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Für dich mein Glück

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder
auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. TEIL

 

Sonnet Romano

„Dinge, die ich tun will, bevor ich dreißig werde“

Collegeabschluss

Praktikum in Übersee

entfremdeten Vater kennenlernen

eine bessere Wohnung finden

mich verlieben

Ein Pfadfinder lässt sich niemals überraschen; er weiß genau, was zu tun ist, wenn etwas Unerwartetes passiert.

Robert Baden-Powell (Scouting for Boys, 1908)

1. KAPITEL

Kurz vor Beginn der Trauungszeremonie wurde Sonnet Romano nervös. „Mom“, sagte sie, während sie unruhig zum Fenster huschte, das die Aussicht auf den Willow Lake einrahmte. „Was ist, wenn ich es jetzt vermassle?“

Ihre Mutter schaute sie lächelnd an. Die frühe Abendsonne umhüllte Nina Bellamy, sodass sie für einen Moment ebenso jung und begehrenswert wirkte wie Sonnet. In dem herbstgoldenen Seidenkleid sah Nina einfach fantastisch aus. Nur wer sie so gut kannte wie Sonnet, konnte erkennen, wie müde Nina wirklich war. Um ihren Mund und ihre Augen hatten sich feine Falten eingebrannt, und ihre Haut war leicht aufgedunsen. Nina kam gerade von der Beerdigung ihrer Lieblingstante zurück, die eine Woche zuvor gestorben war. Die Trauer stand ihr noch ins Gesicht geschrieben.

„Du wirst nichts vermasseln“, beruhigte Nina ihre Tochter. „Du wirst großartig sein. Du siehst in diesem Kleid einfach umwerfend aus, und du weißt genau, was du zu tun hast. Es wird gewiss ein ganz zauberhafter Abend.“

„Ja, aber …“

„Erinnere dich nur daran, was ich dir immer gesagt habe, als du noch ein kleines Mädchen warst. Dein Lächeln ist mein Sonnenschein.“

„Ich erinnere mich“, Sonnet lächelte versonnen. Ihre Mutter hatte sie ganz allein aufgezogen, doch erst jetzt wurde ihr bewusst, wie schwer das für Nina oft gewesen sein musste. „Du hast mir so viele wunderbare Erinnerungen geschenkt, Mom.“

„Komm her.“ Nina breitete die Arme aus, und Sonnet lehnte sich dankbar hinein.

„Das fühlt sich gut an. Ich wünschte, ich könnte häufiger hierherkommen.“ Sonnet drehte das Gesicht in den warmen Wind, der durch das Fenster hereinwehte. Sie sah die Schönheit des Sees und spürte, wie sich ihre Kehle zusammenzog. Ihr Herz schmerzte. Obwohl Sonnet hier in Avalon aufgewachsen war, fühlte sich der Ort für sie jetzt vollkommen fremd an. Vor vielen Jahren hatte sie es nicht erwarten können, diesen Ort zu verlassen.

Obwohl sie sich noch lebhaft daran erinnern konnte, wie sie hier mit ihren Freunden in den Wäldern gespielt hatte oder im Winter die Hügel von Catskills mit dem Schlitten hinuntergefahren war, hatte sie die Gegend nie wirklich geliebt. Erst als sie weit weggezogen war, um sich ein neues Leben aufzubauen, hatte sie ihre Heimat wieder zu schätzen gelernt. Jetzt, wo sie in Manhattan in einem winzig kleinen Apartment an der lauten East Side Street wohnte, erkannte sie den Reiz von Avalon.

„Das wünschte ich mir auch“, erwiderte Nina, „aber es ist sehr zeitaufwendig, die Welt zu retten, oder?“

Sonnet kicherte. „Rette ich denn die Welt?“

„Ich denke schon, Süße. Ich bin sehr stolz, wenn ich den Leuten erzählen kann, dass du für die UNESCO arbeitest und dass deine Abteilung Kinderleben auf der ganzen Welt rettet.“

„Wenn du das so sagst, bekomme ich wirklich das Gefühl, mehr zu tun als nur E-Mails zu schreiben und Formulare auszufüllen.“ Sonnet wünschte sich oft, sie könnte wirklich ab und zu mit einem Kind arbeiten, statt bergeweise administrative Aufgaben zu erfüllen.

Auf dem frisch gemähten Rasen unten am See begannen die Gäste, ihre Plätze einzunehmen. Viele Freunde des Bräutigams trugen ihre militärischen Ausgehuniformen, was der Szene etwas Ernsthaftes verlieh.

„Es ist endlich so weit, Mom“, sagte Sonnet.

„Ja“, Nina nickte, „endlich.“

Ein fröhliches Kreischen ertönte aus dem Nebenzimmer, in dem sich die Braut und ihre Brautjungfern fertigmachten.

„Daisy wird die hübscheste Braut sein, die es je gegeben hat“, sagte Sonnet aufgeregt. Die Braut war nicht nur Sonnets beste Freundin, sie war auch ihre Stiefschwester und im Begriff, die Liebe ihres Lebens zu heiraten. Für Daisy ging ein Traum in Erfüllung, und Sonnet freute sich unbändig für sie, doch gleichzeitig verspürte sie einen Stich in ihrem Herzen. Nun würde Daisy ihre geheimen Wünsche und Ängste mit einem anderen Menschen teilen. Ein anderer würde sie von nun an trösten und beschützen und immer für sie da sein; wenn es sein musste, auch mitten in der Nacht.

„Bis du dran bist“, riss Nina sie aus ihren Gedanken. „Denn dann wirst du die schönste Braut aller Zeiten sein.“

Sonnet drückte die Hand ihrer Mutter. „Mach dir bitte keine allzu großen Hoffnungen. Ich bin zu sehr damit beschäftigt, die Welt zu retten, das weißt du doch.“

„Vergiss aber bitte über all der Arbeit nicht, dich zu verlieben.“

Sonnet lachte. „Ich finde, das solltest du auf ein Kissen sticken lassen.“ Sonnet stockte der Atem, als sie nach draußen sah. Ungläubig starrte sie auf den größeren der beiden Trauzeugen des Bräutigams, der die Großmutter der Braut gerade zu ihrem Stuhl in der ersten Reihe begleitete.

In seinem grauen Cut bewegte er sich ausgesprochen elegant. Seine Größe war zwar auffallend, doch das Erstaunlichste an ihm war sein Haar, das lang und blass über seinen Nacken fiel und ihm einen mystischen Ausdruck verlieh. Sonnet konnte ihren Blick nicht von ihm lösen.

„Meine Güte“, sagte sie, „ist das etwa…“

„Ja“, bestätigte ihre Mutter. „Das ist Zach Alger.“

Sonnet nickte anerkennend.

„Er hat sich in den letzten Jahren ganz schön herausgemacht, nicht wahr?“, bemerkte Nina. „Ich hatte ganz vergessen, wie lange du ihn nicht gesehen hast. Ihr zwei standet euch ja mal sehr nahe.“

Zach Alger. Sonnet lehnte sich ein Stück aus dem Fenster, um ihn besser beobachten zu können. Der Mann draußen konnte unmöglich der Zach Alger sein, mit dem sie zusammen aufgewachsen war, dieser Junge, der damals blasser war als der Mond und große, komische Ohren und eine Zahnspange hatte. Dieser Mann hatte nichts mehr von diesem superschlaksigen Kind, das sich in der Sky River Bakery sein Taschengeld verdiente und während ihrer Highschoolzeit ihr bester Freund war.

Nach der Highschool hatten sich seine und ihre Wege getrennt. Sonnet hatte Zach Alger seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Jetzt konnte sie den Blick nicht von ihm lösen.

Nachdem er Daisys Großmutter zu ihrem Platz geführt hatte, holte er kleines Fläschchen aus der Innentasche seines Cuts und trank einen Schluck. Okay, dachte Sonnet, das ist der Zach, den ich kenne. Sie sah einen Mann, der mehr Talent hatte als Ambitionen und der seine schwierige Kindheit nicht abschütteln konnte. Zach Alger war Teil ihrer Vergangenheit, aber er hatte keinen Platz in ihrer Zukunft.

