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Für eine Million Nächte mit dir

Jennifer Lewis

Für eine Million Nächte mit dir

1. KAPITEL

Oje, und jetzt? dachte Bree Kincannon, als ihr Vater ihr vom anderen Ende des Ballsaals zuwinkte.

Selbstsicher bahnte er sich einen Weg durch die elegant gekleideten Menschen. Bree blickte ihm angespannt entgegen. Das silbrig schimmernde Haar verlieh ihm eine natürliche Autorität. Gleich nach dem Dessert hatte er sich erhoben und sich wie immer unter die Menge gemischt, denn „sehen und gesehen werden“ lautete sein Motto.

Bree dagegen hatte sich, ebenfalls wie immer, in ihrem Stuhl zurückgelehnt, der Musik gelauscht und auf das Ende des Abends gewartet. Zu der Benefizveranstaltung war sie nur gekommen, weil ihr diese Organisation sehr am Herzen lag.

Erst als ihr Dad vor ihr stand, bemerkte sie den hochgewachsenen Mann, den er mitgebracht hatte.

Oh nein, er wollte sie schon wieder jemandem vorstellen! Dabei hatte sie angenommen, ihr Vater hätte es allmählich aufgegeben, sie mit jedem einigermaßen passablen Junggesellen San Franciscos in Kontakt zu bringen.

„Bree, mein Liebes, ich möchte dich mit jemandem bekannt machen.“

In den neunundzwanzig Jahren ihres Lebens hatte Bree diesen Satz wer weiß wie oft gehört, aber nur selten war mehr dabei herausgekommen als ein peinliches erstes Date. Dennoch erhob sie sich und lächelte höflich.

„Gavin, das ist Bree, meine Tochter. Bree, das ist Gavin Spencer. Er arbeitet als Werbefachmann bei Maddox Communications.“

Gavin Spencer streckte ihr die Hand entgegen, und Bree ergriff sie. „Freut mich, Sie …“ Bree stockte, als sie ihrem Gegenüber in die Augen blickte.

Was für ein Mann! Sein zurückgekämmtes Haar war dunkel und dicht. Der Schatten eines Bartansatzes, der auf die fortgeschrittene Tageszeit zurückzuführen war, betonte seine markanten Züge und den sinnlichen Mund.

„… kennenzulernen?“, vollendete er lächelnd ihren Satz. Dabei blinzelte er ihr zu, seine Augen schimmerten warm.

„Äh, ja! Freut mich wirklich, Sie kennenzulernen“, sagte Bree und zog die Hand zurück, die leicht feucht geworden war.

Wie konnte ihr Vater nur glauben, ein Mann wie dieser Gavin würde sich für sie interessieren! „Maddox Communications hat in letzter Zeit einige wirklich gute Kampagnen lanciert. Zum Beispiel die Werbung für Porto Schuhe ist wirklich ins Auge gefallen.“

Toll, dachte Bree, jetzt habe ich in kürzester Zeit dreimal das Wort wirklich verwendet! Sie wurde rot.

„Danke, ich habe daran mitgearbeitet“, sagte Gavin und lächelte charmant. Selbst seine Zähne schienen makellos zu sein. „Ihr Vater sagt, Sie sind Fotografin?“

Überrascht und stolz zugleich sah Bree ihren Vater an. Bisher hatte er anderen gegenüber ihr Hobby, wie er es einmal genannt hatte, nie erwähnt. „Ja. Es macht mir Spaß.“

„Sie hat sogar einen Preis gewonnen“, schaltete sich ihr Vater gut gelaunt ein. „Black Hat, glaube ich, hieß er.“

„Black Book“, begann Bree zu erklären. „Es ist ein Fotowettbewerb, der …“

„Den Preis kenne ich. Das ist ja eine großartige Leistung!“, sagte Gavin anerkennend.

In diesem Moment erblickte Brees Vater einige Bekannte, entschuldigte sich und verschwand in der Menschenmenge.

