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Für eine Nacht und für immer?

1. KAPITEL

Nic Russo war stets für alle Eventualitäten gerüstet. Die Aschewolke, die infolge eines Vulkanausbruchs in Chile über den Süden Australiens hinwegzog, hatte den Flugverkehr zum Erliegen gebracht. Es war nicht damit zu rechnen, dass die ausgehenden Flüge vom Melbourner Flughafen Tullamarine in den nächsten Stunden Starterlaubnis bekämen.

Doch Nic hatte nicht vor, sich wie die anderen Fluggäste verrückt machen zu lassen. Während er am Check-in-Schalter für die Business Class Schlange stand, wählte er die Nummer des Flughafenhotels und lächelte, als er am anderen Ende Kerrys Stimme hörte.

„Hey, Kerry. Ich bin’s, Nic.“

„Hi Nic.“

„Wie sieht es bei euch aus?“

„Hektisch.“

„Das kann ich mir vorstellen. Ich denke, dass ich meine Reservierung in Anspruch nehmen muss.“

„Da bist du nicht der Einzige. Wir haben eine kilometerlange Warteliste.“

„Aber im Gegensatz zu mir kennen die anderen die Dame am Empfang nicht.“

„Na gut.“ Er hörte sie tippen. „Also … für eine Person?“

„Kommt drauf an …“, sagte er und fügte hinzu: „Um wie viel Uhr hast du denn Feierabend?“

„Nic, du bist unverbesserlich.“

„Das sagst du immer.“ Er wusste, dass Kerry und ihr Freund Steve heute Abend noch gemeinsam über seinen Scherz lachen würden. „Falls das Flugverbot noch andauert, wenn du fertig bist, komm doch auf einen Drink als Dankeschön vorbei.“

Während er noch sprach, wurde er auf eine schlanke Brünette aufmerksam, die vor ihm in der Schlange stand. Heute früh hatte sie im selben Flieger von Adelaide nach Melbourne gesessen wie er. Ihr Parfum war ihm aufgefallen – es hatte etwas Französisches, Teures gehabt, war aber gleichzeitig dezent, leicht und frisch gewesen. Auch jetzt roch er es.

War es nur ihr Parfum, was sein Interesse weckte? Adrett und konservativ war eigentlich nicht sein Fall, aber sie … sie hatte etwas. Etwas Ewiges.

Die Vorstellung reizte ihn einen Moment lang. Aber eben nur einen Moment lang, denn Nic hatte mit derlei nostalgischem Unsinn nichts am Hut, wenn es um Frauen ging. Er ließ sich grundsätzlich weder auf Gefühle noch auf etwas Festeres ein.

Komischerweise ließ sie ihn an beides denken. Er stellte sich vor, wie er hinter ihr am Ufer eines Sees stand und zusah, wie die Sterne aufgingen. Wie er sachte ihre Perlenkette und eine Strähne ihres glänzendes Haares, die sich aus dem Knoten gelöst hatte, beiseiteschob, um ihren schlanken Hals zu küssen …

„Ich hoffe, dass ich dich noch erwische“, hörte er Kerry sagen. „Aber bei den momentan herrschenden Zuständen kann ich noch nicht sagen, wann ich hier rauskomme.“

„Keine Sorge. Du hast viel zu tun – ich will dich nicht länger aufhalten. Vielleicht bis später. Ciao.“

Den Blick noch immer auf den Nacken der Frau gerichtet, beendete er das Telefonat. Er schüttelte die sonderbaren Gefühle ab, die sie in ihm ausgelöst hatte, und betrachtete sie von einem rein objektiven Gesichtspunkt aus.

Wer trug heutzutage noch Perlen, wenn er nicht zur Teegesellschaft einer königlichen Familie eingeladen war?

Er ließ seinen Blick von ihren Schultern, die von einem unauffälligen Jackett bedeckt wurden, zu ihrem knielangen, zum Jackett passenden Rock hinunterwandern, unter dem sich ein wohlgeformter, verlockender Po wölbte. Nick spürte seine Hände warm werden – und nicht nur die. Wenn er diese Frau anschließend mit zu sich nehmen könnte, wollte er gern einer Teegesellschaft beiwohnen.