Die Unruhe im Nebenzimmer erinnerte Sonnet an ihre heutige Aufgabe. Sie linste durch den Türspalt und sah Daisy, die umgeben war von einem Hairstylisten, einem Make-up-Artist, dem Hochzeitsplaner und ihrer Mom Sophie sowie dem Hochzeitsfotografen und mehreren Leuten, die Sonnet nicht kannte. „Was meinst du?“, fragte Sonnet, „sollen wir Daisy helfen, zu heiraten?“

Nina lächelte. „Sie würde es niemals wagen, diesen Schritt ohne dich zu gehen.“

„Und auch nicht ohne dich. Indem du Daisys Vater geheiratet hast, hat sie den Stiefmutterjackpot geknackt.“

Nina lächelte sanft, und in ihren dunklen Augen lag derselbe Glanz wie damals, als es nur sie zwei gegeben hatte und sie zusammen ihren Weg in der Welt gesucht hatten. Nina war bereits als Teenager Mutter geworden, aber sie hatte sich stets liebevoll um Sonnet gekümmert. Jetzt war sie zwar verheiratet, doch ihre verschworene Vergangenheit gehörte ganz alleine Nina und Sonnet.

„Du wirst doch jetzt nicht rührselig, oder?“, fragte Sonnet.

„Ich fürchte doch. Warte nur, bis du die Braut sein wirst, dann werde ich vor Aufregung wohl sterben.“ Die Schatten im Zimmer wurden langsam länger, der Tag neigte sich dem Ende.

„Das wirst du nicht, Mom“, widersprach Sonnet. „Du wirst wie immer über dich hinauswachsen.“

Nina nahm ihre Hand, und gemeinsam traten sie durch die Tür.

2. KAPITEL

Die Hochzeit war wie eine laute, fröhliche Parade, die ganz langsam in der Ferne verebbt. Zurück blieb eine seltsam sanfte Stille. Sonnet stand auf dem Rasen vor dem Haupthaus im Camp Kioga und ließ ihren Blick über die verstreuten Blütenblätter gleiten. Eine tiefe Zufriedenheit breitete sich in ihr aus. Sie hatte ihre Sache gut gemacht.

Als Trauzeugin war sie in den gesamten Ablauf der Feier einbezogen worden. Sie hatte von der Planung des Junggesellinnenabschieds bis zur Auswahl der Farben für die Tischdekoration überall mitgeholfen. Doch heute war es nicht um so profane Dinge gegangen. Heute hatten sie mit Freunden und Verwandten ein so schönes, fröhliches Hochzeitsfest gefeiert, dass Sonnet es immer noch tief in ihrem Inneren nachhallen spürte.

Doch statt nach diesem langen, aufregenden Tag müde zu sein, fühlte sich Sonnet seltsam rastlos. Es war seltsam, an den Ort zurückzukehren, den sie einst ihr Zuhause genannt hatte, und so viele alte Bekannte zu treffen. Der Small Talk endete oft in der Frage, warum eine Frau wie Sonnet noch ohne Mann sei. Sie taten gerade so, als wäre es ein Verbrechen, mit achtundzwanzig Jahren noch unverheiratet zu sein.

Sonnet lächelte. Sie war nicht ungeduldig, dennoch erkannte sie im Trubel all der Hochzeitsvorbereitungen, dass beinahe alle, die sie kannte, fest liiert waren.

Sonnet atmete tief durch und ließ den Abend noch einmal Revue passieren. Sie freute sich, dass alles so gut gelungen war. Die Braut und der Bräutigam waren gerade erst abgefahren, und die Band baute im Schein der blinkenden Lichterketten gerade ihre Anlage ab. Die Catering-Crew räumte die verbliebenen Teller und Gläser weg, und die letzten Hochzeitsgäste verschmolzen langsam mit der Dunkelheit. Es war eine perfekte Herbstnacht, die nach trockenem Laub, reifen Äpfeln und verglühenden Kohlen vom Lagerfeuer am See duftete. Einige der Gäste gingen zum Parkplatz, während die von weit her angereisten Freunde und Bekannten auf die zauberhaften Bungalows am See zusteuerten, in denen sie übernachten sollten. Camp Kioga hatte sich in den vergangenen Jahren von einem Sommercamp für Kinder zu einem Luxusresort und Ort für Familienfeiern entwickelt. Die meisten Gäste waren wie Sonnet ein wenig beschwipst.

Der Mond blinzelte hell über die dunklen Berge, die den Willow Lake umstanden, und warf silbrige Schatten auf das stille Wasser. Irgendwo in der Nähe ertönte kindliches Lachen. Drei kleine Jungen und Mädchen jagten einander zwischen den aufgestellten Tischen. Im dämmrigen Licht konnte Sonnet nicht erkennen, zu wem die drei gehörten, aber ihre ungebremste Fröhlichkeit wärmte ihr das Herz. Sonnet liebte Kinder, und sie verspürte eine unbändige Sehnsucht, aber es war eine Sehnsucht, die vermutlich noch lange Zeit unerhört bleiben würde. Sie hatte große Pläne für die Zukunft, doch diese drehten sich im Moment noch nicht um ein eigenes Haus mit Mann und Kindern.

Das lag zum einen daran, dass es niemanden gab, mit dem sich Sonnet niederlassen wollte. Anders als Daisy, die die Liebe ihres Lebens gefunden hatte und zielsicher voranschritt, hatte Sonnet keine Vorstellung davon, wer dieser Mensch in ihrem Leben sein würde. Sie konnte sich nicht einmal vorstellen, dass es einen einzigen Mann geben konnte, der für sie die Welt bedeutete. Sonnet glaubte nicht, dass so ein Mensch überhaupt existierte. Sie vermisste allerdings auch nichts. Sie hatte nicht das Gefühl, als müsse sie das letzte fehlende Puzzleteil suchen und finden.

Sonnet entdeckte ihren Stiefvater, Greg Bellamy. Er ging über den arg ausgetretenen Garten zum Pavillon, um der Band ein Trinkgeld zu geben. Er strahlte bereits den ganzen Tag stolz übers ganze Gesicht. Sonnet ging zu ihm und streckte keck die flache Hand aus. „Hey, wo bleibt das Trinkgeld für die Trauzeugin?“

Greg lachte leise. Er sah in seinem Smoking umwerfend gut, aber auch sehr müde und ein wenig zerzaust aus. Die schwarze Fliege hing offen um seinen Hals, und der oberste Knopf seines Hemds war geöffnet. „Ich kann dir einen guten Rat geben, wenn du magst. Nimm vor dem Zubettgehen ein paar Kopfschmerztabletten. Die helfen gegen die Nachwirkungen der Jell-O-Shots, die du beim Empfang genascht hattest.“

„Das hast du gesehen?“ Sie lächelte keck.

„Du hast sie dir verdient. Du hast die Hochzeit heute gut gemanagt. Du hast einfach umwerfend ausgesehen, und dein Toast beim Empfang war einfach unglaublich komisch. Es hat allen sehr gut gefallen. Du bist die geborene Rednerin.“

„Ja? Hab vielen Dank. Für einen bösen Stiefvater bist du selbst gar nicht so schlecht.“ Sonnet liebte den Ehemann ihrer Mutter, er war ihr über die Jahre zu einem großartigen Mentor und Freund geworden. Aber er war nicht ihr Vater. Diese Rolle hatte Sonnets leiblicher Vater, General Laurence Jeffries, inne, der während ihrer Kindheit fern vom malerischen Avalon seine eigene Karriere verfolgt hatte. Erst als Sonnet auf die American University ging und danach ein Aufbaustudium an der Georgetown absolvierte, hatten sie und Laurence Kontakt zueinander aufgenommen. Sie hatte sich kopfüber in seine Welt aus Staatsdienst, Strategie und Diplomatie gestürzt und sein Wissen und seine Expertise wie ein Schwamm aufgesaugt.