Und Bree stand da mit einem atemberaubend attraktiven Mann – dem attraktivsten Mann, dem sie jemals begegnet war. Sie schluckte und strich über ihr Kleid aus gesmoktem Taftstoff. Hätte sie bloß etwas Hübscheres angezogen!

„Und welche Art von Fotos machen Sie?“

„Hauptsächlich Porträts.“ Zu ihrer Verwunderung klang ihre Stimme ziemlich ruhig. Im Stillen ärgerte sich Bree darüber, dass dieser gut aussehende Mann, dessen Gegenwart sie ihrem Vater verdankte, solchen Eindruck auf sie machte. In Situationen wie dieser kam sie sich immer so ungeschickt vor. „Ich versuche, den Charakter der Menschen einzufangen.“

„Eine ziemliche Herausforderung …“

„Man muss nur den richtigen Moment erwischen.“ Wie ihr das gelang, konnte Bree sich selbst nicht ganz erklären. „Ich glaube, dafür habe ich eine Art Begabung.“

Lächelnd sah Gavin sie mit seinen verträumten Augen an. „Eine Begabung, die Sie von der Masse der Menschen unterscheidet.“

„Ich wüsste nicht, was mich von diesen Menschen hier unterscheidet“, erwiderte sie, und deutete mit der Hand auf all die schönen und elegant gekleideten Einwohner San Franciscos, die um sie herum waren. Sofort bereute sie es. Natürlich unterschied sie sich von ihnen – sie war viel weniger interessant und gestylt.

„Hier versucht jeder, irgendwie aufzufallen.“ Als Gavin lächelte, sah sie zwei sympathische Grübchen auf seinen Wangen. „In Wahrheit ist ungewöhnlich, wer dieses Bedürfnis nicht hat. Möchten Sie tanzen?“

„Tanzen?“ Zu Musik wie dieser war sie noch nie zum Tanzen aufgefordert worden.

„Gibt es hier ein Echo?“, fragte Gavin.

„Nein. Ich meine, ja, ich würde gerne mit Ihnen tanzen.“

Einen Augenblick wünschte Bree, der polierte Parkettboden möge sich auftun und sie verschlingen. Sicher wollte Gavin gar nicht mit ihr tanzen, sondern hatte nur aus Höflichkeit gefragt. Eine dankende Ablehnung wäre ihm bestimmt lieber gewesen.

Er bot ihr seinen Arm und geleitete sie in seinem schwarzen Galaanzug – alle anwesenden Herren trugen dasselbe – auf die Tanzfläche. Gerade spielte die Kapelle den Klassiker „In the Mood“.

Als Gavin den Arm um ihre Taille legte, konnte auch der mehrlagige Taftstoff nicht verhindern, dass Bree erbebte. Irgendwo in ihrem Unterbewusstsein hatte sie sicher die Tanzschritte gespeichert, denn sie hatte als junges Mädchen weiß Gott genug Tanzkurse besuchen müssen.

Er führte sie, und plötzlich schien sich der Saal um sie zu drehen. Gavin schien ganz in der Musik aufzugehen, als sie sich mühelos zwischen den anderen Paaren bewegten. Unauffällig atmete Bree den verführerischen herben Duft ihres Tanzpartners ein.

In völliger Harmonie folgten ihre Schritte den seinen. Bree hatte den Arm auf seine breite Schulter gelegt. Obwohl sie fast einen Meter fünfundsiebzig maß, war Gavin ein gutes Stück größer.

Elegant und schwungvoll glitten sie zum Klang der Blasinstrumente über das Parkett, bis das Stück zu Ende war.

Außer Atem blinzelte Bree und löste sich aus Gavins starken Armen. War das wirklich sie gewesen, die durch den Saal gewirbelt war – mit einem so gut aussehenden Mann?

„Sie tanzen herrlich“, sagte er, und sein Atem fühlte sich warm an ihrer Wange an, als er sich zu ihr hinunterbeugte.

„Ich? Das lag ganz allein an Ihnen. Ich habe mich ja nur führen lassen.“

„Das ist eine Kunst für sich allein, die längst nicht alle Frauen beherrschen. Sie glauben ja nicht, wie viele versuchen, selbst zu führen.“

Bree lachte.

