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Für immer hält nicht nur bis morgen

RICKI SCHULTZ

Für immer hält nicht nur bis morgen

Roman

Ins Deutsche übertragen
von Frauke Meier

Zu diesem Buch

»Nein. Keine Verkuppelungsversuche mehr«, sagt Quinn.

Ich spitze die Ohren. »Ich höre.«

»Du wirst auf die Art des einundzwanzigsten Jahrhunderts die Liebe finden.«

Mir zieht sich alles zusammen, und ich blicke nach oben, als würde ich nachdenken.

»Im Supermarkt?«

»Online!«

Grundschullehrerin am Tag, Liebesromanautorin bei Nacht: Rachel »Rae« Wallace führt eigentlich ein ausgefülltes Leben. Eine winzige Kleinigkeit allerdings würde das Ganze noch komplettieren: Mr Right … falls er irgendwo da draußen existiert. Denn die Suche nach dem Richtigen ist ja bekanntlich schwerer als die nach der Nadel im Heuhaufen. Vor allem, wenn man so wählerisch ist wie Rae. Doch als ihre Freundin Quinn heiratet, steht Rae vor einer schweren Entscheidung: Soll sie allein dort aufkreuzen, sich in einem Eimer Rotwein ertränken oder einem Mann eine Chance geben? Um dem Elend ein Ende zu setzen, intervenieren Raes Freundinnen und zwingen sie, sich bei einer Dating-App anzumelden. Zwar stellt sich schnell heraus, dass Online-Dating nichts für schwache Nerven ist, doch Rae beißt sich tapfer durch. Bis sie Nick auf ihrem Telefon entdeckt. Nick, den sie auch aus dem richtigen Leben kennt. Nick, der heiße Kollege aus ihrer Schule … und bald schon muss Rae sich fragen: Was muss sie tun, um das Glück richtig zu erwischen?

Für Mom und Dad

(Entschuldigung für all die Peniswitze.)

KAPITEL 1

Ich kippe den Tequila hinunter. Er ist süffig. Kein Billigzeug dieses Mal. Kein Würgen, kein Grimassenziehen. Nur reine, unverfälschte Scheiß-drauf-Medizin, die mich zu einem schöneren Ort trägt, ehe dieser Typ auftaucht.

Falls er auftaucht.

Lichtschienen verlaufen im Zickzack unter der Decke, bernsteinfarben leuchtende Hängelampen breiten eine warme Decke über all den traurigen Geschichten aus, die sich über die Barhocker verteilen: die Dame im Leopardenmini, die wechselweise das rechte über das linke und das linke über das rechte Bein schlägt, während sie mit dem Typ flirtet, der aussieht wie Jack Palance – und dabei eine Inbrunst an den Tag legt, die besagt, dass sie entweder unter sexuellem Notstand leidet oder sich schon eine Geschlechtskrankheit eingefangen hat. Das Paar, das sich in die Ecke kuschelt und nicht aufhört, darüber zu reden, dass dies ihr gemeinsamer Abend sei und sie einfach nicht fassen können, dass sie die kleine Schwester des Kerls als Babysitterin verpflichtet haben. Der hippelige Mittfünfziger, der eine Khakihose trägt, die aussieht, als hätten ihre Bügelfalten schon den größten Teil der letzten Dekade überlebt, und der unentwegt seinen Ehering auf dem Tresen dreht wie einen verdammten Kreisel.

Und dann wäre da noch ich.

»Noch einen?«, fragt der Barkeeper, bevor ich mir auch nur die Lippen abgewischt habe, aber immerhin sind meine Nebenhöhlen jetzt frei.

»Ich sollte nicht.« Ich lege die Finger ans Brustbein – Hach, wie damenhaft! – und zeige mich als Inbegriff der Sittsamkeit, während ich mir den Mund mit einer Cocktailserviette abtupfe. »Dieses Lipgloss kostet mehr als der verflixte Drink«, informiere ich ihn.

»Dann also ja?« Seine Mundwinkel zucken.

Entweder es liegt an dem Kurzen, oder seine Pheromone zeigen Wirkung. Hitze steigt mir die Beine empor, und ein Teil von mir fragt sich, wie sich diese Lippen an meinem Hals anfühlen würden. Oder an meiner Brust.

Mein Telefon brummt, und ich zucke zusammen.

Valerie: VIEL GLÜCK!!!!!!

Abermals.

Quinn: Ist er schon da???

Sie posten in unserer Gruppe. Und ihrem Timing zufolge sitzen sie gerade zusammen in Valeries Wohnzimmer, kippen sich eine Flasche Rotwein rein und gucken The Real Housewives of Atlanta oder so einen Mist.

»Weißt du was?« Ich schlage mit beiden Handflächen auf die Theke. Entschlussfreudig. »Warum nicht? Ich bin ja schließlich so verflucht erwachsen«, sage ich zu dem Barkeeper, dessen sinnliches Lächeln prompt breiter wird.

Ich widme mich meinem Telefon, während er die Flasche holt.

Ich: Ihr seid total bescheuert. Wir sind nur was trinken. Entspannt euch.

Und hört mit dieser inflationären Zeichensetzung auf!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Zufrieden mit meinem virtuellen Denkzettel, folgt mein Blick der rückwärtigen Kontur des Barkeepers, und ich bewundere, wie sich sein schwarzes Button-down-Hemd über den Schultern spannt.

Er lässt das Schnapsglas über den Tresen auf mich zugleiten, als würden wir gerade Lohnverhandlungen führen, und begegnet meinem Blick aus tiefdunklen Augen. »Ihr Date hat wirklich Glück.«

Dieser Akzent. Portugiesisch? Vielleicht ist er auch nur Show, aber das ist mir egal.

Ich schnaube verächtlich. »Ja, klar, bestimmt glaubt er, er hätte im Lotto gewonnen.«

Ich kippe den nächsten Drink hinunter und spüre ihn augenblicklich. Ein Kribbeln in den Zehen wie in einer schwülen Sommernacht mit Jesse. Zusammen in diesem Rattenloch von einem Shisha-Café.

Eine Hand streicht über meinen unteren Rücken, und ich springe vom Hocker.

»Rachel Wallace?«

Ich bedenke den Barkeeper mit einem Blick, als wäre er mein schwuler bester Freund – Hallooo! –, und wirbele zu der Stimme herum. Umorientierung.

»Einzig und artig«, sage ich und strecke die Hand aus. »Und Rae reicht.«

Ich mustere ihn vom Scheitel bis zur Sohle, nur eine flüchtige Prüfung, während er mich mit einem Ausdruck, der ganz nach Erleichterung aussieht, taxiert.

Poloshirt. Gut.

Dunkle Jeans, nicht enger als meine. In Ordnung.

High-Top-Sneaker. Was soll der Scheiß?

Und eine Beckham-Welle.

Der Kerl ist ein Geck.

Aber zumindest hat er sich rasiert und scheint nichts auszuschwitzen, das schlimmer wäre als Frisur und Schuhe.

Ausbaufähig.

»Rae. Das gefällt mir. Ich bin übrigens Ty.«

Er heftet den Blick seiner blauen Augen auf mich, und ich unterdrücke aufsteigendes Gelächter. Das ist einfach … kein Name für einen realen Menschen.

»Na klar.«

»Entschuldigung?«

»Noch gibt es keinen Grund, sich zu entschuldigen.« Ich drehe mich wieder um und zeige auf den Hocker neben mir. Ty verströmt Armani Code, und damit kann ich leben, also kann es auch weitergehen.