Sie war die Erste, die freiwillig zugab, dass die Heldenverehrung ihre Beziehung zu Laurence wesentlich schwieriger machte als die zu Greg.

Nina gesellte sich zu ihnen. Sie ging barfuß und trug die hochhackigen Schuhe in der Hand. „Was höre ich da von Jell-O-Shots? Wieso erfahre ich das erst jetzt?“

„Vertrau mir“, sagte Greg. „Die Champagnercocktails waren wesentlich besser.“

„Du hast sicher recht. Du warst übrigens ein fabelhafter Brautvater.“ Sie lächelte Greg an.

„Ich habe geweint wie ein Baby.“ Greg grinste verlegen.

„Das haben wir doch alle“, versicherte Sonnet. „Hochzeiten haben einfach immer die gleiche Wirkung. Und die von Daisy umso mehr, nach allem, was die Arme hat durchmachen müssen.“

„Wo wir gerade von Durchmachen sprechen, ich glaube, ich sehe besser nach, ob wir auch alle Rechnungen beglichen haben.“

„Ich begleite dich besser“, sagte Nina. „Vielleicht brauchst du eine Stütze, sobald du die Summen siehst.“

Greg legte zärtlich einen Arm um ihre Schulter. „Wie wäre es, wenn wir uns mit einem letzten Glas Champagner noch etwas Mut antrinken?“

„Das ist eine gute Idee.“ Nina nahm drei Champagnergläser von einem nahe stehenden Tisch. „Kommst du mit uns hinunter zum See?“

Sonnet fand eine halb volle Champagnerflasche und goss ein wenig davon in ein Glas. „Nein, ich denke, ich bleibe hier.“ Sie stockte. Ihre Arbeit als Trauzeugin war getan. Sie hatte keine weiteren Aufgaben mehr. Dennoch wollte sie die zwei nicht stören. „Ich denke, ich trinke allein.“

„Ach mein Schatz“, seufzte Nina Bellamy und lächelte ihre Tochter zärtlich an, „deine Zeit wird kommen, glaube mir. Niemand kann dir sagen, wann oder wo, aber es wird passieren.“

„Ach Mom“, Sonnet verzog das Gesicht, „ich trauere nicht über mein Liebesleben. Das ist wirklich das Letzte, was mich im Moment interessiert.“

„Wenn du das sagst.“ Nina prostete ihr zu.

„Ja, das sage ich. Und nun geht. Trink du mit deinem Ehemann. Wir sehen uns dann morgen früh.“ Sonnet scheuchte sie mit ihrer freien Hand weg. „ Ich habe vor, den Mittagszug in die Stadt zu nehmen.“ Sie schaute ihrer Mutter und ihrem Stiefvater hinterher, wie sie über den sanft zum See hin abfallenden Rasen gingen.

Am Ufer blieben sie stehen und schauten auf die vom Mond erleuchtete Oberfläche. Greg stand schützend hinter Nina und hatte seine Hände vor ihrem Bauch verschränkt. Sonnet seufzte. Sie freute sich so sehr für das Glück ihrer Mutter. Doch gleichzeitig spürte sie einen Stich in ihrem Herzen. Sonnet versuchte, sich selber in der Rolle als Braut zu sehen. Würde ihr leiblicher Vater sie so ergriffen den Gang hinunterführen, wie Greg es für Daisy getan hatte? Greg waren die Tränen der Rührung nur so über die Wangen geströmt. General Laurence Jeffries würde so etwas gewiss nie passieren. Er war immerhin Kandidat für den US-Senat und mehr eine Galionsfigur als ein Vater.

In ihrer Fantasie sah Sonnet sich und ihren Vater den Gang entlanggehen. Doch von dem Mann, der auf sie wartete und sie heiraten würde, hatte sie keine Vorstellung. Also würde sie garantiert nicht ihre Zeit damit vergeuden, auf ihn zu warten.

„Ich hasse Hochzeiten.“ Wie aus dem Nichts schlenderte Zach Alger plötzlich auf Sonnet zu und riss sie aus ihren Gedanken. Er trank einen großen Schluck aus der Bierflasche, die er in der Hand hielt. „Vor allem hasse ich Hochzeiten, auf denen ich mich benehmen muss.“

Sonnet hatte den Tag über immer wieder zu Zach geschaut. Es faszinierte sie zu sehen, was aus ihrem ältesten Freund geworden war. Während der Feier hatten sie keine Gelegenheit gefunden, sich zu unterhalten. Der Abend war viel zu schnell vorbeigegangen, und sie war als Trauzeugin zu beschäftigt gewesen. Jetzt betrachtete sie den Freund aus alten Kindertagen ein wenig angeheitert vom Alkohol und vom Tanzen. Sie konnte sich kaum noch vorstellen, dass dieser Mann einmal so eine wichtige Rolle in ihrem Leben gespielt hatte. Sie kannte ihn so gut, dass sie, anders als die meisten Frauen an diesem Abend, nicht unsicher zu schwanken begann, sobald er an ihr vorbeiging. Dennoch fiel es auch ihr schwer, sich seinem Charme zu entziehen. Zach sah einfach umwerfend aus. Sein Haar war so blond, dass es beinahe schon ins Weiß überging, und sein Körper glich dem eines durchtrainierten griechischen Athleten. Allerdings schien Zach nicht zu ahnen, welche Wirkung er auf Frauen hatte.

Sonnet rümpfte kurz die Nase. Ungewollt verfiel sie wieder in ihre alte Rolle als sein Sidekick. „Du meinst, es gibt auch Hochzeiten, bei denen du dich nicht benehmen musst?“ Sie nahm ein unberührtes Champagnerglas von einem der Tische, die noch nicht abgeräumt worden waren.

„Ich habe mehr Hochzeiten gefilmt als Baseballspiele gesehen. Seit fünf Jahren hatte ich beinahe keinen freien Samstagabend mehr. Und was tue ich, wenn endlich mal einer kommt? Ich gehe auf eine verdammte Hochzeit.“

„Auf Daisys Hochzeit.“

„Egal. Ich hasse sie alle.“

Sie funkelte ihn an. „Wie kannst du Daisy Hochzeit hassen?“

Diese Worte aus ihrem eigenen Mund zu hören, stimmte sie nachdenklich. Nicht etwa weil Daisy den Mann ihrer Träume geheiratet hatte, das war ganz wundervoll, aber das wirkliche Wunder war, dass Daisy überhaupt geheiratet hatte. Sie hatte unter der Scheidung ihrer Eltern sehr gelitten, und als Daisys Vater und Sonnets Mutter gerade frisch zusammen waren, hatten beide Mädchen darin übereingestimmt, dass es viel zu gefährlich war, zu heiraten. Sie hatten einen Pakt geschlossen.

Jetzt war Daisy glücklich verheiratet, und es blieb an Sonnet hängen, ihren Teil des Pakts zu erfüllen. Beim Gedanken daran zuckte sie innerlich zusammen. Dank ihrer Arbeit als Direktorin bei der UNESCO hatte sie eigentlich keine Zeit, sich zu verabreden, geschweige denn, sich zu verlieben. Und dennoch träumte sie ständig davon. Doch wer tat das nicht? Wer wollte nicht die Art Liebe finden, die Daisy gefunden hatte? Oder Sonnets Mutter und Greg Bellamy? Selbst die Oberhäupter des Bellamy-Familie, Jane und Charles, waren seit über fünfzig Jahren glücklich verheiratet.

Natürlich wollte Sonnet all das auch! Sie wollte diese unbändige Liebe spüren, die Nähe zu einem Seelenverwandten, mit dem sie eine Familie gründen konnte. Das klang so faszinierend und so unerreichbar. Sonnet war bisher an jeder ernsthaften Beziehung gescheitert, weil sie nie wusste, wie sie diese festigen konnte.