„Sie haben ein wunderschönes Lächeln.“

„Dann waren sechs Jahre Besuche beim Kieferorthopäden nicht umsonst …“

Jetzt lachte auch er. „Und Sie haben einen erfrischenden Humor.“

Als er sie von der Tanzfläche Richtung Bar führte, blickten die anderen Partygäste – Männer wie Frauen – ihnen nach. Offensichtlich bewunderten alle den bestaussehenden Mann des Abends. Bree konnte kaum glauben, dass genau dieser Mann den Arm um sie gelegt hatte!

So viel Aufmerksamkeit war sie nicht gewohnt. Sicher fragten sich alle, warum er sich ausgerechnet mit ihr abgab. Und um ehrlich zu sein, das fragte sie sich auch …

Als Erbin, noch dazu als ziemlich wohlhabende, war Bree klar, was die meisten Männer an ihr interessierte: das Wort hatte vier Buchstaben und begann mit G.

Aber dieser Mann konnte jede reiche Erbin haben – und davon gab es hier im Saal viele. Was fand er also so besonders an ihr?

Bree beschloss, nicht weiter darüber nachzugrübeln, sondern einfach zu genießen, dass ihr Herz schneller schlug.

„Möchten Sie Champagner?“, fragte Gavin und bot ihr ein Glas an.

„Ja, gern.“ Warum auch nicht? Schon allein der Tanz war es wert, darauf zu trinken. Bree trank einen kleinen Schluck und genoss das sinnliche Prickeln auf der Zunge.

Gavin beugte sich so nahe zu ihr, dass sie die Berührung des rauen Kinns schon fast spürte. „Wieso sind wir uns eigentlich noch nie begegnet?“

„Ich gehe nicht oft aus. Aber vor einiger Zeit habe ich zwei Katzen aus dem Tierheim der Oakland Animal Society aufgenommen. Darum bin ich heute Abend gekommen. Haben Sie auch Tiere?“

Er schüttelte den Kopf. „Dafür fehlt mir leider die Zeit. Meistens arbeite ich lange, und ich bin oft unterwegs. Ihre Katzen sind sicher sehr glücklich bei Ihnen.“

„Das hoffe ich. Vor allem, weil Ali regelmäßig Insulinspritzen braucht. Tiere mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen finden oft nur schwer ein neues Zuhause.“

„Sie sind sehr fürsorglich …“

Sie lächelte. „Ich hänge sehr an den beiden.“

Ein flüchtiger Ausdruck huschte über sein Gesicht, den Bree nur schwer deuten konnte.

Fragte er sich, wieso er mit einer Katzenliebhaberin in einem unförmigen Kleid seine Zeit vertat? Während mehr als eine atemberaubende Schönheit ihm verführerische Blicke zuwarf?

Zu Hause bei ihren Katzen hätte Bree sich wohler gefühlt, denn Gavins Nähe verunsicherte sie. Angespannt beobachtete sie jede seiner Bewegungen. Eine Kamera als Schutzwall zwischen ihm und ihr würde vielleicht helfen … Dieser Mann sah entschieden zu gut aus, und er gefährdete Brees innere Ruhe ganz erheblich.

„Und ich bin hier, weil ein Kunde einen Tisch für Maddox Communications hat reservieren lassen. Natürlich ist es für einen guten Zweck, aber um ehrlich zu sein, liegen mir solche Zwänge nicht besonders“, sagte er. „Zu viele Leute, zu lange Ansprachen.“ Wieder erschienen die Grübchen auf seinen Wangen.