Er bedenkt den Barkeeper mit einem Blick, als stünde er kurz davor, von einem tiefen Abgrund verschlungen zu werden, und dann nehme ich ein Stechen von irgendwas unter meinem Schlüsselbein wahr, das ich wegzurubbeln beschließe. Dabei kann ich es kaum erwarten, den Mädchen zu erzählen, dass ich gewisse Gefühle verspüre.

Fortschritt!

Der Barkeeper kehrt mit zwei weiteren Schnäpsen zu uns zurück.

»Schweig still, mein Herz«, sage ich und lege erneut eine Hand an die Brust. Und suche nach einem Ring an seinem Ringfinger. Keiner da.

Konzentrier dich.

Auf Ty, nicht auf den Barkeeper.

»Schön, dich kennenzulernen, Ty. Bitte entschuldige …«

»Du bist echt Furcht einflößend.«

Das sagt er mit einem Zwinkern, also weiß ich nicht recht, wie ich es auffassen soll.

Ich entschließe mich zu einem Lächeln und nicke knapp. »Irre. Gefällt mir.« Womöglich etwas zu dick aufgetragen.

Mein Kommentar scheint ihn zu beruhigen. Er atmet zum ersten Mal aus. Meine Hand liegt bereits an meinem Glas.

»Sollen wir?«

Er greift nach seinem. »Auf jeden Fall. Auf uns?«

»Auf uns.«

Klink.

Während die anderen Leute an der Bar den Platz gewechselt oder das Lokal verlassen haben (die Frau mit den Hummeln im Hintern ist mit dem Jack-Palance-Verschnitt gegangen, und der larmoyante Bügelfaltenmann hat sich vermutlich nach Hause verzogen, um sich dort zu erschießen), haben Ty und ich alle wichtigen Fragen abgehakt. Beispielsweise, welches von Valeries und Mikes Kindern klüger ist oder wie viele Cargoshorts Mike wohl tatsächlich besitzt (ich liege vorn mit einundsechzig gegen Tys sechzig).

Als wir schließlich in der Flaute landen, die sich einstellt, wenn es an den gemeinsamen Freunden nichts mehr weiter zu analysieren gibt, hält mich nur noch der herrliche Rausch hier, den ich mir zugelegt habe. Eine warme Woge, die sich in meinen Wangen zusammenrollt wie ein fauler alter Hund in einer Häkeldecke an einem regnerischen Nachmittag.

Alex, der Barkeeper (inzwischen reden wir uns mit Vornamen an), füttert mich mit grünen Oliven wie ein Lakai mit der Optik eines Pooljungen, und ich komme mir vor wie die Königin von Saba. Ich weiß nicht mal, ob das einen Sinn ergibt, aber das ist mir egal. Meine Handfläche drückt sich in meine Wange, und ich lausche, während Ty irgendeine beklemmende Geschichte darüber zum Besten gibt, wie er und Mike letzte Woche Golfen waren … und wie Valerie da auf die Idee gekommen ist, uns zwei zu verkuppeln … und wie er plötzlich als Mikes vermögendster und erfolgreichster Freund dastand (lies: kleiner Penis).

Endlich – nach gefühlten sechs Stunden Langeweile – scheint ihm ein Licht aufzugehen, und er wirft sich ein paar Nüsse in den Mund.

Haha. Hahaha. Okay. Ich sollte wirklich zu trinken aufhören. Ich greife schon auf die Humorebene männlicher Fünftklässler zurück.

»Also, Valerie hat mir erzählt, du schreibst Bücher?«

Würg.

Mein Gesicht wird noch wärmer. Und ich hoffe, dass sich keine leuchtenden roten Flecken auf meinem Dekolleté breitmachen.

Ich strecke die Zunge raus und tue, als müsste ich würgen. Was bestimmt super attraktiv aussieht. »Danke, Val«, sage ich zu meinem Handydisplay. »Ich meine, na ja, irgendwie? Keine Ahnung.« Ich nehme einen lebensbejahenden Schluck von meinem Dirty Martini und gestatte meiner Atemluft, mit einem gehauchten Ahhh zu entweichen, ehe ich fortfahre.

Er runzelt die Stirn – vielleicht ein bisschen zu fotogen –, und mir wird bewusst, dass er keine Ahnung hat, was ich meine.

»Ich meine, ich unternehme dilettantische Versuche.«

Unbehaglich rutsche ich auf dem Platz herum, und Ty lächelt.

»Dilettantische?« Er wackelt mit dem Kopf, als wolle er dem Wort einen zweideutigen Klang verleihen, aber ich vermute eher, er weiß nicht, was es bedeutet. »Ich versuche auch gern was.« Er schiebt einen Finger unter meinen Spaghettiträger, und – Klatsch! – meine Hand schießt empor und geht in Abwehrstellung.

»Ich habe nichts veröffentlicht oder so was«, sage ich und schiebe seine Hand weg von mir und dahin, wo sie hingehört. »Ich arbeite an einem Manuskript, aber ich habe keinen Agenten und nichts.«

Wieder setzt er das verknautschte Gesicht auf, und ich gebe mir alle Mühe, nicht über ihn zu urteilen.

Normale Leute haben keine Ahnung, wovon du sprichst, ermahne ich mich. Warum sollte er sich mit der Branche auskennen?

Ich stopfe eine weitere Olive in mich hinein und rede mit vollem Mund weiter. Scheiß drauf. »Na ja, man braucht eben einen, wenn man etwas auf die traditionelle Weise veröffentlichen will. Also, wenn man will, dass das eigene Buch den Weg in den Buchhandel findet und so weiter.«

Ein vertrauter, glasiger Ausdruck tritt in seine Augen. Der, den normale Leute immer bekommen, wenn ich etwas über das Veröffentlichen von Büchern erzähle. Das war so toll an Jesse. Diese eine Sache. Er hat’s begriffen. Und er hat zugehört.

Vermutlich, weil seine Frau nichts begriffen hat.

Etwas legt sich wie eine Klammer um mein Herz –, oder ersticke ich vielleicht gerade an der doofen Olive? Plötzlich bekomme ich keine Luft mehr. Warum hat Valerie mir das angetan?

Ich schlage mir aufs Brustbein, um zu lockern, was immer die Enge verursacht, und Tys Blick fällt auf meine Brust. Halleluja! Er ist wieder da.

Schätze, meine Titten haben ihn wachgerüttelt.

»Und was schreibst du?«

Gott. Verdammt.

»Erotika?«, sage ich, reibe mir immer noch die schmerzende Stelle an der Brust und nage an der Unterlippe. Und sehe jede Chance, dass er mich nicht den Rest des Abends mit Blicken vögelt, davonfliegen wie das Olivenstückchen, das ich versehentlich über die Theke gespuckt habe.

Er verliert keine Zeit. »Wirklich? Aber ich dachte, du wärst Lehrerin.«

Jetzt bin ich definitiv rot und zucke unbehaglich mit den Schultern. »Bin ich. Aber ich benutze ein Pseudonym. Und nein, ich werde es dir nicht verraten. Wie auch immer, der Markt für Erotika ist weitgehend auf E-Books beschränkt, aber ich versuche trotzdem, traditionell zu veröffentlichen. Das ist albern, ich weiß.« Ich winke ab, obwohl ich das ganz und gar nicht albern finde; ich finde es nur einfacher, das Thema bei einem ersten Date mit einem Schulterzucken abzutun.