Doch zuletzt hatte ausgerechnet ihr Vater eine Wende herbeigeführt und ihr einen Mann vorgestellt. Orlando Rivera leitete das Wahlkampfteam des Generals und kam ebenso wie er von West Point. Orlando Rivera war Mitte dreißig, unglaublich gut aussehend und der älteste Sohn einer vermögenden kubanisch-amerikanischen Familie. Er sah aus wie ein Latin Lover und sprach fließend Englisch und Spanisch. Doch was viel wichtiger war, war die Tatsache, dass er ein enger Mitarbeiter ihres Vaters war und von diesem respektiert wurde.

„Ich darf hassen, was ich will“, sagte Zach. Er nahm ihr das Champagnerglas aus der Hand und leerte es in einem Zug.

Sonnet nahm Zach das Glas wieder aus der Hand und griff trotzig nach einer halb leeren Flasche, die in einem Sektkühler schwamm. „Es war Daisys großer Tag. Wenn du ein Gentleman wärst, würdest du dich für sie freuen. Und für mich“, murrte sie, „immerhin war ich die Trauzeugin meiner besten Freundin.“

„Hey“, schimpfte Zach, „und ich dachte immer, ich sei dein bester Freund.“

„Du kommst mich ja nicht einmal besuchen.“ Sonnet seufzte übertrieben dramatisch. „Du rufst nicht an, du schreibst keine Briefe oder E-Mails und außerdem kann ich mehr als nur einen besten Freund haben.“

„Bester ist ein Superlativ. Davon kann es nur einen geben.“

Sonnet goss Champagner in ihr Glas und trank einen Schluck. Sie genoss den leichten Schwindel, den das prickelnde Getränk verursachte. „Du und deine verrückten Regeln. Ihr beide seid meine besten Freunde, und dagegen kannst du gar nichts tun.“

„Ach ja? Mir fällt bestimmt etwas ein.“ Zach ergriff Sonnets Hand und zog sie daran hinunter zu der dunklen, glatten Weite des Willow Lake.

„Was zum Teufel tust du da?“ Sonnet versuchte, ihre Hand aus seinem Griff zu lösen.

„Die Party ist vorüber, aber ich bin noch nicht müde. Bist du müde?“

„Nein.“ Sonnet verschlug es die Sprache.

„Hey, sieh dir das an.“ Er ging voran zur Wasserrutsche, die am Ufer stand.

„Was soll ich mir ansehen? Soll ich mir meine Schuhe ruinieren?“

Zach drehte sich zu ihr um. „Dann zieh sie aus.“

Sonnet sah ihn missbilligend an.

„Stütz dich auf mich.“ Er kniete sich vor ihr nieder und zog ihr erst die eine, dann die andere Sandale aus. Seine Berührung jagte ihr einen unerwarteten Schauer über den Rücken. „So ist es viel besser.“

Sonnet rümpfte gespielt die Nase. Sie war nicht bereit, zuzugeben, dass sich der raue Sand des Seestrandes unter ihren nackten Füßen herrlich anfühlte. „Na gut, und was soll ich mir nun anschauen?“

„Ich habe hier etwas gesehen.“ Er zeigte auf das Wasser, das sanft gegen das Ufer schlug.

Dann sah Sonnet, was Zach meinte. Erst war es nur ein schwaches Schimmern im Mondlicht. Sonnet runzelte die Stirn und hob den Saum ihres Kleides, um ins Wasser zu waten und sich den unerwarteten Gegenstand zu schnappen. „Es ist eine Champagnerflasche“, sagte sie. „Jemand muss sie ins Wasser geworfen haben.“ Sie hielt sie in den Himmel und betrachtete sie mit zusammengekniffenen Augen. „Da steckt eine Nachricht drin, Zach.“

„Wirklich? Hol sie mal raus, die will ich sehen“, sagte er.

„Auf keinen Fall“, erwiderte sie resolut. „Wir wissen nicht, wem sie gehört, und es ist bestimmt etwas Privates.

„Was? Wie kannst du eine Flaschenpost finden und sie dir nicht anschauen?“

„Es gehört sich nicht, seine Nase in fremder Leute Angelegenheiten zu stecken.“ Trotzig warf sie die Flasche so weit sie konnte weg. Sie landete mit einem hörbaren Platsch irgendwo in der Dunkelheit. „Welch ein Idiot hinterlässt schon eine Flaschenpost in einem See?“, fragte sie.

„Du hättest wenigstens nachschauen können“, entgegnete Zach mürrisch. „Es könnte wichtig gewesen sein. Vielleicht handelte es sich um einen Hilferuf, den du jetzt einfach ignoriert hast.“

„Vielleicht handelte es sich aber auch um die übertrieben ängstliche Poesie eines unglücklich verliebten Teenagers, und ich habe ihm einen Gefallen getan, sie wegzuwerfen.“

„Na klar.“ Zach zog Sonnet an der Hand zum Steg, der auf den Weg hinausführte.

Sonnet zierte sich. „Warte mal. Was hast du vor?“

„Ich habe Wendela versprochen, das Boot zum Bootshaus zurückzubringen.“

Wendela war Daisys Hochzeitsplanerin. Zach arbeitete eng mit ihr zusammen und erledigte auch andere Aufgaben für sie. In einer kleinen Stadt wie dieser war es eine gute Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Zach war sehr talentiert, Wendela hatte Sonnet während des Empfangs von seinen vielen Auszeichnungen erzählt. Dennoch kämpfte Zach wie beinahe alle begabten Künstler ums Überleben. Von Preisen allein konnte man nicht leben, und sie versprachen auch kein gutes Einkommen.

„Du bist heute als Gast auf dieser Hochzeit“, protestierte Sonnet. „Wendela erwartet bestimmt nicht, dass du heute Abend noch für sie arbeitest.“

„Seit wann ist es Arbeit, mit einem Boot zu fahren?“

„Das stimmt natürlich auch. Was ist das nur mit Männern und Booten?“

„Es gibt einfach Dinge, denen wir unmöglich widerstehen können.“ Zach löste seine Fliege und öffnete den obersten Knopf seines Hemds. Sein Adamsapfel hüpfte auf und ab, als er erleichtert seufzte.

Guter Gott, machte Zach inzwischen etwa Sport? Sie fragte ihn nicht, weil jeder wusste, dass dies nur eine andere Form war zu sagen, dass man sein Gegenüber ausgesprochen sexy fand.

Und das tat sie nicht. Wie sollte sie auch? Es war Zach, der ihr gegenüberstand, ihr ältester, so vertrauter Freund, der plötzlich dennoch so exotisch auf sie wirkte.

„Ich hätte diese Jell-O-Shots nicht kosten dürfen“, murmelte Sonnet. Um sich abzulenken, trat sie an den Rand des Stegs und schaute über den See. Das Wasser glitzerte im Mondschein. Der Anblick rief unzählige Erinnerungen in ihr wach. Wie oft war sie in der Vergangenheit schon hier gewesen.

Während ihrer Schulzeit war Camp Kioga geschlossen, und sie hatte sich mit Zach und ihren Freunden an heißen Sommertagen auf das Grundstück geschlichen, um zu schwimmen und die glorreichen Tage des Resorts aufleben zu lassen, die es in den 1920er-Jahren erlebt hatte. Von Zeit zu Zeit waren Zach und sie allein ins Bootshaus geschlichen, um so zu tun, als seien sie Schmuggler oder Piraten oder Zirkusartisten. Manchmal verloren sie sich so sehr in ihrer Fantasie, dass sie die Zeit vergaßen. Sonnet erinnerte sich an stundenlange Gespräche, die scheinbar nur Lappalien und dennoch alle wichtigen Lebensfragen umrissen hatten. Wenn sie mit Zach zusammen war, kam es ihr nie komisch vor, dass sie ohne einen Vater aufwuchs, dass sie eine andere Hautfarbe hatte als er und dass ihre Mutter immer hart arbeiten musste, damit sie beide über die Runden kamen. Wenn sie mit Zach zusammen war, war sie sie selbst. Vielleicht fühlte sich ihre Freundschaft deshalb so unverwüstlich an, selbst wenn sie einander kaum noch sahen.