Teegesellschaft? Perlen? Um Himmels willen, wenn ihn so etwas anmachte, dann hatte er wohl sein Liebesleben arg vernachlässigt. Die letzten Monate waren tatsächlich etwas enthaltsam gewesen.

Sie hatte eine Reihe weiter hinten neben ihm am Gang gesessen und über Kopfhörer Musik gehört, und jedes Mal, wenn er zu ihr hingesehen hatte, waren ihre Augen fest geschlossen gewesen. Ihre Hände hatten reglos auf ihren Oberschenkeln gelegen. An der Linken trug sie keinen Ring, aber an der Rechten einen dicken Klunker. Ob sie unter demselben Problem litt wie er? Jedes Mal, wenn er in einer dieser fliegenden Konservenbüchsen eingeschlossen war, packte ihn die Klaustrophobie.

Was auch immer der Grund für ihre Anspannung gewesen sein mochte, so hatte diese Frau doch eine willkommene Ablenkung dargestellt. Ihr offenkundiges Desinteresse hatte es ihm erlaubt, sie immer wieder anzusehen und sich zu fragen, ob diese pfirsichfarben glänzenden Lippen so lecker schmeckten, wie sie aussahen. Und wie sie wohl reagieren würde, wenn er es ausprobieren würde.

Er lächelte in sich hinein – ja, jetzt war er wieder er selbst. Immer auf der Jagd, der ewige Eroberer. Und nur für den Moment. Nichts Ewiges, kein Gefühlsquatsch. Er rückte mit der Schlange vor.

Auch sie flog auf die Fidschi-Inseln und reiste in der Tabua Class. Allerdings sah sie in diesem faden Kostüm weder nach einer Geschäftsfrau noch nach einer Touristin aus. Vielleicht hatte sie ja den Platz neben ihm und er würde in den kommenden Stunden Gelegenheit haben, herauszufinden, welche Augenfarbe sie hatte und ob sich hinter dieser angestaubten, konservativen Fassade eine leidenschaftliche Frau verbarg.

Falls sie überhaupt fliegen würden.

Sie trat an den Schalter heran und stellte ihren Koffer auf das Gepäckband. Einen Moment später sah Nic sie weggehen, die Augen hinter einer riesigen Sonnenbrille versteckt. Ob sie ein Star war, oder eine Angehörige der oberen Zehntausend? Er hievte sein Gepäck auf das Band und zog seine Reiseunterlagen hervor. Wer auch immer sie war, er erkannte sie nicht.

Auf dem Weg zur Passkontrolle war er nicht in der Lage, seinen Blick von ihrem bezaubernden Hinterteil ein paar Meter vor ihm loszureißen. Dabei sagte er sich immer wieder, dass sie nicht sein Typ war, doch sein Körper hörte nicht darauf. Also blieb er stehen und studierte die Abflugtafel. Während des Fluges wollte er sich Gedanken über das Computerspiel machen, das er gerade entwickelte, und nicht über eine Frau, die er nicht kannte. Und die nicht sein Typ war.

Kaum, dass er weitergegangen war, sah er sie inmitten des Gedränges wieder. Und mit einem Schlag verschwanden all seine banalen irdischen Gelüste. Denn ein Mann, den Nic als Reporter eines der lokalen Klatschblätter erkannte, hatte sich ihr in den Weg gestellt. Sie schüttelte den Kopf und wollte weitergehen, doch der Kerl – er war locker doppelt so groß wie sie – hinderte sie daran, indem er sich vor ihr aufbaute und einschüchternd auf sie hinabsah.

Als die alten Bilder aus der Kindheit in ihm aufstiegen, hatte Nic unwillkürlich ein flaues Gefühl im Magen. Und genau wie damals kam niemand zu Hilfe. Keiner kümmerte sich um das, was vor sich ging, niemand wollte etwas damit zu tun haben.

Nic bewegte sich schnellen Schritts auf die Szene zu. Auf gar keinen Fall würde er danebenstehen und zusehen, wie dieser Typ sie drangsalierte.

