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Für eine Nacht voller Leidenschaft

1. KAPITEL

Tony Ryder konnte seinen Jubel nicht unterdrücken.

Es hatte ihn Jahre gekostet, Morris Enterprises zu übernehmen. Am Ende hatte er auch noch ein Quäntchen Glück gebraucht: Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen.

Es war schon spät am Abend, als er in der neunten Etage des zwanzigstöckigen Morris-Gebäudes in Downtown Dallas aus dem Fahrstuhl stieg. Wandlampen tauchten den leeren Flur in gedämpftes Licht, während er an den offenen Bürotüren vorbeiging. Sein Vater hatte im Lauf der Jahre viele Angebote für diese Firma gemacht, aber stets erfolglos. Jetzt würde sein gigantischer Coup seinen herrschsüchtigen Vater zum Rückzug zwingen. Die vielen Arbeitsstunden haben sich gelohnt, dachte Tony zufrieden: Er würde so reich werden wie sein Vater, und das würde ihm endlich dessen Respekt einbringen.

Tony hatte unten in der Lobby mit seiner Besichtigung angefangen, und je mehr er vom Bürogebäude sah, umso glücklicher war er mit seinem Kauf. Auf dem Weg durch den Flur im neunten Stock blieb er stehen, um sich die in Glasrahmen an beigefarben gestrichenen Wänden hängenden Auszeichnungen anzusehen. Ein Stück weiter stand eine Vitrine mit Trophäen für die Erfolge der Grafik-Abteilung. Er entdeckte ein- und denselben Namen, offenbar den der Abteilungsleiterin, auf mehreren Urkunden und Preisen.

Dann ging er weiter, betrat ein dunkles Büro, dessen Tür offen stand, und schaltete das Licht ein. Er befand sich in der Grafik-Abteilung, einem Bereich des Unternehmens, der sich drastisch verändern würde. Tony hatte vor, nur ein paar der Grafiker zu behalten und in seine eigene PR-Abteilung zu integrieren. Den anderen würde er großzügige Abfindungen anbieten.

Er machte das Licht wieder aus und setzte seinen Weg durch den schwach beleuchteten Flur fort bis zur nächsten offenen Tür, hinter der ein Vorzimmer lag. Hinter der Tür, die vom Vorzimmer abging, war Licht zu sehen. Tony ging darauf zu und betrat ein großzügig geschnittenes, elegantes Büro. Eine blonde Frau schaute auf, und er blieb abrupt stehen.

„Verzeihung, ich wollte Sie nicht erschrecken“, sagte er, überrascht, nach zehn Uhr abends noch jemanden bei der Arbeit vorzufinden.

Sein erster Gedanke war, dass dies wohl seine attraktivste Angestellte sein musste. Als sie aufstand, bekam er Gelegenheit, sie ausgiebig zu betrachten. In ihrem ordentlichen dunkelblauen Businesskostüm mit der dazu passenden Seidenbluse sah sie aus, als wäre sie gerade zur Arbeit gekommen, nicht, als hätte sie einen kompletten Tag samt Überstunden hinter sich.

Die blonden Haare hatte sie zu einem Knoten am Hinterkopf zusammengefasst. Tony überkam das seltsame Gefühl, ihr schon einmal begegnet zu sein … Aber dann würde er sich zweifellos daran erinnern, wer sie war. Ein elektrisierendes Kribbeln durchfuhr ihn. Er war wie gefangen von der Ausdruckskraft ihrer großen blauen Augen, die sich verdunkelten und ihn hypnotisierten. Die Stille dehnte sich aus, bis die blonde Frau ein Papier auf ihrem Schreibtisch berührte und damit den Bann brach.

„Sie arbeiten noch sehr spät“, stellte er fest.

„Sie offensichtlich auch“, erwiderte sie.

Er machte einen Schritt auf sie zu, um ihr die Hand zu schütteln. „Entschuldigen Sie, ich bin Tony Ryder.“

„Isabelle Smith“, stellte sie sich vor. „Ich weiß, wer Sie sind.“

Ihre Hand war schmal und warm. Erneut spürte Tony dieses Kribbeln.

„Ich bin hier, weil ich noch etwas zu Ende bringen musste“, erklärte sie. „Schauen Sie sich Ihre Neuerwerbung an?“ Ihr Ton war neutral, ihr Blick jedoch kühl und abschätzend. Offenbar hielt sie nicht viel von ihm.

