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Für eine Nacht – und für ein Leben?

PROLOG

London, Juli 2010

Izzy schrie leise auf, als sie mit dem Absatz zwischen zwei Pflastersteinen stecken blieb. Sie befreite den Schuh und bewegte versuchsweise ihren schlanken Knöchel hin und her, dann setzte sie den Fuß vorsichtig wieder auf den Boden. Alles schien in Ordnung zu sein, aber ihre Füße taten dennoch weh.

Sie brauchte einen Moment, bis ihr bewusst wurde, dass sie vermutlich schon Stunden ziellos durch die Gegend lief. Sie schob den dünnen Stoff ihrer Jacke ein Stück hoch und sah auf die Armbanduhr. Wann war sie losgegangen?

Während sie automatisch Schritt für Schritt voreinander setzte, bemühte sie sich, die Ereignisse des Tages im Kopf zu ordnen. Als sie sich vom Anwalt ihrer Mutter verabschiedet und bei dem Bestatter bedankt hatte, war es später Nachmittag gewesen. Niemand sonst hatte an der Beisetzung teilgenommen. Niemand, mit dem Izzy Erinnerungen an die Verstorbene hätte austauschen können.

An ihre Mutter, Dr. Ruth Carter, hochangesehene Akademikerin und über die Grenzen der Wissenschaft hinaus berühmt, seitdem sie vor einigen Jahren ein populärwissenschaftliches Werk geschrieben hatte, das auf Anhieb in den Bestsellerlisten gelandet war. Noch immer flatterten regelmäßig die Honorarschecks ins Haus – das nun ebenso wie die Tantiemen Izzy gehörte. Man könnte sie also fast als reich bezeichnen.

Ist das ein bisschen so, wie fast berühmt? überlegte Izzy. Sie schüttelte den Kopf über den albernen Gedanken, doch plötzlich stieg völlig grundlos ein Lachen in ihr auf. Oder war es ein Schluchzen? Nein, das konnte nicht sein. Ihre Tränen waren unter der Last, die hart und schwer auf ihrer Brust lag, erstickt.

Dr. Ruth Carter hatte den Ruhm als renommierte Psychologin genossen. Sie war ein beliebter Gast in Talkshows gewesen. Bestimmt wären viele Menschen gern gekommen, um ihr die letzte Ehre zu erweisen, aber Ruth Carter hatte eine strikte Haltung hinsichtlich Beerdigungen gehabt.

Keine Religion.

Kein großes Getue, keine Blumen.

Keine Totenwache.

Kein Aufhebens und keine Tränen.

Izzy, ihr einziges Kind – und sogar ihre einzige lebende Verwandte – hatte diese Wünsche respektiert und nicht geweint.

Sie hatte nicht einmal geweint, als sie ihre Mutter gefunden hatte – zusammen mit einem säuberlich geschriebenen Abschiedsbrief in dem für Ruth Carter typischen Stil, sehr bestimmt, die Tatsachen kurz und knapp auf den Punkt gebracht.

In den folgenden Wochen lobten Polizei und Gerichtsmediziner Izzys Selbstbeherrschung und Tapferkeit, aber sie war gar nicht tapfer. Ihr Inneres fühlte sich einfach nur taub an. Und jetzt, heute, bin ich – wütend, begriff sie. Wut war das Gefühl, das schwer auf ihrer Brust lag und ihr die Luft zum Atmen abschnürte.

Darum war sie immer weitergelaufen, aus Angst davor, dass all der Ärger aus ihr herausbrechen würde. Wut und Groll ließen sie nicht los und schienen fast übermächtig zu sein.

Sie war nicht wütend auf ihre Mutter, weil diese Zeit und Art ihres Todes selbst bestimmt hatte. Die heimtückische Krankheit hatte ihr langsam jede Fähigkeit genommen, unabhängig zu leben. Izzy begriff, wie entsetzlich es sein musste, in einem hilflosen Körper gefangen zu sein. Ihre Mutter hasste jede Form von Abhängigkeit, darum hatte sie den Moment ihres Ablebens so gewählt – das hatte sie in ihrem Abschiedsbrief geschrieben.

Und zum Teufel mit allen anderen!