Um genau zu sein, meide ich das Thema gern vollständig, weil es unausweichlich dahin führt:

»Weißt du, meine Tante schreibt auch ein Buch. Eine Geschichte über unsere Familie. Das solltest du irgendwann mal lesen.«

Ich starre das Rührstäbchen in meinem Drink an, und meine Augen treten hervor, bis sie mindestens so groß sind wie die letzten zwei Oliven, die Alex mir dagelassen hat. »Äh, ja, das wäre …«

Er rückt näher heran, und sein heißer Atem infiltriert mein Ohr, was mir ein Kribbeln über diese Seite des Körpers jagt.

»Ich stehe auf Lehrerinnen, weißt du das?« Er stupst mich mit dem Ellbogen an, als hätte er mit dieser Bemerkung gerade das Rad neu erfunden.

Ich beschränke mich auf ein Nicken.

Aber ich bin froh, dass er mich unterbrochen hat, denn nichts auf Gottes grüner Erde wird mich dazu bringen, irgendeine saublöde Familiengeschichte zu lesen oder mir dummes Geschwätz darüber anzuhören, dass er immer schon eine Comicbook-Serie über irgendeinen Polospieler schreiben wollte, der sich in ein fliegendes Brauereipferd verwandelt, oder was auch immer.

»Guter Spruch.« Ich zeige auf ihn und wische mir dann mit der Hand über die Gänsehaut.

Er leckt sich das Salz von den Lippen. »Weißt du, ich muss sagen …«

Alex hat Smooth Jazz aufgelegt, und die Leute, augenscheinlich Stammgäste, scheinen die Musik zu lieben. Die ledergesichtigen Singles, die einen Tisch im Hintergrund okkupiert hatten, sind samt und sonders aufgestanden und wiegen sich langsam und unbeholfen im Takt. Dabei kleben sie aneinander wie Schnecken beim Liebesspiel. Der Anblick macht mich verlegen, aber ich schaffe es nicht, mich von ihm loszureißen.

»Du musst was sagen?« Die Bewegungen dieser Leute ziehen mich in ihren Bann. Und ich finde es lustig, dass ich offenbar die Jüngste hier bin. Mit einem Abstand von mehreren Äonen. Das könnte mein neues Stammlokal werden!

»Das hört sich jetzt vielleicht etwas überraschend an …«

Er spricht leise, und ich sehe ihn an.

Womöglich schockieren Ty und ich in vierzig Jahren hier die Mittdreißiger. Vielleicht lässt er die Beckham-Imitation hinter sich, und vielleicht ist er nicht mit dieser angeketteten Geldbörse verheiratet.

Ich täusche ein echtes Lächeln vor – zaubere mir sogar ein paar Fältchen in die Augenwinkel und so – und nage am Ende des Rührstäbchens. »Na ja, für Überraschungen bin ich durchaus zu haben.« Ich ziehe eine Braue hoch. #ichhabsdrauf

»Deine Art zu sprechen passt nicht zu deinem Aussehen.«

Ich runzele die Stirn. Bitte?

Kurz wird er zappelig, schwenkt den Bourbon in seinem Glas, dann dreht er sich wieder zu mir um und starrt mir direkt ins Gesicht. »Ich meine … Du bist gewitzt. Frauen, die aussehen wie du, sind tendenziell eher nicht gewitzt.«

Und so schnell wie der Alkohol und die laszive Musik (und die Aussicht, ein Leben lang eklig zu tanzen) mich auch mitgerissen haben, so schnell holt mich seine Bemerkung wieder zurück.

Ich hebe eine Moment-mal-Hand.

Und er packt sie wie das Schnurende eines davonschwebenden Ballons. »Nein«, sagt er. »Das war ein Kompliment.« Er drückt meine Fingerspitzen an seine Brust, und sein Herzschlag gewinnt an Tempo.

»Welcher Teil?« Ich mustere ihn aus schmalen Augen. Der arme Tropf ist absolut nicht auf den Weibsteufel gefasst, der sich gerade aus meinem Körper freikämpft. »Der Teil, in dem ich zwar dumm aussehe, aber, hurra«, ich applaudiere, »doch nicht ganz verblödet bin?«

Er zuckt zusammen und sieht sich im Lokal um.

»Oder der Teil, in dem ich mir eine schimmernde Lotion auf die Beine schmiere und mich mit angehaltenem Atem in ein tief ausgeschnittenes Kleid zwänge, damit ich, mutmaßlich, in deinen Augen attraktiv bin. Was bedeutet …«

Die Leute starren zu uns rüber.

»Was bedeutet«, mein Ton erinnert ein bisschen an Foghorn Leghorn, den Hühnerhabicht, »wenn ich scharf bin, dann bin ich auch dumm?« Ich schlage die Beine so übereinander, dass sie von ihm weg zeigen, und stemme die Ellbogen auf den Tresen. Stütze das Kinn auf die Handflächen. Erwartungsvoll. Zwirbele eine Strähne braunen Haars zwischen den Fingern. »Meinst du, du kannst mir das erklären, ich hatte nämlich heute Morgen ein Waxing, darum kann ich deine hochgestochenen Worte nicht so gut verstehen.«

Ich fürchte, er heult gleich los. Er räuspert sich ein paarmal, und die übrigen Leute nehmen ihre Gespräche wieder auf und liefern uns die übliche Hintergrunduntermalung. Jetzt sind sie wieder, Leib an geriatrischem Leib, gewöhnliche Ruheständler.

»Ich bin nur bisher noch nicht vielen Mädchen begegnet …« Nun redet er mit seinem Knabberschälchen; Cashewnüsse krümmen sich unter ihm, als wollten sie ihm achselzuckend mitteilen, dass sie ihn da auch nicht mehr rausholen können. »… die so gut aussehen wie du und mit denen ich mich unterhalten kann. Als ich reingekommen bin und dich gesehen habe, da habe ich nicht damit gerechnet, dass du so enorm klug bist. Ist das schlimm?« Er verzieht das Gesicht und sieht beinahe gepeinigt aus.

Ich schnaube verächtlich. »Keine Ahnung, Kollege«, sage ich und schnappe mir eine Handvoll Nüsse aus der Schale, die direkt vor ihm steht. Kaue geräuschvoll. »Tut mir leid, wenn das gehässig geklungen hat, aber …«

»Nein, nein, ich mag das«, lügt er.

Ich sehe ihm an, dass er sich große Mühe gibt, in einem heiteren Ton zu sprechen. »Du sagst, was du denkst. Das ist gut.«

Irgendwie komisch; sein starrer Blick erwischt mich ungefähr fünfundzwanzig Zentimeter unterhalb meiner Augen.

Mit dem Daumen zeige ich auf Ty und rede mit Alex. »Richtig fortschrittlich, der Typ.«

Gefühlte zwanzig Songs lang sitzen wir schweigend da. Allerdings sind die alle so geschmeidig und fließend, genau wie die langen Kleider der Damen, dass es schwer zu erkennen ist, wo der eine aufhört und der nächste beginnt. Saxofone machen das Publikum scharf und sorgen dafür, dass Viagra das Importprodukt Nummer eins in sämtlichen Kolonien diesseits von Boca Raton bleibt.

Nach einer Weile rutscht Ty mit seinem Hocker näher heran. Und senkt wieder die Stimme ein wenig. »Pass auf, Valerie hat es mir erzählt. Ich verstehe das.«

»Dir was erzählt?« Ich kneife die Augen zusammen.

»Dass du das Daten satt hast. Ich verstehe also, wenn du ein bisschen empfindlich …«

»Das ist nicht mein erstes Rodeo«, sage ich und leere mein Glas.

Als mir der Wodka durch die Kehle rinnt, meldet sich da zugleich ein raues Gefühl, das ich lieber nicht spüren würde.