„Stimmt. Und Sie sind die Leiterin der Grafik-Abteilung von Morris.“

„Entweder haben Sie sich ausführlich über das Unternehmen informiert, das Sie gerade gekauft haben, oder Sie haben das Schild an meiner Tür gelesen.“ Sie ging um den Schreibtisch herum und deutete auf einen Sessel. „Nehmen Sie doch Platz.“ Sie setzte sich ihm gegenüber in den zweiten Ledersessel. Tony nahm einen Hauch ihres exotischen Parfüms wahr. „Ich bin mir nur nicht sicher, ob Sie Leute dafür haben oder ob Sie sich selbst informieren.“

„Ich habe Leute dafür. Aber ich bin auch gern selbst auf dem Laufenden über meine Investitionsobjekte“, erklärte er. Sie schlug die Beine übereinander, und Tony konnte einem raschen Blick nicht widerstehen. Ihre Beine waren lang und wohlgeformt. „Ich interessiere mich für alles, was ich besitze. Was für eine dringende Arbeit müssen Sie so spät noch erledigen? Sie wissen doch, dass diese Abteilung ohnehin aufgelöst wird.“

„Dann sind die Gerüchte also wahr“, meinte sie, und ihr Ton wurde kühler. „Ich beabsichtige, ein paar Projekte zu beenden, für die wir bereits Verträge unterschrieben haben. Daran wird sich durch das neue Management nichts ändern. Ich will alles ordentlich abschließen, bevor Sie das Kommando übernehmen.“

„Sie sagen das, als wäre es das Ende.“

Sie zuckte mit den schmalen Schultern. „Es scheint für nicht wenige der Firmen, die Sie übernehmen, so zu sein. Ich habe meine Hausaufgaben gemacht, und Ihnen eilt ein Ruf voraus.“

„Erzählen Sie mir mehr über diesen Ruf“, forderte er sie amüsiert auf.

„Sie sind ehrgeizig und getrieben. Sie kaufen, was Sie bekommen können, behalten aber nur, was sich überdurchschnittlich gut rentiert. Der Rest …“ Sie zuckte wieder mit den Schultern.

Er versuchte, sich ein Grinsen zu verkneifen. „So habe ich mein Vorgehen nie betrachtet.“

„Ich mache gerade bestimmt keine Punkte bei meinem neuen Arbeitgeber, aber vermutlich spielt es ohnehin keine Rolle, was ich sage. Wahrscheinlich haben Sie längst entschieden, welche Richtung Sie einschlagen werden.“

„Wie würden Sie sich selbst beschreiben? Sie arbeiten bis spät in die Nacht. Sie sind Abteilungsleiterin. Ehrgeizig? Getrieben?“

Ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Touché.“

„Wir sind also beide Workaholics. Aber man bekommt auch etwas dafür. Was die Zukunft der Firma angeht, so werde ich nur ändern, was ich für nötig halte. Als Abteilungsleiterin werden Sie übernommen, falls Sie das beruhigt.“

„Das heißt, ich bleibe in der Firma, nur nicht notwendigerweise auf meiner gewohnten Position? Ich weiß, dass Veränderungen auf uns zukommen. Ich habe den Eindruck, Sie haben bereits Erkundigungen über mich eingeholt.“

„Dann wartet Ihre Familie geduldig zu Hause?“, fragte er, obwohl er das Fehlen eines Eherings längst bemerkt hatte. Ihre manikürten Nägel waren lang. Alles an ihr wirkte makellos und professionell. Ihm gegenüber blieb sie reserviert und machte keinen Hehl daraus, dass sie von seiner Firmenübernahme nichts hielt.

„Ich bin Single. Über Sie wird häufig genug in den Medien berichtet, deshalb weiß ich, dass das auch auf Sie zutrifft.“

„Das Single-Dasein begünstigt es, dass man ein Workaholic wird. Es gibt zu wenig Ablenkung.“

„Sie betrachten eine Familie also als Ablenkung.“ Ihr Ton hatte sich nicht geändert, und doch nahm ihre Missbilligung deutlich zu.

„In dieser Phase meines Lebens kann ich keine Familie gebrauchen, denn ich bin beruflich zu sehr eingespannt. Für Sie scheint das Gleiche zu gelten.“

Sie reagierte mit einem frostigen Lächeln.