Das stand nicht in dem Brief, das waren heute bei der Beerdigung Izzys Gedanken gewesen.

Ja, sie war wütend!

Die Ärzte hatten ihrer Mutter noch mindestens zwölf relativ beschwerdefreie Monate gegeben, zwölf Monate, in denen Izzy ihr all die Dinge hätte sagen können, die jetzt für immer unausgesprochen bleiben würden.

Nicht einmal ein Abschied!

Und jetzt hatte ihre Mutter auch noch aus dem Grab heraus … Izzy löste ihre verkrampften Finger von dem zerknüllten Brief in ihrer Tasche und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. Überrascht bemerkte sie, dass Haut und Haare feucht waren. Sie starrte auf den nassen, glänzenden Asphalt. Sie hatte nicht bemerkt, dass es regnete.

Sie wusste nicht einmal, wo sie war. Oder wer sie war. Jedenfalls nicht das Produkt einer anonymen Samenspende, wie sie immer geglaubt hatte.

Es hatte sich herausgestellt, dass sie einen richtigen Vater hatte – und er würde in diesem Augenblick einen sehr ähnlichen Brief erhalten wie den, den sie heute Nachmittag vom Anwalt bekommen hatte.

Offenbar war der arme Mann damals ein achtzehnjähriger Student gewesen. Die über vierzigjährige Ruth Carter hatte ihn als geeigneten genetischen Erzeuger ausgewählt und verführt, um ihre letzte Chance zur Mutterschaft zu nutzen.

Warum hatte ihre Mutter gelogen?

Warum hatte sie ihr jetzt die Wahrheit gesagt?

Warum hatte sie Izzy alleingelassen?

Sie straffte ihre schmalen Schultern. Reiß dich am Riemen! ermahnte sie sich. Sie durfte nicht zusammenbrechen. Sie war stark – jeder sagte das, also musste es wahr sein.

Aber wo war ihre Stärke geblieben?

In diesem Moment wurde irgendwo in der Nähe eine Tür geöffnet, und Izzy hörte laute Stimmen, Musik und Gelächter. Alles war so normal … wie seltsam.

Ohne nachzudenken, folgte Izzy den Geräuschen bis zu einer Bar und ging hinein. Im Inneren war es warm, und die Leute drängten sich im Schankraum. Erst jetzt merkte Izzy, wie durstig sie war. Sie knöpfte ihre Jacke auf und bahnte sich einen Weg durch die Gästeschar. Alle Tische waren voll besetzt – bis auf einen.

Izzys Blick wurde magisch von dem Tisch angezogen, oder genauer gesagt, von der Person, die allein daran saß.

Es war der attraktivste Mann, den Izzy je gesehen hatte!

Plötzlich vergaß sie, wie entsetzlich dieser Tag gewesen war. Sie stand wie erstarrt und bemerkte nicht einmal die neugierigen Blicke der anderen Gäste. Während sie den Mann einfach nur ansah, hämmerte ihr Herz gegen die Rippen. Ihre Kehle wurde trocken, und ihre Knie zitterten, aber nicht vor Erschöpfung.

Mit einem Mal fühlte sie sich nicht länger müde. Ihr ganzer Körper war angespannt und schien zu vibrieren. Vor Aufregung und Erwartung krampfte sich ihr Magen zusammen.

Der Mann stellte sein Glas auf den Tisch, strich sich das dunkle Haar aus der hohen gebräunten Stirn und starrte zurück. Izzy erschauerte, als hätte er sie berührt.

Er war jemand, der immer aus der Menge herausstechen würde. Sein ebenmäßiges Gesicht hätte zu einer antiken Statue gehören können. Er besaß perfekte Wangenknochen, eine aristokratische Nase, und seine Lippen wirkten gleichzeitig sinnlich und hart.

Izzy erschauerte erneut. In diesem Moment wurde sie von einer Gruppe lärmender junger Männer angerempelt. Der Stoß riss sie aus dem Bann der dunklen Augen.

Abrupt wandte sie den Kopf ab. Mein Gott, wie schnell mein Atem geht! dachte sie beschämt.

Noch nie hatte ein Mann sie auf diese Weise angeschaut – als ob er sie wollte. Falls doch, hatte sie es jedenfalls nicht bemerkt. Oder es hatte sie einfach nicht interessiert.

