze, ich mochte den Kerl einfach nicht. Ich mag keinen, der so ist wie er.«

»Wie ist er denn?«, wollte Sally wissen.

»Der typische Langeweiler von der Nachbarschaftswache, der nichts lieber tut, als harmlose Falschparker anzuschwärzen. Auf Leute wie die können wir gut verzichten. Aufkleber an den Fenstern, monatliche Vereinssitzungen … verdammt, was glauben diese Penner eigentlich, wer sie sind? Ein Wahnsinniger ist hier in dieser Straße aufgetaucht, hat eine Frau ermordet oder gekidnappt, am helllichten Tag, und keiner will etwas gesehen haben. Nachbarschaftswache! Das ist eine Bande von heuchlerischen Versagern!« Müdigkeit erfasste ihn und rief ihm in Erinnerung, einen Blick auf die Uhr zu werfen. Schon nach acht. Corrigan verdrehte die Augen. Bis sie zurück in Peckham waren und die Ermittlungen des ersten Tages ausgewertet hatten, war es elf. Mit viel Glück würde er es bis Mitternacht nach Hause schaffen.

»Sie sind sich also sicher?«, fragte Sally. »Entweder ist die Frau längst tot, oder ein Irrer hat sie entführt, und sie lebt nicht mehr lange.«

»Ich bin mir überhaupt nicht sicher«, log Corrigan. »Fahren wir zurück zur Wache. Es ist schon spät. Heute Abend können wir sowieso nicht mehr viel tun. Morgen fahren Sie zu Louises Eltern, während ich mich mit ihren Kollegen unterhalte. Nur für den Fall, dass wir irgendwas übersehen haben.«

»Gut.« Mehr sagte Sally nicht.

Corrigan zwang sich, ihr die unausweichliche Frage zu stellen, befürchtete aber gleichzeitig, Sally würde wahrheitsgemäß antworten. Vielleicht müsste er sich dann ihre Ängste und ihren Seelenschmerz anhören. Doch wie sich herausstellte, war sie noch nicht so weit, sich einer anderen Person anzuvertrauen. »Ich bin müde und erschöpft«, sagte sie nur. »Ich brauche Tramadol gegen die Schmerzen. Vor allem Schlaf.«

»Fahren Sie nach Hause, Sally. Sie brauchen nichts anderes zu tun, als die Spurensicherung in das Haus der Russells zu schicken und zu überprüfen, dass die Beschreibung von Louises Wagen raus ist.« Er sah, wie sie sich wieder über die Stelle an der Brust strich, wo das Messer ihr die Wunde geschlagen hatte. Corrigan malte sich die Narben unter Sallys Kleidung aus. Wahrscheinlich waren sie immer noch rot und boten einen hässlichen Anblick – ein Einstich oberhalb der rechten Brust, einer direkt darunter. Es würde Jahre dauern, bis die Narben verblassten, und auch dann würden sie noch deutlich zu sehen sein.

»Mach ich«, versprach sie. »Und danke.«

»Nichts zu danken«, erwiderte Corrigan. »Passen Sie auf sich auf.«

*

Louise Russell hockte in ihrem düsteren Käfig, die Knie angezogen, die Arme um die Unterschenkel geschlungen. Die dünne Decke hatte sie sich um die Schultern gelegt und pendelte leicht vor und zurück, unsicher, wie viel Zeit verstrichen sein mochte. Sie konnte bloß vermuten, dass es früh am Morgen war, aber genauso gut konnte es zehn Uhr abends sein. Mehrmals hatte sie versucht, Kontakt zu ihrer Mitgefangenen aufzunehmen, aber Karen lag reglos auf dem Boden ihres Käfigs.

Louise ahnte, dass es nur eine Möglichkeit gab, jemals wieder das Licht der Sonne zu sehen: Sie und Karen mussten sich zusammentun. Es musste ihr irgendwie gelingen, zu Karen vorzudringen und sie dazu zu bringen, endlich mit ihr zu reden.

Als plötzlich die typischen klirrenden Geräusche zu hören waren, schrak Louise zusammen und riss die Augen auf. Von einer Sekunde auf die andere schlug ihr das Herz bis zum Hals. Sie hörte, dass Karen sich in ihrem Käfig regte und über den Boden kratzte, auf der Suche nach einer Versteckmöglichkeit. Doch es gab kein Entrinnen. Bei den scharrenden Geräuschen dachte Louise unweigerlich an eine weiße Maus, die sie als Kind in einem Drahtkäfig in ihrem Zimmer gehabt hatte: Immerzu hatte das Tier nach einem Fluchtweg aus dem Gefängnis gesucht.