Der Ruf einer Eule riss Sonnet aus ihren Gedanken. „Es ist schon spät“, sagte sie leise, „ich denke, ich werde besser gehen.“

Zach schloss seine Hand vorsichtig um ihr Handgelenk. „Komm mit mir.“

Sonnet erschauderte, doch sie widersetzte sich nicht, als Zach sie an sich zog. Er legte einen Arm um ihre Taille und führte Sonnet zum Boot, das am Ende des Stegs festgebunden war. Es war einer dieser uralten Chris-Craft-Flitzer, dessen auf Hochglanz polierter Holzrumpf und Messingbeschläge im Mondlicht förmlich leuchteten. Mit dem alten Boot hatte man Braut und Bräutigam ganz romantisch zu dem Dock für das Wasserflugzeug gebracht, von wo aus sie in ihre Flitterwochen im Mohonk Mountain House geflogen wurden. Am Heck hing noch ein „Just Married“-Schild.

„Halt dich an mir fest“, flüsterte Zach. „Ich will nicht, dass du ins Wasser fällst.“

„Ich werde schon nicht fallen“, sagte Sonnet selbstbewusst, nur um sich im nächsten Augenblick an Zach zu klammern, weil das Boot bei ihrem Einstieg doch gefährlich schwankte. Es roch nach Seewasser und den frischen Blumen, mit denen das Boot dekoriert worden war. Der Geruch machte sie ein wenig schwindelig. Der Champagner zeigte langsam Wirkung.

„Nimm meine Jacke.“ Zach legte ihr seinen Mantel um die Schultern. „Es ist heute Nacht ein wenig frisch.“

Sonnet setzte sich ins Cockpit und spürte die besondere Wärme seines Körpers, die noch im Futter seines Mantels hing. Die glatte Seide fühlte sich wunderbar an auf ihrer Haut, und der leichte Duft von Aftershave und Schweiß stieg ihr in die Nase. Oh je, dachte sie.

Sie schnappte sich die offene Champagnerflasche, die in dem Fach zu ihren Füßen stand, und trank daraus lang und durstig. Warum eigentlich nicht? dachte sie. Sie hatte all ihre Pflichten erfüllt, jetzt durfte auch sie sich endlich entspannen.

Zach löste die Leinen und stieß das Boot vom Steg ab. Dann schaltete er die Lichter und den Motor an und steuerte das Chris-Craft mit erfahrener Leichtigkeit. Er hatte ein Händchen für alles Technische, ganz gleich ob er ein altes Motorboot oder eine komplizierte Videokamera bedienen sollte. Während sie über die glatte Wasseroberfläche zum Bootshaus glitten, musste sich Sonnet eingestehen, dass sie trotz ihrer Liebe zu New York die Catskills vermisste. Sie liebte den Anblick des Mondscheins auf dem Wasser, das frische Gefühl des Windes in ihrem Gesicht, die Stille und Dunkelheit der Natur sowie die Vertrautheit eines Freundes, der sie so gut kannte, dass sie nicht einmal miteinander reden mussten.

Sie trank noch einen Schluck Champagner und fühlte sich seltsam ausgelassen, als sie die losen Blütenblätter hinter dem Boot in der Nachtluft tanzen sah.

Sie bot Zach wortlos die Flasche an.

„Nein danke“, sagte er. „Erst, wenn ich das Boot wieder festgemacht habe.“

Sie lehnte sich zurück und genoss die kurze Fahrt zum Bootshaus, das im goldenen Schein der Lichter am Steg vor ihnen lag.

Über das Dröhnen des Motors hinweg zeigte Zach hinauf zum Himmel. „Siehst du das Sternenbild dort? Es heißt Coma Berenices, das Haar der Berenike. Berenike war eine ägyptische Königin, die der Sage nach ihr Haar der Göttin Aphrodite opferte, um die sichere Rückkehr ihres Ehemannes aus dem Krieg zu erbitten. Aphrodite aber gefiel das Haar so gut, dass sie es mit in den Himmel nahm und zu einer Gruppe Sterne verwandelte.“

„Nennt man das einen Good-Hair-Day?“ Sonnet war inzwischen mehr als nur ein wenig beschwipst. „Ich würde meine Haare niemals abschneiden lassen. Es dauert Jahre, bis sie wieder nachwachsen.“

„Nicht einmal, um das Leben deines Mannes in einer Schlacht zu schützen?“

„Ich habe keinen Mann, also behalte ich lieber mein sagenumwobenes Aussehen für mich. Berenikes Haar, woher hast du nur all dein Wissen?“

„Aus dem Internet. Ich schaue dort gern nach unnötigen Dingen nach.“

„Wenn es dir Spaß bringt.“

„Dort findet man Antworten auf nie gestellte Fragen. Hast du je ein Video von den Naga-Feuerbällen gesehen?“

„Ich hatte noch nicht das Vergnügen.“

„Du bist zu beschäftigt damit, erfolgreich zu sein?“

„Seit wann ist das ein Verbrechen?“

„Ich habe nicht gesagt, dass es eines ist.“ Zach lenkte das Boot ins Bootshaus und stellte den Motor ab, damit es langsam an seinen Liegeplatz gleiten konnte. Das Wasser schwappte leise auf, und die Fender stießen sacht an die Nachbarboote.

„So“, sagte er und nahm ihr die Champagnerflasche ab. „Meine gute Tat des Tages ist vollbracht. Auf dich und deine Schönheit, Kleine.“

„Hier drin ist es viel zu dunkel, um das beurteilen zu können“, widersprach sie. „Ach, ich vergaß, es ist ein Zitat aus einem Film. Mir entfällt immer wieder, dass du ein wandelndes Filmlexikon bist.“

„Und du bist ein Filmbanause.“

„Wir haben eben nichts gemeinsam.“

Zach gab Sonnet die Flasche zurück und wühlte in der Ablage im Cockpit herum. Dann flammte ein Streichholz auf, und er zündete ein paar Votivkerzen an, die vom Fotoshooting mit dem Brautpaar am Abend übrig geblieben waren. Als er Sonnet die Flasche wieder abnahm, lächelte er vielsagend. „Jetzt aber trinke ich auf deine Schönheit.“

Sonnet hielt seinem Blick stand. Die Gefühle, die in ihr aufstiegen, verwirrten sie, denn sie hatten nichts mit dem Champagner zu tun, den sie am Abend getrunken hatte. Zach war ihr so vertraut wie der Willow Lake und die Stadt Avalon und gleichzeitig so unerklärlich fremd. Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie sich so unbeschreiblich nah gewesen waren, doch nach der Highschool hatten sich ihre Wege getrennt. Seitdem sahen sie sich nur noch unregelmäßig und kurz. Entweder war sie nur kurz zu Besuch oder er sehr zu beschäftigt.

Doch heute Nacht war alles anders. Heute Nacht musste keiner von ihnen mehr fort. Ihnen gehörte dieser kostbare Augenblick.

Sonnet spielte an einem Knopf am Armaturenbrett herum. „Hat das Boot ein Radio?“

„Ja, sogar ein Stereoradio.“ Zach beugte sich vor und drückte auf einen Knopf. Eine wohlbekannte Melodie erklang. Sonnet kannte das Lied aus der Zeit ihrer Großeltern. „What a Wonderful World.“

„Was ist das?“ Sie zeigte auf einen kleinen Monitor.

„Ein Fischsucher. Willst du ihn mal anschalten und sehen, wo die Fischlein sind?“

„Nein. Und das?“ Sie zeigte auf ein würfelförmiges Objekt, das in der Mitte stand.