Bree wurde warm ums Herz. „Was würde Ihnen denn mehr Spaß machen?“

Er zögerte. „Gute Frage. Ich verbringe so viel Zeit mit Arbeiten, dass ich manchmal vergesse, dass es im Leben auch noch etwas anderes gibt.“ Schüchtern lächelnd fügte er hinzu: „In letzter Zeit allerdings habe ich manchmal daran gedacht, einen Gang zurückzuschalten, das Leben mehr zu genießen … Vielleicht sogar eine Familie zu gründen. Klingt vermutlich komisch, oder?“

„Gar nicht.“ Wie er sie mit seinen warmen Augen ansah! Konnte das überhaupt wahr sein? „Ich finde das ganz natürlich. Alles im Leben hat seine Zeit.“

„Und jetzt wäre es an der Zeit, noch mal zu tanzen, finde ich. Haben Sie Lust?“

Die Band spielte gefühlvolle südamerikanische Musik. Bei dem Gedanken, sich zu diesen Klängen mit Gavin über das Parkett zu bewegen, wurde Bree heiß. Und einmal mehr bezweifelte sie, dass all das Realität war.

Wieder führte er Bree zum Tanz. Dabei wünschte Gavin, er würde nicht diesen steifen schwarzen Anzug tragen, damit er ihre Haut fühlen konnte. Alles, was er bisher von Bree gesehen hatte, wirkte sanft und weich: die großen grauen Augen hinter den Brillengläsern, ihre leicht rosa Wangen und der wunderschöne Mund. Bestimmt verbargen sich attraktive Körperformen hinter dem vielen grauen Stoff.

Ihr Vater hatte angedeutet, dass er sie für einen wenig begehrenswerten Frauentyp hielt. Offensichtlich war es ihm peinlich, dass seine Tochter noch unverheiratet war. Es war, als wäre sie ihm eine Last, die er gerne los sein wollte.

Konnte Elliott Kincannon im Ernst so über dieses zauberhafte Wesen denken?

Als Gavin den Arm um ihre Taille legte, spürte er, wie Verlangen in ihm aufstieg. Kein Zweifel, Bree hatte wirklich eine traumhafte Figur. Fasziniert bemerkte er, wie voll sich ihre Brüste anfühlten, wenn er sie während des Tanzes leicht an sich drückte.

Ihr braunes Haar trug sie nach hinten gekämmt und zu einem Knoten zusammengefasst. Wie sie wohl mit einer offenen Frisur aussehen würde?

Vor allem gefielen ihm ihre geschmeidigen Bewegungen, mit denen sie den seinen folgte. Flüssig tanzte sie zu den sanften Klängen der Musik.

Als er sie nach einer Drehung wieder an sich zog, glänzten Brees Augen, und sie lächelte ihm schüchtern zu.

Ein unwiderstehliches Lächeln, das Gavin instinktiv erwiderte.

Wenn ihn sein erster Eindruck nicht täuschte, würde Bree Kincannon eine sehr nette Mrs. Spencer abgeben. Auch wenn sie nicht den Typ verkörperte, der Männer in Bars magisch anzog. Aber er brauchte keine Frau als Aushängeschild, um seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen.

Denn Bree hatte jede Menge anderer Vorzüge: eine Million, um genau zu sein.

Als er ihr wieder in die Augen sah, spürte er sein schlechtes Gewissen wie einen Stich im Herzen.

Sollte er wirklich für Geld eine Frau verführen?

Seit zehn Jahren arbeitete er hart, um sich einen Ruf in der Branche zu erwerben. Seit dem ersten Tag in seinem Job wusste er, dass er eines Tages seine eigene Agentur eröffnen wollte. Er wollte kreative Köpfe zusammenbringen. Und mit außergewöhnlichen Ideen neue Wege in der Werbung beschreiten.

Wenn ihm zu Beginn seiner Laufbahn jemand gesagt hätte, dass er mit dreißig noch immer nicht sein eigener Herr sein würde, hätte er vermutlich laut gelacht.

Aber leider hatte er einige Rückschläge einstecken müssen.

Da mit der Rente seines Vaters etwas schiefgelaufen war, hatte Gavin seinen Eltern unter die Arme gegriffen. Er hatte es gern getan.

Aber er hatte die Angelegenheit einem Finanzberater übertragen, und sein Vertrauen war bitter enttäuscht worden. Einen Großteil seines ersparten Vermögens hatte er dem Banker anvertraut – nur um aus der Zeitung zu erfahren, dass dieser das Geld mit Pferdewetten und zweifelhaften Antiquitäten durchgebracht hatte.