„Lassen Sie mich in Ruhe“, hörte er sie sagen, als er näher kam. Sie versuchte erneut, sich an dem Kerl vorbeizudrücken – ohne Erfolg. „Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie mich verwechs…“

„Da bist du ja!“ Nic sagte das Erste, was ihm in den Sinn kam. „Ich habe überall nach dir gesucht!“ Vorsichtig, um sie nicht zu erschrecken, fasste er sie bei den Schultern und drehte sie zu sich.

Sie sah blass und verblüffend zerbrechlich aus. Von Nahem wirkte ihr Parfum noch betörender. Zu gern hätte Nic gewusst, was ihre hinter der Sonnenbrille verborgenen Augen ausdrückten.

Um ihr klarzumachen, dass er nichts Böses im Sinn hatte, sah er ihr weiterhin ins Gesicht und sagte: „Verschwinde, Freundchen. Sie hat dir doch schon gesagt, dass sie nicht diejenige ist, nach der du suchst.“

Charlotte blinzelte. Eben hatte sie noch verzweifelt versucht, ihre Identität zu leugnen, und nun hielt sie ein gut gebauter, wildfremder Mann im dunklen Hemd an sich gedrückt, der sie offenbar mit einer anderen Frau verwechselte.

Mit seinen großen Händen hielt er sie fest und flüsterte mit tiefer Stimme in ihr Ohr: „Vertrau mir und spiel mit.“

Sie erstarrte, und ihr ohnehin schon rasendes Herz klopfte zum Zerspringen. Mit dem Griff ihres Handgepäcks in der einen und den Reiseunterlagen und der Handtasche in der anderen Hand konnte sie sich nicht befreien; außerdem waren seine Arme wie Gitterstäbe. Wobei das auch nicht ganz stimmte, denn sie fühlte sich in ihnen eher beschützt als eingesperrt.

Fast war es, als wüsste er, dass sie erst vor Kurzem schlechte Erfahrungen mit der Presse gemacht hatte. Doch er schien nicht zu wissen, wer sie war, und so griff sie nach dem Rettungsring, den er ihr zuwarf, indem sie ihm in die Augen sah und sich zu einem Lächeln zwang. „Aber jetzt hast du mich doch wieder … Darling.“

Er erwiderte ihr verschwörerisches Lächeln und ließ dann seine Hände von ihren Schultern hinab auf ihren Rücken gleiten.

Und bevor sie Luft holen konnte, berührte sein Mund ihre Lippen. Sanft, aber doch mit Nachdruck. Vertrau mir und spiel mit. Seine Worte hallten in ihrem Kopf wider, und die männliche, tiefe Stimme, mit der er zu ihr gesprochen hatte, ließ ihre Brustwarzen hart werden und vor Verlangen pochen.

Während seine Lippen ihre Lippen neckten und liebkosten, verschwammen die Stimmen um sie herum zu einem bedeutungslosen Summen. Dieser Mann konnte küssen. Eine innere Stimme ermahnte sie, dass sie diesen Menschen überhaupt nicht kannte, doch anstatt sich von ihm zu lösen, wie sie es sollen hätte erwiderte sie seinen Kuss.

Er zog sie enger an sich, küsste sie inniger und nahm sie komplett in Besitz. Ihren Mund, ihre Sinne, sie selbst … alles. Es fühlte sich an, als würde sie gleichzeitig fallen und fliegen. Nie zuvor hatte sie so etwas erlebt. Von irgendwoher drang eine Lautsprecheransage zu ihr durch, aber der Teil ihres Gehirns, der für das rationale Denken zuständig war, hatte sich bereits ausgeschaltet.

Sie spürte, wie seine Finger ihre Wirbelsäule hinunterwanderten und unterhalb des Saums ihres Jacketts innehielten. Deutlich spürte sie den Druck seiner Finger durch die dünne Seide ihres Rocks. Seine Wärme durchdrang ihre Kleidung und glühte auf ihrer Haut, und der grobe Stoff seiner Jeans rieb an ihrem Rock, als seine Schenkel sich an ihre drückten.

Sie seufzte. Er war steinhart. Überall. Das gab ihr das Gefühl, weich und weiblich zu sein, und sie merkte, wie sie ihm entgegensank.