Das Gespräch war zu einem lockeren Schlagabtausch geworden, doch das änderte nichts an der Anziehung zwischen ihnen, die Isabella Smith ebenfalls zu fühlen schien. Tony liebte Herausforderungen, und sie stellte definitiv eine dar.

„Arbeiten Sie oft so spät?“, erkundigte er sich. Er genoss es, sich mit ihr zu unterhalten. Sie war eine schöne Frau, obwohl sie ihr Kostüm wie eine Rüstung trug, die ihre Figur verbergen sollte. Nur selten blieb eine attraktive, alleinstehende Frau ihm gegenüber so kühl, schon gar nicht, wenn sie zudem seine Angestellte war. Er verspürte den Wunsch, diese verwirrende unsichtbare Mauer, die sie um sich herum errichtet hatte, zu überwinden. Hielt sie alle Männer auf Abstand? Oder nur ihn, weil er die Firma, in der sie arbeitete, gekauft hatte?

„Gelegentlich“, antwortete sie und neigte den Kopf. „Arbeiten Sie für gewöhnlich noch so spät?“

„Wenn es nötig ist. Ich kannte das Gebäude noch nicht, und dies ist eine gute Zeit, um sich alles in Ruhe anzusehen. Es überraschte mich, Sie hier bei der Arbeit vorzufinden.“

„Sie haben diese Firma unbesehen erworben?“

„Das Gebäude, die Büros und der Grundriss waren bei der Entscheidung nicht wichtig, sondern die Belegschaft, die einzelnen Abteilungen und das Marktsegment, in dem Morris Enterprises aktiv ist.“

„Trotzdem nehmen Sie Änderungen in der Belegschaft und den Abteilungen vor.“ Sie klang nach wie vor betont kühl, ließ sich ansonsten jedoch keine Gefühlsregung anmerken.

„Manches wird sich ändern. Ich habe gerade drei sehr erfolgreiche Hotelketten erworben, außerdem eine Restaurantkette und ein Speditionsunternehmen. Dadurch vergrößert sich mein Unternehmen. Wir schlucken zwar Morris Enterprises, aber ich glaube, wir können die Firma gleichzeitig vergrößern. Sie haben diese Abteilung entscheidend mit aufgebaut. Seit Sie an Bord gekommen sind, ist Morris gewachsen. Sie können einen beeindruckenden Werdegang vorweisen.“ Er erinnerte sich, dass man ihn über den Leistungsstand der Führungskräfte informiert hatte. Damals fand er, Isabelle Smith habe Potenzial, aber er würde sie in der Firmenhierarchie herunterstufen, weil sie nun einem viel größeren Unternehmen angehörte. Trotz seines Kompliments bekam er kein Lächeln von ihr.

„Danke. Niemand scheint zu wissen, wann Sie tatsächlich das Ruder übernehmen und mit den Umstrukturierungen beginnen.“

„Schon bald. Dann werde ich zuerst mit den Managern sprechen“, sagte Tony und konnte nicht widerstehen, einen weiteren Blick auf ihre Beine zu werfen.

„Unsere Begegnung müsste es Ihnen eigentlich ermöglicht haben, sich eine Meinung über mich zu bilden.“

Sie war wirklich direkt und nicht im Mindesten eingeschüchtert von der Tatsache, dass sie mit dem neuen Besitzer der Firma sprach. Sie blieb kühl und sachlich, doch sie war sich dem besonderen Knistern zwischen ihnen weiterhin bewusst, so wie er selbst, da war er sich immer noch sicher.

Belustigt schüttelte er den Kopf. „Nein, wir werden unser offizielles Gespräch noch führen. Dies ist nur eine kleine nächtliche Plauderei, nichts weiter.“

„Warum habe ich dann den Eindruck, dass Sie Ihre Entscheidungen längst getroffen haben?“ Sie sah ihn mit ihren großen blauen Augen durchdringend an.

„Ich kann unvoreingenommen sein, Sie auch? Morris hat das Unternehmen an mich verkauft, freiwillig.“ Mit einem erneuten Blick auf ihre Beine fragte er sich, wie sie wohl war, wenn sie einmal ihre permanente Verteidigungsbereitschaft aufgab.