Gavin zog Bree enger an sich, um ihre schönen Brüste noch deutlicher zu spüren. Als sie die Lider mit den langen Wimpern hob, um ihn anzusehen, bemerkte er den Glanz in ihren Augen.

Diese Augen gefielen ihm. So gut, dass er sich vorstellen konnte, sie ein Leben lang täglich anzusehen. Er hatte ein gutes Gefühl, was Bree Kincannon betraf.

Die Suche nach einer Frau oder wenigstens einer Freundin war für ihn nie an erster Stelle gestanden. Eigentlich war er mit seinem Beruf verheiratet. So scherzten zumindest seine Freunde, und irgendwie hatten sie recht. Er liebte seine Arbeit und gab sich ansonsten mit gelegentlichen kurzen Abenteuern zufrieden.

Wenn er seinen zugegebenermaßen ungewöhnlichen Plan weiter verfolgte, musste er sich große Mühe geben, um Bree ein guter Ehemann zu werden und sie nicht zu enttäuschen.

Als er eine Drehung vollführte, ließ Bree sich vertrauensvoll nach hinten gegen seinen Arm sinken.

Von dem Geldangebot wusste sie nichts. Sicher würde es sie über alle Maßen entsetzen. Deshalb durfte sie nie etwas davon erfahren. Nie.

Als er sie wieder an sich zog, lachte sie leise, und Gavin empfand ein Gefühl echter Freude. Bree genoss diesen Tanz. Und er auch!

Während sie weitertanzten, hielt er sie fest an sich gedrückt, um möglichst viel von ihr zu spüren.

Ja, er hatte ein gutes Gefühl bei dieser Sache.

Im großen Spiegel der Damentoilette betrachtete Bree ihre Haare und versuchte, sie neu zu ordnen. Wenn sie nur wüsste, warum Gavin Spencer sich so für sie interessierte.

Oft sagten ihr die Leute, dass sie schöne Augen hatte. Seltsam, wo sie doch eine Brille trug. Für diesen Abend hatte sie ihre leichteste ausgesucht, ein filigranes und randloses Modell.

Bree schob die Brille etwas herunter und betrachtete ihre Augen im Spiegel. Ihr erschienen sie nicht weiter bemerkenswert. Vielleicht sagten es die Leute nur, weil ihnen nicht anderes Nettes einfiel …

Sie schob die Brille wieder hoch, die wirklich sehr bequem saß. Kontaktlinsen waren Bree schon immer zu umständlich erschienen.

Wie immer erwiesen sich ihre krausen Haare als widerspenstig. Bree seufzte. Sie hätte nicht die Haarnadeln herausnehmen dürfen, mit denen sie das Haar mühsam gebändigt hatte. Schließlich brachte sie einen halbwegs annehmbaren Knoten zustande.

Wie immer trug sie keinerlei Make-up. An Lippenstift, Rouge und Eyeliner war sie nicht gewöhnt, und sooft sie versucht hatte, sich zu schminken, hatte sie stets nur angemalt ausgesehen.

Das Kleid sah wirklich eigentümlich aus. Tante Freda hatte ihr versichert, es würde „Pölsterchen kaschieren“.

Vermutlich eignete sich die Stofffülle ausgezeichnet, um Whiskey darin zu schmuggeln, dachte Bree belustigt.

Der runde Ausschnitt brachte ihr an sich ganz passables Dekolleté nicht sehr vorteilhaft zur Geltung. Nein, sie sah keineswegs besser aus als sonst, entschied sie, eher im Gegenteil.

Warum schien Gavin dann so fasziniert zu sein? Als ob er sie keinen Moment aus den Augen lassen wollte.

Den ganzen Abend war er bei ihr geblieben. Bree hatte jeden Moment damit gerechnet, er würde irgendwo im Saal Bekannte entdecken und sich empfehlen, aber nichts dergleichen war geschehen.