„Du bist ein asexueller Mensch“, war die professionelle Meinung ihrer Mutter gewesen – nachdem sie ausgeschlossen hatte, dass ihre Tochter lesbisch war, es sich aber nicht eingestehen wollte.

Mum, die große Freundin offener Worte, dachte Izzy. Ehrlichkeit war ihrer Mutter immer so wichtig gewesen. Oh ja, sie war so ehrlich gewesen, dass es wehgetan hatte.

Unwillkürlich tastete Izzy nach dem Brief in der Tasche. Erst nach ihrem Tod hatte die ach so wahrheitsliebende Dr. Carter die Bombe ihrer größten Lüge platzen lassen.

Wieder stieg Wut in Izzy auf. Vielleicht konnte sie ja beweisen, dass ihre Mutter Unrecht gehabt hatte, wenigstens dieses eine Mal.

Izzy hatte noch nie wildes Verlangen empfunden, aber das bedeutete nicht, dass sie das Gefühl nicht erkannte, wenn sie es spürte. Sie fuhr sich mit der Zungenspitze über die trockenen Lippen und starrte erneut in die verstörenden Augen des Fremden.

Wieder rempelten die jungen Männer sie an. Izzy bemerkte nicht einmal, dass sie ihr ein paar nette Komplimente zuriefen. Während sie sich dem Tresen näherte, ließen die dunklen hungrigen Augen sie nicht los.

Izzy konzentrierte sich auf den Blick – fühlte ihn mit ihrem ganzen Körper, so musste sie an nichts anderes mehr denken.

„Bist du schon achtzehn?“, fragte der Kellner, als sie ein Bier bestellte. Misstrauisch musterte er das offensichtlich verwirrte Mädchen.

„Nein, äh, ja … ich meine, ich bin fast einundzwanzig“, stammelte Izzy und strich sich das kastanienbraune Haar aus dem Gesicht.

Sie war nicht überrascht, als er fragte: „Hast du einen Ausweis dabei?“

Errötend griff sie in die Tasche, zog ihren Führerschein heraus und reichte ihn dem Kellner. Er betrachtete ihn gründlich. Schließlich nickte er zufrieden und schob das Bier über den Tresen.

Izzy griff nach dem Glas, aber sie zuckte zusammen, als sich eine fleischige feuchte Hand auf ihre legte und sie festhielt.

„Eine schöne Frau sollte nie für ihr Getränk selbst bezahlen“, lallte der Besitzer der Hand.

Oh Gott, reicht es für heute nicht mit dem Ärger? dachte Izzy.

Als der Mann ihr seine Fahne ins Gesicht blies, verzog sie angewidert das Gesicht. „Vielen Dank, aber ich bin mit jemandem verabredet … bitte entschuldigen Sie mich.“

Sie versuchte, sich an dem Mann vorbeizuschieben, doch er rührte sich nicht von der Stelle. Wenn überhaupt, rückte er noch näher.

Sie neigte nicht zu Wutausbrüchen, und noch nie in ihrem Leben hatte sie jemanden geschlagen, aber jetzt ballte die diplomatische Izzy ihre Hände zu Fäusten.

„Wenn es nötig ist zu schreien, hast du die Auseinandersetzung bereits verloren“, hörte sie die Stimme ihrer Mutter im Kopf.

Aber ihre Mutter war nicht da.

„Verschwinde, du widerlicher Kerl!“

Sie hatte geschrien, und es hatte sich gut angefühlt.

Cara, es tut mir leid, dass ich zu spät bin, aber …“

Durch die Menge hatte sich der unglaublich attraktive, einsame Bar-Besucher seinen Weg an ihre Seite gebahnt. Er war schlank und breitschultrig und schien nur aus harten Muskeln zu bestehen. Er überragte den aufdringlichen Betrunkenen um mehr als einen Kopf. Und noch immer lag der hungrige, düstere Ausdruck in seinen Augen.

Izzy konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Sie sehnte sich fast schmerzlich danach, ihn zu berühren. Wie war das möglich?

Mit nie gekannter Bewunderung betrachtete sie die unglaublich langen gebogenen Wimpern, die seine eindrucksvollen Augen beschatteten.