„Sie haben ihm ein Angebot gemacht, das er nicht ablehnen konnte, und Sie wussten, dass er sich schon seit drei Jahren zur Ruhe setzen wollte.“

„Können Sie mir das verdenken? Es handelt sich um ein erstklassiges Unternehmen.“

Sie wandte den Kopf ab, sodass er ihr Profil betrachten konnte: die langen, dicken Wimpern, die makellose Pfirsichhaut, die gerade Nase. Ein Gesicht, das man nicht vergaß. Erneut hatte er das Gefühl, ihr schon einmal begegnet zu sein. Aber wie könnte ihm das entfallen sein?

„Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, es ist spät. Ich mache Schluss für heute.“ Sie stand auf.

„Kann ich Sie mitnehmen?“

„Nein, danke. Ich bin mit dem Wagen da.“

„Dann bringe ich Sie noch hinaus“, sagte er. Er war es nicht gewohnt, von einer Frau eine Abfuhr erteilt zu bekommen, wenn die Anziehung zwischen ihnen so offensichtlich war.

Kühl lächelnd erwiderte sie: „Sie müssen mich nicht zu meinem Wagen begleiten. Das hier war schließlich kein Date.“

„Ich weiß, dass ich das nicht muss, Miss Smith.“

„Isabelle.“

„Und ich bin für meine Mitarbeiter Tony“, erklärte er. „Ich komme mit, dann kann ich mir gleich ansehen, wo ich Montag parken muss.“

„Sie werden den Chef-Parkplatz mit dem Reserviert-Schild schon finden.“

Er schaute zu, wie sie ihren Laptop zuklappte und in einer Tasche verstaute, die sie sich über die Schulter hängte. Sie nahm einen Schlüssel aus der Tasche, schaltete das Licht aus und ging zur Tür. Als er ihr den Weg verstellte, sah sie ihn erschrocken an.

„Ich wünschte, wir hätten uns unter anderen Umständen kennengelernt. Sie sind eindeutig wütend auf mich“, sagte er.

„Das ist unerheblich. Sie müssen sich um vieles kümmern in Ihrem weitverzweigten Unternehmen, deshalb werden wir uns nur selten sehen. Ich sah es äußerst ungern, dass Morris verkauft wurde. Das können Sie mir kaum verdenken.“

„Ich glaube, es hat nicht nur mit dem Verkauf zu tun.“ Er stand so nah vor ihr, dass er den Duft ihres Parfums wahrnahm. Ihre Augen waren unglaublich, von einem kristallklaren, tiefen – und immer noch sehr kühlen – Blau. Der Anblick ihrer sinnlichen Lippen erregte ihn.

Noch während er den Blick darauf gerichtet hielt, teilten sich diese Lippen. Er sah ihr erneut in die Augen. Für einen Moment schien sie ihre Wachsamkeit aufzugeben, sie wirkte offen und empfänglich. Dann war der Moment vorüber, und mit einem leichten Kopfschütteln ging sie an ihm vorbei.

„Es ist sehr spät, Tony …“

Gegen jede Regel im Umgang mit Mitarbeitern berührte er ihren Arm. „Es gibt in meinem Unternehmen keine Vorschrift, die es den Angestellten verbietet, sich nach Feierabend zu treffen, Dates zu haben, sich zu verloben oder zu heiraten.“

Und wieder spürte er dieses elektrisierende Kribbeln bis hinunter in die Zehen, als sie seinem Blick mit funkelnden Augen standhielt. Doch so schnell, wie das Feuer aufgelodert war, erlosch es auch wieder, und was immer sie vielleicht hatte sagen wollen, schien vergessen.

„Das betrifft mich nicht.“

„Haben Sie denn keinen Respekt vor Ihrem Arbeitgeber?“ Er kämpfte gegen den Wunsch an, sie auf einen Drink einzuladen.

„Tony, es ist wirklich spät“, flüsterte sie und machte sich los. Ihm war die zarte Röte auf ihren Wangen nicht entgangen. Warum lehnte sie ihn so vehement ab? Er hatte ihr ihren Job doch noch gar nicht weggenommen.

Während er noch über ihre Feindseligkeit nachdachte, begleitete er sie zu den Fahrstühlen. Er drückte den Knopf, bevor sie es tun konnte, und dann fuhren sie schweigend nach unten.

Die Barriere zwischen ihnen war wieder da, die Atmosphäre eisig.