Fast rechnete sie damit, dass er in der Nähe der Damentoilette auf sie warten würde.

Bree atmete tief ein. Auf ihren Wangen zeigte sich deutliche Röte, und die Augen glänzten vor Aufregung. Kein Wunder, denn so wie an diesem Abend hatte sie noch niemals getanzt, nicht einmal in ihren Träumen. Da musste sie sich ja vorkommen wie Aschenbrödel auf dem Ball!

Eine eigenartige Vorstellung, immerhin gehörte sie zu den reichsten Frauen San Franciscos. Natürlich war sie auf altmodische Art zu ihrem Vermögen gelangt: Sie hatte es geerbt. Deshalb war sie auch nicht besonders stolz darauf.

Manchmal glaubte sie die Leute tuscheln zu hören: „Das viele Geld passt so gar nicht zu ihrem bescheidenen Auftreten in der Öffentlichkeit!“

Auch ihr Vater war dieser Meinung und hielt seine Tochter für etwas farblos, das hatte er ein- oder zweimal durchblicken lassen.

Bree stellte sich aufrecht vor den Spiegel und sagte sich: Bree Kincannon, du bist eine attraktive und begehrenswerte Frau.

Nein, das passte nicht.

Bree Kincannon, du bist eine gute Fotografin, und deine Katzen lieben dich.

Viel besser.

Sie lächelte, wurde aber wieder ernst, als die Blondine neben ihr sie ansah. Schnell strich sich Bree das Haar glatt und ging.

Von Gavin keine Spur, und zu ihrer eigenen Überraschung stellte sie fest, dass sie enttäuscht war. Was hatte sie denn erwartet? Doch nicht ernsthaft, dass er noch da war! Ein Mann wie er … Sicher tanzte er längst mit einer anderen.

Unauffällig sah sie zur Tanzfläche. Inzwischen war Mitternacht vorbei und nur noch ein Teil der Gäste anwesend. Obwohl alle Männer schwarze Anzüge trugen, war Bree sich sicher, dass ihr Gavin sofort auffallen würde. Er hatte diese ganz besondere Ausstrahlung …

Als sie ihn nicht unter den Tanzenden entdeckte, fühlte sie sich irgendwie erleichtert. Aber warum hatte er sich nicht von ihr verabschiedet? Ob sie ihn jemals wiedersah? Es gab wohl kaum einen Grund, warum er sich bei ihr melden sollte.

Mit erhobenem Kopf ging sie zwischen den Tischen hindurch zu ihrem Platz zurück. Die Freunde ihres Vaters, die mit am Tisch gesessen hatten, waren alle schon gegangen. Bree nahm ihre perlenbesetzte Tasche vom Stuhl und hängte sie sich über die Schulter.

Noch einmal sah sie sich nach Gavin um. Traurig dachte sie: Das war es dann wohl. Schade. Welch schöner Abend mit ihm …

Vielleicht sogar einer der schönsten ihres Lebens. Sie schluckte.

Sicher sahen sie jetzt wieder alle mit mitleidigen Blicken an: Arme Bree, sie ist und bleibt eben ein Mauerblümchen.

Langsam ging sie zum Ausgang. Meist nahm sie sich bei Anlässen wie diesem ein Taxi, da ihr Vater oft bis in die frühen Morgenstunden blieb. Es mochte manchem unselbstständig erscheinen, dass Bree noch im Haus ihrer Eltern wohnte. Aber sie liebte das Viertel Russian Hill. Das große Studio im Dachgeschoss hatte sie sich zu ihrer Wohnung umgebaut, mit vielen Erinnerungsstücken an die glücklichen Tage, als ihre Mutter noch gelebt hatte.

Hier hatte ihre Mom fast jeden Nachmittag gemalt, während Bree auf dem Boden neben der Staffelei gespielt hatte.

Ja, sie führte ein glückliches Leben. Wirklich! Sie brauchte keinen gut aussehenden dunkelhaarigen Verehrer, der alles durcheinanderbrachte.