„Ein GoPro. Es ist ein Camcorder, den man hauptsächlich bei Sportereignissen einsetzt.“

Er machte die Musik lauter. „Du hast heute Abend nicht ein einziges Mal mit mir getanzt“, sagte er.

„Du hast mich nicht aufgefordert.“ Sonnet sah ihn herausfordernd an.

„Dann tanz jetzt mit mir.“

„So fordert man eine Dame nicht auf.“

Zach seufzte übertrieben und bot Sonnet seine ausgestreckte Hand an. „Okay. Darf ich bitten?“

„Und ich dachte schon, du würdest niemals fragen.“ Sie stand auf, und das Boot schwankte ein wenig.

„Vorsichtig. Vielleicht solltest du etwas vorsichtiger mit dem Champagner umgehen.“

Zach führte Sonnet aus dem Boot heraus auf den Steg. Ihr Kopf reichte ihm bis zur Schulter. Als sie in der Unterstufe auf der Highschool waren, konnte sie ihm noch direkt in die Augen sehen. Heute musste sie den Kopf dafür in den Nacken legen. Damals war Zach so dünn wie eine Bohnenstange gewesen. Doch das war vor seinem Wachstumsschub.

Jetzt war er keine Bohnenstange mehr. Wie ihre Mutter so richtig gesagt hatte, war Zach über sich hinausgewachsen. Im Kerzenlicht sah er einfach umwerfend aus. Er war Prinz Charming, der mit seinem jungenhaften Lächeln alle bezauberte. Sonnet behielt diese überraschende Einsicht für sich, weil sie instinktiv wusste, dass sie nicht weiter in diese Richtung gehen sollte.

Zach hielt ihre Taille sanft umschlungen. Die alten Freunde wiegten sich mit einer Leichtigkeit im Takt der Musik, als wäre es das Natürlichste der Welt. Sonnet hatte an diesem Abend mit einigen Männern getanzt, aber mit keinem hatte sie sich so im Takt und so gefangen gefühlt wie mit Zach.

„Du hast das seit unseren glorreichen Tagen in der siebten Klasse tun wollen“, murmelte er leise.

„Also bitte. Du warst klein und unausstehlich, und ich hatte den ganzen Mund voller Metall.“

„Ich weiß. Aber ich erinnere mich, dass ich mir trotzdem mehrmals gewünscht habe, dich zu küssen.“

Sonnet schob ihn ein Stück von sich. „Ich bin froh, dass du mir das nie erzählt hast. Das hätte das Ende unserer wunderbaren Freundschaft bedeutet. Ich hätte es sowieso niemals zugelassen. Du hast ganz bestimmt grauenhaft geküsst.“

„Du weißt nicht, was du verpasst hast, mein kleines Metallmädchen. Ich war gut und ich bin sogar noch besser geworden. Ich hoffe nur, dass auch du dich weiterentwickelt hast.“

„Oh, und wie“, versicherte sie ihm und erkannte in dem Moment, dass sie flirtete. Und mit wem sie flirtete. Sie löste sich aus der Umarmung und sagte: „Ich möchte zum Haupthaus zurück. Ich habe bislang noch gar nichts von der Hochzeitstorte abbekommen.“

„Da hast du Glück.“ Er griff in den Bauch des Bootes und holte eine große Platte mit einer kuppelförmigen Abdeckung heraus. Im Radio lief „Muskrat Love“, ein grauenhaft tonloser Song aus den Siebzigern.

„Zachary Lee Alger. Das hast du nicht getan.“

„Hey, sie hätten sie sonst weggeworfen. Eine Torte aus der Sky River Bakery einfach so wegzuwerfen, ist ein Kapitalverbrechen.“ Er brach ein Stück mit den Fingern ab und steckte es sich in den Mund, den er genießerisch verzog. „Ich glaube, ich bin gerade ein kleines bisschen gestorben.“

Zach brach ein weiteres Stückchen der Torte ab und steckte es Sonnet in den Mund. Sie konnte nicht widerstehen. Die Schokolade schmolz seidenglatt über ihre Zunge. Sie schloss die Augen und genoss den Geschmack der Haselnuss, die in den Buttercremeguss eingearbeitet worden war. „Bist du sicher, dass das legal ist?“

„Würde es dir was ausmachen, wenn es das nicht wäre?“

„Nein.“ Sie aß einen weiteren Bissen. „Und wie cool ist es bitte, dass die Torte von der Sky River Bakery kommt?“

Die alteingesessene Familienbäckerei war seit Generationen eine Institution in der Stadt. Zach hatte sich während der gesamten Highschool-Zeit im Morgengrauen in die dortige Backstube geschleppt, um Teige anzusetzen und die Öfen anzufeuern.

„Du hast mir morgens immer Gebäck mitgebracht“, erinnerte sie sich.

„Ich habe dich verwöhnt.“

Sie spülte das Stück Kuchen mit etwas Champagner hinunter. „Es ist erstaunlich, dass ich nicht auseinandergegangen bin wie ein Hefeteig.“

„Für mich nicht. Du hast damals nie mehr als zehn Sekunden am Stück still sitzen können. Bist du immer noch so rastlos?“

Sonnet dachte einen Moment lang nach. „Ich schätze, ich war einfach heiß darauf, endlich zu leben.“

„Immer ambitioniert. Immer nach Höherem strebend.“

„Aus deinem Mund hört es sich so an, als sei das etwas Schlechtes.“

„Das ist es auch, wenn es einen von dem fernhält, was wichtig ist.“

Sie runzelte die Stirn. „Und das wäre?“

„So was zum Beispiel.“ Mit einer kleinen Handbewegung zog Zach Sonnet sanft an sich und küsste sie lang und verlangend. Sonnet war perplex. Doch sie war nicht sicher, ob es sie mehr schockierte, dass sie geküsst wurde oder dass es Zach Alger war, der seine Lippen auf die ihren presste. Beinahe schockierender allerdings war, dass Zach nicht gelogen hatte. Während er Sonnet mit sanfter Beharrlichkeit festhielt, wurde sein Kuss sanfter. Seine Zunge berührte eine Stelle, die Sonnet den Atem raubte. Es war der beste Kuss, den sie jemals genießen durfte.

Die größte Überraschung aber war, dass es Zach Alger war, der sie grad küsste. Jener Zach Alger, dem sie im Kindergarten nur zu gern den Apfel aus der Brotdose geklaut und den sie unzählige Male vom Steg in den Willow Lake geschubst hatte. Zach und sie hatten vor Jahren regelmäßig die Hausaufgaben voneinander abgeschrieben und sich immer wieder gemeinsam die Toy Story und Family Guy angesehen. An Zachs Schulterhatte sich Sonnet jedes Mal ausgeweint, wenn ihr wieder einmal das Herz gebrochen worden war. Er war der Erste, der alle Neuigkeiten erfahren hatte, ganz gleich, ob sie einen Platz auf dem College bekam, ihre Mutter heiratete, sie einen Praktikumsplatz in Deutschland ergattern oder ihren Vater kennenlernen konnte.

Zach und Sonnet hatten sich in all den Jahren nie wirklich aus den Augen verloren, auch wenn sie einander nicht oft gesehen hatten. Sie hatten große und kleine Momente miteinander geteilt, Glück und Trauer, Dummheiten und Ernsthaftes. Er war der Freund, der immer da war, und doch fühlte sich dieser Moment jetzt ganz unwirklich an. Jetzt begegneten sie einander auf völlig neue Weise. Die Welt schien aus dem Gleichgewicht zu geraten.

Sonnet spürte ein verrücktes Gefühl, das wesentlich intensiver war, als sie es sich je hätte vorstellen können. Der Champagner beflügelte sie, weckte aber auch ungeahnte Gefühle. Sonnet spürte eine Lust, der sie nicht widerstehen konnte.

Mühsam löste sie sich von Zach, die Fäuste immer noch in den Stoff seines Hemdes gekrallt. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass du so küssen kannst“, flüsterte sie zittrig.