Gelähmt vor Angst, lauschte Louise auf weitere Geräusche. Schließlich hörte sie, wie die schwere Metalltür aufschwang. Sie rechnete bereits mit dem hereinflutenden grellen Licht, brauchte die Augen diesmal aber nicht zusammenzukneifen: Es war Nacht. Ein dünner Lichtstrahl zeichnete einen Kreis am unteren Treppenabsatz. Dann waren leise Schritte auf den Stufen zu hören. Bei jeder Bewegung schien der Lichtstrahl auf und ab zu wippen.

Als der Mann das Gewölbe erreichte, schwenkte er die Taschenlampe langsam von rechts nach links, als wollte er sich überzeugen, dass alles so war, wie er es zurückgelassen hatte. Da Louise kurzzeitig vom Licht der Lampe geblendet war, konnte sie die Silhouette des Mannes nicht mehr sehen. Als sie schließlich vom hellen Strahl erfasst wurde, erschauderte sie, als hätte der Irre sie angefasst. Sein Gesicht konnte sie nicht sehen, aber sie war sicher, dass er grinste.

Augenblicke später flammte das Licht hinter dem Wandschirm auf; die kleine Kordel der Lampe pendelte noch Sekunden hin und her. Louise kniff einen Moment die Augen zu und wünschte sich zum x-ten Mal, dies alles wäre nur ein Albtraum … ein ungewöhnlich langer und realistischer Albtraum, der bald enden würde. Sie brauchte nur den Schlaf zu vertreiben und aufzuwachen, und alles war vorüber. Zwar würde sie den ganzen Morgen unter den Nachwirkungen des scheußlichen Traumes leiden, aber schon gegen Mittag würden die schrecklichen Bilder sich auflösen wie Wasserfarben im Regen.

Doch als sie die Augen aufriss, stand er da und starrte bis auf den Grund ihrer Seele. In der einen Hand hielt er die Taschenlampe, in der anderen ein Tablett. Ein glückliches Lächeln umspielte seine Mundwinkel.

Er stellte das Tablett vorsichtig hinter dem Wandschirm ab, offenbar auf eine Art Tisch. Dann kam er sichtlich nervös zu Louises Käfig, mit zögerlichen Schritten; die rechte Hand hatte er ausgestreckt und die Handfläche nach oben gedreht, als würde er sich einem fremden Hund nähern. »Es ist okay, Sam«, versuchte er sie zu beruhigen. »Ich bin’s. Ich hab dich doch nicht geweckt? Ich wollte dich nicht stören. Ich wollte nur nach dir schauen, weil ich wissen möchte, wie es dir geht.« Er verstummte, schien auf eine Antwort zu warten. Doch Louise wusste nicht, was sie sagen sollte. »Du fühlst dich bestimmt schon viel besser. Die Nachwirkungen des Chloroforms müssten jetzt nachgelassen haben.« Sie sagte immer noch nichts, aber sie beobachtete ihn, jede seiner Bewegungen. Er deutete auf das Tablett, das hinter dem Wandschirm stand. »Ich hab dir noch etwas zu essen und zu trinken mitgebracht, eine Diätcola – ich weiß ja, wie gern du die trinkst.«

Irgendein Instinkt riet Louise, ihm zu antworten, sonst würde es ihr bald so ergehen wie Karen Green. War das Karens Fehler gewesen? Hatte sie selbst ihr Todesurteil unterschrieben, weil sie nicht fähig gewesen war, ihrem Entführer zu antworten?

»Danke.« Mühsam rang Louise sich dieses eine Wort ab, doch ihre Stimme klang matt und brüchig.

Ein erleichtertes Lächeln hellte seine Miene auf. Mit neuem Selbstvertrauen machte er einen schnellen Schritt zum Käfig, erschreckte Louise aber mit dieser ungestümen Bewegung. Er erstarrte, denn er spürte, dass er sie mit seiner Ungeduld verängstigt hatte.