An der Garderobe ließ sie sich ihren Mantel geben. Während sie ihn anzog, ging sie durch das Foyer Richtung Ausgang. Plötzlich schlug ihr Herz schneller.

Gavin. Groß und schlank stand er da, mit ernstem Gesichtsausdruck, und unterhielt sich mit ihrem Vater.

Bree runzelte die Stirn. Was die beiden nur zu reden hatten! Woher kannten sie sich überhaupt?

Normalerweise gab sich ihr Vater nur mit superreichen Unternehmern ab. Wenn Gavin ein Werbefachmann war – ein guter Job, sicher, aber eben nur ein Job –, warum sprach ihr Vater dann mit ihm, als wäre er Bill Gates persönlich?

Sie knöpfte den Mantel zu und ging langsam auf die beiden zu. Als die Männer sie bemerkten, erschraken sie, fassten sich jedoch sofort wieder.

„Bree, mein Liebes!“, rief ihr Vater erfreut. „Gerade haben Gavin und ich gesagt, wie schön dieser Abend war. Ich muss dir ja richtig dankbar sein, dass du mich überredet hast, Karten zu kaufen.“ Er wandte sich Gavin zu. „Bree liebt nämlich Tiere.“

Sie lächelte höflich.

„Es hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen, Bree“, sagte Gavin und sah ihr in die Augen.

„Ebenso“, brachte Bree hervor und spürte, wie sie rot wurde.

„Haben Sie am Freitag schon etwas vor? Hoffentlich nicht. Madd Comm gibt eine Cocktailparty in der Rosa Lounge, um eine neue Werbekampagne zu feiern. Ich würde mich freuen, wenn Sie mitkommen.“

Freitagabend – das klingt nach einem richtigen Date, dachte Bree verwirrt. Noch dazu wollte er sie offenbar mit seinen Kollegen bekannt machen. Sie blinzelte. „Äh, ja. Gern. Warum nicht?“

„Dann hole ich Sie zu Hause ab, wenn es Ihnen recht ist.“

„Gut. Ich freue mich“, sagte sie so ruhig wie möglich.

„Also dann bis morgen, Liebes“, verabschiedete sich ihr Vater, „drinnen warten noch ein paar Bekannte auf mich.“

„Alles klar, ich rufe mir ein Taxi.“

„Nicht nötig“, erbot sich Gavin. „Ich kann Sie doch heimbringen. Dann weiß ich am Freitag schon den Weg.“

Ehe Bree etwas einwenden konnte, bat er bereits einen Hotelangestellten, den Wagen vorfahren zu lassen.

Nach einem tiefen Atemzug hängte sie sich bei Gavin ein, und gemeinsam verließen sie das Four Seasons. Während es auf dem Hinweg noch leicht geregnet hatte, war die Nacht jetzt völlig sternenklar. Der Mond tauchte die Bankgebäude der Market Street in ein silbriges Licht, das sie wie römische Tempel aussehen ließ.

Gavin öffnete die Beifahrertür seines Sportwagens und half Bree beim Einsteigen.

Auf der kurzen Fahrt unterhielten sie sich über eine neue Ausstellung mit Werken der Bildhauerin Louise Bourgeois. Gavin erzählte, dass er oft in das Museum of Modern Art ging, um neue Trends aufzunehmen und sie beruflich umzusetzen. Bree wagte kaum, ihren Ohren zu trauen: Er sah umwerfend gut aus und interessierte sich für Kunst!

Vor dem Haus sprang sie förmlich aus dem Wagen. Ihr klopfte das Herz bis zum Hals. Würde Gavin versuchen, sie zu küssen?

Sicher nicht.

Und wenn doch?

Er ging um das Auto herum und nahm ihre Hände zwischen seine, die sich angenehm warm anfühlten. Bree schluckte.

„Gute Nacht, Bree“, sagte er und sah ihr in die Augen.

Mit einer Mischung aus Hoffnung und Befürchtung fragte sie sich, ob er sie jetzt küssen würde.

Er beugte sich zu ihr und sagte: „Also, ...

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