Er neigte den Kopf ein wenig und blieb an ihrer Sonnenbrille hängen, wodurch diese verrutschte. Charlotte fühlte, wie er seine Lippen von ihren lösen wollte, und versuchte, ihn daran zu hindern. Sie wollte ihn weiter küssen. Doch er hob seinen Kopf, rückte ihre Sonnenbrille wieder gerade und lächelte verschwörerisch. „Ich habe dich vermisst, Süße.“

„Mhm.“ Es kam ihr vor, als würde sie aus einer Trance erwachen. Der Anflug eines herben Duftes kitzelte ihre Nase. Die Vertraulichkeit des Moments verebbte, doch ihr Puls raste noch, und in ihrem Kopf ging alles drunter und drüber, als sie zu ihm aufsah.

Seine Augen … sie hatten das tiefste Dunkelbraun. Sie waren hypnotisierend und unwiderstehlich. Augen, in denen man sich so sehr verlieren konnte, dass man nie wieder einen Weg zurückfinden würde. Charlotte verfestigte den Griff um ihre Dokumente und das Handgepäck. „Ich …“

Er gab ihr mit dem Blick zu verstehen, dass der Reporter noch in der Nähe war. Dann sagte er: „Wir sollten uns jetzt besser auf den Weg machen – hier wird gleich die Hölle los sein.“ Indem er ihren Oberarm umfasste, machte er Anstalten, sie Richtung Ausgang zu führen.

„Moment mal!“ Sie blieb stehen. Das hier ging ihr plötzlich alles zu schnell. „Wo willst du hin? Was soll das?“

„Psst.“ Sein warmer Atem kitzelte ihr Ohr. „Hast du die Ansage nicht gehört? Vor morgen früh startet hier kein Flieger.“ Mit festerem Griff, der sich aber weder bedrohlich noch unangenehm anfühlte, dirigierte er sie weiter Richtung Ausgang. „Und deswegen gehen wir jetzt ins Flughafenhotel.“

Natürlich hatte sie die Ansage nicht gehört. Denn sie war anderweitig beschäftigt gewesen. Blind und taub für alles außer ihm. Außer seinen Händen, die auf ihrer Hüfte gelegen hatten, als gehörten sie dort hin, und seinen geschickten Lippen, die sich so vertraut auf den ihren bewegt hatten, als seien sie seit Langem ein Paar.

Und sie wusste nicht einmal, wie er hieß.

Errötend blieb sie stehen. „Stopp. Warte. Ich werde nicht …“

„Willst du etwa hierbleiben?“

Nein. Das wollte sie definitiv nicht. Auch wenn es unvernünftig war – sie wollte lieber mit Mr Kussprofi gehen.

Um ihr keine Zeit zu geben, sich umzuentscheiden, zog er sie an der Hand hinter sich her. „Dreh dich nicht um. Dein Verfolger ist uns auf den Fersen.“

Ein Schauer lief ihr über den Rücken und sie musste sich anstrengen, Schritt zu halten. Mit so weichen Knien war das gar nicht leicht. „Woher weißt du das?“

„Ich weiß, wie der Typ denkt.“ Sie näherten sich der Ausgangstür. „Er beobachtet uns, um zu sehen, ob wir das eben nur gespielt haben. Er wartet darauf, dass wir einen Fehler machen.“

„Aber mein Gepäck …“

„Das ist durchgecheckt worden. Du musst mit dem auskommen, was du bei dir hast.“

Draußen herrschte ein trüber Winternachmittag. Noch immer kamen Passagiere an, die keine Nachrichten gehört hatten, andere stiegen in Taxen und verschwanden.

Sie begleitete ihn zu der Skybridge, die zum Parkhaus und zum Hotel führte. „Ich denke, wir haben ihn überzeugt“, murmelte sie und zog ihren Rollkoffer den Bordstein hinauf auf einen schmalen Grünstreifen. Verflixt, er hatte auch sie überzeugt, die introvertierte Charlotte Dumont. Und zwar in mehrerlei Hinsicht.