Im Geiste sehe ich meinen Ex Daniel vor mir, wie er mir einen Antrag macht. Alles wunderbar. Anzug und Krawatte. Die Augen voller Babys und Minivans und Besuchen bei seiner Familie in Connecticut. All das, worüber wir geredet und wovon wir geträumt haben. All das, was ich immer gewollt habe und immer noch will – nur, wie sich herausgestellt hat, nicht mit ihm.

Ich halte es hier keine Sekunde länger aus, kostenlose Drinks (und Oliven) hin oder her.

»Entschuldige mich eine Minute.« Ich springe vom Barhocker und streiche das Seidenkleid glatt. »Muss mal für kleine Mädchen«, erkläre ich ihm.

»Noch einen?« Ty deutet auf meinen Drink, und ich zeige ihm rasch den hochgereckten Daumen, ehe ich in Richtung Waschraum verschwinde. (Ja, okay.)

Ich stolpere in die Kabine und reiße mein Handy aus der Tasche.

Wer holt mich jetzt hier raus?

Nach einem benebelten Moment komme ich zu dem Schluss, dass Quinn oder Valerie nicht infrage kommen; die würden über dieses Ansinnen nur die Nase rümpfen. Teufel auch, Val würde womöglich in Tränen ausbrechen, schließlich hat sie dieses Date arrangiert.

Nein, hier sind schwere Geschütze gefragt. Na ja, jedenfalls so ein Zwanzig-Plus-Kaliber.

Der Job schreit geradezu nach Sarah.

Ich: Kannst du mich in zehn Minuten wegen eines »Notfalls« anrufen?

Sarah: So schlimm?

Ich: Muss hier weg.

Sarah: Sind gerade bei Posh rein. Komm her, und hab ein bisschen Spaß!

Ich: Mach ich – du musst dich nur kurz ausrauben lassen oder so was in der Art.

Sarah: Bei mir bist du an der richtigen Adresse.:)

Nach ihrem Anruf kippe ich den Drink hinunter, der schon auf mich gewartet hat, als ich aus dem Waschraum zurückgekommen bin (vielleicht ist er doch nicht so übel), und Ty begleitet mich zu meinem Uber.

Kaum draußen heftet sich die Luftfeuchtigkeit an meine Haut, und das sanfte Lüftchen trägt wenig zur Abkühlung bei. Schweißperlen sammeln sich in meinem Nacken und am Haaransatz.

»Sorry, dass ich nicht länger bleiben kann. Ein andermal?«, lüge ich.

Er setzt ein verschrobenes Lächeln auf, und gerade als mir klar wird, was er vorhat, und bevor ich mich entziehen kann, stürzt er sich auf mich. Schonungslos. Aus dem verflixten Nirgendwo wischen seine zu großen Lippen das Fünfzig-Dollar-Lipgloss von meinen. Schwanz und Zunge bedrängen mich – quetschen mich an den Honda Civic, und dann gleitet seine Hand an meinem Kleid empor und umfasst meine inzwischen schweißnasse Brust.

Was?

Er gehört zu diesen Typen, die dir aus irgendeinem unerfindlichen Grund die Lippen ablecken. Soll das etwa erotisch sein?

Und dann endet sein gesichtsgesteuerter Überfall so schnell, wie er begonnen hat. Merken, Rae: Beim Sex läuft das vermutlich genauso.

»Das war ein schöner Abend«, bekundet er, die Hände immer noch an meinem Körper.

»Äh … ja.« Ich befreie mich und schiebe ihn zurück auf den Bordstein. »Kann’s gar nicht erwarten, Valerie zu danken.« Erneut streiche ich das Kleid glatt und zeige ihm gleich beide hochgereckten Daumen.

Und dann verschwinde ich im Wagen und knalle die Tür zu.

Sarah zieht mich kreischend in die Arme, kaum dass ich zwanzig Minuten später das Posh betreten habe. Sie reicht mir irgendwas Kaltes in einem Cocktailglas, als wäre sie der Alfred zu meinem Batman, und drückt mir kurz die Schulter.

»Du armes Ding«, sagt sie, die vollen roten Lippen zu einem leichten Schmollmund geschürzt.

»Ich bin dir was schuldig.« Ich nicke ihr zu und sehe mich unter all den Unterdreißigjährigen um, die sich im Takt der Musik winden. In diesem Schuppen bin ich diejenige, die um Äonen älter ist. Die Klimaanlage läuft auf Hochtouren und bläst mir mehr oder weniger von überallher unters Kleid, aber ich tue einfach so, als wäre ich in einem Beyoncé-Video. Absolut wahrscheinlich, dass ich auch genauso aussehe.

Gerade als ich meinen Rhythmus finde und mit den Armen zur Musik rudere, als würde ich auf hoher See ertrinken, bahnt sich der größte Kerl im ganzen Laden einen Weg in meine Richtung.

Sarah, deren Armreifen das purpurfarbene Neonlicht bei jeder Bewegung in einem anderen Winkel zurückwerfen, setzt ein schiefes Grinsen auf, entfernt sich etwas weiter von mir und zwinkert mir übertrieben zu, als wolle sie sagen: Ich gönne dir gern ein bisschen mehr Privatsphäre.

Kichernd schüttele ich den Kopf.

Ich gestatte dem Typen, mich zu dirigieren, denn unser Tanz ist pure Magie. Rauch wogt uns um die Füße. Es riecht nach Abercrombie und Sex. Der Sprit ist stark und die Lichter trüb genug, dass einfach jeder im Raum die bestaussehende Person ist, die ich je vor Augen bekommen habe.

Ich bin keine vierunddreißig, und er ist (vermutlich) juristisch kein Problem.

»Ich bin Harrison«, gurrt er mir tief ins Ohr, und ich lege einen Finger an seinen prachtvollen Mund. Die perfekte Kussschnute.

»Lass uns das nicht durch Reden ruinieren«, brülle ich ihm über das Geklimper der Musik zu.

Und er lacht. Wirbelt mich herum. Meine Sehnsucht macht mich schwindelig. Harrison macht mich schwindelig.

Ich schließe die Augen und spüre, wie sich sein kraftvoller Körper hinter mich schiebt, wie er an mir herabgleitet und sich wieder hinaufschlängelt.

Grins.

Nur ein gewöhnlicher Sonntagabend.

Billie ist vor lauter Schwanzwedeln ganz außer sich, als ich endlich einrolle. Ich will nicht, aber ich weiß, sie muss raus, also ziehe ich Shorts und T-Shirt an und stolpere um meinen Apartmentkomplex, wie es sich für eine brave Hundemama gehört.

Der Mond ist groß und hell und ergießt sich in Pfützen auf der Teerdecke. So hell, dass ich beinahe die Augen abschirmen muss –, was aber vermutlich doch eher an meinem flüssigen Abendessen liegt als an der tatsächlichen Lichtstärke des Mondscheins.

Unterwegs reibe ich mir die Arme. In der nächtlichen Brise liegt nun doch endlich ein Hauch von Septemberkühle.

Ich wünschte, Jesse und ich hätten tanzen können.

Wir haben es nie getan.

Nicht dass wir so viel Zeit zusammen verbracht hätten, und nicht dass er, ihr wisst schon, die Scheidung durchgezogen hätte, trotzdem wäre es nett, eine Erinnerung an einen Tanz mit ihm im Gedächtnis zu haben.

Dieser blöde Gedanke bringt eine ungebremste Tränenflut hervor, und ich komme mir vor wie die primitivste Kreatur auf dem Angesicht des Planeten.