„Ich kann noch mehr“, raunte Zach. Er neigte den Kopf, um Sonnet erneut zu küssen. Seine Lippen suchten und tasteten gierig nach ihr, seine Arme hielten sie fest, als sei sie etwas ganz Besonderes.

Von Gefühlen übermannt gab sich Sonnet ganz hin. Sie war verwirrt, denn es war Zach, der sie hier so innig hielt und diese Lust in ihr entfachte. Zach, der ihr so vertraut und nahe war. Mit einem Mal sah sie ihn mit ganz anderen Augen. Er hob ihre Arme über den Kopf und wisperte. „Du schmeckst köstlich. Dich zu küssen ist, wie frischen Pfirsichkuchen zu essen.“ Sonnet musste lachen. Dann küssten sie sich wieder. In Sonnet flammte ein schlechtes Gewissen auf. Es mahnte sie vor schlimmen Konsequenzen. Sie würden ihre Freundschaft aufs Spiel setzen. Doch Sonnet schlug alle Warnungen in den Wind.

„Wir machen hier gerade einen Riesenfehler“, raunte sie, „aber ich kann einfach nicht aufhören.“

„Dann hör auf, es zu versuchen“, flüsterte er lüstern.

„Zach, ich denke nicht …“, Sonnet stockte

„Genau“, hauchte Zach, „versuche einmal, nicht zu denken.“

Er machte es ihr leicht, der Vernunft zu entfliehen. Die Nacht war lau, Zach war smart und die Sitzbank des alten Motorbootes war dick mit Leder gepolstert. Sie zwei waren nach so langer Zeit wieder vereint. Seine Küsse schmeckten nach Champagner, nach Schokoladentorte und nach Erinnerungen, die so alt und so süß waren, dass Sonnet nicht mehr wusste, ob es sich um Erinnerungen oder um Träume handelte.

Er zog sich zurück, öffnete seinen Mantel, den sie noch trug, und schob ihn von ihren Schultern. Seine Hände glitten über das eng anliegende Oberteil, während er ihr ins Ohr flüsterte: „Ich will dir das hier ausziehen.“ Ohne auf ihre Antwort zu warten, öffnete er den Reißverschluss des Seidenkleides.

Irgendwo inmitten der verwirrenden Küsse und dem vom Champagner und den Jell-O-Shots hervorgerufenen Nebel flammte ein kleines Nein auf und schwappte auch gleich wieder davon. Übrig blieb etwas, das sie zu Zach Alger noch niemals gesagt hatte, obwohl sie ihn ihr ganzes Leben lang kannte.

„Ja.“

2. TEIL

 

„Dinge, die ich tun will, bevor ich dreißig werde“

(überarbeitet)

Diplom

ein Stipendium gewinnen

einen Grund finden, um nicht auf das zehnjährige Klassentreffen gehen zu müssen

mich wirklich verlieben

Erfolg birgt seine eigenen Enttäuschungen.

Maya Angelou

(geb. Marguerite Ann Johnson, 4. April 1928)

3. KAPITEL

Es konnte einfach keinen besseren Tag geben als diesen. Sonnet Romano genoss die Sonne und die klare Luft, als sie auf ihrem Weg zur U-Bahn-Station an der 77. Straße den Central Park durchquerte.

Das schöne Frühlingswetter war nur das Sahnehäubchen auf diesen gelungenen Tag. New York City zeigte sich von seiner besten Seite, und Sonnet war voller Vorfreude auf das, was ihr bevorstand.

Sie holte ihr Handy aus der Tasche, um die guten Nachrichten mit jemandem zu teilen.

Die erste gute Nachricht war, dass ihr Vater sie und Orlando zum Dinner im Le Cirque eingeladen hatte. Die Zeit mit ihrem Vater war kostbar, denn General Laurence Jeffries befand sich mitten im Wahlkampf um einen Sitz im Senat. Sonnet konnte es kaum erwarten, ihm von den Neuigkeiten zu berichten und sich mit ihm zu beraten.

Orlando. Er war der zweite Grund für Sonnets Glücksgefühle. Er war der ideale Freund und ein Mann, der nahezu zu gut zu sein schien, um wahr zu sein. Alle Freunde und Bekannten fanden, dass sie ein großartiges Paar abgaben. Ihre Beziehung wurde immer schöner. Erst heute Morgen hatte er ihr den Schlüssel zu seiner Wohnung überreicht. Wobei der Begriff Wohnung eher unpassend war, denn Orlando besaß einen so großzügigen Loft an der East Street, dass allein die Kleiderschränke größer waren als Sonnets ganze Wohnung. Orlando war niemand, der leichtfertig seine Schlüssel verteilte. Orlando hatte Sonnet gesagt, dass er vor ihr noch niemandem einen Schlüssel gegeben hätte. Es musste etwas bedeuten. Ihre Freude zeigte ihr, dass sie endlich über diesen Fehltritt mit Zach hinweggekommen war. Die Nacht mit ihm nach Daisys Hochzeit im letzten Herbst war ein großer Fehler gewesen.

Warum also, fragte sie sich, schwebt mein Finger über seiner Kurzwahl wie die Planchette auf einem Ouija-Brett? Warum dachte sie selbst jetzt zuallererst an ihn?

Die beste Nachricht aber war, dass ausgerechnet sie aus einem Pool von Tausenden Bewerbern das begehrte Hartstone-Stipendium ergattert hatte. Es war der vermutlich größte Erfolg ihres bisherigen Lebens. Sonnet wollte diese Neuigkeit unbedingt jemandem mitteilen. Schnell scrollte sie an Zachs Namen vorbei und stoppte erst, als der Name ihrer Mutter auf dem Display stand. Wie üblich erwischte sie wieder nur die Mailbox. Tagsüber war Nina Bellamy für gewöhnlich so sehr mit der Leitung des Inn am Willow Lake beschäftigt, dass sie keine privaten Anrufe entgegennehmen konnte. Sonnet hinterließ keine Nachricht, denn Nina hörte ihre Mailbox nur selten ab. Sonnet würde es später noch einmal versuchen.

Sie versuchte, Daisy zu erreichen, und zum Glück nahm ihre Freundin gleich nach dem ersten Klingeln ab. „Hey du“, sagte sie. „Wie geht es meiner bösen Stiefschwester?“

„Gut, sehr gut sogar. Um ehrlich zu sein, musst du mich unbedingt davor bewahren, mich lächerlich zu machen, Mrs Air Force Hottie von Oklahoma. Ich stehe gerade mitten im Central Park und bin kurz davor, ein Loblied auf diesen wunderbaren Tag anzustimmen. Halt mich bitte zurück, weil ich dafür eigentlich viel zu cool bin.“

„Du bist New Yorkerin. Du weißt, dass du dafür zu cool bist. Aber es klingt wirklich nach einem guten Tag.“

„Ja, ich würde sogar sagen, es ist der beste.“

„Das klingt toll. Also spuck aus, was ist passiert?“

„Es ist einfach alles perfekt. Ich habe das Stipendium bekommen, Daisy, ich habe es wirklich bekommen! Von allen, die sie hätten nehmen können, ist ihre Wahl ausgerechnet auf mich gefallen.“

„Das ist ja super. Gratuliere! Aber was bedeutet das jetzt abgesehen davon, dass dir Lorbeerkränze zu Füßen gelegt werden? Du weißt schon, dass du den Rest der Familie in einem ziemlich schlechten Licht dastehen lässt, oder?“

„Wohl kaum.“ Sonnet wusste, dass Daisy dies ironisch meinte. Sie war eine talentierte und hochgeschätzte Fotografin, deren Arbeiten sogar schon in einer Sonderausstellung des Museum of Modern Art zu sehen gewesen waren. Daisy selbst hatte die Latte ganz schön hochgehängt. Sonnet war froh, dass sie und ihre Stiefschwester in vollkommen unterschiedlichen Berufen arbeiteten. „Das Stipendium ermöglicht mir, die Leitung für ein Programm zu übernehmen, das hilfsbedürftige Kinder vor Ort unterstützt. Es ist unglaublich, dass ich jetzt wirklich etwas ändern kann. Ich weiß nicht, ob ich hier bei uns im Land oder in Übersee eingesetzt werde, aber es ist mir auch egal. Not gibt es überall auf der Welt.“

„Das klingt wirklich beeindruckend, Sonnet“, sagte Daisy. „Ich habe allerdings nie daran gezweifelt, dass sie sich für dich entscheiden werden. Du bist unglaublich gut in deinem Job. Also wirst du demnächst auf große Reise gehen?“

Trotz der ehrlichen Freude hörte Sonnet einen traurigen Unterton in Daisys Stimme. „Du klingst so seltsam“, erwiderte sie. „Was ist los? Hat Charlie immer noch Probleme in der Schule?“ Daisy hatte einen ganz entzückenden Sohn, der allerdings in diesem Jahr Schwierigkeiten mit dem Lernen hatte.