„Ich habe Ihre Werbekampagne für die Royal-Garden-Kette gesehen. Sie war sehr durchdacht und erfolgreich. Die Buchungen schnellten nach der Fernsehwerbung in die Höhe“, sagte Tony schließlich, um das Schweigen zu brechen.

„Vielen Dank, auch im Namen meiner Mitarbeiter“, sagte sie. „Das Team hat einen ausgezeichneten Job gemacht.“

„Nehmen Sie ein Lob jemals allein für sich in Anspruch?“ Er betrachtete ihr zu einem Knoten zusammengefasstes seidiges Haar und fragte sich, wie sie wohl aussah, wenn sie es offen trug.

„Nur wenn ich allein an einer Sache gearbeitet habe.“

„Und werden Sie in mir je etwas anderes als Ihren Arbeitgeber sehen?“

„Selbstverständlich. Wenn ich Morris verlasse oder Sie“, antwortete sie freundlich.

Als sich die Fahrstuhltüren öffneten, ließ er Isabelle den Vortritt. Auf dem Weg nach draußen verabschiedeten sie sich vom Wachmann, dann begleitete Tony Isabelle über den Parkplatz zu ihrem Wagen.

„Ich hoffe, Sie geben meinem Unternehmen eine Chance“, sagte er. „Ich werde den Eindruck nicht los, dass Sie sich bereits eine Meinung gebildet haben und mit einem Fuß draußen sind.“

„Noch nicht“, widersprach sie und drückte auf ihren Schlüssel, um den Wagen zu entriegeln. Tony hielt ihr die Tür auf, während sie sich hinter das Steuer setzte.

„Dann sehe ich Sie auf dem Empfang, den wir nächsten Donnerstagabend für die Abteilungsleiter geben. Sie kommen doch, oder?“

„Natürlich. Ich glaube, es ist Pflicht. Es sei denn, man liegt im Krankenhaus.“

„Wir müssen einander alle besser kennenlernen.“

Sie wirkte skeptisch, als zweifle sie an jedem einzelnen seiner Worte.

„Gute Nacht, Isabelle“, sagte er und wünschte, die Zeit mit ihr noch ein wenig in die Länge ziehen zu können.

„Gute Nacht“, erwiderte sie.

Als sie den Motor startete, ging er zu seinem Wagen. Sie fuhr an ihm vorbei, ohne sich noch einmal umzudrehen.

„Isabelle Smith“, murmelte er vor sich hin, während er über ihren Namen und die vergangene Stunde nachdachte. Das Einzige, was er nun mit Sicherheit über sie wusste, war, dass sie ihn nicht mochte und ihr die Übernahme von Morris nicht passte.

Dann erinnerte er sich an eine andere Frau namens Smith, die er gekannt hatte. Sie war im ersten oder zweiten Studienjahr am College gewesen, und er hatte sie bei einer Party kennengelernt, als er sich wegen eines Seminars auf dem Campus aufhielt. Ihr Name war nicht Isabelle, und sie war eine unbeschwerte, junge, sexy Frau gewesen, die sich gern amüsierte. Zwischen ihr und ihm hatte es spontan und heftig gefunkt, was zu einer leidenschaftlichen Nacht führte – obwohl sie, wie sich herausstellte, noch Jungfrau gewesen war.

Bei der Frau damals hatte es sich um eine Blondine mit blauen Augen und einer gewissen Ähnlichkeit mit Isabelle Smith gehandelt. Allerdings einer sehr entfernten Ähnlichkeit, außerdem war Jessie Smith wild und lebensfroh gewesen. Tony hatte sie nie vergessen, und er bezweifelte, dass er sie jemals vergessen könnte. Er wusste nicht mehr, was sie studiert hatte, auch nicht, wo sie herkam.

Obwohl er den Wunsch dazu verspürt hatte, hatte er danach keinen Kontakt zu ihr aufgenommen. Zu jener Zeit hatte er eine solche Ablenkung nicht gebrauchen können. Seine ganze Konzentration galt damals seiner Arbeit, dem Aufbau eines Vermögens. Daher war Jessie aus seinem Leben verschwunden, aber nie aus seiner Erinnerung. Ihre gemeinsame Nacht war ihm unvergesslich geblieben. Es hatte wohl an der Ähnlichkeit der Haarfarbe und des Namens gelegen, dass Isabelle Smith ihm vage bekannt vorkam. Allerdings war sie ganz eindeutig keine Jessie Smith.