Was ist schlimmer, als nach einem One-Night-Stand verschämt nach Hause zu laufen? Um drei Uhr morgens den ganzen Apartmentkomplex vollzuschniefen, und das auch noch in Begleitung eines Beagles, der einfach nicht kacken will.

»Mach schon, Billie. Kack!«, flüstere ich ihr zu und wische mir das Gesicht mit den Armen ab – und fange sofort an zu gackern wie eine Irre, als mir in den Sinn kommt, wie albern das ausgesehen haben muss.

Wenigstens muss meine Mom das nicht mehr miterleben. Und Dad hat viel zu viel mit seiner neuen operativ zurechtgeschnippelten Prinzessin zu tun, um je nach Florida zurückzukommen.

Was mich noch mehr zum Lachen bringt.

Wer wäre nicht scharf darauf?, denke ich. Vielleicht habe ich es auch laut ausgesprochen. Ich weiß es wirklich nicht.

Alles, was ich weiß, ist, dass Billie endlich ihr Geschäft gemacht hat, und nun trage ich einen Plastikbeutel mit Hundekacke, und meine Zähne klappern, und ich bin froh, dass Jesse fett geworden ist, wünsche mir aber immer noch, wir hätten mal miteinander getanzt.

Nachdem ich den Kot entsorgt habe, stolpere ich einfach weiter um den Komplex, bis wir endlich wieder zu Hause ankommen.

Ich wühle mein Handy aus der Handtasche hervor. Nur gut, dass ich dieses Mal nicht vergessen habe, es mit nach Hause zu nehmen. Ich tippe mir mit einem Zeigefinger an die Schläfe und gratuliere mir zu meinem Scharfsinn.

Zwei verpasste Anrufe – einer von Valerie, einer von Quinn – und eine Textnachricht.

Die Zunge: War ein toller Abend. Nächstes Mal müssen wir essen gehen.

Ich schnaube verächtlich, und Billie blickt zu mir herauf.

»Ich wünschte, ich könnte mich selbst so lecken wie du, Mädchen. Du bist meine Heldin«, sage ich und drücke sie fest an mich.

KAPITEL 2

Ich quetsche mich in meinen Lieblingsplatz – den am Müllcontainer. Genauer gesagt, in den ersten freien Platz, der erreichbar ist, während ich in der Schlange der Elterntaxen feststecke, wie an beinahe jedem Morgen.

Dank pulsierender Kopfschmerzen habe ich lange gebraucht, um mich fertig zu machen, aber inzwischen geht es wieder.

Ich steige aus meinem Camry und streiche den Blazer glatt. Die Luft ist so schwer wie der Akzent der Spanischlehrerin. Ich zerre meine Taschen vom Rücksitz, schlinge sie über die Schulter (Was zum Henker habe ich in meiner Handtasche?) und entblöße mich dabei nur vielleicht vor Dr. Wie-war-noch-der-Name.

Ich winke ihm zu – gern geschehen – und klappere an den Benzen vorbei. Den BMWs. Den Land Rovern und Porsches. Vielleicht bilde ich es mir ja nur ein, aber ich könnte schwören, dass ich die Blicke aus elterlichen, hinter D&G-Sonnenbrillen verborgenen Augen spüren kann, so sengend heiß wie die Morgensonne. Dank der getönten Scheiben ihrer Wagen kann ich nicht ganz erkennen, welche Schüler jeweils dazugehören.

»Morgen, Rae!«, ruft die Frau mit dem Vokuhila.

Wie heißt sie gleich? Quinn und ich haben sie schon so lange die Vokuhilafrau genannt, dass ich ihren richtigen Namen vergessen habe, aber er wird mir schon wieder einfallen. Ich weiß, dass sie etwas mit dem Kunstprogramm zu tun hat, und sie hat eine Vorliebe für weiße Polyesterhosen. Keine weiße Kleidung nach dem Labor Day? Scheiß doch auf Regeln!

Sie hilft dabei, den Verkehr zu regeln, öffnet Autotüren für die Kinder, als wären wir nicht nur ihre Lehrer, sondern auch ihre Lakaien –, und ich bin ziemlich sicher, dass sie nur hier ist, um meinen Weg ins Gebäude besonders unerfreulich zu gestalten.

Ich antworte mit einem sarkastischen Winken, denn – Verdammt noch mal! – es sollte einfach niemandem erlaubt sein, vor neun Uhr morgens (elf Uhr morgens?) zu reden.

Ungeachtet dessen bin ich einigermaßen überzeugt, dass sie mich nur so süßlich grüßt, weil sie weiß, dass ich zu spät dran bin. Im Vorbeigehen werfe ich einen flüchtigen Blick auf ihre vor Strass nur so starrende Armbanduhr.

Aber dann fühle ich mich mies.

Ich meine, vielleicht wollte sie ja doch nur nett sein, und in Wahrheit bin ich die Fleisch gewordene Schlechtigkeit.

Vielleicht weiß sie auch nicht, dass ich zu spät dran bin, oder es interessiert sie einfach nicht, weil sie ein Leben hat, und meine Unsicherheit macht heute Morgen ganz einfach ein paar Überstunden.

Ich schlucke meinen Unmut runter und spiele mit: »Hatte noch keinen Kaffee.«

»Oh, den brauchen Sie doch gar nicht! Sie strahlen doch immer!« Ihr schöner Schein jedenfalls beleuchtet den ganzen Parkplatz, und ich kämpfe mit Brechreiz.

»Hatten Sie ein schönes Wochenende, Carol?« Carol! #geschafft

»Oh, ja«, flötet sie. »Es war nur nicht lang genug.«

Mein Magen krampft sich zusammen, als mir bewusst wird, dass ich stehen geblieben bin und gerade einem kleinen Rotschopf aus Daddys Lexus helfe.

»Pass auf, wo du hintrittst«, sage ich.

Mein Gott. Was geschieht mit mir?

Ich winke dem Dad durch die offene Scheibe der hinteren Tür und tätschele den Kopf der kleinen Rotzgöre. Ich hatte immer schon eine Schwäche für Rothaarige.

Ich muss noch ein paar Minuten lang erwachsen tun – nur bis ich von Carol weg kann, um mich in die Sicherheit meines Klassenzimmers zu flüchten, wo ich mein Ding mit den Kindern abziehen kann und meine Ruhe habe.

Weg von den bewertenden Augen der anderen. (Egal ob die wirklich über mich urteilen oder ich ihre Blicke nur so auslege, weil ich bekloppt bin.)

Das ist einer der echten Vorzüge bei der Arbeit mit Kindern. Die lachen über meine tumben Witze und freuen sich allen Ernstes über meine dämlichen Possen. Ich muss nicht so tun, als wäre ich, was andere von mir erwarten, und ich muss mir auch keine Mühe geben, sie zu beeindrucken; die lieben mich und sind sowieso glücklich und zutiefst beeindruckt.

»Puh, Montag, was?« Grüßend reiße ich eine Hand vor der nächsten Leggins tragenden Mutter hoch, ehe ich die Tür ihres SUVs schließe –, und dann renne ich die Treppe hinauf, lasse Carol in meinem Kielwasser zurück, ehe sie mich als neues Mitglied des Party-Planungs-Komitees rekrutieren kann.

Ich bin gerade dabei, mein Zeug in das Klassenzimmer zu werfen, als ich Deborahs Stimme über den Korridor hallen höre.

Schon dabei, ihr großes Geschwafel bei der Montagmorgen-Konferenz abzuliefern. Toll.

»Hallo, Süße!« Sarah taucht in der Tür auf, und ich springe vor Schreck beinahe aus meinen High Heels. Sie hat das Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, hält einen riesigen Becher unbekannten Inhalts in der Hand, und ich sehe ihr an, dass sie heute Morgen das getan hat, was ich als slowenisches Duschen bezeichne (Halb-Slowenin – ich darf das).