Ohne jede Vorwarnung beugte er sich zu ihr und küsste sie fest mitten auf den Mund, so als hätte er das schon hunderte Male getan. Erst als er den Kopf wieder hob, schien er die anderen Männer zu bemerken.

„Gibt es ein Problem?“, fragte er ruhig, doch in seiner tiefen Stimme schwang ein eisiger, arroganter Ton mit.

Problem? dachte Izzy und schluckte ein hysterisches Kichern herunter. Zählte dazu auch, dass sie weder fortschauen noch atmen konnte?

Sein Kuss hatte nach Whisky geschmeckt. Sie fuhr mit der Zungenspitze über ihre Lippen. Die jüngeren Männer stolperten fast übereinander, als sie dem Fremden versicherten, dass es nicht das geringste Problem gab, dann zogen sie sich rasch zurück.

„Sie haben ausgesehen, als wollten Sie ihm einen Kinnhaken verpassen“, sagte er leise. „Sie sind eine kleine Kratzbürste, nicht wahr?“

Izzy merkte, dass ihre Hände noch immer zu Fäusten geballt waren. Unauffällig lockerte sie die Finger. „Das war sehr einfallsreich von Ihnen, aber ich brauchte keinen Retter.“ Ich und eine Kratzbürste!

Von seiner starken männlichen Ausstrahlung wurde ihr ganz schwindelig.

„Wirklich nicht?“ Er zuckte bedeutungsvoll mit den Schultern und rieb mit der Hand über sein markantes Kinn. Sein Blick glitt zu ihrem Glas. „Wollten Sie Ihre Sorgen ertränken?“, fragte er spöttisch. „Ins Glas starren und im Selbstmitleid schwelgen?“, fuhr er dann sanfter fort.

Izzy sah auf das Glas in ihrer Hand. Stimmte das?

„Dann wünsche ich Ihnen mehr Glück, als mir vergönnt war.“

Wollte er damit sagen, dass er betrunken war? So sah er gar nicht aus. So hörte er sich auch nicht an.

Ganz im Gegenteil, seine heisere, aber melodische Stimme mit dem leichten Akzent klang aufregend. Er war aufregend.

Ihr Herz raste. Die erotische Spannung zwischen ihnen schien sie wie eine unsichtbare Wand vom Rest der Menschen im Raum abzuschirmen. Eine seltsame, ganz fremde Heiterkeit rauschte durch Izzys Adern und machte sie benommen.

„Eigentlich will ich gar nichts trinken“, sagte sie atemlos, während sie sich wunderte, was sie hier tat.

Egal, was es war – es fühlte sich gut an.

Seine dunklen Augen ließen ihren Blick nicht für eine Sekunde los. „Nein? Was wollen Sie denn dann?“ Er runzelte die Stirn. „Wie nachlässig von mir. Mein Name ist …“

„Nein!“ Izzy hob die Hand und legte einen Finger auf seinen Mund. Ohne nachzudenken, zog sie die Linie seiner Lippen nach. Wie fest und warm sie sich anfühlten! „Ich will deinen Namen nicht wissen. Ich will …“

Er griff nach ihrer Hand und legte sie an sein Gesicht. „Was willst du, cara?“, fragte er langsam. Mit dem Daumen strich er über ihre Wange, dann beugte er sich zu ihr und flüsterte an ihrem Ohr: „Sag es mir …“

Seine heisere Stimme jagte einen wohligen Schauer über Izzys Rücken. Ihr war, als würde sie zerfließen. „Ich hatte heute einen sehr schlechten Tag, und ich will nicht mehr darüber nachdenken. Ich will …“ Sie zögerte. Auch wenn die Enthüllungen ihrer Mutter ihr ganzes Leben aus den Angeln gehoben hatten, konnte sie doch nicht einfach so jede Vernunft und Vorsicht über Bord werfen. Dieser Mann könnte ein wahnsinniger Serienkiller sein … er könnte … er könnte … er könnte …

Izzy schloss für einen Moment die Augen. Sie musste nachdenken. Sie musste fühlen … seinen Körper. Verlangen raubte ihr den Atem und ließ ihre Haut prickeln.