Sein Handy summte und kündigte eine Textnachricht von seiner Schwester an.

Er las sie, noch während er in seinen Sportwagen einstieg, und fuhr daraufhin sofort nach Hause. Als er in seine Wohngegend kam, eine der ältesten in Dallas, mit weitläufigen Vorgärten und mehrstöckigen Villen, ging er vom Gas und rollte langsam durch die Alleen aus alten, hohen Bäumen. Ein hoher schmiedeeiserner Zaun umgab sein Grundstück. Mit einem Code öffnete er die eisernen Eingangstore.

Als er die breite Auffahrt entlangfuhr, sah er vor seinem Haus einen vertrauten Sportwagen stehen.

Eine Frau mit schwarzer Lockenmähne und braunen Augen mit langen Wimpern stieg aus dem geparkten Wagen und überquerte bereits die hell beleuchtete Veranda, während er noch seinen Wagen in die Garage fuhr.

Wenige Augenblicke später schloss Tony die Haustür hinter seiner jüngeren Schwester. „Sydney, was führt dich um diese Zeit hierher?“, begrüßte er sie strahlend. Er liebte seine kleine Schwester.

„Es ist wegen Dad. Ich habe mich heute Abend mit ihm getroffen. Ich muss mit dir reden, Tony.“

„Klar. Gehen wir ins Wohnzimmer. Möchtest du etwas trinken?“

„Preiselbeersaft, wenn du hast.“

Mehrere kleine Lampen flammten automatisch auf, als sie einen großen Raum betraten, der mit bequemen Ledersesseln, einer Bar und einem enormen Kamin ausgestattet war. Tony ging an die Bar, um für sich ein kaltes Bier zu holen und einen Saft für seine Schwester.

Nachdem er ein prasselndes Feuer in Gang gebracht hatte, nahm er sein Bier und setzte sich seiner Schwester gegenüber in einen Sessel. „Na schön, dann lass mal hören“, forderte er sie auf. „Was hat Dad jetzt wieder getan?“

„Er drängt mich, mit Dylan Schluss zu machen“, erklärte sie.

„Na und? Es ist dein Leben. Du kannst tun, was du willst.“

„So einfach ist das leider nicht.“ Sie wandte kurz den Blick ab, als hinge sie ihren Gedanken nach. Dann sah sie ihn wieder an. „Dad hat mir damit gedroht, mich zu enterben, wenn ich Dylan heirate.“

„Wow, das ist hart. Dad muss mit dem Vater von meinem Freund Jake gesprochen haben, der hat es bei Jake nämlich genauso gemacht. Unsere Väter sind alte Freunde, und beide sind Kontrollfreaks. Daher hat Dad die Idee mit der Enterbung. Bei Jake hat es funktioniert, denn sein Dad wollte, dass er heiratet, und er hat es getan.“

„Das ist noch nicht alles. Dad wird mich nicht länger unterstützen, sodass ich mein Medizinstudium allein finanzieren muss. Wenn ich Pech habe, muss ich mich zwischen Dylan und dem Studium entscheiden. Aber dann nehme ich lieber Dylan. Im schlimmsten Fall wird Dad mich aus der Familie verstoßen.“

„Mom wird so etwas nicht zulassen“, wandte Tony ein.

„Hat sie schon. Sie saß mit dabei, als er mit mir redete.“

„Dann sieht es ernst aus“, stellte Tony schockiert fest. „Mom hat sich noch nie auf seine Seite gestellt, das hätte ich nicht erwartet.“

„Sie mag Dylan nicht. Mom hält ihn für einen Nichtsnutz, der unsere Familie in Verlegenheit bringen wird. Noch schlimmer findet sie, dass er ein Künstler ist und sein Studium durch Stipendien bestreiten musste. Es spielt keine Rolle für sie, dass er hervorragende Abschlüsse vorweisen kann.“

„Grafiker ist doch ein respektabler Beruf“, sagte Tony und dachte automatisch an Isabelle, obwohl es etliche Jahre her war, dass er sich Sorgen darüber gemacht hatte, ob seine Familie eine Frau in seinem Leben akzeptieren würde. „Wahrscheinlich ist das einer der Gründe, warum ich wie verrückt arbeite“, überlegte er. „Allmählich lässt Dad mich nämlich in Ruhe, besonders seit ich Morris Enterprises gekauft habe. Ich fange an, mehr Geld zu verdienen als er. Das nötigt ihm Respekt ab.“