»Schön zu sehen, dass du wieder auf den Beinen bist.« Sie stößt mich mit der Hüfte an, schnippt über dem Kopf mit den Fingern und demonstriert tanzend, was wir gestern im Club getan haben.

Ich verziehe das Gesicht. »Heute wird ein ›Miss Wallace hat Migräne‹-Tag. ›Kein Licht, kein Geschwätz. Malt einfach ein Bild eures liebsten Waldbewohners, während ich versuche, nicht in meine Schreibtischschublade zu kotzen.‹«

Schön wär’s. Aber ich mag meinen Job.

Den und Sechsjährige, die so still sein können wie Gummipuppen; wenn also mein Magen auch bereits brodelt, heißt es nun Lesen, Schreiben, Rechnen und – für mich – hoffentlich nicht Erbrechen.

»War es das nicht wert? Dieser Typ war echt scharf.«

Ihr goldblondes Haar und ihr sechsundzwanzigjähriger Blick auf das Leben sind mir zu sonnig, aber, Gott sei’s geklagt, ich muss nun trotzdem meine »Frühstück-bei-Tiffany«-Brille abnehmen und mich dem Tag stellen.

Wir gehen durch den Flur mit den dritten Klassen, am Trinkbrunnen vorbei und haben schon die ganze, lange Wand der Bibliothek hinter uns, ehe ich es über mich bringe, wieder den Mund aufzumachen.

»Eigentlich nicht«, sage ich, während wir gemeinsam zum Konferenzraum gehen. »Ich könnte gut darauf verzichten, als Partyunterhaltung herzuhalten. ›Was meint ihr, wie alt sie ist?‹ Komm schon.«

Sie haut mir auf die Schulter. »Ach, sei nicht so. Niemand hält dich ernsthaft für vierunddreißig. Du kannst ganz schön was vertragen, Süße.«

Sie betont ernsthaft für meinen Geschmack ein bisschen zu stark, und ich muss mich zusammenreißen, um nicht hörbar zu knurren. Aber vielleicht liegt das auch nur daran, dass der ganze Laden nach Whiteboardstiften und Glasreiniger riecht.

»Mag sein, dass ich nicht so eingeschätzt werde, aber deshalb wird es nicht unwahr. Es ist einfach … Ach, ich bin einfach zu alt für diesen Scheiß«, sage ich etwas zu laut, als wir gerade durch die Tür gehen wollen, und jetzt glotzt mich der ganze Lehrkörper mit offen stehendem Mund an.

Also ehrlich. Als hätten die das Wort Scheiß vorher noch nie gehört.

Ich bedenke die Rektorin mit einem hilflosen Lachen. »Nur eine mittelmäßige Anleihe bei Lethal Weapon zum Wochenbeginn, stimmt’s, Deborah?« Ich unterstreiche den Sarkasmus mit einer ausholenden Armbewegung. »Nicht?« Ich räuspere mich.

»Guten Morgen, meine Damen. Wir kommen gerade zum Schluss«, sagt Deborah und stiert uns über ihre Brille hinweg an wie ein missbilligender Vater.

Und da wir die Dinge gerade beim Namen nennen: Sie ist auch irgendwie gekleidet wie einer.

Haufenweise Weiber in allen Größen und Formen hocken wie Play-Doh-Knete um Kindertische herum. Marj Raynors Arsch verschlingt beinahe den winzigen Plastikstuhl, und ich bin fasziniert von der handwerklichen Meisterleistung, die ihn davor bewahrt, wie ein Pfannkuchen auf dem Gewerbeteppich geplättet zu werden.

Es sind nur zwei Männer unter uns – der heiße Vertretungslehrer, der letzte Woche zum ersten Mal aufgetaucht ist, und Cliff Jones, der hauseigene Computerlehrer der Wesson Academy und dazu ein herausragender Technikfreak. Derzeit versteckt er sich wie ein nasser Sack hinter seiner Zeitung und sieht erstaunlich munter aus für einen Sechsundfünfzigjährigen, der immer noch bei seiner Mutter lebt.

»Wie geht es mit dem Stück der Erstklässler voran?« Deborah zeigt mit dem Finger auf mich.

»Wir suchen immer noch Freiwillige, die uns beim Bühnenbild helfen, weil die Eltern, die ich angemailt habe, einen Rückzieher gemacht haben, aber ich mache mir keine Sorgen. Ich bin so was von dran.«

Pfff. Natürlich bin ich dran. Ich habe das verdammte Stück immerhin geschrieben.

Ich salutiere, was mir nicht nur absolut passend erscheint, sondern auch das eine oder andere halbherzige Kichern provoziert. Der Vertretungstyp lässt sich sogar zu einem Grinsen hinreißen.

Valerie und Quinn, die kopfschüttelnd an ihrem Tisch neben dem Kaffeeautomaten sitzen, beschränken sich auf ein Lächeln. Selbst wenn ich die Probe am Donnerstag vergessen hätte, weiß ich, dass die beiden daran denken würden. Sie haben mir seit der Highschool immer wieder den Hals gerettet.

Als Deborah uns entlässt und der Rest des versauerten Altweiberclubs hinausgeht und zum Andenken eine gemischte Parfümwolke zurücklässt, stapfe ich wie der große, braune Oger-Muppet zu meinen Freundinnen und verteile Luftküsse wie ein Gör in einer Studentenverbindung. Sarah ist vor mir an der Kaffeemaschine und zapft bereits die zweite Tasse, also sehe ich mich frustriert unter den verfügbaren Kapseln um und überlege, welche Röstung am stärksten ist und mir vielleicht helfen kann, einem menschlichen Wesen zumindest ähnlich zu werden.

»Also, wie ist es gelaufen?« Quinns Stimme klingt leiernd, und ihr schwarzes Haar fällt ihr in einem langen Zopf über den Rücken, als wäre sie die verfickte Katniss Everdeen persönlich.

Ich klopfe auf den Kaffeeautomaten, als könne ich Sarah damit bewegen, sich ein bisschen zu beeilen.

»Sieht aus, als wäre es ziemlich spät geworden. Ich wusste, du würdest Ty mögen!« Valerie ist ganz aus dem Häuschen vor Begeisterung. Ärgerlicherweise fängt sie zu klatschen an, als wäre ich ein Kind und hätte gerade meinen ersten Schritt getan.

Sarah ist fertig, also schiebe ich sie zur Seite. Den Namen Der Zunge zu hören, erinnert mich daran, was die beiden mir aufgehalst haben, und ich falle über sie her.

»Wir sind keine Freundinnen mehr«, fahre ich sie an, begleitet von den Geräuschen der Kaffeemaschine, die damit beschäftigt ist, ein köstliches Getränk für mich zu brauen.

Valerie blinzelt hektisch, ihre Rehaugen werden glasig, und ich stütze mich auf die Theke und stelle raumgreifend ein Bein aus.

»Aber ich … Ich meine, er ist Mikes Golffreund. Neununddreißig, Single. Perfekt. Ich verstehe nicht, was du …«

Ich schwöre, sie sieht aus, als würde ihr gleich ein Blutgefäß unter den seitlichen Ponyfransen platzen.

Ich kneife mir in die Nasenwurzel und schließe die Augen. »Schätzchen, nur weil jemand in einem bestimmten Alter und Single ist … ist er noch lange kein perfekter Partner.«

Eine spöttische Bemerkung, und schon hört sie auf, wie auf rohen Eiern zu gehen, und fängt an, scharf zu schießen. »Was passt dir nicht an ihm?«, fragt sie und verschränkt die Arme vor der Brust.