„Ich glaube, ich will dich.“ Hatte sie das wirklich gesagt?

„Du glaubst?“

„Ich will dich.“

Dann verließ sie mit dem schönen Fremden die Bar.

1. KAPITEL

Izzy eilte durch die Kirche. Ihre Absätze klapperten auf dem Marmorboden, während sie versuchte, so zu tun, als würde sie nicht registrieren, wie die Leute sich anstießen und tuschelten. Sie ließ sich nichts anmerken – darin hatte sie Übung.

Sie hätte gern geglaubt, dass die Leute von ihrer atemberaubenden Schönheit und Eleganz fasziniert waren, doch sie wusste ganz genau, dass das blassblaue Chiffonkleid zwar ihre kastanienbraunen Locken leuchten ließ, aber um die Brust ein wenig zu eng saß. Außerdem waren die meisten Frauen in der Kirche besser gekleidet als sie und – ihrer Meinung nach – auch attraktiver. Eine kleine dünne Frau mit Sommersprossen kann nur ein wirklicher Kenner schön finden, dachte sie selbstironisch.

Nein, das Aufsehen, das sie erregte, hatte nichts mit ihrer äußeren Erscheinung zu tun.

Als Izzy vor zwei Jahren in dem kleinen cumbrischen Örtchen aufgetaucht war, hatte die uneheliche schwangere Tochter von Michael Fitzgerald sogar noch viel mehr Aufmerksamkeit erregt als heute. Aber das gehörte zum Glück der Vergangenheit an.

Jeder hier wusste, dass sie keine echte Fitzgerald war. Das galt immer noch als skandalös, aber inzwischen hatte man sich an ihre Anwesenheit gewöhnt.

Als Izzy an ihren Vater dachte, wurden ihre Züge weicher. Sie wandte den Kopf und sah ihn an. Er saß neben seinem Bruder, dem Vater der Braut, in der Kirchenbank. Mit ihrem vollen rotblonden Haar hätten die beiden Männer Zwillinge sein können, auch wenn Jake Fitzgerald drei Jahre älter war.

Als hätte Michael ihren Blick gespürt, drehte er sich um und winkte ihr zu. Izzy lächelte ihn an. Ihr Vater war ein bemerkenswerter Mensch. Wie viele Männer hätten wie er reagiert, wenn sie durch einen Brief erfuhren, dass sie eine erwachsene Tochter hatten?

Kaum einer, vermutete sie. Michael hatte nicht einmal einen Vaterschaftstest verlangt. Die gesamte Familie hatte sich großartig verhalten. Anstatt Izzy wie ein Kuckucksei zu behandeln, war sie mit offenen Armen aufgenommen worden.

Sie war eine Fremde, doch als sie die Familie am meisten gebraucht hatte, waren alle für sie dagewesen. Ein Leben lang hatte Izzy es für Schwäche gehalten, sich auf andere Menschen zu verlassen. Darum war es ihr anfangs nicht leichtgefallen, Hilfe anzunehmen. Aber die Wärme und Herzlichkeit der Fitzgeralds hatten dafür gesorgt, dass sie ihre Zurückhaltung aufgab.

Noch immer war es nicht ihre Art, um Unterstützung zu bitten, aber sie hatte gelernt, dass man manchmal keine andere Wahl hatte, als die Zähne zusammenzubeißen und seinen Stolz herunterzuschlucken. Viele Dinge änderten sich, wenn man ein Baby hatte.

Izzys Aufmerksamkeit wurde auf ihren jungen Halbbruder gelenkt. Mit seinen rotblonden Haaren und dem eleganten Anzug sah er sehr gut aus. Er stand im Gang und war in ein Gespräch mit einem Mann in einer der Sitzreihen vertieft.

„Rory! Es fängt gleich an“, mahnte sie. Als sie nähertrat, richtete er sich auf und grinste sie an. „Beruhige dich, Izzy! Man könnte glauben, du würdest heute heiraten.“

„Am Sankt Nimmerleinstag!“, entfuhr es ihr.