„Es ist ein laufender Prozess“, antwortete Daisy. „Es fällt mir schwer, zuzusehen, wie er kämpft, aber wir arbeiten daran. Hast du heute schon mit deiner Mutter gesprochen?“

„Ich habe versucht, sie zu erreichen, aber sie geht nicht an ihr Mobiltelefon. Warum fragst du?“

„Ach nichts, du solltest sie wirklich anrufen.“

„Mein Gott, was ist los? Steckt etwa Max wieder in Schwierigkeiten? Daisys jüngerer Bruder war seit jeher eine Herausforderung, wenngleich er inzwischen aufs College ging.

„Es ist nur, ach, ruf sie an, ja?“

„Jetzt rede doch nicht so kryptisch.“

„Hey, die Verbindung wird mit einem Mal ganz schlecht.“

„Du Lügnerin.“

„Tut mir leid. Ich kann dich nicht mehr hören, Sonnet. Außerdem muss ich jetzt nach Charlie sehen. Ciao!“

Die Leitung war tot. Sonnet versuchte ein weiteres Mal, ihre Mutter zu erreichen. Schließlich rief sie im Inn am Willow Lake an, wo man ihr mitteilte, dass Nina nicht im Hause sei. Sonnet blickte frustriert auf ihr Handy. Ganz oben auf ihrer Kontaktliste stand Zach Algers Name. Vor dieser unheilvollen Nacht nach Daisys Hochzeit wäre er einer der Ersten gewesen, den sie jetzt angerufen hätte. Die Nacht jedoch hatte alles geändert. Sonnet würde ihn nie wieder anrufen. Nicht nach diesem wunderbaren, süßen, aber leider ganz unmöglichen Fehler, den sie vor sechs Monaten im Bootshaus begangen hatte.

Stopp. Sonnet wusste, wie falsch es war, etwas Vergangenes zu bereuen. Sie sollte akzeptieren, was gewesen war, und mit erhobenem Kopf in die Zukunft blicken. Die Grübeleien sorgten nur dafür, dass die Nacht in ihrem Gedächtnis lebendig blieb und sich der Schmerz, die Wut und die Reue selbst nach so langer Zeit noch frisch anfühlten.

Sonnet wusste all das selbstverständlich. Sie hatte auf dem College Kurse in Psychologie belegt und gelernt, ihr Herz zu beschützen. Deshalb verstörte es sie umso mehr, dass sie über die Nacht mit Zach nicht hinwegkam.

Sie war vollkommen unzurechnungsfähig gewesen, als sie mit Zach geschlafen hatte. Der Sex mit ihm war umwerfend gewesen, aber sie durfte nicht länger in den Erinnerungen daran schwelgen. Sonnet hatte sich in Zachs Armen unglaublich beschützt und angebetet gefühlt. Es war ein ganz besonderer Moment gewesen. Doch auch diesen musste sie aus ihren Gedanken verbannen. Denn eine Liebesbeziehung zwischen ihnen hatte keine Chance, das wusste Sonnet. Dafür waren ihr ihr Stipendium und ihr Beruf einfach zu wichtig. Sie konnte nicht alles, wofür sie so hart gearbeitet hatte, aufs Spiel setzen, nur weil sich der kleine, schlaksige Zach Alger in einen Meister der Verführung verwandelt hatte.

Vor allem nach dem, was danach passiert war. Die Demütigung, die sie bei dem Gedanken daran empfand, ließ sie noch immer erröten. Nach ihrem verrückten Liebesakt waren sie erschöpft doch seltsam erfüllt auf der weichen Lederbank des Bootes liegen geblieben. „Mein Gott, Sonnet.“

Sie war kaum eloquenter gewesen. „Ich denke, wir sollten besser“, Sonnet hatte gestockt. „Ist noch etwas Champagner übrig?“

Er hatte nach der Flasche gegriffen und dann innegehalten. Im dämmrigen Licht konnte sie sehen, wie er die Stirn runzelte. „Mist, das Ding war ja noch an.“

Sonnet räkelte sich, noch wohlig entspannt. „Was war an? Du meinst doch nicht etwa die Kamera? Oh nein. Du musst es löschen!“

Er lachte. „Entspanne dich, ich bin Profi.“ Er hatte die SD-Karte rausgenommen. „Bei mir ist dein Geheimnis sicher.“

„Du musst es wirklich löschen, Zach. Versprich es mir.“

„Natürlich werde ich es löschen“, sagte er. „Für wen hältst du mich? Warte, ich habe eine bessere Idee.“ Er schnippte die Speicherkarte in den See. Dann drehte er sich wieder zu ihr um. Sonnet erkannte einen sehr erotischen, gut aussehenden Fremden, der einst ihr bester Freund gewesen war. „Wo waren wir stehen geblieben?“

Und dann hatten sie einfach dort weitergemacht, wo sie Minuten zuvor aufgehört hatten. Erst als es langsam dämmerte, hatten sie sich langsam vom Bootshaus weggeschlichen und waren prompt auf Shane Gilmore getroffen. Er leitete die örtliche Bank und war eine bekannte Klatschbase. Shane Gilmore joggte wie jeden Morgen um den See. Als früherer Freund von Nina Bellamy kannte er Sonnet gut. Sein Gesichtsausdruck hatte Bände gesprochen.

Sonnet wurde erneut ganz heiß vor Scham. Schnell legte sie die letzten Meter bis zum Ausgang des Central Park zurück. Nach dem ruhigen, üppigen Grün im Park kam ihr die Fifth Avenue mit den dahineilenden Fußgängern auf den Bürgersteigen vor wie eine andere Welt.

Sonnet fingerte nach dem Schlüssel in ihrer Tasche. Keiner der rastlosen Menschen um sie herum ahnte, was dieser Schlüssel ihr bedeutete. Und warum er eine so große Bedeutung für sie hatte. Trotz der Wärme des Tages fröstelte Sonnet.

Es war ein angenehmes, aufgeregtes Frösteln. Orlando hatte ihr den Schlüssel gegeben, dieses Sinnbild von einem Mann, das nicht nur umwerfend gut aussah, sondern auch mit Blick auf seinen familiären Hintergrund, auf seine Ausbildung, seinen Berufsweg und seinen Stil einfach nur perfekt war. Da ihr Vater sie einander vorgestellt hatte, war Orlando quasi schon mit väterlichem Wohlwollen in ihr Leben getreten. Orlando hatte ihr seine Liebe gestanden.

Das hatte noch kein anderer Mann getan. Es zu hören hatte nicht die Wirkung, die sich Sonnet als Teenager immer vorgestellt hatte. Es war noch besser gewesen. Orlando war erwachsen, er wusste, was er wollte, und er hatte vor, sein Leben mit ihr zu teilen.

Als die Menschenmenge auf dem Bürgersteig vor der Ampel stoppen musste, gab Sonnet dem Mann, der an einem Hauseingang „While My Guitar Gently Weeps“ auf der Ukulele spielte, ein paar Dollar.

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