»Wo soll ich anfangen?« Ich zähle die Dinge an den Fingern ab. »Er kommt rein und sieht mich.« Ich reichere meinen Bericht mit etwas Bosheit an. »›Ich bin übrigens Ty.‹ Übrigens? So beginnt man ein Rendezvous? Und er hat High-Tops getragen! Wie ein Zehnjähriger!«

»Und?« Quinn schürzt die perfekte Kylie-Jenner-Oberlippe, aber ihr Zickenblick stammt klar von Kim K.

»Er hat eine Katze. Eine Katze, Valerie.« Ich schaudere.

Sarah, die inzwischen bei den Minimuffins angelangt ist, bricht in Gelächter aus. »Ein Typ mit einer Muschi, muss ich noch mehr sagen?« Sie wirft mir einen Muffin rüber, und wir klatschen uns ab, und meine sehr geschätzten, sehr vierunddreißigjährigen Highschoolfreundinnen starren sie nur finster an.

»Igitt, ich hasse dieses Wort.« Quinn verzieht das Gesicht, aber ihre halbdominikanischen Züge sind so weich, dass sie nur beinahe beleidigt wirkt.

»Ich auch«, stimmt ihr Sarah zu. »Aber was hätte ich deiner Meinung nach sonst sagen sollen?«

»Nichts. Meiner Meinung nach hättest du gar nichts sagen sollen. Meiner Meinung nach musst du – oder irgendjemand – überhaupt nichts dazu sagen.« Valerie bringt es nicht einmal über sich, die Augen zu öffnen, während sie die Frage beantwortet.

Ich sehe nur noch ein haariges Kopfschütteln von ihr. Eine wandelnde Fructis-von-Garnier-Werbung.

»Und er küsst furchtbar. Einfach widerlich.« Ich ziehe eine Grimasse über meinem Kaffee.

»Du hast ihn geküsst!«

Ebenso gut hätte ich Valerie erzählen können, ich hätte seine ekelhafte Katze in Brand gesteckt.

»Okay, also jetzt hörst du dich an wie eine Siebtklässlerin.« Ich kichere. »Lass es mich neu formulieren. Als er mein Gesicht angegriffen hat, hätte ich mich am liebsten übergeben. Er hat meine Lippen abgeleckt. Wer tut so was?«

»Ein Psychopath.« Sarah ergeht sich in einem souligen Mhm-mhm, das nicht so ganz überzeugend wirkt angesichts der Tatsache, dass sie weißer ist als der Kaffeeweißer, den sie mir reicht.

»Ja, danke!« Um den Punkt zu unterstreichen, schwinge ich das rote Rührstäbchen wie ein Dirigent seinen Stock.

»Aber er ist genau das, was du, wie du mir erzählt hast, suchst.« Valeries lange Finger liegen ausgestreckt auf dem Tisch, als wären sogar sie im Hinblick auf mich und mein Anspruchsdenken mit ihrem Latein am Ende. »Er war nie verheiratet …«

»Neununddreißig und nie verheiratet? Dafür gibt es einen Grund, Val. Dafür gibt es immer einen Grund. Ich habe kein Problem mit Scheidung. Hallo! Weißt du noch, damals, als ich verheiratet war? Zumindest solange ich mir seine Papiere ansehen kann, wenn mir danach ist.«

»Was bist du, die Gestapo?« Lachend sieht sie Quinn an, aber Q ist klug genug, sich nicht an dem Spaß zu beteiligen.

Sicherheitshalber drohe ich mit einer Augenbraue. Val belässt es dabei.

»Und was hast du getan?«, bringt Quinn uns wieder in die Spur und starrt mich mit funkelnden kupferbraunen Augen an. »Dich volllaufen lassen und ihn gevögelt?«

»Äh, Teufel, nein!« Ich schnaube empört. Schlage eine Hand vor die Brust. »Worum, denkst du, geht es hier? Um irgendwas, das schon einen Monat her ist? Himmel!« Ich zeige mit dem abgespreizten Daumen auf sie, vermittle ein stummes Ist das zu fassen und sehe die anderen beiden an. »Ich habe getan, was jede anständige Frau tun würde. Ich habe Sarah eine Nachricht geschickt, und sie hat mich wegen eines Mädchennotfalls angerufen.«

»Was zum Henker ist ein ›Mädchennotfall‹?«, giftet Quinn.

Ich winke nur ab. »Irgendwas, damit er sich toll vorkommt. Hört mal, ich war wirklich sehr höflich. Ich habe ihm vierzig Mäuse dagelassen …«

»… und dann hat sie sich mit mir zum Tanzen getroffen und den Rest des Abends damit zugebracht, sich von einem irre scharfen Briten an die Wand pressen zu lassen.«

»Die Liebe meines Lebens«, kommentiere ich mit ausdrucksloser Miene. »Wisst ihr, es tut mir wirklich leid, aber bitte keine weiteren Rettungsversuche. Eure Vorstellung von einem idealen Mann für mich ist nicht meine Vorstellung von einem idealen Mann für mich.«

»Deine Vorstellung von einem idealen Mann für dich heißt Jason Segel.«

Ich zucke zurück. »Soll heißen …?«

Quinn gestikuliert himmelwärts und schüttelt den Kopf. »Ay dios mio.«

»So verrückt ist das nicht. Wir sind beide Autoren …« Ich rede mit den Händen.

»Er ist ein Filmstar und schreibt Kinderbücher. Du hast bisher nicht einmal einen Agenten.«

»Et tu, Q-te?« Ich reibe Salz in die unsichtbare Dolchstoßwunde. Schürze die Lippen. »Ich bin beinahe so weit mit meinem letzten Manuskript. Der Gedanke, wir könnten uns bei einer Konferenz oder so über den Weg laufen, ist nicht so weit hergeholt …«

Alle blinzeln mich an. Sarah ist die Einzige, in deren blauen Augen sich ein Lächeln spiegelt.

Valerie lässt den Kopf in die Hände sinken, und Quinns Eineinhalb-Karat-Klunker funkelt im Licht der Deckenlampe, als sie Val sanft über den Rücken streicht.

»Wir müssen reden«, sagt Val, blickt endlich wieder auf und schüttelt Quinns Hand ab.

»Wollt ihr mich in die Wüste jagen?« Mit großer Geste schütte ich Zucker in meinen Kaffee.

Valerie steht auf und geht auf und ab. Ihre gesträhnten Locken kuscheln sich perfekt an ihre Schultern. »Wie lange kennen wir uns schon?«

Ich verdrehe mal wieder die Augen. Ich bin kein Kind. »Seit der neunten Klasse.«

»Und in all der Zeit hast du dich mit wie vielen Typen getroffen?«

Ich nage an meiner Labellolippe und tue so, als würde ich sie an den Fingern abzählen. »Neunhundert…siebenundvierzig?«

»Ernsthaft«, fordert sie.

»Zu viele. Ich weiß.« Ich zucke mit den Schultern.

Quinn unterbricht meine rituelle Kaffeeperfektionierung und ergreift meine Hände. Führt mich zu dem Tisch, den irgendein Parodontologe unserem Aufenthaltsraum gestiftet hat.

»Ist das ein Verhör?«, frage ich schnaubend, als mein Hintern auf die hölzerne Sitzfläche eines Stuhls prallt.