„Ich fürchte, das wird mir nie passieren“, sagte Sydney. „Ich dachte, mit dem Medizinstudium würde ich seinen Respekt gewinnen, aber langsam glaube ich nicht mehr daran. Wenn du dich auf meine Seite schlägst, wird es nur wieder Spannungen zwischen dir und Mom und Dad geben. Und Dylan … Er stammt nicht aus unseren Kreisen, sondern aus einer Arbeiterfamilie. Dad wird ihn nie akzeptieren. Schlimmer noch, mit seinen Kontakten könnte er sogar verhindern, dass Dylan beruflich Erfolg hat. Von den Familientreffen will ich gar nicht reden.“

„Ich glaube nicht, dass er dir so etwas antun würde. Ich verstoße dich jedenfalls nicht, also kannst du Weihnachten ruhig vorbeikommen.“

„Falls du überhaupt im Land bist, Tony. Aber danke für das Angebot.“

„Mach dir wegen deines Studiums keine Sorgen. Vorerst kann ich dich unterstützen. Ich habe das Geld und tue es gern. Sag mir einfach, wie viel du brauchst.“ Seine Schwester war sieben Jahre jünger als er, und er hatte schon immer auf sie aufgepasst. Sydney und er standen sich seit jeher nah.

„Das will ich nicht. Ich bin nicht zu dir gekommen, damit du mir mein Studium finanzierst.“

„Ich kann es mir leisten, und ich will es. Ende der Diskussion.“

„Ach Tony“, sagte sie, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie sprang auf, um ihn zu umarmen. „Du bist der beste Bruder auf der ganzen Welt.“

Er stellte sein Bier ab. „Warte, ich hole einen Scheck.“

„Das ist nicht nötig. Noch hat Dad ja nichts unternommen.“

„Warte lieber nicht, bis er es tut. Eröffne ein neues Konto, von dem er nichts weiß. Diese Stadt ist groß genug, du kannst dich ihm entziehen. Sobald er deine Unterstützung einstellt, sag mir Bescheid. Zur Überbrückung gebe ich dir vorsichtshalber einen Scheck mit.“

Seine Schwester wischte sich die Augen. „Du bist wirklich der beste Bruder.“

Er ging, um den Scheck auszufüllen, und kehrte damit zu Sydney zurück. Sie saß wieder in ihrem Sessel, die langen Beine unter sich gezogen. Als Tony ihr den Scheck gab, sah sie mit großen Augen zu ihm auf. „Das ist viel zu viel. Eine solche Summe brauche ich momentan nicht.“

„Nimm das Geld, und mach, was ich dir geraten habe. Auf diese Weise hast du es zur Verfügung, falls du es brauchst.“

„So viel kann ich nicht annehmen.“

„Syd“, sagte er streng. Seine Schwester strahlte und faltete den Scheck zusammen.

„Danke, bester Bruder auf der ganzen Welt.“

„Gern geschehen“, erwiderte er trocken. „Ich werde mit Dad reden, obwohl wir beide wissen, dass es nichts nützen wird. Er ist stur und kontrollsüchtig, und Dylan wird sich bei ihm nur auf die gleiche Weise wie ich Respekt verschaffen können: indem er genauso viel Geld macht wie Dad. Mir halfen gute Verbindungen, eine erstklassige Ausbildung und das Geld der Familie. Dylan hat nichts von alldem.“

„Ich weiß. So viel Geld wird er nie verdienen, aber das ist mir egal.“

„Hast du Dylan davon erzählt, was Dad vorhat?“

„Noch nicht, aber das werde ich. Meine Familie wird mir fehlen, aber wenigstens verstößt du mich nicht. Zwischen mir und Mom und Dad wird es übel.“

„Es tut mir leid, Syd. Dad hat sich wirklich auf dich eingeschossen. Jetzt bin zur Abwechslung mal nicht ich an der Reihe.“

„Du hast ihn ziemlich beeindruckt mit deiner jüngsten Firmenübernahme. Er wollte Morris Enterprises seit Jahren.“ Sie schwieg einen Moment.

„Jedenfalls hat er sich seitdem nicht mehr in mein Leben eingemischt“,

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