»Hab keine Angst, Sam«, sagte er. »Ich würde dir niemals wehtun, das weißt du doch. Deshalb habe ich dich ja hergebracht. Damit ich mich um dich kümmern kann, dich beschützen kann vor diesen Lügnern. Diese Schwindler, die all diese Dinge über mich erzählt haben, um dich von mir fernzuhalten. Ich wusste immer, dass du denen nicht glaubst, Sam. Und jetzt können sie uns nichts mehr anhaben. Jetzt können wir zusammen sein.« Wieder Schweigen, während er auf ihre Antwort wartete.

»Ich muss mal zur Toilette«, sagte sie. Die Worte schienen aus dem Nichts zu kommen.

Sekundenlang starrte er sie an, noch immer ein dünnes Lächeln auf den Lippen. Dann, plötzlich, huschte sein Blick von einer Seite des Gewölbes zur anderen, als fürchtete er sich vor irgendetwas. »Natürlich«, sagte er schließlich. »Dachte ich mir schon.« Louise stutzte. Mit dieser Antwort hatte sie nicht gerechnet. »Ich müsste dich rauslassen«, fuhr er fort. »Aber dann wärst du nicht mehr sicher vor denen, Sam. Denn sie sind noch in deinem Kopf, verstehst du? All die Dinge, die sie dir angetan haben, sind noch in deinem Kopf. Sie könnten versuchen, dich auszutricksen. Sie könnten dich dazu bringen, dass du etwas tust, was du gar nicht willst. Vielleicht wollen sie, dass du mir wehtust.«

»Das würde ich niemals tun«, zwang sie sich zu antworten. »Versprochen.«

Er griff in die Tasche des Trainingsanzugs und kramte umständlich darin, bis er das schwarze Gerät hervorholte und es ihr zeigte. Natürlich erkannte Louise sofort den Elektroschocker, mit dem er zuletzt Karen gepeinigt hatte, um sie anschließend brutal zu vergewaltigen. »Keine Sorge«, versicherte er. »Wenn die versuchen, dich zu irgendwas zu überreden, das du nicht tun darfst, benutze ich das hier.« Der Ausdruck von Angst in ihren Augen schien ihn zu verwirren. »Ich tue dir nichts«, versprach er. »Ich sorge nur dafür, dass sie die Finger von dir lassen und dich zu nichts überreden. Hiermit halte ich sie uns vom Leib.«

»Ich muss mich nur ein bisschen waschen«, sagte Louise.

Wieder betrachtete er sie lange. »Okay«, sagte er dann und bewegte sich langsam in Richtung Käfig, wobei er den Blick keine Sekunde von Louise nahm. Nach wenigen Schritten stand er vor den Gitterstäben; er war ihr so nah wie an dem Morgen, als er sie überwältigt hatte. Deutlich sah sie seine blässliche Haut, die fleckigen, schiefen Zähne, die dünnen Arme, die jedoch sehnig und kräftig wirkten; bläulich schimmerten die Adern unter der Haut.

Vorsichtig holte er einen Schlüssel aus der anderen Hosentasche und hielt ihn vor das Schloss. Dann musterte er sie wieder, lächelte breit, drückte den Schlüssel ins Vorhängeschloss und drehte ihn. Nach kurzem Zögern öffnete er die Käfigtür. Die Angeln quietschten, das Gittergeflecht vibrierte. Er machte einen Satz zurück; dabei hielt er den Elektroschocker wie ein Revolverheld seitlich am Körper, jederzeit bereit zum Schuss. »Bitte«, sagte er. »Hier entlang.« Er zeigte auf den alten Krankenhaus-Wandschirm.

In gebückter Haltung kroch Louise zur Käfigtür. Der Schmerz in ihren verkrampften Muskeln wurde nur von ihrer Angst übertroffen, die Herzrasen bei ihr auslöste. Unmittelbar an der Käfigtür zögerte sie, wartete darauf, dass er noch einen Schritt weiter zurückwich, doch er dachte gar nicht daran. Schließlich zwängte Louise sich durch die Öffnung und betrat das düstere Gewölbe. Zum ersten Mal seit endlosen Stunden reckte sie sich. Erst jetzt spürte sie, wie verspannt und steif ihre Muskulatur war. Doch sie achtete peinlich darauf, dass ihr nicht die Decke von den Schultern rutschte, weil sie nicht nackt vor ihm stehen wollte.