»Ich weiß, es war nicht leicht für dich nach der Scheidung. Daniel war …« Sie wendet den Blick ab. Ihre Stimme klingt sanft, ganz so, als würde sie versuchen, eine Irre zu beschwichtigen. Oder ein wildes Tier. »Meine war auch hart für mich. Dieser Sommer, gleich danach, den du und ich in Europa verbracht haben, das war genau das, was ich gebraucht habe. Und was du anschließend mit Jesse durchgemacht hast …« Sie schürzt die Lippen und schweigt eine Minute lang. Er hat sich in unserem Freundeskreis zum wahren Voldemort entwickelt; wir gestatten es uns nicht oft, seinen Namen auszusprechen. »Wir wissen das. Wir wissen, dass du dich davon noch nicht erholt hast …«

Ich spüre ein Kribbeln hinter den Augen.

Wenn sie mich dazu bringt, vor der Klasse zu heulen, und meine Schüler merken es (so wie sie alles merken, weil das einfach ihr Job ist), dann werde ich ihr die Perlen von ihrem hübschen, schlanken Hals reißen.

»Aber nun reicht es. Du musst damit aufhören«, fährt sie fort. »Valerie und ich wollen nur das Beste für dich. Wir wollen, dass du glücklich bist. So wie wir.«

Ich ziehe die Hände weg und mustere meinen ständig abblätternden Nagellack. »Dann stör eine Frau nicht bei ihrem Morgenkaffee«, sage ich grinsend und bemühe mich nach Kräften, mit ruhiger Stimme zu sprechen.

Und frage mich, wie glücklich die beiden wirklich sind.

»Wir sind ganz besonders glückliche Menschen.« Ihr Ton klingt nun heiterer. »Schau doch mal. Wir sind über all die Jahre Freundinnen geblieben. Wir haben alle eine Stelle für dieselbe Altersstufe an derselben Schule bekommen. Wir sind ein Team. Und darum …«

»Oh nein, nein, nein.« Ich stehe auf und hebe beide Hände.

»Oh ja, ja, ja«, schlägt sie zurück. »Park deinen Arsch auf dem Stuhl.«

»Ich will dich bei der Trauung sehen«, sagt Quinn. »Und dieses Mal lasse ich ein Nein nicht gelten.«

Da haben wir es.

Ich wende den Blick ab und konzentriere mich auf den an der Wand festgeschraubten Bleistiftanspitzer. Genauso fühle ich mich gerade auch.

»Als ich das letzte Mal zu einer Hochzeit gegangen bin, hatte ich einen Panikanfall, und dabei war ich noch nicht einmal ganz da. Ich liebe dich, Q, das weißt du, aber …«

»Dann schluckst du das runter und tust das für mich.«

In ihrem Blick liegt eine Hoffnung, die mir in der Brust wehtut, und das Kribbeln hinter meinen Augen geht auch wieder los.

»Und das ist noch nicht alles.« Valerie wackelt mit dem Zeigefinger vor mir, als wolle sie einen der Nasenbohrer in ihrer Klasse zurechtweisen.

Ich ächze. »Da warten Erstklässler auf uns …«

»Du wirst jemanden zur Hochzeit mitbringen. Jemanden, der real ist. Nicht Jason Segel. Nicht irgendeinen Zwanzigjährigen aus Barbies persönlichem Freundeskreis …« Träge deutete sie auf Sarah.

»He!« Lachend zeigt Sarah ihnen auf dem Weg zur Tür beide Stinkefinger. »Jetzt bist du auf dich gestellt, du Fabelwesen«, sagt sie zu mir, als sie hinausgeht. Und wirft mir einen Luftkuss zu.

»Du hast noch fünf Wochen, um ihn zu finden, und wir werden dir helfen.«

»So, wie ihr mir mit diesem Lackaffen von gestern Abend geholfen habt?«

»Nein. Keine Verkuppelungsversuche mehr«, sagt Quinn.

Ich spitze die Ohren. »Ich höre.«

»Du wirst auf die Art des einundzwanzigsten Jahrhunderts die Liebe finden.«

Mir zieht sich alles zusammen, und ich blicke nach oben, als würde ich nachdenken. Beiße mir auf die Unterlippe. »Im Supermarkt?«

»Online.«

»Mit der Spark-App, um genau zu sein.« Valerie platzt fast vor Stolz, beinahe, als wäre Spark ihr Baby oder so was in der Art.

»Oh. Krass.« Ich lehne mich auf dem Stuhl zurück, was der mit einem Quietschen beantwortet. »Das habe ich schon probiert. Da waren nur schwule Kerle.«

»Das war Glitter, du Dummchen.«

»Du musst uns bei deinem Profil helfen lassen …«

»Und du musst uns bei der Auswahl der Typen helfen lassen, mit denen du redest.«

»Gott im Himmel!« Ich schüttele den Kopf. »Wenn ich Ja sage, darf ich dann in Frieden meinen Kaffee trinken?«

»Ja«, antworten beide wie aus der Pistole geschossen; ganz so, als wären wir wieder in der elften Klasse und ich hätte zugestimmt, mich dieses Mal doch von ihnen umstylen zu lassen.

»Also gut, ich mache es«, sage ich. »Und jetzt geht mir verdammt noch mal aus dem Weg. Ich habe junge Geister zu formen.«

KAPITEL 3

Lächelnd betrachte ich meine Schüler. Größtenteils schwatzen sie leise miteinander, nur Ollie Oswald summt aus irgendeinem Grund vor sich hin. Alle kritzeln still vergnügt und fühlen sich wie am Nationalfeiertag, weil ich ihnen an diesem Morgen mehr Zeit zum Malen gelassen habe. Abgefahren.

»Miss Wallace, gucken Sie, was ich für Sie gemacht habe!« Dylan stolziert herbei und überreicht mir sein Meisterwerk.

»Das ist … ein Elefant?« Mit großen Augen glotze ich das Bild von einem Ding an, das ziemlich viel Ähnlichkeit mit einem großen, grauen Phallus hat.

»So wie der, über den wir letzte Woche gelesen haben!«, tschilpt er total begeistert über die Aufmerksamkeit, die ich ihm zuteilwerden lasse. Das arme kleine Ding.

Ich möchte es aufhängen – das möchte ich wirklich –, aber ich möchte auch meinen Job behalten.

»Sieht toll aus, junger Mann. Vielen Dank.« Ich drücke seinen Arm. »Was hältst du davon, noch ein anderes Tier aus der Stunde zu zeichnen. Vielleicht einen Löwen …«

»Oder eine Giraffe?« Er strahlt mich an.

Bei dem Gedanken an das Bild von einem gelben, orange-gepunkteten, penisartigen Ding, das er mir nun zwangsläufig in wenigen Minuten vorlegen wird, kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen, und ich tätschele ihm kurz die Hände.

»Das hört sich wunderbar an, Schatz. Rechnen in fünfzehn Minuten«, informiere ich die Klasse, während er zu seinem Tisch zurückflitzt.

Die Kinder stöhnen, ich kichere. Alles wie immer.

Und dann schnappe ich mir mein Telefon.

Ich: Ich weiß, »Kaffee-Fee« steht nicht in deiner Jobbeschreibung als Deborahs Sekretärin, aber wir sind schon seit Jahren befreundet, und ich war nett zu deinen Jungs, als sie in meiner Klasse waren, und ich sehe heute so aus:

Ich ziehe ein Welpengesicht, mache ein Selfie und schicke es Ida, dem guten Engel der Schule.

Keine drei Sekunden später summt mein Telefon.

Ida: Ich kann dir vielleicht in ein paar Minuten eine Kleinigkeit rüberschicken. Rühr dich nicht vom Fleck.;)

Ich: Gott. Segne. Amerika.

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