„Meinst du?“ Er blieb stehen, sah zu ihr hinab und verzog seine Lippen wieder zu diesem unwiderstehlichen Lächeln. „Ich glaube, wir sollten lieber auf Nummer sicher gehen“, sagte er, und bevor sie begriff, was er vorhatte, nahm er ihr die Sonnenbrille ab und murmelte: „Ah.“

Sie hob den Kopf und zwang sich, ihm in die Augen zu sehen. „Was hattest du erwartet? Knallblau oder leuchtend grün? Ich danke dir sehr für deine Hilfe“, fuhr sie rasch fort, um ihn daran zu hindern, ihr ein leeres Kompliment zu machen, das sie nicht hören wollte. Dann beugte sie sich vor, um ihre Reiseunterlagen in die Handtasche zu stecken, und richtete sich wieder auf. „Wirklich. Aber das war alles …“, sie suchte nach den richtigen Worten, um diese fast schon orgastische Erfahrung zu beschreiben, und scheiterte. „… notwendig.“

Orgastisch? Ein Kuss? Sie musste dringend wieder zu sich kommen! Und war das nicht der Grund für ihre Reise? Um über ihre Zukunft nachzudenken und zu entscheiden, was sie machen wollte? Wozu vielleicht gehörte, dass sie etwas Schwung in ihr nicht existierendes Liebesleben brächte.

„Allerdings. Absolut notwendig.“ Er ließ seine Tasche auf den Boden fallen. „Bei Typen wie denen muss man schon gröbere Geschosse auffahren.“

„Wahrscheinlich.“ Sie nickte. „Aber ich denke nicht, dass wir ihm eine weitere Vorstellung geben müssen.“

Er warf einen Blick in Richtung Terminal. „Da wäre ich mir nicht so sicher, Süße.“

„Oh nein!“ Ohne sich umzusehen versuchte sie, ihm ihre Sonnenbrille abzunehmen, doch er schüttelte den Kopf. Er stand so dicht vor ihr, dass sie seine Wärme deutlich spürte.

Mit dem Daumen streichelte er ihre Wange. „Er ist zu weit weg, um zu erkennen, ob du diejenige bist, für die er dich hält. Er kann deine Augen nicht sehen. Sein Pech – denn sie sind wunderschön.“

Bitte nicht. Auch Flynn war so ein Schmeichler gewesen. „Sie sind grau.“

„Gibt es einen Grund dafür, dass du sie hinter einer Sonnenbrille versteckst?“

Auf keinen Fall wollte sie ihre Familiengeschichte vor ihm ausbreiten. „Falls du es wirklich wissen willst: Ich hatte heute Morgen fiese Kopfschmerzen.“

„Du Arme. Ist es jetzt besser?“

„Ja. Sind wir nun fertig?“

„Eben hat es dir noch ganz gut gefallen.“

Das hatte es. Und wie.

Wieder berührte er ihr Gesicht. „Diesmal solltest du anfangen. Zeig ihm, dass du ganz vernarrt in mich bist.“

Eine Windbö zerzauste sein Haar. Sein schwarzes Haar, das zu lang war, um adrett auszusehen, seine dunklen Brauen und seine gebräunte Haut sagten ihr, dass er mediterraner Herkunft war. Er hatte ein markantes Kinn und hohe Wangenknochen. In den Augenwinkeln fanden sich kleine Fältchen wie bei jemandem, der sich gern im Freien aufhielt. Sein sinnlicher Mund verriet ihr, dass er sich auch gern in seinen vier Wänden vergnügte.

Ganz vernarrt, wo sie ihn doch nie zuvor gesehen hatte! Aber sie selbst hätte es nicht besser ausdrücken können. Und das gefiel ihr gar nicht, denn sie hatte nicht vor, sich jemals wieder von den Schmeicheleien und dem guten Aussehen eines Mannes herumkriegen zu lassen. Eines Mannes, der zweifelsohne genau wusste, was er machte. Und das, was er machte, oft und gut machte. „Ich weiß ja nicht einmal, wie du heißt.“

„Nic“, sagte er. „Und du?“

Sie verzog den Mund und sagte schließlich: „Tja … ich fürchte, der Typ von vorhin kann Lippen lesen.“

Unvermittelt richtete sich sein Blick auf ihren Mund. „Dann ist es umso wichtiger, ihn loszuwerden, findest du nicht? Küss mich.“

„Ich …“ Küsse keine Männer, die ich nicht kenne. Doch das hatte sie bereits getan.