»Hinter dem Wandschirm«, erklärte er. »Da kannst du dich waschen. Da ist auch eine Toilette. Ist nur eine chemische, aber das muss reichen.«

Sie rang sich ein »Danke« ab, doch am liebsten hätte sie ihm ins Gesicht gespuckt, denn sie wusste, dass Karen in der ganzen Zeit ihrer Gefangenschaft kein einziges Mal zur Toilette gedurft hatte. Schaudernd dachte sie daran, dass ihr womöglich das Gleiche bevorstand.

Als sie hinter den Schirm trat, fiel ihr Blick auf die behelfsmäßigen sanitären Anlagen – auf ein altes, gelblich-braun angelaufenes Waschbecken, das kaum noch mit dem Mauerwerk verbunden war, und auf rostige, mit Kalk überzogene Hähne. Daneben auf dem Boden stand eine relativ neue Chemietoilette. Louise vermutete, dass der Irre diese Toilette erst vor Kurzem besorgt hatte, aber bestimmt hatte er das alles schon länger geplant.

Verzweifelt schaute sie sich nach etwas um, das sich als Waffe benutzen ließ, konnte aber nichts entdecken. Schließlich schluckte sie ihre Enttäuschung herunter. Sie spürte, dass er auf der anderen Seite unmittelbar hinter dem Schirm stand und sie durch den dünnen Stoff beobachtete. Wartete er darauf, dass sie die Decke fallen ließ? Malte er sich bereits aus, ihren nackten Körper mit lüsternen Blicken zu verschlingen, um dann über sie herzufallen wie über Karen?

»Alles in Ordnung bei dir da drin, Sam?«, fragte er, als wäre sie in einem Badezimmer.

»J … ja«, stammelte sie. »Muss mich nur kurz … zurechtfinden.«

»Der Hahn für heißes Wasser ist links.«

Sie drehte den Hahn auf und ließ das Wasser laufen, bevor sie den Stöpsel in den Ausfluss drückte und beobachtete, wie das alte Becken sich langsam füllte. Ängstlich schaute sie über die Schulter und erahnte die Silhouette des Mannes hinter dem Schirm. Da sie sich nicht anders zu helfen wusste, ließ sie die Decke zu Boden gleiten und stand schließlich nackt vor dem Waschbecken. Sie fühlte sich so verletzlich wie noch nie im Leben.

Rasch wusch sie sich, wobei sie das kleine Stückchen Seife benutzte, das er auf dem Waschbecken liegen gelassen hatte. Verzweifelt versuchte sie, so viel wie möglich von ihrer Haut zu schrubben – von ihrem Gefängnis, von den letzten Tagen, von ihm. Und die ganze Zeit wusste sie, dass er sie beobachtete und genau verfolgte, wie sie sich mit den Händen über die nackte, vor Nässe glänzende Haut fuhr.

Schließlich wusch sie sich die Seifenreste vom Körper und schaute sich nach einem Handtuch um. Sie erschrak, als sie sah, dass neben dem Waschbecken keines hing. Dann entdeckte sie ein Handtuch auf dem Tischchen neben dem Tablett mit Essen. Hastig trocknete sie sich ab, doch der modrige Geruch des kratzigen Handtuchs rief Übelkeit bei ihr hervor. Unwillkürlich würgte sie. Die Übelkeit nahm zu, als sie den Irren hörte, seine Atemzüge, die immer schneller zu werden schienen, je länger er sein nacktes Opfer beobachtete. Es kostete Louise alle Überwindung, zum Schluss noch die Toilette zu benutzen, wobei sie fest die Augen zusammenkniff. Dann streifte sie sich hastig die Decke über die Schultern und trat hinter dem Schirm hervor.

»Nimm das Tablett mit«, forderte er sie auf. »Ist alles für dich.«

Argwöhnisch ließ Louise den Blick über das Tablett schweifen: ein Sandwich aus Weißbrot, ein paar Kartoffelchips in einer Plastikschale, ein paar Kekse, eine Dose Cola. Da ihr Magen leer und ihre Kehle wie ausgedörrt waren, griff sie nach dem Tablett.

»Du musst es in deinem Zimmer essen«, sagte er, wobei er zum Käfig schaute. »Das Tablett hole ich dann später.«

Louise tat, was er von ihr verlangte, und ging so schnell sie konnte zurück zu ihrem Gefängnis. Sie war beinahe erleichtert, als sie wieder hinter den Gitterstäben kauerte, denn der Käfig war eine Barriere zwischen ihr und ihm, auch wenn ihr bewusst war, dass er die Kontrolle über diese Barriere hatte.