Sie wünschte Rachel und Ben viel Glück, aber auch wenn sich durch das Baby ihre Ansichten über einige Dinge geändert hatten, war sie noch immer felsenfest davon überzeugt, dass sie für die Ehe nicht geschaffen war. Sie kannte die Scheidungsstatistiken, und nur hoffnungslose Romantiker konnten ihrer Meinung nach dieses Risiko eingehen. Doch dazu zählte sie nicht.

Sie glaubte durchaus an Seelenverwandtschaft. Aber wenn zwei Menschen füreinander bestimmt waren, wozu brauchten sie dann einen Vertrag?

„Keine Sorge, Izzy, auch dein Märchenprinz wartet irgendwo da draußen auf dich!“, raunte ihr Bruder ihr zu. Er trat zur Seite, damit Izzy sich setzen konnte.

Bevor sie ihm widersprechen konnte, erfüllte plötzlich erwartungsvolle Stille die Kirche. Izzy glitt auf ihren Platz und wartete, bis die anderen Gäste ihre Tochter wie ein kleines lächelndes Paket durch die Bank reichten. Schließlich landete Lily in Izzys Schoß und gluckste fröhlich.

Izzy erwiderte das zahnlose Lächeln ihrer Tochter. Lily ist perfekt, dachte sie voller Stolz und Liebe. Neben ihr saß Rorys Mutter Michelle und sah amüsiert zu, wie Lily sich zielstrebig nach den blauen Federn in Izzys locker aufgestecktem Haar reckte. Izzy hatte eine halbe Stunde für die kunstvolle Frisur gebraucht, aber einige Strähnen hatten sich bereits gelöst und fielen weich in ihr Gesicht.

Doch Michelles Aufmerksamkeit wurde von ihrem Sohn abgelenkt. Er saß noch immer nicht auf seinem Platz. „Rory!“, zischte sie.

„Schon gut, Ma.“ Er rollte die Augen und ließ sich neben Izzy auf die Bank fallen.

„Sollen wir vielleicht die Plätze tauschen?“, schlug Izzy vor. Sie gab den Versuch auf, ihre schimmernden Locken wieder festzustecken. Stattdessen schob sie die Haarnadeln in die Tasche und holte eine Stoffente für ihre Tochter heraus. „Falls ich wegen Lily schnell raus muss.“

Auf keinen Fall sollte irgendetwas den großen Augenblick der Braut ruinieren, und auch wenn Lily sich meistens perfekt benahm, konnte sie doch hin und wieder markerschütternde Wutanfälle bekommen.

Laut Michelle war das eine Phase, die alle Babys durchmachten, aber auch wenn Izzy das Wissen der älteren Frau über Kindererziehung keineswegs anzweifelte, fragte sie sich doch insgeheim, ob Lily das lebhafte Temperament nicht vielleicht vom Vater geerbt hatte.

Aber das würde sie nie erfahren. Obwohl sie noch jede Linie und jedes Detail seines Gesichts kannte – wie die Seiten in ihrem Skizzenbuch bewiesen – wusste sie nicht einmal seinen Namen.

Was würde sie tun, wenn Lily eines Tages nach ihrem Vater fragte? Vielleicht würde Izzy dann das Skizzenbuch herausholen und ihrer Tochter die Zeichnungen zeigen. Vielleicht würde sie sagen: „So sah er aus. Wahrscheinlich war er der attraktivste Mann, der mir je begegnet ist … oh, und er hat auch so gut gerochen …“

Das würde sie entscheiden, wenn es so weit war. Seit Lilys Geburt lebte Izzy von einem Tag zum nächsten. In jeder freien Minute musste sie den Vater ihrer Tochter zeichnen, damit sie weitermachen konnte. Und vielleicht würde sie sich irgendwann so von ihm befreien können.

„Natürlich. Wenn du möchtest.“ Rory erhob sich geduckt, um möglichst wenig aufzufallen – was bei einer Größe von Einsfünfundneunzig nicht so einfach war. „Ich glaube, ihr zwei kennt euch noch nicht“, fuhr er fort, während er wieder Platz nahm. Er drehte sich zu einem Mann in der Reihe hinter ihnen um. „Izzy, das ist Roman Petrelli. Er ist hier, um einige Pferde zu kaufen … wenigstens hofft Vater das. Erinnerst du dich noch, dass Gianni mir in den letzten Ferien einen Job in Romans Pariser Büro besorgt hat? Roman, das ist meine Schwester Izzy.“

Im vergangenen Sommer hatte Izzy knietief in Windeln und nächtlichen Fütterungen gesteckt und nicht viel anderes mitbekommen, aber sie konnte sich noch an den hübschen Gianni erinnern. Er war der einzige Halbitaliener zwischen den unzähligen Fitzgerald-Cousins. Ihr Vater war einer von neun Brüdern, und alle waren großzügig mit Nachwuchs gesegnet.