„Sag vorher meinen Namen, falls du dich dann besser fühlst.“

Als wüsste er, was ihr Probleme bereitete. „Nic.“ Es fühlte sich gut an, diesen Namen auszusprechen. Wahrscheinlich war er der bestaussehende Typ, den sie je geküsst hatte. „Nicholas?“

„Dominic.“

„Dominic.“ Zaghaft legte sie ihm eine Hand auf den Oberkörper. Sein Hemd fühlte sich warm und glatt an. Darunter spürte sie kräftige Muskeln. Instinktiv zog sie ihre Hand weg.

Aber was hatte Flynn gesagt, als er ihre Verlobung aufgelöst hatte? Dass sie nicht gesellig genug, nicht glamourös genug, nicht selbstbewusst genug sei, um die Frau eines aufstrebenden Politikers zu werden. Dass sie als vierundzwanzigjährige Tochter von Leuten der gehobenen Gesellschaft daran gewöhnt sein müsse, im Licht der Öffentlichkeit zu stehen.

Anschließend hatte sie sich vorgenommen, an sich zu arbeiten. Darum auch diese Reise auf die Fidschi-Inseln. Um sich zu erholen und sich zu überlegen, wie es in ihrem Leben weitergehen sollte. Um selbstbewusster zu werden. Zu gern wollte sie ihrem Ex beweisen, dass er sich in ihr täuschte.

„Hey.“ Nic nahm ihre Hand und drückte sie wieder an seinen Oberkörper. „Schließ einfach die Augen und fang an. Stell dir vor, ich sei ein anderer, falls es dir dann leichter fällt.“

Auf keinen Fall. Wenn sie das hier wirklich tun würde, dann würde sie es genießen. Wenn sie einen neuen Weg in ihrem Leben einschlagen wollte, konnte sie sich diese kleine Eskapade erlauben.

Also holte sie tief Luft, streichelte gemächlich mit der Hand über sein Hemd und machte sich mit dem unvertrauten Terrain vertraut. Ihre andere Hand kam dazu – es gab so viel zu entdecken. Die Expedition konnte Stunden dauern.

Verärgerte Fluggäste zogen schimpfend an ihnen vorbei. Kerosingeruch erfüllte die Luft, doch sie roch nichts weiter als Nics herben Duft und seine warme, männliche Haut.

„Nic.“ Sie sah ihm in die Augen und fragte: „Gibt es eine Person, die mir jetzt die Augen auskratzen würde?“

Er schmunzelte. „Das Gleiche könnte ich dich auch fragen“, antwortete er. „Aber: Nein, gibt es nicht.“

„Bei mir auch nicht.“

„Warum zögerst du dann noch?“

Sie fuhr sich mit der Zunge über die trockenen, kribbelnden Lippen. „Was meinst du, sieht er noch zu uns hinüber?“

Weiterhin lächelnd begann er, an einem Knopf ihres Jacketts herumzuspielen, wobei seine Fingerknöchel ihre Brust streiften. „Ist das wichtig?“

Ihre Brustwarzen richteten sich unter dem Hauch von einer Berührung auf und sie lächelte. „Nein.“ Kein Stück. Sollte der Idiot doch gaffen, während sie genoss.

„Nic.“ Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und platzierte ihre Lippen auf seinem Mund. Und diesmal zauderte sie nicht. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals, vergrub ihre Finger in seinem weichen Nackenhaar und wunderte sich darüber, dass sie so leicht über ihren Schatten hatte springen können.

Nic hatte kein glatt rasiertes Kinn, wie sie es kannte, und das Kratzen der ungewohnten Stoppeln an ihrem Kinn hallte in ihrem ganzen Körper wider. So intensiv hatte sie lange nicht empfunden.

Unwillkürlich öffnete sie die Lippen. Dann übernahm er die Kontrolle, ließ seine Zunge an ihrer entlanggleiten, während er sie, die Hände auf ihrem Po, enger an sich zog. Unerhört innig und absolut nicht für die Öffentlichkeit geeignet.

Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie schon so eng umschlungen dastanden, als sie einen Vorbeigehenden brummeln hörte: „Nehmt euch ein Zimmer.“

Nic löste sich von ihr und hob den Kopf. „Keine schlechte Idee.“ Seine Stimme klang ein wenig heiser. Er setzte ihr die Sonnenbrille wieder auf und griff nach seiner Tasche. „Lass uns losgehen.“

„Moment.“

Als er sich nach ihr umdrehte, sah Charlotte, dass sich der Ausdruck seiner Augen verändert hatte. Er war nicht mehr amüsiert, sondern … überrascht? Als sei sie nicht so, wie er angenommen hatte. Und er wirkte gierig, so, als könne er es gar nicht abwarten, sie zu vernaschen. Ihr lief ein wohliger Schauer über den Rücken.

Sie warf einen Blick auf den Strom der Reisenden, die auf dem Weg zum Hotel waren. Eine sonderbare Mischung aus Enttäuschung und Erleichterung machte sich in ihr breit. „Es sieht so aus, als wäre es bereits zu spät.“

Lächelnd nahm er ihre Hand. „Ein Glück, dass ich schon ein Zimmer reserviert habe.“

2. KAPITEL

Ein Glück für ihn, dachte sie, als sie die überfüllte Hotellobby betraten. Denn wenn sie jetzt genau darüber nachdachte – vernünftig darüber nachdachte – wurde ihr klar, dass sie auf keinen Fall mit auf sein Zimmer gehen würde, ganz egal, wie gut er küssen konnte. Sie hatte ihr Pensum an Waghalsigkeit und untypischem Verhalten zur Genüge erfüllt.

„Warte hier“, sagte er und bahnte sich einen Weg zur Rezeption, wo er mit einer der Angestellten sprach. Charlotte stellte sich ans Ende der Schlange. Irgendetwas musste noch frei sein. Kurz darauf kam er mit zwei Magnetkarten zurück. „Alles OK, wir haben unser Zimmer.“

Sie schüttelte den Kopf. „Vielen Dank für alles, aber ich möchte ein eigenes Zimmer.“

„Traust du mir etwa nicht, nach all dem, was wir gemeinsam erlebt haben?“

Genau das war der Punkt. All das hatte sie mit einem Fremden erlebt. „Warum hast du mich geküsst?“, wollte sie wissen.

Schmunzelnd erwiderte er: „Das fragst du noch, nachdem du mich ‚Darling‘ genannt hast?“

Ja, aber … „Du hättest es doch dabei belassen können, ihm zu sagen, dass er verschwinden soll.“

Sein Lächeln verschwand. „Ich kann solche Typen nicht leiden.“ Er zuckte mit den Schultern, doch sie sah, dass er angespannt war. „Ich habe einfach reagiert.“

In diesem Moment wurde ihr klar, dass etwas aus seiner eigenen Vergangenheit ihn dazu gebracht hatte, einzugreifen. „Danke“, sagte sie leise.

„Wenn ich …“

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen.“ Ich habe jede einzelne Sekunde genossen.

„Warum sollte ich?“ Nun lächelte er wieder. „Ich bereue es nicht. Du etwa?“

Absolut nicht. Aber nun war es vorbei. „Nochmals danke für deine Hilfe, aber ich möchte immer noch ein eigenes Zimmer.“

„Sieh dich doch mal um!“ Er schüttelte den Kopf. „Warte, ich möchte dir jemanden vorstellen.“ Er führte sie zur Rezeption. „Kerry, das hier ist …?“

„Charlotte.“

„Charlotte.“ Es klang wie eine Liebkosung, als er ihren Namen aussprach. Ohne seinen Blick von ihren Augen abzuwenden, fragte er die Frau an der Rezeption: „Kannst du etwas für meine Freundin tun?“

Kerry, eine gutaussehende Blondine, sah kaum von ihrer Tastatur auf. „Tut mir leid, Charlotte, wir sind komplett ausgebucht. Aber Nic hat mit mir geredet. Du kannst sein Zimmer ohne Aufpreis mitbenutzen.“

Vor Charlottes innerem Auge lief ihre Vorstellung von vorhin wie ein heißer Liebesfilm ab. Küssen in aller Öffentlichkeit war eine Sache, aber mit einem Typen, den man so gut wie gar nicht kannte, ein Zimmer zu teilen, war doch etwas anderes. „Schon in Ordnung.

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