»Morgen früh bringe ich dir saubere Wäsche«, versprach er, als er die Tür zudrückte und den Schlüssel im Vorhängeschloss drehte. »Du brauchst Schlaf, Sam. Wir haben noch viel vor. Ich muss jetzt los.«

Er war auf halbem Weg zur Glühlampe hinter dem Wandschirm, als sich eine dünne Stimme aus dem Halbdunkel meldete. Karen hatte kaum merklich den Kopf gehoben. »Bitte«, flehte sie leise, voller Verzweiflung. »Ich brauche Wasser, und ich habe Hunger. Kann ich bitte auch was bekommen? Ich verspreche, dass ich mich benehme.«

Bedrückende Stille breitete sich aus. Louise ließ den Blick zwischen Karen und dem Verrückten hin und her gleiten und betete, dass er ihre Mitgefangene diesmal nicht missbrauchte. Sie war sicher, es nicht ertragen zu können, noch einmal Zeugin eines solchen Gewaltexzesses zu werden.

»Was?«, fauchte er. In seine zuvor verbindliche Stimme schlich sich ein aggressiver Unterton. »Du willst was, du Nutte?«

»Bitte …«, sagte Karen mit zitternder Stimme. Die Zunge schien ihr am Gaumen zu kleben. »Ich habe schrecklichen Durst …, und mir ist nicht gut. Ich brauche etwas zu essen. Bitte, irgendwas …«

»Lügnerische Huren kriegen nichts!«, spie er hervor.

»Nein, nein«, schluchzte Karen. »O Gott, bitte, ich weiß nicht, was du damit meinst. Ich verstehe nicht, warum ich hier bin. Bitte, lass mich gehen. Ich schwöre, ich erzähle keinem, was passiert ist …«

»Halt’s Maul!«, kreischte er und zitterte vor Erregung, als wäre er derjenige, der in der Klemme saß. »Du versuchst doch nur wieder, mich auszutricksen, du Miststück. Du willst mich durcheinanderbringen, mir Kopfschmerzen bereiten.« Anklagend zeigte er auf Karen; er schien den Tränen nahe zu sein. »Siehst du jetzt, was sie mit mir macht, Sam? Verstehst du jetzt, was die alle mit uns machen wollen?«

»Bitte, bitte, lass mich gehen«, kam es erneut aus Karens Richtung, noch lauter und kläglicher. »Lass mich frei.«

»Halt’s Maul, halt’s Maul, halt’s Maul! Mach, dass sie aufhört, Sam!«

Louise hielt sich die Ohren zu, presste sich die Handflächen so fest gegen den Kopf, dass das Rauschen in ihren Ohren schmerzte. Aber sie ertrug es nicht, diesen Irrsinn mit anhören zu müssen.

»Sie ist nichts als eine lügnerische Hure! Verstehst du, Sam?«, sagte er, wieder an Louise gewandt. »Sie hat mich ausgetrickst. Das Luder hat mich dazu gebracht, sie hierherzuschleppen, aber ich habe erkannt, was für eine Lügnerin sie ist. Sie ist eine von denen! Sie will alles verderben, was ich mir aufgebaut habe.«

»Das ist doch nicht wahr«, flehte Karen, die kaum noch Speichel hatte, um ihren Mund zu befeuchten. »Ich tue alles, was du verlangst, ich schwör’s.«

Er trat dicht an ihren Käfig heran. »Halt dein Maul, dreckige Nutte!«, schrie er ihr durch das Gitter ins Gesicht und drohte ihr mit dem Elektroschocker. »Ich weiß, was du vorhast und zu was du mich überreden willst. Es ist genau das, wozu alle Huren mich verleiten wollen! Aber das wirst du nicht schaffen!« Sein Lächeln wich einem Ausdruck von Angst. Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn. »Sam ist jetzt bei mir. Du kannst uns nicht aufhalten.« Er entfernte sich rückwärtsgehend vom Käfig, nahm den Blick keine Sekunde von Karen und drohte ihr mit erhobenem Finger.

Kurz darauf knipste er die Lampe aus, sodass das Gewölbe wieder in Düsternis versank. Einen Moment lang schien er in dem Bereich hinter den Treppenstufen verschwunden zu sein, doch Louise hörte ihn atmen – ein Keuchen wie bei einem Tier. Schließlich knipste er wieder die Taschenlampe an und erklomm mit leisen Schritten die Treppe.

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