„Hallo.“ Sie lächelte zerstreut und schaute zu dem Gast.

Ihre Blicke trafen sich – und Izzy erstarrte.

Sie war direkt an ihm vorbeigelaufen. Wie war das möglich?

Er war kein Mann, den man übersehen konnte.

Sie stieß hörbar die Luft aus.

„Hallo.“ Seine Stimme weckte verdrängte Erinnerungen und jagte heiße Schauer durch Izzys Körper. Unfähig zu sprechen, nickte sie nur. Er hat wirklich die längsten Wimpern, die ich je gesehen habe, war alles, was sie denken konnte.

In seinen dunklen Augen lag kein Zeichen, dass er sie erkannt hatte.

Das konnte nicht wahr sein!

Doch ein Irrtum war unmöglich. Er war es – der Mann, mit dem sie die Nacht verbracht hatte.

Nach zwei Jahren hatte Izzy es mittlerweile geschafft, sich ihr unbesonnenes Verhalten zu erklären. Wahrscheinlich gab es sogar einen psychologischen Fachterminus dafür. Vor Trauer, Erschöpfung und Schock war sie an dem Tag nicht sie selbst gewesen. Seitdem hatte sie nie wieder das Bedürfnis verspürt, einem Mann die Kleidung vom Leib zu reißen.

Izzy hatte die Nacht nicht nur analysiert, sondern auch einen Schlussstrich darunter gezogen. Sie konnte sich nur begrenzt Vorwürfe machen. Wie sollte sie etwas bereuen, das ihr nicht nur ihre heißgeliebte Tochter, sondern auch eine wundervolle Familie geschenkt hatte?

Wäre sie damals nicht so allein, schwanger und sehr verletzlich gewesen, hätte sie wahrscheinlich den Brief ihres Vaters einfach dort gelassen, wo sie ihn im ersten Impuls hingeworfen hatte – im Papierkorb.

Izzy kämpfte um den letzten Rest ihrer Selbstbeherrschung. Das alberne Lächeln klebte noch immer in ihrem Gesicht. Mit aller Kraft riss sie sich von dem hypnotischen Blick der pechschwarzen Augen los und wandte sich ab.

Auf jeden flüchtigen Beobachter würde sie wahrscheinlich gelassen wirken, doch in ihrem Inneren tobte ein furchtbarer Sturm. Sie presste ihre Tochter an sich. Ihre Schultern schmerzten vor Anspannung, als sie ihr Gesicht in Lilys duftenden, seidigen Locken vergrub.

Die Leute wunderten sich oft über Lilys südländischen Teint, bewunderten ihre pfirsichfarbene Haut und die dunklen, glänzenden Augen. Die weniger Taktvollen fragten, ob sie dem Vater glich. Izzy gab darauf nie eine Antwort, was die Spekulationen nur noch anstachelte. Sie wusste, dass mehrere Gerüchte im Umlauf waren. Manche vermuteten, dass Lilys Vater bei einem Unfall ums Leben gekommen war, andere hielten ihn für einen verheirateten Politiker. Aber egal, was die Leute glaubten, alle gingen davon aus, dass Izzy das unschuldige verlassene Mädchen war. Offenbar hielt man sie allgemein für nett und anständig.

Sie hatte durchaus Sinn für die Ironie, auch wenn sie ihre unverdiente Opferrolle hasste, aber was sollte sie dagegen tun? Sie konnte wohl kaum öffentlich verkünden, dass sie in Wahrheit ein schamloses Flittchen war.

Manchmal empfand sie es fast als Erleichterung, wenn jemand sie offen darauf ansprach, dass sie Lily allein großzog. So, wie es Michaels Großtante am ...

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